Werner Rügemer: Bis diese Freiheit die Welt erleuchtet

Buchkritik von Thomas Barth nyc_libertylesekreiscc10

Werner Rügemer: Bis diese Freiheit die Welt erleuchtet. Transatlantische Sittenbilder aus Politik und Wirtschaft, Geschichte und Kultur, PapyRossa, Köln 2016, 14,90 Euro —2.Auflage erscheint jetzt—-

Mythen, Lügen, Heuchelei – Werner Rügemer beweist in diesem Band erneut sein Talent, den falschen Glamour zu entlarven, mit dem sich unsere Herrschaftseliten so gerne schmeicheln lassen. Zum Vorschein kommen dabei oft genug Korruption, Ausbeutung und Kumpanei mit Verbrechern und Diktatoren. Dabei bleibt der Autor sachlich, aber unterhaltsam, deckt Medienlügen auf und lässt den Leser immer wieder über die kleinen und großen Eitelkeiten unserer (Möchtegern-) Eliten schmunzeln. Ungenaue Wiedergabe der Geschichte ist ein beliebtes Mittel dabei -auch die Freiheitsstatue ist ihr Ziel (so hält sich das Gerücht, reiche Leute hätten ihre Herstellung finanziert (etwa hier bei Telepolis), obwohl, wie Rügemer belegt, es Kleinspender waren.

Die Regierenden, ob in Washington, Berlin oder Köln/Bonn, stützen buchcover_bis-diese-freiheit-die-welt-erleuchtet-198x300ihre Macht auf Prunk und Pracht, auf heroische Geschichte und pathetische Symbole. Rügemer lässt sich nicht blenden und verpasst auch seinen Lesern eine Sehhilfe, die es erlaubt, die Wahrheit hinter der hypnotischen Propaganda zu erkennen. Dabei greift er große Heldengeschichten auf, wie auch kleine Lächerlichkeiten, Goethe wie Böhmermann, Adenauer wie Enzensberger, kleine Green-Peace-Sticker wie die mächtige Freiheitsstatue in New York. An allen Ecken wird von den Herrschenden und ihnen willigen Historikern die Geschichte frisiert, gaunerhafte Vorgänger zu ehrbaren Eminenzen und billige Mythen zu epochalen Weisheiten hochstilisiert, Peinlichkeiten und Verbrechen werden wegretuschiert: Professionelle Vergessensproduktion, der Rügemer mit spitzer Feder entgegentritt.

Titelgebend ist für die eher lose Sammlung von Artikeln und Essays die Freiheitsstatue in New York, „Lady Liberty“, die symbolisch für die moralische Überlegenheit der USA und der westlichen Länder steht. „Diese Freiheit“, die „die Welt erleuchtet“ ist der Einweihungsrede des damaligen US-Präsidenten Cleveland (1886) entnommen. Bekannt ist heute, dass die Statue den USA „vom französischen Volk“ geschenkt wurde. Rügemer enthüllt die Hintergründe: Das „Volk“ ist beiderseits des Atlantiks wörtlich zu nehmen, denn die beiden Regierungen hielten sich bei der Finanzierung ebenso zurück wie die Wohlhabenden, die im französischen Kolonialismus reich wurden bzw. in den USA durch Sklavenhaltung oder brutale Ausbeutung der Arbeitenden – „Die Parole ‚Freiheit‘ schien ihnen nicht so passend.“.

Paris sollte für die Finanzierung der Statue aufkommen, Washington für den Sockel, beide Regierungen bettelten das Geld aber lieber beim einfachen Volk zusammen. Arbeiter sollten einen Dollar bzw. Francs spenden, Schulkinder einen Cent. Daher konnte das Denkmal nicht wie geplant zur 100-Jahrfeier der Unabhängigkeit der USA errichtet werden, sondern erst zehn Jahre später. Auch die Freiheit, die sie preisen sollte, war noch ungleich verteilt: Der zu dieser Zeit gegründete US-Gewerkschaftsbund American Federation of Labor wurde von der liberalen New York Times dämonisiert, seine Forderung nach einem 8-Stunden-Tag als „unamerikanisch“ diffamiert, so lesen wir, als „Terrorismus“ und „Kommunismus“. Streikende wurde von paramilitärischen Söldnertruppen wie der „Pinkerton Detective Agency“ niedergeschossen, keiner der Mörder je von einem US-Gericht verurteilt. Dafür wurden ein Jahr nach Errichtung der Freiheitsstatue mehrere Gewerkschafter zum Tode verurteilt und erhängt -man hatte ihnen ohne Beweise einen Bombenanschlag angehängt, den angeblich Arbeiter als Rache für massakrierte Demonstranten begangen hatten. Als Symbol der so zelebrierten Freiheit wählte man eine Lady Liberty, aber für das Frauenwahlrecht mussten die echten Ladys der USA noch bis 1920 kämpfen, die Französinnen sogar bis 1945.

Die Freiheit gilt im Kapitalismus bzw. Neoliberalismus in erster Linie für das Geld bzw. die, die es besitzen. Im Kapitel „Finanzoase Washington: Geldversteck für Diktator Pinochet“ wird zunächst an den Militärputsch in Chile 1973 erinnert, wo unter Ägide von Henry Kissinger die CIA Rohstoffinteressen der US-Konzerne Anaconda Copper und ITT gegen den demokratisch gewählten Sozialisten Allende durchsetzten. Mit Sabotage, Subversion und Propaganda vorbereitet, installierte man per blutigem Umsturz eine der schlimmsten Folterdiktaturen der Geschichte. Diktator Pinochet holte den US-Ökonomen Friedman und seine neoliberalen „Chicago Boys“, die den Chilenen eine Privatisierungsorgie aufzwangen, wie sie dann in den 80ern und 90ern global verbreitet wurden. Pinochet und sein Clan quetschten derweil ein Multimillionen-Vermögen aus dem Land und deponierten es bei der renommierten Riggs Bank, Sitz in der US-Finanzoase Delaware. Bei der Riggs Bank, hatte auch Richard Nixon sein Konto, der Kissinger auf die Chilenen gehetzt hatte, sowie noch weitere 22 US-Präsidenten -angefangen bei Abraham Lincoln.

1998 nahmen Staatsanwälte in Spanien und weiteren Ländern Ermittlungen gegen Pinochet auf, in Ländern, deren Bürger unter den Mordopfern der chilenischen Diktatur waren. Gegen die Riggs Bank wurde im Zuge der Enthüllungen wegen Geldwäsche für Pinochet ermittelt, denn die US-Banker hatten dessen geraubte Millionen unter Decknamen und in diversen Steueroasen versteckt. Der mutmaßliche Massenmörder fand bis zu seinem Tod 2006 Asyl in London, Riggs Bank zahlte 50 Millonen Bußgeld wg. Geldwäsche an die US-Justiz (immerhin die bis dato höchste deshalb verhängte Strafe) und wurde von ihren kriminellen Eignern für 650 Millionen verkauft. Die neuen Besitzer bei der US-Bank PNC löschten den skandalbefleckten Namen und sind gut im globalen Finanzgeschäft unterwegs: Ihnen gehört u.a. Blackrock, der mit 4.000 Milliarden Dollar weltgrößte Hedgefonds.

So mischt das Buch brisante Enthüllungen mit historischer Forschung, doch streift Werner Rügemer auch durch weniger gravierende Skandale und kulturelle Untiefen. Etwa bemängelt er die satirische Qualität des mit höchster Medienaufmerksamkeit belohnten ZDF-Redakteurs Böhmermann, der mit seinem „Schmähgedicht“ gegen den bei Westlichen Machteliten gerade in Ungnade gefallenen Erdogan. Einen Staatschef der Türkei als „Ziegenficker“ und Schlimmeres zu verspotten bedient, so Rügemer, ein „typisches rassistisches, rechtsradikales Klischee“. Hans Magnus Enzensberger findet ebenso wenig Zustimmung bei Rügemer, der ihn als Wendehals charakterisiert. Enzensberger habe früher einmal gegen ungerechte Verhältnisse gekämpft, die heutige, noch weit ungerechtere Reichtumsverteilung aber zynisch gerechtfertigt -mit einem „stümperhaften Verschnitt des neoliberalen Glaubensbekenntnisses“, und das auch noch anlässlich des ihm verliehenen Heine-Preises (1998).

So reibt Werner Rügemer saturierten 68ern ihre inzwischen erlangte Gestrigkeit unter die Nase und auch die Grünen bekommen ihr historisches Fett weg: Die Zehntausendfach von ihren Anhängern auf Greenpeace-Aufklebern zitierte Weisheit des Häuptlings Seattle „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet und der letzte Fisch gefangen wurde, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann“ hält seinem kritischen Blick nicht stand. Im Kapitel „Die gefälschte Rede des Indianerhäuptlings Seattle“ erfährt man, dass dieser Häuptling eigentlich Suquamish hieß, woraus die Eroberer des US-Bundesstaates Washington dann „Seattle“ machten und danach die Hauptstadt des neuen Territoriums benannten.

Suquamish hatte sich im Jahre 1855 der Übermacht der Weißen unterworfen und in den „Vertragsverhandlungen“ tatsächlich zwei Reden gehalten, deren Inhalt aber nichts mit den ihm angedichteten Romantisierungen der Natur zu tun hatten. Die späterkolportierte Rede schrieb erst ein Drehbuchautor 1970, der im Auftrag der „Southern Baptist Convention“ einen ökologischen Dokumentarfilm drehen sollte. Die Fake-Rede wurde zum Manifest der deutschen Öko-Bewegung, erlebte gewaltige Buchauflagen und wurde zur staatlich anerkannten Schulbildung, wie Rügemer anmerkt und folgert: „Von den Anhängern der gefälschten Rede muss aber verlangt werden, dass sie ihre kerosinhaltigen Massenfluchten in die erträumten Naturparadiese der Karibik und Thailands beenden.“ Dieser Appell mag nicht immer die Richtigen treffen, da Alt-Ökos wohl eher den Biohof vor Ort als Billigflieger nach Bangkok bevölkern dürften, aber ist in seiner Stoßrichtung vollkommen berechtigt. Und der eine oder andere Aufkleber mit Seattles vermeintlichen weisen Worten mag tatsächlich bis heute Koffer zieren, die in Richtung Karibik fliegen.

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5 Kommentare zu “Werner Rügemer: Bis diese Freiheit die Welt erleuchtet”

  1. War ja klar, dass die Freiheitsstatue auch wieder so ein Propaganda-Ding ist. Aber Häuptling Seattles Weissagung? Das ist neu -dieser Rügemer gräbt tiefer als andere, bravo!

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    1. Da werden viele wieder mit dem Schlagwort „Antiamerikanismus“ ankommen -ohne zu kapieren, dass der American Dream hier von Rügemer verteidigt wird: Gegen seine verlogene Pervertierung durch die aktuellen US-Machthaber, die big Corporations und ihre Sockenpuppen.

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  2. Intro bei NetNewsExpress: „Mythen, Lügen, Heuchelei – hier geht es darum, den falschen Glamour zu entlarven, mit dem sich unsere Herrschaftseliten schmeicheln. Zum Vorschein kommen Korruption, Ausbeutung und Kumpanei mit Diktatoren. Verfälschung der Geschichte ist oft ein Mittel: Bei der Freiheitsstatue in New York, die symbolisch für die moralische Überlegenheit der USA und des Westens steht, hält sich z.B. hartnäckig das Gerücht, reiche Gönner hätten sie finanziert -obwohl es tatsächlich Millionen Kleinspender waren.“ 😉

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  3. Intro besser so:
    Mythen, Lügen, Heuchelei – hier geht es darum, den falschen Glamour zu entlarven, mit dem sich unsere Herrschaftseliten schmeicheln. Zum Vorschein kommen Korruption, Ausbeutung und Kumpanei mit Diktatoren. Verfälschung der Geschichte ist oft ein Mittel: Bei der Freiheitsstatue in New York, die symbolisch für die moralische Überlegenheit der USA und des Westens steht, hält sich z.B. hartnäckig das Gerücht, reiche Gönner hätten sie finanziert -obwohl es tatsächlich Millionen Kleinspender waren.

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