Ethik und Netzkultur

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Wie können wir Wohlstand messen? Welche Werte gelten heute? Im Leben und im Job in Balance? Brauchen wir ein neues Geldsystem? Bringt uns das Elektroauto wirklich weiter? Mehr Kooperation statt Konkurrenz in der Wirtschaft?

Ein Vorschlag für neun aktuelle Werte orientiert sich an  Wissenschaft, den Menschenrechten und an der Tugendethik. Vorschläge für ein umsichtiges Leben und Wirtschaften werden mit Beispielen für Erwerb, Mobilität, Wohnen und der Organisation von Unternehmen illustriert.

Aus dem Kapitel „Tugenden“:

Die Aufklärung und das Projekt der Moderne haben mehr getan als dem Menschen nur zu helfen, ein tugendhafteres Leben zu führen. In gewisser Weise könnte man sagen, sie haben einen neuen, den modernen Menschen, erst entstehen lassen: Einen Menschen, der über für damalige Zeiten ungeheuerliche, für den Erwachsenen von heute aber zumeist völlig selbstverständliche Freiheiten verfügt.

Es geht dabei um Freiheiten sowohl der äusseren wie auch der inneren Lebensführung, Freiheiten des Glaubens, des Fühlens, Denkens und Handelns. Die meisten dieser Freiheiten mussten gegen diverse geistliche und weltliche Obrigkeiten mühsam erkämpft werden. Am Anfang dieses langen, blutigen Kampfes stand die Forderung des Individuums, überhaupt irgendwelche Rechte gegenüber der Obrigkeit zu haben, am Ende stehen unsere heutigen Menschenrechte –als internationale Verträge festgelegt und in den Verfassungen und Rechtssystemen der meisten Länder mehr oder weniger gut verankert.

Unser Begriff der Freiheitsrechte beinhaltet gemäss dem Ideal der Gleichheit, dass jedem Menschen ohne Ansehen der Person die Grundfreiheiten zu gewähren sind. Er beinhaltet jedoch auch die Annahme, dass jeder dafür zunächst in einem Prozess der Entfaltung und Erziehung bestimmte charakterliche Voraussetzungen entwickeln muss. Welche dies genau sind und wie man feststellen kann, ob ein Mensch sie erreicht hat, bleibt jedoch weitgehend unbestimmt.

Gemäss dem Prinzip der Gleichheit werden jedem in einem abgestuften System mit fortschreitendem Alter immer mehr Freiheiten gewährt, wobei der grosse Einschnitt die Volljährigkeit mit 18 ist. Die Freiheiten dürfen jemandem nur dann wieder entzogen werden, wenn er sich ihrer durch Verletzung der Gesetze als unwürdig erweist. Dabei tritt ein differenziertes Bewertungs- und Bestrafungssystem in Aktion, dass eine gerechte Beurteilung sicherstellen soll. Dies geschieht unter dem wachsamen Blick der Öffentlichkeit aller freien Bürger, damit diese die Schutz- und Machtfunktion des Staates über ihre Freiheiten kontrollieren und gegebenenfalls politisch eingreifen können. In seltenen Fällen können Freiheitsrechte ferner eingeschränkt werden, wenn jemandes Geisteszustand nach ärztlichem Urteil ihn zur Gefahr für sich oder andere werden lässt.

Ob jeder mit 18 wirklich schon die nötige moralische Reife für alle damit verbundenen Freiheiten hat, darf natürlich bezweifelt werden. Unfallstatistiken weisen beispielsweise daraufhin, dass jüngere Fahrer eher dazu neigen, am Lenkrad Geschwindigkeitsrausch, Aggression und Geltungsdrang freien Lauf zu lassen. Letztlich spielt neben der rein altersmässigen Reife auch die genossene Erziehung und damit das soziale und kulturelle Umfeld eine grosse Rolle. Generationen von Pädagogen und Psychologen haben sich mit dem Problem befasst und man geht heute von drei Hauptphasen der individuellen Moralentwicklung aus.

Die erste ist die präkonventionelle Ebene, das Niveau des Kleinkindes. Auf diesem Niveau der moralischen Entwicklung steht allein die physische Behaglichkeit im Vordergrund. Dabei entsteht eine wachsende Einsicht in gegenseitig nützlichen Austausch, sobald das Vorhandensein von Bedürfnissen anderer Personen ins kindliche Bewusstsein dringt. Gerechtigkeit wird bereits ein relevanter Begriff, aber nur im Rahmen eines direkten Austausches von Hilfsleistungen und Dingen. Moralisches Denken in „Gut“ und „Böse“ erschöpft sich dabei noch im Ergattern von Belohnungen und im Vermeiden von Strafen. In der Religion steht auf diesem Niveau etwa die schlichte Drohung mit der Hölle und das Versprechen eines Paradieses im Jenseits oder Karma-Provisionen für das nächste Leben. Eine typische moralische Aussage wäre hier: „Das ist verboten!“

Die zweite ist die konventionelle Ebene, das Niveau des gut sozialisierten Kindes und Jugendlichen. Die Anerkennung von Werten dient nicht mehr allein egoistischen Zwecken, die Werte werden vielmehr verinnerlicht. Die Regeln der sozialen Ordnung werden nun befolgt, um soziale Anerkennung zu erhalten, also um Loyalität zu zeigen. Zunächst gilt diese Loyalität vor allem Eltern, Lehrern oder anderen Autoritäten, später vor allem der „peer group“ der Klasse oder Clique. Das Kind versucht, den Erwartungen anderer, dem zugewiesenen Rollenverhalten zu entsprechen. Was Gut und Recht ist, bestimmt die Autorität von Mama, Papa oder Lehrer oder die Mehrheit der peer group, die sich im späteren Leben auf Dorf, Volk, Christenheit oder sonstige Grossgruppe ausweiten kann. Menschen dieser Entwicklungsstufe tun ihr Leben lang, was „man“ eben tut, ohne gross selbst darüber nachzudenken. Abgesehen von gelegentlichen Rückfällen in den Egoismus der ersten Ebene folgen sie Autoritäten, weshalb man auch vom „autoritären Charakter“ spricht. Die Konventionellen sind also sehr leicht manipulierbar und entsprechend beliebt bei der Obrigkeit, vor allem, wenn diese Übles vor hat, etwa im Faschismus. In der Religion steht auf dieser Stufe das brave Einfügen in die Gemeinde, die Rituale und Sitten, auch die Orientierung an idealisierten Vorbildern wie Heiligen, Märtyrern oder Propheten. Eine typische moralische Aussage wäre hier: „Das tut man nicht!“

Zuletzt kann man die dritte, die postkonventionelle Ebene erreichen, das Niveau des voll entfalteten Erwachsenen. Moralische Werte und Prinzipien werden hier aufgrund eigener Einsicht und losgelöst von der Meinung der Autoritäten bzw. der Gruppe entfaltet. Man spricht daher auch von moralischer Autonomie aufgrund moralischer Prinzipien. Man wählt selbst ethische Prinzipien nach denen man dann aufgrund einer persönlichen Verpflichtung handelt, gegebenenfalls auch gegen die Obrigkeit, gegen die herrschende Meinung und gegen die eigene Nahgruppe. Im Grunde sind es allgemein gültige Prinzipien der Gerechtigkeit, der Gleichheit und der Achtung vor der Würde des Menschen, die hier handlungsleitend werden. Die Begründung kann über die Menschenrechte oder andere, etwa religiöse Einsichten erfolgen, sofern sie eigener Reflexion und nicht der Gefolgschaft zur Autorität einer Kirche oder eines Dogmas entspringt. Man spricht auch vom Vernunftstandpunkt der Moral, wobei nicht nur der Kopf sondern auch das Herz die nötige Bildung aufweisen muss. Nur bei wohlwollender Umgebung, sorgender, kluger Erziehung und schliesslich ausreichendem eigenem Willen zur Bildung kann dieses Ziel erreicht werden. In der Religion bedeutet dieses Niveau die ernsthafte Reflexion eigener Glaubens- und Wertvorstellungen, spirituelle Erfahrungen der Transzendenz blosser individueller Glücksgefühle und Gefühle der Nächstenliebe. Eine typische moralische Aussage wäre hier: „Das ist unmenschlich und unmoralisch, weil…“

Das Rebellieren gegen vorgegebene Konventionen ist Teil unserer Kultur spätestens seit der Aufklärung. Die meisten Jugendlichen vollziehen dies in ihrer Entwicklung nach, wobei die Versuchung gross ist, zunächst einmal eigene Bedürfnisse an die erste Stelle zu setzen, wie das Kleinkind vor der Internalisierung der elterlichen Normen. Die Entwicklung der Erkenntnis, dass Freiheit nicht nur Freiheit von äusseren Regeln, sondern auch von ungezügelten inneren Leidenschaften ist, kostet Eltern und Lehrer meist eine Menge Geduld und Nerven. Die Regeln und Denkweisen in Familie und Gesellschaft geraten so unter ständigen Druck nachwachsender Generationen, müssen sich rechtfertigen und weiterentwickeln. Vielleicht liegt hier ein Grund für die grössere Dynamik im geistigen, sozialen und wissenschaftlich-technischen Bereich, die der Westen seit der Aufklärung entfaltete.

Die Freiheit des Einzelnen als grossen Wert in den Mittelpunkt zu rücken, bedeutet, ihn von äusseren Zwängen zu befreien. „Freiheitsberaubung“ ist heute im Strafgesetzbuch (neben Entführung, Geiselnahme etc.) eine „Straftat gegen die persönliche Freiheit“, die durch freiheitseinschränkende Mittel der List, Drohung oder Gewalt begangen werden kann. Früher galt es als das gute Recht der Obrigkeit, ihren Untertanen die herrschenden Regeln einzuprügeln, aufzuzwingen oder listig aufzuschwatzen. Im weitesten Sinne bedeutet Erziehung heute auch, den Heranwachsenden gegen derartige Manipulationen zu immunisieren.

In einer Umgebung, die den mündigen Erwachsenen im Sinne eines selbstständig moralisch Urteilenden als Idealbild hat, neigen natürlich auch konventionelle Charaktere dazu, sich so zu definieren. Die rollenhafte Übernahme entsprechender Haltungen ist sogar zunächst der erste Schritt zu ihrer Integration in die Persönlichkeit auf postkonventioneller Ebene. Selbst präkonventionelle Charaktere versuchen zuweilen, sich nach aussen so darzustellen als folgten sie einer konventionellen oder sogar mündigen Moral, wenn ihnen dies Vorteile verspricht. Der postkonventionelle Charakter wird aber moralisches Verhalten auch zeigen, wenn er keinen Vorteil davon erwarten oder sogar Nachteile dafür befürchten muss. Und er wird seinen selbst gewonnenen Moralurteilen auch dann folgen, wenn sie nicht mit dem übereinstimmen, was „man tun sollte“. Menschen in Umbruchsituationen sortieren mitunter ihre Werte gerne neu und reifen mit ihren kleinen und grossen Krisen.

Ein Rückfall auf niedrigere Ebenen ist natürlich sehr leicht möglich und kommt bei den meisten Menschen gelegentlich vor, sofern sie keine Heiligen sind. Der konventionelle Typ empfindet dabei Schuldgefühle, wenn er mit Gesetzen und Normen seiner Umgebung in Konflikt gerät, der Postkonventionelle, wenn er seinen selbst gewonnenen Moralurteilen nicht genügt. Für Präkonventionelle besteht das Problem nur darin, einer Bestrafung zu entgehen. Sie bleiben in moralischer Hinsicht Kinder, die jedoch mit den physischen und oft auch geistigen Fähigkeiten von Erwachsenen gefährliche, sozialschädliche Aktivitäten entfalten. Extrem präkonventionelle Erwachsene, denen jede Einsicht in soziale Verantwortung und selbst jedes Mitgefühl für andere fehlt, bezeichnet man als Psychopathen. In wettbewerbs- und konkurrenzorientierten Umgebungen gelangen sie oft an die Spitze der Machtpyramide. Teils gelingt ihnen dies, weil sie unlautere bis kriminelle Mittel einsetzen, teils weil sie anderen Hilfe verweigern, überhaupt Liebes- und Freundschaftsbeziehungen vermeiden –es sei denn, diese sind karriereförderlich. Die moderne Wirtschaftspsychologie fand beispielsweise unter Top-Managern weit überdurchschnittlich starke Tendenzen zur Psychopathie.

Präkonventionelle Charaktere, denen es gelungen ist mit einigen Untaten davonzukommen, neigen gelegentlich dazu, auf alle anderen herabzublicken. Sie können sich nicht vorstellen, dass viele der von ihnen gern als „Gutmenschen“ verhöhnten anderen nicht moralisch handeln, um als „gute Menschen“ dazustehen, sondern aus Einsicht und Mitgefühl. Für Präkonventionelle zählt nur, „dass man sich nicht erwischen lässt“. Um sie von schlimmeren sozialschädlichen Untaten abzuhalten brauchen wir Gesetze und eine Justiz, die sie wirksam durchsetzt. Gesetze markieren also das „ethische Existenzminimum“ der Gesellschaft. Wo dieses liegt, wie und wer seine Einhaltung überwachen und wessen Freiheiten man dafür einschränken darf, ist politisch höchst umstritten. (…)
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Die DGPuK-Fachgruppe Kommunikations- und Medienethik und das Netzwerk Medienethik laden Interessierte aus Wissenschaft und Praxis mit einem Call for Papers herzlich ein, sich an unserer Jahrestagung (Do 14. – Fr 15. Februar 2013 in München) zu beteiligen.

Thema der Tagung: „Neuvermessung der Medienethik. Bilanz, Themen und Herausforderungen seit 2000“.

Die Entwicklungen in den und durch die Medien stellt auch die Kommunikations- und Medienethik immer wieder vor neue Fragen und Herausforderungen. Viele der Zugänge scheinen angesichts des ständigen Medienwandels und des damit verbundenen verbundenen strukturellen, kulturellen und gesellschaftlichen Wandels nicht mehr zeitgemäß. Gleichzeitig wächst ein medienethischer Orientierungsbedarf. Denn die Grenzen zwischen individueller und massenmedialer Kommunikation verschieben sich,  die Grenzen traditioneller Rollen von Sender und Empfänger lösen sich auf, hinzu kommen die wachsende Mobilität der Produktion und Nutzung medialer Angebote, die zunehmende Globalität und Schnelligkeit medialer Kommunikation und ihres Einzugs in die private, schulische und Arbeitswelt.

Thematisch nimmt die Jahrestagung 2013 daher kommunikations- und medienethische Themen und Zugänge mit dem Ziel einer „Neuvermessung“ der Medienethik in den Fokus. Dieser Zugriff betrifft eine Vielzahl von Themenstellungen:

  • Welche neuen Forschungsfragen legt die Medienentwicklung der 2000er Jahre nahe?
  • Welche Leistungen lassen sich nennen, wenn man eine Bilanz der Medienethik seit Ende der 1990er Jahre zieht?
  • Wie müss­ten diese weiter entwickelt werden? Welche Begriffs- und Theoriebildungen werden in der Folge nötig und wie könnte eine effiziente Medienregulierung aussehen?
  • Welche internationalen und globalen Aspekte gilt es zu berücksichtigen?
  • Welcher Methoden bedarf eine zeitgemäße Kommunikations- und Medienethik in theoretisch-normativer, meta-ethischer und in anwendungsorientierter Ausrichtung?
  • Wie wirkt sich dies auf die Ausbildung und Professionalisierung von Medienschaffenden, aber auch auf die Vermittlung von Medienkompetenz und Medienbildung aus?
  • Und was wäre unter einer medienethischen Kompetenz zu verstehen?

Den ausführlichen Call for Papers mit weiteren Informationen erhalten sie hier. Die Veranstalter freuen sich auf Ihre Beitragsvorschläge (Einreichungsfrist: 15. Oktober 2012).

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Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft
Der Bundestag hat in einer Kernzeitdebatte über den Zwischenbericht der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ beraten. Schwerpunkte waren die bereits abgeschlossenen Projektgruppen Medienkompetenz, Datenschutz/ Persönlichkeitsrechte, Netzneutralität und Urheberrecht.
padeluun ist einer der Vorsitzenden des Datenschutzvereins foebud, Mitarbeiter im Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung und einer der Organisatoren, bzw. Jurymitglied der deutschen Big Brother Awards. padeluun beschäftigte sich mit der Weiterentwicklung einer Software für das Z-Netz und das CL-Netz, zwei der in den 1990er Jahren in Deutschland bedeutendstenMailbox-Netze. Der foebud betrieb selbst die Mailbox BIONIC als einen der Knotenpunkte des Z-Netzes. open-enquete

Netzwelt-Interview mit Padeluun vom Big-Brother-Award-Veranstalter FoeBuD e.V. zu RFID-Schnüffelchips

In Netzwelt-Artikeln ist immer wieder die Rede vom FoeBuD e.V., besonders dann, wenn es um Datenschutz und RFID geht. Doch wer sind die Veranstalter des deutschen Big-Brother-Awards? Wir befragten Padeluun, Gründungsmitglied des FoeBuD e.V. nach dem Verein und den Gründen für das Engagement gegen RFID. Leider war Padeluun sehr in Eile und hielt sich deshalb bei der Beantwortung einiger Fragen sehr zurück.

Was bedeutet eigentlich FoeBuD?

Padeluun: „FoeBuD ist die Abkürzung für ‚Verein zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs‘ und ist ein eingetragener Verein.“

Wann und wo wurde der FoeBuD e.V. gegründet und wie kam die Idee zu dem Verein?

Padeluun verwies uns bei diesen Fragen auf die Website des FoeBuD e.V.: Die frühesten Wurzeln des FoeBuD e.V. gehen bis ins Jahr 1985 zurück und haben ihren Ursprung in einer Kunstgalerie. Bei Art d’Ameublement in Bielefeld wurde 1985 das erste Mal ein Computerclub als Kunstwerk ausgestellt.   mehr

Brasilien: Widerstand gegen
Belo-Monte-Kraftwerk geht weiter

Indigene und Umweltschützer gegen gigantisches Stausee-Projekt am Xingu

Thomas Barth, 10.Mai 2012

Brasilien bleibt auch unter der Hoffnungsträgerin Dilma Rousseff bei einem problematischen Großprojekt: Das Wasserkraftwerk Belo Monte  ist das drittgrößte weltweit –nach dem Drei-Schluchten-Staudamm in China und dem binationalen Itaipu-Werk an der Grenze Brasiliens zu Paraguay. Am Rio Xingu (sprich: Tschingu), einem großen Nebenfluss des Amazonas, wird seit den 80ern, der Zeit der Militärdiktatur, gegen eine Kultur- und Naturvernichtung gigantischen Ausmaßes gekämpft. In Gefahr sind einzigartige indigene Völker (bis zu 50.000 Menschen) und ein unvergleichliches Biotop, dennAmazonien beherbergt bis zu einem Drittel der Tier- und Pflanzenarten weltweit.

Brasilien verfolgt weiter die Strategie, den massiven Ausbau der Wasserkraft zu einem Motor der Industrialisierung zu machen. Doch Kritiker weisen daraufhin, dass die Menschenrechte der Indigenen verletzt werden, dass womöglich ein Ethnozid durch Krankheiten und Abschiebung in Slums droht, dass Naturschätze unwiederbringlich vernichtet werden. Im letzten Jahr konnten Kläger das Bauprojekt trotz Genehmigung durch diebrasilianische Umweltbehörde  stoppen, doch nur für drei Monate. Bundesrichter Carlos Eduardo Castro Martins sah keine juristischen Gründe, die Arbeiten am drittgrößten Wasserkraftwerk der Welt im Bundesstaat Para weiter zu verzögern. Trotz anhaltender Proteste auch vonprominenten Künstlern wieRegisseur James Cameron, Rocksänger Sting und Alien-Jägerin Sigourney Weaver wurden Blockaden der „Transamazonica“-Überlandstraße von der Polizei geräumt.

Aktuell erreicht ein neuer Dokumentarfilm von Martin Keßler die deutsche Öffentlichkeit: „Count – Down am Xingu II“ (61 min), offiziellePremiere ist am 9.5.2012 im Berliner Kino Babylon. Keßler bereiste erneut Brasilien und führte zahlreiche Interviews, dokumentiert in eindringlichen Bildern Naturzerstörung und Widerstand. Die Kamera geht nahe an die Menschen heran, fängt ihre Emotionen ein, zeigt die indigene Kultur der Arara, einem Fischervolk am Xingu, ohne sich in farbiger Folklore zu ergehen. Vielmehr beherrschen Bilder vom Widerstand den Film: Demonstrationen, Aktionen gegen die Bulldozer des Energiekonsortiums, politische Debatten.

Zu Wort kommt vor allem der Bischof von Altamira, Dom Erwin Kräutler, der vor Ort Widerstand leistet und 2009 den alternativen Nobelpreis für seinen Einsatz im Dienste der Indigenen und der Natur Brasilien erhielt. Kräutler hält derzeit Vorträge in seiner Heimat Vorarlberg   (Österreich) und beklagt im Film die Wortbrüchigkeit der Betreiberfirma Norte Energia bzw. des Konzerns Eletronorte/Eletrobras, die sich ihrerseits über die Aggressivität der Indigenen beschweren  andererseits auf ihren Respekt für indigene Gemeinschaften hinweisen.

Bischof Kräutler hält dagegen, dass es Norte Energia gelungen sei, die Opfer der Umsiedlungen zu entzweien, in dem einige mit (relativ bescheidenen) Abfindungen und fragwürdigen Versprechungen geködert wurden. Regierung und Konzerne verschanzten sich hinter einer Mauer des Schweigens und der Desinformation. Kräutlers Einsatz ist es vermutlich zu verdanken, dass der europäische Widerstand gegen Belo Monte bislang hauptsächlich in Österreich stattfindet, aber das soll sich nun ändern. Denn es sind auch maßgeblich deutsche Firmen mit ihren Interessen vertreten: Siemens, Voith Hydro und Mercedes werden genannt.  Die Lügen der Regierung werden angeklagt, das Kraftwerk wäre nötig für Elektrizität, die das brasilianische Volk dringend brauche –in Wahrheit würde mit dem billigen Strom Aluminium hergestellt. Ein Werbespot von Mercedes verdeutlicht, worum es wirklich gehen könnte: Schnellere Luxuskarossen dank „full aluminium body“. Die Aussage ist klar: Menschenrechte und Naturschätze stehen hier gegen den Komfort von ein paar Privilegierten.

In Keßlers Doku kommen viele Aktivisten und Indigene zu Wort, die sich nicht mit Abfindungen begnügen wollen, wie die junge Sheila Juruna Machado,  die vor allem ihrer Enttäuschung über die Justiz Luft macht: Sie glaube nicht mehr an die Gerechtigkeit in Brasilien. Im Interview mit dem etwas betreten wirkenden Staatsanwalt von Altamira, Claudio Terrdo Anaral, wird die einseitige Rechtsprechung deutlich. Auch Bischof Kräutler beklagt Gefälligkeitsurteile zugunsten der Wirtschaftsinteressen, Prozessverschleppung und Rechtsbeugung zur zügigen Fortführung des Bauprojekts. Gezeigt werden Bäuerinnen, Fischer, Bootsbauer, Dorfbewohner vor der Kulisse ihrer zerstörten Häuser. Dem Argument, es würden bei diesen gewaltigen Erdarbeiten, die jene beim Bau des Panamakanals übersteigen, 100.000 Arbeitsplätze geschaffen, begegnet der Film mit der Dokumentation schlechter Arbeitsbedingungen.

Im Fazit handelt es sich um ein von der Regierung in Brasilia geduldetes und gefördertes Wirtschaftsverbrechen, weshalb   die Doku Fördermittel unter anderem vom Verein „Business Crime Control“ BCC (einer nicht-unternehmensnahen Alternative zu „Transparency International“) erhielt. Der Film schließt mit dem Statement, der Filmemacher fühle sich im nachhinein wie ein Kriegsberichterstatter –eines Krieges der Wirtschaft gegen die Umwelt und die Menschen.

Thomas Barth ist als Diplom-Kriminologe Mitglied von BCC und (Mit-) Autor der Bücher

Finanzkrise, Medienmacht und Corporate Governance: Korruptionsbekämpfung in der Europäischen Union. Kriminologische, gesellschaftsrechtliche und ethische Perspektiven (2009)

Privatisierung und Korruption: Zur Kriminologie von Globalisierung, Neoliberalismus und Finanzkrise (Altvater u.a., 2010)

publiziert in Berliner Gazette unter dem Titel:

Kampf um das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt

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