Archiv der Kategorie: Foucault

Inverse Panopticon: Digitalisierung & Transhumanismus II

Transhumanisten fordern in der Digitalisierungsdebatte auch eine Revision der Menschenwürde -wir brauchen aber eine Umkehr von Machtstrukturen

Bild: Singularity Utopia/ CC BY-SA 3.0

Thomas Barth

Lobby-Netze und -Konzerne, die Facebook und anderen Hilfe bei ihrer „Krisenkommunikation“ anbieten, sind Big Player der Netzmedienwelt. Die Medienwissenschaft gehörte lange vor KI-Forschung und Quantencomputern zu den strategisch wichtigen Wissensgebieten. Mit transhumanistischen Wortführern tritt heute zunehmend auch die Philosophie auf diese Bühne. Wird der Transhumanismus zum Austragungsfeld eines neuen Kulturkampfes um Netz-, Digital- und Biotechnologien?

Von vernetzten Machteliten zur Ethik

Mit Prof. Miriam Meckel haben wir im ersten Teil eine derart weitreichend mit diversen Machteliten vernetzte VIP kennen gelernt, dass die Fantasien eines transhumanen Übermenschen sich in ihr zu manifestieren scheinen. Lag bei Meckel der Fokus auf Digitalisierung, blickt ihr Kollege Sorgner primär auf Biotechnik. Im Vergleich zu Prof. Meckel wirkt Deutschlands „führender Transhumanismus-Experte“ Prof. Stefan Lorenz Sorgner fast harmlos wie ein Chorknabe, aber auch marktschreierisch wie der Obstverkäufer vom Wochenmarkt.

Allerdings kann man selbst beim Thema Obst ins Fettnäpfchen treten, wenn man etwa (wie Sorgner) Erdbeeren zur Begründung einer Relativierung des Wertes der Menschenwürde heranzieht. Unsere Verfassung basiert im ersten Artikel bekanntlich auf Kants Kategorischem Imperativ, der verbietet, einen Menschen nur als Zweck zu instrumentalisieren und ihm damit seine Würde zu verweigern. So sehr es damit in der Praxis hapert, zumindest in der Theorie war dies bislang unumstritten.

Weil die Menschenwürde laut Sorgner aber auf einem überkommenen Dualismus aus der christlichen und kantischen Anthropologie beruht, sei ihr Gebot problematisch wegen „paternalistischer Implikationen“ (Sorgner 2016 S.150). Yvonne Hofstetter sieht dagegen Paternalismus eher bei Transhumanisten bzw. beim „Silicon Valley, das die menschlichen Lebensbedingungen auf paternalistischem Weg zu verbessern sucht. Da ist sie, die neue imperialistische digitale Elite, die ökonomisch denkt und politisch handelt, ohne dazu ermächtigt zu sein“ (Hofstetter 2016 S.457).

Sorgner folgert, die kategoriale Unterscheidung von Menschen und Tieren sei nicht haltbar, denn -um die Ausführungen zu verkürzen- die Philosophen hätten den Theologen bewiesen, dass die Existenz einer unsterblichen Seele unplausibel sei. Man sollte daher zu einer graduellen Mensch-Tier-Unterscheidung übergehen, mit dieser aber…

…könnte auch die alleinige Instrumentalisierung von Menschen moralisch legitim werden bzw. die alleinige Instrumentalisierung von Gras, Blumen oder Erdbeeren moralisch illegitim werden. Beide Implikationen sind unplausibel und würden praktisch problematische Konsequenzen mit sich bringen.“ Sorgner 2016, S.150

Daher sollte unsere Verfassung zur Setzung kontingenter, also veränderbarer Werte und Normen übergehen, so Sorgner. Das ist rechtlich wie politisch heikel, denn Artikel 1 zur Menschenwürde gehört zu den auch mit Zweidrittel-Mehrheit nicht änderbaren Teilen des deutschen Grundgesetzes. Unverständlich erscheint auch, warum Sorgner hier an einer Stelle wo andere, etwa die Transhumanistische Partei Deutschlands (TPD) von Tierwohl und -rechten reden, die Menschenwürde (ironisierend?) auf Gras und Erdbeeren ausweitet.

Auch scheut Sorgner durchaus denkbare nicht-dualistische Wege einer kategorialen Abgrenzung des Menschen vom Tier, etwa die Sprache als emergente Eigenschaft des menschlichen Gehirns („materialistischer Monismus“, vgl. Janina Loh 2018, S.27). Doch die menschliche Sprache, deren respektvollere Würdigung bei Sloterdijk und Heidegger gleich noch zu erörtern ist, ist für Sorgner nicht wirklich etwas Besonderes. Denn jede Spezies hat ihre Tricks im evolutionären Überlebenskampf:

Menschen mögen bezüglich der Fähigkeit, eine der vielen menschlichen Sprachen erlernen zu können, eine Sonderstellung haben. Südamerikanische Vampirfledermäuse mögen hinsichtlich der Fähigkeit, sich als einzige Säugetiere alleine von Blut ernähren zu können, ebenso eine Sonderstellung besitzen…“ Sorgner 2016 S.146

Metahumanismus und Unsterblichkeit, die keine ist

Janina Loh, die Sorgners „Metahumanismus“ in ihrem Buch „Trans- und Posthumanismus zur Einführung“ in einem kurzen Kapitel analysiert, mag diesen letztlich nicht als eigenständigen Ansatz anerkennen (Loh 2018, S.175). Auch Sorgners duales Theoriesystem von Kohlenstoff- bzw. Siliziumbasiertem Transhumanismus (womit er Bio- von Digitaltechnik trennt) lehnt Loh als zu schematisch und daher nur bedingt brauchbar ab (S.78).

Aber Loh schreibt Sorgner auch zu, die von Transhumanisten prognostizierte Unsterblichkeit nur als „rhetorisches Mittel“ zu sehen (S.173), hat dabei jedoch evtl. überlesen, dass Sorgner Unsterblichkeit zwar für unmöglich erklärte, aber nur wegen eines in Milliarden Jahren drohenden kosmologischen Kollaps des Universums (Sorgner 2016 S.11, 2018 S.157).

Bis dahin könnte Sorgners extrem langlebiger (wenn auch im haarspalterisch-philosophischen Sinne nicht völlig unsterblicher) Transhumaner noch eine ganze Menge Neutrinos die Galaxis runterfließen sehen -und evtl. auch eine Revision der schließlich nur auf läppischen 200 Jahren Forschung basierenden Big-Bang-Theorie. Der Kritik am transhumanen Unsterblichkeitsstreben entgeht Sorgner mit seiner kosmologischen Scholastik aber nicht. Katharina Klöckner kritisiert gegen Enhancement-Methoden allgemein, insbesondere aber die Vermeidung von Alter und Tod:

Letztlich steht also hinter der transhumanistischen Optimierung das Ziel möglichst optimaler Anpassung an die Gegebenheiten. So geht die Geringschätzung menschlicher Begrenztheit… einher mit einer ‚fundamentalen Affirmation der gegenwärtigen sozialen und politischen Umstände‘ und einer Verhärtung gegenüber dem Leiden… Wer die Kontingenzen des menschlichen Lebens abschaffen möchte, wird letztlich nur einen vermeintlich freien Menschen kreieren. Dieser wird sich als eine Marionette der Biotechnologie entpuppen.“ (Klöckner 2018 S.334).

Sorgners „anti-utopischer Transhumanismus“ stört sich weniger an technologischen Risiken, scheut aber die „Gefahr, dass die Gegenwart für eine utopische Zukunft geopfert wird“ (2018 S.159) und wirkt auch sonst eher an Arbeitgeber-Interessen orientiert:

„Frauen müssen nicht mehr schwanger werden. Kinder entwickeln sich in künstlichen Gebärmüttern (biobags), was für die Inklusion von Frauen auf dem Arbeitsmarkt von unschätzbarer Bedeutung ist.“ (Sorgner 2018 S.178)

Sorgners rein auf technischen Fortschritt gerichtete Zukunftsvision erinnert frappierend an historische PR-Propaganda der US-Industrie. Die hatte einst Edward Bernays, den Erfinder der Public Relations persönlich, engagiert um gegen Roosevelts sozialdemokratischen New Deal Stimmung zu machen: Man bejubelte unter Bernays Anleitung auf der New Yorker „World’s Fair“, der Weltausstellung 1939, in Wochenschaufilmen und Wanderausstellungen jahrelang den kommenden Segen der Konsumgüterbranche, bis hin zum witzigen Roboter (Wasson S.162), technischen Fortschritt, der angeblich besonders der Industrie zu verdankenden sei. Ziel der Kampagne des Industrieverbandes war, deren von Massenentlassungen und Verelendung angeschlagenes Image aufzupolieren.

Sorgner bejubelt in Bernays Tradition, aber bereichert um den nicht von jedem goutierten Hippie-Ausruf „Yeah!“ etwa medizinischen Fortschritt: „Vor 250 Jahren war die Verbesserung des Menschen durch Impfung noch nicht entwickelt worden. Ich bin sehr froh in einer Zeit zu leben, in der die Impfung vorhanden ist. ‚Yeah!‘“ (2016 S.31) Später bejaht Sorgner noch die Erfindung des Haartrockners, des Smartphones, des Kühlschranks, der Waschmaschine, der Pockenimpfung und des Penicillins -in dieser Reihenfolge (S.168). Dann schwärmt er auf die zu erwartende Zukunft bezogen, die Technologie immer wieder „bejahend“:

Wir benötigen nur noch einen Computer mit Internetzugang, der in absehbarer Zeit in unseren Körper integriert sein wird (…), ein warmes Bett und etwas Leckeres zum Essen, vielleicht ein Filesteak, das zu Hause in einer Petrischale gewachsen ist, so dass keine Tiere zur Essensproduktion mehr getötet werden müssen… wodurch der Kohlendioxidausstoß stark reduziert wird.“ (Sorgner 2018 S.178).

Von Sorgner zu Sloterdijk und Kittler

Auf seiner Website http://www.sorgner.de/ zitiert Sorgner einen Steve Fuller, der ihn, Sorgner, zum „evolutionären Nachfolger“ von Peter Sloterdijk auslobte. Sloterdijk hatte vor zwei Dekaden mit seiner transhumanistisch angehauchten Elmauer Menschenpark-Rede einen Philosophenstreit ausgelöst, vor allem Habermas gegen sich aufgebracht.

Als Ahnherren berief sich Sloterdijk -wie heute Sorgner- auf Nietzsche, aber auch auf Heidegger als dessen existenzialistischen Fortdenker. Heidegger sah den Menschen hellsichtig in künftiger Technik verschwinden -und sah ihn als Wesen, das vor allem in der Sprache seine existenzielle Behausung findet. Diese Dimensionen von Mensch und Technik müssen Sorgner, der die Sprache allzu gering schätzt (sie sei einmalig nur wie etwa das Blutsaugen der Vampirfledermaus), zwar verborgen bleiben. Aber Sorgner stellt sich, wenn auch etwas spät, an die Seite von Sloterdijk gegen Habermas und empört sich über des Letzteren Diffamierung der Posthumanisten als „ausgeflippte Intellektuelle“.

Habermas hätte, so Sorgner, Post- und Transhumanisten verwechselt, zu welchen er Sloterdijk nur fälschlich gezählt hätte, ferner hätte Habermas die Popularität des Transhumanismus unterschätzt (Sorgner 2016, S.20). Habermas sei ein Biokonservativer dessen Kritik an der von Sloterdijk diskutierten und von Sorgner befürworteten „liberalen Eugenik“ nur deswegen so viel Gehör finde, weil leider der Begriff „Eugenik“ durch die Nazis vorbelastet sei (S.42).

Wenn Sloterdijk und Sorgner sich im Wettbewerb um die Ehre des „transhumansten Denkers im Land“ bewerben würden, würde ihnen freilich ein verstorbener Medientheoretiker mühelos den Rang ablaufen: Friedrich Kittler, der sich wie Sloterdijk auf Nietzsche und Heidegger berief, und schon seit den 80er-Jahren die Digitalisierung analysierte, wobei er -sehr transhuman- die kommende Künstliche Intelligenz euphorisch begrüßte. Wie Miriam Meckel verfügte auch Kittler über gute Beziehungen zur Machtelite der Medienindustrie, genauer gesagt, zum sechsfachen Bilderberger und Medienzar Hubert Burda.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Kittlers durchaus transhuman zu nennende Medientheorie über seinen Gönner Burda in Kreise der Bilderberger wanderte und deren aktuelles Engagement für Digitalisierung, KI und andere transhumanistische Kernthemen mit geprägt hat. Wenn die Transhumanistische Partei Deutschlands ihre Forderung nach Transparenz für Lobby-Netze ernst nimmt, sollte sie evtl. mit der Aufhellung der Bilderberg-KI-Connection anfangen. Doch Kittler selbst ist tot. Für ihn kommen die Transhumanisten zu spät mit ihrer Verlängerung der Lebensspanne bzw. Verheißung der Unsterblichkeit als Klon, Cyborg oder in digital-entkörperlichter Form innerhalb künftiger Computernetze (wozu Kittler vermutlich nicht nein gesagt hätte).

Internet-Panopticon und inverser Panoptismus

Gefährlich wird Transhumanismus bei allem begrüßenswertem Technikoptimismus jedoch, wenn mit der rosaroten Google-Brille die Kritikfähigkeit völlig verloren geht. Vor allem wenn dabei perfide die Bewahrung vor Alter und Krankheit gegen Warnungen vor Privacy-Gefahren von Big Data ausgespielt werden. In seinem Schlusswort, grenzte Sorgner sich 2019 zwar von IT-Konzernen ab, doch ob unsere persönlichen Daten beim Staat wirklich sicher sind, darf bezweifelt werden: Computer können gehackt, Behörden bestohlen, Beamte bestochen werden, um nur die harmlosesten Risiken anzureißen.

Viele unserer Interessen könnten durch Big Data Analysen auf Basis einer personalisierten Dauerüberwachung gefördert werden: Gesundheit, Wohlbefinden. Gegenwärtig gehe ich davon aus, dass es ein Staat sein muss, der diese Daten sammelt. In den USA, wo Google und Facebook diese Daten sammeln ist es höchst gefährlich. Aber wir brauchen diese Daten für den Kampf für unsere Gesundheit für den Kampf gegen das Altern, den schlimmsten Massenmörder überhaupt… Wir brauchen dafür ein EU-Socialcredit-System. Ich kann es kaum erwarten, dass unsere posthumane Zukunft beginnt, vielen Dank.“ (verhaltener Beifall) Prof. Stefan Lorenz Sorgner

Die Gefahr totaler, wenn nicht totalitärer Überwachung nennt Sorgner hier nicht, obwohl sie ihm ganz am Ende seines Buches doch einmal kurz in den Sinn kam, in den „abschließenden Bemerkungen“: Michel Foucault habe die mit dem „Internet-Panopticon“ verbundenen Prozesse in seiner Analyse des Panoptismus bereits treffend beschrieben und folgert:

Hierzu könnte und müsste noch viel gesagt werden, und mit dem rasanten Voranschreiten von Digitalisierungsprozessen nimmt die Relevanz dieser Überlegung an Bedeutung ständig zu. Ein Entkommen aus dem Internet-Panopticon ist für Bürger technisch-fortschrittlicher Staaten keine realistische Option mehr. Wir alle werden notwendigerweise zu Gefangenen dieses Systems. Wie hiermit umzugehen ist, ist eine enorme Herausforderung, über die wir uns dringend Gedanken machen müssen.“ (Sorgner 2016, S.194)

Als jemand, der sich diese „dringenden Gedanken“ bereits Anfang der 90er Jahre machte und seither die Alarmglocken schlug, begrüße ich, dass selbst ein harthöriger Technikoptimist wie Sorgner von Ferne etwas läuten hörte. Als Ergebnis legte ich 1993 als Idee das „inverse Panoptikum“ vor, basierend auf kritischer Praxis der Hackerkultur und eines von mir prognostizierten „Machtmediums Zugang“. Letzteres war für manche Hacker leider eine Provokation, denn vom sich rapide öffnenden Zugang (Access, XS) zu Information erhofften viele das künftige Internet-Paradies.

Aus Günther Anders‘ Medienphilosophie, Luhmanns Systemtheorie und Foucaults Machtanalyse hatte ich jedoch im „Machtmedium Zugang“ eine neue Dimension der künftigen globalen Netze prognostiziert: Den panoptisch-überwachenden Zugang zu persönlichen Daten des Individuums, nun neuartig kombiniert mit einer individuell abgestimmten Kanalisierung des Zugangs selbigen Individuums zu medialen Daten: Was man dich sehen lässt, wird bestimmt von dem, was Konzerne und Staat von dir gesehen haben.

Die meine Studienarbeit begutachtenden Professoren konnten damals zwar keine logischen Fehler in der Konstruktion finden, aber auch nicht viel damit anfangen (1993, also Jahre bevor das Netz mit dem WWW zum Massenmedium wurde). Das ging auch Rezipienten  meines Buches „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft“ später noch so: Maria Markantonatou wies z.B. bereits 2005 auf mediale Aspekte von im Neoliberalismus verschärften Kontrollformen hin (S.237), ebenso im gleichen Jahr Michael Nagenborg auf den Panoptismus (S.133), beide zwar mit Verweis auf meinen Text, aber leider ohne das Machtmedium Zugang analytisch einzubeziehen. Access-Optimisten der zum Sprung zur Massenkultur ansetzenden Hacker-Community wiesen meine „Zugang“-Warnungen zwar als überzogen zurück, zeigten sich jedoch immerhin offen für Ethik und Subjekt-bezogene bzw. netzmedienrechtliche Folgerungen.

Diverse Affären bei Facebook und spätestens der Cambridge Analytica-Skandal haben letztlich meiner Meinung nach bewiesen, dass und wie solche neuen Manipulationstechnologien nach dem Muster des Machtmediums Zugang funktionieren können. Den von mir als Gegenstrategie empfohlenen „inversen Panoptismus“ konnte ich 1997 auch in meinem ersten Artikel im jungen Telepolis-Portal darstellen -in der Debatte um die „Kalifornische Ideologie“ der Silicon Valley-Digerati, aus deren Kreisen heutige Digital-Milliardäre hervorgingen. Damals diskutierte Telepolis auch bereits erste Transhumanisten, wie den „Extropianer“ Max More, heute ein Klassiker dieser Bewegung.

Es ist zu hoffen, dass Digerati und Transhumanisten bei in ihren euphorischen Visionen eines posthumanen Daseins gelegentlich auf Kritiker hören, die heute vor Big Data als Entmündigung warnen (etwa Mühlhoff 2019) und sogar von einem neoliberalen Surveillance Capitalism sprechen (Zuboff 2019). Das Inverse Panopticon kann vielleicht inzwischen selbst als klassische Kritikfigur gelten.

Quellen

Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen, München 1956

Barth, Thomas: Cyberspace and the Way to the Inverse Panopticon, 11C3, paper CCC 1994

Barth, Thomas: Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft, Pfaffenweiler: Centaurus 1997 (in 57 Fachbibliotheken einsehbar)

Barth, Thomas: Cyberspace, Neoliberalismus und inverser Panoptismus, Telepolis, 3.7.1997

Barth, Thomas: Self/Less: Tea Party für Transhumanisten, Telepolis 20.8.2015

Barth, Thomas: Kittler und künstliche Intelligenz: Über die Verquickung von Medientheorie und Macht, Berliner Gazette 19.7.2018

Capulcu Redaktionskollektiv: DELE_TE! Digitalisierte Fremdbestimmung, Münster: Unrast 2019

Göcke, B.P.: Designobjekt Mensch?! Ein Diskursbeitrag über Probleme und Chancen transhumanistischer Menschenoptimierung.“ In: Benedikt Paul Göcke/ Frank Meier-Hamidi (Hg.): Designobjekt Mensch. Der Transhumanismus auf dem Prüfstand. Freiburg i.Br.: Herder 2018, 117-152

Heuer, Steffan: Mich kriegt ihr nicht: Die wichtigsten Schritte zur digitalen Selbstverteidigung, Hamburg: Murmann 2019

Hofstetter, Yvonne: Das Ende der Demokratie: Wie künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt, München: C.Bertelsmann 2016

Klöckner, Katharina: Zur ethischen Diskussion um Enhancement, In: Göcke/ Meier-Hamidi (2018) 308-338

Launchbury, John: A DARPA Perspective on Artificial Intelligence, technicacuriosa 2016

Loh, Janina: Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Hamburg: Junius 2018

Loh, Janina: Transhumanismus: Den Menschen weiterentwickeln, um ihn besser kontrollieren zu können, Berliner Gazette 15.8.2017

Markantonatou, Maria: Der Modernisierungsprozess staatlicher Sozialkontrolle: Aspekte einer politischen Kriminologie -Transformationen des Staates und der sozialen Kontrolle im Zeichen des Neoliberalismus, Dissertation, Freiburg i. Br. 2005

More, Max: Vom biologischen Menschen zum posthumanen Wesen, Telepolis, 17.7.1996

Mühlhoff, Rainer: Big Data ist Watching You: Digitale Entmündigung am Beispiel von Facebook und Google, in: ders., Anja Breljak u. Jan Slaby. (Hg.): Affekt, Macht, Netz: Auf dem Weg zu einer Sozialtheorie der digitalen Gesellschaft, Bielefeld: transcript 2019, S.81-106

Nagenborg, Michael: Das Private unter den Rahmenbedingungen der IuK-Technologie: Ein Beitrag zur Informationsethik, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2005

O‘Neil, Cathy: Angriff der Algorithmen, München: Hanser 2017

Schnetker, M.F.J.: Transhumanistische Mythologie: Rechte Utopien einer technologischen Erlösung, Münster: Unrast 2019

Sorgner, S.L.: Transhumanismus: ‚Die gefährlichste Idee der Welt‘!?, Herder: Freiburg 2016

Sorgner, S.L.: Was wollen Transhumanisten? In: Göcke/ Meier-Hamidi (2018) 153-180

Stöcker, Christian, Facebook: Zuckerbergs Theorem, SpiegelOnline, 10.3.2019

Wasson, Haidee: Verkaufsmaschinen -Film und filmische Techniken auf der New Yorker Weltausstellung 1939/40, Montage-AV 2/2015, 161-177  pdf-document

Weber, K. u. T. Zoglauer: Verbesserte Menschen: Ethische und technikwissenschaftliche Überlegungen, München: K.Alber 2015

Zuboff, Shoshana: The Age of Surveillance Capitalism, London: Profile Book 2019

Dieser Beitrag erschien zuerst hier auf TELEPOLIS

Digitalisierung und Lobby: Transhumanismus I

Transhumanisten bringen bunte Tupfer in die aktuelle Digitalisierungsdebatte, aber auch gefährliche Blütenträume, Lobbyismus und Angst -vor den Chinesen

Thomas Barth

„Ein Gespenst geht um, nicht nur in Europa – das Gespenst des Transhumanismus. Seine Priester und Auguren haben bereits prominente Forschungslaboratorien, Universitäten, globale Unternehmen und politische Institutionen besetzt.“, warnte 2017 die NZZ und hatte damit nicht ganz unrecht. Einige transhumanistische Stimmen wollen heute offenbar einer hemmungslosen Digitalisierung den mühsam erkämpften Datenschutz aus dem Weg räumen -zur Freude der IT-Lobby.

Bild: Singularity Utopia / CC BY-SA 3.0

Wir werfen einen Blick auf die Transhumanistische Partei Deutschlands, den transhumanen Philosophen Sorgner, die mit aktueller Magnet-Hirnstimulation noch unzufriedene Medienforscherin Miriam Meckel, aber auch auf Kritiker einer allzu euphorischen Digitalisierung. Es wird sich zeigen, dass der Transhumanismus differenziert gesehen werden muss -und am Ende bei aller Technik-Euphorie doch nicht um eine Kritik des Internet-Panoptikums herum kommt. Telepolis befasste sich übrigens schon ab 1996 mit dem Transhumanisten Max More  und mit Vorschlägen für ein Inverses Panoptikum als Antwort auf heute immer virulentere politische Dimensionen der Netztechnologien.

Huxley und Humanismus

Der Biologe und überzeugte Eugeniker Julian Sorell Huxley prägte 1951 den Begriff “Transhumanismus” im Aufsatz New Bottles for New Wine und setzte sich zugleich als erster UNESCO-Generalsekretär und bei der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte für humanistische Werte ein. Julians Bruder Aldous Huxley warnte dagegen schon 1932 in seiner Babies-in-Bottles-Dystopie “Schöne neue Welt” vor einer Zukunft mit biologisch fabrizierter Drei-Klassen-Gesellschaft: Genetische oder technische Intelligenzsteigerung hatte schon immer ihre Fans und gehört heute zu den Hoffnungen der neuen Bewegung.

Viele erinnern sich dabei an die LSD-selige SMILE-Revolution (Space Migration, Intelligence Increasement, Life Extension) des „Exo-Psychologen“ Timothy Leary und sei es nur aus den Pop-Conspiracy-Bestsellern von Robert Anton Wilsons Auge-in-der-Pyramide-Zyklus. Bereits im 19.Jahrhundert brachte Auguste Comte, Begründer von Soziologie und Positivismus, eine vom Fortschritt berauschte Bewegung zusammen, in der man sich z.B. von der Medizin beträchtliche Verlängerungen der Lebenszeit, wenn gar nicht Unsterblichkeit erhoffte.

Heute verstehen sich Transhumanisten als Teil einer Bewegung, die vom „Posthumanismus“ abzugrenzen ist, der nicht den Menschen selbst, sondern als eher theoretische Richtung das Menschenbild des Humanismus überwinden will. Dieses wird, anknüpfend etwa an Michel Foucault  und andere Postmoderne, mit Schattenseiten der Moderne in Verbindung gebracht: Etwa psychiatrische Entmündigung, Sexismus, Rassismus, Kolonialismus, Totalitarismus usw. Der Transhumanismus reflektiert diese Schattenseiten eher nicht, steht sogar teilweise zu tradierten humanistischen Werten und will sie auf „verbesserte Menschen“ (Enhancement), Cyborgs und Künstliche Intelligenzen ausweiten (Janina Loh 2018).

Im Jammertal der Digitalisierung

Das aktuelle Elend der Digitalisierung wie auch die Schwächen des cishumanen Mängelwesens Mensch zeigten sich am 4. Oktober 2019 im Tagungszentrum der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Die Kirche wollte den Transhumanismus erörtern und hatte neben dem Theologen Hoff dafür den Religionsphilosophen Prof.Göcke und den „bekanntesten deutschsprachigen Transhumanisten“ Prof.Sorgner eingeladen. Pech war, Sorgner kam stark vergrippt, Göcke stark verspätet, weil mit der offenbar fehldigitalisierten Deutschen Bahn.

Was ist der Mensch? Was soll er glauben, worauf soll er hoffen? Diese Fragen bewegen Theologen wie Transhumane: „Der Transhumanismus geht davon aus, dass sich der Mensch als ein Produkt der biologischen Evolution auch selbstständig technisch bis hin zu einem neuen Mensch-Maschine-Wesen oder einer Cyberspace-Entität weiterentwickeln kann und sollte.

So beginnt der durchaus transhuman geneigte Göcke die Einleitung zu seinem Buch „Designobjekt Mensch: Die Agenda des Transhumanismus auf dem Prüfstand“. Da kommen digitale Techniken gerade recht, ob als Hirn-Chip, als Big-Gene-Data, KI oder in fernerer Zukunft als virtueller Lebensraum ganz entkörperlichter Menschen (brain uploading). Bedeutsamer Zankapfel der Digitalisierung ist der Datenschutz, der nach Meinung Prof.Sorgners leider auch transhumanem Streben nach kybernetischer wie genetischer Verbesserung des Menschen im Weg steht.

Datenschutz und Transhumanismus bei Google

IT-Konzerne schätzen verständlicherweise Transhumanisten, wie etwa die Super-KI-Forscher des Machine Intelligence Research Institute , mehr als Datenschützer. Google etwa hat mit Ray Kurzweil einen prominenten Transhumanisten zum Forschungsdirektor gemacht, Tesla-Milliardär Elon Musk will mit seiner neuen Firma Neuralink Hirnimplantate entwickeln. Bei Facebook treibt Mark Zuckerberg persönlich transhumane Projekte voran, etwa die Worterkennung per Hirnscan. Das dabei angestrebte Brain-Diktaphon würde nebenbei dem maschinellen Gedankenlesen etwas näher kommen, das der NSA bei ihrer Totalüberwachung noch schmerzlich fehlt. Auch deutsche Transhumane scheinen Belangen der IT-Wirtschaft nicht abgeneigt, wie die Diözese Rottenburg auf oben erwähnter Tagung feststellen konnte.

Prof. Sorgner ließ es sich dort nicht nehmen, die Debatte mit einem Bonmot der IT-Industrie zu bereichern: „Daten sind das neue Öl!“ Unter dieser Parole hatte die Industrielobby bekanntlich versucht, die neue EU-Datenschutzverordnung zu torpedieren, wie eine Polit-Dokumentation zeigte.

Aus Angst davor, die EU könnte von China digital abgehängt werden, tritt Sorgner dafür ein, ein europäisches Social-Credit-System nach chinesischem Vorbild einzuführen, inklusive einer personalisierten Dauerüberwachung der kompletten EU-Bevölkerung:

Warum es für uns keine realistische Position ist, die Datenerfassung zu unterlassen: Der zentrale politische Grund für eine umfassende Datensammlung ist, dass wir in einer globalisierten Welt leben und das Daten das ‚Neue Öl‘ sind, wie viele Experten betonen: Öl bedeutet Macht und finanzielles Florieren. Angesichts dieser Erkenntnis ist es keine realistische Option, keine personalisierten Daten zu sammeln… In China wird ab 2020 ein Sozialkreditsystem flächendeckend angewendet werden. Die Menge an digitalen Daten, die auf diese Weise erhoben wird, ist kaum zu unterschätzen. Je mehr digitale Daten verfügbar sind, desto mehr Macht und Geld kann realisiert werden. Europa dagegen hat Datenschutzbestimmungen institutionalisiert, die einer hilfreichen Erfassung digitaler Daten entgegenstehen.“ Prof. Stefan Lorenz Sorgner 

Damit outet sich Sorgner wohl als transhumaner Extremist, jedenfalls aus Sicht der 2015 gegründeten Transhumanistischen Partei Deutschlands (TPD). Die pocht in den Leitlinien ihres Parteiprogramms Version 2.0 gleich an erster Stelle auf die Grundrechte der Menschenwürde und der informationellen Selbstbestimmung. Sorgner übergeht dagegen in seinem Redebeitrag den möglichen Einwand, dass blinde Gier nach Macht und Geld geradewegs in einen digitalen Totalitarismus führen könnte. Auch an seinem Buch mit dem reißerischen Titel „Transhumanismus: ‚Die gefährlichste Idee der Welt‘!?“ (2016), fällt auf, dass kaum Bedenken, Zweifel oder Kritik an Technologien vorkommen. Dabei haben insbesondere Eingriffe in das menschliche Gehirn eine dunkle Geschichte -man denke an Militär- und Geheimdienst-Projekte wie das Zimbardo-Experiment, LSD-Forschung, Gehirnwäsche oder MKUltra.

Hobbes‘ Wolfsmensch im digitalen Leviathan?

Andererseits verbirgt sich hinter Sorgners optimistischem Bejahen des technischen Fortschritts, das geradezu von einer Euphorie in die nächste taumelt, ein zutiefst pessimistisches Menschenbild: Der „Mensch als des Menschen Wolf“ des Frühaufklärers Thomas Hobbes, wie man es im „Bioshock“-Computerspiel in einer transhumanen Welt der Gen-Mutanten nachspielen kann. Dort werden individuell gestaltete Menschen zu einander bekriegenden Monstren in einer Gesellschaft, die nach den darwinistisch-libertären Grundsätzen von Ayn Rand konzipiert ist (so Weber in Weber/Zoglauer 2015 S.55,69).

Als Begründer der modernen politischen Philosophie empfahl Hobbes zur Überwindung der angeblich menschlichen Gewaltnatur den frühtotalitären Absolutismus eines staatlichen Leviathans. Angesichts einer Welt voller psychopathischer Wolfsmenschen ist eine an Ethik orientierte Lebenshaltung natürlich nicht ratsam, meint offenbar Sorgner, wenn er sagt:

Moralischer zu sein hingegen, ist ggf. nicht der zentrale Wunsch vieler Menschen. Überspitzt formuliert liegt dies meiner Meinung nach darin begründet, dass Moralität in der Regel im Interesse der nicht-moralischen Menschen ist und moralische Menschen eher ausgenutzt, ausgebeutet und unterdrückt werden.“ Sorgner 2016, S.62

Kritisch sieht Sorgner daher eine von manchen Transhumanisten geforderte gesetzliche Verpflichtung zum „moralischen Enhancement“ (und das ist fast die einzige Technikkritik im ganzen Buch). Dabei ist hier nicht ethische Bildung und Erziehung gemeint, sondern Moral etwa per Hirnimplantat oder Einflößung von Drogen, die analog zur Impfpflicht verordnet werden könnte. Das lehnt Sorgner ab. Aber nicht, weil ein Herumpfuschen an den höchsten Funktionen des menschlichen Gehirns unsere Gesundheit, Freiheit und Würde beeinträchtigen könnte, sondern -ganz im Sinne eines Bioshock-Rechtslibertarismus nach Ayn Rand- wegen des „globalen Wettbewerbs“:

Eine solche Regelung mag zwar praktisch nicht ausgeschlossen sein, jedoch erscheint sie mir in keinem Fall im politischen Interesse des betroffenen Landes zu sein, da ein Land mit einer besonders moralischen Bevölkerung im Kontext des globalen Wettbewerbs sicherlich nicht lange bestehen kann.“ Sorgner 2016, S.63

Medien, Macht und Management

Die Medienwissenschaftlerin Prof. Miriam Meckel vertritt bezüglich Datenschutz und Digitalisierung eine der Sorgnerschen ähnliche Position. Sie wandelt ebenfalls auf transhumanen Pfaden, ohne sich jedoch lautstark mit diesem Label schmücken zu wollen, -und verfügt über beträchtlichen Einfluss. Prof. Meckel war von 2014-18 Chefredakteurin bzw. Herausgeberin der Wirtschaftswoche und hat persönlich experimentelle Brain-Enhancement-Technologie ausprobiert, die per Magnetstimulation die psychische Leistungsfähigkeit stärken sollte. Seither berichtet sie häufig davon, wie sie poststimulativ unter 36 Stunden Übelkeit litt. (Aber zum Credo des Transhumanismus gehört schließlich auch das mutige Erproben neuer Technologien.) Was Digitalisierung und Datenschutz angeht, lag Meckel auf einer Linie mit Sorgner als sie verkündete, es würde auf Dauer keine Möglichkeit geben einen umfassenden Schutz persönlicher Daten zu gewährleisten:

Alles was im Bereich der neuen Technologien, der KI passiert, muss mit Daten laufen, und wenn wir diese Daten in Europa nicht benutzen, weil wir sie alle schützen wollen, dann sind wir in Kürze abgehängt. D.h. wir müssen uns was anderes ausdenken, um eine Form von Privatheit zu gewährleisten ohne dass die Daten abgekapselt sind.“ Prof.Miriam Meckel, 2.11.2018 auf SWR1

Aufgrund der Machtposition der agilen Professorin ist dieses Statement weit ernster zu nehmen als die Ausführungen Sorgners. Miriam Meckel gilt im Medienbereich als extrem gut vernetzt, war als Journalistin bei WDR, Vox und RTL (Bertelsmann) tätig und erlangte Berühmtheit auch durch ihre kurzzeitige Ehe mit der prominenten TV-Moderatorin Anne Will. Ihre akademische Blitzkarriere begann 1995, ein Jahr nach ihrer Promotion, mit einer Vertretungsprofessur am Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Münster, 1999 wurde sie ordentliche Professorin und geschäftsführende Direktorin des Instituts. Von März 2001 bis Oktober 2002 ging die parteilose Meckel dann in die Politik, wurde Staatssekretärin für Medien und Regierungssprecherin von Wolfgang Clement (SPD) in NRW. Nach dem Amtsantritt von Peer Steinbrück (SPD) wurde sie bis Juni 2005 NRW-Staatssekretärin für Europa, Internationales und Medien.

Wie auch der Spiegel, sorgt sich Miriam Meckel, dass chinesische Innovationen im Digitalbereich das Silicon Valley überholen und will den Datenschutz zurückschrauben. Analog zu vielen Transhumanisten klingt bei ihr auch Technikdeterminismus bzw. -fatalismus durch: Die Entwicklung sei ohnehin nicht zu steuern, geschweige denn aufzuhalten. Damit befinden sich Meckel und Sorgner erstaunlich nahe an Forderungen der IT-Lobby und im Gegensatz zu kritischen Betrachtern der Digitalisierung.

Die Mathematikerin Cathy O‘Neil, die wirklich etwas von der Technik und dem Code dahinter versteht, fordert etwa mehr „moralisches Vorstellungsvermögen“, denn „Big Data-Prozesse kodifizieren die Vergangenheit und können nicht die Zukunft erfinden“ (S.276). Das Capulcu-Kollektiv zeigt in seinem Buch „DELE_TE! Digitalisierte Fremdbestimmung“ Hintergründe und politische Gegenwehr (2019), ebenfalls weit entfernt vom fatalistischen Erwarten der von oben verordneten Digitalisierung ist Steffan Heuer, dem sein Buchtitel Programm wird: „Mich kriegt ihr nicht: Schritte zur digitalen Selbstverteidigung“ (2019), Shoshana Zuboff warnt vor einem sich etablierenden Überwachungs-Kapitalismus (2019).

Cathy O‘Neil spricht von Weapons of Math Destruction, also Mathe-Vernichtungswaffen (analog zu Massenvernichtungswaffen), warnt mit Blick auf Google, Amazon und Facebook davor, dass „Daten privatisiert und privat genutzt werden, um Profite zu erzeugen und Macht zu gewinnen“. Man müsse die Digitalisierung und ihre Algorithmen bändigen, indem man sie öffentlicher Aufsicht und die sie betreibenden Firmen mit „verpflichtenden Standards der Rechenschaftslegung“ staatlicher Regulierung unterwirft (S.308). Sie weist darauf hin, dass der Trump-Nestor „Steve Bannon, selbst während er gezielt daran arbeitet, das öffentliche Vertrauen in Wissenschaft zu untergraben, im Verwaltungsrat von Cambridge Analytica sitzt -einer politischen Datenfirma, die behauptet, sie habe Trump zum Wahlsieg verholfen…“ (S.313).

Auch die hirnstimulierende Medienprofessorin Miriam Meckel war für eine Art „politische Datenfirma“ tätig, den Beratungskonzern Brunswick. Sorgt man sich dort um Datenschutz oder die Ethik von Algorithmen? Oder nicht vielmehr um das Image von Mark Zuckerberg, der während des Cambridge Analytica -Skandals von Facebook arg ins Schwitzen geriet? Eine enge Verfilzung von Medien, Wissenschaft und Konzernen wird langsam deutlicher. Dies lässt ahnen, warum eine Regulierung der Digitalisierung ähnlich schwierig ist, wie jene im Finanzsektor: Es geht um sehr viel Geld und Macht und sehr viel Geld wird auch eingesetzt, um der Öffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen.

Digitalisierungs-Diskurse: Medien, Lobby und PR

Nach ihrem Austritt aus der NRW-Regierung 2005 setzte Prof.Meckel ihre akademische Laufbahn nunmehr im Bereich „Corporate Communication“ fort und wurde Institutsdirektorin an der renommierten Universität St.Gallen, nebenher war sie u.a. für die Lobbygruppe INSM und die Weltbank tätig und wurde Partnerin der bedeutenden PR-Beratung Brunswick Group LLP.

Hinter dem Wort PR verbirgt sich heute zunehmend ein Sektor, der von einigen als globalisierter Lobbyismus, von anderen sogar als privatisiertes Geheimdienstwesen gesehen wird: Man bearbeitet die Massen mittels Kundenprofilen, aber spioniert auch Konkurrenten und politische Gegner aus und lanciert neben normaler Werbung und PR etwa verdeckte Kampagnen gegen sie. Die Transhumanisten der TPD scheinen dies im Blick zu haben, denn sie fordern unter 6.2 ihres Programms: „Erhöhung der Transparenz von wichtigen Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Politik, beispielsweise durch die Offenlegung von Einkommen, Lobbyismus und Beteiligungsstrukturen“.

Chemie- und Rüstungsfirmen sind Kunden, aber auch die Digitalisierung ist ein lukrativer Sektor von Brunswick: „We are a global team of strategists that focus exclusively on bringing digital into the corporate context.Meckel übernahm für Brunswick 2005 den Aufbau des Berliner Büros und war damit für ein verschwiegenes Beratungsunternehmen tätig, Spezialisten für „Finanz- und Krisenkommunikation“, die gute Kontakte zur Politik pflegen und z.B. auch Ex-Finanzminister Waigel (CSU) engagierten.

Das transatlantische Netzwerk ist dicht gestrickt um Medien-, IT- und Netzkonzerne, welche nicht nur bei den (inzwischen nur noch halb geheimen) Bilderberger-Konferenzen ihr jährliches Stelldichein feiern. Meckel war über den Brunswick-CEO Neil Wolin wohl nur wenige handshakes von US-Präsident Obama entfernt, der Wolin in sein Finanzministerium berief. Die Zusammenarbeit von Industrie und Politik läuft auch in den USA, „der besten Demokratie, die man für Geld kaufen kann“, wie geschmiert. Die neoliberale Medien-, Politik- und Finanzwelt sind dabei enger vernetzt und stehen in dunkleren Traditionen als viele glauben. Neil Wolin etwa war zuvor bei der Hartford-Finanzgruppe, die ITT 1970 übernahm. Damals hatte Allende in Chile die ITT-Kupferminen verstaatlicht und wurde in der Folge mit Hilfe von US-Außenminister Henry Kissingers CIA gestürzt, was den neoliberalen Chicago Boys ihren finanzpolitisch historischen Auftritt bei Diktator Pinochet erlaubte.

Brunswick ist besonders stark in London, wo man BP nach der Deepwater Horizon-Katastrophe beriet sowie die Labour-Regierung in Sachen Deregulierung der Finanzmärkte. Organisieren Krisenberater am Ende die Krisen selbst, die ihnen nachher Kunden bringen? Nach dem Cambridge Analytica-Skandal von Facebook machte man sich jedenfalls bei der Krisen-PR-Beratung Brunswick Sorgen um Mark Zuckerberg, der persönlich als Datenschutz-Muffel unter Druck geraten war.

Facebook und die Kampagne gegen Google

Brunswick-Direktor der von Medienprofessorin Meckel aufgebauten Filiale in Berlin wurde Thomas Wimmer, der sein Handwerk zuvor elf Jahre bei Burson-Marsteller praktizierte, einer mit noch heikleren Kunden befassten PR-Agentur, darunter laut Lobbypedia die Atomkraft-Lobby, Rumäniens Diktator Ceaușescu, Monsanto, das Königshaus der Saudis, die Regierung von Argentinien, als sie wegen der Opfer der Pinochet-Diktatur PR-Probleme hatte; Burson-Marsteller-Senior-Adviser in Brüssel war übrigens die auch für Quandt- und Adenauer-Stiftung tätige Jutta Falke-Ischinger, Ehefrau von Atlantik-Brücken-Vorstand Wolfgang Ischinger, Ex-Diplomat und Teltschik-Nachfolger als Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz. Klein ist die Welt (der Transatlantiker).

Wie Meckel-Arbeitgeber Brunswick war auch Burson-Marsteller in Sachen Facebook tätig und engagierte sich dabei -man höre und staune!- für den Datenschutz. Im Mai 2010 wurde bekannt, dass die Agentur im Auftrag von Facebook verdeckt negative Berichte über Google in den Medien verbreiten ließ. Vielleicht mit Blick auf Googles Bestrebungen, im Sektor sogenannter „Sozialer Netze“ zur Konkurrenz zu werden, wurde dabei der mangelnden Schutz der Privatsphäre durch Google angeprangert. Ein „Corporate Communication“-Ablenkungsmanöver, das Lehrstoff bei Prof.Meckel werden könnte? Der Fall kam ans Licht, weil ein von Burson-Marsteller angefragter Blogger an die Öffentlichkeit ging, Facebook gab daraufhin zu, Burson-Marsteller beauftragt zu haben, so berichtet Lobbypedia.

Wenn unsere Machtelite sich derart umtriebig mit wahrhaft übermenschlicher, um nicht zu sagen transhumaner Energie in so viele unschöne Dinge verstrickt, kann sie schon mal unter Stress leiden. Aber auch dessen Bewältigung lässt sich (mit den entsprechenden Verbindungen) wieder zu einem grandiosen Erfolg machen: 2010 gelang Miriam Meckel ein großer publizistischer Durchbruch mit ihrem (inzwischen auch verfilmten) autobiografischen Bericht über ihr Burnout-Syndrom, neben unzähligen anderen Buchpublikationen, auch zum transhumanen Thema Brainhacking.

KI-Hype übertrieben?

Prof.Sorgner und Prof.Meckel sehen unisono unseren gerade erst erkämpften Datenschutz als nicht haltbar in der kommenden Digitalisierung. Beide führen an, dass Europa mit der neuen DSGVO „abgehängt“ würde, vor allem von China. Während bei Meckel neben diesem technikdeterministischen Fatalismus noch Bedenken anklingen, bejaht Sorgner Big Data euphorisch: Er hofft auf medizinische Revolutionen durch Big-Gene-Data, KI usw. die ohne Aufgabe der Privatsphäre angeblich kaum möglich wären. Transhumanisten hegen generell bombastische Blütenträume über Künstliche Intelligenzen, die uns Menschen einst behüten und umsorgen werden, zur gottgleichen Superintelligenz werden, das All erobern und vieles mehr (Schnetker 2019).

Einige KI-Kritiker sehen dagegen etwa in „lernfähigen neuronalen Netzen“, die aktuell als KI gepriesen werden, eine aufgeblasene Hype. Diese „KI“ wären eher „spreadsheets on steroids“ -Tabellenkalkulation auf Steroiden. So zitiert Schnetker in seiner Kritik der „Transhumanistischen Mythologie“, den DARPA-KI-Experten John Launchbury (Schnetker S.75). Cathy O‘Neil kritisiert die unsozialen Folgen des Einsatzes solcher „KI“ als klassistisch, rassistisch und sexistisch:

Sie versprechen Effizienz und Gerechtigkeit, manipulieren dabei jedoch die höhere Bildung, verursachen zusätzliche Schulden, fördern massenhaft Gefängnisstrafen, prügeln bei jeder Gelegenheit auf die Armen ein und untergraben die Demokratie.“ (O‘Neil S.270)

Der Transhumanismus ist also hinsichtlich seiner Prognosen teilweise fragwürdig, aber er muss sich angesichts lobbyistischer Verfilzungen und enormer Geldsummen, die auf dem Spiel stehen, auch fragen, wer und warum ihn finanziert. Nachdem hier im Exkurs zum Lobbyismus beispielhaft einige Akteure der Machtstrukturen in unserer neuen Netzmedienwelt vorgestellt wurden, wird es im zweiten Teil um deren Methoden und Debatten um ethische Werte gehen. Dabei wird das „inverse Panoptikum“ als Gegenmittel vorgestellt und der von einigen (wenigen) Transhumanisten betriebenen Relativierung des humanistischen Wertes der Menschenwürde entgegen getreten.

Quellen

Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen, München 1956

Barth, Thomas: Cyberspace and the Way to the Inverse Panopticon, 11C3, paper CCC 1994

Barth, Thomas: Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft, Pfaffenweiler: Centaurus 1997 (in 57 Fachbibliotheken einsehbar)

Barth, Thomas: Cyberspace, Neoliberalismus und inverser Panoptismus, Telepolis, 3.7.1997

Barth, Thomas: Self/Less: Tea Party für Transhumanisten, Telepolis 20.8.2015

Barth, Thomas: Kittler und künstliche Intelligenz: Über die Verquickung von Medientheorie und Macht, Berliner Gazette 19.7.2018

Capulcu Redaktionskollektiv: DELE_TE! Digitalisierte Fremdbestimmung, Münster: Unrast 2019

Göcke, B.P.: Designobjekt Mensch?! Ein Diskursbeitrag über Probleme und Chancen transhumanistischer Menschenoptimierung.“ In: Benedikt Paul Göcke/ Frank Meier-Hamidi (Hg.): Designobjekt Mensch. Der Transhumanismus auf dem Prüfstand. Freiburg i.Br.: Herder 2018, 117-152

Heuer, Steffan: Mich kriegt ihr nicht: Die wichtigsten Schritte zur digitalen Selbstverteidigung, Hamburg: Murmann 2019

Hofstetter, Yvonne: Das Ende der Demokratie: Wie künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt, München: C.Bertelsmann 2016

Klöckner, Katharina: Zur ethischen Diskussion um Enhancement, In: Göcke/ Meier-Hamidi (2018) 308-338

Launchbury, John: A DARPA Perspective on Artificial Intelligence, technicacuriosa 2016

Loh, Janina: Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Hamburg: Junius 2018

Loh, Janina: Transhumanismus: Den Menschen weiterentwickeln, um ihn besser kontrollieren zu können, Berliner Gazette 15.8.2017

Markantonatou, Maria: Der Modernisierungsprozess staatlicher Sozialkontrolle: Aspekte einer politischen Kriminologie -Transformationen des Staates und der sozialen Kontrolle im Zeichen des Neoliberalismus, Dissertation, Freiburg i. Br. 2005

More, Max: Vom biologischen Menschen zum posthumanen Wesen, Telepolis, 17.7.1996

Mühlhoff, Rainer: Big Data ist Watching You: Digitale Entmündigung am Beispiel von Facebook und Google, in: ders., Anja Breljak u. Jan Slaby. (Hg.): Affekt, Macht, Netz: Auf dem Weg zu einer Sozialtheorie der digitalen Gesellschaft, Bielefeld: transcript 2019, S.81-106

Nagenborg, Michael: Das Private unter den Rahmenbedingungen der IuK-Technologie: Ein Beitrag zur Informationsethik, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2005

O‘Neil, Cathy: Angriff der Algorithmen, München: Hanser 2017

Schnetker, M.F.J.: Transhumanistische Mythologie: Rechte Utopien einer technologischen Erlösung, Münster: Unrast 2019

Sorgner, S.L.: Transhumanismus: ‚Die gefährlichste Idee der Welt‘!?, Herder: Freiburg 2016

Sorgner, S.L.: Was wollen Transhumanisten? In: Göcke/ Meier-Hamidi (2018) 153-180

Stöcker, Christian, Facebook: Zuckerbergs Theorem, SpiegelOnline, 10.3.2019

Wasson, Haidee: Verkaufsmaschinen -Film und filmische Techniken auf der New Yorker Weltausstellung 1939/40, Montage-AV 2/2015, 161-177  pdf-document

Weber, K. u. T. Zoglauer: Verbesserte Menschen: Ethische und technikwissenschaftliche Überlegungen, München: K.Alber 2015

Zuboff, Shoshana: The Age of Surveillance Capitalism, London: Profile Book 2019

Dieser Beitrag erschien zuerst hier auf TELEPOLIS.

Deborah Natsios: Reversing the Panopticon

Quelle: https://cryptome.org/cartome/reverse-panopticon.htm

Deborah Natsios, Cartome.org Panopticon1
 John Young, Cryptome.org

Deborah Natsios

Visiting a town as stocked with symbolic monuments as Washington DC is a reminder of very real and provocative linkages between persuasive political systems and the civil space and edifices they generate. Architects are taught to „read“ landscape code, and this is a town of emblematic war memorials and presidential temples loaded up with tantalizing national narratives based on fact, myth and propaganda — all of which are inextricably intertwined with theories of power and ideas about ’security‘, including national security, which are the concern of advanced computing systems specialists and this USENIX symposium.

As readers of Cryptome and Cartome may be aware, John Young and I are not systems architects, but practitioners of architecture of the steel, glass, bricks and mortar kind — and so, as ‚legacy‘ architects we tend to project the implications of new technologies and their constitutive politics beyond machine and source code, games and simulations — onto the so-called real spaces they enable: the social space of the street, the city, the national boundary, global space. Washington DC as a weaver of allegory and myth also reminds us of the ancient link between bricks-and-mortar architecture and the first lines of security and defense. The classical language that drapes many of DC’s federal edifices embraces a mythologic history which credits Daedelus as being the first architect. This attribution is especially intriguing because Daedelus was the guy who designed Crete’s pernicious Labyrinth, an early structure of defense and punishment configured, interestingly, as an algorithm of 3D encryption. The Labyrinth was policed by that infamous bully-of a-bull enforcer, the Minotaur. I like to think of the Minotaur as an early bovine ancestor of the MPAA, RIAA and BXA.

Recently, I’ve become somewhat less impressed by Daedelus’ feat of labyrinthine enciphered design, than the insurgent work of someone we may come to respect as a largely unheralded first reverse-engineer — Ariadne. Ariadne did something as brilliant as it was subversive: she provided the ball of fragile silk thread which allowed the captive Theseus to exploit and defeat both labyrinth and Minotaur. Ariadne’s subtle thread constructed an ethereal reverse pathway back out of the convoluted maze, allowing Theseus to escape to safety.

It appears that reverse-engineering continues to enjoy the ancient taboo status it established early on in Minoan culture, as USENIX attendees who heard the Felten team’s paper on the SDMI Challenge last night are only too aware. It’s work that’s being stripped of its fair-use designation, and being increasingly demonized, even criminalized by our latter-day Minotaurs.

„‘Reversing the Panopticon“ is the motif of John Young’s and my remarks today. They allude to Cryptome and, more recently Cryptome’s companion site, Cartome’s, modest ongoing project of reverse-engineering, metaphoric in our case, perhaps, and perhaps as vulnerable as silk thread, too — transacted under the assumption that information is power, involving efforts to reverse-engineer labyrinthine information architectures: encouraging a reversal of restricted one-way information flows, a reversal of one-way transparency, a reversal of the one-way power relation captured through the insidious one-way mirror.

I guess our work also falls within architectural design parameters framed by that notable institution, the library, and its open-source, First Amendment sanctuary. In our case it’s the construction of an archive of salient documents relating to technologies with unambiguous — as well as ambiguous — political repercussions, especially those that impact civil liberties — and in Cartome’s case, technologies that impact the space and landscapes in which civil liberties are deployed or suppressed, as the case may be.

Since the end of August signals our perennial duty to humor friends and family determined to share summer travel adventures, I hope you’ll forgive my imposing a not so dissimilar travelogue today, albeit one where summer peripateticism has been charted as much by Cryptome and Cartome’s interests as the ubiquitous Baedeker or Lonely Planet travel guides. The inquisitive global tourist may find something to track in Cartome’s small but growing collection of spatial / geographic documents that focus on the claims and/or deceptions proffered by state-sponsored imaging systems, particularly those produced in the context of the national security state — geographically informative systems such as government cartography, photography, photogrammetry, steganography, camouflage, maps, images, drawings, charts, diagrams.

In the spirit of such tourism, we found ourselves a few short weeks ago tracking what was once a highly politicized historic space, a Tuscan stretch of what had been a key medieval power infrastructure, the Via Francigena — the Frank’s Road or Road to France — the leading trade and pilgrimage route that linked the capitals of Europe with Rome, a route that, in its day, continued on to sacred Jerusalem.

Hooking up with the Via Francigena happened to bring the idea of the encrypted labyrinth back into view once again. It turns out that labyrinths were etched on the floors of medieval cathedrals as compacted representations of the pilgrimage to the Holy Land, anagrammatic emblems of the ineffable mysteries of the penitent’s extended itinerary. If you couldn’t book a spot on the latest crusade to the Levant, spiritual benefits awaited those willing to walk-the-walk in the privacy of their own home cathedrals.

But we weren’t dealing with pilgrimage codes out there under the hot summer sun — no scaled down, compressed, enciphered mapping of a mystical itinerary — but the Via Francigena itself, at a robustly full-scale of 1:1, as it unfolded in real time and space through the central Tuscan province of Siena, surrounded by fragmented relics of its medieval security apparatus.

At one significant node, our trajectory intersected San Gimignano, the photogenic hill-town whose wealth had derived from its strategic siting along the heavily trafficked network. Those of you who have visited San Gimignano will agree that despite its glut of tourists, it’s a place of architectural interest that more than does justice to its designation by UNESCO as a World Architectural Heritage Site. “San Gimignano delle belle Torri” or “San Gimignano of the beautiful towers” is famous for the impressive stone shafts, some rising almost 50m in height, that still dominate its skyline. 14 of the original 72 structures remain.

The dueling multiplicity of the fortified towers is a clue of the free commune form of government that represented an emerging burgher class grown wealthy in trade, banking and commodities, which had superseded feudal political models in the late 12th century. The multiplicity of towers was an emblem of the newly decentralized, distributed network of commercial interests. The towers broadcast the competitive streak of prominent local families, signifying their owners’ status in the political and commercial calculus allied with nearby Florence’s Guelph and Ghibelline factions.
In their day, San Gimignano’s 72 towers had multiple roles in service of the free commune, including surveillance and security. They were strategic optical devices serving their owners’ geospatial agenda, loci of observation that overlooked the built town and strategic panoramas of the Tuscan countryside beyond. Among key targets of inspection and intelligence-gathering: ongoing reconnoitering of the dynamic flows of goods and humanity that coursed along the crucial Via Francigena, thronged with medieval agents on the move: merchants, prelates, soldiers, and pilgrims. When conflicts erupted over control of the Via Francigena’s valuable commodity flows — including the saffron, wine and olive oil for which the hill-town was reknown — the towers became integral to the military apparatus, functioning as launching platforms from which offensive and defensive actions could be deployed.

But in the context of another kind of architecture, the kind of information technology and architecture being tracked by projects like Cryptome.org, Cartome.org, and this USENIX Symposium, San Gimignano is even more intriguing because of historical factors that unexpectedly place it along a timeline that charts the emergence of a more modern kind of politicized space and landscape than either the feudal domain or free commune. I’m referring to the technologies, spaces and landscapes that underpin what we affectionately refer to as our own contemporary surveillance state. Though San Gimignano’s towers were part of the security apparatus of intelligent observation and defense within the free commune environment, their spatial, social and political function can be distinguished from later architectures and technologies of surveillance and social control that would eventually render obsolete the towers’ massive masonry engineering.

The town’s links to precursors of modern theories of security and surveillance are both tragic and ironic, obliging us to go beyond the era of San Gimignano’s communal wealth and dominance. Instead, we linger on the portentous year 1348, because in 1348, developments in culture, politics and commerce came to a devastating, horrifying standstill, leaving the hill-town’s 72 towers shrouded in cataclysmic death.

The usual medieval scourges of fire, war, earthquake and damnation were not to blame. Instead, San Gimignano had been visited by an exotic agent that had made its way along the Via Francigena swiftly and with a vengeance. It was a tiny, unprepossessing creature, Xenopsylla cheopsis, the Oriental rat flea, bearing neither rich saffron nor opulent silk goods, but the bacterium Yersina pestis, which proceeded to decimate the city’s population, reducing it by ¾, a ruthless epidemiological catastrophe that probably originated in a distant trade partner, China. Notwithstanding the impressive security apparatus afforded by looming towers that had successfully policed the pilgrimage and trade route, The Black Plague proved to be a non-negotiable adversary. San Gimignano — like other powerful Tuscan cities, including nearby Siena — would never really recover from its effects.

In a seminal and controversial work of the late 1970’s “Discipline & Punish: The Birth of the Prison”, the late French philosopher Michel Foucault tracks the origins of modern institutions of discipline and social control, like the prison, and in a much-debated chapter titled “Panopticism” Foucault points out that by the late 17th century, efforts to combat recurring outbreaks of the Plague –such as had savaged San Gimignano and Europe in years following 1348 — would eventually lead to urban protocols and management technologies that unexpectedly provided a structural and administrative prototype associated with the modern surveillance state. Ironically, epidemiological controls would provide the blueprint of what Foucault called: „the utopia of the perfectly governed city“.
Let me summarize Foucault’s fascinating description of disciplinary mechanisms applied to towns under threat of Plague pandemic — quarantines that, it turns out, would eventually follow very precise urbanistic, administrative and bureaucratic designs: Documents of the era describe quarantined towns being divided into distinct quarters, each quarter governed by a so-called intendant, each infected street placed under the authority of a syndic, who would keep it under constant surveillance. Each house would be locked from the outside by the syndic, who then submitted house-keys to the intendant of the quarter. Keys would be returned to owners only after the quarantine was lifted. Only intendants, syndics and guards were permitted to move about the streets and between infected houses, or from one corpse to another. All inhabitants were obliged to appear at their windows daily to be individually inspected and scrutinized in regard to their state of health. Each individual’s status was documented by written registration submitted by syndics to intendants, and then remitted to the central authority, the magistrate.

Thus, Foucault describes how under threat of pandemic Death, we find disciplinary machinery in which „social space is observed at every point… the slightest movement of individuals is supervised and recorded…written documentation links the omnipresent and omniscient hierarchic center with the quarantined periphery“. To paraphrase Foucault: during quarantines, the late 17th century inhabitant became „immobilized in a frozen kind of space… an environment in which inspection functioned ceaselessly… and the authoritarian gaze was alert everywhere“. This, says Foucault, was the “political dream of the plague”. This was “the utopia of the perfectly governed city”.

The reconnaissance capabilities of massive masonry observation towers, with their intelligence-gathering and defensive overview of strategic landscape and crucial traffic, had been supplanted by a more lightweight, mobile structure: a technology of administrative compartmentalization, classification and policing, underpinned by technologies of authoritarian inspection, data collection and databanking.

As some of you are aware, Foucault’s description of late 17th century quarantine protocols is a mere prologue to his more trenchant analysis: how a provocative model prison would be theorized and codified a century later, that effectively built on Plague quarantine protocols. The innovations of the infamous Panopticon cited in our talk’s title signaled a modern shift away from massively fortified security architecture and the punishing brutality of dark dungeons. The Panopticon provided novel machinery for social discipline through an ingenious design based on illumination, transparency and vision.

The Panopticon project was theorized in the mid-1780s by a British social reformer trained in law, Jeremy Bentham, the founder of the doctrine of Utilitarianism, who enlisted Enlightenment reason to draw up a utopian scheme for social reform — one he saw as equally applicable to the penitentiary house, mad-house, house of industry, or school.
Bentham’s Panopticon — the Greek neologism signified ‘all-seeing place’– was all about vision and transparency, but vision and transparency operating one-way only: in the service of power. Bentham specifications called for a concentric building whose periphery was divided into non-communicating cellular enclosures, in which confined inmates would be held in isolation, invisible to each other. At the center of the annular design was a tower, the lodge, which housed the omniscient inspector. The panoptic mechanism’s asymmetric system of lighting and wooden blinds ensured that the individual inmate was constantly visible, identifiable, and classifiable to the inspector — who was a kind of secular version of the allseeing god’s-eye.
But while the inmate is seen by the inspector, he himself cannot see. “He is the object of information, never a subject in communication” Foucault points out. The Panopticon’s power was „visible and unverifiable” — that is, the inmate could not see the inspector, only the looming tower: he would never know when he was actually under surveillance. This uncertainty, along with the inmate’s isolation and loss of privacy, is the means of his compliance and subordination. Uncertainty becomes the principle of his own subjection. It assures that, in Foucault words: “surveillance is permanent in its effects, even if discontinuous in its action”. And thus Foucault draws our attention to our own very modern condition, locked within: “a state of conscious and permanent visibility that assures the automatic functioning of power”. In retrospect, Bentham’s social reform is recognized for its modern characteristics, achieved through an unprecedented kind of social control, an institutional architecture that provided for an efficient technology of coercive and punitive surveillance. It was a clean, rational, instrumental architecture whose internal mechanisms constructed physical preconditions of asymmetric power relations. Foucault refers to the Panopticon as a “pure figure of political technology”. And so it remains.

Ever-more subtle and sophisticated Panoptic mechanisms continue to reduce the individual’s privacy and integrity. Panopticism continues to limit the space in which civil liberties can be freely deployed. In the face of manipulative technologies, inventive reverse-engineering strategies are necessarily distributed, multiple, simultaneous, hybrid, interdisciplinary, opportunistic. We recall the dazzling efficacy of Ariadne’s fragile silk thread in the face of the Minotaur’s brutality. Last night, panelists reviewing the challenges to civil liberties wrought by SDMI and DMCA underscored the need for resistance through collaborations that reach across disciplinary boundaries and specializations. Institutional and disciplinary isolation — and preaching to the choir — constitute a prison of their own. Unexpected collaborations can offer productive strategies, and it is hoped that Cryptome and Cartome libraries offer useful tools towards the conceptualization of such novel strategies.

This multi-layered, hybrid approach has characterized Cartome’s recent analysis of the Jim Bell case, which explores unexamined terrain surrounding the case, including Homeland Defense, the new national security policy which is ushering in a troubling and unprecedented era of militarization of the domestic, civilian landscape: “So say goodnight to Joshua…Homeland Defense and the Prosecution of Jim Bell“. Be forewarned, if you are a rabblerousing C-punk, your home address has recently been programmed into precision targeting GIS.

At the far terminus of the medieval Via Francigena’s pilgrimage route, “Jerusalem SKY” (scheduled for online publication, Fall 2001) investigates conflict resolution through dual-use technologies — reconciling hardware and software developed in the context of national security with bird migrations that make the skies of the region one of the world’s premier long-distance migratory flyways, linking Europe, Asia, and Africa — with important implications for the military doctrine of „total air supremacy“. Intriguing conflict resolution strategies have been forced by the reality of avian biogeography and the effects of catastrophic birdstrikes, in which an F-15 worth $45million, along with pilot and navigator, can be brought down like a stone by a migrant stork. Around 170 military aircraft in Europe and Middle East have been destroyed in such birdstrike collisions.

“Jerusalem SKY” continues research initiated with „Parallel Atlas“, a digital cartographic project that explores the Cold War’s last remaining monument and world’s most fortified corridor, the Korean Demilitarized Zone, whose role as a national security landscape has been redefined since the Korean War by its transformation into a unique ecosystem harboring some of Northeast Asia’s most endangered species of endemic and migratory fauna and flora.

Cartome’s interest in hybridity, in the multiple and simultaneous layering of inclusive datasets — including the cartographic superimposition of biogeographic data onto national security landscapes — is reminiscent of the lesson of San Gimignano, whose security firewall of massive masonry towers did little to address a microscopic biological agent.

As always, Cartome, like Cryptome, looks forward to supporting our readers, and is pleased to provide a forum for your submissions — whether papers, maps, charts or hyperlinks.

And now let me turn you over to John Young, who will take us through another portal.

Uralte Stereotype: Hacker, Nerds, Computerfreaks

Nerd-Bashing von 1987: „Der maschinelle Charakter“

Thomas Barth

Als im Wahlkampf 2012 SPIEGEL-Schreiber Mathias Matussek mit seinem Pamphlet „Das maschinenhafte Menschenbild der Piraten“ gegen die neue Netzpartei trommeln wollte, ahnte er wohl nicht, dass er sich damit in eine lange Tradition stellte: Das Stigmatisieren der Netzkultur. Er stellte sich damit gegen neue Ansätze zur Vermeidung einer drohenden totalen Überwachung, welche mit ausuferndem Lobbyismus und Korruption in Medien und Politik einhergeht.

Matussek bediente sich im Dienste Bertelsmanns für den „Spiegel“ eines der ältesten Stereotype gegen Computernutzer –wenn auch nur unbewusst bzw. nach Hörensagen, wie man angesichts seiner eher mäßigen Kenntnisse der Netzkultur wohl vermuten muss.

Der „Maschinelle Charakter“

1987 galt die Studie „Der maschinelle Charakter“ (in Anlehnung an Adornos „Studie zum Autoritären Charakter“) der führenden akademischen Experten Pflüger & Schurz als Stand der Forschung; darin wurde allen Ernstes behauptet, „übermäßige“ Computernutzung führe zu einem totalitären „Schwarz-Weiß-Denken“, quasi durch psychische Infektion mit der binären Null-Eins-Logik der neuen digitalen Medien. In meiner Diplomarbeit konnte ich 1990 signifikant nachweisen, dass die zugrunde gelegten Daten dürftig und zudem falsch interpretiert waren sowie dass Forschungsdesign und Theoriebasis desolat waren.

Warum das Inverse Panoptikum der Hackerkultur nicht verstanden wurde

1997 konnte ich in einer weiteren Studie aufzeigen, wie der „Maschinelle Charakter“ sich als Standardisierung und Normierung von Vorurteilen in eine Stigmatisierungs-Kampagne gegen die damals noch kleine Computer- und Netzkultur einfügte. An diese Stigmatisierung knüpfte 25 Jahre später Matusseks „Spiegel“-Pamphlet an. Der Netzbewohner, Hacker bzw. „Computerfreak“ war schon damals zur Projektionsfläche von Ängsten und Wünschen bezüglich der heranrollenden digitalen Medienkultur geworden, deshalb wurde er pathologisiert und kriminalisiert. Außerdem tobten bereits erste politische Kämpfe um den künftigen Cyberspace der Netze, für die ich damals zwei Hauptfelder prognostizierte:

  1. Strafrecht und Überwachungsstaat, der sich im Internet gegen Hacker richten würde, die nach Transparenz von Daten der Mächtigen strebten, frühe Vorläufer von Anonymous und WikiLeaks;
  2. Die ökonomische Erdrosselung der Netzkultur durch das Copyright, wenn der digitalen Kommunikation die Besitzmetaphorik der Warenwelt übergestülpt würde.

Als Lösungsansatz unterbreitete ich 1997 das Utopiemodell des „inversen Panoptikums“, das den Panoptismus moderner Gesellschaften (Foucault) vom Kopf auf die Füße stellt: Anstatt einer immer weiter ausgebauten Überwachung der vielen Machtlosen durch wenige Mächtige sollte umgekehrt die Transparenz der Mächtigen und der Datenschutz für die vielen zur Norm werden. Meine Studie „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft: Systemtheorie, Foucault und die Computerfreaks als Gegenmacht zum Panoptismus der Computer- und Multimedia-Kultur“ steht inzwischen in vielen Informatik-Fachbibliotheken, die Debatte des Panoptismus-Begriffes findet sich in vielen Beiträgen wieder. Im „Spiegel“ und anderen Mainstream-Medien weigert man sich aber verbissen, die neuen Wertvorstellungen der Netzkultur zur Kenntnis zu nehmen. So wird dort immer wieder der angebliche Widerspruch bei Netzaktivisten und Piraten gegeißelt, sie seien für Transparenz, aber wollen zugleich Anonymität im Netz.

„Spiegel“ geißelte „Traum totaler Herrschaftsfreiheit“

Mit dem im „Spiegel“ gegeißelten „Traum totaler Herrschaftsfreiheit“ hat das natürlich nichts zu tun. Das „inverse Panoptikum“ stellt lediglich ein Leitbild zur Vermeidung einer drohenden totalen Überwachung dar, die zudem mit ausuferndem Lobbyismus und Korruption in Medien und Politik einhergeht. Digitale Technologie konzentriert immer mehr Macht bei wenigen Überwachern: Macht durch Kontrolle über die Daten der Einzelnen und Macht über den Zugang der Einzelnen zu den Medien. In einer Demokratie können die vielen Machtlosen sich jedoch gegen die zunehmende Drangsalierung wehren. Die Dunkelmänner der Datenwelt haben das natürlich auch begriffen und schreien allerorten selbst laut nach Transparenz, meinen damit aber Kontrolle über Netznutzer, Kunden, Arbeitende.

Als Gegenmächte stehen der Netzkultur damit vor allem die Geheimdienste und die großen Medienkonzerne, sprich: die Verwerter, gegenüber. Der größte Verwerter in Europa heißt Bertelsmann, der Kampf um alte Pfründe, z.B. des Copyright auch in der neuen Netzkultur, steht für diese Machtgruppen an erster Stelle. Wer etwas Neues will, wird von diesen Machtgruppen angefeindet, schlechtgeredet, später vielleicht korrumpiert, infiltriert und gekauft. So ging es der SPD, als Medienkanzler (!) Schröder für seine „Agenda 2010“ sein Hartz IV-Konzept von der Bertelsmann-Stiftung schreiben, durch McKinsey (damals Bertelsmanns Unternehmensberater) umsetzen und von Bertelsmann-Medien beklatschen ließ. So ging es den Grünen, als sie sich die Bildungspolitik der Bertelsmann-Stiftung aufschwatzen ließen, das „Leuchtturm“-Gefasel, Privatisierung und Studiengebühren. Als Grüne nach jahrzehntelangem Kampf endlich auf EU-Ebene ein Chemikaliengesetz mit formulieren durften, hatten sie sich von neoliberalen Ideologen schon so sehr einlullen lassen, dass sie sich einen Chemielobbyisten unterschieben ließen, der dem Gesetz die Zähne zog. Auch bei den Grünen begann es mit einer medialen Mischung aus Lobhudelei und Verteufelung; Lobhudelei, denn ihre Anhänger sollten ja letztlich an der Nase im Kreis herum geführt werden; Verteufelung für jene, die das nicht mit sich machen lassen wollten.

Piraten als Nerds?

Die Piraten wurden in den Mainstream-Medien aus politischem Kalkül unter dem Stereotyp der Hacker-, Nerd- und Netzkultur stigmatisiert. Der größte Skandal scheint den sie anfeindenden Gegner aber zu sein, dass hier „computeraffine“ Menschen tatsächlich politisch sind. Sie sind eben nicht unpolitische Fachidioten wie die Nerds aus der US-Soap „The Big-Bang-Theory“. Verschiedenste Label werden ihnen aufgedrückt, was im Grunde jedoch nur eines zeigt: Sie dienen als Projektionsfläche für Hoffnungen und Ängste. Vor allem wohl der Hoffnung, sie mögen bei aller Computerkompetenz doch so dumm sein, dass sie wie geschmiert von der korrupten Mainstream-Medienwelt und -Politik assimiliert werden können.

Mathias Matussek hat mit seinem Pamphlet damals wohl den bislang aggressivsten Beitrag zur Medienkampagne gegen die Piraten geleistet und vielleicht sogar maßgeblich zu ihrem Abstieg nebst Selbstzerlegung beigetragen. Ihr Anliegen hat dies keinesfalls verdient, ihre (Netz-) Politik nur teilweise.

Siehe

Medien- und Netzethik, Netzkultur: „Spiegel“ meint: Piraten sind dumm, albern und irgendwie –Nazis

Foucault, Macht und Psychiatrie

Thomas Barth
Irren-Offensive: Ein oft verschwiegenes Thema ist Foucault´s FouTB
psychiatrische Einsperrung. Zu seinem 20. Todestag diskutierten wir sein `Stimmenhören´und Selbsttötungs
versuche. Porträt eines Widerständigen, der sich nicht psychiatrisch kolonialisieren ließ.

„Ich habe die psychiatrische Klinik von innen erlebt. Ich habe diese Stimmen gehört, und diese Stimmen haben mich – wie jeden anderen auch – tief erschüttert. Ich sage „jeden anderen“. Beinahe hätte ich gesagt: außer den Ärzten. Ich meine: Ihr berufsmäßiges Funktionieren filtert alle Schreie aus den Worten der Verrückten heraus. Sie hören nur noch das Verständliche und das Unverständliche des Diskurses. Ihr institutionalisiertes Wissen versperrt ihnen den Zugang zum Schrei.“ Michel Foucault 1

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Foucaults antipsychiatrische Geschichte der Psychiatrie, „Wahnsinn und Gesellschaft“, ihren Ausgangspunkt in einer persönlichen Erfahrung nahm. Das schwindelerregende Labyrinth dieses historischen Werkes nähert sich dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in einer Zone der Aus- und Einschließung, der Psychiatrie: In seinem ersten großen Werk nimmt er von hier aus die Analyse der modernen Macht der Vernunft in Angriff.

„Der abendländische Mensch hat seit dem frühen Mittelalter eine Beziehung zu etwas, das er vage benennt mit: Wahnsinn, Demenz, Unvernunft… Auf jeden Fall stellt das Verhältnis von Vernunft und Unvernunft für die Kultur des Abendlandes eine der Dimensionen ihrer Ursprünglichkeit dar.“2

Die Psychologie nimmt Foucault stellvertretend für alle modernen Wissenschaften vom Menschen. Ihre Ideologie ist der Humanismus, in welchem Foucault hinter dem „guten Willen“ Kants den Willen zur Macht Nietzsches sichtbar macht: Die Human-Wissenschaften sind in ihren Ursprüngen jenen Individuen vorbehalten, deren Verhalten vom Durchschnitt oder von der geforderten Norm abweicht. Die Anstalten, die psychiatrischen Kliniken und die Gefängnisse sind die Orte des Zurechtrückens der ver-rückten Subjekte. So gibt es für Foucault kein von der Macht abgetrenntes Subjekt. Statt dessen produziert die Macht Wissen vom Individuum, formt es und ist in seinen Vorstellungen z.B. von Freiheit und Unterdrückung immer schon präsent. Machtverhältnisse brauchen daher nicht unbedingt Gewalt, vielmehr die Anerkennung des anderen als Subjekt mit einer normierten bzw. zu normalisierenden Individualität. Sein Hauptaugenmerk gilt daher den Disziplinen und Instanzen, denen diese Normalisierung (meist mit dem Anspruch zu behandeln, zu helfen, sogar zu befreien) obliegt: Pädagogik, Psychologie, Psychiatrie, Medizin, Kriminologie, Justiz.
„Die Psychologie steht immer und von Natur aus an einem Kreuzpunkt der beiden Wege, wo einerseits die Negativität des Menschen bis zu einem extremen Punkt vertieft wird (…) und wo andererseits das Spiel unaufhörlichen Wiederaufnehmens, Zurechtrückens von Subjekt und Objekt, von Innen und Außen, von Erlebtem und Erkanntem sich übt.3

Die Biographie Foucaults ist reich an Brüchen und Verwerfungen persönlicher und politischer Natur. In zwölf Semestern Studium an der Pariser École normale supérieure brachte der Sohn eines Mediziners es auf drei Abschlüsse (Philosophie/Psychologie) sowie zwei Suicidversuche, lehrte und forschte dann 1955-59 in Schweden, Polen und Hamburg.

Foucault nannte Marx gern einen Karl Marx“berühmten Nach-
Hegelianer”, dessen Reduk-
tion des Menschen auf die
Arbeit man vergessen solle

Im Jahr 1961 erlangte Michel Foucault seinen Doktortitel mit „Wahnsinn und Gesellschaft“, welches eine Geschichte der Ausschließung der Irren im Zusammenhang der Entfaltung abendländischer Vernunft schreibt und ihm, wie er sagte, noch 20 Jahre nach der Publikation wütende Briefe von Psychiatern einbrachte. Sein nächstes großes Werk „Die Ordnung der Dinge“ macht ihn 1966 als strukturalistischen Gegenspieler Sartres berühmt. 1970 wird Foucault Professor für die Geschichte der Denksysteme am Collège de France, entwirft ein Programm für die Erforschung diskursiver und sozialer Ausschließungen; 1971 Gründungsmitglied der G.I.P. (Gruppe Gefängnisinformation), deren Arbeit mit Häftlingen zur Kritik an Zuständen im französischen Justizapparat bis hin zu Gefängnisrevolten führt.

Panopticon1
Panoptikum

1974 deckt Foucault mit „Überwachen und Strafen“ gemeinsame Wurzeln von Liberalismus und Einsperrung, von Freiheitsrechten und Disziplinarinstitutionen auf: Der Panoptismus, die Überwachung vieler durch wenige, erscheint als dunkle Seite der Aufklärung, welche die traditionelle Kritik von Staat und Ökonomie bislang ausgeblendet hatte. Anders als die Frankfurter Schule (Horkheimer/Adorno) sieht Foucault jedoch Widerstandspotentiale jenseits des gescheiterten marxistischen Projekts. 1976 in „Der Wille zum Wissen (Sexualität und Wahrheit 1)“ lokalisiert Foucault den zentralen Mechanismus einer „Bio-Macht“ in der Kontrolle menschlicher Sexualität, die das Subjekt in seinen Lüsten und Begierden wie die Bevölkerung in der Reproduktion erfasst.

Doch Foucault war nicht nur Wissenschaftler. Immer wieder zog es ihn zu Brennpunkten der Krise westlicher Zivilisation. 1978 berichtete er als Journalist aus Teheran über die erste erfolgreiche Revolution islamischer Fundamentalisten, die im Iran das CIA-gestützte Folterregime des Schahs besiegen: der Beginn der heutigen islamischen Bedrohung der USA. Vier Jahre später war er in Polen und unterstützte mit Hilfstransporten die Gewerkschaft Solidarnosc, die das Ende des „realen Sozialismus“ und der Blockkonfrontation einleitete. Ende der 70er-Jahre, bei Aufenthalten in der schwulen SM-Szene Kaliforniens (Foucault machte keinen Hehl aus seinen Neigungen, bezeichnete sie im Interview als zu gewöhnlich und banal, um sie dem Publikum vorzuenthalten), infizierte er sich vermutlich mit dem damals noch unbekannten HI-Virus. Er starb am 25.6.1984 an Aids. Seine beiden letzten, im selben Jahr erschienenen Bücher „Der Gebrauch der Lüste“ und „Die Sorge um sich“ (Sexualität und Wahrheit 2 u.3) werden als Versuch gedeutet, eine postmoderne Ethik der Selbstkonstituierung zu formulieren.

Tod des Menschen in der „Mikrophysik der Macht“

Provokativ prognostizierte Foucault den „Tod des Menschen“ bzw. „des Subjekts“: Diese Thesen wurden von Sozialwissenschaftlern der Generation ‘68 Anfang der 90er-Jahre noch unverstanden als Beweis der Verrücktheit Foucaults laut deklamiert, dann aber zunehmend kontrovers diskutiert. Für Foucault sind „Mensch“ und „Subjekt“ Formationen in der diskursiven Ordnung der Humanwissenschaften, und damit Teil eines heute auf dem Rückzug befindlichen Macht-Wissens-Komplexes. Das Subjekt kann nicht mehr Ursprung der Erkenntnis einer Wahrheit sein, die „Objektivität“ als „intersubjektive Überprüfbarkeit“ definiert.

Die von Foucault proklamierte „Mikrophysik der Macht“ wirkt durch kleinste Elemente, sie wirkt als Netz, das die Familie, sexuelle Beziehungen, Wohnverhältnisse, Schule, Krankenhäuser, Psychiatrie, Gefängnisse etc. als Feld von Kräfteverhältnissen und Macht-Wissens-Techniken begreift. Also ist die Macht keineswegs, wie Marxisten glauben, im Besitz einer bestimmten Klasse und kann auch nicht einfach durch den Sturm auf ihr Zentrum erobert werden. Daher läßt sich Macht auch nicht einfach mit ökonomischer Macht gleichsetzen. Sie ist nicht „monolithisch“ und wird somit nicht von einem einzelnen Punkt aus kontrolliert.

Kritik an Humanismus und „Wahrheit“

Klassische linke Kritikfiguren von Ideologie, Gewalt und Unterdrückung greifen ebenfalls nicht hinsichtlich der Wirkungsweise von so verstandenen Machtverhältnissen. Foucault kritisiert den Ideologiebegriff, da er immer im potentiellen Gegensatz zu etwas steht, was Wahrheit wäre; „Wahrheit“ ist aber selbst ein diskursives Ausschlußprinzip, ein Machtmechanismus, den es zu reflektieren gilt. Die dunkle Seite der Aufklärung sieht Foucault dabei gerade im „Humanismus“:

„Ich verstehe unter Humanismus die Gesamtheit der Diskurse, in denen man dem abendländischen Menschen eingeredet hat: Auch wenn du die Macht nicht ausübst, kannst du sehr wohl souverän sein. Ja, …je besser du dich der Macht unterwirfst, die über dich gesetzt ist, umso souveräner wirst du sein. Der Humanismus ist die Gesamtheit der Erfindungen, die um diese unterworfenen Souveränitäten herum aufgebaut worden ist: die Seele (souverän gegenüber dem Leib, Gott unterworfen), das Gewissen (frei im Bereich des Urteils, der Ordnung der Wahrheit unterworfen), das Individuum (souveräner Inhaber seiner Rechte, den Gesetzen der Natur oder den Regeln der Gesellschaft unterworfen).“4

In Theorie und Praxis wirkt Foucault heute vor allem überall dort, wo Mechanismen sozialer Ausschließung wirken und Gruppen von Menschen als krank oder kriminell von der Gesellschaft einer Kontrolle oder Behandlung unterzogen werden. In der Anti-Psychiatrie (Ronald D. Laing, Thomas S. Szasz), mit der Foucault von Beginn an sympathisierte, gibt es etwa ein deutsches Foucault-Tribunal zur Lage der Psychiatrischen Behandlung, das von etablierten Sozialkritikern weitgehend ignoriert wird (von der psychiatrischen „Wissenschaft“ sowieso).

Jenseits der Anti-Psychiatrie

Anders als bei Szasz war es jedoch nicht Foucaults primäre Absicht, einen Kreuzzug gegen die „Neue Inquisition“ der Psychiatrie zu führen. Ihm war die Auseinandersetzung mit dem Wahnsinn Ausgangspunkt eines viel weitergehenden Projektes, das letztlich die gesamte Aufklärung hinterfragt. Die Ergebnisse seiner Analysen sollten jedoch all jenen als Werkzeuge im Kampf gegen die Normalisierung zur Verfügung stehen, die als Opfer der Schattenseiten moderner Humanismen zurück bleiben. Also sicher auch den psychiatrisch Normalisierten. Und wer anderes als sie wäre kompetenter, den Wahnsinn der angeblich Vernünftigen zu brandmarken, wenn etwa das Leuchtfeuer der Aufklärung plötzlich durch den Halloween-Kürbis der atomaren Abschreckung oder der sogenannten Globalisierung auf uns strahlt? Wer ist verrückt – der Patient März, der die Atombombe in seinem Kopf ticken hört oder der „Entscheidungsträger“, der den Abwurf der echten Bombe befiehlt?

  1. Michel Foucault, Radiointerview 8.9.1972
  2.  Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft (1973) S. 9
  3. Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft (1973) S. 547 f.
  4. Michel Foucault: Von der Subversion des Wissens (1978), S.114

Dieser Aufsatz erschien in erster Fassung in Irren-Offensive Nr.12/2004 auf Deutsch und in der entsprechenden israelischen Ausgabe auf Hebräisch.

Thomas Barth ist Diplom-Psychologe und Diplom-Kriminologe und arbeitet in der Hamburger Universität.
Publikationen: Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft (1997), (Hg.) Bertelsmann: Ein Medienimperium macht Politik (2006)BtmBook

IRRENOFFENSIVE Nr.12/2004

Die Irren-Offensive. Zeitschrift von Ver-rückten gegen Psychiatrie

 

Mit Michel Foucault im Netz der Macht

Thomas Barth FouTB

Michel Foucault glänzte als Denker und Provokateur, als undogmatischer Linker und Gegenspieler Sartres. Er verstand es, sich erfolgreich einer disziplinierten Wissenschaft zu entziehen: Die Philosophie nannte ihn einen Historiker, Historiker sahen in ihm den Philosophen; Marxisten warfen ihm „infantile leftism“ vor, weil er, wie er selbst mutmaßte, sich weigerte, die obligatorischen Marx-Zitate in seine Schriften einzuflechten. Statt dessen nannte er Marx gern einen „berühmten Nach-Hegelianer“, dessen Reduktion des Menschen auf die Arbeit man vergessen solle.

Auch seine Bekenntnisse zu Nietzsche und Heidegger, den beiden gern als Nazi-Philosophen abgetanen Vordenkern postmoderner Aufklärungskritik, machten ihn verdächtig. Foucaults schwer fassbarer, netzartiger Begriff von Macht ist kaum mit orthodox-marxistischen Vorstellungen kompatibel, weshalb der Denker der Kommunistischen Partei Frankreichs auch schnell den Rücken kehrte.
Die Biographie Foucaults ist reich an Brüchen und Verwerfungen persönlicher und politischer Natur. In zwölf Semestern Studium an der Pariser École normale supérieure brachte der Sohn eines Mediziners es auf drei Abschlüsse (Philosophie/Psychologie) sowie zwei Selbstmordversuche. Er lehrte und forschte dann 1955-59 in Schweden, Polen und Hamburg. 1961 erhielt er den Doktortitel mit „Wahnsinn und Gesellschaft“, eine Geschichte der Ausschließung der Irren im Zusammenhang der Entfaltung abendländischer Vernunft. Die Schrift brachte ihm, wie er sagte, noch 20 Jahre nach der Publikation wütende Briefe von Psychiatern ein. Sein nächstes großes Werk „Die Ordnung der Dinge“ machte ihn 1966 als strukturalistischen Gegenspieler Sartres berühmt. 1970 wird Foucault Professor für die Geschichte der Denksysteme am Collège de France, entwirft ein Programm für die Erforschung diskursiver und sozialer Ausschließungen. 1971 Gründungsmitglied der G.I.P. (Gruppe Gefängnisinformation), deren Arbeit mit Häftlingen zur Kritik an Zuständen im französischen Justizapparat bis hin zu Gefängnisrevolten führt.

1974 deckt Foucault mit „Überwachen und Strafen“ gemeinsame Panopticon1Wurzeln von Liberalismus und Einsperrung, von Freiheitsrechten und Disziplinarinstitutionen auf: Der Panoptismus, die Überwachung vieler durch wenige, erscheint als dunkle Seite der Aufklärung, welche die traditionelle Kritik von Staat und Ökonomie bislang ausgeblendet hatte. Anders als die Frankfurter Schule (Horkheimer/Adorno) sieht Foucault jedoch Widerstandspotentiale jenseits des gescheiterten marxistischen Projekts. 1976 in „Der Wille zum Wissen (Sexualität und Wahrheit 1)“ lokalisiert Foucault den zentralen Mechanismus einer „Bio-Macht“ in der Kontrolle menschlicher Sexualität, die das Subjekt in seinen Lüsten und Begierden wie die Bevölkerung in der Reproduktion erfasst.

Mikrophysik der Macht

Doch Foucault war nicht nur Wissenschaftler. Immer wieder zog es ihn zu Brennpunkten der Krise westlicher Zivilisation. 1978 berichtete er als Journalist aus Teheran über die erste erfolgreiche Revolution islamischer Fundamentalisten, die im Iran das CIA-gestützte Folterregime des Schahs besiegen: der Beginn der heutigen islamischen Bedrohung der USA. Vier Jahre später war er in Polen und unterstützte mit Hilfstransporten die Gewerkschaft Solidarnosch, die das Ende des „realen Sozialismus“ und der Blockkonfrontation einleitete. Ende der 70er-Jahre, bei Aufenthalten in der schwulen SM-Szene Kaliforniens (Foucault machte keinen Hehl aus seinen Neigungen, bezeichnete sie im Interview als zu gewöhnlich und banal, um sie dem Publikum vorzuenthalten), infizierte er sich vermutlich mit dem damals noch unbekannten HI-Virus. Er starb am 25.6.1984 an Aids. Seine beiden letzten, im selben Jahr erschienenen Bücher „Der Gebrauch der Lüste“ und „Die Sorge um sich“ (Sexualität und Wahrheit 2 u.3) werden als Versuch gedeutet, eine postmoderne Ethik der Selbstkonstituierung zu formulieren.

Anstelle der proletarischen Weltrevolution prognostizierte Foucault den „Tod des Menschen“ bzw. „des Subjekts“: Diese Thesen wurden von Sozialwissenschaftlern der Generation 68 Anfang der 90er-Jahre noch unverstanden als Beweis der Verrücktheit Foucaults laut deklamiert, dann aber zunehmend kontrovers diskutiert. Für Foucault sind „Mensch“ und „Subjekt“ Formationen in der diskursiven Ordnung der Humanwissenschaften und damit Teil eines heute auf dem Rückzug befindlichen Macht-Wissens-Komplexes. Das Subjekt kann nicht mehr Ursprung der Erkenntnis einer Wahrheit sein, die „Objektivität“ als „intersubjektive Überprüfbarkeit“ definiert. Selbst dann nicht, wenn das erkennende Subjekt Karl Marx heißt.

Die von Foucault proklamierte „Mikrophysik der Macht“ wirkt durch kleinste Elemente, sie wirkt als Netz, das die Familie, sexuelle Beziehungen, Wohnverhältnisse, Schule, Krankenhäuser, Psychiatrie, Gefängnisse etc. als Feld von Kräfteverhältnissen und Macht-Wissens-Techniken begreift. Die Macht ist mithin keineswegs, wie Marxisten glauben, im Besitz einer bestimmten Klasse angesiedelt, und sie kann auch nicht einfach durch den Sturm auf ihr Zentrum erobert werden. Daher lässt sich Macht auch nicht einfach mit ökonomischer Macht gleichsetzen. Sie ist nicht „monolithisch“ und wird somit nicht von einem einzelnen Punkt aus kontrolliert.

Klassische linke Kritikfiguren von Ideologie, Gewalt und Unterdrückung greifen ebenfalls nicht hinsichtlich der Wirkungsweise von so verstandenen Machtverhältnissen. Foucault kritisiert den Ideologiebegriff, da er immer im potentiellen Gegensatz zu etwas steht, was Wahrheit wäre. „Wahrheit“ ist aber selbst ein diskursives Ausschlussprinzip, ein Machtmechanismus, den es zu reflektieren gilt (was von anderen Ansätzen gern in die Spezialdisziplinen z.B. der Wissenschaftssoziologie abgeschoben wird).

Die Macht und die Wahrheit

Im Gegensatz zur marxistischen Vorstellung von Ideologie gibt es für Foucault kein von der Macht abgetrenntes und mit einem (entweder falschen oder marxistischen) Bewusstsein ausgestattetes Subjekt. Statt dessen produziert die Macht Wissen vom Individuum, formt es und ist in seinen Vorstellungen z.B. von Freiheit und Unterdrückung, immer schon präsent. Machtverhältnisse brauchen daher nicht unbedingt Gewalt, vielmehr die Anerkennung des anderen als Subjekt mit einer normierten bzw. zu normalisierenden Individualität.

Sein Hauptaugenmerk gilt daher den Disziplinen und Instanzen, denen diese Normalisierung (meist mit dem Anspruch zu behandeln, zu helfen, sogar zu befreien) obliegt: Pädagogik, Psychologie, Psychiatrie, Medizin, Kriminologie, Justiz. Deren Umgang mit dem Subjekt, ihre Diskurse über den Menschen, die das Subjekt erst konstituieren, gilt es zu hinterfragen. Die dunkle Seite der Aufklärung sieht Foucault dabei gerade im „Humanismus“:

Ich verstehe unter Humanismus die Gesamtheit der Diskurse, in denen man dem abendländischen Menschen eingeredet hat

Auch wenn du die Macht nicht ausübst, kannst du sehr wohl souverän sein. Ja, …je besser du dich der Macht unterwirfst, die über dich gesetzt ist, umso souveräner wirst du sein. Der Humanismus ist die Gesamtheit der Erfindungen, die um diese unterworfenen Souveränitäten herum aufgebaut worden ist

Foucault heute: Anti-Psychiatrie, kritische Kriminologie, Gouvernementalität

In Theorie und Praxis wirkt Foucault heute vor allem überall dort, wo Mechanismen sozialer Ausschließung wirken und Gruppen von Menschen als krank oder kriminell von der Gesellschaft einer Kontrolle oder Behandlung unterzogen werden. In der Anti-Psychiatrie (Ronald D. Laing, Thomas S. Szasz), mit der Foucault von Beginn an sympathisierte gibt es etwa ein deutsches Foucault-Tribunal zur Lage der Psychiatrischen Behandlung, während andere Mediziner und Psychologen ihrerseits hart mit seinem Ansatz ins Gericht gehen.

Besonders seltsam mutet die lange Abwehrhaltung gegenüber Foucault in einer Wissenschaft an, die sich „kritische Kriminologie“ nennt. Ihr Credo entsprach genau dem Foucaults: Analyse der gesellschaftlichen Mechanismen der Ausschließung, speziell von Kriminalisierten. Basis war meist der sozialkonstruktivistische „Labeling“-Ansatz. Der besagt, dass den sozial Ausgegrenzten Etiketten, soziale Stigmata (Labels), angehängt werden, kann aber leider nur schwer erklären, wie und warum das geschieht. Die „kritische Kriminologie“ sah im Hintergrund meist die marxistische Gesellschaftstheorie, nahezu als Synonym für Kritik, und konnte sich von Vorurteilen gegenüber Foucault nur schwer lösen. Diese vielleicht typische Rezeptionsgeschichte kann selbst als Beispiel von Ausschließung im Bereich der Wissenschaft gelten.

Eine erste auf der Gesellschaftskritik von Michel Foucault basierende kritisch-kriminologische Studie kam 1993 aus der Feder des Autors dieser Zeilen: „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft: Systemtheorie, Foucault und die Computerfreaks als Gegenmacht zum Panoptismus der Computer- und Multimedia-Kultur“, befasste sich mit der kriminalisierten Gruppe der Computer-Hacker und setzt sie in Bezug zu einer Genealogie der Informationsgesellschaft.[1] Von der taz wurde es mit der orthodox-marxistischen Kritik aufgenommen, die Computerhacker seien nicht als ökonomische Klasse zu betrachten, daher nicht als Gegenmacht zum globalen Überwachungsnetz denkbar.[2]

In der weiteren Foucault-Rezeption der kritischen Kriminologie zeigt sich heute eine Verlagerung des Schwerpunkts auf Foucaults Begriff der „Gouvernementalität“, auch „gouvernementalization“. Ein Begriff, der den Bezug von Macht-Wissen-Komplexen, die die Mentalität konstituieren, auf das Regieren, insbesondere auf Anbindung an den Staat zeigen soll: ein keineswegs neuer Zugang[3] zu Foucault, der marxistisch sozialisierten Geistern vermutlich leichter fällt. Und auch der heute dominierende Neoliberalismus ist somit trefflich mit Foucault zu kritisieren, vgl.
Cyberspace, Neoliberalismus und inverser Panoptismus
(T.Barth 1997)

Fußnoten:

[1] Als 1993 bei den im Hamburger Reformstudiengang „Jura 2“ angesiedelten Kriminologen die erste kritisch-kriminologische Studie vorlag, die auf der Gesellschaftskritik von Michel Foucault basierte, waren die Reaktionen höchst ambivalent. Die Arbeit „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft“  (Barth, Centaurus-Verlag 1997) wurde zwar in die Schriftenreihe „Hamburger Studien zur Kriminologie“ aufgenommen, jedoch nicht publiziert, sondern von Herausgebern und Hausverlag gute vier Jahre lang auf Eis gelegt. In diesen Jahren vollzog sich geradezu eine „Foucaultianische Wende“ der Kriminologen, wobei die „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft“ jedoch auf keiner Literaturliste auftauchte. Zweifel an der kritisch-kriminologischen Rezeption der Studie verfliegen jedoch z.B. beim Anblick der Arbeit von Professor Sebastian Scheerer „Zehn Thesen zur Zukunft des Gefängnisses – und acht über die Zukunft der sozialen Kontrolle“ (die frappierende Ähnlichkeiten zum Kapitel „Die Antiquiertheit der Einsperrung“ aus Barth 1993/1997 aufweist).

[2] Eine revidierte und weiterentwickelte Fassung meiner inzwischen vergriffenen Studie war geplant, wurde bislang jedoch nicht realisiert.

[3] Vgl. Smart, Barry, Michel Foucault, London, New York 1985 S.130 ff.

Inverser Panoptismus im Neoliberalismus

Thomas Barth Panopticon1

…auf Mitleid durfte man hier nicht hoffen, und es war ganz richtig, was Karl in dieser Hinsicht über Amerika gelesen hatte; nur die Glücklichen schienen hier ihr Glück zwischen den unbekümmerten Gesichtern ihrer Umgebung wahrhaft zu genießen.  Franz Kafka, Amerika

Die „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ geht an der Frage der Konstituierung des Subjekts in der modernen Gesellschaft vorbei, die sich im Begriff des Panoptikums konzentriert. Ein informationstechnisch zu realisierendes „inverses Panoptikum“, eine gläserne Bürokratie, wäre mit der Entwicklung einer Ethik zu verbinden, die auf die künftigen Bedürfnisse des Menschen in der Informationsgesellschaft hin zugeschnitten werden sollte.

Dollar-Freiheit im Cyberspace?

John Perry Barlow verfasste im Februar 1996 als Reaktion auf Zensurbestrebungen durch den „Telecommunication Reform Act“ der US-Bundesregierung eine Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace, die heute zu den am meisten im Internet zirkulierenden Dateien gehören soll. Seine Kritiker Geert Lovink und Pit Schultz sprechen im Anti-Barlow von „plumper Rhetorik“; dies stimmt aus europäischer, nicht jedoch aus US-amerikanischer Sicht. Der Massenerfolg, den der nicht besonders einfallsreiche SF-Kinofilm „Independence Day“ erzielte, zeigt, daß Barlow einen Nervenknoten des „gesunden Volksempfindens“ der US-Amerikaner getroffen hat. Barlow orientierte sich am Gründungsdokument der USA, was natürlich nicht bei jedem patriotische Gefühle wecken kann. Die Barlow-Kritiker Barbrook und Cameron verweisen in ihrer Kalifornischen Ideologie zu Recht auch auf die Tradition der Sklaverei in den USA.

Kritik an Barlow soll keineswegs bedeuten, die Zensurpolitik Clintons zu billigen. Die Maßnahmen wirken ohnehin für europäische Ohren unverständlich: Warum sollten die mächtigen USA ausgerechnet durch die Verwendung des Wortes „Motherfucker“ (und sechs weiterer Obszönitäten) gefährdet sein? Man könnte hier einen tief verwurzelten Ödipuskomplex vermuten, der orthodoxen Freudianern gute Geschäfte verspricht. Barlows Plädoyer für freie Meinungsäußerung weckt keine Kritik, vielmehr ist es seine totale Blindheit gegenüber sozialer Ungerechtigkeit, die nur als Naivität oder Zynismus gedeutet werden kann. Florian Rötzer weist daraufhin, daß diese Blindheit heute als Teil des sogenannten „Neoliberalismus“ zur dominierende Ideologie der Marktwirtschaften zu werden droht.

Man könnte diesen Rückgriff auf traditionelle Ideen der Aufklärung vielleicht treffender als $-Lib bezeichnen, da sie Freiheit auf die Freiheit des Dollars oder seiner Besitzer reduziert. Bereits Ende der 70er Jahre wies der französische Philosoph Jean-Francois Lyotard auf eine aus der IuK-Technologie und deren Folge, der Kommerzialisierung des Wissens, abzuleitende Tendenz zur Deregulierung hin. Der Staat würde einer „Ideologie kommunikativer Transparenz“ als ein Faktor des „Rauschens“ erscheinen, was sich heute in der neoliberalen Forderung nach Deregulierung als Argumentation gegen staatliche Ineffizienz wiederfinden läßt. Die von Barlow vertretene „kalifornische Ideologie“ einer angenommenen „virtuellen Klasse“ mittlerweile gutsituierter Ex-Hippies soll sozusagen den progressiven Flügel dieser $-Lib-Ideologie darstellen. Man möchte den Staat abschaffen – bis auf genau jene Funktionen, die die eigenen Privilegien (Eigentum, Informationszugang) schützen, ihn zum Nachtwächterstaat degenerieren. Alles andere wird als „ineffizient“ verdammt, da Geld dem $-Lib das Maß aller Dinge ist. Menschliches Leid interessiert nur insoweit als sich aus ihm Profit schlagen läßt (Privatisierung sozialer Dienste, vgl. Fritz Sack) oder es sich als Kostenfaktor erweist (z.B. als Kriminalität).

Die Naivität der „Kalifornischen Ideologie“ zeigt sich in Barlows Zustandsbeschreibung des Cyberspace: „Wir erschaffen eine Welt, die alle betreten können ohne Bevorzugung oder Vorurteil bezüglich Rasse, Wohlstand, militärischer Macht oder Herkunft.“ Diese negative Aufzählung liest sich eher wie ein Who-is-who des Cyberspace, des Raumes der Weißen, der Reichen, der Militärs und (aus anderen Kreisen bestenfalls) der Wohlgeborenen. Diese Kluft zwischen elitärer Sache und völkischem Pathos reizte die Widersacher Barlows so sehr, daß andere kritische Fragen gar nicht gestellt werden konnten. Etwa die Frage, nach dem Datenschutz und die Frage, ob der jetzige Cyberspace des Internet wirklich so demokratisch und unabhängig von Tyrannei ist, wie Barlow meint. Marc Gisor bemerkt, daß viele scheinbar demokratische Prozeduren im Internet, etwa das Einrichten von Usegroups, eher einer feudalistischen Dramaturgie folgen, daß Netz-Gurus (wie z.B. Barlow), Organisationsleader und führende Techniker die Rolle lokaler Burgherren in bestimmten Regionen der Wissensgeografie einnehmen. Barlow hinterfragt nicht die Herkunft des Cyberspace und die ihm möglicherweise innewohnenden Tücken.

Subjekt und Panoptismus

Eine europäische Aufgabe bei der Diskussion des Cyberspace könnte es deshalb sein, daran zu erinnern, daß unsere westliche Kultur neben den Menschenrechten auch ein effektives System der Disziplinierung des Menschen hervorgebracht hat, dessen Kernidee der französische Philosoph Michel Foucault in der sozialen Maschine des Panoptikums lokalisierte. Eine Reflektion der Problematik sollte zunächst den Zusammenhang dieses Panoptikums mit den von Barlow vertretenen Idealen diskutieren, um sein „politisches Unbewußtes“ aufzudecken sowie die daraus resultierenden Probleme aufzuzeigen.

Trifft der deutschsprachige Leser auf das Wort Panoptikum, so denkt Panopticon1er an ein Wachsfigurenkabinett. Ursprünglich bezeichnete „panopticon“ jedoch eine spezielle Gefängnisarchitektur Jeremy Benthams, des Begründers des Utilitarismus. Benthams architektonische Erfindung besteht aus einem Rundbau, welcher durch einen Beobachtungsturm im Zentrum die nach innen hin einsehbaren Zellen der permanenten Überwachung aussetzt. Die Gefangenen des Panoptikums sehen den Wächter nicht, sind aber ständig einer potentiellen Überwachung ausgesetzt, die ein andauernd diszipliniertes Verhalten erzwingen soll. Diese Konstruktion erinnert nicht zufällig an George Orwells Dystopie vom totalen Überwachungsstaat. Der Orwellsche „Televisor“ wirkt heute freilich, angesichts von Internet- und Sensortechnik, nicht weniger anachronistisch als das von Bentham empfohlene Lauschröhrensystem zum Abhören der Zellen.

FouTB
Michel Foucault

Michel Foucaults 1977 präsentierte Analyse der Disziplinargesellschaft sieht im Panoptikum den Kern des utilitaristisch-demokratischen Gesellschaftsmodells und betrachtet es gleichzeitig als Metapher der bürgerlichen Gesellschaft. Wichtiger als die konkrete architektonische Umsetzung erscheint Foucault die Idee des Panoptismus, die in den verschiedensten Bereichen (Schulen, Hospitälern, Fabriken) in der einen oder anderen Form Fuß fassen konnte: Die disziplinierende Beobachtung vieler durch wenige (Schüler durch Lehrer, Arbeiter durch Vorarbeiter, Bürger durch Verwaltungsbeamte), die schon der sozialen Grundstruktur eingeschrieben ist. Bentham ging es einerseits darum, eine vollkommene Disziplinarinstitution zu entwerfen, aber andererseits auch um eine Methode, die Disziplinen vielseitig und diffus verteilt in der ganzen Gesellschaft wirken zu lassen. Die in dieser Erfindung und ihren sozialen Ausformulierungen disziplinierten Individuen bilden die Basis für die modernen Massendemokratien.

An der Wiege unseres heutigen „way of life“, steht die Eroberung der Gesellschaft durch soziale Maschinen im Gefolge von Benthams Panoptikon. Diese wurden benötigt, um die Individuen so zu disziplinieren, daß sie der politischen Rechte einer modernen Demokratie würdig werden konnten – in den Augen der damaligen Elite (siehe Melossi). Das utilitaristische Menschenbild Benthams lebt bis heute weiter im homo oeconomicus der Wirtschaftswissenschaften, auf dem letztlich die $-Lib bzw. der „Neoliberalismus“ basiert. Die freie, selbstorganisierende Steuerung durch das Medium Geld braucht eine zentrale Kontrollstelle, die die Strukturen aufrecht erhält, also z.B. um Falschmünzer zu verfolgen.

Foucault betrachtet den Panoptismus als allgemeines Prinzip der Konstituierung des bürgerlichen Subjekts: autonom und frei in den Grenzen, die die Zentralgewalt setzt und durch ständige Kontrolle aufrecht erhält. Er zeigt damit die unmittelbare Verknüpfung der Freiheiten mit disziplinierenden Mechanismen auf, die die Begrenzung der „Zelle der Autonomie und Freiheit“, die das Subjekt bewohnt, ja, aus der es letztlich als Subjekt besteht, festlegen. Konkreter: Wenn wir als Schulkind lernen müssen stillzusitzen, als Soldat zu tun, was der vorgesetzte Offizier sagt, als Patient für real zu halten, was ein Psychiater zur gesunden Wahrnehmung erklärt, dann konstituieren wir uns damit als Subjekt. Dieses Subjekt paßt in den Raum, der durch die Grenzen der Freiheit definiert wird, d.h. durch die körperliche Unversehrtheit, das Fernmeldegeheimnis, das Recht auf Privateigentum etc. Bisher scheint ein Gleichgewicht zwischen Machtmechanismen und Subjektkonstitution zu bestehen (auch wenn es nicht zum versprochenen „größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl“ führt). Doch was ist, wenn sich diese Grenzen ändern? Wenn technische Möglichkeiten „dem Subjekt“ neue Möglichkeitsräume eröffnen, also eigentlich das Subjekt erweitern? Oder wenn andererseits der Zentralgewalt neue Möglichkeiten der Überwachung und Disziplinierung zuwachsen – also eigentlich das Subjekt einer Neukonstituierung unterworfen wird? Das Gleichgewicht muß neu austariert werden, und das ist eine politische Fragestellung.

Progressive oder Liberale werden die Möglichkeitsräume begeistert begrüßen und Überwachung ablehnen; konservative Gemüter werden sich eher auf die Mißbrauchsmöglichkeiten konzentrieren, vor Kriminalität und Anarchie warnen und verstärkte Kontrollmechanismen fordern. Genau dies passiert derzeit in Bezug auf das Internet. In Barlows Erklärung wird der (unbewußte) Wunsch deutlich, den überwachenden Blick des Panoptikums umzukehren: Die Insassen sind es leid, in ihren Zellen dem Blick des unsichtbaren Verwalters preisgegeben zu sein. Sie fordern eine Invertierung jener Kontrolle, die sich durch technologische Entwicklungen gerade zu potenzieren droht. Barlow übersieht jedoch, daß die von diesem Mechanismus abhängige Verteilung von Macht und Wohlstand sich mit dieser Invertierung des Blickes ebenfalls verschieben könnte. Er bedenkt weder die positiven Folgen, die dies für die soziale Gerechtigkeit haben könnte (wenn etwa die gläsernen Bankkonten das Ausmaß ungerechter Steuerverteilung sichtbar machen würden), noch bedenkt er die Gegenwehr, die unter diesem Aspekt sicher viel heftiger zu erwarten ist als es der vorgeschobene, banale Zwist um die Zensur der sieben „schlimmen Worte“ vermuten ließe.

„Inverses Panoptikum“ versus „Super-Panoptikum“

Der kalifornische Historiker Mark Poster kam 1995 bei der Entwicklung der Theorie von einem digitalen Zweiten Medienzeitalter zu dem Schluß, Datenbanken und die in ihnen angehäuften Informationen über den Bürger seien der Grundstock eines neuen „Super-Panoptikums“. Fest steht, daß Datenbanken viele Interessenten finden, und wer wäre nicht skeptisch, wenn Vertreter der Firma Siemens 1996 beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik verkünden, die technischen Mittel für die digitale Sicherheit im 21. Jahrhundert wären vorhanden? (Kruse) Doch sowohl die liberale Kritik, Datenbanken seien eine Gefahr für die bürgerliche Freiheit, als auch die soziale Kritik, sie würden die Macht zugunsten der Besitzenden verschieben, greifen zu kurz, wie Poster bemerkt. In einer neuen Ära der Befragung des Subjekts werden Datenbanken vielmehr die Subjektkonstitution verändern, indem sie es multiplizieren und dezentrieren. Wie sich dies auf uns, die „realen“ Subjekte, auswirkt, und was zu tun sein könnte, ist dabei die spannendste Frage. Die allzu wörtliche Interpretation dieser Formulierungen hat sich in der erfolglosen Suche nach den psychischen Pathologien des Computers und multiplen Persönlichkeiten als Sackgasse erwiesen. Der Einfluß erfolgt vielmehr über eine politische und soziale Wandlungsprozesse der Gesellschaften.

Das „inverse Panoptikum“ könnte man als unbewußte Reflexion des disziplinierenden Panoptikums interpretieren. Es impliziert eine Umkehr der kontrollierenden Blickrichtung und damit eine Lockerung der Zentralmacht über die Peripherie, wobei es jedoch gilt, dezentrale Mechanismen zur Vermeidung sozialen Unrechts zu entwickeln. Der amerikanische Freedom of Information Act kann immerhin den Weg zu einer demokratischeren Informationsgesellschaft weisen. Einen ähnlichen Weg beschreitet auch die am 4.1.1997 auf der Wartburg verkündete Online MagnaCharta. Die Unterzeichner nahmen sich das jüngst verabschiedete Telekommunikationsgesetz der Bundesregierung sowie einige Zensurmaßnahmen deutscher Provenienz im Internet zum Anlaß, für die Freiheitrechte des elektronischen Kommunizierens einzutreten. Der Cyberspace wird auch hier dem Territorium eines internationalen Weltstaates gleichgesetzt, in dem andere Freiheitsrechte gelten als in den Nationalstaaten. Ein schöner Gedanke, der die aktuell seitens der großen Konzerne permanent zur Begründung für das Rollback von Arbeitnehmerrechten postulierte Globalisierung einmal andersherum deutet – im Sinne eines Weltbürgertums europäischer Prägung.

Leider zeigt die derzeitige Bonner Diskussion über ein Kryptografiegesetz zur Beschneidung privater Verschlüsselungstechniken, daß die Administration ganz andere Vorstellungen hat (Multimediagesetz, Multimediadienste-Staatsvertrag), obwohl der direkte Zugriff des Bürgers auf alle staatlichen Informationen eine neue Säule der Legitimation der demokratischen Gemeinwesen schaffen und so dem Zerfall der politischen Institutionen entgegenwirken könnte. Wenigstens einige Facetten der „multiplen Subjekte“ müssen der parlamentarischen Demokratie erhalten bleiben, denn ohne Bürgerbeteiligung kann sie nicht existieren. Die bereits 1979 von Lyotard in seinem „Postmodernen Wissen“ geforderte Öffnung der Datenbanken für die Allgemeinheit wäre ein wichtiger Beitrag zur Eroberung des Cyberspace durch den Menschen.

Mit dem Verbreiten von Unabhängigkeitserklärungen im Internet ist es allerdings nicht getan. Bedenkt man, daß Computernetze und Datenbanken die ideale Technologie eines elektronischen Panoptismus sind, so erweist sich die Frage danach, was wir mit dem kommenden Cyberspace machen wollen (oder was wir wollen, daß er mit uns macht) als politische, aber auch als soziale Problematik. Sie bedarf keinesfalls nur technologischer Lösungen. Es wird dort auch um die Verteilung von Macht bis hinunter zu einer Ebene gehen, die in die Konstituierung der Subjekte hinein reicht. Die Auswirkung auf diese Subjekte wird sorgfältig zu beobachten sein, und zwar auch auf solche Subjekte, die nicht zu den Glücklichen zählen, die nicht mit ihrer „Homepage“ im Internet präsent sind und daher im Amerika des Cyberspace (wie Kafka vermutete) auch nicht auf Mitleid hoffen können.

Menschliches Leid und soziale Probleme verschwinden nicht, wenn ihre Bilder in einer bunten Flut von Infotainment versenkt werden. Medienseelige Beteuerungen dieser Art von Seiten ästhetisierender Nihilisten dürften sich schnell als Eigentor erweisen. Die Freiheit, Probleme zu lösen, setzt die Fähigkeit voraus, Probleme erkennen zu können. Die Knotenpunkte des Internet, die Suchmaschinen, bedürfen einer demokratischen Kontrolle, seine möglicherweise „feudalistischen“ Strukturen sollten kritisch beobachtet werden. Schulen und Universitäten dürfen künftig über der „Computerliteracy“ nicht die Entwicklung und Vermittlung einer Ethik vernachlässigen, die den Bedürfnissen des in der Informationsgesellschaft lebenden Menschen angemessen ist. Dem Obdachlosen ist nicht damit geholfen, wenn man ihm seine warme Suppe am Internet-Terminal verabreicht. Er braucht Wohnraum, Schulbildung, eine Perspektive. Das inverse Panoptikum ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber es muß um eine soziale Praxis ergänzt werden, die menschliche Bedürfnisse vor den freien Fluß der Information und des Geldes setzt.  TB 1997 (telepolis)

Cyberspace, Neoliberalismus und inverser Panoptismus

Thomas Barth zuerst in TELEPOLIS 03.07.1997

——————

space for your visions of the Inverse Panopticon

contact us
tyyxx   (((((a)))))  web.de

Dem inversen Panoptismus verwandte Kunst:
Mark Lombardi beobachtete die Macht- und Geldeliten
Ästhetik der Konspiration  Thomas Barth05.07.2012

Ein deutscher Dokumentarfilm von Realfictionfilm

über Leben und Werk von Mark Lombardi, der dubiose Transaktionen der Finanzindustrie verfolgte

Lombardis „Narrative Structures“ sind elegante Organi- und Soziogramme, Bleistift auf beigem Papier: Eine künstlerisch bemerkenswerte Serie von Zeichnungen, Diagramme mit visuellen Darstellungen, die Machtbeziehungen der globalen Wirtschaft und Politik darstellen. Jetzt läuft in deutschen Kinos der Film „Mark Lombardi: Kunst und Konspiration“ über Leben und Werk des Künstlers, der sich, laut offizieller Darstellung, am 22.März 2000 das Leben nahm. …

 mehr

Kurzfassung:

Kunst und Konspiration – Ein deutscher Dokumentarfilm über Leben und Werk von Mark Lombardi

Thomas Barth 09.07.2012 (Abstract für Medienwissenschaft)

In ihrer betont unaufgeregten Dokumentation porträtiert Wegner posthum einen bemerkenswerten Künstler, der fast investigativ-journalistische „Elitenforschung betrieb. Im Internet ein Phänomen, ist Lombardi in Deutschland über die engere Kunstszene hinaus noch weitgehend unbekannt.

Lombardis „Narrative Structures“ sind elegante Organi- und Soziogramme, Bleistift auf beigem Papier: Eine künstlerisch bemerkenswerte Serie von Zeichnungen, Diagramme mit visuellen Darstellungen, die Machtbeziehungen der globalen Wirtschaft und Politik darstellen. Jetzt läuft in deutschen Kinos der Film „Mark Lombardi: Kunst und Konspiration“ über Leben und Werk des Künstlers, der sich, laut offizieller Darstellung, am 22.März 2000 das Leben nahm.

Wegener recherchierte und drehte für diesen Film monatelang in den USA. Visuell arbeitet sie mit Bildern, die man aus journalistischen Enthüllungsfilmen kennt, mit Aufnahmen imposanter Gebäudefassaden, Experten- und Zeugen-Interviews, Kamerafahrten hinab ins Archiv Lombardis. Doch statt den sonst auf Betrachter einprasselnden Fakten und atemlosen Reporterberichten begleitet die Aufnahmen oft Schweigen, die Gespräche und Kommentare sind ruhig, lassen Zeit zum Nachdenken. Ähnliche Eindrücke in einem vergleichbaren Kontext weckte bislang nur der Film von Gerhard Friedl: „Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?“ Die bemerkenswerte Kameraführung ist Sophie Maintigneux zu verdanken, die schon mit Godard filmte.

An den Zeichnungen Lombardis ist die exakte Raumaufteilung zu bewundern, auch die akribische Ausführung der auf den ersten Blick wie florale Ornamente wirkenden, quadratmetergroßen Diagramme. Im Film wie im Netz sind die Bilder schwer darstellbar, es gibt zu viele Details, man verliert schnell den Überblick. Der Inhalt der Kunst von Mark Lombardi (1951-2000) sind Zeichnungen über Verbindungen von Finanzwelt und internationalem Terrorismus, über Oliver North und die Iran-Contra-Affäre bis hin zur Verstrickung der Bush-Familie mit Bin Laden, die Lombardi lange vor den 9/11-Anschlägen dokumentierte.

Mark Lombardi begann 1995, zunächst wenig beachtet, in Houston seine Zeichnungen auszustellen. Erste größere Aufmerksamkeit weckte er im Rahmen einer Gruppenausstellung im Drawing Center, SoHo 1997. Er zog nach New York und hatte seine erste Einzelausstellung, “Silent Partners“, im Jahr 1999 in der Galerie Pierogi 2000, die heute noch seine Werke im Bestand führt, dann folgte “Vicious Circles“ in der Devon Golden Gallery in Chelsea. Es war ein kurzer, aber stetiger Anstieg der Aufmerksamkeit: Lombardis Arbeiten wurden inzwischen weltweit in zahlreichen Museen und Galerien ausgestellt.
Die Kunstkritikerin Frances Richard meint, dass Lombardi mit seinem Begriff „Narrative Strukturen“ stillschweigend zugab, seine kartographierte Konversation sei eine konstruierte Fantasie, eine abenteuerliche und vorsätzliche Verwechslung von quantitativer und qualitativer Analyse. Karten gehören für sie in den Bereich von Zahlen und Körperlichkeit (oder scheinen dorthin zu gehören), während das Gespräch ein durch und durch subjektiver, immaterieller Prozess ist. Dennoch mutet es geradezu hellseherisch an, wie Lombardi die Themen vorauszusehen schien, die uns seitdem beschäftigen. #

Hier eine ähnliche Idee, umgesetzt mit deutschen Firmen/Vereinen
MOBLOG-Projekt „Verstrickungen“: INSM, Atlantikbrücke, Bertelsmann

————————————————-
ChaosComputerClub e.V. Hamburg / FoeBuD e.V. Bielefeld   1995 Chaos Communication Congress

Cyberspace and the Way to the Inverse Panopticon

by Thomas Barth (overworked for DECODER, Milano)

Angela Gamsriegler (2003):
Macht und Kontrolle im (Super)panopticon (pdf)