Rezension Die Vorkämpfer: Krisenreporter & Wikileaks als „parajournalistische“ Konkurrenz

Die Vorkämpfer -Rezension von Thomas Barth

Stephan Weichert, Leif Kramp: Die Vorkämpfer. Wie Journalisten über die Welt im Ausnahmezustand berichten Köln: Halem 2011, 256 S., ISBN 978-3-869620-367, € 22,-

„Machen Sie deutlich darauf aufmerksam, dass Sie ein Journalist sind (tragen Sie keine Kleidung im Military-Look) und zeigen Sie deutlich ihre Ausrüstung, sodass man Sie nicht mit einem Kriegsteilnehmer verwechselt […] Stellen Sie sich tot, falls Sie verwundet werden.“ Mit diesem auf die martialische Thematik einstimmenden Zitat aus dem „Handbook for Journalists“ von Reporter ohne Grenzen und der UNESCO, beginnt das Vorwort des Autorenduos Weichert/Kramp. Der so zitierte sch- male orangefarbene „Notizblock“ sei der „Internationale Survival-Guide für Krisenjournalisten“, klärt das Vorwort auf (S.9), und nennt damit das zentrale Stichwort, das dem Buchtitel fehlt: Es geht um Krisenjournalismus. Stephan Weichert, Grimme-Preis-Juror und Vorstandsmitglied im Netzwerk Recherche, ist Professor der Macro-media Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg, wo Leif Kramp als Mitarbeiter tätig ist – was wohl die nichtalphabetische Reihen- folge der Autorennamen auf dem Buchdeckel erklärt. Die im Buch dokumentierte Studie wurde finanziert vom besagten Netzwerk Recherche sowie der Otto-Brenner-, der Rudolf-Augstein- und der Medienstiftung Hamburg. Anhand von 17 Intensiv-Interviews mit „führenden Auslandsreportern aller Medien“ (so der Klappentext) u.a. Carolin Emcke, Christoph M. Fröder, Matthias Gebauer, Susanne Koelbl, Antonia Rados, Elmar Theveßen, Ulrich Tilgner,  wird untersucht, wie sich die Arbeit von Krisenjournalisten in den letzten Jahren verändert hat. Gefragt wurde, inwiefern Reporter Strategien entwickeln, um kulturelle wie soziale Barrieren zu überwinden, in Gefahrensituationen zu improvisieren und Traumata zu verkraften, also mit ihren eigenen Ängsten, Schwächen und Unsicherheiten umzugehen. Thematisiert wurde auch, von welchen Motiven bzw. Trends sie sich bei ihrer Tätigkeit leiten lassen und wie die Zusammenarbeit mit Kollegen, Redaktionen sowie offiziellen Stellen (u.a. Auswärtiges Amt, BND, fremde Geheimdienste, Krisenstäbe) abläuft. Ziel war die Gewinnung praxisbezogener Hinweise, ob und wie die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Krisenreporter optimiert und wie handwerkliche Defizite in der Kriegs- und Krisenkommunikation verringert werden können. Diskutiert wird etwa, ob es in Redaktionen verbindliche Richtlinien und Ethikkodizes für Krisenfälle geben sollte, und was für den Umgang mit Terroristen, etwa bei Geiselnahmen, bei der Berichterstattung zu empfehlen ist. Eingangs mahnt die Studie zwar, dass „die beinahe sinistre Ambivalenz dieses journalistischen Arbeitsschwerpunktes, der öffentlich allzu häufig mystifiziert und mit modernem Heldentum gleichgesetzt wird, in der Realität aber kaum Spielräume für Selbstlob oder Abenteuerlust lässt“ (S.10), spart andererseits einleitend nicht mit Ehrung des Krisenjournalisten und einer dramatischen Schilderung seiner bedeutsamen Rolle: Gerade in Krisenzeiten beweise der Journalismus seine Unersetzlichkeit, denn rasante Nachrichtenübermittlung, reflektierte Analysen und geschliffene Kommentierungen garantierten professionelle Orientierungsangebote für eine verunsicherte Gesellschaft. In einer von Naturkatastrophen, Kriegen und Terroranschlägen gebeutelten Welt böten journalistische Angebote Überblick, Einordnung und eben jenen Halt, der in solchen Zeiten des emotionalen und häufig existenziellen Aufruhrs so schnell verloren gehe. Krisenjournalismus sei daher eines der interessantesten, gefragtesten Felder des zeitgenössischen Journalismus.

WikiLeaks: „parajournalistische“ Konkurrenz

Es sei aber auch eines der undurchsichtigsten Tätigkeitsgebiete, nicht zuletzt wegen der neuen Konkurrenz durch „parajournalistische Informationsangebote im Netz“, etwa der Whistleblower-Plattform WikiLeaks, „die zum einen vom Glaubwürdigkeitsverlust der traditionellen Medien profitiert, zum anderen die hergebrachten Prinzipien der Nachrichtenauswahl und –vermittlung beinahe ad absurdum führt, sie zumindest aber in ihren Grundzügen korrumpiert.“ (S.16) Worin die so gegeißelte „Korrumpierung“ bestehen soll, bleibt leider Geheimnis der Autoren, doch sie markieren damit deutlich ihre berufsständische Position gegenüber neuen Netzmedien. Der Einleitung folgen drei Teile: Kapitel 2 referiert den aktuellen Forschungsstand, Kapitel 3 die Rollenbilder, Trends und Defizite im Krisenjournalismus als Ergebnis der Interviews, und Kapitel 4 präsentiert als Fazit praktische Lösungsmodelle und Handlungsempfehlungen. Im Anhang finden sich noch ausführliche Biographien der Interviewten unter Überschriften wie „Der Globetrotter“, „Die Pionierin“ oder „Der Tollkühne“. Ihren definitorischen Ausgangspunkt legen die Autoren – unter Rückgriff u.a. auf die Filmtheoretikerin Mary Ann Doane – in drei Krisen- Typen fest: 1. Politisch-gesellschaftliche Krisen, verstanden als Attentate, Geiselnahmen, Terroranschläge; 2. Technische und ökologische Katastrophen, die Krisen auslösen, etwa das Oder- Hochwasser, Tschernobyl, der Absturz eines Space-Shuttles; 3. Militärische Auseinandersetzungen und Kriege, diese als fortbestehende, zugespitzte Krisen wie der Irak-Krieg (S.23-25). Rahmen und Probleme des Tätigkeitsfeldes werden umrissen, Konkurrenz- und Kostendruck, redaktionelle Strukturen, Berufsbild und Tätigkeitsprofil, ohne kontroverse Aspekte zu scheuen, Kriegspropaganda, „Embedded Journalism“, so benannt erst 2003 im Irak-Krieg, aber mit Vorläufern im ersten Golfkrieg 1991 und im Kosovo-Krieg 1999 (S.47), und Informationskrieg, den Putin gegenüber Jelzin auf der russischen Seite vervollkommnet haben soll (S.50). Was Berufs- und Rollenbild angeht, dominieren oft überzogene Erwartungen an die Möglichkeiten als Karrieresprungbrett „vor allem von Frauen und jüngeren Kollegen“, die sich in der Gefahr beweisen wollen (S.84). Sender und Verlage sparten an kostenintensiver Recherche und konzentrierten sich auf Sensationen auch im Krisenbereich, weshalb auch „Propaganda und gesteuerte

Information zu PR-Zwecken“ leichter ihren Weg in die Medien fände (S.114). Die neuen Netzmedien von YouTube bis Twitter erhöhten den Konkurrenz- druck auf Krisenjournalisten, böten zudem „trügerische Leichtigkeit“ beim Zugang zu Bildern und Meldungen, was die Bereitschaft zur Eigenrecherche noch weiter absinken lasse (S.128). Statt Hintergrundanalysen und Perspektiven dominiere die „Vermenschlichung der Krise […] auf der Ebene der Emotionalisierung und Sensationalisierung menschlichen Leids“, aber nur dann, wenn es „visuell gezeigt und als ‚Gesicht‘ der Katastrophe oder des Konflikts an der Heimatfront verkauft werden kann“ (S.136). Weil es an Handlungsanweisungen, Kodizes und Vorbildern mangele, verließen sich die meisten Praktiker in Krisengebieten auf ihr „Bauchgefühl“ und „Instinkte“ (S.178), und misstrauten insbesondere Militär und Geheimdiensten als Informationsquellen (S.207). Im Fazit werden strukturelle Verbesserungen wie Codes of Conduct, Richtlinienkataloge und Verhaltenskodizes eingefordert (S.220ff.) und im Ausblick ein „Kompetenz- und Infrastrukturkatalog“ mit Forderungen zur Verbesserung des Krisenjournalismus vorgelegt, der von Medienkooperationen über Recherche- Netzwerke bis zu Krisenarchiven reicht und natürlich eine bessere Ausbildung und Finanzierung anmahnt (S.226 ff.). Die Studie sammelt, ordnet und referiert sehr umfassend die gewonnenen Hinweise aus der Praxis, hat jedoch zuweilen Schwierigkeiten, die postulierten Wertmaßstäbe, Konzepte und Handlungsanweisungen auch konsequent auf die gegebenen Beispiele anzuwenden: So wird das berühmte WikiLeaks-Video, mit dem sich die einleitend als Konkurrent beschriebene Whistleblower-Plattform überhaupt erst einen Platz in den Hauptnachrichten erkämpfte, recht einsilbig beschrieben: „ein WikiLeaks-Video, das den Angriff auf eine Gruppe von Menschen in Bagdad aus der Cockpit-Perspektive eines Kampfhelikopters zeigt. Bei dem Angriff kamen auch zwei Reuters-Journalisten ums Leben.“ (S.65) Sogar der mit Bedacht vom berühmten WL-Gründer Julian Assange gewählte Titel des Videos wird unterschlagen: „Collateral Murder“, obwohl wenige Seiten zuvor noch von der Krisenberichterstattung gefordert wurde, „Euphemistische Wendungen wie […] ‚Kollateralschäden‘ […] sollten durchschaut und vermieden werden.“ (S.51) WikiLeaks hatte ebendiesen Euphemismus nicht nur vermieden, sondern durchschaut und in seinem Zynismus entlarvt, aber dies wollten die Auto- ren wohl den „parajournalistischen“ Außenseitern von WikiLeaks nicht zugestehen.

(Thomas Barth in: MEDIENwissenschaft 1/2012, S.52ff. pdf-download)

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Politisch Interessierte treffen sich im Cafe am See

Debattierclub Hamburg im Sommer:

Do.21.7.2016

17.17 Uhr

Stadtpark Lesecafe

 

Auch der zweite Polit-Debattierclub war ein voller Erfolg (der PrivKorruptAltvaterBelagerung des Stadtparks durch Vatertags-Bollerwagen zum trotz) Themen waren die Kriegsschuld-Debatte zum 1.Weltkrieg (mit 100 Jahren Abstand), Kritik und Kunst (Blog) und die Globalisierungskritik von Jean Ziegler, dem Schweizer Bankenkritiker und UNO-Hungerbeauftragten.

Nächster Treff in 2-3 Wochen, genauer Termin siehe hier -Vorschläge von euch über die Kommentarfunktion.

Danke für unerwartet zahlreiches Erscheinen! (trotz kurzfristiger Anberaumung und mieser Wetterprognose) Das ebenso unerwartet heiterbiswolkige Wetter hatte seinen Anteil. Nächster Treff  schon eine  Woche + 15 Minuten später am gleichen Ort -unter blühenden Magnolien und Kirschen derzeit: Nicht im Biergarten vom Schwimmbad, sondern klassisch im Cafe (100 m vom Nordufer also) Erstlingstreff war am 28.4. ab 17:00  für Wetterfeste kein Problem wer nicht bei der TTIP-Demo war, kann immerhin hier Obama würdigen.

Visionen, Tod und Kautschuk: Filmkritik “Der Schamane und die Schlange”

Schamane_Filmbild3  Thomas Barth, 9.April 2016

Der Film verbindet Humor mit knallharter Kritik am Kautschuk-Kolonialismus zu einem visionären Trip in versunkene Kulturen des Amazonas: Kolumbiens künftiger Kinoklassiker.

Die Hauptfigur von El abrazo de la serpiente (eigentlich: Die Umarmung der Schlange) ist erstmals im kolumbianischen Kino ein Indigeno (Indio): Der nach Vernichtung seines Volkes durch „die Kolumbianer“ allein im Dschungel lebende Schamane Karamakate muss sich zweimal in seinem Leben mit sonderbaren Weißen herumschlagen. Den jungen Karamakate (Nilbio Torres) sucht der todkranke deutsche Ethnologe Theodor Koch-Grünberg (Jan Bijovet) auf, er will Heilung durch die geheimnisvolle Pflanze Yakruna.

Die heilige Blume Yakruna verheißt spirituelle Läuterung, verspricht aber auch besseres Kautschuk. 40 Jahre später findet der Botaniker Evans Schultes (Brionne Davis) den alten Schamanen (Antonio Bolívar); Evans sucht, geleitet von Grünbergs Reisebericht, die gleiche Pflanze. Beide Male lässt Karamakate sich widerwillig auf den Weißen ein, macht sich auf zwei abenteuerliche Reisen durch einen Dschungel, in dem einer faszinierenden Natur die Brutalität des Kolonialismus gegenübersteht.

Der Film des jungen Regie-Talents Ciro Guerra zieht den Zuschauer sofort in seinen Bann; faszinierende, fast mystische Naturaufnahmen saugen den Blick in die visionäre Welt des Karamakate, durch die der weiße Forscher als komische Figur in eine brutale Handlung stolpert. Für Zuschauer und Karamakate verschmelzen beide Weiße zu einer Person; raffiniert gesetzte Zeitsprünge lassen beide Handlungsstränge parallel auf ihr ebenso dramatisches wie inspirierendes Ende zutreiben. Bildgewaltig, humorvoll und bewegend greift der Film auf reale Ereignisse und historische Forscherpersönlichkeiten zurück.

Gebrochene Figuren und spirituelle Drogen

Die beiden Forscher werden als gebrochene Figuren vorgeführt, der Schamane_Filmbild4eine ein Irrer, der andere ein Betrüger. Theo, den sein treuer Gehilfe Manduca (Miguel D. Ramos) halbtot zu Karamakate schleppt, hängt in wahnsinniger Hartnäckigkeit an seinem Gepäck. Als der Schamane dies unterwegs kritisiert, “Du bist verrückt”, antwortet der Deutsche mit seligem Lächeln: “Ich weiß.” Theo will durch die Yakruna lernen zu träumen und verspricht Karamakate, dass er ihn zu letzten Überlebenden seines Stammes führen kann.

Evans will zu Anfang die heilige Yakruna von Karamakate für “viel Geld” kaufen und zeigt ihm zwei Ein-Dollar-Noten, doch der winkt ab, Geld stinke und sei nur etwas für Ameisen. Beide Forscher werden dennoch auch sympathisch dargestellt, Evans gewinnt den Schamanen für sich: “Ich habe mein Leben den Pflanzen gewidmet”; da findet Karamakate: “Das ist das Vernünftigste, was ich je von einem Weißen gehört habe.” Letztlich wird auch Evans zu einem Bewahrer der indigenen Kultur, die der Kolonialismus gnadenlos zerstört.

Optische Brillanz, überzeugende Darsteller in einer klugen Handlung und Bilder, welche die Fantasie nicht mehr loslassen, machen den Film zu einer faszinierenden Reise in die Welt des Amazonas. Die Kamera taucht tief in eine symbolisch aufgeladene Natur: Die Pflanzen des Dschungels sind mystischer Palast, rettende Heilkräuter, spirituelle Drogen und heilige Blume Yakruna. Eine lebendgebärende Boa windet sich in Schleim und aufplatzenden Eihüllen mit ihrem Nachwuchs, scheint ihre Kinder zu fressen. Karamakate träumt von einer Boa, die Theo das Unheil bringen wird. Oder ist der Weiße selber die Schlange, also die Gefahr? Schmetterlinge umschwärmen den mit halluzinogenen Tränken erleuchteten Karamakate wie Elfen. Ein Jaguar mit glänzendem Pelz beschleicht die Expedition als Verkörperung des Todes, bereit sich sein Opfer zu holen.

Chorrera: etnocidio cauchero

Doch wer nur in Naturromantik schwelgen will, sitzt hier im falschen esclavitud_indigenosFilm. Das Grauen des Kolonialismus fokussiert sich in Chorrera, einer “Gedenkstätte für die Opfer der Kautschuk-Völkermords” (Presseheft). Das ärmliche Anwesen Chorrera war christliches Missionszentrum und Kautschuk-Sammelstelle der Caucheros, der Kautschukbarone. Beide Handlungsstränge treffen hier auf höllische Zustände kolonialer Verbrechen: Der junge Karamakate trifft mit Theo und Manduca auf einen bewaffneten Mönch inmitten Dutzender Indigeno-Kinder. Es sind Waisen, die man im Namen Jesu nach Versklaven ihrer Eltern bzw. dem Abschlachten ihrer Stämme durch Caucheros “eingesammelt” hat. Nun werden die Kinder christianisiert, indem ihre Sprache und Kultur, angeblich nur “Dummheit und Kannibalismus”, aus ihnen heraus geprügelt wird.

40 Jahre später findet der alte Karamakate mit dem Botaniker Evans in Chorrera eine Sekte vor, die sich um einen irren Messias schart, Reisende mordet und das “Schlechteste beider Welten” in sich vereint. Theos Assistent Manduca ist ein befreiter Kautschuk-Sklave mit furchtbaren Narben auf dem Rücken. Er bekommt einen Wutanfall, als sie im Wald auf einen Indigeno treffen, der offenbar durch Abschneiden des rechten Armes zum Kautschuk-Sammeln verdammt wurde. Wenn Theo durch den Belgier Bijovet verkörpert wird, weckt dies Erinnerungen an die Kongogräuel, jenen Kautschuk-Völkermord, durch den der Belgische König Leopold II zu sagenhaftem Reichtum kam. In Belgisch-Kongo wurde Hunderttausenden die rechte Hand abgeschnitten, viele Millionen starben. Ciro Guerra bietet jedoch keine billige Lösung an, etwa durch Besiegen des Caucheros in Indiana-Jones-Manier. Er zeigt Grausamkeit und Leiden in einer glaubwürdigen Handlung, die zum Nachdenken anregt.

Entlarvte Filmklischees

Ciro Guerra bricht nicht nur mit eingefahrenen Erzählstrukturen, Filmklischees und Sehgewohnheiten, er parodiert und entlarvt sie geradezu –von leichter Hand fast nebenbei. Er dreht einen Film über den Amazonas, man erwartet grünen Dschungel, bekommt aber einen Schwarzweißfilm. Das Format suggeriert zeitweise einen Dokumentarfilm nach dem Muster: Weißer Ethnologe zeigt uns exotische Indianer. Doch wenn dort vor gönnerhaft lächelnden Forschern die Eingeborenen tanzen würden, so sehen wir hier den Anthropologen Theo, wie er vor den johlenden und klatschenden Indigenos Volkstänze seiner deutschen Heimat zeigt.

Im Kanu diktiert Theo seinem treuen Gehilfen Manduca einen Brief an seine Frau im fernen Deutschland, die er womöglich nie mehr wiedersehen wird. An dieser Stelle würde in klassischer Hollywoodmanier die Gefühlsorgel aufgedreht, um dem Zuschauer qua Weichzeichner und Filmmusik die schmalzigen Gefühle zu geigen, die er oder sie haben soll. Zielzustand: Wahlweise in platt manipulierter Rührung versinken (Frauenfilm) oder sich (Actiongenre) in gerechter Mordlust auf den nächstbesten Feind stürzen zu wollen, der uns das Schnulzidyll versalzen hat. Nicht so bei Ciro Guerra, der Karamakate fragen lässt, was denn Manduca da für den Weißen mache. Manduca erläutert belustigt, dieser drücke seiner Frau seine Gefühle aus, was auch den Schamanen zu unbändigem Lachen reizt. “Und wenn du wieder in Deutschland bist, wirst du dann mir deine Gefühle ausdrücken?”, fragt der heitere Weise den erbosten Weißen.

Der Schamane ist dabei kein stereotyper “Weiser Medizinmann”, Schamane_Filmbild2sondern schalkhaft und im Alter ratlos. Der alte Karamakate steht hilflos neben Evans vor einer mit Indigeno-Symbolen bemalten Felswand und kann nicht mehr erklären, was sie bedeuten. Sogar den Kokabrei Mambe muss Evans für die beiden zubereiten –der Schamane hat alles vergessen. (Das wäre etwa so, als würde man Albert Einstein vor einer Tafel mit seinen Formeln finden, doch er bekennt, nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee kochen zu können.) Doch Karamakate findet im Lauf der Reise zu seinen Kenntnissen über halluzinogene Pflanzen zurück und weiß sie auch anzuwenden.

Der psychedelische Yakruna-Trip wird eindrucksvoll inszeniert: als einzige Farbsequenz in einem Schwarzweißfilm lässt er beim Zuschauer plötzlich die Neuronen der Sehrinde feuern, so dass die halluzinogene Wirkung fast nachempfunden werden kann. Anfangs womöglich noch leicht an die entsprechende Szene in “2001 –Odyssee im Weltall” angelehnt, entführt er uns rasch in mythische Bilderwelten der Indigenos. “El abrazo de la serpiente” ist sicherlich ein Film, den man mehrmals sehen sollte.

Die historischen Personen

Die beiden von Ciro Guerra und seinem Drehbuch-Koautor Jaques Toulemonde vorgeführten weißen Forscher sind historische Personen. Deren Werk wird vom Film gewürdigt, besonders Theodor Koch-Grünberg (1872-1924), eigentlich Theodor Koch, der den Namen seines hessischen Geburtsortes wie damals nicht unüblich anfügte, und auch Theodor von Martius genannt wird. Koch-Grünbergs Aufzeichnungen sind heute das einzige, was von vielen Indigeno-Kulturen übrig blieb, er gilt auch als Pionier der anthropologischen Fotografie.

Sein im Film gezeigtes Buch über die Baniwa “Zwei Jahre unter den Schamane_Filmbild1Indianern” erschien 1910 (also, anders als in der Filmhandlung, 14 Jahre bevor er in Brasilien an Malaria starb). Der Freiburger Professor erforschte die Flussläufe von Rio Xingu, Yapura, Rio Negro und Rio Branco, dokumentierte vor allem die Kultur der Pemón (Arekuna und Taulipang) im Dreiländereck von Venezuela, Brasilien und der Kooperativen Republik Guyana. Die Pemón genießen eine gewisse Bekanntheit, weil die Regierung von Venezuela in ihrem Namen das Berliner Kunstprojekt “Global Stone” seit 2013 auf Rückgabe eines 30 Tonnen schweren heiligen Steins verklagt.

Richard Evans Schultes (1915-2001), der Koch-Grünbergs Spuren folgte, gilt als Klassiker der Ethnobotanik mit speziellem Interesse an halluzinogenen Pflanzen –er publizierte 1980 zusammen mit dem LSD-Entdecker Albert Hofmann. Der Havard-Botaniker Schultes forschte hauptsächlich in Kolumbiens Amazonasregion und soll die unwahrscheinliche Zahl von 24.000 Pflanzenarten klassifiziert haben, darunter 2000, die von indigenen Kulturen als Heilpflanzen genutzt wurden; gut 120 Arten tragen seinen Namen. Ab den 60er-Jahren setzte er sich für den Erhalt von Indigeno-Kulturen und Regenwald ein und klärte seine Studenten in Havard darüber auf, dass dort im letzten Jahrhundert schon über 90 indigene Kulturen vernichtet wurden; 1986 errichtete Kolumbien ein Naturschutzgebiet etwa von der Größe des Libanon als “Sector Schultes”, so sein Nachruf in der NYT.

Filmkritik erschien auch auf Telepolis

Literatur, Quellenangaben

Evans Schultes, Richard u. Albert Hofmann: The Botany and Chemistry of Hallucinogens, 2nd ed. Springfield 1980.

Koch Grünberg, Theodor: Zwei Jahre unter den Indianern: Reisen in Nordwest-Brasilien, 1903–1905. 2 Bände. Ernst Wasmuth, Berlin 1909/1910.

Filmtitel: Der Schamane und die Schlange, Originaltitel: El Abrazo de la Serpiente; (Argentinien, Kolumbien, Venezuela 2015); Laufzeit: 125 Minuten; Kinostart in Deutschland: 21.04.2016; Regie: Ciro Guerra: Drehbuch: Ciro Guerra, Jacques Toulemonde Vidal; Darsteller: Nilbio Torres, Antonio Bolivar, Brionne Davis, Jan Bijvoet, Miguel Dionisios Ramos, Nicolás Cancino, Yauenkü Migue; Produktion: Cristina Gallego, Raúl Bravo, Marcelo Cespedes, Horacio Mentasti; Festivals: Cannes 2015, lief auf der Berlinale im Sonderprogramm NATIVe für indigenes Kino, 2016 Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film.

Thomas Barth ist Psychologe, Kriminologe, Medienwissenschaftler und lehrt an der Hamburger Volkshochschule

Siehe auch: Belo Monte am Rio Xingu