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Was verschweigt der Film „Im Labyrinth des Schweigens“?

Thomas Barth Im Labyrinth des Schweigens

Letztes Jahr hatten die „Großen Frankfurter Auschwitz-Prozesse“ 50.Jubiläum; „Im Labyrinth des Schweigens“ erzählt die Vorgeschichte im Adenauer-Deutschland ab 1958. Retrofans der 50er kommen mit diesem Justiz-Thriller nebst Love-Story bei Petticoat und Zuckerguss voll auf ihre Kosten. Politisch Interessierte weniger, denn außer dem Aha-Erlebnis, dass im Nachkriegsdeutschland keiner wusste wo Auschwitz lag und Nazi-Verbrechen als Propaganda der Alliierten Siegermächte abgetan wurden, hat der Film wenig Neues zu bieten.

Erst vom 20. Dezember 1963 an wurde das Wort „Auschwitz“ in Westdeutschland bekannt, später wurde das Vernichtungslager zum Symbol des größten Menschheitsverbrechens, des Holocaust der Nazis an den Juden. Der Film von Ricciarelli lässt zwei historische Personen auftreten, Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss) und Journalist Thomas Gnielka (Andre Szymanski) und fasst die ab 1958 von Bauer mit dem Fall Auschwitz beschäftigten drei Staatsanwälte in seiner Heldenfigur zusammen: Nachwuchsjurist Johann Radmann (Alexander Fehling) langweilt sich bei Verkehrsdelikten und greift nach der Chance einen Mörder zu jagen als Gnielka vergeblich versucht, Strafanzeige gegen einen Nazi-Mörder zu erstatten.

Gnielka und Radmann rennen bei der westdeutschen Justiz gegen Wände von Schweigen, Lügen und Selbstgerechtgkeit. Sie freunden sich an und stoßen nach einer feuchtfröhlichen Pettycoat-Party durch einen Zufall auf Originaldokumente aus Auschwitz: Endlich konkrete Beweise, die zu konkreten Personen führen. Er jagt vor allem Lagerarzt Dr.Mengel, den personifizierten Nazi-Unmenschen, erwischt wird aber nur Schreibtischtäter Eichmann und zwar nach Tipps von Bauer durch den Mossad.

Bei den Zeugenvernehmungen der Auschwitz-Überlebenden verzichtet Ricciarelli auf Details der Verbrechen. Er zeigt nur die Reaktionen in Gesichtern der Zuhörer, die weinend aus dem Raum flüchtende Gerichtssekretärin steht für die emotionale Aufarbeitung des Traumas im Film. Ansonsten bleibt noch der psychische Kampf des Jungjuristen mit Schuld und Grauen, er trinkt und sogar seine neu gefundene Liebe gerät dabei in die Krise. Das verbissene Schweigen des Adenauer-Deutschlands zu den Nazi-Verbrechen bringt Radmann an den Rand des Aufgebens. Soweit so gut.

Aber der Film verpasst die Chance, Fakten zu präsentieren, die auch heute noch verschwiegen werden, obwohl die Story sie ihm quasi vor die Füße legt: Adenauers Westdeutschland wurde mit regiert von einem Mann, der schon in Hitlers Großdeutschland ein führender Kopf war: Hans Maria Globke, „der starke Mann“ hinter dem greisen Langzeit-Kanzler Adenauer, hatte den Massenmord an deutschen und europäischen Juden juristisch und administrativ vorbereitet.

Globke war so etwas wie Eichmanns Vorgesetzter, hatte zumindest die Basis gelegt für die Verbrechen des Schreibtischtäters Eichmann, dessen Verhaftung durch den Mossad 1960 Teil der Filmhandlung ist. Eichmann hatte den Transport der Juden nach Auschwitz organisiert, aber Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt Globke hatte sie dem Nazi-Regime dafür ans Messer geliefert. Globke hatte allen deutschen Juden ein „J“ in die Ausweise stempeln und sie dabei von den Meldeämtern identifizieren und erfassen lassen. Eichmann wurde in Jerusalem hingerichtet, Globke machte Karriere, bestimmte die Leitlinien westdeutscher Politik und bekam einen Orden dafür. Diese Fakten, die westdeutsche Historiker nur undeutlich in ihre Bärte nuscheln, fehlen in Schulbüchern und sind weithin unbekannt, besonders bei den immer noch zahlreichen Fans von CDU-Kanzler Adenauer und seiner Partei.

Das „Labyrinth des Schweigens“ empört sich über das Verschweigen der Verbrechen Eichmanns damals, macht aber mit beim Verschweigen der Verbrechen Globkes, das bis heute andauert. Das Verschweigen hatte damals und hat bis heute ideologische Gründe. Gerade jetzt, wo zum aktuellen Mauerfall-Jubiläum wieder mal der „DDR-Unrechtsstaat“ verdammt wird, kann man Zweifel am viel gepriesenen BRD-Rechtsstaat offensichtlich nicht gebrauchen. Doch der DDR-Unrechtsstaat hat Globke 1963 den Prozess gemacht und ihn in Abwesenheit zu Lebenslänglich verurteilt, wenn auch mittels tölpelhaft gefälschter Beweise.

Anders als die kleine DDR ließ der BRD-Rechtsstaat Millionen Nazi-Verbrechen wie Raub, Folter, Vergewaltigung, Totschlag seelenruhig verjähren, selbst Massenmörder blieben unbehelligt. Im „Großen Auschwitz-Prozess“ verurteilte man nur 20 Mörder, nach dem in den 50ern sogar noch viele Nazi-Verbrecher begnadigt wurden, die alliierte Gerichte für Jahrzehnte hinter Gitter geschickt hatten. Auch das erwähnt unser Justiz-Thriller nicht, wühlt stattdessen in der zerquälten Psyche seines fiktiven Helden, der entdecken muss, dass sogar sein eigener Vater Nazi war. In platter, fast schon unfreiwillig komischer Küchenpsychologie jagt der Held im Traum Nazi-Monster Mengele, der dreht sich um und –Schock: Vor ihm steht des Helden verehrter Erzeuger. Auf diese von Sigmund Freud inspirierte Horror-Einlage hätte man gern zugunsten des weit monströseren Themas Globke und seiner NS-Blutschutzgesetze verzichtet.

Der Film entfaltet so sein eigenes „Labyrinth des Schweigens“, die DDR kommt genauso wenig vor wie der Kalte Krieg, der mit seiner antikommunistischen Paranoia die Adenauer-BRD ebenso prägte wie das Amerika der McCarthy-Zeit. Mit ein paar Klicks auf Wikipedia hätten die Drehbuchautoren weitere interessante Fakten zum Eichmann-Prozess finden können: Der Nazi-Massenmörder hatte ein Interview gegeben, in dem er auch Hans Globke nannte. Die Regierung Adenauer fürchtete den Skandal und ließ ihre Kontakte zur CIA spielen. CIA-Boss Allan Dulles verhinderte, dass Globke in der vom US-Magazin LIFE publizierten Version des Eichmann-Interviews erwähnt wurde. Der Kinobesucher erfährt davon auch heute nichts, nur Gemunkel über hohe Tiere, die schützende Hände über alte Nazis halten –obwohl man längst Ross und Reiter nennen kann.

Doch wir wollen nicht zu hart urteilen: Immerhin nimmt sich der Film des Themas Auschwitz überhaupt einmal abseits der Gedenktage an. Weite Teile der deutschen Kultur und Medien neigen bis heute zu einer ideologisch verzerrenden, abwiegelnden Darstellung der Nazi-Verbrechen. So widmet das Bertelsmann-Universal-Lexikon Auschwitz ganze acht Zeilen, das Wort „Aufzug“ bekommt elf, die Aum-Sekte des Japaners Shoko Asahara immer noch fünf; Adenauer glänzt über 33 Zeilen, auf denen freilich Hans Globke fehlt, zu dem sich überhaupt kein Eintrag findet. Und auch der deutsche „Qualitätsjournalismus“ in Gestalt der Süddeutschen Zeitung machte beim Thema Auschwitz-Prozess im letzten Jahr keine allzu gute Figur:

„Der Jurist, weißes, leicht ungeordnetes Haar und Hornbrille, fläzt etwas verdreht im Sessel, raucht. Er muss dem Fernsehpublikum nicht mehr vorgestellt werden: Es ist Hessens Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Sein Name steht in den 1960er-Jahren stellvertretend für eine scharfe Abrechnung mit der NS-Vergangenheit, die vielen Deutschen zu weit geht (…) Rachsüchtig nennen sie ihn in der Nachkriegszeit. ‚Haben Sie in Ihrer blinden Wut denn noch nicht verstanden‘, so schreibt der Verfasser eines typischen Schmähbriefs,‘dass einem sehr großen Teil des deutschen Volkes die sogenannten Nazi-Verbrecher-Prozesse längst aus dem Hals hängen! Gehen Sie doch dorthin, wohin Sie gehören!!!‘“ SZ, 20.12.2013

Wohin sollte Fritz Bauer gehen? Wohl kaum zur Hölle oder nach Jerusalem –der Altnazi meinte in seinem Schmähbrief offensichtlich die DDR und wollte damit Fritz Bauer als Kommunisten denunzieren , was aber weder die Süddeutsche 2013 noch der Film von Ricciarelli 2014 auch nur anzudeuten wagen.

Der jetzt auch in Deutschland angelaufene Film feierte seine Premiere in englischer Sprache unter dem Titel Labyrinth of Lies schon beim Toronto International Film Festival 2014. Im Labyrinth des Schweigens, Drehbuch: Giulio Ricciarelli, Elisabeth Bartel, Regie: Giulio Ricciarelli, Darsteller: Alexander Fehling, Friederike Becht, Peter Cieslinski, Josephine Ehlert, Elinor Eidt.

SZ, 20.12.2013, R.Steinke, 50 Jahre Frankfurter Auschwitz-Prozess: Fritz Bauer – ein deutscher Held, http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-frankfurter-auschwitz-prozess-fritz-bauer-ein-deutscher-held-1.1848015 (Abrufdatum 1.10.2014)

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Blackwater: Verurteilt wurden nur Fußsoldaten

Blackwater2007
Firmenlogo von Blackwater (dann umbenannt in XE, später Academi)

Thomas Barth

Der jahrelang von der US-Justiz verschleppte Blackwater-Prozess nähert sich nun seinem kläglichen Ende. Die mächtigste Söldnerfirma der Welt kämpfte rund um den Erdball meist für US-Interessen und hatte einst 50.000 Mann unter Waffen. Nur fünf davon stehen jetzt in Washington vor Gericht und erwarten ein mildes Urteil, wie Blackwater-Kritiker Jeremy Scahill bedauert.

Die Privatisierung der Kriege – Blackwater T.Barth auf YouTube Thomas Barth: Die Privatisierung der Kriege u. Blackwater ll Antikriegskonferenz Berlin2014

Der kometenhafter Aufstieg der Firma Blackwater begann mit dem von George W. Bush erklärten „(Welt-) Krieg gegen den Terror“ und ist mit dem Namen Dick Cheney verknüpft. Cheney ließ die Petrofirma Halliburton im unter seiner Führung besetzten Irak gigantische Gewinne machen. Für den militärischen Schutz sorgten dabei zunehmend private Sicherheitsfirmen, allen voran Blackwater. Am Ende der Ära Bush hatten die USA mehr privates als staatliches Besatzungspersonal im Irak, Cheney wurde Boss bei Halliburton.

Die von Blackwater  angerichteten Massaker wurden kaum geahndet, ein Verfahren scheiterte, doch jetzt standen wenigstens fünf Männer von 50.000 vor Gericht. Aber die Ahndung der Verbrechen von US-Militärs an Ausländern ist für sich genommen schon etwas besonderes. Die USA lehnen es bis heute ab, den Internationalen Strafgerichtshof über ihre Soldaten richten zu lassen.  Mit den 30 Zeugen, die zum Blackwater-Prozess aus dem Irak angereist waren, zählte man die größte Anzahl, die je von einem US-Strafgericht aus dem Ausland geladen wurden, so die Washington Post. Jeremy Scahill, der US-Journalist und häufige Gast bei Democracy Now!, der Blackwater 2008 erstmals in den Fokus der Öffentlichkeit rückte, kritisierte jüngst die US-Justiz für ihr mildes Umgehen mit der Firma und besonders mit ihrem Gründer Eric Prince. Unter Blackwater-Chef Erik D. Prince konnte die Firma Aufträge von mehr als einer Milliarde US-Dollar von der US-Regierung requirieren. Wegen zahlreicher Skandale verkaufte er 2010 das Unternehmen für nur 200 Millionen, das seither mehrmals den Namen wechselte (XE, Academi), und ist nun CEO und Chairman der Unternehmensgruppe Frontier Services Group Limited.

Scahill kritisiert US-Justiz

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Jeremy Scahill

Blackwater-Gründer bleibt ein reicher Mann in Freiheit, während seine Ex-Mitarbeiter als Mörder verurteilt werden Jeremy Scahill 23.10.2014 The Intercept (Übersetzung v. T.Barth):

Ein Bundesgericht in Washington, D.C., sprach vier Blackwater-Mitarbeiter schuldig, die angeklagt waren, 2007 in Bagdad mehr als ein Dutzend irakische Zivilisten getötet und weitere Dutzende verwundet zu haben.

Die Jury befand den Söldner Nicholas Slatten schuldig des Mordes, während die drei anderen mit Totschlag davon kamen: Paul Slough, Evan Liberty und Dustin Heard. Die Jury berät immer noch über zusätzliche Anklagen gegen den Koordinator bei Blackwater, der erwarten kann sich gegenüber 33 Anklagepunkten zu rechtfertigen, so Associated Press. Ein fünfter Blackwater-Söldner, Jeremy Ridgeway, hatte sich bereits gegen Strafmilderung für schuldig erklärt und kooperierte mit der Staatsanwaltschaft im Fall gegen seinen ehemaligen Kollegen. Das Verfahren dauerte zehn Wochen und die Jury beriet sich an 28 Tagen.

Der Vorfall, für den die Männer sich verantworten mussten, war das größte bekannt gewordene Massaker an irakischen Zivilisten durch private US-Sicherheitsdienste. Am 16. September 2007, dem sogenannten „Bloody Sunday“ von Bagdad, wurden an einer belebten Kreuzung am Nisour-Platz 17 irakische Zivilisten von Blackwater-Mitarbeitern niedergeschossen. Die private Söldnerfirma, gegründet von Erik Prince, einem geheimnisvollen rechtsgerichteten „Christian Supremacist“, unterhielt enge Beziehungen zur Bush-Administration und diente als eine Art neokonservativer Prätorianergarde im hemmungslosen „Krieg gegen den Terror“, den Bush 2001 nach den 9/11-Anschlägen vom Zaun brach.

Barack Obama versprach als er noch ein Senator war, den Einsatz von Söldnerarmeen einzuschränken, sobald er Präsident würde. An die Macht gekommen, fuhr Obama während seiner ersten Amtszeit jedoch fort, eine massive Schatten-Armee von privaten Unternehmen zu beschäftigen. Auch unter der Obama-Administration blieb Blackwater ein zentraler Bestandteil der globalen Kriegsmaschine -trotz zahlreicher Skandale und Ermittlungen des Kongresses sowie vom FBI erbrachten Beweisen über die Tötung von Zivilisten in Irak und Afghanistan.

Wie schon bei der systematischen Folter in Abu Ghraib, wurden nur kleine Fußsoldaten von Blackwater zur Verantwortung gezogen. Firmenchef Eric Prinz und andere Führungskräfte Blackwater schöpfen dagegen weiterhin kräftige Profite aus der privaten Söldner- und Geheimdienst-Industrie. Prince hat jetzt eine neue Firma namens Frontier Services Group mit erheblichen Investitionen von chinesischen Unternehmen gegründet und konzentriert sich damit auf Geschäfte in Afrika. Kürzlich behauptete Söldnerboss Eric Prinz sogar, dass seine Blackwater-Truppen Ebola und ISIS hätten in Schach halten können. „Wenn die Regierung nicht den politischen Mut aufbringen kann bzw. die nötigen Mittel für einen angemessenen Einsatz von Bodentruppen fehlen, sollten sie den privaten Sektor den Job beenden lassen,“ schrieb Prince.

Rest des Textes (engl.): Blackwater Founder Remains Free and Rich While His Former Employees Go Down on Murder Charges by Jeremy Scahill 23.10.2014 The Intercept

Siehe auch: Antikriegskonferenz 2014 Berlin: Thomas Barth zu Die anz-AKK-2-quer-lowPrivatisierung der Kriege (Wolfgang Bittner, Werner Rügemer u.a.)