Archiv der Kategorie: Kultur

Grabmale in Hamburg-Ohlsdorf

Foto M.Uecker

 

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Foto M.Uecker, Graureiher Bildmitte
Foto: M.Uecker
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Lepra und Eichhörnchen im Reich von König Artus

Britische Forscher fanden Lepra-Bakterien in Nagetieren sciurus-vulgaris

Thomas Barth

Die Briten lieben ihre Legenden, neben Robin Hood vor allem die Sage von König Artus, der einst Großbritannien unter seinem Banner einte. Eine moderne tiermedizinische Legende besagte, dass die sich auf der Insel ausbreitenden grauen Eichhörnchen ihre traditionell rotbepelzten Verwandten mit einer tödlichen Seuche infiziert und so verdrängt haben: Dem Parapoxvirus.

Jetzt zeigte eine neue veterinärmedizinische Untersuchung, dass die Rotpelze schon von je her, womöglich schon seit König Artus‘ Zeiten, Träger eines auch für Menschen ansteckenden Keimes sind: Der Lepra, auch als Aussatz bekannt.

„Wir sollten mehr in Sorge um die Eichhörnchen sein als Angst vor ihnen zu haben“, gab Studien-Mitautorin Prof. Anna Meredith, University of Edinburgh, dem Guardian Entwarnung, „Wir haben festgestellt, dass Lepra bei Eichhörnchen in ganz Großbritannien und Irland weit verbreitet ist, aber wir wollen die Menschen damit nicht beunruhigen. Die Lepra grassiert unter den Tieren schon seit langer Zeit und seit Hunderten von Jahren gab es keine menschlichen Fälle mehr.“

Die Lepra-Studie fand seit 2009 auf Brownsea Island statt, einem beliebten Tourismusziel vor der Südküste Englands. Das Eiland, das in zwei Stunden umwandert werden kann, gilt nicht nur als Naturschutzgebiet und Pfadfinder-Paradies, sondern auch als Refugium der roten Eichhörnchen. In England wurden die roten Nager sonst großflächig von einer grauen Variante verdrängt, die nicht von Lepra-Bakterien befallen ist.

Ein möglicher Amtsnachfolger des legendären König Artus, Kronprinz Charles, verkündete vor zwei Jahren, auf seinen Landgütern die amerikanischen Einwanderer keulen zu lassen. Er wollte die graue Eichhörnchenplage zugunsten der traditionellen roten Nager bekämpfen. Prinz Charles ist auch Schirmherr des Red Squirrel Survival Trust, einer Vereinigung, die sich den Kampf für die roten Eichhörnchen auf die Fahnen schrieb.

Das ganze mutet wie eine Satire an, ist aber wahr. Doch die Briten lieben neben Legenden deren Parodie und die bekannteste der Artus-Sage ist wohl Monty Pythons „Die Ritter der Kokosnuß“. Dort bekommen König Artus‘ Tafelritter es bei ihrer Suche nach dem Heiligen Gral mit einem tödlichen Nagetier zu tun: Ein blutrünstiges Kaninchen rafft die Edelmänner dahin. Näher an der heutigen Lepra-Krise ist eine Satire auf „Die Nebel von Avalon“, die aus keltischer Sicht erzählte Artus-Story. „Die Schnäbel von Avalon“ nahm die heutige Rede von einer Eichhörnchenplage vorweg: Dort tötet ein rotpelziger Nager einen Thronfolger und am Ende des satirischen Romans wird sogar das Auftauchen der ersten Grauhörnchen ins sechste Jahrhundert vorverlegt, in die mythische Zeit des Königs von Camelot.

Tatsächlich wurde das erste Paar grauer Eichhörnchen (Sciurus carolinensis) erst 1876 aus Amerika eingeführt und in der nordwestenglischen Grafschaft Cheshire ausgesetzt. Was anfangs als exotischer Import galt, ist nach mehr als 130 Jahre in den Augen vieler Briten zur Plage geworden, denn die grauen Eichhörnchen haben die einheimischen roten Vertreter fast vollständig verdrängt. In Schottland begann man daher vor sechs Jahren mit einer großangelegten Ausrottung der graupelzigen Neueinwanderer -vielleicht sieht man sie unter dem Aspekt ihrer Lepra-Resistenz heute mit etwas freundlicheren Augen.

Die Wissenschaftler vermuten, dass Lepra in der Vergangenheit vom Eichhörnchen auf den Menschen übertragen wurde, als deren Fleisch und Pelz noch begehrte Jagdbeute waren. Der letzte dokumentierte Fall von Lepra datiert auf das Jahr 1798 und die gefundenen Bakterien weisen große Ähnlichkeit mit solchen auf, die man in Knochen von Lepraopfern aus dem Jahr 1485 fand.

Eichhörnchen werden zahm, gelten als niedlich, können jedoch eichoernchengerade auf den Britischen Inseln auch aggressiv werden. Im letzten Juli wurde in Cornwall ein dreijähriger Knabe von Eichhörnchen attackiert, meldete der Guardian, und so schwer verletzt, dass er im Krankenhaus behandelt werden musste. Glücklicherweise handelte es sich um die zwar kräftigeren, aber nicht leprösen Grauhörnchen.

Siehe auch:

Die Schnäbel von Avalon

Visionen, Tod und Kautschuk: Filmkritik “Der Schamane und die Schlange”

Schamane_Filmbild3  Thomas Barth, 9.April 2016

Der Film verbindet Humor mit knallharter Kritik am Kautschuk-Kolonialismus zu einem visionären Trip in versunkene Kulturen des Amazonas: Kolumbiens künftiger Kinoklassiker.

Die Hauptfigur von El abrazo de la serpiente (eigentlich: Die Umarmung der Schlange) ist erstmals im kolumbianischen Kino ein Indigeno (Indio): Der nach Vernichtung seines Volkes durch „die Kolumbianer“ allein im Dschungel lebende Schamane Karamakate muss sich zweimal in seinem Leben mit sonderbaren Weißen herumschlagen. Den jungen Karamakate (Nilbio Torres) sucht der todkranke deutsche Ethnologe Theodor Koch-Grünberg (Jan Bijovet) auf, er will Heilung durch die geheimnisvolle Pflanze Yakruna.

Die heilige Blume Yakruna verheißt spirituelle Läuterung, verspricht aber auch besseres Kautschuk. 40 Jahre später findet der Botaniker Evans Schultes (Brionne Davis) den alten Schamanen (Antonio Bolívar); Evans sucht, geleitet von Grünbergs Reisebericht, die gleiche Pflanze. Beide Male lässt Karamakate sich widerwillig auf den Weißen ein, macht sich auf zwei abenteuerliche Reisen durch einen Dschungel, in dem einer faszinierenden Natur die Brutalität des Kolonialismus gegenübersteht.

Der Film des jungen Regie-Talents Ciro Guerra zieht den Zuschauer sofort in seinen Bann; faszinierende, fast mystische Naturaufnahmen saugen den Blick in die visionäre Welt des Karamakate, durch die der weiße Forscher als komische Figur in eine brutale Handlung stolpert. Für Zuschauer und Karamakate verschmelzen beide Weiße zu einer Person; raffiniert gesetzte Zeitsprünge lassen beide Handlungsstränge parallel auf ihr ebenso dramatisches wie inspirierendes Ende zutreiben. Bildgewaltig, humorvoll und bewegend greift der Film auf reale Ereignisse und historische Forscherpersönlichkeiten zurück.

Gebrochene Figuren und spirituelle Drogen

Die beiden Forscher werden als gebrochene Figuren vorgeführt, der Schamane_Filmbild4eine ein Irrer, der andere ein Betrüger. Theo, den sein treuer Gehilfe Manduca (Miguel D. Ramos) halbtot zu Karamakate schleppt, hängt in wahnsinniger Hartnäckigkeit an seinem Gepäck. Als der Schamane dies unterwegs kritisiert, “Du bist verrückt”, antwortet der Deutsche mit seligem Lächeln: “Ich weiß.” Theo will durch die Yakruna lernen zu träumen und verspricht Karamakate, dass er ihn zu letzten Überlebenden seines Stammes führen kann.

Evans will zu Anfang die heilige Yakruna von Karamakate für “viel Geld” kaufen und zeigt ihm zwei Ein-Dollar-Noten, doch der winkt ab, Geld stinke und sei nur etwas für Ameisen. Beide Forscher werden dennoch auch sympathisch dargestellt, Evans gewinnt den Schamanen für sich: “Ich habe mein Leben den Pflanzen gewidmet”; da findet Karamakate: “Das ist das Vernünftigste, was ich je von einem Weißen gehört habe.” Letztlich wird auch Evans zu einem Bewahrer der indigenen Kultur, die der Kolonialismus gnadenlos zerstört.

Optische Brillanz, überzeugende Darsteller in einer klugen Handlung und Bilder, welche die Fantasie nicht mehr loslassen, machen den Film zu einer faszinierenden Reise in die Welt des Amazonas. Die Kamera taucht tief in eine symbolisch aufgeladene Natur: Die Pflanzen des Dschungels sind mystischer Palast, rettende Heilkräuter, spirituelle Drogen und heilige Blume Yakruna. Eine lebendgebärende Boa windet sich in Schleim und aufplatzenden Eihüllen mit ihrem Nachwuchs, scheint ihre Kinder zu fressen. Karamakate träumt von einer Boa, die Theo das Unheil bringen wird. Oder ist der Weiße selber die Schlange, also die Gefahr? Schmetterlinge umschwärmen den mit halluzinogenen Tränken erleuchteten Karamakate wie Elfen. Ein Jaguar mit glänzendem Pelz beschleicht die Expedition als Verkörperung des Todes, bereit sich sein Opfer zu holen.

Chorrera: etnocidio cauchero

Doch wer nur in Naturromantik schwelgen will, sitzt hier im falschen esclavitud_indigenosFilm. Das Grauen des Kolonialismus fokussiert sich in Chorrera, einer “Gedenkstätte für die Opfer der Kautschuk-Völkermords” (Presseheft). Das ärmliche Anwesen Chorrera war christliches Missionszentrum und Kautschuk-Sammelstelle der Caucheros, der Kautschukbarone. Beide Handlungsstränge treffen hier auf höllische Zustände kolonialer Verbrechen: Der junge Karamakate trifft mit Theo und Manduca auf einen bewaffneten Mönch inmitten Dutzender Indigeno-Kinder. Es sind Waisen, die man im Namen Jesu nach Versklaven ihrer Eltern bzw. dem Abschlachten ihrer Stämme durch Caucheros “eingesammelt” hat. Nun werden die Kinder christianisiert, indem ihre Sprache und Kultur, angeblich nur “Dummheit und Kannibalismus”, aus ihnen heraus geprügelt wird.

40 Jahre später findet der alte Karamakate mit dem Botaniker Evans in Chorrera eine Sekte vor, die sich um einen irren Messias schart, Reisende mordet und das “Schlechteste beider Welten” in sich vereint. Theos Assistent Manduca ist ein befreiter Kautschuk-Sklave mit furchtbaren Narben auf dem Rücken. Er bekommt einen Wutanfall, als sie im Wald auf einen Indigeno treffen, der offenbar durch Abschneiden des rechten Armes zum Kautschuk-Sammeln verdammt wurde. Wenn Theo durch den Belgier Bijovet verkörpert wird, weckt dies Erinnerungen an die Kongogräuel, jenen Kautschuk-Völkermord, durch den der Belgische König Leopold II zu sagenhaftem Reichtum kam. In Belgisch-Kongo wurde Hunderttausenden die rechte Hand abgeschnitten, viele Millionen starben. Ciro Guerra bietet jedoch keine billige Lösung an, etwa durch Besiegen des Caucheros in Indiana-Jones-Manier. Er zeigt Grausamkeit und Leiden in einer glaubwürdigen Handlung, die zum Nachdenken anregt.

Entlarvte Filmklischees

Ciro Guerra bricht nicht nur mit eingefahrenen Erzählstrukturen, Filmklischees und Sehgewohnheiten, er parodiert und entlarvt sie geradezu –von leichter Hand fast nebenbei. Er dreht einen Film über den Amazonas, man erwartet grünen Dschungel, bekommt aber einen Schwarzweißfilm. Das Format suggeriert zeitweise einen Dokumentarfilm nach dem Muster: Weißer Ethnologe zeigt uns exotische Indianer. Doch wenn dort vor gönnerhaft lächelnden Forschern die Eingeborenen tanzen würden, so sehen wir hier den Anthropologen Theo, wie er vor den johlenden und klatschenden Indigenos Volkstänze seiner deutschen Heimat zeigt.

Im Kanu diktiert Theo seinem treuen Gehilfen Manduca einen Brief an seine Frau im fernen Deutschland, die er womöglich nie mehr wiedersehen wird. An dieser Stelle würde in klassischer Hollywoodmanier die Gefühlsorgel aufgedreht, um dem Zuschauer qua Weichzeichner und Filmmusik die schmalzigen Gefühle zu geigen, die er oder sie haben soll. Zielzustand: Wahlweise in platt manipulierter Rührung versinken (Frauenfilm) oder sich (Actiongenre) in gerechter Mordlust auf den nächstbesten Feind stürzen zu wollen, der uns das Schnulzidyll versalzen hat. Nicht so bei Ciro Guerra, der Karamakate fragen lässt, was denn Manduca da für den Weißen mache. Manduca erläutert belustigt, dieser drücke seiner Frau seine Gefühle aus, was auch den Schamanen zu unbändigem Lachen reizt. “Und wenn du wieder in Deutschland bist, wirst du dann mir deine Gefühle ausdrücken?”, fragt der heitere Weise den erbosten Weißen.

Der Schamane ist dabei kein stereotyper “Weiser Medizinmann”, Schamane_Filmbild2sondern schalkhaft und im Alter ratlos. Der alte Karamakate steht hilflos neben Evans vor einer mit Indigeno-Symbolen bemalten Felswand und kann nicht mehr erklären, was sie bedeuten. Sogar den Kokabrei Mambe muss Evans für die beiden zubereiten –der Schamane hat alles vergessen. (Das wäre etwa so, als würde man Albert Einstein vor einer Tafel mit seinen Formeln finden, doch er bekennt, nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee kochen zu können.) Doch Karamakate findet im Lauf der Reise zu seinen Kenntnissen über halluzinogene Pflanzen zurück und weiß sie auch anzuwenden.

Der psychedelische Yakruna-Trip wird eindrucksvoll inszeniert: als einzige Farbsequenz in einem Schwarzweißfilm lässt er beim Zuschauer plötzlich die Neuronen der Sehrinde feuern, so dass die halluzinogene Wirkung fast nachempfunden werden kann. Anfangs womöglich noch leicht an die entsprechende Szene in “2001 –Odyssee im Weltall” angelehnt, entführt er uns rasch in mythische Bilderwelten der Indigenos. “El abrazo de la serpiente” ist sicherlich ein Film, den man mehrmals sehen sollte.

Die historischen Personen

Die beiden von Ciro Guerra und seinem Drehbuch-Koautor Jaques Toulemonde vorgeführten weißen Forscher sind historische Personen. Deren Werk wird vom Film gewürdigt, besonders Theodor Koch-Grünberg (1872-1924), eigentlich Theodor Koch, der den Namen seines hessischen Geburtsortes wie damals nicht unüblich anfügte, und auch Theodor von Martius genannt wird. Koch-Grünbergs Aufzeichnungen sind heute das einzige, was von vielen Indigeno-Kulturen übrig blieb, er gilt auch als Pionier der anthropologischen Fotografie.

Sein im Film gezeigtes Buch über die Baniwa “Zwei Jahre unter den Schamane_Filmbild1Indianern” erschien 1910 (also, anders als in der Filmhandlung, 14 Jahre bevor er in Brasilien an Malaria starb). Der Freiburger Professor erforschte die Flussläufe von Rio Xingu, Yapura, Rio Negro und Rio Branco, dokumentierte vor allem die Kultur der Pemón (Arekuna und Taulipang) im Dreiländereck von Venezuela, Brasilien und der Kooperativen Republik Guyana. Die Pemón genießen eine gewisse Bekanntheit, weil die Regierung von Venezuela in ihrem Namen das Berliner Kunstprojekt “Global Stone” seit 2013 auf Rückgabe eines 30 Tonnen schweren heiligen Steins verklagt.

Richard Evans Schultes (1915-2001), der Koch-Grünbergs Spuren folgte, gilt als Klassiker der Ethnobotanik mit speziellem Interesse an halluzinogenen Pflanzen –er publizierte 1980 zusammen mit dem LSD-Entdecker Albert Hofmann. Der Havard-Botaniker Schultes forschte hauptsächlich in Kolumbiens Amazonasregion und soll die unwahrscheinliche Zahl von 24.000 Pflanzenarten klassifiziert haben, darunter 2000, die von indigenen Kulturen als Heilpflanzen genutzt wurden; gut 120 Arten tragen seinen Namen. Ab den 60er-Jahren setzte er sich für den Erhalt von Indigeno-Kulturen und Regenwald ein und klärte seine Studenten in Havard darüber auf, dass dort im letzten Jahrhundert schon über 90 indigene Kulturen vernichtet wurden; 1986 errichtete Kolumbien ein Naturschutzgebiet etwa von der Größe des Libanon als “Sector Schultes”, so sein Nachruf in der NYT.

Filmkritik erschien auch auf Telepolis

Literatur, Quellenangaben

Evans Schultes, Richard u. Albert Hofmann: The Botany and Chemistry of Hallucinogens, 2nd ed. Springfield 1980.

Koch Grünberg, Theodor: Zwei Jahre unter den Indianern: Reisen in Nordwest-Brasilien, 1903–1905. 2 Bände. Ernst Wasmuth, Berlin 1909/1910.

Filmtitel: Der Schamane und die Schlange, Originaltitel: El Abrazo de la Serpiente; (Argentinien, Kolumbien, Venezuela 2015); Laufzeit: 125 Minuten; Kinostart in Deutschland: 21.04.2016; Regie: Ciro Guerra: Drehbuch: Ciro Guerra, Jacques Toulemonde Vidal; Darsteller: Nilbio Torres, Antonio Bolivar, Brionne Davis, Jan Bijvoet, Miguel Dionisios Ramos, Nicolás Cancino, Yauenkü Migue; Produktion: Cristina Gallego, Raúl Bravo, Marcelo Cespedes, Horacio Mentasti; Festivals: Cannes 2015, lief auf der Berlinale im Sonderprogramm NATIVe für indigenes Kino, 2016 Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film.

Thomas Barth ist Psychologe, Kriminologe, Medienwissenschaftler und lehrt an der Hamburger Volkshochschule

Siehe auch: Belo Monte am Rio Xingu

Tod den Hippies! Es lebe der Punk!!

Filmkritik von Thomas Barth für filmverliebt.de

Deftiger Autorenfilm von Oskar Roehler: Eine klamaukafkaeske Ekelsex-Ödipusdramödie; die grelle Welt von Sex, Drogen und Paranoia im Westberlin der 80er Jahre, selbsttherapeutische Abrechnung eines schrillen Zeitgenossen mit Schulzeit, Eltern und Ödipuskomplex. Kein politischer Bildungsfilm.

Robert (Tom Schilling), ist Roehlers 18-jähriges Alter Ego aus seinem autobiographischen Roman „Herkunft“ (2011), der in „Die Quellen des Lebens“ eine erste schrille Verfilmung erlebte. „Tod den Hippies“ geht mit surrealen Flashlights sparsamer um. Robert erlebt seine Schulzeit als eine Hölle der Hippies. Hassfigur ist der Politik-und-Sozialkunde-Lehrer, der, von den hübschesten Schülerinnen angehimmelt, marxistische Parolen abfragt und dabei eitel seine Hippiemähne zurückwirft. Im Lehrerzimmer und auf den Gängen des Gymnasiums sitzt das Kollegium im Schneidersitz meditierend mit kreisenden Joints und zelebriert ein nie endendes Woodstock für Oberstudienräte. So weit, so surreal.

“Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!”: Kritik zum deftigen Autorenfilm von Oskar Roehler
Roberts (Tom Schillig, links) erste eigene Bude in Westberlin

Roberts einziger Kumpel heißt Gries. Er ist ein schwuler Nazi, der es noch viel schlechter hat als der Jungpunker, denn er ist hässlich, dumm, brutal und laut. Nur sein deutscher Schäferhund liebt ihn und umgekehrt. Gemeinsam ist den beiden Außenseitern, dem Punk und dem Nazi, vor allem ihr Hass auf Hippies, Motti: „Scheiß-Hippies, verdammtes Gesockse“ und „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“

Die Masse der Schüler sind treudoofe 68er-Mitläufer und basteln Schilder für Demos, die unter Führung der bekifften Pädagogen stattfinden. Roberts Schülerliebe ist ein ähnlicher Alptraum, seine altkluge Freundin plant schon jetzt Studium und Karriere bis zur Pensionierung. Sie will, dass beide wegen der finanziellen Sicherheit „auf Lehramt machen“ und flippt aus als Robert sich einen Irokesen schneidet. Damit treibt sie ihn endgültig in die Flucht, denn Robert will kein Kuscheln im Plüschpullover mehr, sondern Latex, High Heels und pralle Möpse.

Auch Gries, der in der Schule zwar von alten Nazi-Verbindungen seines Vaters zum Rektor zehrt, bekommt Schwierigkeiten: Er kann nur schwer geheim halten, schwul zu sein –denn betrunken grölt er immer “Arschficken für alle” und nüchtern ist er selten. Probleme bekommen Gries und Robert auch wegen der Schülerstreiche der beiden, gegen die derbste „Fuck you, Goethe“-Szenen wie „Lindenstraße“ wirken. Anschlagziel wird gut ödipal natürlich der eitle Oberlehrer-Hippie, eine weitere Vaterfigur. Am Ende kratzt Robert die Kurve, bricht die Schule ab und flüchtet aus seiner spießigen Schülerliebe , aber vor allem aus dem Flower-Power-Schulhorror, während hinter ihm ein paar schwerbewaffnete Übeltäter seine Gewaltphantasien als zünftiges Schulmassaker in Szene setzen.

Westberlin – Berlin (West)

So macht sich Robert auf nach Westberlin, Fluchtziel für viele 18jährige, nach denen damals das Kreiswehrersatzamt greifen wollte: In Berlin (West) gab es keine Wehrpflicht, ein guter Tipp, wenn man weder Neigungen zu Bundeswehr noch zum Zivildienst (womöglich alten Leuten den Hintern putzen) verspürte. Doch er kommt vom Regen in die Traufe, denn die schöne neue Welt von Sex, Drogen und Punkmusik gibt es nicht umsonst für den jung-nihilistischen Poeten („Ich schreibe vom Tod“). Tagsüber schrubbt er die Kabinen einer Peep-Show, fühlt sich aber zu Höherem berufen (“Die wichsen hier wie die Weltmeister, Mann, ich komm kaum nach. Das ist nix für mich, ich bin Künstler, Mann.”), später muss er sogar Kotbeutel von Pflegeheimpatienten entleeren, die Senoiren verfolgen ihn als Zombies in seine Träume –Roehler spart nicht mit Ekelszenen.

Roberts Eltern werden ebenfalls eklig dargestellt, besonders die Mutter deftig und prall verkörpert von Hannelore Hoger („Bella Block“). Sie will Robert zum Mord am Erbonkel überreden, während sein Vater (Samuel Finzi) als düsterer Lektor, Verleger und Kassenwart der RAF (Rote Armee Fraktion) auf 200.000 DM Restbeute sitzt und den Sohn mal drohend, mal kumpelhaft mit seinen kruden Moralvorstellungen traktiert: „Der Mann sollte beim Sex immer oben liegen, klassische Missionarsstellung. Du allerdings wurdest von hinten gezeugt.“

Trotzdem genießt Robert die Freiheit in der anarchisch-punkigen Subkultur und verbringt die Nächte in der Kreuzberger Bar “Risiko”, wo Ikonen wie Blixa Bargeld („Einstürzende Neubauten“) oder Nick Cave herumhängen. Wodka wird in Biergläsern ausgeschenkt, Koks und Punkmusik dürfen nie fehlen. Obwohl Sozialhilfe beim Amt abholen leichter ist als Brötchenkaufen („Außenbahnzuschußpauschale, Vergütungsmittelpauschale, da kriegen Sie 1475 Mark. Wenn sie mehr brauchen, können Sie morgen wieder kommen.”), wischt Robert weiter Sperma. Doch in seiner Peepshow holt Robert auch das Essen für die Models und verliebt sich in eine „Sweinebraten“-liebende Stripperin aus New York, sie gestehen sich gegenseitig den Hass auf ihre Eltern.

Oskar Roehler, der selbst 1981 im geteilten Berlin landete, greift auf eigene Erinnerungen zurück und entwirft ein grotesk-obszönes Bild vom West-Berlin der frühen 80er, das als glamouröses Schaufenster des Westens inmitten der realsozialistischen DDR lag: Eine Insel von Luxus, Exzess und Ekstase, aus der heraus nackte Mädchen mit ihren entblößten Brüsten Ostberliner DDR-Grenzern zuwinkten. Seine Darstellung der Anarchoszene zeigt trashige junge Leute, die jede Sinnsuche aufgegeben haben. Punk als Nihilismus, der in anarchischem Hedonismus, in schneller Lust mit Sex und Drogen schwelgt. Verkannte Künstler wie Robert und gebrochene Figuren wie Gries passen perfekt in diese Kulisse.

Oskar Roehler zum Thema „schwule Nazis“: „Ich liebe diese brachialen, ungeschliffenen Typen. Sie bringen Chaos in die Sache, weil ihre Ausrichtung politisch, gefühlstechnisch und sexuell unausgegoren ist. Das sind meine liebsten Nebenfiguren. Dieser Gries weiß ja im Grunde überhaupt nichts genau.“

Oskar Roehlers Eltern waren ein glückloses Schriftstellerpaar der Generation 68: Gisela Elsner und Klaus Roehler waren literarischen Hoffnungen in Westdeutschland. Die Auseinandersetzung mit seinen Eltern scheint das beherrschende Thema für Oskar Roehler zu bleiben. Schon der Film „Die Unberührbare“ setzt sich mit seiner psychisch labilen Mutter auseinander (eindringlich gespielt von der nicht verwandten Hannelore Elsner, die eigentlich Elstner heißt), die sich 1992 das Leben nahm. Damals kam sie noch vergleichsweise gut weg, im neuen Werk wird sie zu einem Muttermonster dämonisiert. In Roehlers Film „Der alte Affe Angst“ ging es dagegen um eine Vaterfigur, und auch „Die Quellen des Lebens“ arbeiten sich an der Lebensgeschichte Roehlers ab, nebst Schatten der Nazi-Zeit, geistiger Wohlstandsverwahrlosung der Oberschicht und der epidemischen Verbreitung von Gartenzwergen in deutschen Vor- und Kleingärten. Jetzt kämpft sich Oskar Roehler in „Tod den Hippies!! Es lebe der Punk“ durch einen weiteren Teil seiner Biographie, bekennt sich zu Punk, Sex und Drogen.

Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit: Ein tragikomisches Filmjuwel klagt Kälte und Effizienzdenken an

Thomas Barth
Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit: Ein tragikomisches Filmjuwel klagt Kälte und Effizienzdenken an
Eddy Marsan als Funeral Officer Mr.May

Mr.May ist ‚Funeral Officer‘ in London. Als Angestellter der Kommunalverwaltung organisiert er Beerdigungen für Menschen, die ohne Hinterbliebene verstorben sind. Wir begleiten ihn in Wohnungen, in denen die Toten ihre letzten einsamen Jahre verbrachten, wo er nach Hinweisen auf Verwandte oder Freunde sucht. Dabei sammelt er auch Lebensdaten, die er in sehr persönliche und bewegende Grabreden einfließen lässt –gehalten meist in einer leeren Kapelle.

Denn Mr.Mays Bemühungen, frühere Bekannte der Verstorbenen zu einer Teilnahme am Begräbnis zu gewinnen, verlaufen oft frustrierend. Meist wollen ehemalige Freunde und zerstrittene Verwandte nicht an den Zeremonien zum Andenken mit den Toten teilnehmen. Doch der wortkarge ‚Funeral Officer‘ lässt sich nicht entmutigen und tut weiter seine Pflicht, das Gedenken an die einsam Verstorbenen scheint sein einziger Lebensinhalt zu sein. Sein etwas makabres Hobby: In einem Photoalbum sammelt er daheim wie in einem Familienbuch Bilder der Toten. An schönen Tagen geht er Probeliegen auf dem wunderschön unter Bäumen gelegenen Grabplatz mit Blick über den ansonsten britisch-kargen Friedhof.

Der schlanke Staat: Gnadenlos auch mit den Toten

Mr_May_und_das_Fluestern_der_Ewigkeit_-_PlakatDoch Mr.Mays Sorgfalt, Pflichtgefühl und Respekt passen nicht zur neoliberalen Lehre von der Heiligen Effizienz, mit der ein managerhafter Vorgesetzter die fristlose Entlassung des ‚Funeral Officer‘ begründet. May bittet sich einige weitere Tage aus, um seinen letzten Fall würdig abschließen zu können: Ein Billy Stoke starb in seiner verwahrlosten Behausung genau gegenüber von John Mays eigener Wohnung. Filmemacher Uberto Pasolini (nicht verwandt mit Paolo Pasolini, aber Neffe von Luchino Visconti) wollte am Thema von Einsamkeit und Tod auch den Verlust von Menschlichkeit in unserer neoliberalen Gesellschaft anprangern.

„Welchen Wert misst die Gesellschaft individuellem Leben zu? Warum werden so viele Leute vergessen und sterben vereinsamt? Ich denke, dass die Qualität unserer Gesellschaft im Grunde durch den Wert bestimmt wird, den sie ihren schwächsten Mitgliedern zuerkennt. Die Art und Weise, wie wir mit den Toten umgehen, reflektiert den Umgang in unserer Gesellschaft mit den Lebenden.“ Uberto Pasolini

Auch in Deutschland obliegt die Bestattung mittellos Verstorbener ohne Angehörige den Kommunen. Als wachsendes Großstadtphänomen gibt es seit 2004 eine rasant steigende Zahl von „Sozialbestattungen“, bei denen die Angehörigen nicht über die finanziellen Mittel für eine Beisetzung verfügen. Die Zahl dieser Fälle ist seit 2004 um zwei Drittel gestiegen, was auch mit der Streichung des „Sterbegelds“ der gesetzlichen Krankenkassen unter der Regierung Schröder zu tun hat –so hat der Filmverleih von „Mr.May“ recherchiert. Eine Nachfrage bei den Hamburger Friedhöfen bestätigt dies.

„Leichen sind zu bestatten. (…) Für die Bestattung haben die Angehörigen zu sorgen. Wird im Todesfall niemand tätig, veranlasst die zuständige Behörde die Überführung der Leiche in eine Leichenhalle. Wird für eine in eine Leichenhalle eingelieferte Leiche kein Antrag auf Bestattung gestellt, so kann die zuständige Behörde vierzehn Tage nach Einlieferung die Bestattung in einer Reihengrabstätte eines Friedhofes veranlassen.“ §10 Hamburger Bestattungsgesetz

Die Durchführung von Amtsbestattungen werden in Deutschland von den Kommunen ausgeschrieben, der günstigste Anbieter bekommt in der Regel den Zuschlag. Anders als im Film sind die Sterbeorte jedoch vor allem Krankenhäuser und Altenheime, seltener Privatwohnungen. Von dort werden die ohne Angehörige Verstorbenen von einem durch die Polizei verständigten Leichentransporter abgeholt und in die Verstorbenenannahme auf dem Öjendorfer Friedhof gebracht, teilt die Hamburger Friedhofsverwaltung mit. Der Öjendorfer Friedhof zählt nicht zu den schöneren der Stadt, er liegt abgelegen  weit im Osten Hamburgs. 2003 wurde ein Gedenkstein mit dem Schriftzug „Zukunft braucht Erinnern“ am Gräberfeld der Vergessenen  aufgestellt und seit 2007 gibt es sogar Blumenschmuck und eine Kerze für jeden Verstorbenen. Im Film kommt es schlimmer: Mr.May muss in stummer Erbitterung mit ansehen, wie nach seinem Rauswurf der Manager-Bürochef mit einer Angestellten im Business-Kostüm die Asche etlicher Toter lieblos auf den Rasen kippen.

Eddie Marsan überzeugt als Mr.May

Der bislang nur aus Nebenrollen bekannte Eddie Marsan zeigt sich als Hauptfigur von Format in diesem Film, der zurecht in Venedig mit dem Regiepreis und in Edinburgh mit dem Preis für den Besten Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde. Sein stilles, ausdrucksstarkes Spiel, sein trockener Humor und seine tiefe Menschlichkeit berühren den Zuschauer. Mit fast trotziger Leidenschaft stürzt sich Mr.May in seine letzten Ermittlungen zum Fall Billy Stoke, die er detektivisch genau führt. Er findet Arbeitskollegen, alte Armykumpel und sogar eine Tochter, von der Billy nichts wusste. Der Film gewinnt bei dieser Expedition in das Leben eines schon fast Vergessenen an Farbe und Tempo, ohne seinen ruhigen, manchmal humorvollen Blick auf die Problematik von Sterben und Tod zu verlieren. Etwa wenn Officer May in der Großbäckerei, wo Billy einst tätig war, Verständnis für die strengen Hygienevorschriften äußert und gefragt, ob er auch im Nahrungssektor sei, antwortet: „Nein, ich arbeite mit Menschen… die nicht mehr backen.“

Sogar eine subtile politische Botschaft kristallisiert sich heraus: Gegen die kaltherzige Exekution betriebswirtschaftlicher Direktiven durch den aalglatten Manager der Londoner Stadtverwaltung gewinnt der tote „Big Billy“ Stoke immer mehr an Format: War er nur ein verkommener Säufer? Ein Raufbold und Berufsversager? Oder verlor er seinen Job, weil er sich für die Kollegen im Betriebsrat einsetzte, ein Arbeiterkämpfer? Beim Wühlen in Billy’s verkorksten Familienleben findet Mr.May am Ende, ohne dass der Film dabei ins Kitschige abgleitet, zarte Anfänge einer Liebe. TV-Zeitschriften werden künftig wohl das Prädikat „Filmjuwel“ für „Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit“ bemühen.  (Publiziert auch auf filmverliebt.de)

BtmBookThomas Barth (Hg.): Bertelsmann – Ein globales Medienimperium macht Politik

Medienwissenschaft Rezensionen

Barth, Thomas

  • Nr. 1 (2012) – Buch, Presse und andere Druckmedien
    Stephan Weichert, Leif Kramp:
    Die Vorkämpfer. Wie Journalisten über die Welt im Ausnahmezustand berichten  Angaben zum Artikel  PDF
  • Nr. 1 (2011) – Medien / Kultur
    Rainer Kuhlen (Hg.): Information: Droge, Ware oder Commons?
    Wertschöpfungs- und Transformationsprozesse auf den Informationsmärkten  Angaben zum Artikel  PDF
  • Nr. 3 (2009) – Medien / Kultur
    Johannes Raabe, Rudolf Stöber, Anna M. Theis-Berglmair, Kristina Wied (Hg.):
    Medien und Kommunikation in der Wissensgesellschaft  Angaben zum Artikel  PDF
  • Nr. 2 (2011) – Perspektiven
    Wikileaks, Netzmedienrecht und der Chaos Computer Club.
    Ein Bericht zum 27. Chaos Communication Congress (27C3) in Berlin 2010 Angaben zum Artikel  PDF
  • Nr. 2 (2008) – Perspektiven
    Hackersubkultur zwischen Web 2.0 und Bürgertrojaner.
    Der 24. Chaos Communication Congress (24C3) in Berlin 2007  Angaben zum Artikel  PDF

Klagenfurter Bestiarium 2012

Spinnen mit stumpfen Zähnen: Das Bestiarium von Klagenfurt

Thomas Barth08.07.2012      

Kinder, Sex und Tiere dominieren die Bachmann-Tage 2012

Dies sei ein „durchschnittlicher Jahrgang“ urteilte ein Text-Gourmet aus der Verlagsszene über die 2012 ins Rennen gegangenen Jungautoren bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur (TDDL). Vierzehn Nachwuchsliteraten wurden dort wie üblich verkostet, also nach allen Regeln der philologischen Kunst geschlachtet, tranchiert und dem Publikum serviert. Sie hoffen auf ein Preisgeld und eine Karriere im Literaturbetrieb. mehr