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Was verschweigt der Film „Im Labyrinth des Schweigens“?

Thomas Barth Im Labyrinth des Schweigens

Letztes Jahr hatten die „Großen Frankfurter Auschwitz-Prozesse“ 50.Jubiläum; „Im Labyrinth des Schweigens“ erzählt die Vorgeschichte im Adenauer-Deutschland ab 1958. Retrofans der 50er kommen mit diesem Justiz-Thriller nebst Love-Story bei Petticoat und Zuckerguss voll auf ihre Kosten. Politisch Interessierte weniger, denn außer dem Aha-Erlebnis, dass im Nachkriegsdeutschland keiner wusste wo Auschwitz lag und Nazi-Verbrechen als Propaganda der Alliierten Siegermächte abgetan wurden, hat der Film wenig Neues zu bieten.

Erst vom 20. Dezember 1963 an wurde das Wort „Auschwitz“ in Westdeutschland bekannt, später wurde das Vernichtungslager zum Symbol des größten Menschheitsverbrechens, des Holocaust der Nazis an den Juden. Der Film von Ricciarelli lässt zwei historische Personen auftreten, Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss) und Journalist Thomas Gnielka (Andre Szymanski) und fasst die ab 1958 von Bauer mit dem Fall Auschwitz beschäftigten drei Staatsanwälte in seiner Heldenfigur zusammen: Nachwuchsjurist Johann Radmann (Alexander Fehling) langweilt sich bei Verkehrsdelikten und greift nach der Chance einen Mörder zu jagen als Gnielka vergeblich versucht, Strafanzeige gegen einen Nazi-Mörder zu erstatten.

Gnielka und Radmann rennen bei der westdeutschen Justiz gegen Wände von Schweigen, Lügen und Selbstgerechtgkeit. Sie freunden sich an und stoßen nach einer feuchtfröhlichen Pettycoat-Party durch einen Zufall auf Originaldokumente aus Auschwitz: Endlich konkrete Beweise, die zu konkreten Personen führen. Er jagt vor allem Lagerarzt Dr.Mengel, den personifizierten Nazi-Unmenschen, erwischt wird aber nur Schreibtischtäter Eichmann und zwar nach Tipps von Bauer durch den Mossad.

Bei den Zeugenvernehmungen der Auschwitz-Überlebenden verzichtet Ricciarelli auf Details der Verbrechen. Er zeigt nur die Reaktionen in Gesichtern der Zuhörer, die weinend aus dem Raum flüchtende Gerichtssekretärin steht für die emotionale Aufarbeitung des Traumas im Film. Ansonsten bleibt noch der psychische Kampf des Jungjuristen mit Schuld und Grauen, er trinkt und sogar seine neu gefundene Liebe gerät dabei in die Krise. Das verbissene Schweigen des Adenauer-Deutschlands zu den Nazi-Verbrechen bringt Radmann an den Rand des Aufgebens. Soweit so gut.

Aber der Film verpasst die Chance, Fakten zu präsentieren, die auch heute noch verschwiegen werden, obwohl die Story sie ihm quasi vor die Füße legt: Adenauers Westdeutschland wurde mit regiert von einem Mann, der schon in Hitlers Großdeutschland ein führender Kopf war: Hans Maria Globke, „der starke Mann“ hinter dem greisen Langzeit-Kanzler Adenauer, hatte den Massenmord an deutschen und europäischen Juden juristisch und administrativ vorbereitet.

Globke war so etwas wie Eichmanns Vorgesetzter, hatte zumindest die Basis gelegt für die Verbrechen des Schreibtischtäters Eichmann, dessen Verhaftung durch den Mossad 1960 Teil der Filmhandlung ist. Eichmann hatte den Transport der Juden nach Auschwitz organisiert, aber Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt Globke hatte sie dem Nazi-Regime dafür ans Messer geliefert. Globke hatte allen deutschen Juden ein „J“ in die Ausweise stempeln und sie dabei von den Meldeämtern identifizieren und erfassen lassen. Eichmann wurde in Jerusalem hingerichtet, Globke machte Karriere, bestimmte die Leitlinien westdeutscher Politik und bekam einen Orden dafür. Diese Fakten, die westdeutsche Historiker nur undeutlich in ihre Bärte nuscheln, fehlen in Schulbüchern und sind weithin unbekannt, besonders bei den immer noch zahlreichen Fans von CDU-Kanzler Adenauer und seiner Partei.

Das „Labyrinth des Schweigens“ empört sich über das Verschweigen der Verbrechen Eichmanns damals, macht aber mit beim Verschweigen der Verbrechen Globkes, das bis heute andauert. Das Verschweigen hatte damals und hat bis heute ideologische Gründe. Gerade jetzt, wo zum aktuellen Mauerfall-Jubiläum wieder mal der „DDR-Unrechtsstaat“ verdammt wird, kann man Zweifel am viel gepriesenen BRD-Rechtsstaat offensichtlich nicht gebrauchen. Doch der DDR-Unrechtsstaat hat Globke 1963 den Prozess gemacht und ihn in Abwesenheit zu Lebenslänglich verurteilt, wenn auch mittels tölpelhaft gefälschter Beweise.

Anders als die kleine DDR ließ der BRD-Rechtsstaat Millionen Nazi-Verbrechen wie Raub, Folter, Vergewaltigung, Totschlag seelenruhig verjähren, selbst Massenmörder blieben unbehelligt. Im „Großen Auschwitz-Prozess“ verurteilte man nur 20 Mörder, nach dem in den 50ern sogar noch viele Nazi-Verbrecher begnadigt wurden, die alliierte Gerichte für Jahrzehnte hinter Gitter geschickt hatten. Auch das erwähnt unser Justiz-Thriller nicht, wühlt stattdessen in der zerquälten Psyche seines fiktiven Helden, der entdecken muss, dass sogar sein eigener Vater Nazi war. In platter, fast schon unfreiwillig komischer Küchenpsychologie jagt der Held im Traum Nazi-Monster Mengele, der dreht sich um und –Schock: Vor ihm steht des Helden verehrter Erzeuger. Auf diese von Sigmund Freud inspirierte Horror-Einlage hätte man gern zugunsten des weit monströseren Themas Globke und seiner NS-Blutschutzgesetze verzichtet.

Der Film entfaltet so sein eigenes „Labyrinth des Schweigens“, die DDR kommt genauso wenig vor wie der Kalte Krieg, der mit seiner antikommunistischen Paranoia die Adenauer-BRD ebenso prägte wie das Amerika der McCarthy-Zeit. Mit ein paar Klicks auf Wikipedia hätten die Drehbuchautoren weitere interessante Fakten zum Eichmann-Prozess finden können: Der Nazi-Massenmörder hatte ein Interview gegeben, in dem er auch Hans Globke nannte. Die Regierung Adenauer fürchtete den Skandal und ließ ihre Kontakte zur CIA spielen. CIA-Boss Allan Dulles verhinderte, dass Globke in der vom US-Magazin LIFE publizierten Version des Eichmann-Interviews erwähnt wurde. Der Kinobesucher erfährt davon auch heute nichts, nur Gemunkel über hohe Tiere, die schützende Hände über alte Nazis halten –obwohl man längst Ross und Reiter nennen kann.

Doch wir wollen nicht zu hart urteilen: Immerhin nimmt sich der Film des Themas Auschwitz überhaupt einmal abseits der Gedenktage an. Weite Teile der deutschen Kultur und Medien neigen bis heute zu einer ideologisch verzerrenden, abwiegelnden Darstellung der Nazi-Verbrechen. So widmet das Bertelsmann-Universal-Lexikon Auschwitz ganze acht Zeilen, das Wort „Aufzug“ bekommt elf, die Aum-Sekte des Japaners Shoko Asahara immer noch fünf; Adenauer glänzt über 33 Zeilen, auf denen freilich Hans Globke fehlt, zu dem sich überhaupt kein Eintrag findet. Und auch der deutsche „Qualitätsjournalismus“ in Gestalt der Süddeutschen Zeitung machte beim Thema Auschwitz-Prozess im letzten Jahr keine allzu gute Figur:

„Der Jurist, weißes, leicht ungeordnetes Haar und Hornbrille, fläzt etwas verdreht im Sessel, raucht. Er muss dem Fernsehpublikum nicht mehr vorgestellt werden: Es ist Hessens Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Sein Name steht in den 1960er-Jahren stellvertretend für eine scharfe Abrechnung mit der NS-Vergangenheit, die vielen Deutschen zu weit geht (…) Rachsüchtig nennen sie ihn in der Nachkriegszeit. ‚Haben Sie in Ihrer blinden Wut denn noch nicht verstanden‘, so schreibt der Verfasser eines typischen Schmähbriefs,‘dass einem sehr großen Teil des deutschen Volkes die sogenannten Nazi-Verbrecher-Prozesse längst aus dem Hals hängen! Gehen Sie doch dorthin, wohin Sie gehören!!!‘“ SZ, 20.12.2013

Wohin sollte Fritz Bauer gehen? Wohl kaum zur Hölle oder nach Jerusalem –der Altnazi meinte in seinem Schmähbrief offensichtlich die DDR und wollte damit Fritz Bauer als Kommunisten denunzieren , was aber weder die Süddeutsche 2013 noch der Film von Ricciarelli 2014 auch nur anzudeuten wagen.

Der jetzt auch in Deutschland angelaufene Film feierte seine Premiere in englischer Sprache unter dem Titel Labyrinth of Lies schon beim Toronto International Film Festival 2014. Im Labyrinth des Schweigens, Drehbuch: Giulio Ricciarelli, Elisabeth Bartel, Regie: Giulio Ricciarelli, Darsteller: Alexander Fehling, Friederike Becht, Peter Cieslinski, Josephine Ehlert, Elinor Eidt.

SZ, 20.12.2013, R.Steinke, 50 Jahre Frankfurter Auschwitz-Prozess: Fritz Bauer – ein deutscher Held, http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-frankfurter-auschwitz-prozess-fritz-bauer-ein-deutscher-held-1.1848015 (Abrufdatum 1.10.2014)

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Philip Zimbardo: Schwarze Psychologie

Thomas Barth Das Experiment (2001) Poster

Philip Zimbardo wurde am 23. März 1933 in New York City geboren. Der emeritierte Professor für Psychologie sorgte 1971 mit seinem Stanford-Prison-Experiment für Empörung, als er das Gewaltverhalten des Menschen untersuchte. Das war zumindest seine Begründung. Aber Kritiker argwöhnten, es ginge vielmehr um Folterforschung für Geheimdienste und Militärs. Jedem Psychologie-Studenten bekannt, erreichte die ethisch fragwürdige Studie ein Millionenpublikum, als sie in einem Roman und im diesem folgenden deutschen Film aufgegriffen wurde: „Das Experiment“.

An der Stanford-Universität in Palo Alto führte Zimbardo das berüchtigte Experiment durch, bei dem 24 normale College-Studenten zufällig als Gefängniswärter oder Gefangene für ein simuliertes „Gefängnis“ ausgewählt wurden, das im Keller des Psychologiegebäudes aufgebaut worden war. Die Studenten lebten sich dort mehr und mehr in ihre Rollen ein, die „Wärter“ wurden immer sadistischer, die Gefangenen immer passiver und zeigten Anzeichen extremer Depressionen. Das Experiment sollte zwei Wochen andauern, wurde aber bereits nach sechs Tagen wegen einer drohenden Entgleisung abgebrochen.

Wikipedia rechtfertigt Zimbardos unethische Vorgehensweise damit, sie hätte zu Theorien über die Wichtigkeit der sozialen Umgebung in der individuellen Psychologie geführt. Dies ist blanker Unsinn, da diese Wichtigkeit nie bestritten wurde. Wikipedia behauptet weiter, das Zimbardo damit das Milgram-Experiment bzw. das Konformitätsexperiment von Asch gestützt, was ebenfalls zweifelhaft ist, denn zu deren Überprüfung hätte Zimbardo ein völlig anderes Studien-Design wählen müssen. Vielmehr sieht es mehr danach aus, dass man nach praktischen Anwendungen für die Faschismus-Studien von Milgram (und vielleicht am Rande auch der Theorie nach Asch) suchte. Damit wäre Zimbardo als Grundlagenforscher für die ambitionierten Gehirnwäsche-Programme der CIA und anderer US-Geheimdienste, etwa MK-Ultra und Artischocke, zu betrachten. Bei Zimbardo selbst findet man schon etwas Schuldbewusstsein, aber kein wirklich schlechtes Gewissen:

„Nach nur sechs Tagen mussten wir unser Pseudogefängnis schließen, denn was wir sahen, war erschreckend. Weder uns noch den meisten Versuchspersonen war noch klar, wo ihre Rollen begannen und wo sie endeten. Die Mehrheit von ihnen war tatsächlich zu ,Gefangenen‘ oder ,Wärtern‘ geworden und konnte nicht mehr richtig zwischen ihrer Rolle und ihrem Selbst unterscheiden.“ Philip Zimbardo 1971, „The psychological power and pathology of imprisonment

Standard-Lehrstoff Schwarze Psychologie

Jeder Psychologie-Student lernt während seines Grundstudiums den Versuch kennen, den der Stanford-Psychologe Philip Zimbardo in den 70er-Jahren durchführte: Ein erschreckter Forscher bricht ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment ab. Die Ethik der Wissenschaft hat gesiegt? Im Gegensatz zu diesem schmeichelhaften Szenario, das im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Oliver Hirschbiegels Film „Das Experiment“ immer wieder und fast immer ohne es zu hinterfragen wiedergekäut wurde, ist der dem Drehbuch zugrundeliegende Versuch jedoch ein besonders abschreckendes Beispiel für mangelhafte Ethik des psychologischen Forschers. Wissenschaftler befinden sich zwar oft im moralischen Zwiespalt, ihre Versuchspersonen im Sinne eines Experimentalaufbaus täuschen oder belügen zu müssen. Philip Zimbardo gilt jedoch als Extremist unter den Experimental-Psychologen. Seinen Probanden verabreichte er etwa Adrenalinspritzen, um Angst oder Panik zu untersuchen, und er geizte auch nicht mit Elektroschocks, wenn es um Fragen der Schmerzempfindlichkeit ging.

Oliver Hirschbiegels Film „Das Experiment“ greift auf „Das Experiment Black Box“, Mario Giordanos Krimiadaptation des Stoffes zurück, arbeitet also unter der beliebten Berufung auf „eine wahre Begebenheit“. Der studierte Psychologe Giordano folgt damit den Spuren des erfolgreichen US-Jugendbuchautors Morton Rhue, dessen Jugendpsychothriller „Die Welle“ ebenfalls auf der „wahren Begebenheit“ eines sozialpsychologischen Versuchs basierte. 1969 hatte im kalifornischen Palo Alto ein Lehrer seine High-School-Schüler zu disziplinierten Mitläufern einer fiktiven, geheimen Bewegung gemacht, die sich „The Wave“ nannte. Im Unterricht war bei der Beschäftigung mit dem deutschen Faschismus die Frage aufgekommen, wie die Nazis so großen Erfolg haben konnten. Der Lehrer beschloss, seiner Klasse eine Lektion zu erteilen und sie zu Teilnehmern eines sozialen Experimentes zu machen. Was als pädagogisches Beispiel im Sozialkunde-Unterricht gedacht war, entgleiste zu einer rasanten Übernahme faschistoider Rollenklischees durch die US-Jugendlichen.

Faschismusforschung: Adorno, Asch und Milgram

Der beliebte mediale Griff in die Gruselkiste „schwarzer Psychologie“ sollte allerdings nicht die Verdienste der experimentellen Forschungsrichtung generell in Zweifel stellen. Ähnlicher Methoden bediente sich zum Beispiel Theodor W. Adorno bei seinen legendären „Studien zum autoritären Charakter“. Im Rahmen der Konstruktion einer F-Skala der Persönlichkeit (F steht für Faschismus) täuschte auch Adorno die Versuchspersonen, ebenso Asch bei seinen Studien zur Konformität. Asch bewies, dass in einer konformen Gruppe schon ein einzelner Kritiker die von den Mitläufern nachgebeteten Lügen enthüllen kann -nicht ganz so erfolgreich wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, aber beinahe. Diese Forschung machte Mut zum Widerstand gegen totalitäre Bestrebungen.

Mit Täuschungen arbeitete auch der lobenswert experimentierende Faschismus-Forscher Milgram: Er ließ seine Probanden einem angeblichen Opfer im Nebenzimmer Elektroschocks verabreichen. Unter Leitung eines als Autoritätsperson auftretenden Forschers sollten die Freiwilligen (ganz normale US-Bürger) die Voltzahl der elektrischen Schläge, die als Bestrafungen in einem angeblichen Lernexperiment gerechtfertigt wurden, immer weiter steigern. Wenn die Probanden angesichts von (vorgetäuschten) Schmerzensschreien aus dem Nachbarzimmer Bedenken anmeldeten, beharrte die weiß bekittelte Autoritätsperson auf einer weiteren Durchführung. Der Forscher behauptete, es sei alles harmloser, als es sich anhöre, und übernahm jede Verantwortung für den Ausgang der Bestrafung. Unter diesen Bedingungen steigerten die meisten der Versuchspersonen die Stromschläge immer weiter, trotz lauter werdender Schreie des vermeintlichen Opfers. Gruselig und durch aus zur Erklärung für Grausamkeit in totalitären Organisationen geeignet: Einige Probanden verabreichten Stromstöße sogar über einen letzten markerschütternden „Todesschrei“ hinweg -die konstruierte Situation hatte alle zivilisierten Hemmungen und Gewissensbisse offenbar außer Kraft gesetzt.

Manchen Beobachtern erschien besonders bedrückend, dass Faschismus-Tendenzen auch in den USA nachweisbar waren. Denn Adorno und Milgram bewiesen mit ihren Untersuchungen unter anderem, dass Autoritätshörigkeit bis zur Mittäterschaft bei der grausamen Misshandlung Wehrloser keine spezifisch deutsche Eigenschaft ist. Vielmehr erwies sich Adornos psychologischem Blick der Autoritarismus als in der Mittelschicht verbreitete Haltung. Er sah sie unter anderem gekennzeichnet von Konventionalität, Unterwerfung unter einen Vorgesetzten oder Führer, Abwehr des Fantasievollen, Neigung zu Aberglauben sowie Aggression gegen Abweichler von Gruppenstandards. Wenn man fundamentalistischen Bibelglauben als eine Form gesellschaftlicher Konventionalität von Aberglauben in den USA bewertet, scheint diese Eigenschaft dort weit verbreitet zu sein. Die Toleranz mit Abweichlern ist zumindest in Filmdarstellungen vom US-Schulalltag auch eher nicht Teil der Sozialisation. Eine autoritaristische Grundhaltung lag vermutlich vielen Versuchspersonen nicht ferner, als sie bei deutschen Probanden vermutet werden dürfte.

Original-Filmaufnahmen von Milgrams Faschismus-Experimenten werden heutigen Psychologie-Studenten gezeigt. Bilder aus Philip Zimbardos „Pseudogefängnis“ sah man jedoch noch nicht überall, obwohl die Insassen und Wärter dort zwar heimlich, aber  eifrig gefilmt wurden (angeblich soll an einigen Universitäten solches Material verwendet werden). Was aber steht als wissenschaftliche Fragestellung hinter dem unethischen Psycho-Experiment, auf das sich Hirschbiegels Thriller „Das Experiment“ bezieht?

Zimbardos „Theorie der Deindividuierung“

Der Stanford-Psychologe Zimbardo suchte mit diversen Methoden nach einer Bestätigung seiner „Theorie der Deindividuierung“. Der Begriff erklärt in der Tradition der klassischen Massenpsychologie das Auftreten moralisch verwerflichen bzw. grausamen Verhaltens durch unter bestimmten Bedingungen nachlassende „Selbstaufmerksamkeit“. Eine Störung der Selbstaufmerksamkeit ergibt sich zum Beispiel aus neuen, unstrukturierten Situationen, unklarer Verantwortungslage, gefühlsmäßiger Erregung, sinnlicher Überreizung (z. B. laute Musik) und Anonymität. Aber vorweg gesagt: Das Vorliegen solcher Bedingungen hat keinerlei entschuldigende Wirkung für kriminelle Grausamkeiten. Der voll verantwortliche Erwachsene hat sich genug im Griff zu haben, um sein Gewissen auch bei Lärm etc. in Funktion zu halten.

Oberflächlich betrachtet ähnelt Hirschbiegels Drehbuch tatsächlich Zimbardos berüchtigtem Gefängnisexperiment. Zimbardo zielte auf die Schaffung einer neuen, unstrukturierten Situation mit diffuser Verantwortung der anonymen Wärtergruppe. Deren Ausrüstung bestand aus Uniformen, Schlagstöcken, verspiegelten Sonnenbrillen. Die Kleidung der Gefangenen zielte dagegen auf Demütigung ab. „Jeder Häftling erhielt einen Umhang … Unterhosen erhielten die Häftlinge nicht (sodass sie in weiblicher Haltung zu sitzen gezwungen waren), aber sie bekamen eine leichte Kette mit Schloss um ein Bein, Gummisandalen und eine Art Nylonstrumpf als Kopfbedeckung, um etwaige Unterschiede in der Haartracht der Häftlinge unsichtbar zu machen„,  berichtet Peter Watson in seinem Werk „Psycho-Krieg: Möglichkeiten, Macht und Missbrauch der Militärpsychologie„.

Der Fim verharmlost Zimbardos Experiment

Realität und Darstellung im Film weisen aber einen entscheidenden Unterschied auf: Im Gegensatz zu Hirschbiegels Version war Zimbardos Gefangenen jedoch nicht einmal bewusst, dass sie sich in einer Experimentalsituation befanden.  Auf eine von den Wissenschaftlern um Zimbardo geschaltete Zeitungsannonce in Palo Alto meldeten sich über 70 Studenten. Der Stanford-Professor wählte aus dieser Gruppe 24 normale gutbürgerliche Einwohner von Palo Alto aus und verteilte sie per Münzwurf auf die beiden Rollen seines Szenarios. Dann wurden sie erst einmal wieder nach Hause geschickt.

Die zwölf Wärter wurden später teilweise eingeweiht, aber auch auf ihre totalitäre Aufgabe eingeschworen: Vor allem die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung unter Anwendung von Mitteln ihrer Wahl, ausgenommen physische Gewalt. Die Gefangenen erhielten Nummern, auch auf der Vorder- und Rückseite ihrer Kittel angebracht, die sie zwecks Entmenschlichung statt ihrer Namen zu verwenden hatten. Die ausgefeilten Bedingungen sprechen eher gegen eine allgemeinere psychologische Fragestellung zur Anfälligkeit von Menschen für Totalitarismus. Zu sehr wurde bereits an der Effektivität der Entmenschlichung justiert, zu wenig wurde über Missbrauchsmöglichkeiten der so entstehenden Forschungsergebnisse durch totalitäre Staaten bzw. Institutionen nachgedacht.

Zimbardos Labor-Gefängnis war schon vom Aufbau her jenseits wissenschaftlicher Ethik und vermutlich auch strafrechtlicher Legalität. Drei Zellen befanden sich im Keller der Stanford-Universität, die Originaltüren der Laborräume waren durch gefängnisartige Gittertüren ersetzt worden. Das Flurstück davor war „Gefängnishof“ und wurde an den Enden mit Holzwänden geschlossen, durch Löcher in den Wänden wurde heimlich gefilmt, durch eine Sprechanlage wurden die Probanden ferner auch abgehört. Dieser Versuchsaufbau dürfte nach damaligem US-Recht ein illegaler Eingriff in die Bürgerrechte der als Opfer teilnehmenden Studenten gewesen sein.

Besonders heimtückisch aber war der Zugriff auf die Opfer des Experiments geplant: Die zwölf Häftlinge wurden durch die lokale Polizei, deren Hilfe Zimbardo sich versichert hatte, angeblich unter Verdacht eines Raubes festgenommen. Sie wurden wie Verdächtige erkennungsdienstlich behandelt und mit verbundenen Augen vom Streifenwagen im Keller der Stanford-Universität abgeliefert. Es entstand also die Illusion, einem tatsächlichen Zugriff der Staatsgewalt ausgesetzt zu sein. Bei Hirschbiegel melden sich die Probanden einfach zum Experiment.

Gut getroffen hat der Film jedoch die Brutalität der Situation, denn erschreckend war an Zimbardos Experiment die wachsende Begeisterung der Wärter für ihre im Verlauf immer aggressiver ausgeübte Tätigkeit. Noch verstörender wirkt die bei Zimbardo beschriebene Passivität der Gefangenen, die weder Widerstand noch Solidarität zeigten. Einige versuchten zwar, ihre Entlassung durch Bitten zu erwirken und verlangten einen Anwalt. Sie wurden vor ein „Tribunal“ unter Vorsitz Zimbardos geführt, das ihnen gnädig eine Prüfung ihres Ansinnens versprach, und ließen sich dann in ihre Zelle zurückführen. Nun waren seine Versuchspersonen gut angepasste US-Bürger, die vermutlich meist der Mittelschicht entstammten. Ob andere Gruppen ebenso willfährig gewesen wären, darf zum Glück bezweifelt werden. Der Kinofilm lässt die Handlung hier dramatischer werden, bis zur erfolgreichen Revolte. Dies opfert einerseits die Dokumentation der Befriedigung von Zuschauerbedürfnissen und erzählt ein Heldenepos, wo man vor deprimierender Realität warnen könnte. Andererseits macht es Mut immerhin zum Widerstand durch dieses Vorbild.

Hätte Zimbardo ins Gefängnis gehört?

Philip Zimbardo legt Wert darauf, dass die Einsperrung niemals mit Gewalt oder deren expliziter Androhung durchgesetzt wurde. Er hielt das offenbar fälschlich für die ethische Grenze wissenschaftlichen Handelns. Sogar das deutsche Strafrecht (als absolutes ethisches Minimum menschlichen Handelns) sieht das jedoch anders: Nicht nur mit Zwang und Gewalt kann der Straftatbestand einer Freiheitsberaubung erfüllt werden, sondern auch mit List, worunter spätestens die simulierte Verhaftung der Probanden zu subsummieren wäre. Zimbardo und seine Helfer Craig Haney und Curtis Banks hätten sich nach diesen Maßstäben eigentlich vor Gericht verantworten müssen.

Der Militärpsychologie-Kritiker Peter Watson bezweifelt jedoch, dass Zimbardos Studie überhaupt auf die Erforschung der Sozialpsychologie des Gefängnisses abzielte. Die beträchtlichen Gelder dafür erhielt die Universität von Stanford nach Watsons Recherchen vom Office of Naval Research, also von der Marineforschung. Viele Merkmale des Zimbardo-Gefängnisszenarios deuten in der Tat eher auf eine Studie zu militärischen Gefangenenlagern bzw. auf Verhör- und Folterforschung und die US-Marine ist für ihre Militärpsychologie berüchtigt.

1975 sprach Peter Watson, so berichtet er in seinem Buch,  in Oslo auf einer Nato-Konferenz zu Stress und Angst mit einem US-Militärpsychologen namens Dr. Narut, der auf Versuchsergebnisse zur Bewältigung von „Tötungsstress“ aus war. Auf Watsons Nachfragen erklärte Narut dem Kollegen leutselig, es ginge um die Ausbildung von Kommandoeinheiten der Marine, die als Botschaftspersonal getarnt im Ausland „illegale Tötungen“ durchführen sollten: Es ging um Killer. Ziel war also die Vorbereitung von Staatsverbrechen übelster Sorte, wie sie die Westmedien in ihrer Filmindustrie tausendfach den Kommunisten, Chinesen und Russen andichtete, die sich mit finsteren schwarzen Schnurrbärten bzw. den gern auch so benannten „Schlitzaugen“ durch die Agentenfilme mordeten. James Bond, Emma Peel und John Steed (Serie dt. „Mit Schirm, Charme und Melone“) töteten dagegen, wenn überhaupt, nur die übelsten Schurken und nur in Notwehr. Von solcher als Kriegspropaganda zu bewertenden Produktion der westlichen Kulturindustrie ist der Kinofilm „Das Experiment“ glücklicherweise weit entfernt.

Filmemacher und ihre Angst vor der Politik

Enttäuschenderweise übergeht Hirschbiegels Film aber den politischen Hintergrund (also den Kalten Krieg) der unethischen Methoden des Ursprungsexperiments. Nur ein einziger Nebensatz des Drehbuchs nennt ominöse „Gelder von der Bundeswehr“, fragt aber nicht nach deren Zweck. Und zur „Ausgewogenheit“ (nach diesem kurzen Anfall kritischen Denkens) proklamiert ausgerechnet der zu Abhärtungs- oder Testzwecken eingeschleuste stramme Major der Luftwaffe (Christian Berkel) die Menschenrechtserklärung in die Videokameras der Psychologen, bis die Wärter ihn fesseln und knebeln. Noch dazu wird ausgerechnet der taffe Major dann zum Retter für den geqälten Querulanten Moritz Bleibtreu -was eine schöne Imagepflege für die Bundeswehr in den Film integriert.

Psychologische Forschung wurde von Hirschbiegel somit als solche nicht hinterfragt bzw. auf das allgemein Menschlich-Pathologische reduziert. Dabei wäre die Frage nach den eigentlichen Auftraggebern und Hintergründen der Zimbardo-Versuche der spannendere, aber eben auch politischere Thrillerstoff gewesen. Und sobald ein Film politisch zu werden droht, so wird Filmemachern heute wohl eingebläut, wollen die Zuschauer ihn nicht mehr sehen, weil sie dann mit dem gefürchteten „erhobenen Zeigefinger“ belehrt werden könnten. Aber könnte dies nicht vielmehr ein von anderen „erhobenen Zeigefingern“ in Filmhochschulen gelehrtes Klischee sein, mit dem Zweck, die kulturelle Hegemonie der westlichen Machteliten zu schützen? Bei „Das Experiment“ wäre jedenfalls mehr Politik sicherlich drin gewesen, ohne den Film langweilig zu machen. (Eine Kurzfassung dieser Film- und Psychologie-Kritik erschien als „Im Auftrag des Heeres“ in der taz)

PsyWar: CIA-Programm Artischocke und MK-Ultra

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Artischocke /Karelj CC3.0

Thomas Barth

Warum regt sich so wenig Protest gegen die Politik der US-Regierung in der eigenen Bevölkerung? Woher haben die US-Herrschaftseliten ihre immense Macht über das Denken der Amerikaner? Eine Antwort gibt der Blick auf die Geschichte ihrer psychologischen Forschung. Die Erlangung von Kontrolle über das menschliche Gehirn wurde seit den 50er Jahren energisch verfolgt, vor allem von der CIA. Der Name der Projekte: „Artichoke“ und MK-Ultra.

Der frischgebackene CIA-Direktor Allen W. Dulles hielt am 10.April 1953 seine berühmte Brain-Warfare-Rede. Diese Rede war der Startschuss für das wohl ambitionierteste bekannte Forschungsprogramm zur Beherrschung des menschlichen Geistes in der Geschichte. Durchgeführt wurde es als Projekt „Artichoke“ (Artischocke) unter der Ägide des damals noch jungen US-Geheimdienstes CIA, später als Programm MK-Ultra.

Direktor Dulles beschwor eine „Schlacht um die Köpfe der Menschen“, die es angeblich „gegen die Sowjets“ zu gewinnen gelte. Dabei dachte er nicht an bessere Argumente. Für diese Schlacht bedürfe es dringend, wirksamere Mittel der psychologischen Kriegsführung zu entwickeln. Allen W. Dulles startete ein Programm unter Führung namhafter Psychiater wie Dr.Cameron, der sich als Präsident der US-Psychiatervereinigung A.P.A. auch als Chef des streng geheimen MKULTRA-Programms der CIA engagierte. Dort wurden verbrecherische Menschenexperimente aus dem KZ Dachau fortgesetzt, deren führender Nazi-Arzt, der stellvertretende Reichsärzteführer Dr. Kurt Blome, dafür eigens amnestiert und angeworben worden war.

Das streng geheime CIA-Programm „Artichoke“, später „MK ULTRA“, fasste Ansätze von Geheimdiensten der US Army, US Navy und anderen zusammen, die man rückblickend als Manipulations-, Verhör- und Foltertechniken bezeichnen muss (Hypnose, Drogen, Elektroschocks). Schon vor ihrer praktischen Anwendung forderten diese Methoden zahlreiche Opfer, da zu ihrer Entwicklung illegale Menschenversuche stattfanden. Mit diesen Versuchen verstießen die USA gegen den Nürnberger Ärztekodex, wie jüngst Egmont R. Koch und Michael Wech in ihrem Buch „Deckname Artischocke: Die geheimen Menschenversuche der CIA“ (Bertelsmann Verlag, München 2002) nachwiesen bzw. in ihrer gleichnamigen preisgekrönten Fernsehdokumentation (Link vom WDR aus dem Netz entfernt).

In 1964, Richard Helms, the CIA’s Deputy Director for Plans, responded to a question from J. Lee Rankin, the General Counsel for the President’s Commission on the Assassination of President Kennedy, about Soviet brainwashing techniques. Mr. Helms suggested that the Soviets were locked in a „battle for the minds of men.“
Helms was echoing Allen Dulles, who, as the newly installed Director of the CIA, had addressed a national meeting of Princeton alumni on April 10, 1953, at Hot Springs, Virginia, as follows. In the past few years we have become accustomed to hearing much about the battle for men’s minds-the war of ideologies -and indeed our Government has been driven by the international tension we call the ‚cold war‘ to take positive steps to recognize psychological warfare and to play an active role in it. I wonder, however, whether we clearly perceive the magnitude of the problem, whether we realize how sinister the battle for men’s minds has become in Soviet hands. We might call it, in its new form, „brain warfare“. The Helms memorandum was classified in 1974 and is Warren Commission document no. 1131. The Dulles speech was excerpted in U.S. News and World Report (May 8, 1953), p. 54, under the title „Brain Warfare-Russia’s Secret Weapon.“

U.S. Human Rights Abuse Report, Cheryl Welsh, January 1998

Die in A.W.Dulles Rede erstmals öffentlich legitimierten geheimen Experimente verfolgten das Ziel, der Bedrohung durch „kommunistische Gehirnwäsche“ entgegen zu wirken – und der amerikanischen Außenpolitik „dirty tricks“ bereit zu stellen. Der Auslandsgeheimdienst CIA pflegte enge Beziehungen zum US-Außenministerium, insbesondere 1953 unter Außenminister John Foster Dulles, dem Bruder des neu ernannten CIA-Direktors Allen W. Dulles. In den USA herrschte Paranoia vor sowjetischer Infiltration. Anti-kommunistische Hexenjagden sollte vor der unheimlichen Seuche marxistischen Gedankengutes schützen. Einer teuflischen Ideologie, die aufrechte Amerikaner in willenlose Marionetten gefühlloser Gleichmacherei verwandeln konnte – wie im Film „Die Invasion der Körperfresser“.

Ein Mensch konnte nicht durch eigenes Denken, durch eigene Entscheidung zum Kommunisten werden. Dass Kommunismus z.B. vor dem Absinken eines Staates zur Plutokratie schützen konnte, leuchtete den Dulles-Brüdern nicht ein. Der Gedanke an eine Plutokratie, also der Herrschaft reicher Familienclans, die ihren Sprösslingen Amt und Macht kaufen, lag den DullesBrüdern natürlich fern – ihr Großvater hatte ebenfalls schon das Amt des US-Außenministers bekleidet.

Die Bedrohung durch „kommunistische Gehirnwäsche“ hatte sich auch im Koreakrieg gezeigt, als die Koreaner ab 1951, später auch die Chinesen den US-Streitkräften den Einsatz geächteter biologischer Kriegsführung vorwarfen (u.a. Pestbakterien und Anthrax). US-Piloten, die mit ihren Bombern abgeschossen wurden, gaben dies in koreanischer Gefangenschaft öffentlich zu.

The CIA program, known principally by the codename MKULTRA, began in 1950 and was motivated largely in response to alleged Soviet, Chinese, and North Korean uses of mind-control techniques on U.S. prisoners of war in Korea. Because most of the MKULTRA records were deliberately destroyed in 1973 by order of then-Director of Central Intelligence Richard Helms, it is impossible to have a complete understanding of the more than 150 individually funded research projects sponsored by MKULTRA and the related CIA programs. ACHRE Report, Chapter 3, Supreme Court Dissents Invoke the Nuremberg Code: CIA and DOD Human Subjects Research Scandals

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Camp Detrick Biowaffenlabor

Für die USA ein klarer Beweis für eine Gehirnwäsche im Dienste der kommunistischen Propaganda, so die Version, die sich in den westlichen Medien und Geschichtsschreibung durchsetzte. Bis jüngst Beweise ans Licht kamen, die auf ein US-Biowaffen-Programm in Camp Detrick hinweisen (Pentagon bestätigt nach Pressebericht Forschung an biologischen Kampfstoffen). Dort wurde mit Anthrax, Botulinus und Pest geforscht, wobei Biowaffen-Experten aus Nazi-Deutschland und Japan helfen durften, auch und insbesondere solche, die ihre Erkenntnisse durch verbrecherische Menschenexperimente gewonnen hatten.

Zur Vertuschung dieser geheimen Forschungs- und Produktionsaktivitäten kamen offenbar psychologische Techniken aus dem Artichoke-Programm zum Einsatz, auch gegen einen führenden US-Biowaffen-Wissenschaftler, Frank R. Olson. Dieser musste 1953 offenbar nach einer gescheiterten LSD-Behandlung sterben, da die CIA ihm nicht mehr traute; an der Vertuschung des Mordes waren 1975 auch der junge Richard Cheney und Donald Rumsfeld beteiligt, so das Fazit des Autorenduos Koch/Wech.

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George W. Bush

Der Sohn des Ex-CIA-Direktors und späteren US-Präsidenten George Bush, George W. Bush, sollte sich später im Amt des US-Präsidenten weigern, ein rechtlich bindendes Zusatzprotokoll zur Überprüfung der Biowaffenkonvention für die USA zu unterzeichnen (Biowaffenkonferenz in Genf gescheitert), selbst nach den Anthrax-Anschlägen in Washington 2001 – die übrigens mit Anthraxstämmen aus Camp Detrick, also aus US-Produktion, höchstwahrscheinlich von einem am Biowaffen-Programm beteiligten Mitarbeiter durchgeführt wurden (Auf der Spur der Anthrax-Briefe).

Die Entwicklung von Brain Warfare stand zur Zeit von Frank Olson erst am Anfang. Weitere Studien folgten, z.B. unter Mitwirkung des General Electric-Fernsehforschers Herbert Krugmann, der mittels EEG die Wirkung des Fernsehens auf die menschliche Psyche erforschte. Die meisten MKULTRA-Dokumentationen wurden jedoch rechtswidrig von CIA-Direktor Richard Helms vernichtet.

Heute dürften die damals entwickelten Psychotechniken um ein vielfaches weiter entwickelt worden sein. Das Internet und die digitalen Massenmedien eröffneten ein weites Feld für entsprechende Angriffe auf die menschliche Willensfreiheit. Und die Geheimdienste und Regierungen sind längst nicht mehr allein. Eine profitorientierte Medienindustrie verfügt über gewaltige finanzielle und politische Mittel, um ihre Interessen auch auf diesem Wege durchzusetzen.  Erste Version erschienen auf telepolis 10.4.03

Der Diplom-Psychologe und Diplom-Kriminologe Thomas Barth untersuchte unsere psychologische Manipulation durch die Medien auch in BtmBookeinem Buch über den größten deutschen und europäischen Medienkonzern Bertelsmann (RTL-Senderfamilie, Arvato etc.), der im Oktober 2014 auch noch den Gruner und Jahr Verlag (SPIEGEL, STERN usw.) vollständig aufkaufte: Bertelsmann: Ein globales Medienimperium macht Politik“

Gesellschaftskritik: Hartz-IV-Traumatisierung, Burn-Out und die Verantwortung der psychosozialen Berufe

Mit Beitrag von Barbara Ellwanger

Thomas Barth 

„Arbeitslos unter Hartz IV zu sein bedeutet, dass dies massiv in die Beziehungen selbst eindringt –selbst oder gerade auch in nähere, bedeutsame. Die Zerstörung der verbalen Mitteilungsfähigkeit ist ein zentrales Moment jeglicher Traumatisierung und Missbrauchserfahrung (…) Gesichertes Wissen ist, dass der Verlust der Arbeitsstelle zu den Erfahrungen gehört, die den höchsten Stressfaktor aufweisen. Diese Tatsache wurde nicht nur von den empirischen Sozialwissenschaften aufgezeigt, sondern die relevanten Symptome entsprechen auch den Trauma-Kriterien der modernen Psychotraumatologie.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger 2009, S.156 f.

In die kühle Frühlingsluft des Osterfestes 2012 drang jüngst eine Nachricht ein, die eine ganz andere Art von Kühle signalisierte –eine soziale Eiseskälte. Im Bereich der Hartz-IV-Empfänger, so die lapidare Meldung, sei es zu einem neuen Höchststand von „Absenkungen der Regelsatzzahlungen“ gekommen. Hauptgrund wären „nicht wahrgenommene Einladungen“ der Behörden gewesen. Mit dem „Regelsatz“ ist jene das Existenzminimum markierende Zahlung gemeint, von der Langzeit-Arbeitslose ihr Dasein fristen müssen: Ein Existenzminimum, welches so definiert ist, dass es gerade noch eine dem Recht auf Menschenwürde genügende Teilhabe am Reichtum unseres Landes ermöglicht. Mit deren als Maßnahme zur Disziplinierung üblichen Absenkung wird routinemäßig die soziale Teilhabe unter diese Grenze gedrückt.

Mit „Einladungen“ sind folglich wohl eher Vorladungen gemeint, strafbewehrt mit der Drohung des Verlustes eines letzten Restes an Menschenwürde. Die Schuld für verpasste Termine solcher Vorladungen wird routinemäßig bei den Hartz-IV-Beziehern gesucht, nicht bei der Postzustellung oder der Behörde. Die mit solchen teils drakonischen Einkommenskürzungen bestraften Menschen leben am untersten Rand unserer Gesellschaft, sind oft über Jahre hin ökonomisch ausgeblutet. Sie mussten alle Guthaben und Wertgegenstände ihres Familienbesitzes aufzehren, haben alle Möglichkeiten an Hilfe und Kredit aus Familie und Freundeskreis bis zur Schmerzgrenze ausgereizt.

Doch die öffentlichen Kassen, so heißt es, sind leer, die Ämter müssen sparen. Die Behörden sind angehalten, bei Hartz-IV-Beziehern ständig nach „Missbrauch“ von Leistungen, mangelnder Arbeitsbereitschaft und fehlender Disziplin zu suchen. Barbara Ellwanger kontert diesen Generalverdacht mit dem Vorwurf von Missbrauch der Behörden, begangen an ihren Schutzbefohlenen. Misstrauen und Kontrollsucht haben sich stetig verschärft, wobei sich Praktiken eingeschliffen haben, die an Drangsalierung und Schikane grenzen,

„…jene Praktiken, die erforderlich sind, um selbst noch die Regelsatzzahlung auf Teufel komm raus um weitere 30 oder 60 oder auch 100 Prozent ‚abzusenken‘. Diese Kürzungen gehören inzwischen so sehr zur gängigen Praxis, dass die blanke Willkür dabei immer unverhüllter herrscht und die Überschreitung der gesetzlichen Bestimmungen sanktions- und folgenlose Routine geworden sind.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger ebd.

Die offizielle Begründung, dies sei nötig, weil die Kassen leer seien, ist wenig glaubwürdig. Denn leer sind diese Kassen vor allem aufgrund der neoliberalen Privatisierungen und ungeheurer Steuergeschenke an Unternehmen und Wohlhabende: In den OECD-Ländern steigerten die Unternehmensgewinne seit den 90er-Jahren ihren Anteil an der Nettowertschöpfung von 33 auf 43% der volkswirtschaftlichen Leistung –auf Kosten sinkender Reallöhne. Niemand bestreitet das Vorhandensein ungeheuren Reichtums in unserer Gesellschaft, aber kaum jemand darf öffentlich von ihm reden –und schon gar nicht im Zusammenhang mit leeren Kassen, korrupter Politik und verelendeten Hartz-IV-Beziehern. Die Macht der Arbeitgeber wuchs in den letzten Dekaden, die Gewerkschaften knickten immer wieder ein. Angst vor Armut und Arbeitslosigkeit packte die Menschen, auch und gerade durch das Hartz-IV-Regime. Stramm durchgesetzter Lohnverzicht hier, explodierende Spitzeneinkommen dort, derweil die Einkommensschere immer weiter auseinander klafft und 2-4 Millionen Kinder prekarisierter Leiharbeiter bereits wieder hungrig zur Schule gehen mussten. Alles nur unabwendbares Schicksal im harten Wind des Wettbewerbs der gebetsmühlenartig gepredigten Globalisierung?

Spätestens die Finanz- und Bankenkrise ließ dabei den Verdacht aufkommen, bei einem Teil der kräftigen Umverteilung von unten nach oben ginge es nicht mit rechten Dingen zu. Es war Georg Schramm der unter der Narrenkappe des Kabarettisten als einziger in der Mainstream-Medienlandschaft gelegentlich auf eine ansonsten totgeschwiegene Entwicklung hinwies: Trotz stetig wachsender deutscher Wirtschaftsleistung stiegen seit den 90er-Jahren ausschließlich die Einkommen der obersten 10%, alle anderen stagnierten oder mussten, besonders die unteren 50% schmerzhafte Einschnitte hinnehmen. Diese Reallohnkürzung wurde durchgesetzt obwohl immer höhere Arbeitsleistungen verlangt wurden. Der Arbeitsstress wuchs, die Arbeitsverdichtung wurde gesteigert –auch dank neuer Kontrolltechnologien–, psychische Störungen nahmen zu: Die medial phasenweise beklagte „Volksseuche Burnout“ wird mit dem Verteilungs-Unrecht selten in Verbindung gebracht. Bei den untersten 10%, den Arbeitslosen, höchstens prekär Beschäftigten, sieht es noch schlimmer aus, herrscht wachsendes Elend, Hoffnungslosigkeit, selbst Hunger –spätestens die zehntausendfach verhängten „Absenkungen der Regelsatzzahlungen“ treiben die Behördenopfer in Armenküchen der „Tafeln“.

In der Arbeitswelt traten seit den 90ern vermehrt Management-Berater auf. statt betrieblicher Mitbestimmung („traditionelle Strukturen“) sollten die Beschäftigten nun nach der Ideologie des Neoliberalismus sogenannte „Eigeninitiative und Selbstverantwortung“ üben –verdichtet zur „Eigenverantwortung“. In diesem Sinne hieß es zu den massenhaft Entlassenen: „Selber Schuld“. Arbeitsplatzvernichtung nach dem Rasenmäher-Prinzip, die übrigen sollen eben mehr arbeiten, unbezahlte Überstunden und Lohnverzicht üben, sonst geht ihr Betrieb pleite und sie fallen ins Hartz-IV-Elend. Im Namen der Globalisierung enteignete Schröders rotgrüne „Agenda 2010“ Arbeitnehmer endgültig ihrer Rechte und schuf die schöne neue Arbeitswelt als Drei-Klassen-Gesellschaft: Zwischen den Lohnabhängigen und dem lohndrückenden Reserveheer der Arbeitslosen wurde das Prekariat installiert, die Working-Poor. Waren Psychologen, Sozialarbeiter, Lehrer im Widerstand gegen diese Angriffe auf die arbeitende Bevölkerung wirklich genug engagiert? Wäre entschiedener politischer Widerstand nicht ihre moralische Pflicht gewesen? Hat sich nicht sogar manch einer vor den Karren neoliberal-reaktionärer Kampagnen spannen lassen, der es eigentlich besser hätte wissen können? Etwa der Unterzeichner der dünkelhaft-elitären Pro-Agenda-2010-Kampagne „Auch wir sind das Volk“, Nobelpreisträger und SPD-Barde Grass, der sich gern für Indien und Nahost engagiert, daheim aber das Hartz-IV-Regime stützte.

 „Ein Skandal ist deshalb, dass noch keiner derjenigen Berufsverbände, die im weiteren oder engeren Sinn mit Fragen des psychosozialen Bereichs und der Ethik befasst sind, diesen üblen Grenzüberschreitungen entgegengetreten ist und sich für die fundamentalen Persönlichkeitsrechte schwacher, ja in jedem Fall sich in einer Notlage befindlichen Bürger eingesetzt hat. (…) Darf ein gesellschaftliches Leitbild des ‚nach unten Tretens/nach oben Buckeln‘ weiterhin das Leitbild der einschlägigen Berufsverbände bleiben? Ein Skandal ist auch das anhaltende Schweigen der  Gruppen und Verbände der psychosozialen Kernberufe. Sie können nicht nur die epidemiologischen Folgen der zunehmenden Verarmung erkennen, sondern sind zudem Zeugen einer Verelendung politischer Entscheidungsgrundlagen.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger ebd.

Wie konnte ausgerechnet ein SPD-Kanzler, noch dazu in Koalition mit den Grünen, die Rechte der arbeitenden Bevölkerung derartig mit Füßen treten? Eine mögliche Erklärung liegt in den Medien, insbesondere bei einem Medienkonzern: Bertelsmann, Hauptsitz Gütersloh. Dieser größte europäische Mediengigant genießt bis heute bei politisch engagierten Bürgern einen guten Ruf, bei Medienkonzentration und Bewusstseinsindustrie denkt man immer noch eher an Springer. Mit Bertelsmann werden eher die Buchclubs, Verlage und Zeitschriften (Spiegel, Stern, Geo etc.) identifiziert und weniger sein  Kerngeschäft der schmuddeligen RTL-Senderfamilie. Erst 1998 konnte der Historiker Hersch Fischler in Archiven Beweise sichern, die Bertelsmann als Komplizen der Goebbelsschen Propaganda enttarnten. Dem Konzern gelang es jedoch, eine öffentliche Wahrnehmung seiner NS-Vergangenheit nahezu zu verhindern: Erst über Publikationen in der Schweiz und den USA konnte Fischler seine Reportage wenigstens punktuell in die deutsche Medienwelt bringen. Bertelsmanns Macht reicht weit, auch bis in öffentlich-rechtliche Sendeanstalten hinein, mit deren Top-Management ein munteres Personalkarussell betrieben wird.

Dem Konzern genügte jedoch die Medienmacht nicht, er baute seine Unternehmensstiftung zu einem führenden deutschen Think Tank nach US-Vorbild aus. Heute gibt es kaum ein Politikfeld, auf dem die Bertelsmann-Stiftung –aus Steuergründen inzwischen Haupteignerin des Konzerns– sich nicht einmischt: Durch tendenziöse Studien, mediale Kampagnen, meist aber durch stille Lobbyarbeit hinter den Kulissen. Studiengebühren, Rentenprivatisierung, Sicherheitspolitik und auch der Arbeitsmarkt sind strategische Wirkungsfelder der Gütersloher Lobbyarbeit, die auch Parteien (SPD, Grüne) und Gewerkschaften z.B. mit neoliberalen Bildungskonzepten infiltrierte. Vernetzung mit Parteien und Gewerkschaften erleichterten auch die Politikberatung der Regierung von Gerhard Schröder, den nicht zuletzt Spiegel, Stern und RTL zum „Medienkanzler“ stilisiert hatten.

Ab dem Jahr 2000 lancierte Bertelsmann Studien zur angeblichen Notwendigkeit der Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe (Hartz IV); 2003 beglückte Gütersloh die Politik mit dem Grundkonzept für die Job-Center (Hartz III); die Konzeption der Personal-Service-Agenturen (Hartz I) erarbeitete Bertelsmann gemeinsam mit McKinsey und der Bundesanstalt für Arbeit. Ein mediales Trommelfeuer gegen die bisherige Arbeitsmarktpolitik setzte pünktlich zum Wahlkampf 2002 die Regierung Schröder unter Druck –die damals zum „Vermittlungsskandal“ aufgeblasene statistische Mogelei der Bundesanstalt für Arbeit erscheint heute als Petitesse: Was sind ein paar geschönte Statistiken gegen die Schneise der strukturellen Gewalt und des sozialen Elends, die von den Hartz-Reformen in das untere Drittel unserer Gesellschaft geschlagen wurde?

Hartz IV setzt die gesamte arbeitende Bevölkerung, soweit nicht als unkündbare Beamte vor Arbeitslosigkeit geschützt, unter die Drohung des sozialen Absturzes ins Bodenlose. Haus, Wohnung, Lebensversicherung sind vom Langzeitarbeitslosen aufzuzehren, bevor er eine Art reduzierte Sozialhilfe bekommt, die anstelle der früheren Arbeitslosenhilfe getreten ist. Kritiker sprechen von einer brutalen Enteignung von Arbeitnehmerrechten, Unternehmen freuen sich über billige Leiharbeiter und die Medien jubeln über eine „aktivierende“ Arbeitsmarktpolitik: Mit solch einer Drohkulisse im Nacken lassen sich abhängig Beschäftigte auspressen wie nie zuvor –Burnout und andere psychosoziale Probleme sind die Folge. Nebenbei wird ein Überwachungsregime für die ökonomisch Benachteiligten installiert, das dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung Hohn lacht: Hartz-IV-Behörden schnüffeln heute im Privatleben der Arbeitslosen nicht nur nach Anzeichen für Schwarzarbeit, sondern auch nach versetzbaren Wertgegenständen, möglicherweise unterhaltspflichtig zu machenden Sexualpartnern und selbst nach auf der Straße erbetteltem Kleingeld. Mit der behaupteten Not der staatlichen Kassen oder der Schaffung von Gleichbehandlung hat diese Praxis nichts zu tun. Mit weit geringerem Aufwand wäre bei Steuerhinterziehern sehr viel mehr zu holen und sehr viel mehr Gerechtigkeit zu schaffen, doch das wird von den Ideologen der Steuersenkung nicht gewollt. Es geht um die politische und administrative Durchsetzung von Disziplinierung, ja geradezu menschenverachtender Dehumanisierung.

Weite Teile im unteren Drittel unserer Gesellschaft leben mit steigenden Bedrohungen ihres täglichen Auskommens, ihrer Teilhabe am kulturellen Leben und ihrer Gesundheit, von ihrer Menschenwürde ganz zu schweigen. Wir müssen befürchten, dass die Reichtumssteigerung künftig immer unverschämter unter Aufbietung aller denkbaren legalen, korruptiven und kriminellen Mittel betrieben wird. Die dabei zu verzeichnende Verstrickung von korrumpierten Medien mit einer Politik, die sich willig von Lobbyisten zu Vollstreckern dunkler Interessen machen lässt, verdient es durchaus, unter dem Aspekt der Makrokriminalität unter die Lupe genommen zu werden. Wo politische Korruption und Wirtschaftskriminalität wie Zahnräder eines gut geschmierten Mechanismus ineinandergreifen, da entstehen Gesetze, die nur noch formal demokratisch zustande gekommen sind. Aus diesen Gesetzen von Lobby- oder Schmiergelds Gnaden entwickelt sich ein Staat, der zwar keine Kriegsverbrechen und Völkermorde, wohl aber Wirtschaftskriminalität großen Stils legitimiert und dessen Regime mit dem Begriff Makro-Korruption treffend beschrieben sein mag.

Makrokriminalität setzt voraus, dass im staatlich installierten Unrechtsregime moralische Bedenken der Täter „neutralisiert“ werden. Eine der Neutralisierungstechniken, die Jäger untersuchte, lag in der Dehumanisierung der Opfer durch Abwertung, Stigmatisierung und Entmenschlichung.  Wie können wohl die Verlierer der neoliberalen Umverteilungspolitik, die Outsourcing-Opfer, tarifvertragslose Working Poor, Arbeitslose, Ein-Euro-Jobber, angesichts ihrer schrumpfenden finanziellen und Handlungsspielräume das ständige Reden in den Medien von mehr Eigeninitiative und Selbstverantwortung verstehen: Nur als Abwertung und Stigmatisierung oder schon als Entmenschlichung? Und sind Psychologen und Psychologinnen gegen ein Mitläufertum bei dieser Dehumanisierung resistenter als andere? Einfach und bequemer ist es allemal, sich als „nicht zuständig“ ins Private abzuwenden oder sogar die Medienparolen nachzuplappern.

 „Diese ganze Verrücktheit aushalten zu müssen, sich gegen sie psychisch zu organisieren, ist für ALG II-Bezieher –zusammen mit dem täglichen Leben unterm Existenzminimum, der hoffnungslosen Zukunftsaussicht, der sozialen Isolation und Stigmatisierung– ein weiteres traumatisierendes Erleben. Zeuge zu sein, wie sich beim Thema Hartz IV reihenweise diejenigen in Marie Antoinettes verwandeln (‚Wenn ihr kein Brot habt, dann esst doch Kuchen!‘), von deren hinreichender Vernunft und durchdachtem politischen Handeln man abhängig wäre, ist sicher nicht nur für die unmittelbar Betroffenen schockierend.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger ebd.

Im Gegensatz zu Steuerhinterziehern, zweifelhaften Lobbyisten undBtmBook korrupten Entscheidungsträgern brauchen die medial gehetzten „Sozialbetrüger“ nicht lange auf ihre Kriminalisierung zu warten. Die Behörden sind eigentlich für die Wahrung der Menschenwürde ihrer zu „Kunden“ geadelten Hartz-IV-Bezieher verantwortlich. Doch wird ihren Mitarbeitern im Rahmen rigoroser Sparprogramme als oberstes Ziel die Eindämmung angeblich überhand nehmenden „Missbrauchs“ von Sozialleistungen eingehämmert. Auf RTL & Co. zeigt Bertelsmann täglich die pöbelnden Proleten, die ihre Kinder verwahrlosen lassen, ihr Geld für Bier und dicke Plasma-Fernseher verplempern und so dumm sind, wie die Machteliten das Volk gerne hätten. Die Botschaft: Ein solches Pack darf man ruhigen Gewissens nach Strich und Faden ausbeuten –mit diesem Stereotyp im Kopf mag sich der sensible Nobelpreis-Literat Grass lieber indischen Kindern und drangsalierten Palästinensern zugewandt haben, was ehrenwert ist, aber sein Mitlaufen bei Bertelsmann-Kampagnen für Hartz-IV nicht rechtfertigen kann. Warum fanden sich allzu lange für solche Propaganda-Sendungen auch noch Psychologen und Psychologinnen, die der Hetze ihren Segen als Experten gaben? Diese Fragen sollten sich auch LeserInnen der ehemals kritischen Fachzeitschrift „Psychologie und Gesellschaftskritik“ stellen, die in den letzten Jahren jedoch echte Gesellschaftskritik zu meiden scheint.

(April 2012, eingereicht bei  Psychologie & Gesellschaftskritik abgelehnt Mai, überarbeitet und erneut eingereicht Juni 2012, erneut endgültig abgelehnt Juli 2012)

Von Wilhelm Reich zu MKULTRA

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Wilhelm Reich

Thomas Barth

„Der Fall Wilhelm Reich“

Film-Trailer

Teil 1: Reich, die CIA und MKULTRA

Der Film des Österreichers Antonin Svoboda kommt Anfang September in die Kinos. Er zeichnet ein emotional anrührendes, aber ungenaues Bild des umstrittenen Pioniers der Psychoanalyse. Auseinandersetzungen Wilhelm Reichs mit Freud, Marx und dem Faschismus werden fast völlig übergangen. Dafür wartet Svoboda mit einer neuen Verschwörungstheorie auf: Reich wäre in MKULTRA, das Gehirnwäsche- und Folterforschungs-Programm der CIA, verstrickt worden –‚Manchurian Candidate‘ und ‚Fletchers Visionen‘ lassen grüßen.

Filmplakat

Svobodas empfehlenswerter Film kreist um die letzten Lebensjahre Wilhelm Reichs in den USA, wo man seine Bücher verbrannte, ihn psychiatrisch untersuchte und vor Gericht stellte. Viele erklärten den unbequemen Vorkämpfer einer sexuellen Befreiung schon zu Lebzeiten für verrückt, noch mehr taten das im Nachhinein. Die immer wieder kolportierte Behauptung, Reich sei „wahnsinnig“, „schizophren“ oder „paranoid“ geworden, basiert ursprünglich auf Diffamierungen aus Kreisen der Freudianer. Reich erlebte dort zunächst als Freuds Liebling einen kometenhaften Aufstieg, was viel Neid in der Jüngerschar weckte.

Die Frage „War Reich (‚am Ende‘) verrückt?“ beschäftigt seine Gegner, Interpreten und Anhänger, wobei das „am Ende“ jeweils den Punkt in Reichs Entwicklung markiert, den die Kommentatoren nicht mehr tolerieren oder begreifen können: Freudianer seinen Marxismus und seine Sexualpolitik, Marxisten seine Bion- und Orgon-Forschung, Orgon-Anhänger seine Ufo-Beobachtungen. Doch all diese Wendungen, auch die späteren, die heute phantastisch anmuten mögen, lassen sich ohne die diffamierende Annahme erklären, Reich sei wahnsinnig geworden. Umgekehrt lassen sich zahlreiche Belege dafür finden, dass Reich die Stigmatisierung „Wahnsinn“ von diversen Gegnern angehängt wurde, um ihn und seine unbequemen Ideen zu diskreditieren.

War Reich („am Ende“) verrückt?

Nach seinem Abfall von Freuds „reiner Lehre“ in Ungnade gefallen, wurde Reich in Freudianerkreisen zur Unperson erklärt und pathologisiert. Ähnliches war vor ihm schon den Dissidenten C.G.Jung, Otto Rank und Sandor Ferenczi widerfahren, über die ebenfalls Gerüchte von Unmoral, Irrsinn und Paranoia gestreut wurden – was der Freud-Kritiker Johannes Cremerius historisch belegte (S.155 ff.). Besonders unappetitlich war dabei die Praxis, intimste Details aus der (Lehr-) Analyse der Dissidenten, die unter strengster ärztlicher Schweigepflicht offenbart worden waren, mit Verleumdungen vermischt, gegen den vermeintlichen „Häretiker“ einzusetzen.

Auf solches Material greift noch heute eine bestimmte Kategorie von Journalisten zurück, um Reich als „Verrückten“ hinzustellen, etwa wenn Träume oder Phantasien angeführt werden, in denen Reich sich in Heldenpose sah – in Wahrheit narzisstische Wünsche, die fast jeder Mensch kennt, die aber keiner in die Öffentlichkeit gezerrt sehen möchte. Als letzten „Beweis“ seines angeblichen Wahnsinns werden dann oft seine schulmedizinisch nicht anerkannte Orgon-Lehre oder seine Aussagen zu Ufos in den 1950er-Jahren ins Feld geführt.

Doch sind Orgon-Anwender genausowenig wahnsinnig wie Homöopathie-Nutzer, die jenseits der Schulmedizin Heilung suchen – schlimmstenfalls nutzen sie den Placebo-Effekt. Auch Abertausende von US-Amerikanern erfreuten sich bester geistiger Gesundheit, obwohl sie in der Ufo-Hysterie der 1950er-Jahre entsprechende Sichtungen meldeten: Zeitweise glaubte die Mehrheit der US-Bevölkerung an die Aktivität von Außerirdischen.

(Abb. Gedenktafel der Berliner Wilhelm-Reich-Gesellschaft. Bild: Gedenktafel der Berliner Wilhelm-Reich-Gesellschaft. Bild: OTFW, Berlin. Lizenz: CC-BY-SA-3.0OTFW, Berlin. Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Oder tendieren manche Reich-Gegner zum „Autoritären Charakter“?

Svobodas Film ist auch eine Stellungnahme gegen die solcherart oft unreflektiert wiedergekäute „Reich-war-am-Ende-verrückt-Story“, von der bei Licht besehen wenig mehr bleibt als der Beißreflex der aufgehetzten Meute gegen einen Außenseiter. Solche Meute-Reflexe sind übrigens, um die Pathologisierung einmal umzudrehen, Kennzeichen des Autoritären Charakters: So festgestellt durch die von Reich mit seinem Buch „Massenpsychologie des Faschismus“ eingeleitete und von Adorno et al. fortgesetzte psychologische Faschismusforschung. Vornehmlich aus dieser Ecke kommt jetzt eine Flut von Film-Verrissen, die sich eigentlich – ohne genauere Sachkenntnis – gegen Reichs Ideen richten, sowie an Svobodas Adresse wohlfeile Vorhaltungen, er hätte Reich „mit zuviel Sympathie“ inszeniert.

Einem wohlwollenden oder wenigstens neutralen Blick erklärt sich Reichs zuweilen skurriles Denken und Verhalten mühelos aus seiner biographischen und zeitgeschichtlichen Situation. Wer wirklich Opfer von Intrigen, Bespitzelung und Verfolgung wird, verhält sich eben paranoid. Und die Aussagen von Ex-Frauen, auf die sich auch im „Fall Reich“ etliche Kolporteure stützen, sind von zweifelhaftem diagnostischem Wert – wie z.B. der „Fall Mollath“ belegt. Auch die wohl krasseste Pathologisierung Reichs, das Buch „Freud oder Reich?“ des Psychoanalytikerduos Janine Chasseguet-Smirgel und Béla Grunberger hält sich an Reichs Ex-Frau Ilse Ollendorff-Reich und ergänzt deren teilweise diffamierende Darstellung „vor allem durch eigene Spekulationen und Fehldarstellungen“, so eine medizinisch-historische Doktorarbeit zur Geschichte der Psychoanalyse (Peglau S.30).

Die Autoren [Grunberger & C.-Smirgel] fragen gar nicht, ob diese Theorie eine klinisch anzutreffende Wirklichkeit beschreibt, sondern deuten sie allein als Ausdruck einer Paranoia, als „wahnhaftes Bild“, das Reich „von seinem Körper hat“, als Symptom eines „Verfolgungswahns, bei dem jemand Angst davor hat, im Rektum seines Verfolgers gefangen und gelähmt zu werden“. Nur so lasse sich das Bild ringförmig um den Körper sich ziehender Muskelblockaden bei Reich erklären. Beobachtungen und Theorien werden auf dem Weg einer Pathologisierung abgetan.(Geuter/Schrauth: Wilhelm Reich, der Körper und die Psychotherapie, S.220)

Grunberger und Smirgel wollten 1976 vermutlich der Reich-Renaissance infolge seiner 68er-Wiederentdeckung eine Verteidigung der orthodoxen Psychoanalyse entgegensetzen:

  1. weil reichianische Körpertherapien als Konkurrenz zu den Freudianern mächtig Aufwind bekamen;
  2. weil mit Reich ein seit 1934 totgeschwiegener Dissident Fragen bezüglich der NS-Vergangenheit der Freudianer aufwerfen würde.

So propagierten Grunberger und Smirgel weiterhin den sorgsam gepflegten Mythos, die Psychoanalyse sei ab 1933 vom Nazi-Faschismus verboten, ja ausgerottet worden, ein Mythos, der spätestens mit Andreas Peglaus just erschienener enzyklopädischer Abrechnung „Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus“ als widerlegt gelten kann (Peglau S.25). Mit der Diagnose bzw. Bezichtigung der Paranoia durch die Freudianer steht Reich, wie wir in Teil 2 diese Artikels sehen werden, in einer Reihe pathologisierter Freud-Dissidenten, die weitere berühmte Namen wie C.G.Jung, O.Rank und S.Ferenczi aufweist.

Wahrscheinlich ist also: Reich war nicht verrückt, sondern er störte die Wiener Gemütlichkeit einer unpolitischen Psychoanalyse, die sich 1933 in Ruhe mit den Nazis arrangieren wollte. Er kämpfte mit der KPD gegen den Faschismus, später gegen den Stalinismus und am Ende in Amerika gegen die US-Behörden des McCarthy-Regimes. Psychoanalytiker und Kommunisten schlossen ihn aus ihren Vereinigungen aus, die Nazis trieben ihn ins Exil. Von der Presse als „Orgasmus-König“ denunziert und von der Justiz als Scharlatan verurteilt, starb der sechzigjährige Wilhelm Reich schließlich 1957 in einem US-Gefängnis.

Großes Gefühlskino gegen eine repressive Gesellschaft

Um diesen letzten Gerichtsprozess kreist Svobodas Film, der nicht den Anspruch einer Filmbiographie erhebt. Der Anfang folgt Mairowitz‘ Sach-Comic „Reich kurz und knapp“, wo Reich mit Sohn Peter an der Orgon-Kanone zu einem Rückblick auf seine Anfänge in der Sexualtheorie ausholt. Svoboda aber fokussiert sich dann auf die Gerichtsverhandlungen und die psychiatrische Begutachtung in Reichs letzten Lebensjahren, immer wieder unterbrochen von Rückblenden, die jedoch keinen geschlossenen Überblick über Leben und Werk der Hauptfigur vermitteln.

Reich wird als gütiger Ehemann, Vater und Arzt gezeigt, aber vor allem als Wissenschaftler, der die Entwicklung seiner Ideen und Methoden fast fanatisch vorantreibt und vor Gericht verteidigt. Stark ist die Verkörperung von Reichs widersprüchlichem Charakter durch Karl Maria Brandauer: Warmherzig, aber starrsinnig; wissenschaftlich rational, aber Gefühlen und phantastischen Ideen aufgeschlossen; strenger Moral verpflichtet, aber – vor allem geistig und sexuell – freiheitsliebend; loyal zum McCarthy-Regime, aber unbotmäßig gegenüber der Obrigkeit.

Svobodas Inszenierung eines brillanten Brandauer gelingt es mit verblüffender Überzeugungskraft, jenen Reich zum Leben zu erwecken, den die Leser seiner Werke zu kennen glauben. Gegen düstere Justizszenen stellt der Film atemberaubende Landschaftsaufnahmen aus der Wüste von Arizona und den Wäldern von Maine, wo Reich an einem ruhigen See das Orgonon-Institut gründete. Die Dramaturgie fängt atmosphärisch den Kern von Reichs Lehre ein: Die Harmonie von Natur und Leben wird durch eine repressive Gesellschaft stranguliert – der Mensch steht dazwischen, kämpft um seine Freiheit und seinen Seelenfrieden. Der Darstellung gelingt es dabei, die üblichen Stereotype einer Hollywood-Schnulze zu vermeiden, was ihm freilich von einigen schmalzverwöhnten Filmkritikern den Vorwurf „hölzerner Dialoge“ einbrachte.

Diesem großen Gefühlskino unterlegt ist eine hochbrisante Geheimdienststory, in deren Zentrum als Widersacher Reichs der Psychiater Dr.Cameron steht. Historische Tatsache ist, dass Cameron sich als Präsident der US-Psychiatervereinigung A.P.A. persönlich für die Kriminalisierung Reichs einsetzte. Der Clou von Svobodas Story: 40 Jahre später erfuhr man, dass Cameron damals Chef des streng geheimen MKULTRA-Programms der CIA war, bekannt auch als „Projekt Artischocke“. Dort wurden verbrecherische Menschenexperimente aus dem KZ Dachau fortgesetzt, deren führender Nazi-Arzt, der stellvertretende Reichsärzteführer Dr. Kurt Blome, dafür eigens amnestiert und angeworben worden war (Rippchen S.55, Boadella S.331).

Ziel Camerons war die Auslöschung der Persönlichkeit, um eine totale Gehirnwäsche zu ermöglichen, wofür der A.P.A.-Psychiater sich in Svobodas Film eines jungen Patienten von Wilhelm Reich bemächtigt. Der Orgon-Forscher steht unversehens im Fadenkreuz der US-Geheimdienste. In Reichs Orgonon-Institut schleusen FBI oder CIA Spitzel ein, setzen ihm eine hübsche junge Frau als Venusfalle in den Pelz.

Tatsache ist: Die US-Administration lieferte Reich einerseits radioaktives Material für seine Orgonforschung, erklärte jedoch später seine medizinisch eingesetzte Orgon-Box für Betrug. Die FDA (Food and Drug Administration) verbot deren Verwendung, sorgte für die Zerstörung von Reichs Gerätschaften und sogar für eine Verbrennung seiner Bücher: In den USA ein unerhörter Eingriff in Freiheitsrechte, der widersinnig damit begründet wurde, es handle sich um „Werbematerial“ für die verbotene Orgon-Box, obwohl die meisten Bücher sich nicht oder nur am Rande damit befassten.

Svoboda deutet an, es sei in Wahrheit um die Geheimhaltung von Technologie gegangen, die für MKULTRA missbraucht werden sollte. Eine Rolle spielt auch das ebenfalls strikt geheime Atomprogramm der USA, damals war über die Strahlung und ihre Wirkungen auf den Menschen noch wenig bekannt. Im Film hört man zuweilen dumpfe Detonationen von Atombombentests, was eine unheilvolle Atmosphäre schafft.

J.Edgar Hoover, McCarthy und die Atombombe

Der Film liefert jedoch nur wenig Hintergrund über Paranoia und Antikommunismus der McCarthy-Ära, wo in den USA missliebige Künstler verfolgt und Wissenschaftler hingerichtet wurden, weil sie die Sowjets über Atomforschung informiert hatten. Der Antikommunismus hatte Formen einer landesweiten Hexenjagd angenommen, die rassistischen und sexistischen Ideologien folgte. Davon sieht man bei Svoboda wenig, wie auch vom Wirken eines J. Edgar Hoover, der als graue Eminenz hinter McCarthy ab 1934 das FBI zu einem Überwachungs-Moloch ausgebaut hatte – in dessen Tradition heute die NSA und PRISM zu stehen scheinen. Militär und Geheimdienste der USA verdichten sich immer mehr zu einem geschlossenen Machtkomplex, etwa beim von FBI und Pentagon gemeinsam geplanten Biometric Technology Center in Clarksburg, zunehmend ergänzt von privaten Medien- und Netzkonzernen, die nach den menschlichen Beziehungen greifen (Barth/A.-Scheidl 2007).

Hoovers FBI belauschte alles und jeden im Dienste von „Verbrechensbekämpfung“ und homophobem Puritanismus und legte von allen wichtigen Politikern Akten an, zu denen nur Hoover Zugang hatte. Außerehelicher Sex oder gar die strafrechtlich verbotene Homosexualität machten Politiker erpressbar und das FBI sammelte Tonbänder und Fotos davon. Hoover beherrschte das FBI viele Jahrzehnte und lehnte sogar eine Nominierung als US-Präsident ab, weil er seinen Posten für bedeutsamer hielt. Wer, wie Wilhelm Reich, in dieser Zeit ins Visier der übermächtigen US-Geheimdienste geriet, hätte verrückt sein müssen, um kein paranoides Verhalten zu zeigen. Wie Teufelswerk müssen in Hoovers puritanischen Ohren Reichs Theorie des Orgasmus und seine These vom sexuellen Triebstau als Wurzel von Sadismus und politisch reaktionärer Haltung geklungen haben.

Dazu kam, dass Reich nicht nur als Ex-Marxist verdächtig war, sondern auch zum scharfen Kritiker der Atomforschung wurde. Seine Orgon-Experimente hatten ihm Gefahren der Strahlenverseuchung offenbart, über die noch wenig bekannt war. Die US-Militärs wollten aber ihre atomare Bewaffnung bzw. die Atomtests fortsetzen und die Strahlenwirkung geheim halten. Die US-Bevölkerung sollte nicht beunruhigt werden, die Sowjets sollten keine medizinischen Erkenntnisse erhalten, um sich nicht gegen einen atomaren US-Angriff schützen zu können.

Reich hatte hochbrisantes Wissen allein auf dem Gebiet des Atoms – und den Willen, es notfalls gegen das Atomprogramm einzusetzen. Reich hatte sich mit dem mächtigen Militär-Geheimdienst-Apparat der USA angelegt, damals noch staatlich, heute zunehmend privatisiert (Barth 2009 S.90 f.). Svoboda brauchte vermutlich seine dichterische Freiheit für den eingeführten Agenten-Plot nicht allzu sehr zu strapazieren.

Orgon-Prozess: Zwei Verurteilte starben

Dabei entgeht Svobodas Film sogar, dass Reich nicht der einzige Orgonforscher war, welcher der US-Justiz zum Opfer fiel. Er wurde vielmehr zusammen mit seinem Kollegen Dr. Michael Silvert von der FDA vor Gericht gebracht. Auch Dr.Silvert, der trotz FDA-Verbot einige seiner Patienten weiterhin mit der Orgon-Box behandelt hatte, erhielt dafür eine Haftstrafe, wenn auch nur von einem Jahr. Beide traten ihre Haftstrafen im März 1957 an, Reich starb im November in seiner Zelle, zwei Wochen später hätte das Gericht über seine Entlassung auf Bewährung entscheiden sollen, schreibt A.S.Neill (Neill S.447). Silvert wurde im Januar 1958 zwar entlassen, starb aber kurz darauf ebenfalls – durch Selbstmord, weil er über die Zerstörung seines Lebenswerks „tief deprimiert“ war, wie der Reich-Biograph David Boadella meint (Boadella S.387).

Die Gruppe von Anhängern und Wissenschaftlern, die Reich um sein Orgonon-Institut versammelt hatte, wurde durch Verurteilung, Inhaftierung und schließlich Tod ihrer beiden exponiertesten Vorkämpfer zutiefst getroffen. Sie wurden demoralisiert und praktisch außer Gefecht gesetzt, wie ihr Prozessbeobachter Myron Sharaf berichtet (Sharaf S.412 ff.). Silvert, Reich und die Wilhelm Reich Foundation wurden in drei Schuldsprüchen nach nur knapp 15 Minuten Beratungszeit von den Geschworenen schuldig gesprochen.

Svobodas Film ist lobenswert als Teil einer sich scheinbar anbahnenden Reich-Renaissance, die mit der Einrichtung eines Wilhelm-Reich-Museums durch die Stadt Wien begann – was dem Filmemacher wohl den Weg zu Fördergeldern öffnete. „Der Fall Wilhelm Reich“ ist jedoch in seiner Tragweite und Bedeutung kaum einzuschätzen, wenn man nicht die Hintergründe von Reichs Rolle in der Entwicklung der Psychoanalyse, von seiner politisch revolutionären Arbeit für Sexualpolitik, Freudomarxismus sowie Faschismuskritik und schließlich seine phantastisch anmutenden Entdeckungen in Biologie und Orgon-Forschung kennt.

Auf den ersten beiden Feldern ernteten Schüler, Epigonen und Nachfolger die Lorbeeren Reichscher Forschung, darunter große Namen wie Adorno, Marcuse, Fromm, Kinsey. Bei der Orgon-Thematik aber wurde Reichs Verstrickung in die 50er-Jahre-Ufo-Hysterie der USA für oberflächlich informierte Kommentatoren Anlass, Reich spöttisch als Spinner abzutun, der in seinen letzten Jahren angeblich verrückt geworden sei. Svoboda verteidigt Reich gegen derartig billige Denunziation, obgleich sich sein Film weitgehend um Sex und Politik (bzw. Freud und Marx) sowie um die schwierige Ufo-Thematik herumdrückt. In drei weiteren Teilen sollen diese Themenkomplexe hier ergänzend dargestellt werden.

Literaturverzeichnis

Vollversion des Artikels seit 4.Sept.2013 auf Telepolis
Der Fall Wilhelm Reich“ Teil 2: Psychoanalyse und Todestrieb

Freud sah in Reich seinen begabtesten Schüler, der Libidotheorie, Sexualwissenschaft und den Begriff der psychischen Gesundheit entfaltete. Selbst für orthodoxe Freudianer bleibt Reichs „Charakteranalyse“ ein Basiswerk ihrer Lehre. Reich verwissenschaftlichte die psychoanalytische Behandlungstechnik und formulierte Grundlagen psychotherapeutischer Methoden überhaupt. Viele seiner Ideen wurden nach seiner Ausschließung aus den Zirkeln der Psychoanalyse von anderen Analytikern übernommen –fast immer ohne auf ihren verfemten Urheber hinzuweisen….

Vollversion des Artikels seit 8.Sept.2013 auf Telepolis
Der Fall Wilhelm Reich“ Teil 3: Von Sexpol zum Freudo-Marxismus

Wilhelm Reich politisierte die Psychoanalyse zur sexuellen Aufklärung und kämpfte gegen die Verbote von außerehelichem Sex, Verhütung, Abtreibung, Masturbation und gegen autoritäre und repressive Erziehung. Reich gewann dafür zunächst Arbeiterbewegung und KPD als Verbündete. Die Zunft der etablierten Psychoanalytiker wollte seine Sexualpolitik nicht unterstützen und nicht einmal seinen Kampf gegen den Nazi-Faschismus. Die Freudianer grenzten Reich aus, doch nicht nur sie. Auch eine unter Stalins Einfluss prüde gewordene KPD schloss ihn aus der Partei aus. …

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Der Fall Wilhelm Reich“ Teil 4: Orgon, Ufos und Paranoia

Die Bioenergetik des Reich-Schülers Alexander Lowen entwickelte Reichs Ideen über die Psychologie und Sexualökonomie des Orgasmus weiter. Seine „Vegetotherapie“ findet heute in diversen Körpertherapien ihre Fortsetzung. Auf den ersten Blick phantastisch anmutende Erkenntnisse Reichs über die „Bione“ wurden später von der Biologie erneut entdeckt und unter dem Namen „Mikrosphären“ teilweise bestätigt. Auch die gerichtlich verfolgten und verbotenen Arbeiten aus der Reichschen Orgon-Forschung finden bis heute ihre Anhänger. …

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Quellenverzeichnis:

Barth, Thomas: 50 Jahre Brain Warfare. Artischocke, MK-Ultra und unsere tägliche Medien-Gehirnwäsche, in: Telepolis 10.04.2003, http://www.heise.de/tp/artikel/14/14578/1.html

Barth, Thomas: Das Netz der Macht. Michel Foucault zum 20.Todestag, in: Telepolis 25.06.2004, http://www.heise.de/tp/artikel/17/17734/1.html

Barth, Thomas: Heilen mit Information? Homöopathie-Gründervater Samuel Hahnemann feiert 250.Geburtstag, in: Telepolis 31.01.2005, http://www.heise.de/tp/artikel/19/19341/1.html

Barth, Thomas (Hg.): Bertelsmann: Ein globales Medienimperium macht Politik, Hamburg 2006

Barth, Thomas u. Roland Alton-Scheidl: Wem gehören die Beziehungen im Netz? Individualisierung, Ökonomie und Herrschaft im Web2.0, in: Ries, M. u.a. (Hg.): dating.21: Liebesorganisation und Verabredungskulturen, Bielefeld 2007, S.225-241

Barth, Thomas: Von Bertelsmann zu Blackwater: Die Privatisierung der Gewalt, in: Altvater, Elmar u.a.: Privatisierung und Korruption: Zur Kriminologie von Globalisierung und Finanzkrise, Hamburg 2009, S.88-98

Barth, Thomas: 60 Jahre LSD-Experimente – Operation Erleuchtung, in: Telepolis 23.12.2010, http://www.heise.de/tp/artikel/33/33846/1.html

Bechmann, Arnim: Über Wilhelm Reichs Orop-Wüste und Orgonforschung, Frankfurt/M. 1995

Bergmann, Anna: Sexualhygiene, Rassenhygiene und der rationalisierte Tod. Wilhelm Reichs ‚sexuelle Massenhygiene‘ und seine Vision von einer ‚freien‘ Sexualität, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.273-297

Boadella, David: Wilhelm Reich. Pionier des neuen Denkens. Eine Biographie, München 1998 (engl. Original ersch. 1980)

Burian, Wilhelm: Psychoanalyse und Marxismus. Eine intellektuelle Biographie Wilhelm Reichs, Frankfurt/M. 1972

Cremerius, Johannes: Der „Fall“ Reich als Exempel für Freuds Umgang mit abweichenden Standpunkten, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.141- 172

Dahmer, Helmut: Psychoanalytiker in Deutschland 1933-1951, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.173-193

Dahmer, Helmut: Wilhelm Reich, die Psychoanalyse und die  Politik, Vorwort zur Dissertationsschrift von Andreas Peglau 2013, S.11-17

Fallend, Karl und Bernd Nitzschke (Hg.): Der „Fall“ Wilhelm Reich. Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik, Psychosozial-Verlag: 2.Aufl. Gießen 2002

(Anm. Der Band bildet übrigens nicht direkt die Vorlage für Svobodas (fast) gleichnamigen Film; vielmehr entdeckte man die Namensgleichheit erst beim Vertrieb des Films und einigte sich nach Auskunft des Verlages darauf, zum Ausgleich für evtl. verletzte Urheberrechte den Pressematerialien der Filmvertriebsfirma einen Hinweis auf das Buch beizulegen, was außer mir jedoch keinen Filmkritiker inspiriert zu haben scheint, sich den Band vor Abfassen der Filmbesprechung zu Gemüte zu führen –was wiederum das Überwiegen der Verrisse von Reich bzw. Svoboda erklären könnte. T.B.)

Fallend, Karl: „Otto Fenichel und Wilhelm Reich. Wege einer politischen und wissenschaftlichen Freundschaft zweier „Linksfreudianer“, in: Fallend/Nitzschke S. 31-81

Fromm, Erich: Sigmund Freud. Seine Persönlichkeit und seine Wirkung, Frankf./M. 1980, (Or.1959)

Geuter, Ulfried u. Norbert Schrauth: Wilhelm Reich, der Körper und die Psychotherapie, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.197-227

Hartmann, Sebastian u. Siegfried Zepf: Sankt Wilhelm –oder die wahre Wahrheit eines ‚wahren Sozialisten‘, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.229-252

Koch, Egmont R. und Michael Wech: Deckname Artischocke: Die geheimen Menschenversuche der CIA, München 2002

Köhler, Thomas: Das Werk Sigmund Freuds Bd.1, Frankfurt 1987

Konitzer, Martin: Wilhelm Reich zur Einführung, Hamburg 1992

Körbitz, Ulrike: Zur Aktualität sexualpolitischer Aufklärung im post-sexuellen Zeitalter, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.253-271

Laska, Bernd A.: Wilhelm Reich, Reinbek 1981

Lassek, Heiko: Über Wilhelm Reichs Bionexperimente, Frankfurt/M. 1995

Mairowitz, D.Z. u. G.Gonzales: Reich kurz und knapp (Sach-Comic), Frankfurt 1995

Neill, A.S.: Der Mensch Reich (W.Reich Memorial Vol., Nottingham 1958), dt.Fassung in: Boadella S. 438-450

Nitzschke, Bernd: „Ich muss mich dagegen wehren, kaltgestellt zu werden“, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.83-139

Peglau, Andreas: Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus (als Dissertationsschrift angenommen von der Berliner Charité 2012), Psychosozial-Verlag: Gießen 2013; Peglau liefert die vollständigste und aktuellste Bibliographie zu Reich, der nur die Reich-Biographie von Rycroft entgangen zu sein scheint.

Raknes, Ola: Wilhelm Reich und die Orgonomie, Frankfurt/M. 1973 (Original Oslo 1970).

Reich, Wilhelm: Die Entdeckung des Orgons I: Die Funktion des Orgasmus. Sexualökonomische Grundprobleme der biologischen Energie, Frankfurt/M. 1983 (Original 1927, erw.Neuaufl. 1942) –Quellennachweise für Reich-Werke jeweils anhand der fett gesetzten Jahreszahl-

Reich, Wilhelm: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Frankfurt/M. 1981 (Original 1932, 2.erw.Neuaufl.)

Reich, Wilhelm: Charakteranalyse, Frankfurt/M. 1983 (Original 1933a, erw. Neuaufl. 1949)

Reich, Wilhelm: Massenpsychologie des Faschismus. Zur Sexualökonomie der politischen Reaktion und zur proletarischen Sexualpolitik, Amsterdam 1980 (Original 1933b)

Reich, Wilhelm: Die sexuelle Revolution: Zur charakterlichen Selbststeuerung des Menschen, Frankfurt/M. 1975 (Original 1935)

Rippchen, Ronald: Operation Erleuchtung. 60 Jahre LSD-Experimente, Löhrbach 2011

Rudolph, Christian: Über Wilhelm Reichs Oranur-Experiment (II), Frankfurt/M. 1997

Rycroft, Charles: Reich, London 1971

Sharaf, Myron R.: Der Prozeß gegen Wilhelm Reich, in: Boadella S. 395-419

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Links zu Psychoanalyse, Sigmund Freud und Wilhelm Reich:
Fallend/Nitzschke: Der „Fall“ Wilhelm Reich –Vorwort zur Neuausgabe 2002 (mit Bibliographie)

Wilhelm Reich: Der genitale und der neurotische Charakter. Untersuchungen über die libido-ökonomische Funktion des Charakters, in: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XV 1929 (Heft 4), S.435-455

Wilhelm Reich: Die charakterologische Überwindung des Ödipuskomplexes, in:Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XVII 1931 Heft 1,S.55-72

Umstrittener Reich-Artikel nebst anti-kommunistischer Replik des Reich-Gegners Bernfeld (nach Intervention Freuds ins Heft aufgenommen)  und Reichs Bemerkung dazu:

Wilhelm Reich: Der masochistische Charakter. Eine sexualökonomische Widerlegung des Todestriebes und des Wiederholungszwanges 303-351/Siegfried Bernfeld: Die kommunistische Diskussion um die Psychoanalyse und Reichs „Widerlegung der Todestriebhypothese“ 352-385/
Wilhelm Reich: Abschließende Bemerkungung zur „Gegenkritik“ Bernfelds 386, in: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XVIII 1932 Heft 3

Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie I 1934 Heft 1

Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie (1935)

Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie Band III Heft 1/2 (8/9) (1936)

Wilhelm Reich (1935) Masse und Staat. Zur Frage der Rolle der Massenstruktur in der revolutionären Bewegung. [Politisch-psychologische Schriftenreihe der Sex-pol IIIa] (1935)

Alessio Tognetti: A Research in the History of Wilhelm Reich’s Ideas and the Search for Evidence Through his Cloud Buster Machine (2002)

Audio/visuelle Medien

Wilhelm Reich and the Orgonomy of Anarchism (Audio)

Film

Wilhelm Reich – Man’s Right to Know (2002) Documentary on Wilhelm Reichs „The Mass Psychology of Fascism“

Links zu Sigmund Freud:

The Complete Works of Sigmund Freud

Freud: Gesammelte Schriften VI. Zur Technik / Zur Einführung des Narzissmus / Jenseits des Lustprinzips / Massenpsychologie und Ich-Analyse / Das Ich und des Es / Anhang (1925)

Sigmund Freud zur Verleihung des Goethepreises 1930, in: Psychoanalytische Bewegung II 1930 Heft 5 (1930)

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Die Wilhelm Reich SexPol-Bewegung

Die SexPol-Tradition geht auf die Berliner Zeit von Wilhelm Reich zurück (1930-33).
Sexuelle Ökonomie, die neben der Wirtschaft das Leben bestimmt, sollte ein revolutionäres Forum und eine politische Organisation erhalten. Psychoanalyse und KPD vereitelten diesen Versuch und so blieben die sexuellen Gesellschaftsprozesse weitgehend privat. Die 68er Studentenbewegung erkannte erneut das politische-sexuelle Gesellschaftspotential und gründete in Berlin die SexPol Nord. Sie ging leider in andere politische Organisationen auf und konnte sich auch 1969 nicht erneut reformieren.  (Mehr…)   http://www.wilhelm-reich-sexpol.de/

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Repressionsfreie Erziehung: A.S Neill’s Summerhill School

Der Reformpädagoge A.S.Neill war bis zuletzt ein sehr guter Freund von Wilhelm Reich. Neill sah die Psychologie von Reich als Basis seiner Pädagogik, Reich sah seine Ideen einer repressionsfreien Erziehung von Neill verwirklicht. Reich gab seinen Sohn Peter auf die Schule von Neill: Summerhill. Die Schule wurde 1921 von Neill in Dresden (Deutschland) gegründet, zog bald nach Österreich um, wo die Katholische Kirche jedoch unwirsch reagierte -Neill übersiedelte 1923 nach Südengland in die Stadt Lyme, wo Summerhill noch immer floriert.

Summerhill ist eine Demokratische Schule in Leiston (Suffolk, England) und gilt als eine der ältesten demokratischen Schulen der Welt. A. S. Neill gründete sie 1921 zu einer Zeit, als Reformpädagogik populär war. Die Anfänge von Summerhill liegen in der „Neuen deutschen Schule“ in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden. Die „Neue deutsche Schule“ vereinigte viele Strömungen der deutschen Reformpädagogik. Neill war auf Grund des günstigen Wechselkurses zwischen englischem Pfund und Reichsmark in der Lage, einer der wesentlichen Geldgeber dieser Schule zu sein, und gliederte ihr eine „internationale Schule“ an. Die strikte Moral der von der deutschen „Wandervogel“-Jugendbewegung her kommenden Reformpädagogen (sie lehnten z.B. Tabak und Alkohol ab) ließ Neill bald nach Österreich umsiedeln, nach Sonntagberg, wo es jedoch zu Konflikten mit der örtlichen Bevölkerung und Kirche kam. Nach weiteren  Problemen mit den österreichischen Schulbehörden gab Neill die Eröffnung einer Privatschule  im Mai 1924 auf und ging nach Südengland.

Derzeit wachsen rund 90 Kinder und Jugendliche verschiedener Nationen im Alter von 5 bis 17 Jahren in dem Internat auf. Nach dem Tod des Gründers im Jahre 1973 übernahm seine Frau Ena und ab 1985 ihre Tochter Zoë Neill Readhead die Schulleitung. Neills Ideen über die Schule sind u.a. auf seinem Vorbild Homer Lane begründet. Es gab eine „Schulgemeinde“, in der die Kinder und Lehrkräfte wichtige Fragen des Schulalltags gleichberechtigt regelten. Neill legte drei Hauptmerkmale von Summerhill fest:

  1. „Self-government“ (Schüler-)Selbstregierung
  2. freiwilliger Unterrichtsbesuch
  3. Werkstätten für die Schüler

Den Kindern wurde somit viel Freiheit gegeben, jedoch waren sie nicht frei von Regeln. Es galt das Prinzip freie Erziehung und nicht frei von Erziehung, wie es in den 1960er Jahren während der Studentenbewegung in Deutschland missinterpretiert wurde, siehe hierzu auch die Problematik des Begriffs antiautoritäre Erziehung, den A.S. Neill selbst nie verwendete. Neill bezeichnet seine Praxis als selbstregulative Erziehung.

A.S.Neill wollte es den Kindern ermöglichen, ihr eigenes Leben zu leben, nicht das, was ihnen Autoritäten wie Eltern oder Erzieher vorschreiben: The function of the child is to live his own life – not the life that his anxious parents think he should live, nor a life according to the purpose of the educator who thinks he knows best.

Im Jahr 1999 war Summerhill, u. a. wegen des freiwilligen Unterrichts, von der Schließung durch die Schulbehörden bedroht. Der Gerichtsprozess vor dem Independent Schools Tribunal im März 2000 ging überraschend zu Gunsten der Schule aus. Das Gericht stellte fest, dass sich Lernen nicht immer notwendigerweise im Unterricht ereignen müsse, und unterband die außergewöhnlich häufigen Inspektionen der Schule.  (Wikipedia)

A.S Neill’s Summerhill School, a co-educational boarding school in Suffolk, England, is the original alternative ‚free‘ school.
Summerhill was founded in 1921 by A. S Neill, a Scottish writer and rebel.
He created a community in which children could be free from adult authority. The school and his ideas became world-famous through Neill’s writings and lectures, his books are still published worldwide. In the late 60s Neill’s success at Summerhill was finally recognised and he was awarded honorary degrees from the Universities of Newcastle, Exeter and Essex. He was also recognised amongst the top 12 men and women who have influenced British schooling during the last millennium by the Times Educational Supplement (31.12.1999).

Founded in 1921, Summerhill still  continues to be an influential model for progressive, democratic education around the world.
Link: http://www.summerhillschool.co.uk/

History:

Summerhill was founded in 1921 in Hellerau, a suburb of Dresden. It was part of an International school called the Neue Schule. There were wonderful facilities there and a lot of enthusiasm, but over the following months Neill became progressively less happy with the school. He felt it was run by idealists – they disapproved of tobacco, foxtrots and cinemas – while he wanted the children to live their own lives. He said:

I am only just realising the absolute freedom of my scheme of Education. I see that all outside compulsion is wrong, that inner compulsion is the only value. And if Mary or David wants to laze about, lazing about is the one thing necessary for their personalities at the moment. Every moment of a healthy child’s life is a working moment. A child has no time to sit down and laze. Lazing is abnormal, it is a recovery, and therefore it is necessary when it exists.

Together with Frau Neustatter (later his first wife), Neill moved his school to Sonntagsberg in Austria. The setting was idyllic – a castle on top of a mountain – but the local people, a Catholic community, were hostile. By 1923 Neill had moved to the town of Lyme Regis in the south of England, to a house called Summerhill where he began with 5 pupils. The school continued there until 1927, when it moved to the present site at Leiston in the county of Suffolk, taking the name of Summerhill with it.

Neill continued to run the school with Mrs Lins, as she was known, until the war required evacuation of the Leiston house and they moved to Ffestiniog in Wales. Mrs Lins became ill, requiring constant nursing, and eventually died. Neill later married a staff at the school, Ena Wooff – who had helped to nurse Mrs Lins as well as cooking and being a housemother at the school. After the war they returned to Leiston to a dilapidated Summerhill which had been used by the army and left in a poor state. Neill referred to this for many years afterwards, having to put much work into restoring the buildings and cleaning them up.

The school continued to be controversial, being depicted in the press as the „Do As You Please“ school. Neill, however, did have the respect of many educationalists and well-known personalities such as, among others, Bertrand Russell and Henry Miller.

Pupil intake fluctuated over the years before taking a final dive in the late 50s. Things were looking black as the pupil numbers reached around 25. However, at that time Neill was approached by Harold Hart, a publisher from USA, who wanted to publish a compilation of Neill’s books. Together they put the book ‚Summerhill – a radical approach to childhood‘, on the market. It was an instant hit in the USA rising to the number one non-fictional best seller nationally. It was soon published in UK and many other countries and things began to take a turn for the better at Summerhill. Pupil numbers went up, many from the USA; interest in the school bloomed