Archiv der Kategorie: Filmkritik

Filmkritik: Der wunderbare Garten der Bella Brown

Thomas Barth

„Der wunderbare Garten der Bella Brown“ ist ein modernes Märchen aus einem idyllisch-kleinstädtisch im Retrostil präsentierten London. Der mit warmherzigem Humor überzeugende Film ähnelt nicht nur vom deutschen Titel her dem Klassiker „Die fabelhafte Welt der Amélie“, auch Filmmusik und Stimmung erinnern daran und die Hauptfigur ist ähnlich verträumt angelegt.

Bella Brown (Jessica Brown Findlay, „Downtown Abbey“) ist ein wunderschönes, aber etwas sonderbares Mädchen, das -märchengerecht- als Findelkind im Kloster groß wurde. Nun ist sie Bibliothekarin, Bücherwurm und versucht sich auf einer alten Schreibmaschine als Schriftstellerin. Leider ist sie sehr gehemmt und zwangsneurotisch, hat eine peinlich aufgeräumte Wohnung, feste Gewohnheiten und kontrolliert immer mehrfach, ob sie ihre Haustür auch wirklich abgeschlossen hat. Bella hat sieben Zahnbürsten, für jeden Wochentag eine, in wohl sortierten Gläsern sammelt sie Gummibänder, Münzen und skurrile Dinge. Ihr einziges Problem: Zur Wohnung gehört auch ein kleiner Hinterhofgarten und dort wuchert ein verwahrloster Urwald, denn Bella mag die Natur nicht und verabscheut Gartenarbeit. Das ärgert ihren Nachbarn, Mr. Stephenson (Tom Wilkinson), einen alten Griesgram und Gartenfanatiker, der sich beim Vermieter über Bellas Unkrautacker beschwert. Der Miesepeter ist reich und hält sich den irischen Meisterkoch Vernon (Andrew Scott, bei Benedict Cumberbatch „Sherlock“ spielt Scott den bösen Superschurken Moriati), der aber aufmüpfig auf Bellas Seite wechselt als ein Hausverwalter sie wegen Vernachlässigung ihrer Gärtnerpflichten prompt aus ihrer Wohnung werfen will. Vernon kennt seine Rechte ganz genau und holt unter Verweis auf Mieterschutzgesetze eine vier Wochen-Gnadenfrist für Bella heraus.

Regeln sind auch an Bellas Arbeitsplatz sehr wichtig, denn in der Bibliothek führt ihre Vorgesetzte Miss Bramble (Anna Chancellor) ein strenges Regiment der absoluten Ruhe. Daran kann sich der chaotisch-geniale, aber überaus charmante Erfinder Billy (Jeremy Irvine, „Gefährten“) nur schwer halten. Bellas zartes Begehren weckt der attraktive junge Mann mit den vielen Papierrollen geheimnisvoller Konstruktionspläne, zwischen denen er verbotenerweise mitgebrachte Pausenbrote versteckt. Bellas Gefühle treffen zwar auf Gegenliebe bei dem für fragil-mechanische Geschöpfe schwärmenden Genius, doch versehentlich bricht er ihr das Herz. Dabei hat sie gar keine Zeit für Liebeskummer, denn die Uhr tickt und ihr Garten muss dringend gepflegt werden. Leider kann Koch Vernon ihr wegen Heuschnupfen dabei nicht helfen. Aber während der grummelnde Mr.Stephenson nebenan darben muss, bekocht er die bislang von Konserven lebende Bella mit exquisiten Leckereien. Schließlich muss Bella selbst Hand an ihren Garten anlegen und sich zunächst einmal allein durch ihr -für sie beängstigendes- Gestrüpp kämpfen (wofür ein Psychoanalytiker sicher eine interessante Deutung finden könnte). Zuletzt öffnet sich heftig die Zuckerdose der Happy-End-Pandora und -anders als im US-amerikanischen Kino üblich- kommen hier nicht nur die Harten in den Garten.

„Der wunderbare Garten der Bella Brown“ ist ein romantisches Filmmärchen, Wohlfühlkino, das von liebevoll gezeichneten skurrilen Figuren lebt und nur gerade soviel Konfliktstoff zeigt, dass es nicht langweilig wird. Er schmeckt nach britischen Süßigkeiten, eigentlich mit mehr Zucker als die Polizei erlaubt, aber gerade darum lieben wir sie.

Der wunderbare Garten der Bella Brown, (Originaltitel „This Beautiful Fantastic“), Komödie, UK/USA 2016, R: Simon Aboud, D: Jessica Brown Findlay, Andrew Scott, Jeremy Irvine, 92 Minuten, *** 3,5 von 5 Sternen, Kinostart: 15. Juni 2017

erschien auf www.filmverliebt.de

English:

„This Beautiful Fantastic“

„This Beautiful Fantastic“, titeled in the german cinema „The wonderful garden of Bella Brown“, is a modern fairy tale from an idyllic, small-town in the retro-styled London. The film, with its warm hearted humour, is not only reminiscent of the German title of the french classic „The Fabulous World of Amelie“, but also film music and mood recall and the main character is similarly dreamy.
Bella Brown (Jessica Brown Findlay, „Downtown Abbey“) is a beautiful, but somewhat strange girl who-fairy tale-was foundling in the monastery. Now she is a librarian, a bookworm, and she tries to work on an old typewriter as a writer. Unfortunately, she is very inhibited and obsessively neurotic, has an embarrassingly tidy apartment, fixed habits and always checks repeatedly whether she has really completed her front door. Bella has seven toothbrushes, for every weekday one, in well-assorted glasses she collects rubber bands, coins and quirky things. Her only problem: The apartment also includes a small backyard garden and there grows a bedraggled jungle, because Bella does not like nature and abhors gardening. That annoys your neighbors, Mr. Stephenson (Tom Wilkinson), an old curmudgeon and garden fanatic who complains to the landlord about Bella’s weed field. The Sourpuss is rich and holds the Irish Master Chef Vernon (Andrew Scott, at Benedict Cumberbatch „Sherlock“ plays Scott the evil Super Rogue Moriati), but who changes rebellious on Bellas side as a caretaker she wants to promptly throw out of her apartment because of neglecting her gardener duties. Vernon knows his rights quite accurately and, with reference to tenant protection laws, brings out a four-week grace period for Bella.
Rules are also very important in Bella’s workplace, because in the library her superiors Miss Bramble (Anna Chancellor) leads a strict regiment of absolute tranquility. The chaotically ingenious, but very charming inventor Billy (Jeremy Irvine, „companions“) can only be difficult to hold on to this. Bella’s desire awakens for the attractive young man. Billy visits the library with the many paper rolls of mysterious construction plans, between which he conceals forbidden sandwiches. Billy and Bella are falling in love. Luckily the young genius is keen on fragile mechanical creatures, but then he accidentally breaks her heart. She has no time for love, because the clock is ticking and her garden needs to be cared for urgently. Unfortunately, the clever cook Vernon can’t help her because of hay fever. But while the grumbling Mr. Stephenson next door must starve, Vernon cooks for Bella exquisite treats.  After all, Bella has to subdue her garden with her own hands and to fight against the jungle alone (for which a psychoanalyst could certainly find an interesting interpretation). Lastly, the sugar can of the happy-end-Pandora is opening up here in the garden.
„The wonderful garden of the Bella Brown“ is a romantic film fairy tale, well-being cinema that lives on affectionately drawn whimsical figures and only just so much conflict shows that it becomes not boring. It tastes like British candy, actually with more sugar than the police allowed, but that’s why we love it.
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Filmkritik: Nichts zu verschenken (Radin!)

Filmkritik von Thomas Barth radin

Komödie, R: Fred Cavayé, D: Dany Boon, Noémie Schmidt, Laurence Arné, Patrick Ridremont; Wild Bunch, Kinostart 6.April 2017

Die Komödie von Fred Cavayé setzt Frankreichs strahlenden Komikstar Dany Boon gekonnt und mit viel Herz in einer wendungs- und temporeichen Handlung in Szene. (**** 4/5 Sternen)

Der Geiger François Gautier (Dany Boon) ist virtuos in seinem Fach, aber auch ein notorischer Geizhals. Eine Art Familienfluch lastet auf ihm, denn sein Vater war ein hemmungsloser Verschwender und seine davon entnervte Mutter nahm dem Fötus François noch im Mutterleib das Versprechen ab, niemals so zu werden wie ihr Ehemann. 40 Jahre später lebt der inzwischen erfolgreiche Geiger im geerbten Elternhaus, wartet abends mit dem Lesen von Rechnungsbelegen im Dunkeln, bis endlich die Laterne vor seinem Fenster eingeschaltet wird. Er spart an Strom, Essen, Kleidung und macht sich durch seinen Geiz allseits unbeliebt. Aber nicht bei allen: Die plötzliche Zuneigung der schönen Cellistin Valérie (Laurence Arné), droht Gautiers Gefühlswelt gehörig durcheinander zu bringen.

Geld auszugeben löst Panikattacken bei Gautier aus, so wundert man sich nicht, ihn in einer Einstellung auf der Couch eines Therapeuten liegend zu sehen. Wie sich herausstellt, ist es jedoch sein Banker -Gautier würde niemals Geld für eine Therapie ausgeben-, der dem Sparfuchs wiederholt seinen Kontostand vorlesen muss (250,456,- Euro). Der Banker gibt seinem besten Kunden jedoch keine Anlagetipps, sondern rät ihm sehr französisch, aber etwas berufsuntypisch, doch endlich mal etwas von seinem Geld auszugeben, etwa um die schöne Cellistin zum Essen auszuführen. Das leuchtet Gautier ein, doch er entwickelt lieber einen Plan, die schüchterne Kollegin kostenfrei auszuführen -was natürlich in einem Fiasko enden muss.

Als eines Tages ohne Vorwarnung die 16-jährige Laura (Noémie Schmidt, 25) vor seiner Tür steht und ihm offenbart, dass sie seine Tochter ist, will Gautier ihr kein Wort glauben. Er fürchtet einen Trickbetrug und versucht sie abzuwimmeln. Doch Laura gibt nicht auf und schlägt solange Lärm, bis ihr Vater sie aus Scham vor den Nachbarn einlässt. Es stellt sich heraus, dass sie die Frucht einer einzigen Liebesnacht mit einer fast vergessenen Jugendliebe ist, die, von ihm zur Kontrolle angerufen, die Geschichte Lauras bestätigt und Gautier an das damals von ihm verwendete abgelaufene Kondom erinnert. Er solle sich vier Wochen um Laura kümmern, da sie, die Mutter, mit ihrer Harfe auf Tournee nach Indien müsse. Höchst unwirsch lässt der geizige Geiger dies zu, verlangt sogar Miete von Laura. Doch diese wirbelt sein Leben auch in positiver Weise durcheinander, bis hin zu seiner Läuterung nach Enthüllung eines dunklen Geheimnisses.

Fred Cavayé und Dany Boon

Regisseur Fred Cavayé, bislang mit drei Thrillern aufgetreten, (Ohne Schuld, Point Blank, Mea Culpa), knüpft mit dieser Komödie an humoristische Kurzfilme früher Schaffensphasen an. Im Tempo seiner Inszenierung verknüpft er Spannung mit Herz und Humor. Dany Boon gibt mit Bravour den zwar sympathischen, aber zwangsneurotischen Pfennigfuchser. Frankreichs Top-Comedian Dany Boon schrieb 2008 Filmgeschichte mit seiner Komödie “Willkommen bei den Sch’tis” -mit Buch, Regie und als Darsteller: Mit 20 Millionen Besuchern löste er Louis de Funès als Publikumsliebling der Gallier ab (in Deutschland kamen immerhin noch 2 Millionen). Mit seinem Film “Der Superhypochonder” widmete er sich schon 2013 einem klassischen Komödienthema Molièrs. Nun, unter fremder Regie, beweist er auch Molièrs „Der Geizige“ gewachsen zu sein. Freilich nur im weitesten Sinne, denn anders als das um Werktreue bemühte „Louis, der Geizkragen“ (1980) von Louis de Funès, ist „Nichts zu verschenken“ nur dem Thema Geiz verpflichtet.

Fred Cavayé bewegt sich zwischen Märchen, Liebesfilm und Komödie. Man erinnert sich an Dany Boon in der genialen Actionkomödie „Micmacs -uns gehört Paris“ (2009, Regie Jean-Pierre Jeunet), aber auch an die Scheidungs-Komödie „Eyafjallajökull“ (2013, Regie Alexandre Coffre) wo Boon sich erbitterte Wortgefechte mit der Ex lieferte. Hier knüpfen seine Telefonate mit Lauras Mutter an, doch meist gibt sich Geiger Gautier wortkarg. Dies lässt eher an Rowan Atkinson denken, dem Boon in der französischen Fassung „Bean, le film le plus catastrophe 1997 die Synchronstimme lieh.

Quasi als „Mr.Bean mit Baguette“ stolpert Boon jetzt geizig-egoistisch und dennoch sympathisch durch die Katastrophen seines Violonistenlebens. Eine Schlüsselszene von 1997 lebt im aktuellen Film andeutungsweise wieder auf: Mr.Bean ist im genannten Film ein Londoner Museumswächter, der -in den USA für einen Kunstkenner gehalten- eine Rede auf ein berühmtes Gemälde halten soll. Wider Erwarten verblüfft er Museums- wie Filmpublikum durch eine grandiose und anrührende Ansprache. Boon kann hier an seine Bean-Adaptation anknüpfen, wenn er -ähnlich absurd- plötzlich zum Hauptredner einer Spendengala wird. Regie, Haupt- und Nebenrollen überzeugen: Hochkomisch, fintenreich und mit viel Herzblut -eine empfehlenswerte Komödie aus Frankreich. (**** 4/5 Sternen)

„Julieta“ -der neue Almodóvar ist ein ruhiger, schöner Film

Thomas Barth Julieta

Almodóvar betritt mit seinem neuen Film „Julieta“ wieder seriöses Terrain -nach der Travestiekomödie „Fliegende Liebende“ und dem Horror-Thriller „Die Haut, in der ich wohne“, geht es hier um eine tragische Beziehung von Mutter und Tochter. Eine lesbische Liebe wird in ihrer Verstrickung mit Vorstellungen von Sünde nur angedeutet, die Frauen, um die sich auch dieser Almodóvar dreht, kämpfen mit ganz normalen Schicksalsschlägen.

„Julieta“ beginnt mit starken Symbolen: Eine erotische Statue mit gewaltigem Penis, roter wallender Stoff, der die Anmutung einer Vagina bildet. Die Szene öffnet sich und man erkennt, dass Julieta (Emanuela Suárez), eine Frau um die fünfzig, ihre Habe in Kartons verpackt. Sie will mit ihrem Liebsten, Lorenzo, Madrid verlassen, um in Lissabon ganz neu anzufangen. Doch zuvor muss sie schnell noch eine Besorgung machen und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Sie trifft auf der Straße Beatriz, eine alte Freundin ihrer lange verschollenen Tochter Antía. Beatriz berichtet, sie habe Antía kürzlich in der Schweiz getroffen. Julieta kehrt erschüttert zurück in das Apartment und verschwindet mit ihren Sachen, um Lorenzo, der nichts von Antia weiß, Hals über Kopf zu verlassen. Sie kann nicht mehr nach Lissabon und nimmt sich eine Wohnung in jenem Haus, in dem sie vor langer Zeit mit Antia lebte. Dort schreibt sie ihrer inzwischen erwachsenen Tochter, die gerade 18 geworden, der Mutter den Rücken kehrte, und die inzwischen, wie Beatriz berichtete, selbst zwei Kinder hat, einen Brief. Almodóvar wechselt in eine Rückblende, die die blutjunge Julieta (Adriana Ugarte) zeigt.

Julieta erteilt auf einer Zugfahrt einem aufdringlichen älteren Mann, eine Abfuhr und verlässt ihr gemeinsames Abteil um lieber mit dem schönen jungen Fischer Xoan zu flirten. Kurz darauf nutzt der Alte einen Halt, um den Zug zu verlassen und sich auf die Schienen zu werfen. Julieta plagen Schuldgefühle, doch sie gibt sich dem verheirateten Xoan hin, der von seiner schon lange im Koma liegenden Frau erzählt hatte. Xoan schreibt ihr und sie, die in dieser einen Liebesnacht sein Kind empfing, reist ihm nach in sein Fischerdorf, um zu erfahren, dass just seine Frau starb, ohne noch einmal das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Was als Story kitschig klingt, wird von Almodóvar so raffiniert erzählt und in beeindruckende Bilder gefasst, dass sich eine überzeugende Geschichte entwickelt. Die Tochter Antia wächst glücklich auf, bis Xoan in einem Sturm auf See ertrinkt.

Es geht um enttäuschte Erwartungen, unerfüllte Träume und Sehnsüchte, aber auch um Illusionen und Selbstbetrug. Vor allem geht es um Schuld und Reue, die Menschen auseinander treiben. Almodóvar erzählt nach den Kurzgeschichten der kanadischen Nobelpreisträgerin Alice Munro („Runnaway“) die tragische Lebensgeschichte einer Mutter und ihrer Tochter -ohne zu werten oder zu moralisieren. Julieta zeigt ein neues, freies Spanien, sie lehrt Altphilologie und begeistert sich für griechische Mythen, die Abenteuer, das Meer und die Freiheit preisen.

Ursprünglich sollte „Julieta“ den Titel „Silencio“ tragen, was auf ein wichtiges Element der Handlung verweist: Ein Schweigen, das Unheil bringt. Almodóvars Film zeigt, dass immer dann Unheil droht, wenn die Protagonistin in Schweigen verfällt. Julieta verweigerte dem Alten im Zug das Gespräch, der sich dann umbringt, und Jahre später ihrem Xoan, der daraufhin trotz Sturmwarnung aufs Meer hinausfährt. Aber die Stille der Figuren und die Ruhe, die viele beeindruckende Bilder des Filmes ausstrahlen, machen diesen Almodóvar auch zu etwas Besonderem.

Visionen, Tod und Kautschuk: Filmkritik “Der Schamane und die Schlange”

Schamane_Filmbild3  Thomas Barth, 9.April 2016

Der Film verbindet Humor mit knallharter Kritik am Kautschuk-Kolonialismus zu einem visionären Trip in versunkene Kulturen des Amazonas: Kolumbiens künftiger Kinoklassiker.

Die Hauptfigur von El abrazo de la serpiente (eigentlich: Die Umarmung der Schlange) ist erstmals im kolumbianischen Kino ein Indigeno (Indio): Der nach Vernichtung seines Volkes durch „die Kolumbianer“ allein im Dschungel lebende Schamane Karamakate muss sich zweimal in seinem Leben mit sonderbaren Weißen herumschlagen. Den jungen Karamakate (Nilbio Torres) sucht der todkranke deutsche Ethnologe Theodor Koch-Grünberg (Jan Bijovet) auf, er will Heilung durch die geheimnisvolle Pflanze Yakruna.

Die heilige Blume Yakruna verheißt spirituelle Läuterung, verspricht aber auch besseres Kautschuk. 40 Jahre später findet der Botaniker Evans Schultes (Brionne Davis) den alten Schamanen (Antonio Bolívar); Evans sucht, geleitet von Grünbergs Reisebericht, die gleiche Pflanze. Beide Male lässt Karamakate sich widerwillig auf den Weißen ein, macht sich auf zwei abenteuerliche Reisen durch einen Dschungel, in dem einer faszinierenden Natur die Brutalität des Kolonialismus gegenübersteht.

Der Film des jungen Regie-Talents Ciro Guerra zieht den Zuschauer sofort in seinen Bann; faszinierende, fast mystische Naturaufnahmen saugen den Blick in die visionäre Welt des Karamakate, durch die der weiße Forscher als komische Figur in eine brutale Handlung stolpert. Für Zuschauer und Karamakate verschmelzen beide Weiße zu einer Person; raffiniert gesetzte Zeitsprünge lassen beide Handlungsstränge parallel auf ihr ebenso dramatisches wie inspirierendes Ende zutreiben. Bildgewaltig, humorvoll und bewegend greift der Film auf reale Ereignisse und historische Forscherpersönlichkeiten zurück.

Gebrochene Figuren und spirituelle Drogen

Die beiden Forscher werden als gebrochene Figuren vorgeführt, der Schamane_Filmbild4eine ein Irrer, der andere ein Betrüger. Theo, den sein treuer Gehilfe Manduca (Miguel D. Ramos) halbtot zu Karamakate schleppt, hängt in wahnsinniger Hartnäckigkeit an seinem Gepäck. Als der Schamane dies unterwegs kritisiert, “Du bist verrückt”, antwortet der Deutsche mit seligem Lächeln: “Ich weiß.” Theo will durch die Yakruna lernen zu träumen und verspricht Karamakate, dass er ihn zu letzten Überlebenden seines Stammes führen kann.

Evans will zu Anfang die heilige Yakruna von Karamakate für “viel Geld” kaufen und zeigt ihm zwei Ein-Dollar-Noten, doch der winkt ab, Geld stinke und sei nur etwas für Ameisen. Beide Forscher werden dennoch auch sympathisch dargestellt, Evans gewinnt den Schamanen für sich: “Ich habe mein Leben den Pflanzen gewidmet”; da findet Karamakate: “Das ist das Vernünftigste, was ich je von einem Weißen gehört habe.” Letztlich wird auch Evans zu einem Bewahrer der indigenen Kultur, die der Kolonialismus gnadenlos zerstört.

Optische Brillanz, überzeugende Darsteller in einer klugen Handlung und Bilder, welche die Fantasie nicht mehr loslassen, machen den Film zu einer faszinierenden Reise in die Welt des Amazonas. Die Kamera taucht tief in eine symbolisch aufgeladene Natur: Die Pflanzen des Dschungels sind mystischer Palast, rettende Heilkräuter, spirituelle Drogen und heilige Blume Yakruna. Eine lebendgebärende Boa windet sich in Schleim und aufplatzenden Eihüllen mit ihrem Nachwuchs, scheint ihre Kinder zu fressen. Karamakate träumt von einer Boa, die Theo das Unheil bringen wird. Oder ist der Weiße selber die Schlange, also die Gefahr? Schmetterlinge umschwärmen den mit halluzinogenen Tränken erleuchteten Karamakate wie Elfen. Ein Jaguar mit glänzendem Pelz beschleicht die Expedition als Verkörperung des Todes, bereit sich sein Opfer zu holen.

Chorrera: etnocidio cauchero

Doch wer nur in Naturromantik schwelgen will, sitzt hier im falschen esclavitud_indigenosFilm. Das Grauen des Kolonialismus fokussiert sich in Chorrera, einer “Gedenkstätte für die Opfer der Kautschuk-Völkermords” (Presseheft). Das ärmliche Anwesen Chorrera war christliches Missionszentrum und Kautschuk-Sammelstelle der Caucheros, der Kautschukbarone. Beide Handlungsstränge treffen hier auf höllische Zustände kolonialer Verbrechen: Der junge Karamakate trifft mit Theo und Manduca auf einen bewaffneten Mönch inmitten Dutzender Indigeno-Kinder. Es sind Waisen, die man im Namen Jesu nach Versklaven ihrer Eltern bzw. dem Abschlachten ihrer Stämme durch Caucheros “eingesammelt” hat. Nun werden die Kinder christianisiert, indem ihre Sprache und Kultur, angeblich nur “Dummheit und Kannibalismus”, aus ihnen heraus geprügelt wird.

40 Jahre später findet der alte Karamakate mit dem Botaniker Evans in Chorrera eine Sekte vor, die sich um einen irren Messias schart, Reisende mordet und das “Schlechteste beider Welten” in sich vereint. Theos Assistent Manduca ist ein befreiter Kautschuk-Sklave mit furchtbaren Narben auf dem Rücken. Er bekommt einen Wutanfall, als sie im Wald auf einen Indigeno treffen, der offenbar durch Abschneiden des rechten Armes zum Kautschuk-Sammeln verdammt wurde. Wenn Theo durch den Belgier Bijovet verkörpert wird, weckt dies Erinnerungen an die Kongogräuel, jenen Kautschuk-Völkermord, durch den der Belgische König Leopold II zu sagenhaftem Reichtum kam. In Belgisch-Kongo wurde Hunderttausenden die rechte Hand abgeschnitten, viele Millionen starben. Ciro Guerra bietet jedoch keine billige Lösung an, etwa durch Besiegen des Caucheros in Indiana-Jones-Manier. Er zeigt Grausamkeit und Leiden in einer glaubwürdigen Handlung, die zum Nachdenken anregt.

Entlarvte Filmklischees

Ciro Guerra bricht nicht nur mit eingefahrenen Erzählstrukturen, Filmklischees und Sehgewohnheiten, er parodiert und entlarvt sie geradezu –von leichter Hand fast nebenbei. Er dreht einen Film über den Amazonas, man erwartet grünen Dschungel, bekommt aber einen Schwarzweißfilm. Das Format suggeriert zeitweise einen Dokumentarfilm nach dem Muster: Weißer Ethnologe zeigt uns exotische Indianer. Doch wenn dort vor gönnerhaft lächelnden Forschern die Eingeborenen tanzen würden, so sehen wir hier den Anthropologen Theo, wie er vor den johlenden und klatschenden Indigenos Volkstänze seiner deutschen Heimat zeigt.

Im Kanu diktiert Theo seinem treuen Gehilfen Manduca einen Brief an seine Frau im fernen Deutschland, die er womöglich nie mehr wiedersehen wird. An dieser Stelle würde in klassischer Hollywoodmanier die Gefühlsorgel aufgedreht, um dem Zuschauer qua Weichzeichner und Filmmusik die schmalzigen Gefühle zu geigen, die er oder sie haben soll. Zielzustand: Wahlweise in platt manipulierter Rührung versinken (Frauenfilm) oder sich (Actiongenre) in gerechter Mordlust auf den nächstbesten Feind stürzen zu wollen, der uns das Schnulzidyll versalzen hat. Nicht so bei Ciro Guerra, der Karamakate fragen lässt, was denn Manduca da für den Weißen mache. Manduca erläutert belustigt, dieser drücke seiner Frau seine Gefühle aus, was auch den Schamanen zu unbändigem Lachen reizt. “Und wenn du wieder in Deutschland bist, wirst du dann mir deine Gefühle ausdrücken?”, fragt der heitere Weise den erbosten Weißen.

Der Schamane ist dabei kein stereotyper “Weiser Medizinmann”, Schamane_Filmbild2sondern schalkhaft und im Alter ratlos. Der alte Karamakate steht hilflos neben Evans vor einer mit Indigeno-Symbolen bemalten Felswand und kann nicht mehr erklären, was sie bedeuten. Sogar den Kokabrei Mambe muss Evans für die beiden zubereiten –der Schamane hat alles vergessen. (Das wäre etwa so, als würde man Albert Einstein vor einer Tafel mit seinen Formeln finden, doch er bekennt, nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee kochen zu können.) Doch Karamakate findet im Lauf der Reise zu seinen Kenntnissen über halluzinogene Pflanzen zurück und weiß sie auch anzuwenden.

Der psychedelische Yakruna-Trip wird eindrucksvoll inszeniert: als einzige Farbsequenz in einem Schwarzweißfilm lässt er beim Zuschauer plötzlich die Neuronen der Sehrinde feuern, so dass die halluzinogene Wirkung fast nachempfunden werden kann. Anfangs womöglich noch leicht an die entsprechende Szene in “2001 –Odyssee im Weltall” angelehnt, entführt er uns rasch in mythische Bilderwelten der Indigenos. “El abrazo de la serpiente” ist sicherlich ein Film, den man mehrmals sehen sollte.

Die historischen Personen

Die beiden von Ciro Guerra und seinem Drehbuch-Koautor Jaques Toulemonde vorgeführten weißen Forscher sind historische Personen. Deren Werk wird vom Film gewürdigt, besonders Theodor Koch-Grünberg (1872-1924), eigentlich Theodor Koch, der den Namen seines hessischen Geburtsortes wie damals nicht unüblich anfügte, und auch Theodor von Martius genannt wird. Koch-Grünbergs Aufzeichnungen sind heute das einzige, was von vielen Indigeno-Kulturen übrig blieb, er gilt auch als Pionier der anthropologischen Fotografie.

Sein im Film gezeigtes Buch über die Baniwa “Zwei Jahre unter den Schamane_Filmbild1Indianern” erschien 1910 (also, anders als in der Filmhandlung, 14 Jahre bevor er in Brasilien an Malaria starb). Der Freiburger Professor erforschte die Flussläufe von Rio Xingu, Yapura, Rio Negro und Rio Branco, dokumentierte vor allem die Kultur der Pemón (Arekuna und Taulipang) im Dreiländereck von Venezuela, Brasilien und der Kooperativen Republik Guyana. Die Pemón genießen eine gewisse Bekanntheit, weil die Regierung von Venezuela in ihrem Namen das Berliner Kunstprojekt “Global Stone” seit 2013 auf Rückgabe eines 30 Tonnen schweren heiligen Steins verklagt.

Richard Evans Schultes (1915-2001), der Koch-Grünbergs Spuren folgte, gilt als Klassiker der Ethnobotanik mit speziellem Interesse an halluzinogenen Pflanzen –er publizierte 1980 zusammen mit dem LSD-Entdecker Albert Hofmann. Der Havard-Botaniker Schultes forschte hauptsächlich in Kolumbiens Amazonasregion und soll die unwahrscheinliche Zahl von 24.000 Pflanzenarten klassifiziert haben, darunter 2000, die von indigenen Kulturen als Heilpflanzen genutzt wurden; gut 120 Arten tragen seinen Namen. Ab den 60er-Jahren setzte er sich für den Erhalt von Indigeno-Kulturen und Regenwald ein und klärte seine Studenten in Havard darüber auf, dass dort im letzten Jahrhundert schon über 90 indigene Kulturen vernichtet wurden; 1986 errichtete Kolumbien ein Naturschutzgebiet etwa von der Größe des Libanon als “Sector Schultes”, so sein Nachruf in der NYT.

Filmkritik erschien auch auf Telepolis

Literatur, Quellenangaben

Evans Schultes, Richard u. Albert Hofmann: The Botany and Chemistry of Hallucinogens, 2nd ed. Springfield 1980.

Koch Grünberg, Theodor: Zwei Jahre unter den Indianern: Reisen in Nordwest-Brasilien, 1903–1905. 2 Bände. Ernst Wasmuth, Berlin 1909/1910.

Filmtitel: Der Schamane und die Schlange, Originaltitel: El Abrazo de la Serpiente; (Argentinien, Kolumbien, Venezuela 2015); Laufzeit: 125 Minuten; Kinostart in Deutschland: 21.04.2016; Regie: Ciro Guerra: Drehbuch: Ciro Guerra, Jacques Toulemonde Vidal; Darsteller: Nilbio Torres, Antonio Bolivar, Brionne Davis, Jan Bijvoet, Miguel Dionisios Ramos, Nicolás Cancino, Yauenkü Migue; Produktion: Cristina Gallego, Raúl Bravo, Marcelo Cespedes, Horacio Mentasti; Festivals: Cannes 2015, lief auf der Berlinale im Sonderprogramm NATIVe für indigenes Kino, 2016 Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film.

Thomas Barth ist Psychologe, Kriminologe, Medienwissenschaftler und lehrt an der Hamburger Volkshochschule

Siehe auch: Belo Monte am Rio Xingu

Tod den Hippies! Es lebe der Punk!!

Filmkritik von Thomas Barth für filmverliebt.de

Deftiger Autorenfilm von Oskar Roehler: Eine klamaukafkaeske Ekelsex-Ödipusdramödie; die grelle Welt von Sex, Drogen und Paranoia im Westberlin der 80er Jahre, selbsttherapeutische Abrechnung eines schrillen Zeitgenossen mit Schulzeit, Eltern und Ödipuskomplex. Kein politischer Bildungsfilm.

Robert (Tom Schilling), ist Roehlers 18-jähriges Alter Ego aus seinem autobiographischen Roman „Herkunft“ (2011), der in „Die Quellen des Lebens“ eine erste schrille Verfilmung erlebte. „Tod den Hippies“ geht mit surrealen Flashlights sparsamer um. Robert erlebt seine Schulzeit als eine Hölle der Hippies. Hassfigur ist der Politik-und-Sozialkunde-Lehrer, der, von den hübschesten Schülerinnen angehimmelt, marxistische Parolen abfragt und dabei eitel seine Hippiemähne zurückwirft. Im Lehrerzimmer und auf den Gängen des Gymnasiums sitzt das Kollegium im Schneidersitz meditierend mit kreisenden Joints und zelebriert ein nie endendes Woodstock für Oberstudienräte. So weit, so surreal.

“Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!”: Kritik zum deftigen Autorenfilm von Oskar Roehler
Roberts (Tom Schillig, links) erste eigene Bude in Westberlin

Roberts einziger Kumpel heißt Gries. Er ist ein schwuler Nazi, der es noch viel schlechter hat als der Jungpunker, denn er ist hässlich, dumm, brutal und laut. Nur sein deutscher Schäferhund liebt ihn und umgekehrt. Gemeinsam ist den beiden Außenseitern, dem Punk und dem Nazi, vor allem ihr Hass auf Hippies, Motti: „Scheiß-Hippies, verdammtes Gesockse“ und „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“

Die Masse der Schüler sind treudoofe 68er-Mitläufer und basteln Schilder für Demos, die unter Führung der bekifften Pädagogen stattfinden. Roberts Schülerliebe ist ein ähnlicher Alptraum, seine altkluge Freundin plant schon jetzt Studium und Karriere bis zur Pensionierung. Sie will, dass beide wegen der finanziellen Sicherheit „auf Lehramt machen“ und flippt aus als Robert sich einen Irokesen schneidet. Damit treibt sie ihn endgültig in die Flucht, denn Robert will kein Kuscheln im Plüschpullover mehr, sondern Latex, High Heels und pralle Möpse.

Auch Gries, der in der Schule zwar von alten Nazi-Verbindungen seines Vaters zum Rektor zehrt, bekommt Schwierigkeiten: Er kann nur schwer geheim halten, schwul zu sein –denn betrunken grölt er immer “Arschficken für alle” und nüchtern ist er selten. Probleme bekommen Gries und Robert auch wegen der Schülerstreiche der beiden, gegen die derbste „Fuck you, Goethe“-Szenen wie „Lindenstraße“ wirken. Anschlagziel wird gut ödipal natürlich der eitle Oberlehrer-Hippie, eine weitere Vaterfigur. Am Ende kratzt Robert die Kurve, bricht die Schule ab und flüchtet aus seiner spießigen Schülerliebe , aber vor allem aus dem Flower-Power-Schulhorror, während hinter ihm ein paar schwerbewaffnete Übeltäter seine Gewaltphantasien als zünftiges Schulmassaker in Szene setzen.

Westberlin – Berlin (West)

So macht sich Robert auf nach Westberlin, Fluchtziel für viele 18jährige, nach denen damals das Kreiswehrersatzamt greifen wollte: In Berlin (West) gab es keine Wehrpflicht, ein guter Tipp, wenn man weder Neigungen zu Bundeswehr noch zum Zivildienst (womöglich alten Leuten den Hintern putzen) verspürte. Doch er kommt vom Regen in die Traufe, denn die schöne neue Welt von Sex, Drogen und Punkmusik gibt es nicht umsonst für den jung-nihilistischen Poeten („Ich schreibe vom Tod“). Tagsüber schrubbt er die Kabinen einer Peep-Show, fühlt sich aber zu Höherem berufen (“Die wichsen hier wie die Weltmeister, Mann, ich komm kaum nach. Das ist nix für mich, ich bin Künstler, Mann.”), später muss er sogar Kotbeutel von Pflegeheimpatienten entleeren, die Senoiren verfolgen ihn als Zombies in seine Träume –Roehler spart nicht mit Ekelszenen.

Roberts Eltern werden ebenfalls eklig dargestellt, besonders die Mutter deftig und prall verkörpert von Hannelore Hoger („Bella Block“). Sie will Robert zum Mord am Erbonkel überreden, während sein Vater (Samuel Finzi) als düsterer Lektor, Verleger und Kassenwart der RAF (Rote Armee Fraktion) auf 200.000 DM Restbeute sitzt und den Sohn mal drohend, mal kumpelhaft mit seinen kruden Moralvorstellungen traktiert: „Der Mann sollte beim Sex immer oben liegen, klassische Missionarsstellung. Du allerdings wurdest von hinten gezeugt.“

Trotzdem genießt Robert die Freiheit in der anarchisch-punkigen Subkultur und verbringt die Nächte in der Kreuzberger Bar “Risiko”, wo Ikonen wie Blixa Bargeld („Einstürzende Neubauten“) oder Nick Cave herumhängen. Wodka wird in Biergläsern ausgeschenkt, Koks und Punkmusik dürfen nie fehlen. Obwohl Sozialhilfe beim Amt abholen leichter ist als Brötchenkaufen („Außenbahnzuschußpauschale, Vergütungsmittelpauschale, da kriegen Sie 1475 Mark. Wenn sie mehr brauchen, können Sie morgen wieder kommen.”), wischt Robert weiter Sperma. Doch in seiner Peepshow holt Robert auch das Essen für die Models und verliebt sich in eine „Sweinebraten“-liebende Stripperin aus New York, sie gestehen sich gegenseitig den Hass auf ihre Eltern.

Oskar Roehler, der selbst 1981 im geteilten Berlin landete, greift auf eigene Erinnerungen zurück und entwirft ein grotesk-obszönes Bild vom West-Berlin der frühen 80er, das als glamouröses Schaufenster des Westens inmitten der realsozialistischen DDR lag: Eine Insel von Luxus, Exzess und Ekstase, aus der heraus nackte Mädchen mit ihren entblößten Brüsten Ostberliner DDR-Grenzern zuwinkten. Seine Darstellung der Anarchoszene zeigt trashige junge Leute, die jede Sinnsuche aufgegeben haben. Punk als Nihilismus, der in anarchischem Hedonismus, in schneller Lust mit Sex und Drogen schwelgt. Verkannte Künstler wie Robert und gebrochene Figuren wie Gries passen perfekt in diese Kulisse.

Oskar Roehler zum Thema „schwule Nazis“: „Ich liebe diese brachialen, ungeschliffenen Typen. Sie bringen Chaos in die Sache, weil ihre Ausrichtung politisch, gefühlstechnisch und sexuell unausgegoren ist. Das sind meine liebsten Nebenfiguren. Dieser Gries weiß ja im Grunde überhaupt nichts genau.“

Oskar Roehlers Eltern waren ein glückloses Schriftstellerpaar der Generation 68: Gisela Elsner und Klaus Roehler waren literarischen Hoffnungen in Westdeutschland. Die Auseinandersetzung mit seinen Eltern scheint das beherrschende Thema für Oskar Roehler zu bleiben. Schon der Film „Die Unberührbare“ setzt sich mit seiner psychisch labilen Mutter auseinander (eindringlich gespielt von der nicht verwandten Hannelore Elsner, die eigentlich Elstner heißt), die sich 1992 das Leben nahm. Damals kam sie noch vergleichsweise gut weg, im neuen Werk wird sie zu einem Muttermonster dämonisiert. In Roehlers Film „Der alte Affe Angst“ ging es dagegen um eine Vaterfigur, und auch „Die Quellen des Lebens“ arbeiten sich an der Lebensgeschichte Roehlers ab, nebst Schatten der Nazi-Zeit, geistiger Wohlstandsverwahrlosung der Oberschicht und der epidemischen Verbreitung von Gartenzwergen in deutschen Vor- und Kleingärten. Jetzt kämpft sich Oskar Roehler in „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ durch einen weiteren Teil seiner Biographie, bekennt sich zu Punk, Sex und Drogen.

Was verschweigt der Film „Im Labyrinth des Schweigens“?

Thomas Barth Im Labyrinth des Schweigens

Letztes Jahr hatten die „Großen Frankfurter Auschwitz-Prozesse“ 50.Jubiläum; „Im Labyrinth des Schweigens“ erzählt die Vorgeschichte im Adenauer-Deutschland ab 1958. Retrofans der 50er kommen mit diesem Justiz-Thriller nebst Love-Story bei Petticoat und Zuckerguss voll auf ihre Kosten. Politisch Interessierte weniger, denn außer dem Aha-Erlebnis, dass im Nachkriegsdeutschland keiner wusste wo Auschwitz lag und Nazi-Verbrechen als Propaganda der Alliierten Siegermächte abgetan wurden, hat der Film wenig Neues zu bieten.

Erst vom 20. Dezember 1963 an wurde das Wort „Auschwitz“ in Westdeutschland bekannt, später wurde das Vernichtungslager zum Symbol des größten Menschheitsverbrechens, des Holocaust der Nazis an den Juden. Der Film von Ricciarelli lässt zwei historische Personen auftreten, Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss) und Journalist Thomas Gnielka (Andre Szymanski) und fasst die ab 1958 von Bauer mit dem Fall Auschwitz beschäftigten drei Staatsanwälte in seiner Heldenfigur zusammen: Nachwuchsjurist Johann Radmann (Alexander Fehling) langweilt sich bei Verkehrsdelikten und greift nach der Chance einen Mörder zu jagen als Gnielka vergeblich versucht, Strafanzeige gegen einen Nazi-Mörder zu erstatten.

Gnielka und Radmann rennen bei der westdeutschen Justiz gegen Wände von Schweigen, Lügen und Selbstgerechtgkeit. Sie freunden sich an und stoßen nach einer feuchtfröhlichen Pettycoat-Party durch einen Zufall auf Originaldokumente aus Auschwitz: Endlich konkrete Beweise, die zu konkreten Personen führen. Er jagt vor allem Lagerarzt Dr.Mengel, den personifizierten Nazi-Unmenschen, erwischt wird aber nur Schreibtischtäter Eichmann und zwar nach Tipps von Bauer durch den Mossad.

Bei den Zeugenvernehmungen der Auschwitz-Überlebenden verzichtet Ricciarelli auf Details der Verbrechen. Er zeigt nur die Reaktionen in Gesichtern der Zuhörer, die weinend aus dem Raum flüchtende Gerichtssekretärin steht für die emotionale Aufarbeitung des Traumas im Film. Ansonsten bleibt noch der psychische Kampf des Jungjuristen mit Schuld und Grauen, er trinkt und sogar seine neu gefundene Liebe gerät dabei in die Krise. Das verbissene Schweigen des Adenauer-Deutschlands zu den Nazi-Verbrechen bringt Radmann an den Rand des Aufgebens. Soweit so gut.

Aber der Film verpasst die Chance, Fakten zu präsentieren, die auch heute noch verschwiegen werden, obwohl die Story sie ihm quasi vor die Füße legt: Adenauers Westdeutschland wurde mit regiert von einem Mann, der schon in Hitlers Großdeutschland ein führender Kopf war: Hans Maria Globke, „der starke Mann“ hinter dem greisen Langzeit-Kanzler Adenauer, hatte den Massenmord an deutschen und europäischen Juden juristisch und administrativ vorbereitet.

Globke war so etwas wie Eichmanns Vorgesetzter, hatte zumindest die Basis gelegt für die Verbrechen des Schreibtischtäters Eichmann, dessen Verhaftung durch den Mossad 1960 Teil der Filmhandlung ist. Eichmann hatte den Transport der Juden nach Auschwitz organisiert, aber Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt Globke hatte sie dem Nazi-Regime dafür ans Messer geliefert. Globke hatte allen deutschen Juden ein „J“ in die Ausweise stempeln und sie dabei von den Meldeämtern identifizieren und erfassen lassen. Eichmann wurde in Jerusalem hingerichtet, Globke machte Karriere, bestimmte die Leitlinien westdeutscher Politik und bekam einen Orden dafür. Diese Fakten, die westdeutsche Historiker nur undeutlich in ihre Bärte nuscheln, fehlen in Schulbüchern und sind weithin unbekannt, besonders bei den immer noch zahlreichen Fans von CDU-Kanzler Adenauer und seiner Partei.

Das „Labyrinth des Schweigens“ empört sich über das Verschweigen der Verbrechen Eichmanns damals, macht aber mit beim Verschweigen der Verbrechen Globkes, das bis heute andauert. Das Verschweigen hatte damals und hat bis heute ideologische Gründe. Gerade jetzt, wo zum aktuellen Mauerfall-Jubiläum wieder mal der „DDR-Unrechtsstaat“ verdammt wird, kann man Zweifel am viel gepriesenen BRD-Rechtsstaat offensichtlich nicht gebrauchen. Doch der DDR-Unrechtsstaat hat Globke 1963 den Prozess gemacht und ihn in Abwesenheit zu Lebenslänglich verurteilt, wenn auch mittels tölpelhaft gefälschter Beweise.

Anders als die kleine DDR ließ der BRD-Rechtsstaat Millionen Nazi-Verbrechen wie Raub, Folter, Vergewaltigung, Totschlag seelenruhig verjähren, selbst Massenmörder blieben unbehelligt. Im „Großen Auschwitz-Prozess“ verurteilte man nur 20 Mörder, nach dem in den 50ern sogar noch viele Nazi-Verbrecher begnadigt wurden, die alliierte Gerichte für Jahrzehnte hinter Gitter geschickt hatten. Auch das erwähnt unser Justiz-Thriller nicht, wühlt stattdessen in der zerquälten Psyche seines fiktiven Helden, der entdecken muss, dass sogar sein eigener Vater Nazi war. In platter, fast schon unfreiwillig komischer Küchenpsychologie jagt der Held im Traum Nazi-Monster Mengele, der dreht sich um und –Schock: Vor ihm steht des Helden verehrter Erzeuger. Auf diese von Sigmund Freud inspirierte Horror-Einlage hätte man gern zugunsten des weit monströseren Themas Globke und seiner NS-Blutschutzgesetze verzichtet.

Der Film entfaltet so sein eigenes „Labyrinth des Schweigens“, die DDR kommt genauso wenig vor wie der Kalte Krieg, der mit seiner antikommunistischen Paranoia die Adenauer-BRD ebenso prägte wie das Amerika der McCarthy-Zeit. Mit ein paar Klicks auf Wikipedia hätten die Drehbuchautoren weitere interessante Fakten zum Eichmann-Prozess finden können: Der Nazi-Massenmörder hatte ein Interview gegeben, in dem er auch Hans Globke nannte. Die Regierung Adenauer fürchtete den Skandal und ließ ihre Kontakte zur CIA spielen. CIA-Boss Allan Dulles verhinderte, dass Globke in der vom US-Magazin LIFE publizierten Version des Eichmann-Interviews erwähnt wurde. Der Kinobesucher erfährt davon auch heute nichts, nur Gemunkel über hohe Tiere, die schützende Hände über alte Nazis halten –obwohl man längst Ross und Reiter nennen kann.

Doch wir wollen nicht zu hart urteilen: Immerhin nimmt sich der Film des Themas Auschwitz überhaupt einmal abseits der Gedenktage an. Weite Teile der deutschen Kultur und Medien neigen bis heute zu einer ideologisch verzerrenden, abwiegelnden Darstellung der Nazi-Verbrechen. So widmet das Bertelsmann-Universal-Lexikon Auschwitz ganze acht Zeilen, das Wort „Aufzug“ bekommt elf, die Aum-Sekte des Japaners Shoko Asahara immer noch fünf; Adenauer glänzt über 33 Zeilen, auf denen freilich Hans Globke fehlt, zu dem sich überhaupt kein Eintrag findet. Und auch der deutsche „Qualitätsjournalismus“ in Gestalt der Süddeutschen Zeitung machte beim Thema Auschwitz-Prozess im letzten Jahr keine allzu gute Figur:

„Der Jurist, weißes, leicht ungeordnetes Haar und Hornbrille, fläzt etwas verdreht im Sessel, raucht. Er muss dem Fernsehpublikum nicht mehr vorgestellt werden: Es ist Hessens Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Sein Name steht in den 1960er-Jahren stellvertretend für eine scharfe Abrechnung mit der NS-Vergangenheit, die vielen Deutschen zu weit geht (…) Rachsüchtig nennen sie ihn in der Nachkriegszeit. ‚Haben Sie in Ihrer blinden Wut denn noch nicht verstanden‘, so schreibt der Verfasser eines typischen Schmähbriefs,‘dass einem sehr großen Teil des deutschen Volkes die sogenannten Nazi-Verbrecher-Prozesse längst aus dem Hals hängen! Gehen Sie doch dorthin, wohin Sie gehören!!!‘“ SZ, 20.12.2013

Wohin sollte Fritz Bauer gehen? Wohl kaum zur Hölle oder nach Jerusalem –der Altnazi meinte in seinem Schmähbrief offensichtlich die DDR und wollte damit Fritz Bauer als Kommunisten denunzieren , was aber weder die Süddeutsche 2013 noch der Film von Ricciarelli 2014 auch nur anzudeuten wagen.

Der jetzt auch in Deutschland angelaufene Film feierte seine Premiere in englischer Sprache unter dem Titel Labyrinth of Lies schon beim Toronto International Film Festival 2014. Im Labyrinth des Schweigens, Drehbuch: Giulio Ricciarelli, Elisabeth Bartel, Regie: Giulio Ricciarelli, Darsteller: Alexander Fehling, Friederike Becht, Peter Cieslinski, Josephine Ehlert, Elinor Eidt.

SZ, 20.12.2013, R.Steinke, 50 Jahre Frankfurter Auschwitz-Prozess: Fritz Bauer – ein deutscher Held, http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-frankfurter-auschwitz-prozess-fritz-bauer-ein-deutscher-held-1.1848015 (Abrufdatum 1.10.2014)

Citizenfour –der Snowden-Film von Laura Poitras

Thomas Barth (Kinostart: 6.11.2014) Citizenfour

Der jetzt auch in Deutschland im Kino anlaufende Dokumentar-Thriller der bekannten US-Kritikerin und Filmemacherin Laura Poitras zeigt die Kontaktaufnahme zu Snowden und die ersten Tage des NSA-Leaks, der die Welt veränderte. Die kriminelle Massenüberwachung wurde der Welt enthüllt, ist aber viel zu schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Snowden hat vor den US-Behörden Asyl ausgerechnet bei Putin gefunden, dem inzwischen dämonisierten Präsidenten Russlands.

Edward Snowden ist der Whistleblower, der unser Vertrauen in das Internet am tiefsten erschütterte. Er riskierte alles, um die Netznutzer aus ihrer Traumwelt zu reißen, in der sie den digitalen Cyberspace als rosiges Schlaraffenland zur bequemen Befriedigung all ihrer Bedürfnisse erleben. „Citizenfour“ hält als atemberaubendes Filmdokument die historischen Momente fest, in denen das monströse Panoptikum einer geheimen virtuellen Weltherrschaft in sich zusammenfällt – zum Einsturz gebracht von einer Handvoll mutiger Enthüller.

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Laura Poitras

Die Filmemacherin Laura Poitras war die erste Person, der Snowden seine Kenntnisse enthüllte –unter dem Decknamen „Citizenfour“, der zum Titel ihres Dokumentar-Thrillers wurde. Die gebürtige US-Amerikanerin lebt in Berlin, weil US-Behörden sie drangsalierten, der Grund: Kritische Filme über 9/11, den Irakkrieg und das US-Foltergefängnis Guantanamo. Der dritte im Bunde war der Blogger und Journalist Glenn Greenwald, der aus dem brasilianischen Exil die USA kritisiert, etwa die Verhaftung und Folterung des Wikileaks-Whistleblowers Bradley Chelsea Manning durch die US-Militärjustiz.

Snowden arbeitete für die NSA, die CIA und für mysteriöse Privatfirmen im Dunstkreis der Geheimdienste. Er entdeckte, dass seine Auftraggeber die digitale Welt unter ihre Kontrolle bringen wollen. Dabei brechen sie Gesetze vieler Länder, sogar der USA, und verletzen die Menschenrechte von Milliarden ahnungslosen Netznutzern. Snowden wollte diese kriminellen Machenschaften ans Licht bringen und die Lügen der Top-Manager der globalen Bespitzelung aufdecken, obwohl er genau wusste, dass sie über Leichen gehen würden, um ihre schmutzigen Geheimnisse zu wahren.

Snowden und seine Vertrauten wussten auch, dass es hart werden würde, ihr Wissen zu veröffentlichen, selbst wenn sie es schaffen sollten, die Öffentlichkeit zu erreichen. Sie wussten, dass die Masse der Medien gegen sie stehen würde, dass man sie und ihre Familien ausforschen, jagen, mit Dreck bewerfen würde, um sie einzuschüchtern und unglaubwürdig zu machen. Und sie wussten, dass Geheimdienste und Herrschaftseliten ihre ganze Macht über die Medien ausspielen würden, um die ans Licht gebrachten Wahrheiten zu vernebeln, zu verdrehen, abzuwiegeln und abzulenken. Alles kam darauf an, die Publikation zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und in einer sorgfältig geplanten Reihenfolge durchzuziehen.

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Snowden & Greenwald in Hongkong (alle Bilder © Praxis Films nur für Filmkritik freigegeben)

Laura Poitras hält mit ihrer Kamera die entscheidenden Momente fest. Als echte Dokumentation, nicht als nachgestellte Dokufiction. Man sieht die erste Kontaktaufnahme in einem Hotel in Hongkong, die ersten Gespräche mit Snowden, bei denen die Journalisten noch nicht ganz überzeugt sind, dem Whistleblower noch immer etwas auf den Zahn fühlen. Später spürt man die Anspannung, die permanente Erwartung, dass gleich bewaffnete CIA-Leute das Zimmer stürmen. Man fühlt die berechtigte Paranoia, versteckt hinter Galgenhumor, wenn Snowden seinen „Zaubermantel“ über sich und seinen Laptop zieht, um Passwörter einzugeben –aus Furcht vor visueller Bespitzelung. In einigen Szenen kommunizieren Snowden und der Greenwald nur noch über Notizzettel, zu groß ist die Sorge abgehört zu werden. Man ahnt, dass dies das Lebensgefühl künftiger Generationen spiegeln könnte. Die Privatsphäre schützen, heißt die persönliche Freiheit schützen, sagt Jacob Appelbaum. Der Wikileaks-Unterstützer und Mitstreiter von Poitras in Berlin gab den ihm verliehenen Henry-Nannen-Preis jüngst zurück, um auf die Nazi-Vergangenheit der Bertelsmann-Illustrierten „Stern“ hinzuweisen.

Der Guardian zersägte seine Computer

Der Britische Guardian gilt als das mutigste Presseorgan der englischsprachigen Welt, er war bei Wikileaks mit dabei, engagierte sich den berühmten Blogger Greenwald für eine Kolumne. Doch nun zaudert man in London mit diesem größten Skandal der Geschichte. Obwohl die Redaktion mit Ewen MacAskil noch einen alten Hasen geschickt hatte, um sich weiter abzusichern. Zuletzt droht Greenwald mit Publikation auf eigene Faust, der Guardian gibt nach –und wird dafür vom GCHQ, dem Londoner Gegenstück zur verbündeten NSA, drangsaliert: Die Journalisten müssen Wochen später ihre Redaktions-Computer unter Aufsicht von finsteren Beamten eigenhändig zerstören. Ein dummer Akt der Demütigung durch sinnlose Schikane.

Aber nach der Publikation der ersten Dokumente am 5.Juni 2013 ist die Stimmung erst einmal entspannter, Snowden sieht am Hotelfernseher die CNN-Berichte über seine Enthüllungen vorbei ziehen. Zuerst bleibt der Whistleblower noch anonym, sie wollen die NSA etwas zappeln lassen. Plötzlich bekommt Snowden Nachricht von seiner Freundin aus den Hawaii sie haben ihn vermutlich als Leck identifiziert. Er wendet sich selbst an die Öffentlichkeit, erklärt ruhig und sachlich sein Verhalten. Dann taucht Snowden ab, als Reporter das Hotel zu belagern beginnen. Er gerät Poitras aus dem Blick, die ihn später in Russland wieder aufspürt, wo seine Freundin zu ihn gestoßen ist. Beide suchen Asyl vor dem gnadenlosen Zugriff der US-Behörden, die Snowden mit fragwürdiger Rechtsauffassung nach einem dubiosen Gesetz aus dem Ersten Weltkrieg zum Verräter gestempelt haben. David Miranda, den Lebensgefährten von Greenwald, nehmen britische Behörden fest und verhören ihn acht Stunden lang unter der fragwürdigen Begründung, er stände unter „Terrorismusverdacht“. Seine Sachen werden konfisziert, ehe er nach Brasilien weiterreisen darf. Menschenrechtsgruppen protestierten.

NSA-Direktor Alexander log vor US-Kongress

Poitras mischt die Snowden-Aufnahmen aus Hongkong und CIA_floor_sealRussland geschickt mit Interviews und anderem Filmmaterial. Der NSA-Whistleblower William Binney und weitere Überwachungskritiker kommen zu Wort. Dagegen gestellt werden der damalige NSA-Direktor Keith Alexander und US-Geheimdienstkoordinator James Clapper, bei offensichtlichen Lügen vor dem US-Kongress. Sie leugnen die kriminelle Bespitzelung, versuchen ihr Ausmaß klein zu reden. Vor dem Europaparlament erklärt Ladar Levison vom E-Maildienst Lavabit, den Snowden für seine Kontaktaufnahme zu Poitras nutzte, warum er seine Firma schließen musste. US-Behörden setzten ihn wie viele andere Firmen unter Druck, seine Kundendaten an die NSA zu verraten. Besonders die größten Firmen taten das, einige willig wie Microsoft, andere weniger kooperativ, Apple erst nach dem Tod von Steve Jobs.

Aber Poitras versucht gar nicht erst, den Film mit Details über die vielen NSA-Manöver zur Überwachung zu beladen. Für die genaue Erklärung von PRISM, Tempora oder XKeyscore gibt es The Intercept, das neue Blog von Greenwald, Snowden, Jeremy Scahill und anderen. Oder Bücher, vor allem „Die globale Überwachung“ von Glenn Greenwald, praktisch das Buch zum Film. Greenwald schreibt weit informativer als der SPIEGEL-Bestseller „Der NSA-Komplex“ von SPIEGEL-Redakteuren, die das NSA-Thema eher vernebeln und in ihrer Darstellung der deutschen Datenschutz-Szene sogar den Chaos Computer Club unerwähnt lassen, die hiesigen Pioniere der NSA- und Überwachungskritik. Der SPIEGEL will nur noch das Blog „Netzpolitik“ kennen, das neuerdings als Medien-Darling durch deutsche TV-Sender tingelt, und belegt damit, dass große Medienkonzerne wie Bertelsmann eher Teil des Problems sind als seine Lösung.

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Überwachungsmaschine Panoptikum

Kafkaeske Dystopie

Was Snowden über die Geheimdienste ans Licht brachte, übertraf die schlimmsten Befürchtungen der meisten Menschen um ein Vielfaches. Die NSA & Co. haben das World Wide Web zu einer gigantischen Überwachungsmaschine umfunktioniert, die jeden unserer Schritte bespitzeln und protokollieren kann. Daraus lässt sich ein präzises Persönlichkeitsprofil jedes Menschen weltweit errechnen. Vielleicht nicht jetzt sofort, aber irgendwann in der Zukunft, wenn du es wagen solltest, „etwas Auffälliges“ zu tun. Du oder jemand, den du kennst. Oder jemand, der jemanden kennt, den du kennst. Und was ist „etwas Auffälliges“? Das sagen sie uns nicht, weil sie es geheim halten. Oder weil sie es selbst noch nicht wissen. Vielleicht wird das künftig ein Geheimdienstchef entscheiden oder ein US-Präsident. Oder ein Computer. Oder ein korrupter Konzernboss, ein Weltdiktator, ein Massenmörder.

Wir alle werden künftig in einer Welt leben müssen, wie sie das wahnsinnige Genie eines Franz Kafka nicht dunkler hätte ersinnen können: Wenn wir die NSA nicht bändigen, wenn wir nicht wachsam bleiben, Kryptographie anwenden und die Reste der Demokratie zäh verteidigen. Wir müssen sie verteidigen gegen Dunkelmänner, die behaupten, sie wollten uns vor „dem Terror“ schützen –vor einem Terror, von dem immer mehr Menschen glauben, dass ihn genau diese Dunkelmänner insgeheim fördern oder überhaupt erst organisiert haben. Der Film „Citizenfour“ hilft uns, nicht wieder ins rosige Traumland naiver Netznutzung zurück zu gleiten, aus dem es ein grausiges Erwachen geben könnte.