Internetpolitik2.0: Kauf dir viele virtuelle Freunde

Thomas Barth

Die Union zwischen Freibier und Outsourcing

Früher setzte man Claqueure ins Publikum, dann kam das Soap-Lachen vom Band und nun gibt es eine Branche, die im Web2.0 entsprechende Dienstleistungen anbietet: Friend faker, ein etwas anrüchiges Genre zwischen Stimmungsmache und Schleichwerbung. Bei der CDU, die verzweifelt versucht, den Piraten Jungwähler im Web2.0 abzujagen, wurden nun unerklärbare Sprünge an Twitter-Followern entdeckt.

Betrübt es Sie, dass niemand außer Ihnen selbst Ihr YouTube-Video angucken mag? Die US-Marketingfirma Social Media Combo etwa verspricht Abhilfe: Sie verkauft (angebliche) Aufmerksamkeit, Tausend YouTube-Views kosten 110,99- Dollar; 21,44- Dollar muss man für 500+ likes auf Facebook zahlen, 55,00- Dollar für 300 followers auf Pinterest. Am billigsten bekommt man es auf Twitter:

“What’s the best price on Twitter followers?Our best price is only $9.99 for 1200+ followers on Twitter for starters. If you’re an intermediate entrepreneur you can take 5000 followers on Twitter for a low price of $30.99 & up to 50K followers for $225.99 for your business.”

Die PR-Effekte liegen auf der Hand, viele User folgen der Masse der clicks, views und likes in ihrer Auswahl aus den Myriaden Angeboten des Cyberspace –obwohl man eigentlich weiß, wie Lemminge ihre Massenevents beenden und wohin sich die meisten Fliegen setzen. Ist es gerade für eine Partei die nicht so sehr an kontroversen Debatten, sondern mehr am Erfolg orientiert ist, vielleicht besonders attraktiv sich „Follower“ zu kaufen? Dieses Wort wird ja eigentlich am besten als „Mitläufer“ ins Deutsche übersetzt. Die am ehesten für facebook-tauglich geltende Bundesfamilienministerin Kristina Schröder hatte im Web2.0 schon vehement die CDU-Flagge geschwenkt und gleich eine gemeinsame Initiative mit der Firma Facebook gestartet.

Seehofers CSU-Facebook-Party

Aber nicht einmal das hatte der CDU zu allzu viel Online-Aufmerksamkeit erbracht. Ging CSU-Chef Seehofer bei der Suche nach Freunden im Web2.0 noch den bodenständigen Weg einer Facebook-Party, könnten modernere PR-Profis in der Politik eher auf effizientes Outsourcing gesetzt haben –wie viele Maß Freibier bekommt man schon für 30,99- Dollar? Die Frage, ob die CDU sich Twitter-Follower gekauft hat, brachte das ZDF-Blog Hyperland auf.

Bis zum 26. April war demnach die Mitläufer-Schar im Twitter-Profil der CDU (@cdu_news) nur bedächtig gewachsen. Eine Online-Redaktion der CDU-Bundesgeschäftsstelle pflegt das Konto seit Anfang 2009 und konnte bis dahin an die 20.000 Follower an sich binden. Ärgerlich war vermutlich: Die SPD hatte zu dem Zeitpunkt fast 5.000 virtuelle Mitläufer mehr. Vom 26. bis 29. April fanden jedoch innerhalb von nur drei Tagen plötzlich ca. 5.000 neue Follower Geschmack an dem CDU-Onlinedienst, obwohl nichts Sensationelles passiert war. Nach dem 29. April ging der mühsame Anstieg weiter wie bisher.

Jens Schröder von Hyperland sah sich die neuesten 10.000 Follower der CDU genau an und fand dabei „sehr schnell“ fast genau 5.000 Follower, die ihm nicht zum Rest zu passen schienen.

CDU- Twitterer aus Venezuela

Die CDU- Twitterer (auf @cdu_news) kamen vorher meist aus Deutschland, nun plötzlich auch aus Venezuela, Milwaukee und Indien; die meisten der seltsamen Twitter-Accounts folgen mehr als 1.000 anderen Twitterern, hatten nur drei bis zehn Tweets getwittert und selbst maximal 60 Follower. Auffällig fand Schröder auch die künstlich klingenden Namen der Accounts: @ykKOMIENSIMMIE, @Zaidacx46 oder @eoWebKinzPopxo nannten sich die virtuellen CDU-Mitläufer.

Auch das via Twitter-API öffentlich zugängliche Erstellungsdatum der Accounts schien verdächtig: So wurden z.B. 450 davon im Abstand weniger Minuten am 24. und 25. Januar eröffnet; ca. 500 der 5.000 CDU-Neuzugäng twitterten nur bis zum 15. Dezember 2011, weitere 1.400 bis zum 20. Januar 2012. Die Firma Social Media Combo, recherchierte Schröder, betreibt offenbar auch Seiten wie addtwitter-followers.com und etwa 130 der neuen CDU-Follower folgten @socialmedia04, dem Follower-Account der Online-PR- Firma selbst. Von Hyperland mit den Recherche-Ergebnissen konfrontiert, zeigte sich die CDU überrascht:

“ Die CDU Deutschlands hat zu keinem Zeitpunkt und für keines ihrer Angebote den Kauf von Followern beauftragt oder veranlasst. Bezüglich des ungewöhnlichen Anstiegs der Follower-Zahlen auf @cdu_news im April hat die CDU Twitter mit der Überprüfung und ggf. Löschung der Anmeldungen beauftragt. Die entsprechenden Löschungen sind bereits erfolgt.”

Twitter löschte 5.000 Geister-Accounts

So löschte Twitter die 5.000 Geister-Accounts und ließ uns mit dem Problem zurück, wer verantwortlich für den Aufmerksamkeits-Segen für die Christdemokraten gewesen sein könnte. Schröder fragte sich: „ein übermotivierter Mitarbeiter, ein anonymes Parteimitglied, oder einfach nur jemand, der 31 Dollar übrig hatte“?

Die tollpatschige Web2.0-Farce der Union wurde von der chronisch unterfinanzierten Piratenpartei mit dem wohl nicht wirklich ernstgemeinten Angebot bedacht: „Liebe CDU, wollt ihr euch noch 80.000 Follower dazu kaufen? Dann hättet ihr fast so viele wie wir“.

Ein offenbar erboster CDU-Anhänger, FranzK ‏@Franz_589, hielt dagegen: „Die @Piratenpartei scheint ja damit wirklich Erfahrung mit den Ankauf von followern zu haben cc/ @cdu_news https://pluragraph.de/organisations/ … ‪#piraten“

Mit einem Link, der einen sprunghafte Anstieg von Piraten-Followern am 29.März 2012 zeigt.

Doch die Piratenpartei NRW hatte am 28.März einen realen Schub an Aufmerksamkeit erhalten: Der WDR hatte sie quasi offiziell zur „fast-schon-Landtags-Fraktion“ erklärt:

„Im Vorfeld der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen sendet das WDR Fernsehen „Das Duell“ der beiden Kandidaten für das Amt der Ministerpräsidentin bzw. des Ministerpräsidenten und eine „Runde der Spitzenkandidaten“ der Parteien, die bislang im NRW-Landtag vertreten sind, und der Piratenpartei.“

Erschien auch in

Flaschenpost -Nachrichtenmagazin der Piratenpartei

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