Keiner kennt Michael Hastings -Mord Ex Machina: Der Big-Data-Tatort zum 34c3

Michael Hastings starb 2013 bei Autounfall (?) bevor er CIA-Direktor Brennan kritisieren konnte

Fernseh-Krimi bringt zwar Kritik zu Big Data, vergisst aber realen Todesfall  (US-Reporter Michael Hastings) und dämonisiert letztlich doch wieder die Hacker

von Thomas Barth

Spoilerfreie TV-Filmkritik nebst Essay über Hacker, Gefahren von Big Data und selbstfahrenden Autos sowie den mysteriösen Tod des US-Journalisten Michael Hastings, der CIA-Direktor Brennan kritisieren wollte (und schon den JSOC-General Stanley McChrystal mit einem Artikel zu Fall gebracht hatte).

Manche Besucher des 34. Chaos Communication Congress haben, just aus Leipzig heimgekehrt, beim Neujahrs-Tatort der ARD ihre Themen weiterverfolgen können. Wohl eher Zufall als cleveres Timing, vergaßen die Filmemacher einen durchaus möglichen Querverweis auf den Chaos Computer Club einzubauen. Doch die kritische Aufbereitung des Themas „autonomes Auto“ als Thriller im Big-Data-Milieu war prinzipiell lobenswert und dürfte in den PR-Abteilungen mancher Firma dieser Branche zu Herzrasen und Schweißausbrüchen geführt haben. Die Image-Beschädigung vor Millionenpublikum wieder wett zu machen, könnte einiges an Werbung und Lobbyisten-Arbeit kosten.

Die bildungsbürgerliche Süddeutsche (SZ) legt schon mal vor und bringt einen erregten Verriss: „Im „Tatort“ aus Saarbrücken geht es um Datendiebstahl und wie sich der auf die Privatsphäre auswirkt. Das ist ziemlich viel Kulturpessimismus zum Jahresauftakt.“ Nein. Ist es nicht. 15.000 Besucher (Rekord) des 34c3 würden dies vermutlich bestätigen. (Der Tatort „Mord Ex Machina“ ist noch bis Ende Januar in der ARD-Mediathek verfügbar.)

Mord Ex Machina: Der Plot

Düsterer Hacker knackt in dunklem Zimmer vor drei Bildschirmen einen Firmenrechner, soviel Klischee muss sein. Seine sexy Mithackerin Natascha wälzt sich derweil im Bett mit dem Justiziar des Big-Data-Unternehmens Conpact, Sebastian Feuerbach. Feuerbach hatte Streit mit seinem Freund und Geschäfts-Partner, dem „visionären“ Firmenboss Victor Rousseau, weil dieser ungehemmtes Big Data betreiben möchte -auch in hypermodernen, autonom fahrenden Autos. In einen dieser Prototypen steigt der virile Jurist und rauscht prompt durch die Leitplanke des Parkhochhauses.

Selbstmord oder Unfall? So rätselt Kommissar Stellbrink, kommt aber schnell darauf, dass dieses High-Tech-Mobil womöglich gehackt wurde. Doch das Hacker-Pärchen ist fein raus: Rousseau hatte sie engagiert, um nach Sicherheitslücken in seinem Firmennetz zu suchen. Nebenbei, erfährt man, sollte in die Bordcomputer der neuen Wagen eine Hintertür eingebaut werden, so dass die Firma Conpact alles mitschneiden kann, was die Dutzenden Kameras in und um den Wagen aufzeichnen. Brisant, denn die Bundesregierung ist der erste Kunde und will ihren Limousinenpark von Conpact auf autonomes Fahren umrüsten lassen…

Stellbrink muss sich durch hippe Firmenwelten, erotisch aufgeladene Beziehungen und eine terroristische Vergangenheit wühlen, um den Fall aufzuklären. Filmtitel und Idee ähneln zwar einem gleichnamigen Film der Sherlock-Verschnitt-Serie „Elementary“, aber besser gut geklaut als schlecht erfunden -und Tatort punktet mit ernsthafter Gesellschaftskritik am Phänomen Big Data.

Viele dubiose, kleine Firmen bevölkern den Datenmarkt. Doch beherrscht wird er von großen, international agierenden Konzernen, wie zum Beispiel Acxiom, Datalogix, Rapleaf, Core Logic oder PeekYou. Acxiom, einer der Branchenriesen, erwirtschaftet weltweit mehr als eine Milliarde US-Dollar pro Jahr und verwaltet über 15.000 Datenbanken für seine über 7000 Kunden. Der Konzern verfügt über 700 Millionen aktive Konsumentenprofile, darunter mehr als 40 Millionen aus Deutschland.“ c’t Digital gebrandmarkt – Wie Kundendaten gesammelt, gehandelt und genutzt werden

Der Hintergrund: Big Data und Cyberattacken

Spätestens seit Snowden wissen wir, dass Geheimdienste gerne solche Daten abschöpfen, sicher nicht nur aus Merkels Handy. Warum sollten Firmenbosse nicht auch selber zugreifen? Zumal wenn sie im Big Data-Business sind? Die Kritik an diesem Business wird von „Mord Ex Machina“ noch weiter getrieben: Der nicht sehr computer-affine Kommissar, der sich just nur mühsam auf einer Dating-Site bewegte, erfährt staunend vom Nutzer-Profiling, wo nach 68 „Likes“ auf Facebook seine Persönlichkeit nach dem „OCEAN“-Modell bewertet werden kann: Michal Kosinskis psychometrische Big-Data-Analyse machte 2016 Schlagzeilen, weil angeblich Trumps Wahlkampf und der Brexit mit so lancierter Werbung erfolgreich waren. Auch wenn dies übertrieben war -vor Datenklau und Profiling zu warnen ist sicher nicht falsch von den Tatort-Machern, zumal sie ihre Gesellschaftskritik filmisch überzeugend vermitteln: Einzelne Personen werden immer wieder sekundenlang eingefroren, vor verschwommenem Hintergrund unnatürlich scharf anvisiert: Wie unter dem Mikroskop von Netz-Profilern. Die SZ sieht das allerdings anders und nörgelt:

…und das Internet mal wieder ganz böse. Man sieht die Zuschauer auf dem Sofa förmlich mitschimpfen: „Ja, genau, dieses neumodische Internetzeug. Pfui!“ Angesichts dieser altbackenen, uninspirierten und kulturpessimistischen Heransgehensweise hilft alles nicht: Man muss einfach mit den Augen rollen. Und ganz tief seufzen. Nicht schon wieder. Carolin Gasteiger, SZ-Tatort-Fernsehkritik

NZZ mag „Tatort“ nicht: Zuviel Gesellschaftskritik statt Schusswaffengebrauch

Damit stellt sich die einst sozial-liberale SZ treu an die Seite der stramm-konservativen NZZ, die 2009 in ihrer wütenden Abrechnung mit den Tatort-Machern „Traurige Kommissare“, deren Gesellschaftskritik als „Feuilleton-Soziologie“ und „Gesinnungskitsch“ geißelt. Die Tatort-Helden hätten doch alle Probleme, so die NZZ, seien „Gutmenschen, Allesversteher und Betroffenheits-Betschwestern“ und würden zudem Schusswaffeneinsatz scheuen „wie der Teufel das Weihwasser“. Das ist sicher schlecht für die Schweizer Waffenindustrie, die bekanntlich die Verbrecher halb Europas mit Schießeisen versorgt. Aber wenn dann doch mal ein Till Schweiger im Rambo-Stil zur Knarre greift, ist es auch wieder nicht allen Recht zu machen: Die Zensurbehörde in Kiew monierte, dass dabei zu wenig Russen erschossen wurden. Die jüngste Kritik an Big Data und Roboter-Autos sollte dagegen weniger anecken, aber die SZ mault abschließend über die „altbackene“ Gesellschaftskritik:

„Jens Stellbrink zieht aus den verstörenden Erkenntnissen des Falles Konsequenzen: Der Kommissar löscht sein Online-Dating-Profil, holt einen Falke-Stadtplan aus der Schublade und wirft sein Smartphone vom Balkon. Das ist platt und verbohrt: Als könnte man den digitalen Entwicklungen und Herausforderungen so begegnen.“ SZ

Nikolai Kinski: netwars – gesellschaftskritisches multimedia project

Doch, liebe SZ, so leicht kann es manchmal sein: Smartphone weg und Profil löschen. Ach, hätte die SZ das „neumodische Internetzeug“ doch nur zu Recherchezwecken eingesetzt, dann hätte sie erfahren, dass die Kritik gar nicht so „altbacken“ sein kann, wenn sie etwa vom 34c3 geteilt wird. Oder dass der digital gemeuchelte Datenschützer Feuerbach nicht „platt und verbohrt“, sondern recht feinsinnig besetzt wurde: Der Darsteller Nikolai Kinski, ein Sohn Klaus Kinskis, lieh sein Konterfei zuvor dem preisgekrönten Netwars-Projekt (Grimme Online Award 2015).

Oder dass der kulturpessimistische Plot womöglich einen realen Vorläufer hatte: Den Fall des bei einem mysteriösen Autounfall getöteten CIA-Kritikers Michael Hastings. (Anm. Die SZ übte früher selber Digital-Kritik: In der Snowden-Hype durfte dort Daniel Ellsberg über die NSA als „Stasi von Amerika“ schimpfen).

Risiko Car-Hacking: Michael Hastings

Michael Hastings, kritischer US-Journalist, starb 2013 bei mysteriösem Unfall in neuem Mercedes als er aus Angst vor CIA untertauchen wollte (car hacking?)

Der erst 33-jährige Hastings starb 2013, was Fragen nach einem möglichen Hackerangriff auf sein Auto auslöste: Die Huffington Post warnte vor „conspiracy theories“; Wikileaks twitterte, der preisgekrönte Investigativ-Journalist Hastings hätte kurz vor dem Unfall versucht, die WikiLeaks-Juristin Jennifer Robinson zu kontaktieren; DER SPIEGEL will vom Thema car hacking nichts mitbekommen haben; USAtoday berichtete, Hastings hätte versucht, sich den Wagen seiner Nachbarin zu leihen, weil er fürchtete, an seinem Mercedes wäre herum gepfuscht worden; das Auto der Nachbarin wäre aber defekt gewesen -dann starb Hastings, der gerade an einer heißen Story zu CIA-Chef Brennan dran gewesen sein soll.

Michael Mahon Hastings (1980-2013) war ein US-amerikanischer Investigativjournalist und Schriftsteller. Er war Mitherausgeber des Rolling Stone und Korrespondent für BuzzFeed. Sein Artikel 2010 über den General, ehemaligen JSOC-Kommandeur und US-Oberbefehlshaber der NATO in Afghanistan, Stanley McChrystal, führte zu dessen umgehender Entlassung durch US-Präsident Barack Obama. Hastings arbeitete zuletzt, laut Aussage seiner Witwe Elise Jordan, an einer Geschichte über CIA-Director John O. Brennan, er fiel 2013 einem Autounfall zum Opfer, so der offizielle Polizeibericht. Allerdings zeichneten Kameras drei Explosionen auf, der Motorblock lag in erheblicher Entfernung. Es gab diverse weitere Indizien, Hinweise und auch Zeugenaussagen, unter anderem von WikiLeaks, Richard Clarke und dem „Buzz-Feed“-Chefredakteur Ben Smith, die insgesamt einen Mord wahrscheinlicher erscheinen lassen. (…)

Am Tag vor seinem Tod äußerte Hastings, sein Mercedes könnte manipuliert worden sein, und bat deshalb seine Freundin Jordanna Thigpen, ihm ihren Wagen zu leihen. Er fühle sich bedroht und wolle die Stadt verlassen. Stunden vor seinem Tod schrieb Hastings seinen Freunden und Arbeitskollegen in einer E-Mail das FBI würde seine Freunde befragen: „Ich bin an einer großen Geschichte dran und muss eine Weile vom Radar verschwinden.“ Die E-Mails wurden am 17. Juni 2013 gegen 14 Uhr verschickt. Gegen 4.20 Uhr des nächsten Dienstagmorgen, 18. Juni 2013, starb Hastings. Dem Polizeibericht nach saß er allein in seinem Mercedes C250 auf der nördlichen Highland Avenue in Hollywood, als er aus unbekannter Ursache die Kontrolle über das Fahrzeug verlor. Das Auto kam von der Straße ab, durchbrach eine Leitplanke und fuhr ungebremst mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Palme. Der Mercedes explodierte in einem Feuerball, der Motorblock lag in auffällig großer Distanz vom Auto, und Hastings Leiche verbrannte so stark, dass der Gerichtsmediziner ihn erst zwei Tage später anhand seines Gebisses identifizieren konnte. Laut Polizeibericht war es ein selbst verschuldeter Autounfall, es konnten keine Beweise für eine Fremdeinwirkung festgestellt werden. Wikipedia (dt.)

Das FBI dementierte nach dem Todesfall, Hastings überwacht zu haben, was aber laut US-Wikipedia nicht stimmt. Die US-Behörden hatten ein Jahr zuvor begonnen, den kritischen Journalisten, einen Freund des TYT-Gründers Cenk Uygur, ins Visier zu nehmen. TYT (The Young Turk) ist ein kritisches US-Mediennetz, das den Mainstream-Medien die Stirn bietet und hierzulande kaum Beachtung findet (TYT zu Hastings Tod).

The FBI released a statement denying that Hastings was being investigated, at least not by their agency. This statement was incorrect as FBI had opened a file on Hastings as early as 2012 (see FBI files below). Wikipedia (engl.)

Diese in deutschen Medien auffällig selten erwähnte, beinahe totgeschiegene Geschichte zeigt: Man braucht womöglich kein komplett autonomes Fahrzeug, um jemanden digital zu verunfallen (wovor CCC-Hacker schon lange warnten). Die Anspielung auf Michael Hastings Tod haben die ARD-Filmemacher allerdings komplett übersehen (oder hatten sie Angst, den kaum bekannten Fall zu erwähnen?). Dabei liegt im eigenen Archiv eine NDR-Doku von 2014, bei der dieser Todesfall als mögliches Auto-Hack-Attentat angeführt wird, Titel: „Im Visier der Hacker – Wie gefährlich wird das Netz?“ (in der Mediathek der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich, aber im freien webarchive dokumentiert).

„Ein brennender Unfallwagen im nächtlichen Los Angeles. Ein Mercedes als Trümmerhaufen, Ursache unklar, keine Zeugen. In den Flammen stirbt der US-Journalist Michael Hastings. Er recherchierte gerade an einer neuen Enthüllung. Seine letzte Story hatte einen Elite-General die Militärkarriere gekostet. Der Daimler-Konzern sieht angeblich keinen Grund, der Sache nachzugehen. Doch in der NDR-Reportage über die Risiken der Welt von morgen hält es der langjährige US-Sicherheitskoordinator Richard Clarke für durchaus möglich, dass der Wagen von außen gehackt wurde.“ ARD-Mediathek (webarchiv)

Im Tatort grämt sich eine Kommissarin angesichts des Mordes per Auto-Elektronik: „In zehn Jahren werden wir jede Menge autonom fahrende Autos auf der Straße haben -wer sagt mir dann, was ein Unfall war und was nicht?“ Willkommen in der Gegenwart liebes Tatort-Team. Oder, mit der traditionellen Abschlussformel des Chaos Communication Congress zum Jahresende: „Guten Rutsch ins Jahr 1984!“ (padeluun)

Dämonisierung der Hacker

Unerfreulich am Tatort-Plot ist schließlich, dass leider doch wieder ein paar Hacker kräftig dämonisiert werden. Denn im Verlauf der Ermittlungen taucht eine frühere Hackergruppe auf, die 2002 eine „ethisch motivierte“ Cyberattacke verübte. Die Hacker hätten auf die „Gefahren der Digitalisierung hinweisen“ wollen, in dem sie in der Nacht des 29.9.2002 alle Ampeln von Nancy auf „Grün“ schalteten. Trotz Vorwarnung gelang es den Behörden nicht, den Anschlag auf das Verkehrsleitsystem zu vereiteln (daran, die Ampeln einfach abzuschalten, hatte man offenbar nicht gedacht). Ergebnis: Vier Todesopfer und 48 Verletzte, für die unsere Hacker verantwortlich zeichnen.

Und nicht genug -der Tatort zeigt dramatische Zeitungstitel zum frei erfundenen Terrorangriff: “Une cyberattaque sur le feux de circulation“, “Les terroristes de l’internet -le nouveau danger“, „Nancy Crash: Beide Eltern zerquetscht“, daneben ein weinendes Kindergesicht; dann Überblendung ins Gesicht einer Hackerin, aus deren Auge eine Träne rollt. Das ist etwas dick aufgetragen und außerdem: Ethisch motivierte Hacker hätten sich darauf beschränkt, die Ampeln alle auf Rot zu schalten, statt Menschenleben zu riskieren. Doch so kommen selbst die vernünftigen Warnungen vor digitaler Gefahr natürlich viel dämonischer rüber.

Der Tatort „Mord Ex Machina“ ist noch bis Ende Januar in der ARD-Mediathek verfügbar.

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Filmkritik: The Limehouse Golem

Thomas Barth The Limehouse Golem

The Limehouse Golem ist ein viktorianischer Travestie-Psychothriller -als wenn Almodovar Jack the Ripper und Sherlock Holms gemixt hätte, um Elend und weibliche Genitalverstümmelung anzuprangern.  Deutscher Kinostart: 31.August.

Im nebelverhangenen Gaslicht-London des Jahres 1880 treibt ein besonders blutrünstiger Serienmörder sein Unwesen. An seinen Tatorten im verelendeten Rotlichtbezirk Limehouse hinterlässt er mit dem Blut seiner Opfer mysteriöse Botschaften in lateinischer Sprache. Die Untaten sind derart grausam, dass man ein Monstrum am Werk glaubt: einen Golem, den aus Lehm geformten Rache-Zombie der jüdischen Mythologie. Scotland Yard ruft den alternden Detective Inspektor John Kildare (Bill Nighy, „I, Frankenstein“) auf den Plan. Er soll bei diesem unlösbaren Fall untergehen, denn er steht im Ruf, verbotener Homoerotik zu frönen, was seinen Adlatus, den treuen Polizisten Flood (Daniel Mays, „Victor Frankenstein“) in gewisse Konflikte bringt.

Kildares Ermittlungen führen ihn in den Dunstkreis des schillernden Travestieshow-Talents Dan Leno (Douglas Booth, „Romeo&Juliet“), dessen äußerst beliebte Music Hall die Londoner Massen ins verruchte Vergnügungsviertel Limehouse strömen lässt. Lenos Schauspiel-Kollegin und Freundin Elizabeth Cree (Olivia Cooke, „Bates Motel“) soll ihren Mann vergiftet haben und dieser scheint in die Mordfälle verwickelt zu sein. Inspektor Kildare will als väterlicher Beschützer die in der Todeszelle sitzende Lizzy Cree retten -indem er ihren toten Gatten als Golem entlarvt, der sich aus Reue selbst vergiftete.

Horror & Whodunit

Der Film von Juan Carlos Medina, der mit seinem Debüt „Painless“ 2012 bekannt wurde, verknüpft den blutigen Horrorthriller mit einer Detektivstory, deren Whodunit (Who done it?) in teils rasanten, teils etwas zu verschlungenen Wendungen verläuft. Vor allem Rückblenden ins Leben der Mordverdächtigen Liz Cree falten die Handlung immer weiter auf: Ihre tragische Kindheit im Elendsviertel, ihre Aufnahme in Dan Lenos Musikhall, ihr kometenhafter Aufstieg dort vom Laufburschen zur clownesken Sängerin. Liz macht der Trapez-Diva Aveline Ortega (María Valverde) Konkurrenz, gewinnt die Liebe des zwischen Größenwahn und Versagensangst zitternden und tobenden Autors John Cree (Sam Reid) und wird auf der Bühne androgyner Gegenpart des transvestitischen Superstars Dan Leno. Den opulent ausgemalten Gothic-Novel-Hintergrund liefert das Londoner East End, das schon Jack the Ripper unsicher machte.

Der Begriff, „East End“, wurde in den 1880ern geprägt, als es bei den Reichen Mode wurde, zum wohligen Gruseln die Slums rund um die Docks zu besuchen. Aber der Osten Londons existierte schon lange vorher als ein vom Rest der Metropole getrennter Bereich. Zum Schutz vor Hochwasser bauten die Römer auf dem Gebiet des damaligen Londinium Mauern, die den Westen bevorzugten und den Osten benachteiligten… Die Reichen und Mächtigen wohnten im Westen; die Armen, die auf der Flucht vor religiöser Verfolgung (französische Hugenotten, osteuropäische Juden) oder Hungersnöten (die Iren) nach London gekommen waren, im Osten. Eine wichtige Rolle spielte der entlang der Themse vorherrschende Westwind. Seinetwegen wurde alles, was stank, im Osten angesiedelt: Fabriken, die Farben und Lösungsmittel, Dünger, Knochenmehl, Klebstoff, Paraffin oder Streichhölzer herstellten, Schlachthöfe, Gerbereien und Fischzuchtanlagen.

Könige der Unterwelt, Hans Schmid

Die viktorianische Atmosphäre des düsteren East End, wo betrunkene Puritaner zwischen Bordellen und Sexshows torkeln, wird von „The Limehouse Golem“ drastisch zum Leben erweckt. Die blutigen Morde setzen gruslige Akzente, doch Beziehungsgeflecht und Psychologie der Figuren stehen im Mittelpunkt: John betrügt mit Diva Aveline seine Ehefrau Liz, die derweil vom Musik Hall-Besitzer, dem listig-schlüpfrigen „Uncle“ (Eddie Marsan, „Mr.May“), zu verbotener Pornographie gedrängt wird. Inspektor Kildare kann seine Jagd auf den Golem schließlich auf vier Verdächtige zuspitzen, die alle in der Londoner Bibliothek recherchierten: John Cree, Dan Leno, George Gissing und Karl Marx.

Die Vorlage für das Drehbuch von Jane Goldman („X-Men: Erste Entscheidung“) lieferte der britische Erfolgsautor Peter Ackroyd mit dem Roman „Der Golem von Limehouse“. Ackroyd ist für fantasievolle, aber historisch versierte Erzählungen und für historische Biographien bekannt, u.a. über Ezra Pound, Charles Dickens, Oscar Wilde und ist bei Band vier einer siebenbändigen „History of England“. In seinen Romanen lässt er reale historische Persönlichkeiten neben seine Figuren treten: Im hier verfilmten „Golem“ den damaligen Superstar des späten 19.Jh. Dan Leno, den deutschen Philosophen Karl Marx und den tragischen Schriftsteller George Gissing, der in seinen Werken das Elend in London anprangerte und gewisse Züge mit Ackroyds Figur John Cree teilt.

Weibliche Genitalverstümmelung

Im Roman wird eine medizinische Grausamkeit des 19.Jh. beschrieben: Die Entfernung der Klitoris als Mittel, um die verbotene Sexualität von Mädchen zu bekämpfen. In aktuellen Debatten über Genitalverstümmelung bei Muslimas wird oft vergessen, dass diese Praxis noch vor vier Generationen auch in Europa nicht unüblich war.

An der kindlichen Liz Cree wird im Film diese Verstümmelung auf besonders grausame Weise vollzogen: Von ihrer eigenen Mutter mit einem glühenden Schürhaken. Angesichts der Kosten ärztlicher Behandlung wurden damals aber wohl insbesondere Töchter wohlhabender Familien Opfer dieses barbarischen Eingriffs. Zur Zeit der Handlung, im Jahr 1880, lag das Opus Magnum des damals berühmtesten britischen Gynäkologen, Isaak Baker Brown (1811-1873), erst 16 Jahre vor: On the Curability of Certain Forms of Insanity, Epilepsy, Catalepsy, and Hysteria in Females. (pdf)

Dr. Baker Brown empfahl darin die Heilung diverser Formen von Wahnsinn von Hysterie bis Epilepsie durch chirurgische Eingriffe, auch der Klitorektomie. Leider ist zu befürchten, dass dieses Werk weithin Anwendung fand: Von Dr. Thomas Wakley, im 19.Jh. ein Herausgeber der bis heute bedeutenden Zeitschrift The Lancet, wurde damals der Operationssaal von Baker Brown als Mekka für Gynäkologen gepriesen. Der Wunsch nach Klitorektomie gilt inzwischen als psychotherapeutisch zu behandelnde Störung. Die weibliche Genitalverstümmelung auf Verlangen kann aber offenbar in Großbritannien bis heute straflos praktiziert werden.

The Limehouse Golem“ unterhält mit schaurig-schönen Bildern und überzeugendem Schauspiel. Juan Carlos Medina wartet in seinem am Rande der Fantastik angesiedelten Horrorthriller mit diversen Wendungen auf und beleuchtet nebenbei auch dunkle Seiten der europäischen Sexualgeschichte.

„The Limehouse Golem“ ist ab dem 31. August in deutschen Kinos zu sehen.  Gekürzte Version erschien  2017 bei Telepolis