Politische Philosophie: Dietmar Hübner auf Youtube

Prof. Dietmar Hübner Vorlesung in passabler Tonqualität auf Youtube

„Einführung in die politische Philosophie“

Professor für Praktische Philosophie, insbesondere Ethik der Wissenschaften an der Leibniz Universität Hannover.

https://www.youtube.com/watch?v=YbPsNE_Zm-Q

Politische Philosophie 1: Antike 1 – Platon

https://www.youtube.com/watch?v=NsNZLLz8mNM

Politische Philosophie 2: Antike 2 – Platon, Aristoteles

https://www.youtube.com/watch?v=2dIu4EW9kss

Politische Philosophie 3: Antike 3 – Polybios, Cicero

 

https://www.youtube.com/watch?v=4XFtYe93u2A

Politische Philosophie 4: Spätantike, Mittelalter, Reformation – Augustinus, Thomas, Luther

https://www.youtube.com/watch?v=9-P7XH6I4RA

Politische Philosophie 5: Neuzeit – Machiavelli, Bodin, Grotius, Pufendorf

https://www.youtube.com/watch?v=bWSShrPiZR4

Politische Philosophie 6: Aufklärung 1 – Hobbes, Locke, Rousseau

https://www.youtube.com/watch?v=vRzKv4Sf03w

Politische Philosophie 7: Aufklärung 2 – Kant, Hegel

https://www.youtube.com/watch?v=za0aT-36XR8

Immanuel Kant: Was heißt sich im Denken orientieren?_ Oskar Negt berichtet

https://www.youtube.com/watch?v=Va7P5zUoB7w

Oskar Negt über Hegel

https://www.youtube.com/watch?v=Jz0aYI_MJy0

Politische Philosophie 8: Liberalismus und Anarchismus – Mill u.a.

https://www.youtube.com/watch?v=rU43QsfOuRk

Politische Philosophie 9: Sozialismus und Marxismus – Marx u.a.

 

https://www.youtube.com/watch?v=aHiZ9PBBpKo

Politische Philosophie 10: Moderne 1 – Harsanyi, Rawls

https://www.youtube.com/watch?v=mJOmLn5AFYA

Politische Philosophie 11: Moderne 2 – Apel, Habermas

https://www.youtube.com/watch?v=Bdu-e6IyYO0

Politische Philosophie 12: Moderne 3 – Luhmann, Foucault

https://www.youtube.com/watch?v=6yqmBz1RcrI

Die Spur der Macht in uns allen – Eine lange Nacht mit Michel Foucault / Von Christoph David Piorkowski / 8.10.2016 Deutschlandfunk

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Michel Foucault: Sex, Macht & Wahnsinn | Soziopod #047

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Michael Foucault – Was macht Macht -Der französische Philosoph Michel Foucault ist einer der einflussreichsten kritischen Denker der Moderne. Ihn interessierte, wie Macht entsteht, wozu sie benutzt wird und was sie aus Menschen machen kann.

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Radioscopie – Michel Foucault frz.

https://www.youtube.com/watch?v=0qL3p4VuQsY

Edmund Husserl – Der Vater der Phänomenologie -Der deutsche Philosoph und Mathematiker Edmund Husserl (1859 – 1938) gilt als Begründer der Phänomenologie – einer philosophischen Richtung, die kategorische Deutungen der Welt ablehnt und stattdessen fordert, zu „den Sachen selbst“ zu kommen.

https://www.youtube.com/watch?v=5-Eg17dmJyA&list=PL6cI1_8BvV-YtMxB1L_7BuO8VvgtZtPl0&index=2

Martin Heidegger – Die Frage nach Sein und Zeit -„Existenziell wie Kierkegaard, mit dem Systemwillen eines Hegel, so dialektisch in der Methode wie einschichtig im Gehalt, apodiktisch behauptend aus dem Geiste der Verneinung, verschwiegen gegen andere und doch neugierig wie wenige, radikal im Letzten und zu Kompromissen geneigt in allem Vorletzten – so zwiespältig wirkte der Mann auf seine Schüler, die von ihm dennoch gefesselt blieben, weil er an Intensität des philosophischen Wollens alle anderen Universitätsphilosophen weit überragte.“ Karl Löwith 1940 über Martin Heidegger

https://www.youtube.com/watch?v=ICyT2LFbDa4

Die Philosophie des Existenzialismus -Wohl kaum eine philosophische Richtung des 20. Jahrhunderts wurde so mit einer Lebenshaltung identifiziert wie der Existentialismus. Die Gedanken dieser Philosophie haben weit über den Bereich des bloßen Denkens hinausgewirkt: Der Mensch sei zur radikalen Freiheit verurteilt, er müsse sein Wesen entwerfen, sich einmischen in politische Zustände, wo dieser Entwurf nicht möglich ist.

Hypatia – Eine außergewöhnliche Philosophin

Hypatia (auch Hypatia von Alexandria, griechisch Ὑπατία Hypatía; * um 355 in Alexandria; † März 415 oder März 416 in Alexandria) war eine griechische spätantike Mathematikerin, Astronomin und Philosophin. Von ihren Werken ist nichts erhalten geblieben, Einzelheiten ihrer Lehre sind nicht bekannt. Sie unterrichtete öffentlich und vertrat einen vermutlich mit kynischem Gedankengut angereicherten Neuplatonismus. Als Vertreterin einer nichtchristlichen philosophischen Tradition gehörte sie im überwiegend christlichen Alexandria der bedrängten paganen Minderheit an. Dennoch konnte sie lange unangefochten lehren und erfreute sich hohen Ansehens. Schließlich wurde sie aber das Opfer eines politischen Machtkampfs, in dem religiöse Gegensätze instrumentalisiert wurden. Eine aufgehetzte christliche Menge brachte sie in eine Kirche und ermordete sie dort.

Hypatia (auch Hypatia von Alexandria, griechisch Ὑπατία Hypatía; * um 355 in Alexandria; † März 415 oder März 416 in Alexandria) war eine griechische spätantike Mathematikerin, Astronomin und Philosophin. Von ihren Werken ist nichts erhalten geblieben, Einzelheiten ihrer Lehre sind nicht bekannt. Sie unterrichtete öffentlich und vertrat einen vermutlich mit kynischem Gedankengut angereicherten Neuplatonismus. Als Vertreterin einer nichtchristlichen philosophischen Tradition gehörte sie im überwiegend christlichen Alexandria der bedrängten paganen Minderheit an. Dennoch konnte sie lange unangefochten lehren und erfreute sich hohen Ansehens. Schließlich wurde sie aber das Opfer eines politischen Machtkampfs, in dem der Kirchenlehrer Kyrill von Alexandria religiöse Gegensätze instrumentalisierte. Ein aufgehetzter Mob aus christlichen Laienbrüdern und Mönchen brachte sie schließlich in eine Kirche und ermordete sie dort. Der Leichnam wurde zerstückelt.

Der Nachwelt blieb Hypatia hauptsächlich wegen der spektakulären Umstände ihrer Ermordung in Erinnerung. Seit dem 18. Jahrhundert wird der Fall von Heidenverfolgung oft von Kritikern der Kirche als Beispiel für Intoleranz und Wissenschaftsfeindlichkeit angeführt. Aus feministischer Sicht erscheint die Philosophin als frühe, mit überlegenem Wissen ausgestattete Vertreterin einer emanzipierten Weiblichkeit und als Opfer einer frauenfeindlichen Haltung ihrer Gegner. Moderne nichtwissenschaftliche Darstellungen und belletristische Bearbeitungen des Stoffs zeichnen ein Bild, das die spärliche antike Überlieferung ausschmückt und teils stark abwandelt.

Hypatias Vater war der Astronom und Mathematiker Theon von Alexandria, der letzte namentlich bekannte Wissenschaftler im Museion von Alexandria, einer berühmten staatlich finanzierten Forschungsstätte.[2] Wahrscheinlich wurde Hypatia um 355 geboren, denn zum Zeitpunkt ihres Todes war sie, wie der Chronist Johannes Malalas berichtet, bereits eine „alte Frau“, vermutlich etwa sechzigjährig.[3] Sie scheint das ganze Leben in ihrer Heimatstadt Alexandria verbracht zu haben. Bei ihrem Vater erhielt sie eine mathematische und astronomische Ausbildung. Später beteiligte sie sich an seiner astronomischen Arbeit. Wer ihr Philosophielehrer war, ist unbekannt; einer Forschungshypothese zufolge kommt Antoninos, ein Sohn der Philosophin Sosipatra, in Betracht.[4]

Nach dem Abschluss ihrer Ausbildung begann sie, selbst Mathematik und Philosophie zu unterrichten. Nach Angaben der Suda verband sie rhetorische Begabung mit einer umsichtigen, durchdachten Vorgehensweise. Sokrates von Konstantinopel berichtet, von überall seien Hörer zu ihr gekommen. Manche ihrer Schüler waren Christen. Der berühmteste von ihnen war Synesios, der im letzten Jahrzehnt des 4. Jahrhunderts bei ihr sowohl Philosophie als auch Astronomie studierte. Damaskios berichtet, Hypatia habe den Philosophenmantel (tríbōn) getragen und sei in der Stadt unterwegs gewesen, um öffentlich zu unterrichten und allen, die sie hören wollten, die Lehren Platons oder Aristoteles’ oder auch jedes beliebigen anderen Philosophen auszulegen. Wie diese Nachricht zu deuten ist, ist in der Forschung umstritten. Jedenfalls stützt sie nicht die Ansicht, Hypatia habe einen aus öffentlichen Mitteln finanzierten Lehrstuhl innegehabt; dafür gibt es keinen Beleg.[5] Étienne Évrard interpretiert die Formulierung des Damaskios im Sinne eines Unterrichts auf offener Straße.[6] Die überlieferte Darstellung von Hypatias Lehrweise rückt die Philosophin äußerlich in die Nähe des Kynismus, ebenso wie der Hinweis auf ihren Philosophenmantel, ein Kleidungsstück, das man mit Kynikern zu assoziieren pflegte.

Damaskios lässt durchblicken, dass er Hypatias öffentliches Auftreten missbilligte. Er war der Meinung, dass Philosophieunterricht nicht in der Öffentlichkeit und nicht jedem, sondern nur entsprechend qualifizierten Schülern erteilt werden sollte.[7] Möglicherweise hat er bei seiner Darstellung von Hypatias Tätigkeit karikierend übertrieben. Jedenfalls kann man seinen Worten entnehmen, dass sie philosophische Themen, die man sonst in geschlossenem Kreis unter einschlägig Gebildeten zu erörtern pflegte, einer relativ breiten Öffentlichkeit unterbreitete.

In diese Richtung weist auch eine in der Suda überlieferte Anekdote, wonach sie einem in sie verliebten Schüler ihr Menstruationsblut als Symbol für die Unreinheit der materiellen Welt zeigte, um ihm die Fragwürdigkeit seines sexuellen Begehrens drastisch vor Augen zu führen. Die Geringschätzung des Körpers und der körperlichen Bedürfnisse war ein Merkmal der neuplatonischen Weltsicht. Wenn auch die Anekdote möglicherweise erst im Zuge der Legendenbildung entstanden ist, mag sie einen wahren Kern haben; jedenfalls war Hypatia dafür bekannt, vor einem bewusst provozierenden Verhalten nicht zurückzuschrecken. Dies ist ebenfalls ein Indiz für ein kynisches Element in ihrer philosophischen Haltung: Kyniker pflegten kalkuliert zu schockieren, um Erkenntnisse herbeizuführen.[8]

Neben dem Lehrstoff, den Hypatia der Öffentlichkeit vermittelte, gab es auch Geheimlehren, die einem engeren Schülerkreis vorbehalten bleiben sollten. Dies ist aus der Korrespondenz des Synesios ersichtlich, der gegenüber seinem Freund und Mitschüler Herkulianos mehrfach an das Gebot der Verschwiegenheit (echemythía) erinnert und Herkulianos vorwirft, sich nicht daran gehalten zu haben. Dabei verweist Synesios auf das Schweigegebot bei den Pythagoreern; die Vermittlung von Geheimwissen an unqualifizierte Personen führe dazu, dass solche eitlen und verständnislosen Hörer ihrerseits das Vernommene in verzerrter Form weitergäben, was letztlich eine Diskreditierung der Philosophie in der Öffentlichkeit bewirke.[9]

Sokrates von Konstantinopel schreibt, Hypatia sei in der Umgebung hoher Beamter aufgetreten. Sicher ist, dass sie zum Umkreis des römischen Präfekten Orestes gehörte.

Hypatia blieb ihr ganzes Leben unverheiratet. Die Angabe in der Suda, sie habe sich mit einem Philosophen namens Isidoros vermählt, ist auf einen Irrtum zurückzuführen. Damaskios erwähnt ihre außergewöhnliche Schönheit.

Im Rahmen ihrer naturwissenschaftlichen Arbeit befasste sich Hypatia auch mit Messgeräten. Dies ist aus der brieflichen Bitte des Synesios ersichtlich, sie möge ihm ein „Hydroskop“ schicken, womit offenbar ein Aräometer gemeint war.[10] Ob das Instrument zur Erfassung und Beschreibung der Himmelskörperbewegungen, das Synesios bauen ließ, nach Anweisungen Hypatias konstruiert wurde, ist in der Forschung umstritten.[11]

Hypatia wurde im März 415 oder im März 416 ermordet.[12] Die Vorgeschichte bildete ein primär politischer und persönlicher Konflikt mit religiösen Aspekten, mit dem sie wohl ursprünglich nichts zu tun hatte.

Die wichtigsten Quellen zur Hypatia-Überlieferung sind:

  • sieben an Hypatia gerichtete Briefe des Neuplatonikers Synesios von Kyrene, der sie außerdem in weiteren Briefen und in seiner Abhandlung Über das Geschenk erwähnt. Als Schüler und Freund Hypatias war Synesios sehr gut informiert. Da er am Neuplatonismus festhielt, aber zugleich Christ war und sogar Bischof von Ptolemais wurde, ist seine Sichtweise relativ wenig von Parteinahme in den religiösen Konflikten geprägt.
  • die Kirchengeschichte des Sokrates von Konstantinopel (Sokrates Scholastikos), der ein jüngerer Zeitgenosse Hypatias war. Ungeachtet des religiösen Gegensatzes schildert Sokrates die Philosophin respektvoll und verurteilt ihre Ermordung nachdrücklich als unchristliche Tat. Auf seinen Angaben fußen die meisten Darstellungen späterer byzantinischer Geschichtsschreiber, die aber die Vorgänge zum Teil anders bewerten als Sokrates.
  • die nur fragmentarisch erhaltene Philosophische Geschichte des Neuplatonikers Damaskios, die im Zeitraum 517–526 entstanden ist. Damaskios war ein entschiedener Anhänger der alten Religion und Gegner des Christentums. Gleichwohl neigte er zu kritischen Urteilen über die Kompetenz von neuplatonischen Philosophen, die seinen eigenen Maßstäben nicht genügten, und auch seine Bemerkungen über Hypatia lassen eine abwertende Haltung erkennen.
  • die Chronik des ägyptischen Bischofs Johannes von Nikiu. Johannes, der im 7. Jahrhundert schreibt, also aus großer zeitlicher Distanz berichtet, billigt Hypatias Ermordung und ergreift vorbehaltlos für ihre radikalen Gegner Partei.
  • der Hypatia gewidmete Artikel in der Suda, einer byzantinischen Enzyklopädie des 10. Jahrhunderts.[1] Dort sind Angaben unterschiedlicher Herkunft und Qualität unkritisch aneinandergereiht. Der Verfasser des Suda-Artikels verwertete Nachrichtenmaterial aus der Philosophischen Geschichte des Damaskios und wahrscheinlich auch aus einer weiteren spätantiken Quelle, der von Hesychios von Milet angelegten Sammlung von Literaten-Biographien, die heute bis auf Fragmente verloren ist. In seiner Darstellung ist legendenhafte Ausschmückung erkennbar.

Vorgeschichte

Theophilos steht triumphierend auf dem Serapeum (spätantike Buchillustration)

Schon in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts war es in Alexandria zu starken Spannungen zwischen Teilen der christlichen Bevölkerungsmehrheit und Anhängern der alten Kulte gekommen, die zu gewalttätigen Ausschreitungen mit Todesopfern führten. Im Lauf dieser Auseinandersetzungen wurde die Minderheit zunehmend zurückgedrängt. Der Patriarch Theophilos von Alexandria ließ Kultstätten zerstören, insbesondere das berühmte Serapeum, doch der pagane Unterrichtsbetrieb wurde – wenn überhaupt – nur vorübergehend beeinträchtigt.[13]

Die religiös-philosophische Weltanschauung der Gebildeten, die an der alten Religion festhielten, war ein synkretistischer Neuplatonismus, der auch Teile des Aristotelismus und stoische Gedanken in sein Weltbild integrierte. Diese paganen Neuplatoniker versuchten, die Verschiedenheiten der überlieferten philosophischen Systeme durch eine stimmige Synthese der philosophischen Traditionen zu überbrücken, und erstrebten damit eine einheitliche Lehre als philosophische und religiöse Wahrheit schlechthin. Von der Synthese ausgenommen war nur der Epikureismus, den die Neuplatoniker insgesamt verwarfen und nicht als legitime Variante der griechischen Philosophie betrachteten.

Zwischen dem paganen Neuplatonismus und dem Christentum bestand ein schwer überbrückbarer inhaltlicher Gegensatz. Nur Synesios, der zugleich Christ und Neuplatoniker war, versuchte eine Harmonisierung. In Konfliktfragen gab er aber letztlich der platonischen Philosophie gegenüber den Glaubenslehren den Vorzug. Die religiös orientierten nichtchristlichen Platoniker, welche die geistige Basis für einen Fortbestand paganer Religiosität in gebildeten Kreisen schufen, erschienen den Christen als prominente und hartnäckige Gegner.

Zu Opfern von Verfolgung und Vertreibung wurden Personen aus diesem paganen Milieu aber nicht wegen ihres Festhaltens an ihrem religiös-philosophischen Weltbild – etwa bei der Vermittlung herkömmlicher Bildungsinhalte an Schüler –, sondern wegen ihrer Kultpraxis.[14] Seit Iamblichos von Chalkis schätzten und praktizierten viele Neuplatoniker die Theurgie, eine rituelle Kontaktaufnahme mit den Göttern zum Zweck des Zusammenwirkens mit ihnen. Aus christlicher Sicht war das Zauberei, Götzenkult und Beschwörung teuflischer Dämonen. Radikale Christen waren nicht bereit, solche Praktiken zu dulden, zumal sie davon ausgingen, dass es sich um einen böswilligen Einsatz von Zauberkräften handle.

Neben den Konflikten zwischen paganen und christlichen Einwohnern von Alexandria gab es zugleich auch unter den Christen schwere Zerwürfnisse zwischen Anhängern unterschiedlicher theologischer Richtungen sowie Auseinandersetzungen zwischen Juden und Christen. Damit vermischten sich politische Gegensätze sowie Machtkämpfe, zu deren Hintergrund auch persönliche Feindschaften gehörten.

Kyrill von Alexandria (Ikone)

Den Ausgangspunkt der Ereignisse, die schließlich zu Hypatias Tod führten, bildeten handgreifliche Auseinandersetzungen zwischen Juden und Christen, die eskalierten und zahlreiche Todesopfer forderten. Der Patriarch Kyrill von Alexandria, der seit Oktober 412 amtierte, war der Neffe und Nachfolger des Theophilos, dessen Kurs religiöser Militanz er fortsetzte. Kyrill profilierte sich zu Beginn seiner Amtszeit als radikaler Gegner der Juden. Ein in seinem Sinne tätiger Agitator namens Hierax schürte den religiösen Hass. Als er bei einer Veranstaltung des Präfekten Orestes im Theater auftauchte, beschuldigten ihn die anwesenden Juden, er sei nur gekommen, um einen Aufruhr anzuzetteln. Orestes, der zwar Christ war, aber als oberster Repräsentant der Staatsmacht für den inneren Frieden zu sorgen hatte, ließ Hierax festnehmen und sogleich öffentlich unter der Folter befragen. Daraufhin bedrohte Kyrill die Anführer der Juden. Nach einem nächtlichen Angriff der Juden, die dabei viele Christen getötet hatten, organisierte Kyrill einen umfassenden Gegenschlag. Seine Anhänger zerstörten die Synagogen und plünderten die Häuser der Juden. Jüdische Einwohner wurden enteignet und aus der Stadt vertrieben.[15] Die Behauptung des Sokrates von Konstantinopel, es seien sämtliche in Alexandria lebenden Juden betroffen gewesen, scheint allerdings übertrieben zu sein. Es gab auch später eine jüdische Gemeinde in Alexandria. Ein Teil der Vertriebenen kehrte zurück.

Johannes von Nikiu, der die Vorgänge aus der Sicht der Parteigänger des Patriarchen schildert, beschuldigt Orestes der Parteinahme für die Juden. Diese seien bereit gewesen, Christen anzugreifen und zu massakrieren, weil sie sich auf die Unterstützung des Präfekten hätten verlassen können.[16]

Das eigenmächtige Vorgehen des Patriarchen gegen die Juden forderte die Autorität des Präfekten heraus, zumal Angriffe auf Synagogen gesetzlich verboten waren. Es kam zu einem erbitterten Machtkampf zwischen den beiden Männern, den höchsten Repräsentanten des Staates und der Kirche in Alexandria. Dabei stützte sich Kyrill auf seine Miliz (die Parabolani). Zur Verstärkung seiner Anhänger trafen rund fünfhundert gewaltbereite Mönche aus der Wüste ein. Zu diesen militanten Mönchen hatte Kyrill ausgezeichnete Beziehungen, da er früher einige Jahre unter ihnen gelebt hatte. Im Milieu der teils analphabetischen Mönche herrschte eine bildungsfeindliche Einstellung und radikale Intoleranz gegenüber allem Nichtchristlichen; sie hatten schon den Patriarchen Theophilos bei der Verfolgung religiöser Minderheiten tatkräftig unterstützt. Die Parteigänger des Patriarchen behaupteten, der Präfekt schütze Gegner des Christentums, weil er mit ihnen sympathisiere und selbst insgeheim ein Heide sei. Die fanatisierten Mönche traten dem Präfekten, als er in der Stadt unterwegs war, offen entgegen und forderten ihn mit Beschimpfungen heraus. Ein Mönch namens Ammonios verletzte Orestes durch einen Steinwurf am Kopf. Darauf ergriffen fast alle Begleiter des Präfekten die Flucht, sodass er in eine lebensgefährliche Lage geriet. Seine Rettung verdankte er herbeieilenden Bürgern, welche die Mönche verjagten und Ammonios ergriffen. Der Gefangene wurde verhört und starb unter der Folter. Daraufhin lobte Kyrill öffentlich den Mut des Ammonios, verlieh ihm den Namen „der Bewundernswerte“ und wollte für ihn einen Märtyrerkult einführen. Damit fand er aber bei der christlichen Öffentlichkeit kaum Anklang, da der tatsächliche Hergang der Auseinandersetzung allzu bekannt war.[17]

Ermordung

Nun entschied sich Kyrill oder jemand aus seinem Umkreis für ein Vorgehen gegen Hypatia, die sich als Angriffsziel eignete, da sie eine profilierte pagane Persönlichkeit im engeren Umkreis des Präfekten war. Nach dem Bericht des Sokrates von Konstantinopel, der glaubwürdigsten Quelle, wurde das Gerücht verbreitet, dass Hypatia als Beraterin des Orestes diesen zu einer unnachgiebigen Haltung ermutige und damit eine Versöhnung zwischen der geistlichen und der weltlichen Gewalt in der Stadt hintertreibe. Hierdurch aufgestachelt, versammelte sich eine Schar christlicher Fanatiker unter der Führung eines gewissen Petros, der in der Kirche den Rang eines Lektors innehatte, und lauerte Hypatia auf. Die Christen bemächtigten sich der alten Philosophin, brachten sie in die Kirche Kaisarion, zogen sie dort nackt aus und töteten sie mit „Scherben“ (eine andere Bedeutung des in diesem Zusammenhang gebrauchten Wortes ostraka ist „Dachziegel“). Dann rissen sie den Leichnam in Stücke, brachten seine Teile an einen Ort namens Kinaron und verbrannten sie dort.[18]

Johannes von Nikiu präsentiert eine Version, die hinsichtlich des Ablaufs mit der des Sokrates weitgehend übereinstimmt und nur im Detail etwas abweicht. Nach seiner Darstellung wurde Hypatia zwar in die Kirche Kaisarion gebracht, aber nicht dort getötet, sondern nackt in den Straßen der Stadt zu Tode geschleift. Die Folge sei eine Solidarisierung der christlichen Bevölkerung mit dem Patriarchen gewesen, da er nunmehr den letzten Rest des Heidentums in der Stadt vertilgt habe. Johannes von Nikiu, dessen Bericht wohl die offizielle Position der Kirche von Alexandria wiedergibt, rechtfertigt den Mord mit der Behauptung, Hypatia habe den Präfekten und die Stadtbevölkerung mittels satanischer Zauberei verführt. Unter ihrem Einfluss habe der Präfekt nicht mehr am Gottesdienst teilgenommen. Den Lektor Petros, den unmittelbaren Anstifter des Mordes, beschreibt Johannes als vorbildlichen Christen.[19]

Kaum glaubwürdig ist die Schilderung der Vorgeschichte bei Damaskios, der behauptet, Kyrill habe, als er zufällig am Hause Hypatias vorbeigefahren sei, eine Menschenmenge bemerkt, die sich davor versammelt hatte, und daraufhin aus Neid auf Hypatias Popularität beschlossen, sie zu beseitigen.[20]

Für Orestes bedeutete der Mord eine spektakuläre Niederlage und er büßte viel Ansehen in der Stadt ein, da er weder die mit ihm befreundete Philosophin schützen noch die Täter bestrafen konnte. Zwar wurde gegen die Mörder Klage erhoben, doch ohne Folgen. Damaskios behauptet, Richter und Zeugen seien bestochen worden. Eine Gesandtschaft des Patriarchen begab sich nach Konstantinopel an den Hof des oströmischen Kaisers Theodosius II., um dort die Ereignisse aus der Sicht Kyrills zu schildern. Etwas später jedoch, anderthalb Jahre nach Hypatias Tod, konnten die Gegner des Patriarchen ihm einen schweren Schlag versetzen, denn es gelang ihnen, sich in Konstantinopel durchzusetzen. Kaiserliche Verordnungen vom September und Oktober 416 legten fest, dass künftig Gesandtschaften an den Kaiser unter Umgehung des Präfekten nicht mehr erlaubt seien und dass die Miliz des Patriarchen verkleinert und fortan der Kontrolle des Präfekten unterstellt werde. Demnach verlor diese Truppe den Charakter einer Miliz, die der Patriarch nach Belieben verwenden und sogar gegen den Präfekten einsetzen konnte. Diese kaiserlichen Maßnahmen hatten allerdings nicht lange Bestand, schon 418 konnte Kyrill die Befehlsgewalt über seine Miliz zurückgewinnen.[21]

Seit langem umstritten ist die Frage, ob der Patriarch Kyrill den Mord angestiftet oder zumindest gebilligt hat. Eine eindeutige Klärung ist kaum möglich. Jedenfalls ist davon auszugehen, dass die Täter annehmen konnten, im Sinne des Patriarchen zu handeln.

Edward Watts bezweifelt, dass Petros den Tod Hypatias geplant hatte. Watts weist darauf hin, dass es in der Spätantike des Öfteren zu Konfrontationen zwischen prominenten Persönlichkeiten und einem aufgebrachten Mob kam, dieser aber selten eine Tötungsabsicht verfolgte. Selbst in Alexandria, wo es öfters zu Unruhen kam, waren gezielte Tötungen eher selten; im 4. und 5. Jahrhundert war es zweimal dazu gekommen, und beide Male (361 und 457) waren die Opfer unbeliebte Bischöfe. Es ist auch möglich, dass Petros die alte Philosophin einschüchtern wollte, damit sie sich von ihrer beratenden Rolle Orestes gegenüber zurückzog, die Situation dann jedoch außer Kontrolle geriet.[22]

Werke und Lehre

Die Darstellung des Damaskios, dass Hypatia sowohl die Schriften Platons als auch die des Aristoteles auslegte und überhaupt über jeden beliebigen Philosophen dozierte, weist sie als Vertreterin des zu ihrer Zeit vorherrschenden Synkretismus aus. Man ging von einer in den Grundzügen einheitlichen Lehre aller damals als seriös geltenden philosophischen Richtungen aus. Die verschiedenen Richtungen, ausgenommen der verachtete Epikureismus, wurden unter dem Dach des Neuplatonismus zusammengeführt. Dass Hypatia Neuplatonikerin war, wird in der neueren Forschung nicht mehr bezweifelt. Sokrates von Konstantinopel stellt ausdrücklich fest, sie habe der Schule angehört, die Plotin begründet hatte, und dies war die neuplatonische. Die Hypothese von John M. Rist, wonach Hypatia eine vor-neuplatonische, an den Mittelplatonismus anknüpfende Philosophie vertrat, hat sich nicht durchgesetzt.[23]

Die Frage, welcher Richtung des Neuplatonismus Hypatia angehörte, wird in der Forschung unterschiedlich beantwortet. Da die Quellen nichts überliefern, sind nur hypothetische Überlegungen möglich. Einer Vermutung zufolge stellte sich die Philosophin in die Tradition des Iamblichos und betrieb dementsprechend Theurgie. Nach der gegenteiligen Meinung zählte sie eher zur Richtung von Plotin und Porphyrios, die eine Erlösung der Seele aus eigener Kraft durch geistiges Erkenntnisstreben postulierte.[24]

In der Suda werden ihr mehrere Werke – alle mathematischen oder astronomischen Inhalts – zugeschrieben: ein Kommentar zur Arithmetik des Diophantos von Alexandria, ein Kommentar zu den Kegelschnitten des Apollonios von Perge und eine Schrift mit dem Titel „Astronomischer Kanon“ oder „Zum astronomischen Kanon“. Unklar ist, ob das letztgenannte Werk ein Kommentar zu den „Handlichen Tafeln“ des Astronomen Ptolemaios war, wie meist angenommen wird, oder ein eigenes Tafelwerk Hypatias.[25] Diese Schriften sind wohl früh untergegangen, da sie sonst nirgends erwähnt werden.

Es ist keine einzige konkrete mathematische, naturwissenschaftliche oder philosophische Aussage überliefert, die Hypatia mit Sicherheit zugeschrieben werden kann. Allerdings hat ihr Vater Theon in der ältesten Handschrift des von ihm verfassten Kommentars zu Ptolemaios’ Almagest bei der Überschrift zum dritten Buch angemerkt, es handle sich um eine „von der Philosophin Hypatia, meiner Tochter“ durchgesehene Fassung. Unklar ist, ob damit gemeint ist, dass sie den Text der Almagest-Handschrift, die Theon für die Erstellung seines Kommentars verwendete, auf Fehler durchgesehen hat, oder ob sie korrigierend in den Text von Theons Kommentar eingegriffen hat.[26] Im Kommentar sind Spuren einer Überarbeitung erkennbar, die möglicherweise anzeigen, dass sie wirklich an diesem Werk ihres Vaters beteiligt war. Allerdings kann es sich dabei auch um Eingriffe eines anderen, vielleicht wesentlich späteren Bearbeiters handeln.

Vermutungen über sonstige Werke, die Hypatia verfasst haben könnte, sind spekulativ, ebenso wie Versuche, in den überlieferten Texten der Arithmetik des Diophantos und anderer Werke Spuren ihrer kommentierenden oder bearbeitenden Tätigkeit zu finden.[27]

Rezeption

Antike und Mittelalter

Schon zu ihren Lebzeiten genoss Hypatia einen legendären Ruf. Synesios rühmte sie überschwänglich und erwähnte in einem an sie gerichteten Brief ihren großen Einfluss, der sie zu einem gewichtigen Faktor im öffentlichen Leben mache. Sokrates Scholastikos schrieb in seiner Kirchengeschichte, sie habe die Philosophen ihrer Zeit übertroffen und sei wegen ihrer Tugendhaftigkeit allgemein bewundert worden. Dass sie in Alexandria außerordentlich verehrt wurde, bezeugt auch ein durch die Suda überlieferter Bericht. Daher erregte ihre Ermordung großes Aufsehen und wurde auch von einem Teil der christlichen Geschichtsschreiber verurteilt. Der arianische Kirchengeschichtsschreiber Philostorgios nutzte die Gelegenheit, seine theologischen Gegner, die Anhänger des Konzils von Nicäa, für den Mord verantwortlich zu machen.[28] Auch im lateinischsprachigen Westen wurde der Vorgang bekannt: Ein Kapitel der unter Cassiodors Leitung kompilierten Kirchengeschichte Historia ecclesiastica tripartita ist dem Schicksal Hypatias gewidmet. Diese Version folgt der Darstellung des Sokrates von Konstantinopel, gibt aber abweichend von dessen Bericht an, die Philosophin sei mit Steinen getötet worden.[29]

Dem Dichter Palladas wird traditionell ein Lobgedicht auf Hypatia zugeschrieben, von dem fünf Verse in der Anthologia Palatina überliefert sind.[30] Alan Cameron argumentiert gegen diese Zuschreibung und meint, der Dichter sei ein unbekannter Christ und die von ihm verherrlichte Hypatia nicht die Philosophin, sondern wahrscheinlich eine Nonne gewesen.[31] Anderer Meinung ist Enrico Livrea; er hält das Gedicht für Hypatias Grabinschrift.[32] Kevin Wilkinson meint, Palladas sei schon vor der Mitte des 4. Jahrhunderts gestorben; die Fragen der Verfasserschaft des Lobgedichts und der Identität der gepriesenen Frau hält er für völlig offen.[33]

Der wohl auf einer verlorenen spätantiken Darstellung fußende Bericht des Johannes von Nikiu aus dem 7. Jahrhundert, der den Mord rechtfertigt, gibt die Sichtweise von Hypatias kirchlichen Feinden wieder. Sie erscheint darin als kriminelle Magierin, die mittels Schadenzauber schweres Unheil über die Stadt gebracht hat. Daher habe sie getötet werden müssen, zur Strafe für ihre Verbrechen wie auch zum Schutz der Einwohner. Johannes gehörte der koptischen Kirche an, die Hypatias Gegner Kyrill zu ihren bedeutendsten Heiligen zählte und die Möglichkeit eines Fehlverhaltens dieses Kirchenvaters nicht in Betracht zog.[34]

Der neueren Forschung zufolge wurde die hagiographische Darstellung der Persönlichkeit und des Schicksals der als Heilige und Märtyrerin verehrten Katharina von Alexandrien großteils aus Elementen der Hypatia-Überlieferung konstruiert. Es wird angenommen, dass Katharina, die angeblich im Jahr 305 hingerichtet wurde, eine erfundene Gestalt ist. Ihr Kult ist ab dem 7. Jahrhundert bezeugt.[35] Möglicherweise lieferte bei der Ausformung der Katharina-Legende ein Bericht über Hypatia einen Teil des Stoffs, wobei die Rollen von Christen und Heiden vertauscht wurden.[36]

Im 14. Jahrhundert berichtete der byzantinische Geschichtsschreiber Nikephoros Gregoras, die Kaiserin Eudokia Makrembolitissa, die im 11. Jahrhundert lebte, sei „eine zweite Theano und Hypatia“ genannt worden. Aus seinen Worten ist zu ersehen, dass Hypatia im mittelalterlichen Byzantinischen Reich als Muster einer vorzüglich gebildeten Frau fortlebte.[37]

Frühe Neuzeit

Gilles Ménage veröffentlichte 1690 seine Historia mulierum philosopharum („Geschichte der Philosophinnen“), in der er Quellenzeugnisse zu Hypatias Leben und Tod zusammenstellte. Die Instrumentalisierung des Themas für religiöse und philosophische Polemik setzte im späten 17. Jahrhundert ein. Der protestantische Kirchenhistoriker Gottfried Arnold beurteilte in seiner Unparteyischen Kirchen- und Ketzer-Historie (Erstdruck 1699) die Rolle des Patriarchen als verbrecherisch. Im 18. Jahrhundert wurde das Schicksal Hypatias unter dem Gesichtspunkt der damaligen Gegensätze zwischen Katholiken und Protestanten sowie zwischen Vertretern der Aufklärung und der katholischen Kirche thematisiert. 1720 veröffentlichte der irische Philosoph John Toland, ein Deist, der aus der katholischen Kirche ausgetreten war, seine kirchenfeindliche Schrift Tetradymus, die auch einen Essay mit dem Titel Hypatia enthielt, in dem er die Philosophin idealisierte und Kyrill für den Mord voll verantwortlich machte. Henry Fielding nahm ebenfalls in seiner kirchenfeindlichen Satire A journey from this world to the next (1743) auf Hypatias Schicksal Bezug. Ihr Tod galt als eindrückliches Beispiel für einen kirchlicherseits geförderten mörderischen Fanatismus, den insbesondere Aufklärer wie Voltaire anprangerten. Voltaire äußerte sich dazu unter anderem in seinem Examen important de Milord Bolingbroke ou le tombeau du fanaticisme. Für ihn war Hypatia eine vom Klerus beseitigte Vorläuferin der Aufklärung. Der Historiker Edward Gibbon zweifelte nicht an Kyrills Verantwortung für die Mordtat; er sah in Hypatias Beseitigung ein Musterbeispiel für seine Deutung der Spätantike als Epoche eines Zivilisationsverfalls, den er mit dem Aufstieg des Christentums in Verbindung brachte.

Von stark kirchlich orientierten Christen wurde Kyrills Schuld bestritten oder heruntergespielt. Der Anglikaner Thomas Lewis publizierte 1721 ein Pamphlet, in dem er Kyrill gegen Tolands Polemik verteidigte und Hypatia als „most impudent school-mistress“ bezeichnete.[38] Die Rechtfertigung Kyrills war auch das Ziel einer 1727 veröffentlichten Abhandlung des französischen Jansenisten Claude-Pierre Goujet. Selbst unter den protestantischen Gelehrten Deutschlands fand Kyrill einen eifrigen Verteidiger: Ernst Friedrich Wernsdorf bestritt in einer 1747–48 erschienenen Untersuchung jede Mitverantwortung des Patriarchen für den Mord.

Moderne

Altertumswissenschaftliche Forschung und Feminismus

Eine Einschätzung von Hypatias philosophischen, mathematischen und astronomischen Leistungen ist angesichts der sehr ungünstigen Quellenlage spekulativ und problematisch. Christian Lacombrade betont, dass Hypatia ihren Nachruhm den Umständen ihres Todes verdanke, nicht ihrem Lebenswerk.[39] Eine Gegenposition zu dieser skeptischen Einschätzung ihrer Bedeutung ist in der feministischen Forschung anzutreffen, wo sich insbesondere Henriette Harich-Schwarzbauer mit ihrer 1997 in Graz vorgelegten Habilitationsschrift Hypatia von Alexandria. Die Testimonien zur alexandrinischen Philosophin profiliert hat. Im feministischen Diskurs werden die antiken Texte zu Hypatia unter dem Gesichtspunkt der Genderforschung interpretiert. Ihr Schicksal erscheint als Beispiel dafür, „wie man mit der weiblichen Intellektualität und wie man mit weiblicher Autorschaft umzugehen pflegte“. So wie Hypatias Leichnam zerstückelt wurde, so sei auch ihre Lebensleistung durch die Überlieferung zerstückelt worden. „Sie der Vergessenheit zu überantworten, war Kalkül.“[40]

Die Aussage des Philostorgios, Hypatia habe ihren Vater in der Mathematik und Astronomie weit übertroffen, bietet einen Anhaltspunkt für die in moderner wissenschaftlicher und nichtwissenschaftlicher Literatur vertretene Meinung, sie sei zu ihrer Zeit auf diesen Gebieten führend gewesen.[41] Mit der Betonung ihrer wissenschaftlichen Qualifikation verbindet sich bei manchen modernen Beurteilern die Ansicht, ihr Tod markiere einen historischen Einschnitt: das Ende der antiken Mathematik und Naturwissenschaft und insbesondere der Beteiligung von Frauen an wissenschaftlichen Bestrebungen.[42]

1925 veröffentlichte Dora Russell, die Frau des Philosophen Bertrand Russell, als Mrs. Bertrand Russell eine feministische Schrift mit dem Titel Hypatia or Woman and Knowledge.

Mehrere feministische Zeitschriften sind nach der spätantiken Philosophin benannt worden: Hypatia. Feminist Studies wurde 1984 in Athen gegründet; Hypatia: A Journal of Feminist Philosophy erscheint seit 1986 in Bloomington (Indiana). In Berlin gab es von 1991 bis 1998 die Zeitschrift Hypatia. Historische Frauenforschung in der Diskussion.

Belletristik, Musik, bildende Kunst und Film

Hypatia vor ihrer Ermordung in der Kirche. Gemälde von Charles William Mitchell, 1885, Laing Art Gallery, Newcastle

Die moderne Belletristik griff den Stoff auf und popularisierte ihn, Dichter und Schriftsteller nahmen sich des historischen Themas an und verfremdeten den Stoff zum Teil beträchtlich. Charles Leconte de Lisle schrieb zwei Fassungen eines Hypatia-Gedichts, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Leser fand, und das kurze Drama Hypatie et Cyrille (1857). Er verherrlichte das Ideal einer Verbindung von Weisheit und Schönheit, das er in Hypatia verwirklicht sah. Die stärkste und nachhaltigste Wirkung erzielte der Schriftsteller Charles Kingsley mit seinem 1853 in London erschienenen Roman Hypatia or New Foes with an Old Face, der 1858 erstmals in deutscher Übersetzung herauskam.[43] Dieser Roman machte Hypatia einem breiten Publikum bekannt. Kingsley behandelte den Stoff aus christlicher, aber antikatholischer Sicht. Er zeichnete zwar ein insgesamt positives Bild von Hypatia, stellte aber ihre philosophische Lebensweise als Irrweg dar. Sein erklärtes Ziel war es, das Christentum als „den einzigen wirklich demokratischen Glauben“ und die Philosophie als „den in höchstem Maße exklusiv aristokratischen Glauben“ darzustellen.[44] Auch bei ihm macht die Verbindung von Weisheit und Schönheit die Faszination Hypatias aus. Kingsleys Gestaltung des Stoffs bildete die Basis für die 1878 veröffentlichte Tragödie Hypatia von Arnold Beer, ein Trauerspiel in Versen. 1906 stellte Hans von Schubert fest: „Kingsleys Hypatia ist längst zum Gemeingut des gebildeten Publikums, zu einem Lieblingsbuch speziell des historisch gebildeten Publikums auch in Deutschland geworden.“[45] Fritz Mauthner schrieb einen kirchenkritischen Roman Hypatia (1892).

Von dem Komponisten Roffredo Caetani stammt die Oper Hypatia, eine azione lirica in drei Akten, die 1924 veröffentlicht und 1926 im Deutschen Nationaltheater in Weimar uraufgeführt wurde. Sie handelt vom letzten Lebenstag Hypatias. Der italienische Schriftsteller Mario Luzi schrieb das Drama Libro di Ipazia (1978), in dem er die Unausweichlichkeit des Untergangs der von Hypatia repräsentierten Welt thematisierte. 1987 erschien die Erzählung Renaissance en Paganie der aus Québec stammenden Politikerin und Schriftstellerin Andrée Ferretti, in der Hypatia eine wichtige Rolle spielt. 1989 veröffentlichte der kanadische Mediävist und Schriftsteller Jean-Marcel Paquette unter seinem Pseudonym Jean Marcel den Roman Hypatie ou la fin des dieux („Hypatia oder Das Ende der Götter“). 1988 publizierte der Jugendbuchautor Arnulf Zitelmann seinen historischen Roman Hypatia, in dem Hypatia als Vorkämpferin des freien Denkens und verantwortlichen Handelns dem Patriarchen Kyrill gegenübergestellt wird.

Hypatia fand Eingang in die bildende Kunst des 20. Jahrhunderts: Die feministische Künstlerin Judy Chicago widmete ihr in der Arbeit The Dinner Party eines der 39 Gedecke am Tisch.[46]

Im Jahr 2000 erschien der Roman Baudolino von Umberto Eco. Der Titelheld begegnet einem Mischwesen, das den Oberkörper einer Frau mit einem ziegengestaltigen Leib vom Bauch an abwärts verbindet und sich als „eine Hypatia“ vorstellt. Nach ihrem Bericht gehört sie zu den Nachkommen von Schülerinnen der Philosophin Hypatia, die nach dem Mord geflohen sind. Sie tragen alle den Namen Hypatia. Die Gestalt von Mischwesen haben sie erhalten, da sie sich mit Satyrn fortpflanzen. Sie bekennen sich zu einer von gnostischem Gedankengut geprägten Erlösungslehre, die sie der christlichen entgegenstellen.[47]

Der Regisseur Alejandro Amenábar drehte 2009 über Hypatia den Spielfilm Agora – Die Säulen des Himmels mit Rachel Weisz in der Hauptrolle. Dort ist Hypatia eine bedeutende Astronomin. Sie vertritt wie schon Aristarch ein heliozentrisches Weltbild und entdeckt sogar den elliptischen Charakter der Erdbahn, womit sie ein frühneuzeitliches Modell teilweise vorwegnimmt. Mit ihrer wissenschaftlichen Denkweise erregt sie in fundamentalistischen religiösen Kreisen Anstoß. Ob der Film eine wirklichkeitsnahe Darstellung der Protagonistin und der Verhältnisse im spätantiken Alexandria bietet, ist umstritten. Nach der Ansicht des Regisseurs ist das der Fall.[48] Die Historikerin Maria Dzielska hingegen meint, der Film habe „wenig mit der authentischen, historischen Hypatia zu tun“.[49]

Benennungen

Nach Hypatia ist der Asteroid (238) Hypatia benannt, der am 1. Juli 1884 von Viktor Knorre an der Berliner Sternwarte entdeckt wurde. Auch der Mondkrater Hypatia trägt ihren Namen. Nördlich des Kraters befinden sich Mondrillen, die Rimae Hypatia („Hypatia-Rillen“) heißen. 2015 wurde der Exoplanet Hypatia (Iota Draconis b) nach einem öffentlichen Wettbewerb der IAU nach Hypatia benannt.

Das Oxford English Dictionary als Popcornkino: The Professor and the Madman

Thomas Barth

Ein pralles Historiendrama über ein erstaunliches Thema: Das erste umfassende Wörterbuch Oxford English Dictionary. Es geht um die Bändigung der führenden Kolonialsprache, vor welcher die Gelehrten Oxfords kapitulierten, die aber ein schottischer Autodidakt und ein paranoider Wundarzt meisterten.

Der Film The Professor and the Madman beginnt mit einem Knalleffekt. Ein viktorianischer Gentlemen zückt wutentbrannt im nächtlichen London seinen Colt und feuert auf einen Passanten. Er glaubt sich verfolgt, jagt den vermeintlichen Widersacher und tötet ihn. Es traf leider einen völlig Unschuldigen, zudem sechsfachen Familienvater, wie man im folgenden Gerichtsprozess erfährt. Der offensichtlich geisteskranke Täter wird in ein Irrenasyl gesteckt. Soweit die Vorgeschichte.

Alles beruht auf wahren Begebenheiten: An der renommierten Universität Oxford, geistiges Zentrum des global dominierenden Britischen Empire, ist man kurz davor das heute legendäre Oxford English Dictionary aufzugeben ehe auch nur der erste Band erschien. Zu schnell entwickelt sich die Sprache in den weltumspannenden Kolonien und durch den sozialen, technischen und ökonomischen Fortschritt. Doch dann taucht im Jahr 1877 der etwas ungehobelte Schotte James Murray (Mel Gibson) auf, ein autodidaktisches Sprachgenie, und findet Fürsprecher in der snobistischen Professorenschaft.

Der Film versteht es, den Kampf der Gelehrten um ihr Wörterbuch dramatisch zu inszenieren und deutet zugleich an, dass es um eine der Kolonialisierung des Erdballs parallele Eroberung der Sprache geht. Etwas anglozentrisch werden dabei zwar die Erfolge der französischen Enzyklopädisten ausgeblendet, aber dafür gibt es Einblicke in die Grausamkeiten des US-Bürgerkrieges und die menschenverachtende Medizin der zeitgenössischen Psychiatrie (Filmscript PDF)/Trailer).

Professor trifft Madman

Anfangs noch Autodidakt ohne Schulabschluss, hat Mr.Murray gegen zahlreiche Widerstände zu kämpfen. Obwohl einige Akademie-Schranzen neidisch gegen den Noch-nicht-Professor Murray intrigieren, gelingt ihm das unmöglich scheinenden: es geht endlich voran in Band 1 zum Buchstaben A, auch dank eines geheimnisvollen Gönners. Auf Murrays revolutionären Aufruf ans Volk der Leser (mittels massenhaft in Bücher gelegter Flugblätter) meldet sich William Chester Minor (Sean Penn). Dr.Minor liefert unglaublich viele Worterklärungen nebst Literaturquellen aus Werken der englischen Literatur seit dem 7.Jahrhundert. Erst später erfahren die entsetzten Gelehrten, dass besagter Dr.Minor als geisteskranker Mörder im berühmten Broadmoore-Irrenasyl einsitzt. Doch unerschrocken sucht Murray den verrückten Dr.Minor auf und es entwickelt sich eine fruchtbare kollegiale Freundschaft. 1884 erscheint der ersten Teil von Band 1 zum Buchstaben A.

Bluttaten und Lovestory

Geschickt werden Handlungsstränge verwoben: In Rückblenden wird die Untat von Minor in ihrer Geschichte aus dem US-Sezessionskrieg erklärt. Minor musste als Wundarzt der Nordstaatler einen Deserteur im Gesicht brandmarken und glaubt sich nun von diesem verfolgt. Aber er sieht seine Schuld der Witwe (Natalie Dormer) des Getöteten gegenüber ein und zwischen den beiden entspinnt sich eine Lovestory. Auch Murrays Ehe wird in einem Handlungsstrang verfolgt, was dem Film seinen human touch verleiht.

Am Ende verfällt Dr.Minor jedoch wieder dem Wahnsinn, wird von der damaligen Psychiatrie unmenschlichen Behandlungen unterzogen und begeht schließlich eine Selbstkastration (wie historisch belegt ist). Doch Murray bringt sein Werk soweit voran, dass es von der Queen anerkannt und damit vor einer Streichung der Gelder bewahrt wird. Die Vollendung erlebte er jedoch nicht mehr: Erst 1928 erschien der letzte Band, nach fast 50 Jahren lexikalischer Arbeit.

Mel Gibson und der Wahnsinn

Mel Gibson ist der Wahnsinn schon in die cineastische Wiege gelegt: Sein Debüt gelang ihm 1977 in einer Nebenrolle des Schizophrenie-Dramas I NEVER PROMISED YOU A ROSEGARDEN, sein Durchbruch kam als apokalyptischer MAD MAX (1979), später brillierte er als paranoider Taxifahrer in FLETCHERS VISIONEN (1997) gegen den diabolischen CIA-Arzt, der ihn in einem historischen belegten Psycho-Kriegsprogramm zum Superkiller machen wollte (in der Realwelt hieß die Operation MKUltra oder Artischocke).

Fast zwei Jahrzehnte soll sich Mel Gibson für die Verfilmung von Simon Winchesters Buch über die Entstehung des Oxford Dictionarys eingesetzt haben. Aber glücklich wurde er damit nicht: Voltage Pictures, die verantwortliche Produktionsfirma, blockierte fällige Budgetüberschreitungen und verweigerte Gibson einige Nachdrehs. Nachdem Gibsons Anwälte mit ihrer Klage scheiterten, distanzierten sich er und Regisseur/Drehbuchautor Farhad Safinia von The Professor and the Madman. Voltage Picture verpasste damit wohl aus Geiz, ein echtes Meisterwerk produziert zu haben, doch sehenswert ist der Film allemal (3,5/5*).

‚A Rainy Day in New York‘ Zur Verteidigung von Woody Allen gegen #metoo

Thomas Barth

Bild: © Mars Films

2018 war für die Woody-Allen-Fangemeinde ein schwarzes Jahr, denn erstmals brachte der Erfinder des „Stadtneurotikers“ kein neues Werk auf die Leinwand. Grund waren alte Beschuldigungen, die seine Adoptivtochter Dylan Farrow gegen ihn im Zeichen der #metoo-Debatte erneut in die Öffentlichkeit brachte, wo sie in diesem Jahr mit einer moral panic zusammenfielen. #metoo ist dazu auch noch ein Phänomen, welches ihr Bruder, der Investigativ-Journalist Ronan Farrow, durch Enthüllungen über den Filmproduzenten Harvey Weinstein und seinen sexuellen Missbrauch von jungen Frauen losgetreten hatte.

Woody Allens Produktionsfirma Amazon hat sich daraufhin von ‚A Rainy Day in New York‘ zurück gezogen und einen 4-Movies-Produktionsvertrag mit Allen annulliert. Dennoch kommt jetzt -wenn auch verspätet- die deutsche Version in die Kinos, auch in anderen Ländern fanden sich Filmvertriebe. Der Film thematisiert, was Allen bei Drehbeginn aber noch nicht ahnen konnte, ausgerechnet den Kern der #metoo-Thematik: Den sexuellen Kontakt von jungen Frauen mit wichtigen Männern des Filmbusiness.

Filminhalt

A Rainy Day in New York‘ ist eine typische Woody-Allen-Komödie, Jazzmusik und witzige Dialoge, angesiedelt im linksliberal-jüdischen Milieu natürlich in New York. Eine herausragende Romantikkomödie, wenn auch nicht so Oscar-verdächtig wie viele andere Filme Allens. Der Protagonist ist ein junger und hochintelligenter Mann, zugleich aber eine Art lebensfremder Stadtneurotiker, somit wohl Alter Ego und Markenzeichen des Filmemachers.

Seinen Durchbruch erlebte Allen mit ‚Der Stadtneurotiker‘, einer autobiografischen Mocumentary, deren Gegenbild ‚A Rainy Day‘ jetzt zeichnen könnte. In der Pubertät durchlebt man Ängste, Scham und Minderwertigkeitsgefühle, aber auch arrogante Posen und Selbstüberschätzung bis zum Größenwahn, der Neurotiker plagt sich auch im späteren Leben weiter damit ab. Im aufgeblasenen Ego des Narzissten oder von Selbstzweifeln gequälten Depressiven ringt der Neurotiker mit sich selbst und seiner sozialen Umwelt. Bewegte sich Woody Allen im ‚Stadtneurotiker‘ und seinen frühen Filmen eher auf der negativen Seite, so entfaltet ‚A Rainy Day‘ das Lebensgefühl des zwar unangepassten, aber vom Glück verwöhnten und arroganten jungen Gatsby Welles (Timothée Chalamet).

Gatsby hat sein Studium an einer Eliteuni geschmissen, weil ihm dort alle zu verbissen waren, und ist an eine Provinzuni in Arizona gegangen. Er kommt bei den Frauen gut an und startet gerade eine Reise nach New York mit seiner etwas naiven Freundin Ashleigh (Elle Fanning). Die Bankierstochter war Schönheitskönigin und ist als Journalistik-Studentin sehr ehrgeizig. Sie will in Gatsbys Heimatstadt den berühmten Regisseur Roland Pollard (Liev Schreiber) interviewen und fragt sich, ob sie mit so einem Beitrag für die Uni-Zeitung wohl einen Pulitzer-Preis gewinnen kann. Gatsby dagegen will Ashleigh mit 20.000 beim Pokern gewonnenen Dollars die romantische Seite New Yorks zeigen, teures Hotel am Central Park, exquisite Restaurants und Cocktailbars mit Pianospieler, Kutschfahrt durch den Regen. Doch daraus wird nichts, denn die junge Reporterin versackt in der Glamourwelt des Filmbusiness.

Schon beim Interview flirtet der an sich zweifelnde Regisseur Pollard heftig mit der schönen Ashleigh und lädt sie gleich zu einer privaten Vorführung seines neuen Filmes ein, später will er sie sogar als Muse mit nach Frankreich nehmen. Sein Drehbuchautor Ted Davidoff (Jude Law), mit dem Pollard bei der Vorführung in Streit gerät, fordert Ashleigh auf, dem krisengeplagten Pollard mit weiblicher Zuwendung Mut zu machen. Sonst würde Pollard den Film noch hinwerfen -Ashleigh wittert für ihren Artikel schon einen großen Knüller. Doch schon bald bemüht sich auch Davidoff um die junge Schönheit, denn seine Frau hat ihm just den Laufpass gegeben. Am Filmset suchen beide den frustriert getürmten Pollard und Ashleigh lernt auch noch den Filmstar und Frauenschwarm Francisco Vega (Diego Luna) kennen, ihren auf sie wartenden Gatsby vertröstet sie immer wieder am Handy, sie sei nun aber wirklich einer ganz großen Story auf der Spur. Auch Vega würde die Ballkönigin aus der Provinz nicht von der Bettkante stoßen und nimmt sie erst in seine Garderobe, umschwärmt von Paparazzi, dann auf eine Promi-Party und zuletzt in sein Apartment mit. Ashleigh, die sich zunächst naiv in der Aufmerksamkeit der Filmleute sonnt, wird auf der Schwelle des Schlafzimmers des schönen Filmstars schließlich bewusst, dass es hier um Sex mit ihr geht. An dieser Stelle sagt sie sich, zwar warte ihr Freund Gatsby auf sie, aber Francisco Vega ist ein Star und von diesem Seitensprung wird sie noch ihren Enkelkindern erzählen können.

Gatsby lässt sich derweil durch sein altes New York treiben, landet bei alten Freunden in einer Studenten-Filmproduktion, muss als Statist widerwillig die kleine Schwester einer verflossenen Schulfreundin küssen. Wartet vergeblich im Hotelzimmer auf Ashleigh, die er dann auch noch im Klatsch-TV bei ihrem Besuch in Francisco Vegas Garderobe als dessen neuesten Groupie präsentiert bekommt. Nunmehr Single, gerät er in eine Pokerrunde, gewinnt, und sitzt schließlich melancholisch in einer Bar. Gatsby blickt der Dinnerparty bei seiner Mutter unentschlossen entgegen, denn er sollte dort eigentlich die neue Freundin aus Arizona in die gehobenen Kreise New Yorks einführen. Als eine Prostituierte ihn anspricht, beschließt er spontan sie für 5.000 Dollar als Ashleigh-Double zu engagieren und seiner Mutter unter zu jubeln. Dies misslingt jedoch ebenso wie Ashleighs Seitensprung und am Ende erfährt Gatsby, dass Mütter nicht immer sind, was sie scheinen, und dass es nicht immer die Ballkönigin ist, die einen Mann glücklich macht.

Woody Allen selbst soll, wie sein Regisseur-Alter-Ego Pollard, mit dem Film nicht zufrieden gewesen sein, seine Fans aber wird er kaum enttäuschen. Die Darsteller überzeugen und keiner kann New York so romantisch in Szene setzen wie Allen. ‚A Rainy Day‘ streift mit seiner Story jedoch die #metoo-Problematik und kann fast als Statement gesehen werden: Die junge Ashleigh weiß bei aller Naivität am Schluss genau, worauf sie sich einlässt und zeigt sich, wenngleich auf sympathische Art, von durchaus egoistischen Motiven getrieben. Vielleicht hat auch dies bei Amazon den Ausschlag gegeben, sich von der Produktion abzuwenden. Hauptdarsteller Chalamet und andere haben im Lauf des Shitstorms gegen Woody Allen verkündet, ihre Gagen aus dem Film an #metoo-Opfergruppen zu spenden.

#metoo und Woody Allen

In Donald Trumps Amerika scheint die Unterscheidung eines Beschuldigten von einem Schuldigen inzwischen kaum noch eine Rolle zu spielen. Der Filmemacher, Autor und Jazzmusiker Woody Allen (82) wurde von der New York Times als so „toxisch“ bezeichnet, dass er nicht einmal einen Verlag für seine Autobiografie finden könne, die „Süddeutsche“ sieht ihn schon als Persona non grata der Kulturindustrie der USA.

Feministinnen, die seinerzeit mit Alice Schwarzers Zeitschrift „Emma“ im schmutzigen Scheidungs- bzw. Sorgerechtskrieg die Seite von Mia Farrow gegen Woody Allen ergriffen haben, mögen sich jetzt bestätigt fühlen. Sie sollten vielleicht drei Einwände bedenken:

Erstens standen weder Allen selbst noch seine Filme je für den antifeministischen American Macho, sondern haben diesen stets hinterfragt und ironisiert. Zweitens sind die gegen Allen erhobenen Missbrauchsbeschuldigungen mehr als fragwürdig, entstammen sie doch dem mit harten Bandagen geführten Rechtsstreit Allen-Farrow. Andere Adoptivkinder Mia Farrows haben die Mutter seitdem als rachsüchtig und manipulativ beschrieben; man muss Dylan Farrow dabei keine Lüge unterstellen, die Gedächtnispsychologie hat bei der Untersuchung von Zeugenaussagen das Phänomen der falschen Erinnerung mittlerweile ausreichend aufgeklärt. Schon mit einfachsten Manipulationsmethoden lassen sich selbst bei Erwachsenen Erinnerungen an nie geschehene Ereignisse, sogar an Straftaten, implantieren.

Ob Allen die damals siebenjährige Dylan 1992 wirklich einmal „untenrum“ unzüchtig berührt hat oder ob ihre manipulative Adoptiv-Mutter ihr dies nachträglich eingeredet hat, um sich am Ex zu rächen und das Gerichtsverfahren zu ihren Gunsten zu manipulieren, lässt sich nicht mehr aufklären; gerichtlich ist die Beschuldigung aufgearbeitet und beigelegt, neue Fakten sind nicht aufgetaucht. Zudem beschuldigte 2018 Mia Farrows und André Previns Adoptivtochter Soon-Yi Previn ihre Mutter ebenfalls des Missbrauchs. Eine Affäre mit Soon-Yi Previn, inzwischen Ehefrau von Woody Allen, war Grund für die Trennung von Farrow.

Drittens ist die #metoo-Debatte teilweise dabei, unfreiwillig auch Wasser auf die Mühlen von Donald Trumps Wahlkampf zu gießen. Denn kaum etwas war den Rechtspopulisten der Trump-Bewegung so verhasst wie die linksliberal-jüdische Filmbranche der USA. Breitbart und Trump-Nestor Bannon, der in Breitbarts Namen weiter kämpfte, hassten Hollywood und die Filmbranche wie einst die Nazis und später die McCarthy-Antikommunisten. Wenn die prominente Trump-Sympathisantin Nadja Atwal, selbst Filmproduzentin, Harvey Weinstein, Roman Polanski und Woody Allen heute süffisant in einem Atemzug nennen kann, werden viele Trump-Fans dies mit Genugtuung sehen, auch weil alle drei geschmähten Filmleute jüdischer Herkunft sind: Die traditionell antisemitischen Nazifahnen-Schwenker sowieso, aber auch Steve Bannon und seine Breitbart-Leser.

Hollywood ist für mich eine noch desillusionierendere Erfahrung als Obama und die demokratische Partei. Links reden, rechts leben und permanent die Kerze von beiden Seiten anzünden… Leute wie Woody Allen, Weinstein und Polanski wurden hofiert, bis … ja, bis es der Karriere mehr brachte, dies nun nicht mehr zu tun und stattdessen in das Gegenlager zu wechseln… Nadja Atwal

Sind bei Weinstein die #metoo-Vorwürfe berechtigt, so kann man beim 2009 wegen sexueller Straftaten belangten Filmemacher Polanski mit seinem Verteidiger Rüdiger Suchsland schon anderer Meinung sein.

Bei Woody Allen schießt #metoo übers Ziel hinaus, denn auch wenn seine Unschuld nicht beweisbar ist, ist sie doch äußerst wahrscheinlich und letztlich muss bis zum Beweis des Gegenteils ohnehin die Unschuldsvermutung gelten. Der Fall Roman Polanski kann vielleicht als Vorläufer der #metoo-Debatte gesehen werden, wobei leider nicht hilfreich ist, dass neben Woody Allen auch der berüchtigte Harvey Weinstein den Aufruf „Free Polanski now!“ unterzeichnet hatte -freilich neben vielen anderen Berümtheiten wie Monica Bellucci, Tilda Swinton, Whoopie Goldberg, David Lynch, Martin Scorsese, Fatih Akin, Constantin Costa-Gavras, Pedro Almodóvar und Wim Wenders, um nur einige zu nennen. Rüdiger Suchsland geht mit dem Richter von Polanski hart ins Gericht:

Skandalisiert und zum „Fall Polanski“ wurde alles erst durch den zuständigen Richter Laurence J. Rittenband, der seinerzeit nur deshalb mit dem Fall betraut worden war, weil er sich selbst massiv dazu gedrängt hatte… Rittenband war von Hollywood und seinen Stars besessen. Als „Richter der Stars“ hoffte er von ihrem Ruhm zu profitieren, und selbst in den Rang einer Celebrity zu kommen. Rittenband war zugleich ein typischer Repräsentant des biederen, bigotten, zurückgebliebenen Middle-Amerika, dessen Kleinbürger-Gesinnung noch im 19.Jahrhundert wurzelt. Für dieses Amerika ist Hollywood nicht nur fremd, sondern eine faszinierend abstoßende Hölle. Rüdiger Suchsland

Für die Neue Rechte, die im Netz unter Steve Bannons Führung für Trump trommelte, war Hollywood vielleicht weniger wegen erotischer Libertinage zu verdammen. Sie empörte eher mangelnder Patriotismus und die Unterstützung der Demokraten.

Peter Robinson, Hoover Institution, interviewte vor zehn Jahren den neorechten Hollywood-Kritiker Andrew Breitbart, dessen Blog unter Ägide von Steve Bannon posthum zum Flaggschiff der Netzkampagne für Donald Trump wurde. Dokumentiert ist dort wie der konservative Stanford-Thinktank Hoover den agilen Breitbart in seinem Kulturkampf gegen das linksliberale Establishment förderte: The Politics of Hollywood with Andrew Breitbart.

Die Herren Breitbart und Robinson scheinen sich einig, wie heruntergekommen die US-Filmindustrie sei; waren Warner Brothers noch pro-Republikaner gewesen, dominiere Hollywood jetzt eine linksorientierte Politik. Woody Allens „A Rainy Day in New York“ zeigt die Trump-Fans verhassten Linksintellektuellen in milder Selbstironie, wenn der junge Gatsby seine Zigaretten betont stilvoll mit Spitze raucht.

Das hätte das Duo Breitbart-Robinson sicher bestätigt, denn sie mokieren sich über alberne Intellektuelle, die ihre Zigaretten wie Europäer rauchen -Robinson saugt demonstrativ an seinem Kugelschreiber. Den stramm national gesinnten Herren missfällt aber vor allem, wie negativ in US-Filmen die USA und besonders US-Firmen dargestellt werden, immer wären sie die Bösen. Grund wäre auch das Schielen auf die Filmmärkte außerhalb der USA, deren Antiamerikanismus Hollywood damit bedienen wolle. Ihnen entgeht dabei, dass die meisten wirklich brutalen Bösen in solchen US-Actionfilmen doch eher Russen, Asiaten oder Latinos sind, manchmal auch Teutonen, wie z.B. Arnold Schwarzenegger in TERMINATOR (die wechseln dann jedoch auf die Seite der Guten und werden günstigstenfalls sogar zum Gouverneur von Kalifornien gewählt).

Im weiteren Altherrenplausch wettern Breitbart und Robinson noch gegen den neuen Bondfilm, da hätte man gezeigt, wie US-Amerikaner bzw. US-Firmen versuchen, Bolivien zu übernehmen -wie absurd! Was sollten US-Konzerne denn mit all dem Lithium anfangen? Etwa Autobatterien bauen? Der aktuelle Putsch gegen Evo Morales bzw. dessen Rücktritt Anfang November scheint allerdings den Kurs von Tesla beflügelt zu haben, der im November von 220 auf 320 Punkte sprang. Doch solche Fragen bewegen weder den klugen jungen Gatsby noch Woody Allen, sondern eher Michael Moore. Moores Filme von rechts zu übertrumpfen wurde dann zur fixen Idee von Breitbart-Jünger und Trump-Mentor Steve Bannon.

Eine Kurzfassung dieser Filmkritik erschien auf Telepolis

Filmkritiken von Thomas Barth auf filmverliebt.de

Leider ist das Cineastenblog Filmverliebt weniger mit dem Netzmedium verliebt und daher, wie mir gerade auffiel, meine dort publizierten Kritiken nicht leicht aufzufinden (Namenssuche auf dem Blog erbringt nur 3 von 12). Daher hier eine Übersicht mit Erscheinungsdatum und Link:

24.9.2014      MR.MAY UND DAS FLÜSTERN DER EWIGKEIT

https://www.filmverliebt.de/mr-may-und-das-fluestern-der-ewigkeit-ein-tragikomisches-filmjuwel-klagt-kaelte-und-effizienzdenken-an/

27.10.2014            4 ZIMMER, KÜCHE, SARG

https://www.filmverliebt.de/5-zimmer-kueche-sarg-wie-sollte-man-sich-als-vampir-verhalten/

4.11.2014    CITIZENFOUR

https://www.filmverliebt.de/kritik-zu-citizenfour-der-snowden-film-von-laura-poitras/

6.11.2014 LABYRINTH DES SCHWEIGENS

https://www.filmverliebt.de/was-verschweigt-der-film-labyrinth-des-schweigens/

7.2.2015 BLACKHAT

https://www.filmverliebt.de/donnergott-nerd-jagt-blackhat-kritik-zum-cyberthriller-von-michael-mann/

26.3.2015 TOD DEN HIPPIES ES LEBE DER PUNK

https://www.filmverliebt.de/tod-den-hippies-es-lebe-der-punk-kritik-zum-deftigen-autorenfilm-von-oskar-roehler/

11.4.2015 ELSER

https://www.filmverliebt.de/elser-kritik-kinofilm-revidiert-das-bild-eines-widerstandskaempfers/

23.4.2015 EX MACHINA

https://www.filmverliebt.de/kritik-zu-ex-machina-eulenspiegelei-auf-weizenbaum/

4.9.2015 I WANT TO SEE THE MANAGER

https://www.filmverliebt.de/i-want-to-see-the-manager-kritik-der-film-beschwoert-den-abstieg-des-westens/

4.10.2015 DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER

https://www.filmverliebt.de/der-staat-gegen-fritz-bauer-kritik-zum-polit-thriller/

7.8.2016 ALMODOVAR: JULIETA

https://www.filmverliebt.de/almodovars-julieta-kritik-ruhiger-film-um-mutter-und-tochter/

4.3.2017 RADIN: NICHTS ZU VERSCHENKEN

https://www.filmverliebt.de/filmkritik-zu-nichts-zu-verschenken-radin/

18.6.2017 DER WUNDERBARE GARTEN DER BELLA BROWN

https://www.filmverliebt.de/der-wunderbare-garten-der-bella-brown-kritik-zur-romantikkomoedie/