Wolfgang Bittner: „Die Eroberung Europas durch die USA: Zur Krise in der Ukraine“

Buchkritik von Thomas Barth
Wolfgang Bittner begleitet die (west-) deutsche Zeitgeschichte seit

Wolfgang Bittner

den 1970er Jahren mit politischen Romanen und Sachbüchern. In seinem neuen Buch „Die Eroberung Europas durch die USA“ geht es um die Ukraine-Krise und die verzerrende Berichterstattung in deutschen Medien. Die Schuld am Ukraine-Konflikt wurde von vielen Medien ausschließlich Russland, namentlich Wladimir Putin zugeschrieben. Für Bittner stellt sich die Frage, was mit dieser Propaganda und der ihr folgenden Militarisierung Westeuropas bezweckt wird. Im Hintergrund sieht Bittner US-Strategien der heimlichen Destabilisierung der Ukraine, nebst wirtschaftlicher Okkupation der Alten Welt.

Im Buch wird die Konfrontation „des Westens“ mit Russland im ukrainischen Bürgerkrieg anhand zahlreicher Belege akribisch dokumentiert. Dabei wird nachgewiesen, dass die Aggression keineswegs, wie nahezu täglich in Westmedien behauptet, von Russland ausging. Vielmehr erweisen sich die USA als heimlicher Aggressor eines Konfliktes, der durch bis heute immer weiter verschärfte Wirtschaftssanktionen angeheizt wird. Nach mehr als zwei Jahrzehnten friedlicher Nachbarschaft und wirtschaftlicher Kooperation durchzieht Europa inzwischen wieder ein Eiserner Vorhang –als lachender Dritter fühlen sich Obamas USA.
Während Putin in unseren Medien dämonisiert wird, stellt man Obama als nahezu unparteiischen Staatsmann im Ukraine-Konflikt dar: Bittner dreht diese Dramaturgie um. Sein Buch zitiert Reden Putins und dokumentiert im Anhang sogar in voller Länge seine Kreml-Rede zum Beitritt der Krim zur Russischen Föderation am 18. März. Die Rolle der USA in der Ukraine bezeugt Obamas EU-Beauftragte, Victoria Nuland: Ihr abgehörtes Telefonat mit dem US-Botschafter in Kiew belegt die heimlichen US-Einmischungen in der Ukraine; unsere Medien skandalisierten aber nur das belanglose „Fuck the EU“-Zitat –ein Ablenkungsmanöver. Laut Nuland haben die USA mehr als fünf Milliarden Dollar in den „Regime Change“ in der Ukraine investiert und Washington plante bereits für die Zeit nach dem Staatsstreich seinen Günstling Jazenjuk als Ministerpräsidenten ein. Jazenjuks Stiftung „Open Ukraine“ pflegt intensive Beziehungen zu US-Regierung und Nato und wird vom Westen gesponsert. Auch die US-Unterstützung für Rechtsextremisten sieht Bittner als belegt: So bekam der Chef der rechtsextremen Swoboda-Partei, Oleg Tjagnibok, Zusicherungen des ultrakonservativen US-Senators John McCain, den die Republikaner immerhin als Präsidentschaftskandidaten ins Rennen gegen Obama geschickt hatten. Jazenjuks Kooperation mit den militanten Rechtsextremisten wurde von westlichen Medien kaum problematisiert.
Bittner deutet die Absichten der USA dahingehend, Putin solle diskreditiert, Russland auf der globalen Bühne als Akteur ausgeschaltet und seine Bedeutung für Westeuropa als Handelspartner wie als Energie- und Rohstofflieferant minimiert werden. Dies würde Europa gegenüber Amerika schwächen und es zugleich enger an die USA binden. Die von USA und NATO betriebene Erhöhung der Militärausgaben wäre ein Segen für den Rüstungssektor und eine Militarisierung der westlichen Außenpolitik würde die Dominanz der globalen Militärmacht Nr.1. weiter stärken: Der USA.
Bittner beruft sich auf die Verständnis für Russland anmahnenden Politiker Helmut Schmidt, Egon Bahr und auch von Jack Matlock, der die USA als Botschafter in Moskau vertrat. Der US-Historiker Matlock wies darauf hin, dass der Umsturz in Kiew Leute an die Macht gebracht hat, die vehement antirussisch sind und so weit rechts stehen, dass man sie „ohne Übertreibung Neonazis nennen kann“. In deutschen Medien fand dies kaum Beachtung, man übte sich in angepasster Hofberichterstattung und diffamierte die sogenannten „Putin-Versteher“ als naiv.
Als konservativen Zeugen seiner Analyse zieht Bittner ferner Willy Wimmer (CDU) heran. Wimmer war Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium und OSZE-Vizepräsident und gilt als einer der wenigen unabhängigen Denker in seiner Partei. Beim TTIP sprach er von einer Art „friendly occupation“ Europas durch die USA. Bittner zitiert ihn mit der Aussage: „Washington schmeißt Russland aus Europa hinaus und bekommt Westeuropa unter Komplett-Kontrolle.“
Bittner legt hier ein wichtiges Buch mit detaillierten Hintergrundinformationen und chronologischer Dokumentation der komplexen Ereignisse vor, das derzeit schon seine 3.Auflage in kurzer Zeit erlebt. Eine überzeugende Analyse in klarer Sprache und ein unverzichtbares Ostergeschenk für alle, die bislang noch unkritisch der ARD-Tagesschau als Gipfel objektiver Berichterstattung huldigen.
Thomas Barth
Wolfgang Bittner: „Die Eroberung Europas durch die USA: Zur Krise in der Ukraine“, VAT Verlag André Thiele, Mainz 2014, 148 Seiten, 12.90 Euro.

Wolfgang Bittner, Schriftsteller und Träger des Kölner Karls-Preises für engagierte Literatur und Politik von 2010, machte jüngst durch engagierte Statements gegen einseitige Berichterstattung über Ukrainekrise, Russland und Putin in Rundfunk und Presse auf sich aufmerksam. Der promovierte Jurist saß 1996-98 selbst im WDR-Rundfunkrat und hat seine Kritik im besprochenen Werk in Buchform vorgelegt. Kurzbiographie: Dr. jur. Wolfgang Bittner wurde 1941 in Gleiwitz (heute Gliwice/Polen) geboren, wuchs in Ostfriesland auf und lebt als Maler, Bildhauer und freier Schriftsteller in Göttingen. Der vielseitige Autor publizierte Lyrik, Erzählungen, Satiren und Romane (zuletzt „Hellers allmähliche Heimkehr“) sowie Jugend-, Kinder- und Sachbücher, erhielt u.a. 2010 den Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik, schrieb u.a. für Die Zeit, FR, NZZ, WDR, DLF und gehörte als Vertreter des Schriftstellerverbandes von 1996-98 dem Rundfunkrat des WDR an. Gastprofessuren und Lehrtätigkeit im In- und Ausland runden die Biographie des literarischen Intellektuellen und politischen Schriftstellers ab. Weitere Informationen: www.wolfgangbittner.de

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Tod den Hippies! Es lebe der Punk!!

Filmkritik von Thomas Barth für filmverliebt.de

Deftiger Autorenfilm von Oskar Roehler: Eine klamaukafkaeske Ekelsex-Ödipusdramödie; die grelle Welt von Sex, Drogen und Paranoia im Westberlin der 80er Jahre, selbsttherapeutische Abrechnung eines schrillen Zeitgenossen mit Schulzeit, Eltern und Ödipuskomplex. Kein politischer Bildungsfilm.

Robert (Tom Schilling), ist Roehlers 18-jähriges Alter Ego aus seinem autobiographischen Roman „Herkunft“ (2011), der in „Die Quellen des Lebens“ eine erste schrille Verfilmung erlebte. „Tod den Hippies“ geht mit surrealen Flashlights sparsamer um. Robert erlebt seine Schulzeit als eine Hölle der Hippies. Hassfigur ist der Politik-und-Sozialkunde-Lehrer, der, von den hübschesten Schülerinnen angehimmelt, marxistische Parolen abfragt und dabei eitel seine Hippiemähne zurückwirft. Im Lehrerzimmer und auf den Gängen des Gymnasiums sitzt das Kollegium im Schneidersitz meditierend mit kreisenden Joints und zelebriert ein nie endendes Woodstock für Oberstudienräte. So weit, so surreal.

“Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!”: Kritik zum deftigen Autorenfilm von Oskar Roehler
Roberts (Tom Schillig, links) erste eigene Bude in Westberlin

Roberts einziger Kumpel heißt Gries. Er ist ein schwuler Nazi, der es noch viel schlechter hat als der Jungpunker, denn er ist hässlich, dumm, brutal und laut. Nur sein deutscher Schäferhund liebt ihn und umgekehrt. Gemeinsam ist den beiden Außenseitern, dem Punk und dem Nazi, vor allem ihr Hass auf Hippies, Motti: „Scheiß-Hippies, verdammtes Gesockse“ und „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“

Die Masse der Schüler sind treudoofe 68er-Mitläufer und basteln Schilder für Demos, die unter Führung der bekifften Pädagogen stattfinden. Roberts Schülerliebe ist ein ähnlicher Alptraum, seine altkluge Freundin plant schon jetzt Studium und Karriere bis zur Pensionierung. Sie will, dass beide wegen der finanziellen Sicherheit „auf Lehramt machen“ und flippt aus als Robert sich einen Irokesen schneidet. Damit treibt sie ihn endgültig in die Flucht, denn Robert will kein Kuscheln im Plüschpullover mehr, sondern Latex, High Heels und pralle Möpse.

Auch Gries, der in der Schule zwar von alten Nazi-Verbindungen seines Vaters zum Rektor zehrt, bekommt Schwierigkeiten: Er kann nur schwer geheim halten, schwul zu sein –denn betrunken grölt er immer “Arschficken für alle” und nüchtern ist er selten. Probleme bekommen Gries und Robert auch wegen der Schülerstreiche der beiden, gegen die derbste „Fuck you, Goethe“-Szenen wie „Lindenstraße“ wirken. Anschlagziel wird gut ödipal natürlich der eitle Oberlehrer-Hippie, eine weitere Vaterfigur. Am Ende kratzt Robert die Kurve, bricht die Schule ab und flüchtet aus seiner spießigen Schülerliebe , aber vor allem aus dem Flower-Power-Schulhorror, während hinter ihm ein paar schwerbewaffnete Übeltäter seine Gewaltphantasien als zünftiges Schulmassaker in Szene setzen.

Westberlin – Berlin (West)

So macht sich Robert auf nach Westberlin, Fluchtziel für viele 18jährige, nach denen damals das Kreiswehrersatzamt greifen wollte: In Berlin (West) gab es keine Wehrpflicht, ein guter Tipp, wenn man weder Neigungen zu Bundeswehr noch zum Zivildienst (womöglich alten Leuten den Hintern putzen) verspürte. Doch er kommt vom Regen in die Traufe, denn die schöne neue Welt von Sex, Drogen und Punkmusik gibt es nicht umsonst für den jung-nihilistischen Poeten („Ich schreibe vom Tod“). Tagsüber schrubbt er die Kabinen einer Peep-Show, fühlt sich aber zu Höherem berufen (“Die wichsen hier wie die Weltmeister, Mann, ich komm kaum nach. Das ist nix für mich, ich bin Künstler, Mann.”), später muss er sogar Kotbeutel von Pflegeheimpatienten entleeren, die Senoiren verfolgen ihn als Zombies in seine Träume –Roehler spart nicht mit Ekelszenen.

Roberts Eltern werden ebenfalls eklig dargestellt, besonders die Mutter deftig und prall verkörpert von Hannelore Hoger („Bella Block“). Sie will Robert zum Mord am Erbonkel überreden, während sein Vater (Samuel Finzi) als düsterer Lektor, Verleger und Kassenwart der RAF (Rote Armee Fraktion) auf 200.000 DM Restbeute sitzt und den Sohn mal drohend, mal kumpelhaft mit seinen kruden Moralvorstellungen traktiert: „Der Mann sollte beim Sex immer oben liegen, klassische Missionarsstellung. Du allerdings wurdest von hinten gezeugt.“

Trotzdem genießt Robert die Freiheit in der anarchisch-punkigen Subkultur und verbringt die Nächte in der Kreuzberger Bar “Risiko”, wo Ikonen wie Blixa Bargeld („Einstürzende Neubauten“) oder Nick Cave herumhängen. Wodka wird in Biergläsern ausgeschenkt, Koks und Punkmusik dürfen nie fehlen. Obwohl Sozialhilfe beim Amt abholen leichter ist als Brötchenkaufen („Außenbahnzuschußpauschale, Vergütungsmittelpauschale, da kriegen Sie 1475 Mark. Wenn sie mehr brauchen, können Sie morgen wieder kommen.”), wischt Robert weiter Sperma. Doch in seiner Peepshow holt Robert auch das Essen für die Models und verliebt sich in eine „Sweinebraten“-liebende Stripperin aus New York, sie gestehen sich gegenseitig den Hass auf ihre Eltern.

Oskar Roehler, der selbst 1981 im geteilten Berlin landete, greift auf eigene Erinnerungen zurück und entwirft ein grotesk-obszönes Bild vom West-Berlin der frühen 80er, das als glamouröses Schaufenster des Westens inmitten der realsozialistischen DDR lag: Eine Insel von Luxus, Exzess und Ekstase, aus der heraus nackte Mädchen mit ihren entblößten Brüsten Ostberliner DDR-Grenzern zuwinkten. Seine Darstellung der Anarchoszene zeigt trashige junge Leute, die jede Sinnsuche aufgegeben haben. Punk als Nihilismus, der in anarchischem Hedonismus, in schneller Lust mit Sex und Drogen schwelgt. Verkannte Künstler wie Robert und gebrochene Figuren wie Gries passen perfekt in diese Kulisse.

Oskar Roehler zum Thema „schwule Nazis“: „Ich liebe diese brachialen, ungeschliffenen Typen. Sie bringen Chaos in die Sache, weil ihre Ausrichtung politisch, gefühlstechnisch und sexuell unausgegoren ist. Das sind meine liebsten Nebenfiguren. Dieser Gries weiß ja im Grunde überhaupt nichts genau.“

Oskar Roehlers Eltern waren ein glückloses Schriftstellerpaar der Generation 68: Gisela Elsner und Klaus Roehler waren literarischen Hoffnungen in Westdeutschland. Die Auseinandersetzung mit seinen Eltern scheint das beherrschende Thema für Oskar Roehler zu bleiben. Schon der Film „Die Unberührbare“ setzt sich mit seiner psychisch labilen Mutter auseinander (eindringlich gespielt von der nicht verwandten Hannelore Elsner, die eigentlich Elstner heißt), die sich 1992 das Leben nahm. Damals kam sie noch vergleichsweise gut weg, im neuen Werk wird sie zu einem Muttermonster dämonisiert. In Roehlers Film „Der alte Affe Angst“ ging es dagegen um eine Vaterfigur, und auch „Die Quellen des Lebens“ arbeiten sich an der Lebensgeschichte Roehlers ab, nebst Schatten der Nazi-Zeit, geistiger Wohlstandsverwahrlosung der Oberschicht und der epidemischen Verbreitung von Gartenzwergen in deutschen Vor- und Kleingärten. Jetzt kämpft sich Oskar Roehler in „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ durch einen weiteren Teil seiner Biographie, bekennt sich zu Punk, Sex und Drogen.