Archiv der Kategorie: Krieg und Frieden

Wolfgang Bittner: „Die Eroberung Europas durch die USA: Zur Krise in der Ukraine“

Buchkritik von Thomas Barth
Wolfgang Bittner begleitet die (west-) deutsche Zeitgeschichte seit

Wolfgang Bittner

den 1970er Jahren mit politischen Romanen und Sachbüchern. In seinem neuen Buch „Die Eroberung Europas durch die USA“ geht es um die Ukraine-Krise und die verzerrende Berichterstattung in deutschen Medien. Die Schuld am Ukraine-Konflikt wurde von vielen Medien ausschließlich Russland, namentlich Wladimir Putin zugeschrieben. Für Bittner stellt sich die Frage, was mit dieser Propaganda und der ihr folgenden Militarisierung Westeuropas bezweckt wird. Im Hintergrund sieht Bittner US-Strategien der heimlichen Destabilisierung der Ukraine, nebst wirtschaftlicher Okkupation der Alten Welt.

Im Buch wird die Konfrontation „des Westens“ mit Russland im ukrainischen Bürgerkrieg anhand zahlreicher Belege akribisch dokumentiert. Dabei wird nachgewiesen, dass die Aggression keineswegs, wie nahezu täglich in Westmedien behauptet, von Russland ausging. Vielmehr erweisen sich die USA als heimlicher Aggressor eines Konfliktes, der durch bis heute immer weiter verschärfte Wirtschaftssanktionen angeheizt wird. Nach mehr als zwei Jahrzehnten friedlicher Nachbarschaft und wirtschaftlicher Kooperation durchzieht Europa inzwischen wieder ein Eiserner Vorhang –als lachender Dritter fühlen sich Obamas USA.
Während Putin in unseren Medien dämonisiert wird, stellt man Obama als nahezu unparteiischen Staatsmann im Ukraine-Konflikt dar: Bittner dreht diese Dramaturgie um. Sein Buch zitiert Reden Putins und dokumentiert im Anhang sogar in voller Länge seine Kreml-Rede zum Beitritt der Krim zur Russischen Föderation am 18. März. Die Rolle der USA in der Ukraine bezeugt Obamas EU-Beauftragte, Victoria Nuland: Ihr abgehörtes Telefonat mit dem US-Botschafter in Kiew belegt die heimlichen US-Einmischungen in der Ukraine; unsere Medien skandalisierten aber nur das belanglose „Fuck the EU“-Zitat –ein Ablenkungsmanöver. Laut Nuland haben die USA mehr als fünf Milliarden Dollar in den „Regime Change“ in der Ukraine investiert und Washington plante bereits für die Zeit nach dem Staatsstreich seinen Günstling Jazenjuk als Ministerpräsidenten ein. Jazenjuks Stiftung „Open Ukraine“ pflegt intensive Beziehungen zu US-Regierung und Nato und wird vom Westen gesponsert. Auch die US-Unterstützung für Rechtsextremisten sieht Bittner als belegt: So bekam der Chef der rechtsextremen Swoboda-Partei, Oleg Tjagnibok, Zusicherungen des ultrakonservativen US-Senators John McCain, den die Republikaner immerhin als Präsidentschaftskandidaten ins Rennen gegen Obama geschickt hatten. Jazenjuks Kooperation mit den militanten Rechtsextremisten wurde von westlichen Medien kaum problematisiert.
Bittner deutet die Absichten der USA dahingehend, Putin solle diskreditiert, Russland auf der globalen Bühne als Akteur ausgeschaltet und seine Bedeutung für Westeuropa als Handelspartner wie als Energie- und Rohstofflieferant minimiert werden. Dies würde Europa gegenüber Amerika schwächen und es zugleich enger an die USA binden. Die von USA und NATO betriebene Erhöhung der Militärausgaben wäre ein Segen für den Rüstungssektor und eine Militarisierung der westlichen Außenpolitik würde die Dominanz der globalen Militärmacht Nr.1. weiter stärken: Der USA.
Bittner beruft sich auf die Verständnis für Russland anmahnenden Politiker Helmut Schmidt, Egon Bahr und auch von Jack Matlock, der die USA als Botschafter in Moskau vertrat. Der US-Historiker Matlock wies darauf hin, dass der Umsturz in Kiew Leute an die Macht gebracht hat, die vehement antirussisch sind und so weit rechts stehen, dass man sie „ohne Übertreibung Neonazis nennen kann“. In deutschen Medien fand dies kaum Beachtung, man übte sich in angepasster Hofberichterstattung und diffamierte die sogenannten „Putin-Versteher“ als naiv.
Als konservativen Zeugen seiner Analyse zieht Bittner ferner Willy Wimmer (CDU) heran. Wimmer war Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium und OSZE-Vizepräsident und gilt als einer der wenigen unabhängigen Denker in seiner Partei. Beim TTIP sprach er von einer Art „friendly occupation“ Europas durch die USA. Bittner zitiert ihn mit der Aussage: „Washington schmeißt Russland aus Europa hinaus und bekommt Westeuropa unter Komplett-Kontrolle.“
Bittner legt hier ein wichtiges Buch mit detaillierten Hintergrundinformationen und chronologischer Dokumentation der komplexen Ereignisse vor, das derzeit schon seine 3.Auflage in kurzer Zeit erlebt. Eine überzeugende Analyse in klarer Sprache und ein unverzichtbares Ostergeschenk für alle, die bislang noch unkritisch der ARD-Tagesschau als Gipfel objektiver Berichterstattung huldigen.
Thomas Barth
Wolfgang Bittner: „Die Eroberung Europas durch die USA: Zur Krise in der Ukraine“, VAT Verlag André Thiele, Mainz 2014, 148 Seiten, 12.90 Euro.

Wolfgang Bittner, Schriftsteller und Träger des Kölner Karls-Preises für engagierte Literatur und Politik von 2010, machte jüngst durch engagierte Statements gegen einseitige Berichterstattung über Ukrainekrise, Russland und Putin in Rundfunk und Presse auf sich aufmerksam. Der promovierte Jurist saß 1996-98 selbst im WDR-Rundfunkrat und hat seine Kritik im besprochenen Werk in Buchform vorgelegt. Kurzbiographie: Dr. jur. Wolfgang Bittner wurde 1941 in Gleiwitz (heute Gliwice/Polen) geboren, wuchs in Ostfriesland auf und lebt als Maler, Bildhauer und freier Schriftsteller in Göttingen. Der vielseitige Autor publizierte Lyrik, Erzählungen, Satiren und Romane (zuletzt „Hellers allmähliche Heimkehr“) sowie Jugend-, Kinder- und Sachbücher, erhielt u.a. 2010 den Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik, schrieb u.a. für Die Zeit, FR, NZZ, WDR, DLF und gehörte als Vertreter des Schriftstellerverbandes von 1996-98 dem Rundfunkrat des WDR an. Gastprofessuren und Lehrtätigkeit im In- und Ausland runden die Biographie des literarischen Intellektuellen und politischen Schriftstellers ab. Weitere Informationen: www.wolfgangbittner.de

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Was verschweigt der Film „Im Labyrinth des Schweigens“?

Thomas Barth Im Labyrinth des Schweigens

Letztes Jahr hatten die „Großen Frankfurter Auschwitz-Prozesse“ 50.Jubiläum; „Im Labyrinth des Schweigens“ erzählt die Vorgeschichte im Adenauer-Deutschland ab 1958. Retrofans der 50er kommen mit diesem Justiz-Thriller nebst Love-Story bei Petticoat und Zuckerguss voll auf ihre Kosten. Politisch Interessierte weniger, denn außer dem Aha-Erlebnis, dass im Nachkriegsdeutschland keiner wusste wo Auschwitz lag und Nazi-Verbrechen als Propaganda der Alliierten Siegermächte abgetan wurden, hat der Film wenig Neues zu bieten.

Erst vom 20. Dezember 1963 an wurde das Wort „Auschwitz“ in Westdeutschland bekannt, später wurde das Vernichtungslager zum Symbol des größten Menschheitsverbrechens, des Holocaust der Nazis an den Juden. Der Film von Ricciarelli lässt zwei historische Personen auftreten, Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss) und Journalist Thomas Gnielka (Andre Szymanski) und fasst die ab 1958 von Bauer mit dem Fall Auschwitz beschäftigten drei Staatsanwälte in seiner Heldenfigur zusammen: Nachwuchsjurist Johann Radmann (Alexander Fehling) langweilt sich bei Verkehrsdelikten und greift nach der Chance einen Mörder zu jagen als Gnielka vergeblich versucht, Strafanzeige gegen einen Nazi-Mörder zu erstatten.

Gnielka und Radmann rennen bei der westdeutschen Justiz gegen Wände von Schweigen, Lügen und Selbstgerechtgkeit. Sie freunden sich an und stoßen nach einer feuchtfröhlichen Pettycoat-Party durch einen Zufall auf Originaldokumente aus Auschwitz: Endlich konkrete Beweise, die zu konkreten Personen führen. Er jagt vor allem Lagerarzt Dr.Mengel, den personifizierten Nazi-Unmenschen, erwischt wird aber nur Schreibtischtäter Eichmann und zwar nach Tipps von Bauer durch den Mossad.

Bei den Zeugenvernehmungen der Auschwitz-Überlebenden verzichtet Ricciarelli auf Details der Verbrechen. Er zeigt nur die Reaktionen in Gesichtern der Zuhörer, die weinend aus dem Raum flüchtende Gerichtssekretärin steht für die emotionale Aufarbeitung des Traumas im Film. Ansonsten bleibt noch der psychische Kampf des Jungjuristen mit Schuld und Grauen, er trinkt und sogar seine neu gefundene Liebe gerät dabei in die Krise. Das verbissene Schweigen des Adenauer-Deutschlands zu den Nazi-Verbrechen bringt Radmann an den Rand des Aufgebens. Soweit so gut.

Aber der Film verpasst die Chance, Fakten zu präsentieren, die auch heute noch verschwiegen werden, obwohl die Story sie ihm quasi vor die Füße legt: Adenauers Westdeutschland wurde mit regiert von einem Mann, der schon in Hitlers Großdeutschland ein führender Kopf war: Hans Maria Globke, „der starke Mann“ hinter dem greisen Langzeit-Kanzler Adenauer, hatte den Massenmord an deutschen und europäischen Juden juristisch und administrativ vorbereitet.

Globke war so etwas wie Eichmanns Vorgesetzter, hatte zumindest die Basis gelegt für die Verbrechen des Schreibtischtäters Eichmann, dessen Verhaftung durch den Mossad 1960 Teil der Filmhandlung ist. Eichmann hatte den Transport der Juden nach Auschwitz organisiert, aber Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt Globke hatte sie dem Nazi-Regime dafür ans Messer geliefert. Globke hatte allen deutschen Juden ein „J“ in die Ausweise stempeln und sie dabei von den Meldeämtern identifizieren und erfassen lassen. Eichmann wurde in Jerusalem hingerichtet, Globke machte Karriere, bestimmte die Leitlinien westdeutscher Politik und bekam einen Orden dafür. Diese Fakten, die westdeutsche Historiker nur undeutlich in ihre Bärte nuscheln, fehlen in Schulbüchern und sind weithin unbekannt, besonders bei den immer noch zahlreichen Fans von CDU-Kanzler Adenauer und seiner Partei.

Das „Labyrinth des Schweigens“ empört sich über das Verschweigen der Verbrechen Eichmanns damals, macht aber mit beim Verschweigen der Verbrechen Globkes, das bis heute andauert. Das Verschweigen hatte damals und hat bis heute ideologische Gründe. Gerade jetzt, wo zum aktuellen Mauerfall-Jubiläum wieder mal der „DDR-Unrechtsstaat“ verdammt wird, kann man Zweifel am viel gepriesenen BRD-Rechtsstaat offensichtlich nicht gebrauchen. Doch der DDR-Unrechtsstaat hat Globke 1963 den Prozess gemacht und ihn in Abwesenheit zu Lebenslänglich verurteilt, wenn auch mittels tölpelhaft gefälschter Beweise.

Anders als die kleine DDR ließ der BRD-Rechtsstaat Millionen Nazi-Verbrechen wie Raub, Folter, Vergewaltigung, Totschlag seelenruhig verjähren, selbst Massenmörder blieben unbehelligt. Im „Großen Auschwitz-Prozess“ verurteilte man nur 20 Mörder, nach dem in den 50ern sogar noch viele Nazi-Verbrecher begnadigt wurden, die alliierte Gerichte für Jahrzehnte hinter Gitter geschickt hatten. Auch das erwähnt unser Justiz-Thriller nicht, wühlt stattdessen in der zerquälten Psyche seines fiktiven Helden, der entdecken muss, dass sogar sein eigener Vater Nazi war. In platter, fast schon unfreiwillig komischer Küchenpsychologie jagt der Held im Traum Nazi-Monster Mengele, der dreht sich um und –Schock: Vor ihm steht des Helden verehrter Erzeuger. Auf diese von Sigmund Freud inspirierte Horror-Einlage hätte man gern zugunsten des weit monströseren Themas Globke und seiner NS-Blutschutzgesetze verzichtet.

Der Film entfaltet so sein eigenes „Labyrinth des Schweigens“, die DDR kommt genauso wenig vor wie der Kalte Krieg, der mit seiner antikommunistischen Paranoia die Adenauer-BRD ebenso prägte wie das Amerika der McCarthy-Zeit. Mit ein paar Klicks auf Wikipedia hätten die Drehbuchautoren weitere interessante Fakten zum Eichmann-Prozess finden können: Der Nazi-Massenmörder hatte ein Interview gegeben, in dem er auch Hans Globke nannte. Die Regierung Adenauer fürchtete den Skandal und ließ ihre Kontakte zur CIA spielen. CIA-Boss Allan Dulles verhinderte, dass Globke in der vom US-Magazin LIFE publizierten Version des Eichmann-Interviews erwähnt wurde. Der Kinobesucher erfährt davon auch heute nichts, nur Gemunkel über hohe Tiere, die schützende Hände über alte Nazis halten –obwohl man längst Ross und Reiter nennen kann.

Doch wir wollen nicht zu hart urteilen: Immerhin nimmt sich der Film des Themas Auschwitz überhaupt einmal abseits der Gedenktage an. Weite Teile der deutschen Kultur und Medien neigen bis heute zu einer ideologisch verzerrenden, abwiegelnden Darstellung der Nazi-Verbrechen. So widmet das Bertelsmann-Universal-Lexikon Auschwitz ganze acht Zeilen, das Wort „Aufzug“ bekommt elf, die Aum-Sekte des Japaners Shoko Asahara immer noch fünf; Adenauer glänzt über 33 Zeilen, auf denen freilich Hans Globke fehlt, zu dem sich überhaupt kein Eintrag findet. Und auch der deutsche „Qualitätsjournalismus“ in Gestalt der Süddeutschen Zeitung machte beim Thema Auschwitz-Prozess im letzten Jahr keine allzu gute Figur:

„Der Jurist, weißes, leicht ungeordnetes Haar und Hornbrille, fläzt etwas verdreht im Sessel, raucht. Er muss dem Fernsehpublikum nicht mehr vorgestellt werden: Es ist Hessens Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Sein Name steht in den 1960er-Jahren stellvertretend für eine scharfe Abrechnung mit der NS-Vergangenheit, die vielen Deutschen zu weit geht (…) Rachsüchtig nennen sie ihn in der Nachkriegszeit. ‚Haben Sie in Ihrer blinden Wut denn noch nicht verstanden‘, so schreibt der Verfasser eines typischen Schmähbriefs,‘dass einem sehr großen Teil des deutschen Volkes die sogenannten Nazi-Verbrecher-Prozesse längst aus dem Hals hängen! Gehen Sie doch dorthin, wohin Sie gehören!!!‘“ SZ, 20.12.2013

Wohin sollte Fritz Bauer gehen? Wohl kaum zur Hölle oder nach Jerusalem –der Altnazi meinte in seinem Schmähbrief offensichtlich die DDR und wollte damit Fritz Bauer als Kommunisten denunzieren , was aber weder die Süddeutsche 2013 noch der Film von Ricciarelli 2014 auch nur anzudeuten wagen.

Der jetzt auch in Deutschland angelaufene Film feierte seine Premiere in englischer Sprache unter dem Titel Labyrinth of Lies schon beim Toronto International Film Festival 2014. Im Labyrinth des Schweigens, Drehbuch: Giulio Ricciarelli, Elisabeth Bartel, Regie: Giulio Ricciarelli, Darsteller: Alexander Fehling, Friederike Becht, Peter Cieslinski, Josephine Ehlert, Elinor Eidt.

SZ, 20.12.2013, R.Steinke, 50 Jahre Frankfurter Auschwitz-Prozess: Fritz Bauer – ein deutscher Held, http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-frankfurter-auschwitz-prozess-fritz-bauer-ein-deutscher-held-1.1848015 (Abrufdatum 1.10.2014)

Blackwater: Verurteilt wurden nur Fußsoldaten

Blackwater2007
Firmenlogo von Blackwater (dann umbenannt in XE, später Academi)

Thomas Barth

Der jahrelang von der US-Justiz verschleppte Blackwater-Prozess nähert sich nun seinem kläglichen Ende. Die mächtigste Söldnerfirma der Welt kämpfte rund um den Erdball meist für US-Interessen und hatte einst 50.000 Mann unter Waffen. Nur fünf davon stehen jetzt in Washington vor Gericht und erwarten ein mildes Urteil, wie Blackwater-Kritiker Jeremy Scahill bedauert.

Die Privatisierung der Kriege – Blackwater T.Barth auf YouTube Thomas Barth: Die Privatisierung der Kriege u. Blackwater ll Antikriegskonferenz Berlin2014

Der kometenhafter Aufstieg der Firma Blackwater begann mit dem von George W. Bush erklärten „(Welt-) Krieg gegen den Terror“ und ist mit dem Namen Dick Cheney verknüpft. Cheney ließ die Petrofirma Halliburton im unter seiner Führung besetzten Irak gigantische Gewinne machen. Für den militärischen Schutz sorgten dabei zunehmend private Sicherheitsfirmen, allen voran Blackwater. Am Ende der Ära Bush hatten die USA mehr privates als staatliches Besatzungspersonal im Irak, Cheney wurde Boss bei Halliburton.

Die von Blackwater  angerichteten Massaker wurden kaum geahndet, ein Verfahren scheiterte, doch jetzt standen wenigstens fünf Männer von 50.000 vor Gericht. Aber die Ahndung der Verbrechen von US-Militärs an Ausländern ist für sich genommen schon etwas besonderes. Die USA lehnen es bis heute ab, den Internationalen Strafgerichtshof über ihre Soldaten richten zu lassen.  Mit den 30 Zeugen, die zum Blackwater-Prozess aus dem Irak angereist waren, zählte man die größte Anzahl, die je von einem US-Strafgericht aus dem Ausland geladen wurden, so die Washington Post. Jeremy Scahill, der US-Journalist und häufige Gast bei Democracy Now!, der Blackwater 2008 erstmals in den Fokus der Öffentlichkeit rückte, kritisierte jüngst die US-Justiz für ihr mildes Umgehen mit der Firma und besonders mit ihrem Gründer Eric Prince. Unter Blackwater-Chef Erik D. Prince konnte die Firma Aufträge von mehr als einer Milliarde US-Dollar von der US-Regierung requirieren. Wegen zahlreicher Skandale verkaufte er 2010 das Unternehmen für nur 200 Millionen, das seither mehrmals den Namen wechselte (XE, Academi), und ist nun CEO und Chairman der Unternehmensgruppe Frontier Services Group Limited.

Scahill kritisiert US-Justiz

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Jeremy Scahill

Blackwater-Gründer bleibt ein reicher Mann in Freiheit, während seine Ex-Mitarbeiter als Mörder verurteilt werden Jeremy Scahill 23.10.2014 The Intercept (Übersetzung v. T.Barth):

Ein Bundesgericht in Washington, D.C., sprach vier Blackwater-Mitarbeiter schuldig, die angeklagt waren, 2007 in Bagdad mehr als ein Dutzend irakische Zivilisten getötet und weitere Dutzende verwundet zu haben.

Die Jury befand den Söldner Nicholas Slatten schuldig des Mordes, während die drei anderen mit Totschlag davon kamen: Paul Slough, Evan Liberty und Dustin Heard. Die Jury berät immer noch über zusätzliche Anklagen gegen den Koordinator bei Blackwater, der erwarten kann sich gegenüber 33 Anklagepunkten zu rechtfertigen, so Associated Press. Ein fünfter Blackwater-Söldner, Jeremy Ridgeway, hatte sich bereits gegen Strafmilderung für schuldig erklärt und kooperierte mit der Staatsanwaltschaft im Fall gegen seinen ehemaligen Kollegen. Das Verfahren dauerte zehn Wochen und die Jury beriet sich an 28 Tagen.

Der Vorfall, für den die Männer sich verantworten mussten, war das größte bekannt gewordene Massaker an irakischen Zivilisten durch private US-Sicherheitsdienste. Am 16. September 2007, dem sogenannten „Bloody Sunday“ von Bagdad, wurden an einer belebten Kreuzung am Nisour-Platz 17 irakische Zivilisten von Blackwater-Mitarbeitern niedergeschossen. Die private Söldnerfirma, gegründet von Erik Prince, einem geheimnisvollen rechtsgerichteten „Christian Supremacist“, unterhielt enge Beziehungen zur Bush-Administration und diente als eine Art neokonservativer Prätorianergarde im hemmungslosen „Krieg gegen den Terror“, den Bush 2001 nach den 9/11-Anschlägen vom Zaun brach.

Barack Obama versprach als er noch ein Senator war, den Einsatz von Söldnerarmeen einzuschränken, sobald er Präsident würde. An die Macht gekommen, fuhr Obama während seiner ersten Amtszeit jedoch fort, eine massive Schatten-Armee von privaten Unternehmen zu beschäftigen. Auch unter der Obama-Administration blieb Blackwater ein zentraler Bestandteil der globalen Kriegsmaschine -trotz zahlreicher Skandale und Ermittlungen des Kongresses sowie vom FBI erbrachten Beweisen über die Tötung von Zivilisten in Irak und Afghanistan.

Wie schon bei der systematischen Folter in Abu Ghraib, wurden nur kleine Fußsoldaten von Blackwater zur Verantwortung gezogen. Firmenchef Eric Prinz und andere Führungskräfte Blackwater schöpfen dagegen weiterhin kräftige Profite aus der privaten Söldner- und Geheimdienst-Industrie. Prince hat jetzt eine neue Firma namens Frontier Services Group mit erheblichen Investitionen von chinesischen Unternehmen gegründet und konzentriert sich damit auf Geschäfte in Afrika. Kürzlich behauptete Söldnerboss Eric Prinz sogar, dass seine Blackwater-Truppen Ebola und ISIS hätten in Schach halten können. „Wenn die Regierung nicht den politischen Mut aufbringen kann bzw. die nötigen Mittel für einen angemessenen Einsatz von Bodentruppen fehlen, sollten sie den privaten Sektor den Job beenden lassen,“ schrieb Prince.

Rest des Textes (engl.): Blackwater Founder Remains Free and Rich While His Former Employees Go Down on Murder Charges by Jeremy Scahill 23.10.2014 The Intercept

Siehe auch: Antikriegskonferenz 2014 Berlin: Thomas Barth zu Die anz-AKK-2-quer-lowPrivatisierung der Kriege (Wolfgang Bittner, Werner Rügemer u.a.)

Philip Zimbardo: Schwarze Psychologie

Thomas Barth Das Experiment (2001) Poster

Philip Zimbardo wurde am 23. März 1933 in New York City geboren. Der emeritierte Professor für Psychologie sorgte 1971 mit seinem Stanford-Prison-Experiment für Empörung, als er das Gewaltverhalten des Menschen untersuchte. Das war zumindest seine Begründung. Aber Kritiker argwöhnten, es ginge vielmehr um Folterforschung für Geheimdienste und Militärs. Jedem Psychologie-Studenten bekannt, erreichte die ethisch fragwürdige Studie ein Millionenpublikum, als sie in einem Roman und im diesem folgenden deutschen Film aufgegriffen wurde: „Das Experiment“.

An der Stanford-Universität in Palo Alto führte Zimbardo das berüchtigte Experiment durch, bei dem 24 normale College-Studenten zufällig als Gefängniswärter oder Gefangene für ein simuliertes „Gefängnis“ ausgewählt wurden, das im Keller des Psychologiegebäudes aufgebaut worden war. Die Studenten lebten sich dort mehr und mehr in ihre Rollen ein, die „Wärter“ wurden immer sadistischer, die Gefangenen immer passiver und zeigten Anzeichen extremer Depressionen. Das Experiment sollte zwei Wochen andauern, wurde aber bereits nach sechs Tagen wegen einer drohenden Entgleisung abgebrochen.

Wikipedia rechtfertigt Zimbardos unethische Vorgehensweise damit, sie hätte zu Theorien über die Wichtigkeit der sozialen Umgebung in der individuellen Psychologie geführt. Dies ist blanker Unsinn, da diese Wichtigkeit nie bestritten wurde. Wikipedia behauptet weiter, das Zimbardo damit das Milgram-Experiment bzw. das Konformitätsexperiment von Asch gestützt, was ebenfalls zweifelhaft ist, denn zu deren Überprüfung hätte Zimbardo ein völlig anderes Studien-Design wählen müssen. Vielmehr sieht es mehr danach aus, dass man nach praktischen Anwendungen für die Faschismus-Studien von Milgram (und vielleicht am Rande auch der Theorie nach Asch) suchte. Damit wäre Zimbardo als Grundlagenforscher für die ambitionierten Gehirnwäsche-Programme der CIA und anderer US-Geheimdienste, etwa MK-Ultra und Artischocke, zu betrachten. Bei Zimbardo selbst findet man schon etwas Schuldbewusstsein, aber kein wirklich schlechtes Gewissen:

„Nach nur sechs Tagen mussten wir unser Pseudogefängnis schließen, denn was wir sahen, war erschreckend. Weder uns noch den meisten Versuchspersonen war noch klar, wo ihre Rollen begannen und wo sie endeten. Die Mehrheit von ihnen war tatsächlich zu ,Gefangenen‘ oder ,Wärtern‘ geworden und konnte nicht mehr richtig zwischen ihrer Rolle und ihrem Selbst unterscheiden.“ Philip Zimbardo 1971, „The psychological power and pathology of imprisonment

Standard-Lehrstoff Schwarze Psychologie

Jeder Psychologie-Student lernt während seines Grundstudiums den Versuch kennen, den der Stanford-Psychologe Philip Zimbardo in den 70er-Jahren durchführte: Ein erschreckter Forscher bricht ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment ab. Die Ethik der Wissenschaft hat gesiegt? Im Gegensatz zu diesem schmeichelhaften Szenario, das im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Oliver Hirschbiegels Film „Das Experiment“ immer wieder und fast immer ohne es zu hinterfragen wiedergekäut wurde, ist der dem Drehbuch zugrundeliegende Versuch jedoch ein besonders abschreckendes Beispiel für mangelhafte Ethik des psychologischen Forschers. Wissenschaftler befinden sich zwar oft im moralischen Zwiespalt, ihre Versuchspersonen im Sinne eines Experimentalaufbaus täuschen oder belügen zu müssen. Philip Zimbardo gilt jedoch als Extremist unter den Experimental-Psychologen. Seinen Probanden verabreichte er etwa Adrenalinspritzen, um Angst oder Panik zu untersuchen, und er geizte auch nicht mit Elektroschocks, wenn es um Fragen der Schmerzempfindlichkeit ging.

Oliver Hirschbiegels Film „Das Experiment“ greift auf „Das Experiment Black Box“, Mario Giordanos Krimiadaptation des Stoffes zurück, arbeitet also unter der beliebten Berufung auf „eine wahre Begebenheit“. Der studierte Psychologe Giordano folgt damit den Spuren des erfolgreichen US-Jugendbuchautors Morton Rhue, dessen Jugendpsychothriller „Die Welle“ ebenfalls auf der „wahren Begebenheit“ eines sozialpsychologischen Versuchs basierte. 1969 hatte im kalifornischen Palo Alto ein Lehrer seine High-School-Schüler zu disziplinierten Mitläufern einer fiktiven, geheimen Bewegung gemacht, die sich „The Wave“ nannte. Im Unterricht war bei der Beschäftigung mit dem deutschen Faschismus die Frage aufgekommen, wie die Nazis so großen Erfolg haben konnten. Der Lehrer beschloss, seiner Klasse eine Lektion zu erteilen und sie zu Teilnehmern eines sozialen Experimentes zu machen. Was als pädagogisches Beispiel im Sozialkunde-Unterricht gedacht war, entgleiste zu einer rasanten Übernahme faschistoider Rollenklischees durch die US-Jugendlichen.

Faschismusforschung: Adorno, Asch und Milgram

Der beliebte mediale Griff in die Gruselkiste „schwarzer Psychologie“ sollte allerdings nicht die Verdienste der experimentellen Forschungsrichtung generell in Zweifel stellen. Ähnlicher Methoden bediente sich zum Beispiel Theodor W. Adorno bei seinen legendären „Studien zum autoritären Charakter“. Im Rahmen der Konstruktion einer F-Skala der Persönlichkeit (F steht für Faschismus) täuschte auch Adorno die Versuchspersonen, ebenso Asch bei seinen Studien zur Konformität. Asch bewies, dass in einer konformen Gruppe schon ein einzelner Kritiker die von den Mitläufern nachgebeteten Lügen enthüllen kann -nicht ganz so erfolgreich wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, aber beinahe. Diese Forschung machte Mut zum Widerstand gegen totalitäre Bestrebungen.

Mit Täuschungen arbeitete auch der lobenswert experimentierende Faschismus-Forscher Milgram: Er ließ seine Probanden einem angeblichen Opfer im Nebenzimmer Elektroschocks verabreichen. Unter Leitung eines als Autoritätsperson auftretenden Forschers sollten die Freiwilligen (ganz normale US-Bürger) die Voltzahl der elektrischen Schläge, die als Bestrafungen in einem angeblichen Lernexperiment gerechtfertigt wurden, immer weiter steigern. Wenn die Probanden angesichts von (vorgetäuschten) Schmerzensschreien aus dem Nachbarzimmer Bedenken anmeldeten, beharrte die weiß bekittelte Autoritätsperson auf einer weiteren Durchführung. Der Forscher behauptete, es sei alles harmloser, als es sich anhöre, und übernahm jede Verantwortung für den Ausgang der Bestrafung. Unter diesen Bedingungen steigerten die meisten der Versuchspersonen die Stromschläge immer weiter, trotz lauter werdender Schreie des vermeintlichen Opfers. Gruselig und durch aus zur Erklärung für Grausamkeit in totalitären Organisationen geeignet: Einige Probanden verabreichten Stromstöße sogar über einen letzten markerschütternden „Todesschrei“ hinweg -die konstruierte Situation hatte alle zivilisierten Hemmungen und Gewissensbisse offenbar außer Kraft gesetzt.

Manchen Beobachtern erschien besonders bedrückend, dass Faschismus-Tendenzen auch in den USA nachweisbar waren. Denn Adorno und Milgram bewiesen mit ihren Untersuchungen unter anderem, dass Autoritätshörigkeit bis zur Mittäterschaft bei der grausamen Misshandlung Wehrloser keine spezifisch deutsche Eigenschaft ist. Vielmehr erwies sich Adornos psychologischem Blick der Autoritarismus als in der Mittelschicht verbreitete Haltung. Er sah sie unter anderem gekennzeichnet von Konventionalität, Unterwerfung unter einen Vorgesetzten oder Führer, Abwehr des Fantasievollen, Neigung zu Aberglauben sowie Aggression gegen Abweichler von Gruppenstandards. Wenn man fundamentalistischen Bibelglauben als eine Form gesellschaftlicher Konventionalität von Aberglauben in den USA bewertet, scheint diese Eigenschaft dort weit verbreitet zu sein. Die Toleranz mit Abweichlern ist zumindest in Filmdarstellungen vom US-Schulalltag auch eher nicht Teil der Sozialisation. Eine autoritaristische Grundhaltung lag vermutlich vielen Versuchspersonen nicht ferner, als sie bei deutschen Probanden vermutet werden dürfte.

Original-Filmaufnahmen von Milgrams Faschismus-Experimenten werden heutigen Psychologie-Studenten gezeigt. Bilder aus Philip Zimbardos „Pseudogefängnis“ sah man jedoch noch nicht überall, obwohl die Insassen und Wärter dort zwar heimlich, aber  eifrig gefilmt wurden (angeblich soll an einigen Universitäten solches Material verwendet werden). Was aber steht als wissenschaftliche Fragestellung hinter dem unethischen Psycho-Experiment, auf das sich Hirschbiegels Thriller „Das Experiment“ bezieht?

Zimbardos „Theorie der Deindividuierung“

Der Stanford-Psychologe Zimbardo suchte mit diversen Methoden nach einer Bestätigung seiner „Theorie der Deindividuierung“. Der Begriff erklärt in der Tradition der klassischen Massenpsychologie das Auftreten moralisch verwerflichen bzw. grausamen Verhaltens durch unter bestimmten Bedingungen nachlassende „Selbstaufmerksamkeit“. Eine Störung der Selbstaufmerksamkeit ergibt sich zum Beispiel aus neuen, unstrukturierten Situationen, unklarer Verantwortungslage, gefühlsmäßiger Erregung, sinnlicher Überreizung (z. B. laute Musik) und Anonymität. Aber vorweg gesagt: Das Vorliegen solcher Bedingungen hat keinerlei entschuldigende Wirkung für kriminelle Grausamkeiten. Der voll verantwortliche Erwachsene hat sich genug im Griff zu haben, um sein Gewissen auch bei Lärm etc. in Funktion zu halten.

Oberflächlich betrachtet ähnelt Hirschbiegels Drehbuch tatsächlich Zimbardos berüchtigtem Gefängnisexperiment. Zimbardo zielte auf die Schaffung einer neuen, unstrukturierten Situation mit diffuser Verantwortung der anonymen Wärtergruppe. Deren Ausrüstung bestand aus Uniformen, Schlagstöcken, verspiegelten Sonnenbrillen. Die Kleidung der Gefangenen zielte dagegen auf Demütigung ab. „Jeder Häftling erhielt einen Umhang … Unterhosen erhielten die Häftlinge nicht (sodass sie in weiblicher Haltung zu sitzen gezwungen waren), aber sie bekamen eine leichte Kette mit Schloss um ein Bein, Gummisandalen und eine Art Nylonstrumpf als Kopfbedeckung, um etwaige Unterschiede in der Haartracht der Häftlinge unsichtbar zu machen„,  berichtet Peter Watson in seinem Werk „Psycho-Krieg: Möglichkeiten, Macht und Missbrauch der Militärpsychologie„.

Der Fim verharmlost Zimbardos Experiment

Realität und Darstellung im Film weisen aber einen entscheidenden Unterschied auf: Im Gegensatz zu Hirschbiegels Version war Zimbardos Gefangenen jedoch nicht einmal bewusst, dass sie sich in einer Experimentalsituation befanden.  Auf eine von den Wissenschaftlern um Zimbardo geschaltete Zeitungsannonce in Palo Alto meldeten sich über 70 Studenten. Der Stanford-Professor wählte aus dieser Gruppe 24 normale gutbürgerliche Einwohner von Palo Alto aus und verteilte sie per Münzwurf auf die beiden Rollen seines Szenarios. Dann wurden sie erst einmal wieder nach Hause geschickt.

Die zwölf Wärter wurden später teilweise eingeweiht, aber auch auf ihre totalitäre Aufgabe eingeschworen: Vor allem die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung unter Anwendung von Mitteln ihrer Wahl, ausgenommen physische Gewalt. Die Gefangenen erhielten Nummern, auch auf der Vorder- und Rückseite ihrer Kittel angebracht, die sie zwecks Entmenschlichung statt ihrer Namen zu verwenden hatten. Die ausgefeilten Bedingungen sprechen eher gegen eine allgemeinere psychologische Fragestellung zur Anfälligkeit von Menschen für Totalitarismus. Zu sehr wurde bereits an der Effektivität der Entmenschlichung justiert, zu wenig wurde über Missbrauchsmöglichkeiten der so entstehenden Forschungsergebnisse durch totalitäre Staaten bzw. Institutionen nachgedacht.

Zimbardos Labor-Gefängnis war schon vom Aufbau her jenseits wissenschaftlicher Ethik und vermutlich auch strafrechtlicher Legalität. Drei Zellen befanden sich im Keller der Stanford-Universität, die Originaltüren der Laborräume waren durch gefängnisartige Gittertüren ersetzt worden. Das Flurstück davor war „Gefängnishof“ und wurde an den Enden mit Holzwänden geschlossen, durch Löcher in den Wänden wurde heimlich gefilmt, durch eine Sprechanlage wurden die Probanden ferner auch abgehört. Dieser Versuchsaufbau dürfte nach damaligem US-Recht ein illegaler Eingriff in die Bürgerrechte der als Opfer teilnehmenden Studenten gewesen sein.

Besonders heimtückisch aber war der Zugriff auf die Opfer des Experiments geplant: Die zwölf Häftlinge wurden durch die lokale Polizei, deren Hilfe Zimbardo sich versichert hatte, angeblich unter Verdacht eines Raubes festgenommen. Sie wurden wie Verdächtige erkennungsdienstlich behandelt und mit verbundenen Augen vom Streifenwagen im Keller der Stanford-Universität abgeliefert. Es entstand also die Illusion, einem tatsächlichen Zugriff der Staatsgewalt ausgesetzt zu sein. Bei Hirschbiegel melden sich die Probanden einfach zum Experiment.

Gut getroffen hat der Film jedoch die Brutalität der Situation, denn erschreckend war an Zimbardos Experiment die wachsende Begeisterung der Wärter für ihre im Verlauf immer aggressiver ausgeübte Tätigkeit. Noch verstörender wirkt die bei Zimbardo beschriebene Passivität der Gefangenen, die weder Widerstand noch Solidarität zeigten. Einige versuchten zwar, ihre Entlassung durch Bitten zu erwirken und verlangten einen Anwalt. Sie wurden vor ein „Tribunal“ unter Vorsitz Zimbardos geführt, das ihnen gnädig eine Prüfung ihres Ansinnens versprach, und ließen sich dann in ihre Zelle zurückführen. Nun waren seine Versuchspersonen gut angepasste US-Bürger, die vermutlich meist der Mittelschicht entstammten. Ob andere Gruppen ebenso willfährig gewesen wären, darf zum Glück bezweifelt werden. Der Kinofilm lässt die Handlung hier dramatischer werden, bis zur erfolgreichen Revolte. Dies opfert einerseits die Dokumentation der Befriedigung von Zuschauerbedürfnissen und erzählt ein Heldenepos, wo man vor deprimierender Realität warnen könnte. Andererseits macht es Mut immerhin zum Widerstand durch dieses Vorbild.

Hätte Zimbardo ins Gefängnis gehört?

Philip Zimbardo legt Wert darauf, dass die Einsperrung niemals mit Gewalt oder deren expliziter Androhung durchgesetzt wurde. Er hielt das offenbar fälschlich für die ethische Grenze wissenschaftlichen Handelns. Sogar das deutsche Strafrecht (als absolutes ethisches Minimum menschlichen Handelns) sieht das jedoch anders: Nicht nur mit Zwang und Gewalt kann der Straftatbestand einer Freiheitsberaubung erfüllt werden, sondern auch mit List, worunter spätestens die simulierte Verhaftung der Probanden zu subsummieren wäre. Zimbardo und seine Helfer Craig Haney und Curtis Banks hätten sich nach diesen Maßstäben eigentlich vor Gericht verantworten müssen.

Der Militärpsychologie-Kritiker Peter Watson bezweifelt jedoch, dass Zimbardos Studie überhaupt auf die Erforschung der Sozialpsychologie des Gefängnisses abzielte. Die beträchtlichen Gelder dafür erhielt die Universität von Stanford nach Watsons Recherchen vom Office of Naval Research, also von der Marineforschung. Viele Merkmale des Zimbardo-Gefängnisszenarios deuten in der Tat eher auf eine Studie zu militärischen Gefangenenlagern bzw. auf Verhör- und Folterforschung und die US-Marine ist für ihre Militärpsychologie berüchtigt.

1975 sprach Peter Watson, so berichtet er in seinem Buch,  in Oslo auf einer Nato-Konferenz zu Stress und Angst mit einem US-Militärpsychologen namens Dr. Narut, der auf Versuchsergebnisse zur Bewältigung von „Tötungsstress“ aus war. Auf Watsons Nachfragen erklärte Narut dem Kollegen leutselig, es ginge um die Ausbildung von Kommandoeinheiten der Marine, die als Botschaftspersonal getarnt im Ausland „illegale Tötungen“ durchführen sollten: Es ging um Killer. Ziel war also die Vorbereitung von Staatsverbrechen übelster Sorte, wie sie die Westmedien in ihrer Filmindustrie tausendfach den Kommunisten, Chinesen und Russen andichtete, die sich mit finsteren schwarzen Schnurrbärten bzw. den gern auch so benannten „Schlitzaugen“ durch die Agentenfilme mordeten. James Bond, Emma Peel und John Steed (Serie dt. „Mit Schirm, Charme und Melone“) töteten dagegen, wenn überhaupt, nur die übelsten Schurken und nur in Notwehr. Von solcher als Kriegspropaganda zu bewertenden Produktion der westlichen Kulturindustrie ist der Kinofilm „Das Experiment“ glücklicherweise weit entfernt.

Filmemacher und ihre Angst vor der Politik

Enttäuschenderweise übergeht Hirschbiegels Film aber den politischen Hintergrund (also den Kalten Krieg) der unethischen Methoden des Ursprungsexperiments. Nur ein einziger Nebensatz des Drehbuchs nennt ominöse „Gelder von der Bundeswehr“, fragt aber nicht nach deren Zweck. Und zur „Ausgewogenheit“ (nach diesem kurzen Anfall kritischen Denkens) proklamiert ausgerechnet der zu Abhärtungs- oder Testzwecken eingeschleuste stramme Major der Luftwaffe (Christian Berkel) die Menschenrechtserklärung in die Videokameras der Psychologen, bis die Wärter ihn fesseln und knebeln. Noch dazu wird ausgerechnet der taffe Major dann zum Retter für den geqälten Querulanten Moritz Bleibtreu -was eine schöne Imagepflege für die Bundeswehr in den Film integriert.

Psychologische Forschung wurde von Hirschbiegel somit als solche nicht hinterfragt bzw. auf das allgemein Menschlich-Pathologische reduziert. Dabei wäre die Frage nach den eigentlichen Auftraggebern und Hintergründen der Zimbardo-Versuche der spannendere, aber eben auch politischere Thrillerstoff gewesen. Und sobald ein Film politisch zu werden droht, so wird Filmemachern heute wohl eingebläut, wollen die Zuschauer ihn nicht mehr sehen, weil sie dann mit dem gefürchteten „erhobenen Zeigefinger“ belehrt werden könnten. Aber könnte dies nicht vielmehr ein von anderen „erhobenen Zeigefingern“ in Filmhochschulen gelehrtes Klischee sein, mit dem Zweck, die kulturelle Hegemonie der westlichen Machteliten zu schützen? Bei „Das Experiment“ wäre jedenfalls mehr Politik sicherlich drin gewesen, ohne den Film langweilig zu machen. (Eine Kurzfassung dieser Film- und Psychologie-Kritik erschien als „Im Auftrag des Heeres“ in der taz)

PsyWar: CIA-Programm Artischocke und MK-Ultra

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Artischocke /Karelj CC3.0

Thomas Barth

Warum regt sich so wenig Protest gegen die Politik der US-Regierung in der eigenen Bevölkerung? Woher haben die US-Herrschaftseliten ihre immense Macht über das Denken der Amerikaner? Eine Antwort gibt der Blick auf die Geschichte ihrer psychologischen Forschung. Die Erlangung von Kontrolle über das menschliche Gehirn wurde seit den 50er Jahren energisch verfolgt, vor allem von der CIA. Der Name der Projekte: „Artichoke“ und MK-Ultra.

Der frischgebackene CIA-Direktor Allen W. Dulles hielt am 10.April 1953 seine berühmte Brain-Warfare-Rede. Diese Rede war der Startschuss für das wohl ambitionierteste bekannte Forschungsprogramm zur Beherrschung des menschlichen Geistes in der Geschichte. Durchgeführt wurde es als Projekt „Artichoke“ (Artischocke) unter der Ägide des damals noch jungen US-Geheimdienstes CIA, später als Programm MK-Ultra.

Direktor Dulles beschwor eine „Schlacht um die Köpfe der Menschen“, die es angeblich „gegen die Sowjets“ zu gewinnen gelte. Dabei dachte er nicht an bessere Argumente. Für diese Schlacht bedürfe es dringend, wirksamere Mittel der psychologischen Kriegsführung zu entwickeln. Allen W. Dulles startete ein Programm unter Führung namhafter Psychiater wie Dr.Cameron, der sich als Präsident der US-Psychiatervereinigung A.P.A. auch als Chef des streng geheimen MKULTRA-Programms der CIA engagierte. Dort wurden verbrecherische Menschenexperimente aus dem KZ Dachau fortgesetzt, deren führender Nazi-Arzt, der stellvertretende Reichsärzteführer Dr. Kurt Blome, dafür eigens amnestiert und angeworben worden war.

Das streng geheime CIA-Programm „Artichoke“, später „MK ULTRA“, fasste Ansätze von Geheimdiensten der US Army, US Navy und anderen zusammen, die man rückblickend als Manipulations-, Verhör- und Foltertechniken bezeichnen muss (Hypnose, Drogen, Elektroschocks). Schon vor ihrer praktischen Anwendung forderten diese Methoden zahlreiche Opfer, da zu ihrer Entwicklung illegale Menschenversuche stattfanden. Mit diesen Versuchen verstießen die USA gegen den Nürnberger Ärztekodex, wie jüngst Egmont R. Koch und Michael Wech in ihrem Buch „Deckname Artischocke: Die geheimen Menschenversuche der CIA“ (Bertelsmann Verlag, München 2002) nachwiesen bzw. in ihrer gleichnamigen preisgekrönten Fernsehdokumentation (Link vom WDR aus dem Netz entfernt).

In 1964, Richard Helms, the CIA’s Deputy Director for Plans, responded to a question from J. Lee Rankin, the General Counsel for the President’s Commission on the Assassination of President Kennedy, about Soviet brainwashing techniques. Mr. Helms suggested that the Soviets were locked in a „battle for the minds of men.“
Helms was echoing Allen Dulles, who, as the newly installed Director of the CIA, had addressed a national meeting of Princeton alumni on April 10, 1953, at Hot Springs, Virginia, as follows. In the past few years we have become accustomed to hearing much about the battle for men’s minds-the war of ideologies -and indeed our Government has been driven by the international tension we call the ‚cold war‘ to take positive steps to recognize psychological warfare and to play an active role in it. I wonder, however, whether we clearly perceive the magnitude of the problem, whether we realize how sinister the battle for men’s minds has become in Soviet hands. We might call it, in its new form, „brain warfare“. The Helms memorandum was classified in 1974 and is Warren Commission document no. 1131. The Dulles speech was excerpted in U.S. News and World Report (May 8, 1953), p. 54, under the title „Brain Warfare-Russia’s Secret Weapon.“

U.S. Human Rights Abuse Report, Cheryl Welsh, January 1998

Die in A.W.Dulles Rede erstmals öffentlich legitimierten geheimen Experimente verfolgten das Ziel, der Bedrohung durch „kommunistische Gehirnwäsche“ entgegen zu wirken – und der amerikanischen Außenpolitik „dirty tricks“ bereit zu stellen. Der Auslandsgeheimdienst CIA pflegte enge Beziehungen zum US-Außenministerium, insbesondere 1953 unter Außenminister John Foster Dulles, dem Bruder des neu ernannten CIA-Direktors Allen W. Dulles. In den USA herrschte Paranoia vor sowjetischer Infiltration. Anti-kommunistische Hexenjagden sollte vor der unheimlichen Seuche marxistischen Gedankengutes schützen. Einer teuflischen Ideologie, die aufrechte Amerikaner in willenlose Marionetten gefühlloser Gleichmacherei verwandeln konnte – wie im Film „Die Invasion der Körperfresser“.

Ein Mensch konnte nicht durch eigenes Denken, durch eigene Entscheidung zum Kommunisten werden. Dass Kommunismus z.B. vor dem Absinken eines Staates zur Plutokratie schützen konnte, leuchtete den Dulles-Brüdern nicht ein. Der Gedanke an eine Plutokratie, also der Herrschaft reicher Familienclans, die ihren Sprösslingen Amt und Macht kaufen, lag den DullesBrüdern natürlich fern – ihr Großvater hatte ebenfalls schon das Amt des US-Außenministers bekleidet.

Die Bedrohung durch „kommunistische Gehirnwäsche“ hatte sich auch im Koreakrieg gezeigt, als die Koreaner ab 1951, später auch die Chinesen den US-Streitkräften den Einsatz geächteter biologischer Kriegsführung vorwarfen (u.a. Pestbakterien und Anthrax). US-Piloten, die mit ihren Bombern abgeschossen wurden, gaben dies in koreanischer Gefangenschaft öffentlich zu.

The CIA program, known principally by the codename MKULTRA, began in 1950 and was motivated largely in response to alleged Soviet, Chinese, and North Korean uses of mind-control techniques on U.S. prisoners of war in Korea. Because most of the MKULTRA records were deliberately destroyed in 1973 by order of then-Director of Central Intelligence Richard Helms, it is impossible to have a complete understanding of the more than 150 individually funded research projects sponsored by MKULTRA and the related CIA programs. ACHRE Report, Chapter 3, Supreme Court Dissents Invoke the Nuremberg Code: CIA and DOD Human Subjects Research Scandals

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Camp Detrick Biowaffenlabor

Für die USA ein klarer Beweis für eine Gehirnwäsche im Dienste der kommunistischen Propaganda, so die Version, die sich in den westlichen Medien und Geschichtsschreibung durchsetzte. Bis jüngst Beweise ans Licht kamen, die auf ein US-Biowaffen-Programm in Camp Detrick hinweisen (Pentagon bestätigt nach Pressebericht Forschung an biologischen Kampfstoffen). Dort wurde mit Anthrax, Botulinus und Pest geforscht, wobei Biowaffen-Experten aus Nazi-Deutschland und Japan helfen durften, auch und insbesondere solche, die ihre Erkenntnisse durch verbrecherische Menschenexperimente gewonnen hatten.

Zur Vertuschung dieser geheimen Forschungs- und Produktionsaktivitäten kamen offenbar psychologische Techniken aus dem Artichoke-Programm zum Einsatz, auch gegen einen führenden US-Biowaffen-Wissenschaftler, Frank R. Olson. Dieser musste 1953 offenbar nach einer gescheiterten LSD-Behandlung sterben, da die CIA ihm nicht mehr traute; an der Vertuschung des Mordes waren 1975 auch der junge Richard Cheney und Donald Rumsfeld beteiligt, so das Fazit des Autorenduos Koch/Wech.

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George W. Bush

Der Sohn des Ex-CIA-Direktors und späteren US-Präsidenten George Bush, George W. Bush, sollte sich später im Amt des US-Präsidenten weigern, ein rechtlich bindendes Zusatzprotokoll zur Überprüfung der Biowaffenkonvention für die USA zu unterzeichnen (Biowaffenkonferenz in Genf gescheitert), selbst nach den Anthrax-Anschlägen in Washington 2001 – die übrigens mit Anthraxstämmen aus Camp Detrick, also aus US-Produktion, höchstwahrscheinlich von einem am Biowaffen-Programm beteiligten Mitarbeiter durchgeführt wurden (Auf der Spur der Anthrax-Briefe).

Die Entwicklung von Brain Warfare stand zur Zeit von Frank Olson erst am Anfang. Weitere Studien folgten, z.B. unter Mitwirkung des General Electric-Fernsehforschers Herbert Krugmann, der mittels EEG die Wirkung des Fernsehens auf die menschliche Psyche erforschte. Die meisten MKULTRA-Dokumentationen wurden jedoch rechtswidrig von CIA-Direktor Richard Helms vernichtet.

Heute dürften die damals entwickelten Psychotechniken um ein vielfaches weiter entwickelt worden sein. Das Internet und die digitalen Massenmedien eröffneten ein weites Feld für entsprechende Angriffe auf die menschliche Willensfreiheit. Und die Geheimdienste und Regierungen sind längst nicht mehr allein. Eine profitorientierte Medienindustrie verfügt über gewaltige finanzielle und politische Mittel, um ihre Interessen auch auf diesem Wege durchzusetzen.  Erste Version erschienen auf telepolis 10.4.03

Der Diplom-Psychologe und Diplom-Kriminologe Thomas Barth untersuchte unsere psychologische Manipulation durch die Medien auch in BtmBookeinem Buch über den größten deutschen und europäischen Medienkonzern Bertelsmann (RTL-Senderfamilie, Arvato etc.), der im Oktober 2014 auch noch den Gruner und Jahr Verlag (SPIEGEL, STERN usw.) vollständig aufkaufte: Bertelsmann: Ein globales Medienimperium macht Politik“

Technologie macht medial: Günther Anders, Apokalypseblindheit und Cyberpunk

Thomas Barth AndersVlg_logo

Herrschte im Ukraine-Konflikt Apokalypseblindheit? So nahe wie in den letzten Monaten waren wir einem Krieg der Nato gegen Russland schon lange nicht mehr. In den USA diskutieren Strategen den Atomkrieg. Der Normalmensch blieb erschreckend ruhig -warum? Der pessimistischen Technikdeutung von Günther Anders zufolge sind wir heute nur noch Anhängsel der Technik, Rädchen im Getriebe, das uns antreibt. Er nennt das: Wir sind „medial“; wir sind nur noch Mittel zu einem Zweck, der uns nichts anzugehen hat -und sei es auch der Entsetzlichste. Unser systemkonformer Drang, immer mehr am Konsumieren teilzunehmen, lässt uns planlos im Zirkel von produzieren und konsumieren rotieren. Für viele eine Tretmühle, Luxuskarussell für eine schrumpfende Minderheit. Wir könnten aber auch Sand im Getriebe der Maschine sein, die unsere Welt zu Geld zermahlen will.

Immanuel Kant

Kant verwies mit seiner Ethik des Kategorischen Imperativ noch auf das Recht auf menschliche Würde: Man sollte den anderen immer als Zweck, nie als bloßes Mittel sehen. Heute läuft diese Forderung scheinbar ins Leere. Es ist (angeblich) kein Gegenüber mehr vorhanden, bei dem wir unser Menschenrecht einfordern könnten.  Es gibt (angeblich) nur Sachzwänge, technische Entwicklungen, gesellschaftliche Trends, „die Globalisierung“ die wir unbedingt ganz schnell jetzt sofort ausnutzen müssen, damit wir keine Chance verpassen, unseren Reichtum zu steigern. Niemand hat dies alles geplant, niemand hat es zu verantworten (angeblich). So wird es uns verkauft -mit hohem Aufwand an PR- und Medientechnologie.

Die Technik, unsere technologische Lebensweise, möchten wir nicht missen. Wenn wir so leben wollen, haben wir uns einzufügen und anzupassen, ein Rädchen im Getriebe des „Makro-Geräts“ (G.Anders), der Megamaschine, des „Systems“ (N.Luhmann) zu werden, so wird von uns implizit verlangt. Explizit gelten die Menschenrechte, haben wir die Freiheit, nicht zu kooperieren, zu handeln, statt bloß mitzutun. Aber die Systeme der Technologie existieren nicht nur in der physischen Umwelt, die sie mit Bravour kontrollieren können, unsere Köper inbegriffen. Die Systeme der Technologie existieren auch in einer sozialen Umwelt, deren dominante Seite heute immer mehr die Ökonomie zu werden scheint. Sie gehören jemandem, der sie zu seinem Nutzen arbeiten lässt, und mit ihnen auch die Menschen, die ihre Anhängsel sind.

Ukraine-Konflikt, Apokalypseblindheit und Mit-Tun

Günther Anders Sorge galt bei der Entfaltung dieser Gedanken dem drohenden Untergang der Menschheit durch einen atomaren Schlagabtausch, der Apokalypse. Diese zu verdrängen nannte er „Apokalypse-Blindheit“ und sah in der Medialität der Zeitgenossen deren Wurzel. Diese militärische Apokalypse war mit Auflösung der Ost-West-Blockkonfrontation lange in den Hintergrund getreten, obgleich noch lange nicht abgewendet, wie spätestens der Ukraine-Konflikt 2014 zeigte. Und andere Apokalypsen sind hinzugekommen, Umweltzerstörung, Finanzkrisen, Cyberterror, neue Seuchen (evtl. als Auswuchs des militärischen Apparates) usw.

Außerdem gilt das, was auf die „Apokalypse-Blindheit“ abzielte auch für die Blindheit gegenüber der apokalyptischen Lebenssituation von Milliarden Menschen, denen das Lebensnotwendigste vorenthalten wird –obgleich die Güter und Lebensmittel bei gerechter Verteilung für alle reichen würden. Die Arbeit am eigenen Untergang mag besonders plastisches Beispiel für irrationales Handeln sein. Die Arbeit am Untergang anderer, traditionell Kernkompetenz der Militärs,  ist jedoch nicht vernünftiger.

 „Aber was von unserem Arbeiten gilt, das gilt nun — und diese Tatsache ist weniger trivial, aber nichtweniger wichtig — auch von unserem „Handeln“; oder sagen wir lieber: auch von unserem „Tun“, denn das Wort „Handeln“ und die Behauptung, wir seien „Handelnde“, hat in unseren Ohren (was als Hinweis ernst genommen werden muß) bereits den Klang einer Übertreibung angenommen, Abgesehen von einigen wenigen Sektoren läuft unser heutiges „Tun“, da es sich im Rahmen organisierter, uns nicht übersehbarer, aber für uns verbindlicher Betriebe abspielt, auf konformistisches Mit-Tun heraus. Der Versuch, abzuwägen, in welchem Verhältnis die Anteile von „aktiv“ und „passiv“ in diesem oder jenem „Mit-Tun“ dosiert sind, abzugrenzen, wo das Getan-Werden aufhört und das Selber-Tun anfängt, würde ebenso ergebnislos bleiben wie der, eine mit dem Maschinengange konform gehende Bedienungsarbeit in ihre aktiven und ihre nur reaktiven Komponenten zu zerlegen. Die Unterscheidung ist zweitrangig geworden, das heutige Dasein des Menschen ist zumeist weder nur „Treiben“ noch nur „Getrieben werden“; weder nur Agieren noch nur Agiert werden; vielmehr „aktiv-passiv-neutral“. Nennen wir diesen Stil unseres Daseins „medial“. Diese „Medialität“ herrscht überall. Nicht etwa nur in denjenigen Ländern, die Konformismus gewalttätig, sondern auch in denen, die ihn sanft erzwingen.“  Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 287

Die beobachtete Roboterhaftigkeit wird also nicht durch ein totalitäres Regime erzwungen, sie wird scheinbar freiwillig geübt. Der Handelnde ist in diesem technologischen Regime ein Dissident, ein Fremdkörper, der Normalfall ist der Mittäter. Bloßes Tun, besser gesagt Mittun, ersetzt das bewusste Handeln, was eine teilweise Ausschaltung des Bewusstseins voraussetzt. Wie diese Ausschaltung vor sich geht, bleibt etwas unbestimmt. Steckt Erziehung dahinter, der alte Drill der autoritären Regime? Oder ist es die Verführung, die Verlockung, den bequemeren Weg zu gehen? Beides taucht bei Anders auf, die Verlockung durch die Massenmedien verschmilzt mit der Disziplinierung, die sich mehr auf den Körper zurück zieht.

„Als Arbeitende sind die Zeitgenossen auf Mit-Tun als solches gedrillt. Und jene Gewissenhaftigkeit, die sie sich anstelle ihres Gewissens angeschafft haben (sich anzuschaffen, von der Epoche gezwungen wurden), kommt einem Gelöbnis gleich; dem Gelöbnis, das Ergebnis der Tätigkeit,   an der sie teil nehmen, nicht vor sich, zu sehen; wenn sie nicht umhin können, es vor sich zu sehen, es nicht aufzufassen; wenn sie nicht umhin können, es aufzufassen, es nicht aufzubewahren, es zu vergessen — kurz: dem Gelöbnis, nicht zu wissen, was sie tun. Damit ist die Furchtbarkeit des heutigen moralischen Dilemmas bezeichnet.“ Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 291

 Drill und Gelöbnis klingt an dieser Stelle etwas nach Disziplinarkultur, doch Anders führte im Kapitel „Die Welt als Phantom und Matrize“ bereits eindringlich aus, wie massenmediale Verführung funktioniert. Im Arbeitsprozess ist der Körper immer noch gefragt, soll Befehle befolgen, wie geschmiert funktionieren, sogar eigene Initiative zeigen –nur soll er nicht das Ziel hinterfragen, zu dessen Mittel er gemacht worden ist. Initiative zeigen darf er nur in vollkommener Verschmelzung mit dem technologischen Regime, dessen Funktionsprinzipien ihm als Gipfel der Rationalität gelten sollen, vor allem aber in völliger Unterwerfung unter die Belange der Eigentümer der Technologien. Ihre Existenz wird ausgeblendet wo immer möglich; wo nicht, werden ihre Belange den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten gleichgesetzt.

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Panoptikum

Der äußere Drill bleibt also, wenn auch in gelockerter Form, denn die stramme Erziehung wollte über den Körper ja vor allem auch den Geist disziplinieren. Die Disziplinargesellschaft, wie sie Foucault beschrieb, beruhte auf dem Panoptikum, das Machtstrukturen in einer neuen Geometrie der Blicke organisierte. Teilweise humaner als zuvor in Europa, aber auch totaler und totalitärer und mit durchschlagendem Erfolg in der Industrialisierung.

Heute in der postindustriellen Mediengesellschaft wird der innere Drill mehr und mehr überflüssig. Er ist ersetzt durch die Verlockung zum Mittun oder zum Zustimmen durch Desinteresse und Eskapismus. Dagegen Widerstand zu leisten, scheint sinnlos, denn es gibt scheinbar kein unterdrückendes Gegenüber, nur das „System“ des technologischen Regimes. Ein Regime, das angeblich objektiven ökonomischen Gesetzen folgt, die Entscheidungen der politischen Führungspersonen alternativlos machen. Die nicht mehr wirklich Handelnden Entscheidungsträger behaupten, sie könnten nur noch Mittun, wie alle anderen auch.

„Eigenverantwortung“ heißt dabei nur, noch mehr von seinen Ansprüchen auf menschliche Würde aufgeben zu sollen, die er an das Regime haben könnte; etwa wenn die solidarische Umlage-Rentensysteme durch individuell anzusparende kapitalbasierte Altersvorsorge ersetzt werden soll, die aber nur die Mittel dem System der Finanzmärkte preisgibt -und damit ihrer zerstörerischen Korruption. Auch „Eigeninitiative“ soll sich im Rahmen vorauseilenden Gehorsams abspielen.

Die Wurzeln der Apokalypse-Blindheit

 „Was besagt nun diese Schilderung des medialen Menschen für unser eigentliches Thema? Für die Frage nach den Wurzeln der Apokalypse-Blindheit? Inwiefern ist das „mediale Dasein“ eine dieser Wurzeln? In der Tat ist der Zusammenhang so eng, daß jeder Einzelzug der Medialität gleich gut als Ausgangspunkt verwendet werden kann. Von jedem führt der Weg mit gleicher Direktheit zur Apokalypse – Blindheit.

  1. Da der mediale Mensch „aktiv-passiv-neutral“ ist, bleibt er, trotz der ungeheuren Rolle, die Arbeiten für ihn spielt, ja gerade in actu des Arbeitens, indolent; er „überläßt sich“. Das heißt: er rechnet mit einem „Weitergehen“ á tout prix, mit einem Weitergehen, das er selbst nicht zu verantworten braucht.
  2. Da seine Tätigkeiten niemals in einem echten Telos, auf das er „aus gewesen“, ihren Abschluß finden, sondern immer nur durch Stoppungen, die seinem Tun selbst zufällig bleiben, hat er kein echtes Verhältnis zur Zukunft. Während der wirklich Handelnde und Planende durch sein Handeln einen Zeitraum entwirft, also Zukunft konstituiert, tritt das Tun des „medialen Menschen“ auf der Stelle. (…)“

Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 293

Verschwörungstheorie und Cyberpunk

Die Zukunft tritt dem medialen Normalbürger nur als das, was geschieht, gegenüber, als das, wobei er mittun soll und auch will. Aus der Zukunft kommen neue Technologien und Moden auf ihn zu, die er haben will und nicht planen. Seine Existenz rotiert planlos im Zirkel von produzieren und konsumieren, als Tretmühle oder Luxuskarussell, je nach dem, wo er mehr gefragt ist. Seine Planung bezieht sich überwiegend auf den systemkonformen Drang, möglichst immer mehr am Konsumieren teilzunehmen. Das Regime der technologischen Systeme reklamiert Herrschaft ohne Herrschende zu verwirklichen, eine Herrschaft der (angeblichen) Vernunft, die von Experten reklamiert wird, die sich zu Technokraten aufschwingen. Doch sie sind nur etwas größere Rädchen in einem Getriebe, dessen Eigentümer gerne im Dunkeln bleiben und jeden Versuch, nach ihnen auch nur zu fragen als Verschwörungstheorie und Paranoia abtun lassen.

Widerstand gegen das Regime wird als unvernünftig abgetan, denn das technologische System gilt als Inbegriff der so verstandenen Rationalität. Auflehnung dagegen wird als Rückständigkeit gebrandmarkt und mit Ausgrenzung bestraft. Anpassung bedeutet dagegen freien Zugang zu allen Ressourcen, und damit Wohlstand und Freiheit. „Widerstand ist zwecklos, sie werden assimiliert“, droht das Kollektiv der Borgs. Doch ein globales Dorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten in der wuchernden Tele-Megalopolis.

Die Kultur der Cyberpunks steht auf Widerstand, sie widersetzt sich sowohl der Anpassung als auch der Ausgrenzung. Die Anpassung zu verweigern ist nicht schwer, man braucht nur der Verlockung nicht länger zu erliegen –das ist der Vorteil gegenüber totalitären Regimen. Aber alle Gewalt, die der Totalitarismus auf Formung seiner Untertanen verwendet, stehen hier zur Ausgrenzung zur Verfügung, zur Abschneidung vom Zugang zu Ressourcen. Die Erlangung von Zugang wird also zum Hauptproblem, vor allem Zugang zu Information. Dabei gilt es, den umgekehrten Zugang der Instanzen des Regimes zu den privaten Informationen des Individuums zu blockieren. Insbesondere beim widerständigen Subjekt. Der angepasst mittuende mediale Mensch wird dagegen weniger Privatsphäre benötigen und stellt heute seine Daten unbekümmert in sogenannte „soziale Netzwerke“ des Web2.0. Er begreift nicht, dass ihm unüberschaubare staatliche und immer mehr privatwirtschaftliche ökonomische Konglomerate gegenüberstehen. Sie Szene der Cyberpunks, entsprungen aus einem Subgenre der SF, entwickelte sich seit den 80er Jahren und definierte sich über die Kombination von High Tech und Low Life (den Punk des urbanen Underground). In der HAckersubkultur der 80er und 90er fanden sich ihre Fans zusammen. Die Szene (falls man davon überhaupt sprechen kann) wird von Soziologen so beschrieben:

„Ein Cyberpunk steht den neuen Kommunikations- und Informationstechnologien sehr positiv gegenüber, gleichzeitig hat er aber ein kritisch-politisches Bewusstsein in Bezug auf deren gesellschaftliche Verwendung entwickelt. Er sieht sich riesigen Korporationen gegenüber, die immer mehr an Stelle von Nationalstaaten treten.“ Winter, Rainer: Medien und Fans –Zur Konstellation von Fan-Kulturen, in: Kursbuch Jugendkultur. Stile, Szenen, Identitäten vor der Jahrtausendwende, Mannheim 1997, S. 40-53, S.48.

Die von Cyberpunks, die hier mit Hackern im besten Sinne gleichgesetzt werden, entfaltete Kultur erobert die Netzmedien von den Konzernen zurück, wie sie zuerst von Militärs und staatlichen Telekommunikationsbehörden erobert werden mussten. Ihre Verknüpfung von Datenschutz für die Privatsphäre mit der Forderung nach Informationsfreiheit, freiem Zugang zu den Datenbanken (Lyotard) und Transparenz der Mächtigen lässt sich im Utopiemodell des Inversen Panoptikums beschreiben. Panoptismus (Foucault) beschreibt die Disziplinierung unserer westlichen Gesellschaften durch das Prinzip: Wenige unsichtbare Mächtige sehen viele Machtunterworfene und kontrollieren sie so. Invertiert ergibt sich die Forderung nach Umkehrung dieser Blickrichtung und der zumindest teilweisen Unsichtbarkeit für die Vielen.

Diese Forderung könnte ein Gegengewicht schaffen gegen die sonst ausufernde Macht des kontrollierenden Zentrums der Macht, dem aus den Informationstechnologien sonst immer größere und nicht mehr demokratisch kontrollierbare Macht zuwachsen würde.#

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Das SF-Genre des Cyberpunk begann mit William Gibsons Neuromancer-Trilogie,

die in abgewandelter Form in den Kinofilmen der Matrix-Trilogie Filmgeschichte schrieb.

Neuromancer ist der erste Teil einer gleichnamigen Romantrilogie, die auch unter dem Namen Sprawl Series bekannt ist. Verfasst wurde er von dem Autor William Gibson und erschien 1984 in Amerika und 1987 in Deutschland. Der Roman gilt als die geistige Grundlage des Cyberpunk.

William Gibsons Debütwerk erhielt diverse namhafte Auszeichnungen der Science-Fiction-Literatur:

Die Trilogie besteht neben Neuromancer aus den Romanen Biochips (englischer Titel Count Zero) und Mona Lisa Overdrive. In diesen Romanen tauchen einige Personen aus Neuromancer wieder auf.

Heute geistern Cyberspace und Cyberpunks durch diverse neue Subgenres der SF; ein Beispiel:

Buchbesprechung: Cyperpunk für Biologen (Biofiction)

Peter Watts: Mahlstrom, W.Heyne: München 2009, 511 S., 9,95- Euro.

Zeit: Irgendwann im nächsten Jahrhundert. Ort: Pazifik, Nordamerika. Autor: Kanadier aus Toronto, arbeitete angeblich lange als „Unterwasserbiologe“. Ärgerlich: Der Klappentext plaudert ein Geheimnis aus, das der Leser eigentlich auf den ersten 130 Seiten langsam lüften sollte: „Eines Tages wird in den Tiefen der Meere eine prähistorische Lebensform entdeckt, die eine tödliche Bedrohung für das Leben auf der Erde bedeutet. Kurzerhand wird ein Nuklearschlag durchgeführt, der das Virus für immer vernichten soll –ohne die im Tiefseelabor tätigen Wissenschaftler vorzuwarnen. Doch eine der Forscherinnen überlebt die Explosion. Sie trägt das Virus in sich. Und sie will Rache…“ Leser des ersten Bandes der Trilogie hätten das ohnehin gewusst, aber dass wir hier einen Folgeband vor uns haben verschweigt der Verlag ebenfalls. Der Anfang kommt deshalb etwas langweilig rüber, doch erfreulicherweise wartet Peter Watts mit genug neuen Wendungen auf, um dem Roman immer wieder neuen Drive zu geben –die Handlungsstränge spießen aus dem Text wie Tentakel aus einer Seeanemone. Und zum Glück hat der Klappentextschreiber einiges wohl nicht richtig verstanden, z.B. handelt es sich gar nicht um ein Virus…

Freunde der schaurigen Anti-Utopie kommen auf jeden Fall auf ihre Kosten, insbesondere Hypochonder, denn Seuchen aller Art plagen den künftigen Planeten; die Nationalstaaten sind hingegen belanglos geworden, Quarantänegrenzen durchziehen stattdessen Land und Megacities, Umweltflüchtlinge sperrt man in Massen-KZs an der Küste. Die Quebecer wird’s freuen: Nach Wasser- und Energiekriegen hat Französisch das Englische als dominante Weltsprache abgelöst, doch Computer-Simultanübersetzung erübrigt Sprachkenntnisse ohnehin.

Cyberpunk-like rüsten sich die Menschen mit Bioimplantaten auf, besonders die Rifters, Tiefsee-Cyborgs wie die rachsüchtige Lenie Clark. Der Erzähler schlüpft wechselweise in die Haut eines Rifters, einer KZ-Wächterin –künftig ein Heimarbeitsplatz zur Steuerung von „Mechfliegen“–, eines Partygirls, die dem totalitären Regime frech die Stirn bietet, sich am Ende aber doch ins Höschen macht, eines Killers, sogar in eine evolvierende KI-Einheit (Neuromancer als kybernetischer Entwicklungsroman).

Weitere Hauptfigur ist ein mächtiger, aber hirntechnisch manipulierter Bürokrat mit der Befugnis Quarantänegrenzen zu ziehen und Dekontamination einzuleiten, bis hin zu Massenverbrennungen mit Mann und Maus. Als sensibler Zyniker blickt er mit Spott auf Spießer, Ökos und Cyberpunks herab: „Als Achilles Desjardinds die Bühne betreten hatte, war Cyberspace ein von Wehmut erfülltes Fantasiewort gewesen, ähnlich wie Hobbit oder Biodiversität.“

Der Cyberspace heißt nun „Mahlstrom“ und ist bevölkert von digitalen Lebensformen, weshalb privilegierten Firmen nur in einer mühsam mit Firewalls verteidigten „Zuflucht“ zuverlässige Datenverarbeitung möglich ist. Nicht mal in seinen Cybersexfantasien ist Desjardins sicher vor Eindringlingen, die seine SM-Neigung mit Cyberkastration bestrafen wollen. Dank der ihm eingepflanzten Handlungsblockade, genannt „das Schuldgefühl“, ist Achilles zudem unfähig „unmoralisch“ zu handeln, und das heißt dort: gegen die Interessen seiner Arbeitgeber. Private Multis, Industriemafia und Konsorten beherrschen die Welt, wie einst bei weiland Gibsons Neuromancer. Als neuen Raum erobert Peter Watts die Tiefsee für den Leser, der Verlag versichert, sein Autor hätte lange als Tiefsee-Biologe gearbeitet –und tatsächlich glänzt er mit entsprechendem Fachwissen. Der fulminante Roman vermittelt nebenher Einblicke in die perverse Gedankenwelt einer biologistischen Philosophie, speziell des Freiheit-oder-Determinismus-Problems.   T.Barth

Rifters

andere Rezensionen:

Das Sequel im Mahlstrom

Wie die Papst-Anhänger den von Luther genutzten Buchdruck fürchteten, dämonisiert Watts im Jahr 2001 das Netz. Leicht antiquiert kommt seine Cyberpunk-Öko-Biotech-Dystopie „Maelstrom“ (dt. Ausgabe „Mahlstrom“) daher, als Sequel des grandiosen „Starfish“ (dt. Ausgabe „Abgrund“).  Von Franz Birkenhauer – sf magazin 06.10.2008

„Nahe Zukunft oder nahes Weltende?“

Phantastik-Couch: Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok

 

WikiLeaks, journalistische Ethik und die Verantwortung der Medien

Thomas Barth wlogo-sm

WikiLeaks ist hervorgegangen aus und tief verwurzelt in der Hacker-Subkultur. Seit den Anfängen des Internet traten Hacker ein für freien Informationszugang aller bei vollem Schutz der Privatsphäre. Ihre natürlichen Widersacher waren die Geheimdienste, deren Job im großen und ganzen die umgekehrte Ausrichtung hatte. WikiLeaks bezeichnet sich in dieser Tradition auch als „Counter-Intelligence“ und „First Intelligence Agency of the People“ –als erster Geheimdienst des Volkes.

Die technologische Avantgarde der Hacker, deren ehedem esoterische Praxis der Online-Kommunikation heute die breite Masse zumindest der jüngeren Generationen erreicht hat, wurde von Anbeginn misstrauisch von den etablierten Medien beäugt. Heute ist sie selbstbewusst zur „Netzkultur“ gereift und ihr stehen neben staatlichen Institutionen auch die Medienkonzerne gegenüber, die von den neuen „Netzbürgern“ oft als „Content-Mafia“ gesehen werden. Kein Wunder, hat doch die Medien-Industrie in Anti-Raubkopierer-Kampagnen ihre Verbraucher so lange zu Verbrechern erklärt, bis sogar eine Piratenpartei in die politischen Arena stieg. Dabei sehen sich die Medien-Konzerne oft sogar als Säule der Demokratie und Pressefreiheit, vertreten aber zunehmend eigene Unternehmensinteressen. Der Antagonismus von Netzkultur und Medienindustrie schwingt unterschwellig mit, wenn etablierte Journalisten über Hackerprojekte berichten –besonders vielleicht, wenn diese –wie WikiLeaks– mit neuen Publikationsformen in die zentrale Sphäre des Nachrichtengeschäfts eindringen.

Am 1.9.2011 machte WikiLeaks, die Whistleblower-Plattform des weltberühmten Hackers Julian Assange, negative Schlagzeilen: Durch eine Sicherheitspanne wurden rund 250.000 US-Diplomaten-Depeschen aus dem WikiLeaks-Datenbestand im Internet zugänglich. Diese Depeschen sind, anders als bei vorherigen Depeschen-Publikationen, nicht redaktionell bearbeitet. Somit enthüllen sie womöglich unabsichtlich Namen von Informanten der US-Auslandsvertretungen. Die Aufregung in den Medien ist groß und der Ruf von WikiLeaks, durch einen Sex-Skandal um Assange bereits angeschlagen, droht nachhaltig beschädigt zu werden. Vielleicht werden sogar Internet-Enthüllungsplattformen, die bereits als neue, den herkömmlichen Journalismus ergänzende Form der öffentlichen Aufklärung gesehen wurden, generell in Frage gestellt. Die Vorwürfe lauten, WikiLeaks würde den Informantenschutz und die journalistische Ethik bzw. Sorgfalt vernachlässigen.

Beide Vorwürfe erweisen sich jedoch bei genauerer Betrachtung als zumindest fragwürdig. Was war geschehen? Bei der Weitergabe der Botschafts-Depeschen hatte WikiLeaks zunächst ein verschlüsseltes Datenpaket gepackt und dieses im Internet in Umlauf gebracht. Ziel war, die Daten auf zahlreichen verteilten Rechnern vor dem physischen Zugriff von Polizei, Militär und Geheimdiensten in Sicherheit  zu bringen. Die spätere Jagd auf Assange mittels eines unter zweifelhaften Umständen zustande gekommenen Haftbefehls von Interpol zeigt, dass diese Befürchtungen nicht unbegründet waren.

Die so verschlüsselten Daten gelangten in die Hände der drei ausgewählten Presseredaktionen von „Spiegel“, New York Times und Guardian. Später übergab dann Assange den Redakteuren das geheime Passwort, so dass diese die Pakete öffnen und auswerten konnten. Soweit so gut. Doch zwei Journalisten vom Guardian publizierten 2010 auch ein Buch über die WikiLeaks-Geschichte und gaben dabei (versehentlich?) das Passwort  bekannt. Sie hätten geglaubt, so heute der Guardian, das Passwort sei nur zeitlich befristet gültig gewesen. Jeder Leser des Buches hatte nun die Möglichkeit, die zirkulierenden Datenpakete zu entschlüsseln und Identitäten von US-Informanten zu enthüllen.

Bei der Berichterstattung über den Vorfall ging im Folgenden vieles durcheinander. Die Tagesschau vom 1.9.2011 befragte in ihrem längeren Bericht einen ARD-Internetexperten, der kritisierte, eine Whistleblower-Plattform solle doch in der Lage sein, ihre Informanten zu schützen. In dieser Darstellung wurden also die hier betroffenen Informanten mit Whistleblowern durcheinander gebracht. Doch es geht in den Depeschen nicht um Enthüller, die öffentliche Aufklärung im Sinn haben, sondern um Zuträger der US-Administration, wie den FDP-Funktionär Metzner, der Internas aus den schwarzgelben Koalitionsverhandlungen verriet. Der Adressat für das Einklagen von Informantenschutz muss hier also nicht WikiLeaks, sondern die US-Administration sein. Es ist nebenbei bemerkt dieselbe US-Administration, die Assange zum Staatsfeind erklärte, ihm vermutlich die Konten sperren ließ, mutmaßlich seine Strafverfolgung wegen fadenscheiniger Vergewaltigungsanklagen und seine Auslieferung an die USA betrieb.

Gleichwohl könnten die Depeschen fatale Konsequenzen für Informanten haben, denn manche Zuträger der US-Botschaften müssen wohl mit bedrohlichen Konsequenzen rechnen –„in totalitären Ländern“, wie besorgte Kommentatoren der WikiLeaks-Datenpanne gern hinzufügten. Kaum einer erwähnte dabei jedoch einen Informanten von WikiLeaks selbst, der schon seit Mai 2010 leidet: Bradley Manning, der US-Soldat, der teilweise unter „harten“ Haftbedingungen in US-Militärgefängnissen gehalten wird (Menschenrechts-Organisationen sprachen von Folter), um ein Geständnis und eine Aussage gegen Assange zu erzwingen.

Die Manning zugeschriebenen Enthüllungen brachten Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen seitens der US-Truppen ans Licht. Sie zeigten den Krieg in Irak und Afghanistan, der uns oft als hehre Friedensmission mit chirurgischen Schlägen präsentiert wurde, in seiner ganzen Breite und Grausamkeit. Hinter der offiziellen Version von Wiederaufbau und Krieg gegen den Terror erkannten manche in den WikiLeaks-Dokumenten einen zweiten Krieg: Die Strategie, innerafghanische Kontrahenten i.S. von „teile und herrsche“ gegen einander auszuspielen; etwa die entgegen der offiziellen Entwaffnungspolitik zugelassene Aufrüstung von Usbekenführer Dostum, der 2006 mit Warlords der Nordallianz einen Putsch gegen Karsai plante. Dies konnte zwar der US-Führung nicht gefallen, rechtfertigt aber nicht die unmenschliche Behandlung eines mutmaßlichen Whistleblowers. Ob mit Bradley Manning nicht einfach ein unbequemer junger Soldat zum Sündenbock gemacht wurde, um Enthüller von US-Geheimnissen generell einzuschüchtern, weiß bis heute niemand.

Die Darstellung von Leistungen von WikiLeaks und Assange erscheint in den Medien oft personalisiert und wenig auf politische Hintergründe ausgerichtet, so in den auf Bestsellerlisten gehandelten Büchern „Staatsfeind WikiLeaks“ und „Inside WikiLeaks“. Doch auch wo fundiertere Analysen vorgenommen werden, bleibt eine voreingenommene Haltung des etablierten Journalismus spürbar. So wird in einer Studie zum Krisenjournalismus das berühmte Video, mit dem sich WikiLeaks überhaupt erst einen Platz in den Hauptnachrichten erkämpfte, recht einsilbig beschrieben: „…ein WikiLeaks-Video, das den Angriff auf eine Gruppe von Menschen in Bagdad aus der Cockpit-Perspektive eines Kampfhelikopters zeigt. Bei dem Angriff kamen auch zwei Reuters-Journalisten ums Leben.“ Sogar den mit Bedacht von Assange gewählten Titel des Videos verschwiegen die Autoren: „Collateral Murder“, obwohl sie wenige Seiten zuvor noch von der Krisenberichterstattung gefordert hatten, „Euphemistische Wendungen wie… ‚Kollateralschäden‘… sollten durchschaut und vermieden werden.“ (S.51) Assange & Co. hatten den Euphemismus nicht nur vermieden, sondern durchschaut und in seinem Zynismus entlarvt, aber dies wollten der Journalismus-Professor und sein Co-Autor wohl bei den Medien-Außenseitern von WikiLeaks nicht sehen. „Collateral Murder“ wurde gesendet und schnell vergessen, ebenso wie der Leidensweg des mutmaßlichen WikiLeaks-Informanten Bradley Manning.

Wichtiger als das reale Opfer Manning, scheinen deutschen Medien heute offenbar die infolge der Datenpanne möglichen Opfer der Publikation von US-Depeschen zu sein. Tatsächlich könnte man hier die Vernachlässigung journalistischer Ethik und Sorgfaltspflicht anführen. Aber gegen wen? Das Gros der Medien richtet seine Anklagen gegen Assange, etwa die Tagesschau vom 1.9.11. Sie berichtete zwar, „WikiLeaks beschuldigte einen Journalisten der britischen Zeitung Guardian“, das Passwort publiziert zu haben, ließ aber im restlichen Beitrag keinen Zweifel daran, dass man die Schuld für die Panne bei der Internet-Plattform zu suchen habe. Fazit: WikiLeaks sitzt auf der Anklagebank und beschuldigt, womöglich nur um sich selbst zu entlasten, den Guardian. Diesem Muster folgen die meisten Berichte, aber ist das wirklich eine faire Bewertung?

Journalisten forderten von WikiLeaks seit deren Erscheinen in der Öffentlichkeit Verantwortung, Ethik und journalistische Standards ein, die man übrigens in der breiten Masse des Boulevard-Journalismus vergeblich sucht. Aber was ist mit den Qualitäts-Journalisten des britischen Traditionsblattes Guardian? Sollte eine naheliegende Frage nicht lauten: Welcher Teufel hat die Buchautoren geritten, ausgerechnet das echte Passwort in ihrer Reportage zu publizieren? Ein fanatisches Streben nach Authentizität um jeden Preis? Pure Trägheit, sich eine vergleichbare Phrase auszudenken? Für den Leser hätte ein Ersatzwort das Buch sicher nicht schlechter gemacht, für US-Informanten kann diese Unachtsamkeit der Autoren jedoch fatale Folgen haben.

Die Guardian-Schreiber hätten wissen müssen, dass die verschlüsselte Datei mit den Depeschen überall im Netz zirkuliert, und dass sie mit diesem Passwort jeder würde öffnen können. Wäre es nicht ihre journalistische Sorgfaltspflicht gewesen, die Ungefährlichkeit ihrer „Enthüllung“ mit Assange abzuklären? Stattdessen konstruieren jetzt die medialen Ankläger eine kryptologische Bringschuld von Assange, auch in der Zusammenarbeit mit der bei diesem Projekt engstens verbündeten Presse jederzeit höchstes Misstrauen einkalkulieren zu müssen. Assange hätte die zirkulierenden Sicherungskopien mit anderen Passwörtern verschlüsseln, die Passwörter mit einer Zeitbegrenzung versehen müssen usw. lauten die im Nachhinein besserwisserisch erhobenen Forderungen. Aber hätten nicht auch die seriösen Qualitäts-Journalisten und Buchautoren des Guardian einkalkulieren müssen, dass dem um den Globus gehetzten Assange und seiner zusammengewürfelten Hackergruppe Fehler unterlaufen könnten?

Der Hacker-Subkultur selbst scheinen –bei aller Hochachtung vor den Leistungen von Julian Assange– die mit seiner Person und auch mit der Fixierung auf einen „einsamen Helden“ verbundenen Gefahren bewusst zu sein –doch Verantwortung wird dort vor allem von der Presse eingefordert. Deren zunehmendes Einknicken vor den Interessen herrschender ökonomischer und Machteliten wird von Hackern vielmehr als Hauptargument für die Notwendigkeit von Plattformen wie WikiLeaks angeführt.  /Thomas Barth

Quellen:

Barth, Thomas, Virtueller Vandalismus, Blätter 4/2000, S.416-420.BtmBook

Vgl. Spoo, Eckart, Pressekonzentration und Demokratie, in: Barth, T. (Hg.), Bertelsmann: Ein globales Medienimperium macht Politik, Hamburg 2006, S.23-34, S.23ff.

Vgl. Thörner, Marc, Wikigate: Der geheime Krieg, Blätter f.dt.u.int. Politik,  Nr.9, 2010, S.5-9, S.6f.

Weichert, Stephan u. Leif Kramp, Die Vorkämpfer: Wie Journalisten über die Welt im Ausnahmezustand berichten, Köln 2011, S.65.

Vgl. Rueger, Gerd R., Julian Assange –Die Zerstörung von WikiLeaks? Anonymous…, Hamburg 2011, S.78.

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