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Inverse Panopticon: Digitalisierung & Transhumanismus II

Transhumanisten fordern in der Digitalisierungsdebatte auch eine Revision der Menschenwürde -wir brauchen aber eine Umkehr von Machtstrukturen

Bild: Singularity Utopia/ CC BY-SA 3.0

Thomas Barth

Lobby-Netze und -Konzerne, die Facebook und anderen Hilfe bei ihrer „Krisenkommunikation“ anbieten, sind Big Player der Netzmedienwelt. Die Medienwissenschaft gehörte lange vor KI-Forschung und Quantencomputern zu den strategisch wichtigen Wissensgebieten. Mit transhumanistischen Wortführern tritt heute zunehmend auch die Philosophie auf diese Bühne. Wird der Transhumanismus zum Austragungsfeld eines neuen Kulturkampfes um Netz-, Digital- und Biotechnologien?

Von vernetzten Machteliten zur Ethik

Mit Prof. Miriam Meckel haben wir im ersten Teil eine derart weitreichend mit diversen Machteliten vernetzte VIP kennen gelernt, dass die Fantasien eines transhumanen Übermenschen sich in ihr zu manifestieren scheinen. Lag bei Meckel der Fokus auf Digitalisierung, blickt ihr Kollege Sorgner primär auf Biotechnik. Im Vergleich zu Prof. Meckel wirkt Deutschlands „führender Transhumanismus-Experte“ Prof. Stefan Lorenz Sorgner fast harmlos wie ein Chorknabe, aber auch marktschreierisch wie der Obstverkäufer vom Wochenmarkt.

Allerdings kann man selbst beim Thema Obst ins Fettnäpfchen treten, wenn man etwa (wie Sorgner) Erdbeeren zur Begründung einer Relativierung des Wertes der Menschenwürde heranzieht. Unsere Verfassung basiert im ersten Artikel bekanntlich auf Kants Kategorischem Imperativ, der verbietet, einen Menschen nur als Zweck zu instrumentalisieren und ihm damit seine Würde zu verweigern. So sehr es damit in der Praxis hapert, zumindest in der Theorie war dies bislang unumstritten.

Weil die Menschenwürde laut Sorgner aber auf einem überkommenen Dualismus aus der christlichen und kantischen Anthropologie beruht, sei ihr Gebot problematisch wegen „paternalistischer Implikationen“ (Sorgner 2016 S.150). Yvonne Hofstetter sieht dagegen Paternalismus eher bei Transhumanisten bzw. beim „Silicon Valley, das die menschlichen Lebensbedingungen auf paternalistischem Weg zu verbessern sucht. Da ist sie, die neue imperialistische digitale Elite, die ökonomisch denkt und politisch handelt, ohne dazu ermächtigt zu sein“ (Hofstetter 2016 S.457).

Sorgner folgert, die kategoriale Unterscheidung von Menschen und Tieren sei nicht haltbar, denn -um die Ausführungen zu verkürzen- die Philosophen hätten den Theologen bewiesen, dass die Existenz einer unsterblichen Seele unplausibel sei. Man sollte daher zu einer graduellen Mensch-Tier-Unterscheidung übergehen, mit dieser aber…

…könnte auch die alleinige Instrumentalisierung von Menschen moralisch legitim werden bzw. die alleinige Instrumentalisierung von Gras, Blumen oder Erdbeeren moralisch illegitim werden. Beide Implikationen sind unplausibel und würden praktisch problematische Konsequenzen mit sich bringen.“ Sorgner 2016, S.150

Daher sollte unsere Verfassung zur Setzung kontingenter, also veränderbarer Werte und Normen übergehen, so Sorgner. Das ist rechtlich wie politisch heikel, denn Artikel 1 zur Menschenwürde gehört zu den auch mit Zweidrittel-Mehrheit nicht änderbaren Teilen des deutschen Grundgesetzes. Unverständlich erscheint auch, warum Sorgner hier an einer Stelle wo andere, etwa die Transhumanistische Partei Deutschlands (TPD) von Tierwohl und -rechten reden, die Menschenwürde (ironisierend?) auf Gras und Erdbeeren ausweitet.

Auch scheut Sorgner durchaus denkbare nicht-dualistische Wege einer kategorialen Abgrenzung des Menschen vom Tier, etwa die Sprache als emergente Eigenschaft des menschlichen Gehirns („materialistischer Monismus“, vgl. Janina Loh 2018, S.27). Doch die menschliche Sprache, deren respektvollere Würdigung bei Sloterdijk und Heidegger gleich noch zu erörtern ist, ist für Sorgner nicht wirklich etwas Besonderes. Denn jede Spezies hat ihre Tricks im evolutionären Überlebenskampf:

Menschen mögen bezüglich der Fähigkeit, eine der vielen menschlichen Sprachen erlernen zu können, eine Sonderstellung haben. Südamerikanische Vampirfledermäuse mögen hinsichtlich der Fähigkeit, sich als einzige Säugetiere alleine von Blut ernähren zu können, ebenso eine Sonderstellung besitzen…“ Sorgner 2016 S.146

Metahumanismus und Unsterblichkeit, die keine ist

Janina Loh, die Sorgners „Metahumanismus“ in ihrem Buch „Trans- und Posthumanismus zur Einführung“ in einem kurzen Kapitel analysiert, mag diesen letztlich nicht als eigenständigen Ansatz anerkennen (Loh 2018, S.175). Auch Sorgners duales Theoriesystem von Kohlenstoff- bzw. Siliziumbasiertem Transhumanismus (womit er Bio- von Digitaltechnik trennt) lehnt Loh als zu schematisch und daher nur bedingt brauchbar ab (S.78).

Aber Loh schreibt Sorgner auch zu, die von Transhumanisten prognostizierte Unsterblichkeit nur als „rhetorisches Mittel“ zu sehen (S.173), hat dabei jedoch evtl. überlesen, dass Sorgner Unsterblichkeit zwar für unmöglich erklärte, aber nur wegen eines in Milliarden Jahren drohenden kosmologischen Kollaps des Universums (Sorgner 2016 S.11, 2018 S.157).

Bis dahin könnte Sorgners extrem langlebiger (wenn auch im haarspalterisch-philosophischen Sinne nicht völlig unsterblicher) Transhumaner noch eine ganze Menge Neutrinos die Galaxis runterfließen sehen -und evtl. auch eine Revision der schließlich nur auf läppischen 200 Jahren Forschung basierenden Big-Bang-Theorie. Der Kritik am transhumanen Unsterblichkeitsstreben entgeht Sorgner mit seiner kosmologischen Scholastik aber nicht. Katharina Klöckner kritisiert gegen Enhancement-Methoden allgemein, insbesondere aber die Vermeidung von Alter und Tod:

Letztlich steht also hinter der transhumanistischen Optimierung das Ziel möglichst optimaler Anpassung an die Gegebenheiten. So geht die Geringschätzung menschlicher Begrenztheit… einher mit einer ‚fundamentalen Affirmation der gegenwärtigen sozialen und politischen Umstände‘ und einer Verhärtung gegenüber dem Leiden… Wer die Kontingenzen des menschlichen Lebens abschaffen möchte, wird letztlich nur einen vermeintlich freien Menschen kreieren. Dieser wird sich als eine Marionette der Biotechnologie entpuppen.“ (Klöckner 2018 S.334).

Sorgners „anti-utopischer Transhumanismus“ stört sich weniger an technologischen Risiken, scheut aber die „Gefahr, dass die Gegenwart für eine utopische Zukunft geopfert wird“ (2018 S.159) und wirkt auch sonst eher an Arbeitgeber-Interessen orientiert:

„Frauen müssen nicht mehr schwanger werden. Kinder entwickeln sich in künstlichen Gebärmüttern (biobags), was für die Inklusion von Frauen auf dem Arbeitsmarkt von unschätzbarer Bedeutung ist.“ (Sorgner 2018 S.178)

Sorgners rein auf technischen Fortschritt gerichtete Zukunftsvision erinnert frappierend an historische PR-Propaganda der US-Industrie. Die hatte einst Edward Bernays, den Erfinder der Public Relations persönlich, engagiert um gegen Roosevelts sozialdemokratischen New Deal Stimmung zu machen: Man bejubelte unter Bernays Anleitung auf der New Yorker „World’s Fair“, der Weltausstellung 1939, in Wochenschaufilmen und Wanderausstellungen jahrelang den kommenden Segen der Konsumgüterbranche, bis hin zum witzigen Roboter (Wasson S.162), technischen Fortschritt, der angeblich besonders der Industrie zu verdankenden sei. Ziel der Kampagne des Industrieverbandes war, deren von Massenentlassungen und Verelendung angeschlagenes Image aufzupolieren.

Sorgner bejubelt in Bernays Tradition, aber bereichert um den nicht von jedem goutierten Hippie-Ausruf „Yeah!“ etwa medizinischen Fortschritt: „Vor 250 Jahren war die Verbesserung des Menschen durch Impfung noch nicht entwickelt worden. Ich bin sehr froh in einer Zeit zu leben, in der die Impfung vorhanden ist. ‚Yeah!‘“ (2016 S.31) Später bejaht Sorgner noch die Erfindung des Haartrockners, des Smartphones, des Kühlschranks, der Waschmaschine, der Pockenimpfung und des Penicillins -in dieser Reihenfolge (S.168). Dann schwärmt er auf die zu erwartende Zukunft bezogen, die Technologie immer wieder „bejahend“:

Wir benötigen nur noch einen Computer mit Internetzugang, der in absehbarer Zeit in unseren Körper integriert sein wird (…), ein warmes Bett und etwas Leckeres zum Essen, vielleicht ein Filesteak, das zu Hause in einer Petrischale gewachsen ist, so dass keine Tiere zur Essensproduktion mehr getötet werden müssen… wodurch der Kohlendioxidausstoß stark reduziert wird.“ (Sorgner 2018 S.178).

Von Sorgner zu Sloterdijk und Kittler

Auf seiner Website http://www.sorgner.de/ zitiert Sorgner einen Steve Fuller, der ihn, Sorgner, zum „evolutionären Nachfolger“ von Peter Sloterdijk auslobte. Sloterdijk hatte vor zwei Dekaden mit seiner transhumanistisch angehauchten Elmauer Menschenpark-Rede einen Philosophenstreit ausgelöst, vor allem Habermas gegen sich aufgebracht.

Als Ahnherren berief sich Sloterdijk -wie heute Sorgner- auf Nietzsche, aber auch auf Heidegger als dessen existenzialistischen Fortdenker. Heidegger sah den Menschen hellsichtig in künftiger Technik verschwinden -und sah ihn als Wesen, das vor allem in der Sprache seine existenzielle Behausung findet. Diese Dimensionen von Mensch und Technik müssen Sorgner, der die Sprache allzu gering schätzt (sie sei einmalig nur wie etwa das Blutsaugen der Vampirfledermaus), zwar verborgen bleiben. Aber Sorgner stellt sich, wenn auch etwas spät, an die Seite von Sloterdijk gegen Habermas und empört sich über des Letzteren Diffamierung der Posthumanisten als „ausgeflippte Intellektuelle“.

Habermas hätte, so Sorgner, Post- und Transhumanisten verwechselt, zu welchen er Sloterdijk nur fälschlich gezählt hätte, ferner hätte Habermas die Popularität des Transhumanismus unterschätzt (Sorgner 2016, S.20). Habermas sei ein Biokonservativer dessen Kritik an der von Sloterdijk diskutierten und von Sorgner befürworteten „liberalen Eugenik“ nur deswegen so viel Gehör finde, weil leider der Begriff „Eugenik“ durch die Nazis vorbelastet sei (S.42).

Wenn Sloterdijk und Sorgner sich im Wettbewerb um die Ehre des „transhumansten Denkers im Land“ bewerben würden, würde ihnen freilich ein verstorbener Medientheoretiker mühelos den Rang ablaufen: Friedrich Kittler, der sich wie Sloterdijk auf Nietzsche und Heidegger berief, und schon seit den 80er-Jahren die Digitalisierung analysierte, wobei er -sehr transhuman- die kommende Künstliche Intelligenz euphorisch begrüßte. Wie Miriam Meckel verfügte auch Kittler über gute Beziehungen zur Machtelite der Medienindustrie, genauer gesagt, zum sechsfachen Bilderberger und Medienzar Hubert Burda.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Kittlers durchaus transhuman zu nennende Medientheorie über seinen Gönner Burda in Kreise der Bilderberger wanderte und deren aktuelles Engagement für Digitalisierung, KI und andere transhumanistische Kernthemen mit geprägt hat. Wenn die Transhumanistische Partei Deutschlands ihre Forderung nach Transparenz für Lobby-Netze ernst nimmt, sollte sie evtl. mit der Aufhellung der Bilderberg-KI-Connection anfangen. Doch Kittler selbst ist tot. Für ihn kommen die Transhumanisten zu spät mit ihrer Verlängerung der Lebensspanne bzw. Verheißung der Unsterblichkeit als Klon, Cyborg oder in digital-entkörperlichter Form innerhalb künftiger Computernetze (wozu Kittler vermutlich nicht nein gesagt hätte).

Internet-Panopticon und inverser Panoptismus

Gefährlich wird Transhumanismus bei allem begrüßenswertem Technikoptimismus jedoch, wenn mit der rosaroten Google-Brille die Kritikfähigkeit völlig verloren geht. Vor allem wenn dabei perfide die Bewahrung vor Alter und Krankheit gegen Warnungen vor Privacy-Gefahren von Big Data ausgespielt werden. In seinem Schlusswort, grenzte Sorgner sich 2019 zwar von IT-Konzernen ab, doch ob unsere persönlichen Daten beim Staat wirklich sicher sind, darf bezweifelt werden: Computer können gehackt, Behörden bestohlen, Beamte bestochen werden, um nur die harmlosesten Risiken anzureißen.

Viele unserer Interessen könnten durch Big Data Analysen auf Basis einer personalisierten Dauerüberwachung gefördert werden: Gesundheit, Wohlbefinden. Gegenwärtig gehe ich davon aus, dass es ein Staat sein muss, der diese Daten sammelt. In den USA, wo Google und Facebook diese Daten sammeln ist es höchst gefährlich. Aber wir brauchen diese Daten für den Kampf für unsere Gesundheit für den Kampf gegen das Altern, den schlimmsten Massenmörder überhaupt… Wir brauchen dafür ein EU-Socialcredit-System. Ich kann es kaum erwarten, dass unsere posthumane Zukunft beginnt, vielen Dank.“ (verhaltener Beifall) Prof. Stefan Lorenz Sorgner

Die Gefahr totaler, wenn nicht totalitärer Überwachung nennt Sorgner hier nicht, obwohl sie ihm ganz am Ende seines Buches doch einmal kurz in den Sinn kam, in den „abschließenden Bemerkungen“: Michel Foucault habe die mit dem „Internet-Panopticon“ verbundenen Prozesse in seiner Analyse des Panoptismus bereits treffend beschrieben und folgert:

Hierzu könnte und müsste noch viel gesagt werden, und mit dem rasanten Voranschreiten von Digitalisierungsprozessen nimmt die Relevanz dieser Überlegung an Bedeutung ständig zu. Ein Entkommen aus dem Internet-Panopticon ist für Bürger technisch-fortschrittlicher Staaten keine realistische Option mehr. Wir alle werden notwendigerweise zu Gefangenen dieses Systems. Wie hiermit umzugehen ist, ist eine enorme Herausforderung, über die wir uns dringend Gedanken machen müssen.“ (Sorgner 2016, S.194)

Als jemand, der sich diese „dringenden Gedanken“ bereits Anfang der 90er Jahre machte und seither die Alarmglocken schlug, begrüße ich, dass selbst ein harthöriger Technikoptimist wie Sorgner von Ferne etwas läuten hörte. Als Ergebnis legte ich 1993 als Idee das „inverse Panoptikum“ vor, basierend auf kritischer Praxis der Hackerkultur und eines von mir prognostizierten „Machtmediums Zugang“. Letzteres war für manche Hacker leider eine Provokation, denn vom sich rapide öffnenden Zugang (Access, XS) zu Information erhofften viele das künftige Internet-Paradies.

Aus Günther Anders‘ Medienphilosophie, Luhmanns Systemtheorie und Foucaults Machtanalyse hatte ich jedoch im „Machtmedium Zugang“ eine neue Dimension der künftigen globalen Netze prognostiziert: Den panoptisch-überwachenden Zugang zu persönlichen Daten des Individuums, nun neuartig kombiniert mit einer individuell abgestimmten Kanalisierung des Zugangs selbigen Individuums zu medialen Daten: Was man dich sehen lässt, wird bestimmt von dem, was Konzerne und Staat von dir gesehen haben.

Die meine Studienarbeit begutachtenden Professoren konnten damals zwar keine logischen Fehler in der Konstruktion finden, aber auch nicht viel damit anfangen (1993, also Jahre bevor das Netz mit dem WWW zum Massenmedium wurde). Das ging auch Rezipienten  meines Buches „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft“ später noch so: Maria Markantonatou wies z.B. bereits 2005 auf mediale Aspekte von im Neoliberalismus verschärften Kontrollformen hin (S.237), ebenso im gleichen Jahr Michael Nagenborg auf den Panoptismus (S.133), beide zwar mit Verweis auf meinen Text, aber leider ohne das Machtmedium Zugang analytisch einzubeziehen. Access-Optimisten der zum Sprung zur Massenkultur ansetzenden Hacker-Community wiesen meine „Zugang“-Warnungen zwar als überzogen zurück, zeigten sich jedoch immerhin offen für Ethik und Subjekt-bezogene bzw. netzmedienrechtliche Folgerungen.

Diverse Affären bei Facebook und spätestens der Cambridge Analytica-Skandal haben letztlich meiner Meinung nach bewiesen, dass und wie solche neuen Manipulationstechnologien nach dem Muster des Machtmediums Zugang funktionieren können. Den von mir als Gegenstrategie empfohlenen „inversen Panoptismus“ konnte ich 1997 auch in meinem ersten Artikel im jungen Telepolis-Portal darstellen -in der Debatte um die „Kalifornische Ideologie“ der Silicon Valley-Digerati, aus deren Kreisen heutige Digital-Milliardäre hervorgingen. Damals diskutierte Telepolis auch bereits erste Transhumanisten, wie den „Extropianer“ Max More, heute ein Klassiker dieser Bewegung.

Es ist zu hoffen, dass Digerati und Transhumanisten bei in ihren euphorischen Visionen eines posthumanen Daseins gelegentlich auf Kritiker hören, die heute vor Big Data als Entmündigung warnen (etwa Mühlhoff 2019) und sogar von einem neoliberalen Surveillance Capitalism sprechen (Zuboff 2019). Das Inverse Panopticon kann vielleicht inzwischen selbst als klassische Kritikfigur gelten.

Quellen

Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen, München 1956

Barth, Thomas: Cyberspace and the Way to the Inverse Panopticon, 11C3, paper CCC 1994

Barth, Thomas: Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft, Pfaffenweiler: Centaurus 1997 (in 57 Fachbibliotheken einsehbar)

Barth, Thomas: Cyberspace, Neoliberalismus und inverser Panoptismus, Telepolis, 3.7.1997

Barth, Thomas: Self/Less: Tea Party für Transhumanisten, Telepolis 20.8.2015

Barth, Thomas: Kittler und künstliche Intelligenz: Über die Verquickung von Medientheorie und Macht, Berliner Gazette 19.7.2018

Capulcu Redaktionskollektiv: DELE_TE! Digitalisierte Fremdbestimmung, Münster: Unrast 2019

Göcke, B.P.: Designobjekt Mensch?! Ein Diskursbeitrag über Probleme und Chancen transhumanistischer Menschenoptimierung.“ In: Benedikt Paul Göcke/ Frank Meier-Hamidi (Hg.): Designobjekt Mensch. Der Transhumanismus auf dem Prüfstand. Freiburg i.Br.: Herder 2018, 117-152

Heuer, Steffan: Mich kriegt ihr nicht: Die wichtigsten Schritte zur digitalen Selbstverteidigung, Hamburg: Murmann 2019

Hofstetter, Yvonne: Das Ende der Demokratie: Wie künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt, München: C.Bertelsmann 2016

Klöckner, Katharina: Zur ethischen Diskussion um Enhancement, In: Göcke/ Meier-Hamidi (2018) 308-338

Launchbury, John: A DARPA Perspective on Artificial Intelligence, technicacuriosa 2016

Loh, Janina: Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Hamburg: Junius 2018

Loh, Janina: Transhumanismus: Den Menschen weiterentwickeln, um ihn besser kontrollieren zu können, Berliner Gazette 15.8.2017

Markantonatou, Maria: Der Modernisierungsprozess staatlicher Sozialkontrolle: Aspekte einer politischen Kriminologie -Transformationen des Staates und der sozialen Kontrolle im Zeichen des Neoliberalismus, Dissertation, Freiburg i. Br. 2005

More, Max: Vom biologischen Menschen zum posthumanen Wesen, Telepolis, 17.7.1996

Mühlhoff, Rainer: Big Data ist Watching You: Digitale Entmündigung am Beispiel von Facebook und Google, in: ders., Anja Breljak u. Jan Slaby. (Hg.): Affekt, Macht, Netz: Auf dem Weg zu einer Sozialtheorie der digitalen Gesellschaft, Bielefeld: transcript 2019, S.81-106

Nagenborg, Michael: Das Private unter den Rahmenbedingungen der IuK-Technologie: Ein Beitrag zur Informationsethik, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2005

O‘Neil, Cathy: Angriff der Algorithmen, München: Hanser 2017

Schnetker, M.F.J.: Transhumanistische Mythologie: Rechte Utopien einer technologischen Erlösung, Münster: Unrast 2019

Sorgner, S.L.: Transhumanismus: ‚Die gefährlichste Idee der Welt‘!?, Herder: Freiburg 2016

Sorgner, S.L.: Was wollen Transhumanisten? In: Göcke/ Meier-Hamidi (2018) 153-180

Stöcker, Christian, Facebook: Zuckerbergs Theorem, SpiegelOnline, 10.3.2019

Wasson, Haidee: Verkaufsmaschinen -Film und filmische Techniken auf der New Yorker Weltausstellung 1939/40, Montage-AV 2/2015, 161-177  pdf-document

Weber, K. u. T. Zoglauer: Verbesserte Menschen: Ethische und technikwissenschaftliche Überlegungen, München: K.Alber 2015

Zuboff, Shoshana: The Age of Surveillance Capitalism, London: Profile Book 2019

Dieser Beitrag erschien zuerst hier auf TELEPOLIS

Digitalisierung und Lobby: Transhumanismus I

Transhumanisten bringen bunte Tupfer in die aktuelle Digitalisierungsdebatte, aber auch gefährliche Blütenträume, Lobbyismus und Angst -vor den Chinesen

Thomas Barth

„Ein Gespenst geht um, nicht nur in Europa – das Gespenst des Transhumanismus. Seine Priester und Auguren haben bereits prominente Forschungslaboratorien, Universitäten, globale Unternehmen und politische Institutionen besetzt.“, warnte 2017 die NZZ und hatte damit nicht ganz unrecht. Einige transhumanistische Stimmen wollen heute offenbar einer hemmungslosen Digitalisierung den mühsam erkämpften Datenschutz aus dem Weg räumen -zur Freude der IT-Lobby.

Bild: Singularity Utopia / CC BY-SA 3.0

Wir werfen einen Blick auf die Transhumanistische Partei Deutschlands, den transhumanen Philosophen Sorgner, die mit aktueller Magnet-Hirnstimulation noch unzufriedene Medienforscherin Miriam Meckel, aber auch auf Kritiker einer allzu euphorischen Digitalisierung. Es wird sich zeigen, dass der Transhumanismus differenziert gesehen werden muss -und am Ende bei aller Technik-Euphorie doch nicht um eine Kritik des Internet-Panoptikums herum kommt. Telepolis befasste sich übrigens schon ab 1996 mit dem Transhumanisten Max More  und mit Vorschlägen für ein Inverses Panoptikum als Antwort auf heute immer virulentere politische Dimensionen der Netztechnologien.

Huxley und Humanismus

Der Biologe und überzeugte Eugeniker Julian Sorell Huxley prägte 1951 den Begriff “Transhumanismus” im Aufsatz New Bottles for New Wine und setzte sich zugleich als erster UNESCO-Generalsekretär und bei der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte für humanistische Werte ein. Julians Bruder Aldous Huxley warnte dagegen schon 1932 in seiner Babies-in-Bottles-Dystopie “Schöne neue Welt” vor einer Zukunft mit biologisch fabrizierter Drei-Klassen-Gesellschaft: Genetische oder technische Intelligenzsteigerung hatte schon immer ihre Fans und gehört heute zu den Hoffnungen der neuen Bewegung.

Viele erinnern sich dabei an die LSD-selige SMILE-Revolution (Space Migration, Intelligence Increasement, Life Extension) des „Exo-Psychologen“ Timothy Leary und sei es nur aus den Pop-Conspiracy-Bestsellern von Robert Anton Wilsons Auge-in-der-Pyramide-Zyklus. Bereits im 19.Jahrhundert brachte Auguste Comte, Begründer von Soziologie und Positivismus, eine vom Fortschritt berauschte Bewegung zusammen, in der man sich z.B. von der Medizin beträchtliche Verlängerungen der Lebenszeit, wenn gar nicht Unsterblichkeit erhoffte.

Heute verstehen sich Transhumanisten als Teil einer Bewegung, die vom „Posthumanismus“ abzugrenzen ist, der nicht den Menschen selbst, sondern als eher theoretische Richtung das Menschenbild des Humanismus überwinden will. Dieses wird, anknüpfend etwa an Michel Foucault  und andere Postmoderne, mit Schattenseiten der Moderne in Verbindung gebracht: Etwa psychiatrische Entmündigung, Sexismus, Rassismus, Kolonialismus, Totalitarismus usw. Der Transhumanismus reflektiert diese Schattenseiten eher nicht, steht sogar teilweise zu tradierten humanistischen Werten und will sie auf „verbesserte Menschen“ (Enhancement), Cyborgs und Künstliche Intelligenzen ausweiten (Janina Loh 2018).

Im Jammertal der Digitalisierung

Das aktuelle Elend der Digitalisierung wie auch die Schwächen des cishumanen Mängelwesens Mensch zeigten sich am 4. Oktober 2019 im Tagungszentrum der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Die Kirche wollte den Transhumanismus erörtern und hatte neben dem Theologen Hoff dafür den Religionsphilosophen Prof.Göcke und den „bekanntesten deutschsprachigen Transhumanisten“ Prof.Sorgner eingeladen. Pech war, Sorgner kam stark vergrippt, Göcke stark verspätet, weil mit der offenbar fehldigitalisierten Deutschen Bahn.

Was ist der Mensch? Was soll er glauben, worauf soll er hoffen? Diese Fragen bewegen Theologen wie Transhumane: „Der Transhumanismus geht davon aus, dass sich der Mensch als ein Produkt der biologischen Evolution auch selbstständig technisch bis hin zu einem neuen Mensch-Maschine-Wesen oder einer Cyberspace-Entität weiterentwickeln kann und sollte.

So beginnt der durchaus transhuman geneigte Göcke die Einleitung zu seinem Buch „Designobjekt Mensch: Die Agenda des Transhumanismus auf dem Prüfstand“. Da kommen digitale Techniken gerade recht, ob als Hirn-Chip, als Big-Gene-Data, KI oder in fernerer Zukunft als virtueller Lebensraum ganz entkörperlichter Menschen (brain uploading). Bedeutsamer Zankapfel der Digitalisierung ist der Datenschutz, der nach Meinung Prof.Sorgners leider auch transhumanem Streben nach kybernetischer wie genetischer Verbesserung des Menschen im Weg steht.

Datenschutz und Transhumanismus bei Google

IT-Konzerne schätzen verständlicherweise Transhumanisten, wie etwa die Super-KI-Forscher des Machine Intelligence Research Institute , mehr als Datenschützer. Google etwa hat mit Ray Kurzweil einen prominenten Transhumanisten zum Forschungsdirektor gemacht, Tesla-Milliardär Elon Musk will mit seiner neuen Firma Neuralink Hirnimplantate entwickeln. Bei Facebook treibt Mark Zuckerberg persönlich transhumane Projekte voran, etwa die Worterkennung per Hirnscan. Das dabei angestrebte Brain-Diktaphon würde nebenbei dem maschinellen Gedankenlesen etwas näher kommen, das der NSA bei ihrer Totalüberwachung noch schmerzlich fehlt. Auch deutsche Transhumane scheinen Belangen der IT-Wirtschaft nicht abgeneigt, wie die Diözese Rottenburg auf oben erwähnter Tagung feststellen konnte.

Prof. Sorgner ließ es sich dort nicht nehmen, die Debatte mit einem Bonmot der IT-Industrie zu bereichern: „Daten sind das neue Öl!“ Unter dieser Parole hatte die Industrielobby bekanntlich versucht, die neue EU-Datenschutzverordnung zu torpedieren, wie eine Polit-Dokumentation zeigte.

Aus Angst davor, die EU könnte von China digital abgehängt werden, tritt Sorgner dafür ein, ein europäisches Social-Credit-System nach chinesischem Vorbild einzuführen, inklusive einer personalisierten Dauerüberwachung der kompletten EU-Bevölkerung:

Warum es für uns keine realistische Position ist, die Datenerfassung zu unterlassen: Der zentrale politische Grund für eine umfassende Datensammlung ist, dass wir in einer globalisierten Welt leben und das Daten das ‚Neue Öl‘ sind, wie viele Experten betonen: Öl bedeutet Macht und finanzielles Florieren. Angesichts dieser Erkenntnis ist es keine realistische Option, keine personalisierten Daten zu sammeln… In China wird ab 2020 ein Sozialkreditsystem flächendeckend angewendet werden. Die Menge an digitalen Daten, die auf diese Weise erhoben wird, ist kaum zu unterschätzen. Je mehr digitale Daten verfügbar sind, desto mehr Macht und Geld kann realisiert werden. Europa dagegen hat Datenschutzbestimmungen institutionalisiert, die einer hilfreichen Erfassung digitaler Daten entgegenstehen.“ Prof. Stefan Lorenz Sorgner 

Damit outet sich Sorgner wohl als transhumaner Extremist, jedenfalls aus Sicht der 2015 gegründeten Transhumanistischen Partei Deutschlands (TPD). Die pocht in den Leitlinien ihres Parteiprogramms Version 2.0 gleich an erster Stelle auf die Grundrechte der Menschenwürde und der informationellen Selbstbestimmung. Sorgner übergeht dagegen in seinem Redebeitrag den möglichen Einwand, dass blinde Gier nach Macht und Geld geradewegs in einen digitalen Totalitarismus führen könnte. Auch an seinem Buch mit dem reißerischen Titel „Transhumanismus: ‚Die gefährlichste Idee der Welt‘!?“ (2016), fällt auf, dass kaum Bedenken, Zweifel oder Kritik an Technologien vorkommen. Dabei haben insbesondere Eingriffe in das menschliche Gehirn eine dunkle Geschichte -man denke an Militär- und Geheimdienst-Projekte wie das Zimbardo-Experiment, LSD-Forschung, Gehirnwäsche oder MKUltra.

Hobbes‘ Wolfsmensch im digitalen Leviathan?

Andererseits verbirgt sich hinter Sorgners optimistischem Bejahen des technischen Fortschritts, das geradezu von einer Euphorie in die nächste taumelt, ein zutiefst pessimistisches Menschenbild: Der „Mensch als des Menschen Wolf“ des Frühaufklärers Thomas Hobbes, wie man es im „Bioshock“-Computerspiel in einer transhumanen Welt der Gen-Mutanten nachspielen kann. Dort werden individuell gestaltete Menschen zu einander bekriegenden Monstren in einer Gesellschaft, die nach den darwinistisch-libertären Grundsätzen von Ayn Rand konzipiert ist (so Weber in Weber/Zoglauer 2015 S.55,69).

Als Begründer der modernen politischen Philosophie empfahl Hobbes zur Überwindung der angeblich menschlichen Gewaltnatur den frühtotalitären Absolutismus eines staatlichen Leviathans. Angesichts einer Welt voller psychopathischer Wolfsmenschen ist eine an Ethik orientierte Lebenshaltung natürlich nicht ratsam, meint offenbar Sorgner, wenn er sagt:

Moralischer zu sein hingegen, ist ggf. nicht der zentrale Wunsch vieler Menschen. Überspitzt formuliert liegt dies meiner Meinung nach darin begründet, dass Moralität in der Regel im Interesse der nicht-moralischen Menschen ist und moralische Menschen eher ausgenutzt, ausgebeutet und unterdrückt werden.“ Sorgner 2016, S.62

Kritisch sieht Sorgner daher eine von manchen Transhumanisten geforderte gesetzliche Verpflichtung zum „moralischen Enhancement“ (und das ist fast die einzige Technikkritik im ganzen Buch). Dabei ist hier nicht ethische Bildung und Erziehung gemeint, sondern Moral etwa per Hirnimplantat oder Einflößung von Drogen, die analog zur Impfpflicht verordnet werden könnte. Das lehnt Sorgner ab. Aber nicht, weil ein Herumpfuschen an den höchsten Funktionen des menschlichen Gehirns unsere Gesundheit, Freiheit und Würde beeinträchtigen könnte, sondern -ganz im Sinne eines Bioshock-Rechtslibertarismus nach Ayn Rand- wegen des „globalen Wettbewerbs“:

Eine solche Regelung mag zwar praktisch nicht ausgeschlossen sein, jedoch erscheint sie mir in keinem Fall im politischen Interesse des betroffenen Landes zu sein, da ein Land mit einer besonders moralischen Bevölkerung im Kontext des globalen Wettbewerbs sicherlich nicht lange bestehen kann.“ Sorgner 2016, S.63

Medien, Macht und Management

Die Medienwissenschaftlerin Prof. Miriam Meckel vertritt bezüglich Datenschutz und Digitalisierung eine der Sorgnerschen ähnliche Position. Sie wandelt ebenfalls auf transhumanen Pfaden, ohne sich jedoch lautstark mit diesem Label schmücken zu wollen, -und verfügt über beträchtlichen Einfluss. Prof. Meckel war von 2014-18 Chefredakteurin bzw. Herausgeberin der Wirtschaftswoche und hat persönlich experimentelle Brain-Enhancement-Technologie ausprobiert, die per Magnetstimulation die psychische Leistungsfähigkeit stärken sollte. Seither berichtet sie häufig davon, wie sie poststimulativ unter 36 Stunden Übelkeit litt. (Aber zum Credo des Transhumanismus gehört schließlich auch das mutige Erproben neuer Technologien.) Was Digitalisierung und Datenschutz angeht, lag Meckel auf einer Linie mit Sorgner als sie verkündete, es würde auf Dauer keine Möglichkeit geben einen umfassenden Schutz persönlicher Daten zu gewährleisten:

Alles was im Bereich der neuen Technologien, der KI passiert, muss mit Daten laufen, und wenn wir diese Daten in Europa nicht benutzen, weil wir sie alle schützen wollen, dann sind wir in Kürze abgehängt. D.h. wir müssen uns was anderes ausdenken, um eine Form von Privatheit zu gewährleisten ohne dass die Daten abgekapselt sind.“ Prof.Miriam Meckel, 2.11.2018 auf SWR1

Aufgrund der Machtposition der agilen Professorin ist dieses Statement weit ernster zu nehmen als die Ausführungen Sorgners. Miriam Meckel gilt im Medienbereich als extrem gut vernetzt, war als Journalistin bei WDR, Vox und RTL (Bertelsmann) tätig und erlangte Berühmtheit auch durch ihre kurzzeitige Ehe mit der prominenten TV-Moderatorin Anne Will. Ihre akademische Blitzkarriere begann 1995, ein Jahr nach ihrer Promotion, mit einer Vertretungsprofessur am Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Münster, 1999 wurde sie ordentliche Professorin und geschäftsführende Direktorin des Instituts. Von März 2001 bis Oktober 2002 ging die parteilose Meckel dann in die Politik, wurde Staatssekretärin für Medien und Regierungssprecherin von Wolfgang Clement (SPD) in NRW. Nach dem Amtsantritt von Peer Steinbrück (SPD) wurde sie bis Juni 2005 NRW-Staatssekretärin für Europa, Internationales und Medien.

Wie auch der Spiegel, sorgt sich Miriam Meckel, dass chinesische Innovationen im Digitalbereich das Silicon Valley überholen und will den Datenschutz zurückschrauben. Analog zu vielen Transhumanisten klingt bei ihr auch Technikdeterminismus bzw. -fatalismus durch: Die Entwicklung sei ohnehin nicht zu steuern, geschweige denn aufzuhalten. Damit befinden sich Meckel und Sorgner erstaunlich nahe an Forderungen der IT-Lobby und im Gegensatz zu kritischen Betrachtern der Digitalisierung.

Die Mathematikerin Cathy O‘Neil, die wirklich etwas von der Technik und dem Code dahinter versteht, fordert etwa mehr „moralisches Vorstellungsvermögen“, denn „Big Data-Prozesse kodifizieren die Vergangenheit und können nicht die Zukunft erfinden“ (S.276). Das Capulcu-Kollektiv zeigt in seinem Buch „DELE_TE! Digitalisierte Fremdbestimmung“ Hintergründe und politische Gegenwehr (2019), ebenfalls weit entfernt vom fatalistischen Erwarten der von oben verordneten Digitalisierung ist Steffan Heuer, dem sein Buchtitel Programm wird: „Mich kriegt ihr nicht: Schritte zur digitalen Selbstverteidigung“ (2019), Shoshana Zuboff warnt vor einem sich etablierenden Überwachungs-Kapitalismus (2019).

Cathy O‘Neil spricht von Weapons of Math Destruction, also Mathe-Vernichtungswaffen (analog zu Massenvernichtungswaffen), warnt mit Blick auf Google, Amazon und Facebook davor, dass „Daten privatisiert und privat genutzt werden, um Profite zu erzeugen und Macht zu gewinnen“. Man müsse die Digitalisierung und ihre Algorithmen bändigen, indem man sie öffentlicher Aufsicht und die sie betreibenden Firmen mit „verpflichtenden Standards der Rechenschaftslegung“ staatlicher Regulierung unterwirft (S.308). Sie weist darauf hin, dass der Trump-Nestor „Steve Bannon, selbst während er gezielt daran arbeitet, das öffentliche Vertrauen in Wissenschaft zu untergraben, im Verwaltungsrat von Cambridge Analytica sitzt -einer politischen Datenfirma, die behauptet, sie habe Trump zum Wahlsieg verholfen…“ (S.313).

Auch die hirnstimulierende Medienprofessorin Miriam Meckel war für eine Art „politische Datenfirma“ tätig, den Beratungskonzern Brunswick. Sorgt man sich dort um Datenschutz oder die Ethik von Algorithmen? Oder nicht vielmehr um das Image von Mark Zuckerberg, der während des Cambridge Analytica -Skandals von Facebook arg ins Schwitzen geriet? Eine enge Verfilzung von Medien, Wissenschaft und Konzernen wird langsam deutlicher. Dies lässt ahnen, warum eine Regulierung der Digitalisierung ähnlich schwierig ist, wie jene im Finanzsektor: Es geht um sehr viel Geld und Macht und sehr viel Geld wird auch eingesetzt, um der Öffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen.

Digitalisierungs-Diskurse: Medien, Lobby und PR

Nach ihrem Austritt aus der NRW-Regierung 2005 setzte Prof.Meckel ihre akademische Laufbahn nunmehr im Bereich „Corporate Communication“ fort und wurde Institutsdirektorin an der renommierten Universität St.Gallen, nebenher war sie u.a. für die Lobbygruppe INSM und die Weltbank tätig und wurde Partnerin der bedeutenden PR-Beratung Brunswick Group LLP.

Hinter dem Wort PR verbirgt sich heute zunehmend ein Sektor, der von einigen als globalisierter Lobbyismus, von anderen sogar als privatisiertes Geheimdienstwesen gesehen wird: Man bearbeitet die Massen mittels Kundenprofilen, aber spioniert auch Konkurrenten und politische Gegner aus und lanciert neben normaler Werbung und PR etwa verdeckte Kampagnen gegen sie. Die Transhumanisten der TPD scheinen dies im Blick zu haben, denn sie fordern unter 6.2 ihres Programms: „Erhöhung der Transparenz von wichtigen Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Politik, beispielsweise durch die Offenlegung von Einkommen, Lobbyismus und Beteiligungsstrukturen“.

Chemie- und Rüstungsfirmen sind Kunden, aber auch die Digitalisierung ist ein lukrativer Sektor von Brunswick: „We are a global team of strategists that focus exclusively on bringing digital into the corporate context.Meckel übernahm für Brunswick 2005 den Aufbau des Berliner Büros und war damit für ein verschwiegenes Beratungsunternehmen tätig, Spezialisten für „Finanz- und Krisenkommunikation“, die gute Kontakte zur Politik pflegen und z.B. auch Ex-Finanzminister Waigel (CSU) engagierten.

Das transatlantische Netzwerk ist dicht gestrickt um Medien-, IT- und Netzkonzerne, welche nicht nur bei den (inzwischen nur noch halb geheimen) Bilderberger-Konferenzen ihr jährliches Stelldichein feiern. Meckel war über den Brunswick-CEO Neil Wolin wohl nur wenige handshakes von US-Präsident Obama entfernt, der Wolin in sein Finanzministerium berief. Die Zusammenarbeit von Industrie und Politik läuft auch in den USA, „der besten Demokratie, die man für Geld kaufen kann“, wie geschmiert. Die neoliberale Medien-, Politik- und Finanzwelt sind dabei enger vernetzt und stehen in dunkleren Traditionen als viele glauben. Neil Wolin etwa war zuvor bei der Hartford-Finanzgruppe, die ITT 1970 übernahm. Damals hatte Allende in Chile die ITT-Kupferminen verstaatlicht und wurde in der Folge mit Hilfe von US-Außenminister Henry Kissingers CIA gestürzt, was den neoliberalen Chicago Boys ihren finanzpolitisch historischen Auftritt bei Diktator Pinochet erlaubte.

Brunswick ist besonders stark in London, wo man BP nach der Deepwater Horizon-Katastrophe beriet sowie die Labour-Regierung in Sachen Deregulierung der Finanzmärkte. Organisieren Krisenberater am Ende die Krisen selbst, die ihnen nachher Kunden bringen? Nach dem Cambridge Analytica-Skandal von Facebook machte man sich jedenfalls bei der Krisen-PR-Beratung Brunswick Sorgen um Mark Zuckerberg, der persönlich als Datenschutz-Muffel unter Druck geraten war.

Facebook und die Kampagne gegen Google

Brunswick-Direktor der von Medienprofessorin Meckel aufgebauten Filiale in Berlin wurde Thomas Wimmer, der sein Handwerk zuvor elf Jahre bei Burson-Marsteller praktizierte, einer mit noch heikleren Kunden befassten PR-Agentur, darunter laut Lobbypedia die Atomkraft-Lobby, Rumäniens Diktator Ceaușescu, Monsanto, das Königshaus der Saudis, die Regierung von Argentinien, als sie wegen der Opfer der Pinochet-Diktatur PR-Probleme hatte; Burson-Marsteller-Senior-Adviser in Brüssel war übrigens die auch für Quandt- und Adenauer-Stiftung tätige Jutta Falke-Ischinger, Ehefrau von Atlantik-Brücken-Vorstand Wolfgang Ischinger, Ex-Diplomat und Teltschik-Nachfolger als Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz. Klein ist die Welt (der Transatlantiker).

Wie Meckel-Arbeitgeber Brunswick war auch Burson-Marsteller in Sachen Facebook tätig und engagierte sich dabei -man höre und staune!- für den Datenschutz. Im Mai 2010 wurde bekannt, dass die Agentur im Auftrag von Facebook verdeckt negative Berichte über Google in den Medien verbreiten ließ. Vielleicht mit Blick auf Googles Bestrebungen, im Sektor sogenannter „Sozialer Netze“ zur Konkurrenz zu werden, wurde dabei der mangelnden Schutz der Privatsphäre durch Google angeprangert. Ein „Corporate Communication“-Ablenkungsmanöver, das Lehrstoff bei Prof.Meckel werden könnte? Der Fall kam ans Licht, weil ein von Burson-Marsteller angefragter Blogger an die Öffentlichkeit ging, Facebook gab daraufhin zu, Burson-Marsteller beauftragt zu haben, so berichtet Lobbypedia.

Wenn unsere Machtelite sich derart umtriebig mit wahrhaft übermenschlicher, um nicht zu sagen transhumaner Energie in so viele unschöne Dinge verstrickt, kann sie schon mal unter Stress leiden. Aber auch dessen Bewältigung lässt sich (mit den entsprechenden Verbindungen) wieder zu einem grandiosen Erfolg machen: 2010 gelang Miriam Meckel ein großer publizistischer Durchbruch mit ihrem (inzwischen auch verfilmten) autobiografischen Bericht über ihr Burnout-Syndrom, neben unzähligen anderen Buchpublikationen, auch zum transhumanen Thema Brainhacking.

KI-Hype übertrieben?

Prof.Sorgner und Prof.Meckel sehen unisono unseren gerade erst erkämpften Datenschutz als nicht haltbar in der kommenden Digitalisierung. Beide führen an, dass Europa mit der neuen DSGVO „abgehängt“ würde, vor allem von China. Während bei Meckel neben diesem technikdeterministischen Fatalismus noch Bedenken anklingen, bejaht Sorgner Big Data euphorisch: Er hofft auf medizinische Revolutionen durch Big-Gene-Data, KI usw. die ohne Aufgabe der Privatsphäre angeblich kaum möglich wären. Transhumanisten hegen generell bombastische Blütenträume über Künstliche Intelligenzen, die uns Menschen einst behüten und umsorgen werden, zur gottgleichen Superintelligenz werden, das All erobern und vieles mehr (Schnetker 2019).

Einige KI-Kritiker sehen dagegen etwa in „lernfähigen neuronalen Netzen“, die aktuell als KI gepriesen werden, eine aufgeblasene Hype. Diese „KI“ wären eher „spreadsheets on steroids“ -Tabellenkalkulation auf Steroiden. So zitiert Schnetker in seiner Kritik der „Transhumanistischen Mythologie“, den DARPA-KI-Experten John Launchbury (Schnetker S.75). Cathy O‘Neil kritisiert die unsozialen Folgen des Einsatzes solcher „KI“ als klassistisch, rassistisch und sexistisch:

Sie versprechen Effizienz und Gerechtigkeit, manipulieren dabei jedoch die höhere Bildung, verursachen zusätzliche Schulden, fördern massenhaft Gefängnisstrafen, prügeln bei jeder Gelegenheit auf die Armen ein und untergraben die Demokratie.“ (O‘Neil S.270)

Der Transhumanismus ist also hinsichtlich seiner Prognosen teilweise fragwürdig, aber er muss sich angesichts lobbyistischer Verfilzungen und enormer Geldsummen, die auf dem Spiel stehen, auch fragen, wer und warum ihn finanziert. Nachdem hier im Exkurs zum Lobbyismus beispielhaft einige Akteure der Machtstrukturen in unserer neuen Netzmedienwelt vorgestellt wurden, wird es im zweiten Teil um deren Methoden und Debatten um ethische Werte gehen. Dabei wird das „inverse Panoptikum“ als Gegenmittel vorgestellt und der von einigen (wenigen) Transhumanisten betriebenen Relativierung des humanistischen Wertes der Menschenwürde entgegen getreten.

Quellen

Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen, München 1956

Barth, Thomas: Cyberspace and the Way to the Inverse Panopticon, 11C3, paper CCC 1994

Barth, Thomas: Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft, Pfaffenweiler: Centaurus 1997 (in 57 Fachbibliotheken einsehbar)

Barth, Thomas: Cyberspace, Neoliberalismus und inverser Panoptismus, Telepolis, 3.7.1997

Barth, Thomas: Self/Less: Tea Party für Transhumanisten, Telepolis 20.8.2015

Barth, Thomas: Kittler und künstliche Intelligenz: Über die Verquickung von Medientheorie und Macht, Berliner Gazette 19.7.2018

Capulcu Redaktionskollektiv: DELE_TE! Digitalisierte Fremdbestimmung, Münster: Unrast 2019

Göcke, B.P.: Designobjekt Mensch?! Ein Diskursbeitrag über Probleme und Chancen transhumanistischer Menschenoptimierung.“ In: Benedikt Paul Göcke/ Frank Meier-Hamidi (Hg.): Designobjekt Mensch. Der Transhumanismus auf dem Prüfstand. Freiburg i.Br.: Herder 2018, 117-152

Heuer, Steffan: Mich kriegt ihr nicht: Die wichtigsten Schritte zur digitalen Selbstverteidigung, Hamburg: Murmann 2019

Hofstetter, Yvonne: Das Ende der Demokratie: Wie künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt, München: C.Bertelsmann 2016

Klöckner, Katharina: Zur ethischen Diskussion um Enhancement, In: Göcke/ Meier-Hamidi (2018) 308-338

Launchbury, John: A DARPA Perspective on Artificial Intelligence, technicacuriosa 2016

Loh, Janina: Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Hamburg: Junius 2018

Loh, Janina: Transhumanismus: Den Menschen weiterentwickeln, um ihn besser kontrollieren zu können, Berliner Gazette 15.8.2017

Markantonatou, Maria: Der Modernisierungsprozess staatlicher Sozialkontrolle: Aspekte einer politischen Kriminologie -Transformationen des Staates und der sozialen Kontrolle im Zeichen des Neoliberalismus, Dissertation, Freiburg i. Br. 2005

More, Max: Vom biologischen Menschen zum posthumanen Wesen, Telepolis, 17.7.1996

Mühlhoff, Rainer: Big Data ist Watching You: Digitale Entmündigung am Beispiel von Facebook und Google, in: ders., Anja Breljak u. Jan Slaby. (Hg.): Affekt, Macht, Netz: Auf dem Weg zu einer Sozialtheorie der digitalen Gesellschaft, Bielefeld: transcript 2019, S.81-106

Nagenborg, Michael: Das Private unter den Rahmenbedingungen der IuK-Technologie: Ein Beitrag zur Informationsethik, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2005

O‘Neil, Cathy: Angriff der Algorithmen, München: Hanser 2017

Schnetker, M.F.J.: Transhumanistische Mythologie: Rechte Utopien einer technologischen Erlösung, Münster: Unrast 2019

Sorgner, S.L.: Transhumanismus: ‚Die gefährlichste Idee der Welt‘!?, Herder: Freiburg 2016

Sorgner, S.L.: Was wollen Transhumanisten? In: Göcke/ Meier-Hamidi (2018) 153-180

Stöcker, Christian, Facebook: Zuckerbergs Theorem, SpiegelOnline, 10.3.2019

Wasson, Haidee: Verkaufsmaschinen -Film und filmische Techniken auf der New Yorker Weltausstellung 1939/40, Montage-AV 2/2015, 161-177  pdf-document

Weber, K. u. T. Zoglauer: Verbesserte Menschen: Ethische und technikwissenschaftliche Überlegungen, München: K.Alber 2015

Zuboff, Shoshana: The Age of Surveillance Capitalism, London: Profile Book 2019

Dieser Beitrag erschien zuerst hier auf TELEPOLIS.

‚A Rainy Day in New York‘ Zur Verteidigung von Woody Allen gegen #metoo

Thomas Barth

Bild: © Mars Films

2018 war für die Woody-Allen-Fangemeinde ein schwarzes Jahr, denn erstmals brachte der Erfinder des „Stadtneurotikers“ kein neues Werk auf die Leinwand. Grund waren alte Beschuldigungen, die seine Adoptivtochter Dylan Farrow gegen ihn im Zeichen der #metoo-Debatte erneut in die Öffentlichkeit brachte, wo sie in diesem Jahr mit einer moral panic zusammenfielen. #metoo ist dazu auch noch ein Phänomen, welches ihr Bruder, der Investigativ-Journalist Ronan Farrow, durch Enthüllungen über den Filmproduzenten Harvey Weinstein und seinen sexuellen Missbrauch von jungen Frauen losgetreten hatte.

Woody Allens Produktionsfirma Amazon hat sich daraufhin von ‚A Rainy Day in New York‘ zurück gezogen und einen 4-Movies-Produktionsvertrag mit Allen annulliert. Dennoch kommt jetzt -wenn auch verspätet- die deutsche Version in die Kinos, auch in anderen Ländern fanden sich Filmvertriebe. Der Film thematisiert, was Allen bei Drehbeginn aber noch nicht ahnen konnte, ausgerechnet den Kern der #metoo-Thematik: Den sexuellen Kontakt von jungen Frauen mit wichtigen Männern des Filmbusiness.

Filminhalt

A Rainy Day in New York‘ ist eine typische Woody-Allen-Komödie, Jazzmusik und witzige Dialoge, angesiedelt im linksliberal-jüdischen Milieu natürlich in New York. Eine herausragende Romantikkomödie, wenn auch nicht so Oscar-verdächtig wie viele andere Filme Allens. Der Protagonist ist ein junger und hochintelligenter Mann, zugleich aber eine Art lebensfremder Stadtneurotiker, somit wohl Alter Ego und Markenzeichen des Filmemachers.

Seinen Durchbruch erlebte Allen mit ‚Der Stadtneurotiker‘, einer autobiografischen Mocumentary, deren Gegenbild ‚A Rainy Day‘ jetzt zeichnen könnte. In der Pubertät durchlebt man Ängste, Scham und Minderwertigkeitsgefühle, aber auch arrogante Posen und Selbstüberschätzung bis zum Größenwahn, der Neurotiker plagt sich auch im späteren Leben weiter damit ab. Im aufgeblasenen Ego des Narzissten oder von Selbstzweifeln gequälten Depressiven ringt der Neurotiker mit sich selbst und seiner sozialen Umwelt. Bewegte sich Woody Allen im ‚Stadtneurotiker‘ und seinen frühen Filmen eher auf der negativen Seite, so entfaltet ‚A Rainy Day‘ das Lebensgefühl des zwar unangepassten, aber vom Glück verwöhnten und arroganten jungen Gatsby Welles (Timothée Chalamet).

Gatsby hat sein Studium an einer Eliteuni geschmissen, weil ihm dort alle zu verbissen waren, und ist an eine Provinzuni in Arizona gegangen. Er kommt bei den Frauen gut an und startet gerade eine Reise nach New York mit seiner etwas naiven Freundin Ashleigh (Elle Fanning). Die Bankierstochter war Schönheitskönigin und ist als Journalistik-Studentin sehr ehrgeizig. Sie will in Gatsbys Heimatstadt den berühmten Regisseur Roland Pollard (Liev Schreiber) interviewen und fragt sich, ob sie mit so einem Beitrag für die Uni-Zeitung wohl einen Pulitzer-Preis gewinnen kann. Gatsby dagegen will Ashleigh mit 20.000 beim Pokern gewonnenen Dollars die romantische Seite New Yorks zeigen, teures Hotel am Central Park, exquisite Restaurants und Cocktailbars mit Pianospieler, Kutschfahrt durch den Regen. Doch daraus wird nichts, denn die junge Reporterin versackt in der Glamourwelt des Filmbusiness.

Schon beim Interview flirtet der an sich zweifelnde Regisseur Pollard heftig mit der schönen Ashleigh und lädt sie gleich zu einer privaten Vorführung seines neuen Filmes ein, später will er sie sogar als Muse mit nach Frankreich nehmen. Sein Drehbuchautor Ted Davidoff (Jude Law), mit dem Pollard bei der Vorführung in Streit gerät, fordert Ashleigh auf, dem krisengeplagten Pollard mit weiblicher Zuwendung Mut zu machen. Sonst würde Pollard den Film noch hinwerfen -Ashleigh wittert für ihren Artikel schon einen großen Knüller. Doch schon bald bemüht sich auch Davidoff um die junge Schönheit, denn seine Frau hat ihm just den Laufpass gegeben. Am Filmset suchen beide den frustriert getürmten Pollard und Ashleigh lernt auch noch den Filmstar und Frauenschwarm Francisco Vega (Diego Luna) kennen, ihren auf sie wartenden Gatsby vertröstet sie immer wieder am Handy, sie sei nun aber wirklich einer ganz großen Story auf der Spur. Auch Vega würde die Ballkönigin aus der Provinz nicht von der Bettkante stoßen und nimmt sie erst in seine Garderobe, umschwärmt von Paparazzi, dann auf eine Promi-Party und zuletzt in sein Apartment mit. Ashleigh, die sich zunächst naiv in der Aufmerksamkeit der Filmleute sonnt, wird auf der Schwelle des Schlafzimmers des schönen Filmstars schließlich bewusst, dass es hier um Sex mit ihr geht. An dieser Stelle sagt sie sich, zwar warte ihr Freund Gatsby auf sie, aber Francisco Vega ist ein Star und von diesem Seitensprung wird sie noch ihren Enkelkindern erzählen können.

Gatsby lässt sich derweil durch sein altes New York treiben, landet bei alten Freunden in einer Studenten-Filmproduktion, muss als Statist widerwillig die kleine Schwester einer verflossenen Schulfreundin küssen. Wartet vergeblich im Hotelzimmer auf Ashleigh, die er dann auch noch im Klatsch-TV bei ihrem Besuch in Francisco Vegas Garderobe als dessen neuesten Groupie präsentiert bekommt. Nunmehr Single, gerät er in eine Pokerrunde, gewinnt, und sitzt schließlich melancholisch in einer Bar. Gatsby blickt der Dinnerparty bei seiner Mutter unentschlossen entgegen, denn er sollte dort eigentlich die neue Freundin aus Arizona in die gehobenen Kreise New Yorks einführen. Als eine Prostituierte ihn anspricht, beschließt er spontan sie für 5.000 Dollar als Ashleigh-Double zu engagieren und seiner Mutter unter zu jubeln. Dies misslingt jedoch ebenso wie Ashleighs Seitensprung und am Ende erfährt Gatsby, dass Mütter nicht immer sind, was sie scheinen, und dass es nicht immer die Ballkönigin ist, die einen Mann glücklich macht.

Woody Allen selbst soll, wie sein Regisseur-Alter-Ego Pollard, mit dem Film nicht zufrieden gewesen sein, seine Fans aber wird er kaum enttäuschen. Die Darsteller überzeugen und keiner kann New York so romantisch in Szene setzen wie Allen. ‚A Rainy Day‘ streift mit seiner Story jedoch die #metoo-Problematik und kann fast als Statement gesehen werden: Die junge Ashleigh weiß bei aller Naivität am Schluss genau, worauf sie sich einlässt und zeigt sich, wenngleich auf sympathische Art, von durchaus egoistischen Motiven getrieben. Vielleicht hat auch dies bei Amazon den Ausschlag gegeben, sich von der Produktion abzuwenden. Hauptdarsteller Chalamet und andere haben im Lauf des Shitstorms gegen Woody Allen verkündet, ihre Gagen aus dem Film an #metoo-Opfergruppen zu spenden.

#metoo und Woody Allen

In Donald Trumps Amerika scheint die Unterscheidung eines Beschuldigten von einem Schuldigen inzwischen kaum noch eine Rolle zu spielen. Der Filmemacher, Autor und Jazzmusiker Woody Allen (82) wurde von der New York Times als so „toxisch“ bezeichnet, dass er nicht einmal einen Verlag für seine Autobiografie finden könne, die „Süddeutsche“ sieht ihn schon als Persona non grata der Kulturindustrie der USA.

Feministinnen, die seinerzeit mit Alice Schwarzers Zeitschrift „Emma“ im schmutzigen Scheidungs- bzw. Sorgerechtskrieg die Seite von Mia Farrow gegen Woody Allen ergriffen haben, mögen sich jetzt bestätigt fühlen. Sie sollten vielleicht drei Einwände bedenken:

Erstens standen weder Allen selbst noch seine Filme je für den antifeministischen American Macho, sondern haben diesen stets hinterfragt und ironisiert. Zweitens sind die gegen Allen erhobenen Missbrauchsbeschuldigungen mehr als fragwürdig, entstammen sie doch dem mit harten Bandagen geführten Rechtsstreit Allen-Farrow. Andere Adoptivkinder Mia Farrows haben die Mutter seitdem als rachsüchtig und manipulativ beschrieben; man muss Dylan Farrow dabei keine Lüge unterstellen, die Gedächtnispsychologie hat bei der Untersuchung von Zeugenaussagen das Phänomen der falschen Erinnerung mittlerweile ausreichend aufgeklärt. Schon mit einfachsten Manipulationsmethoden lassen sich selbst bei Erwachsenen Erinnerungen an nie geschehene Ereignisse, sogar an Straftaten, implantieren.

Ob Allen die damals siebenjährige Dylan 1992 wirklich einmal „untenrum“ unzüchtig berührt hat oder ob ihre manipulative Adoptiv-Mutter ihr dies nachträglich eingeredet hat, um sich am Ex zu rächen und das Gerichtsverfahren zu ihren Gunsten zu manipulieren, lässt sich nicht mehr aufklären; gerichtlich ist die Beschuldigung aufgearbeitet und beigelegt, neue Fakten sind nicht aufgetaucht. Zudem beschuldigte 2018 Mia Farrows und André Previns Adoptivtochter Soon-Yi Previn ihre Mutter ebenfalls des Missbrauchs. Eine Affäre mit Soon-Yi Previn, inzwischen Ehefrau von Woody Allen, war Grund für die Trennung von Farrow.

Drittens ist die #metoo-Debatte teilweise dabei, unfreiwillig auch Wasser auf die Mühlen von Donald Trumps Wahlkampf zu gießen. Denn kaum etwas war den Rechtspopulisten der Trump-Bewegung so verhasst wie die linksliberal-jüdische Filmbranche der USA. Breitbart und Trump-Nestor Bannon, der in Breitbarts Namen weiter kämpfte, hassten Hollywood und die Filmbranche wie einst die Nazis und später die McCarthy-Antikommunisten. Wenn die prominente Trump-Sympathisantin Nadja Atwal, selbst Filmproduzentin, Harvey Weinstein, Roman Polanski und Woody Allen heute süffisant in einem Atemzug nennen kann, werden viele Trump-Fans dies mit Genugtuung sehen, auch weil alle drei geschmähten Filmleute jüdischer Herkunft sind: Die traditionell antisemitischen Nazifahnen-Schwenker sowieso, aber auch Steve Bannon und seine Breitbart-Leser.

Hollywood ist für mich eine noch desillusionierendere Erfahrung als Obama und die demokratische Partei. Links reden, rechts leben und permanent die Kerze von beiden Seiten anzünden… Leute wie Woody Allen, Weinstein und Polanski wurden hofiert, bis … ja, bis es der Karriere mehr brachte, dies nun nicht mehr zu tun und stattdessen in das Gegenlager zu wechseln… Nadja Atwal

Sind bei Weinstein die #metoo-Vorwürfe berechtigt, so kann man beim 2009 wegen sexueller Straftaten belangten Filmemacher Polanski mit seinem Verteidiger Rüdiger Suchsland schon anderer Meinung sein.

Bei Woody Allen schießt #metoo übers Ziel hinaus, denn auch wenn seine Unschuld nicht beweisbar ist, ist sie doch äußerst wahrscheinlich und letztlich muss bis zum Beweis des Gegenteils ohnehin die Unschuldsvermutung gelten. Der Fall Roman Polanski kann vielleicht als Vorläufer der #metoo-Debatte gesehen werden, wobei leider nicht hilfreich ist, dass neben Woody Allen auch der berüchtigte Harvey Weinstein den Aufruf „Free Polanski now!“ unterzeichnet hatte -freilich neben vielen anderen Berümtheiten wie Monica Bellucci, Tilda Swinton, Whoopie Goldberg, David Lynch, Martin Scorsese, Fatih Akin, Constantin Costa-Gavras, Pedro Almodóvar und Wim Wenders, um nur einige zu nennen. Rüdiger Suchsland geht mit dem Richter von Polanski hart ins Gericht:

Skandalisiert und zum „Fall Polanski“ wurde alles erst durch den zuständigen Richter Laurence J. Rittenband, der seinerzeit nur deshalb mit dem Fall betraut worden war, weil er sich selbst massiv dazu gedrängt hatte… Rittenband war von Hollywood und seinen Stars besessen. Als „Richter der Stars“ hoffte er von ihrem Ruhm zu profitieren, und selbst in den Rang einer Celebrity zu kommen. Rittenband war zugleich ein typischer Repräsentant des biederen, bigotten, zurückgebliebenen Middle-Amerika, dessen Kleinbürger-Gesinnung noch im 19.Jahrhundert wurzelt. Für dieses Amerika ist Hollywood nicht nur fremd, sondern eine faszinierend abstoßende Hölle. Rüdiger Suchsland

Für die Neue Rechte, die im Netz unter Steve Bannons Führung für Trump trommelte, war Hollywood vielleicht weniger wegen erotischer Libertinage zu verdammen. Sie empörte eher mangelnder Patriotismus und die Unterstützung der Demokraten.

Peter Robinson, Hoover Institution, interviewte vor zehn Jahren den neorechten Hollywood-Kritiker Andrew Breitbart, dessen Blog unter Ägide von Steve Bannon posthum zum Flaggschiff der Netzkampagne für Donald Trump wurde. Dokumentiert ist dort wie der konservative Stanford-Thinktank Hoover den agilen Breitbart in seinem Kulturkampf gegen das linksliberale Establishment förderte: The Politics of Hollywood with Andrew Breitbart.

Die Herren Breitbart und Robinson scheinen sich einig, wie heruntergekommen die US-Filmindustrie sei; waren Warner Brothers noch pro-Republikaner gewesen, dominiere Hollywood jetzt eine linksorientierte Politik. Woody Allens „A Rainy Day in New York“ zeigt die Trump-Fans verhassten Linksintellektuellen in milder Selbstironie, wenn der junge Gatsby seine Zigaretten betont stilvoll mit Spitze raucht.

Das hätte das Duo Breitbart-Robinson sicher bestätigt, denn sie mokieren sich über alberne Intellektuelle, die ihre Zigaretten wie Europäer rauchen -Robinson saugt demonstrativ an seinem Kugelschreiber. Den stramm national gesinnten Herren missfällt aber vor allem, wie negativ in US-Filmen die USA und besonders US-Firmen dargestellt werden, immer wären sie die Bösen. Grund wäre auch das Schielen auf die Filmmärkte außerhalb der USA, deren Antiamerikanismus Hollywood damit bedienen wolle. Ihnen entgeht dabei, dass die meisten wirklich brutalen Bösen in solchen US-Actionfilmen doch eher Russen, Asiaten oder Latinos sind, manchmal auch Teutonen, wie z.B. Arnold Schwarzenegger in TERMINATOR (die wechseln dann jedoch auf die Seite der Guten und werden günstigstenfalls sogar zum Gouverneur von Kalifornien gewählt).

Im weiteren Altherrenplausch wettern Breitbart und Robinson noch gegen den neuen Bondfilm, da hätte man gezeigt, wie US-Amerikaner bzw. US-Firmen versuchen, Bolivien zu übernehmen -wie absurd! Was sollten US-Konzerne denn mit all dem Lithium anfangen? Etwa Autobatterien bauen? Der aktuelle Putsch gegen Evo Morales bzw. dessen Rücktritt Anfang November scheint allerdings den Kurs von Tesla beflügelt zu haben, der im November von 220 auf 320 Punkte sprang. Doch solche Fragen bewegen weder den klugen jungen Gatsby noch Woody Allen, sondern eher Michael Moore. Moores Filme von rechts zu übertrumpfen wurde dann zur fixen Idee von Breitbart-Jünger und Trump-Mentor Steve Bannon.

Eine Kurzfassung dieser Filmkritik erschien auf Telepolis

VHS Hamburg: Gefährliche Filterblasen im Internet oder Mainstream-Medien-Hypnose?

Filterblasen sind in den Medien populär -als das, was die anderen in ihrer falschen Weltsicht bestätigt. In der Filterblase sitzt immer der andere, soll heißen: der, der eine andere Meinung vertritt, eine andere Weltsicht hat. Diese falsche Weltsicht soll heute vor allem aus dem Internet kommen, aus den Sozialen Medien zumal. Dort gibt es immer nur Informationen zu sehen, die unsere Meinung bestätigen.

Im Internet schenkten viele Menschen anderen Meinungen als ihrer eigenen keinen Glauben mehr, das liege daran, dass in ihren Social-Media-Kanälen fast nur noch Meldungen auftauchten, die ihrer Einstellung entsprechen, den sogenannten Filterblasen, so heißt es etwa bei der ARD.

Aber gibt es dieses Phänomen wirklich erst seit Facebook & Co. sich zu Massenmedien aufschwingen konnten? Bedeutende Denker wie Harold Pinter haben dies anders gesehen und hatten dafür gute Argumente:

Die Verbrechen der Vereinigten Staaten waren systematisch, konstant, infam, unbarmherzig, aber nur sehr wenige Menschen haben wirklich darüber gesprochen. Das muss man Amerika lassen. Es hat weltweit eine ziemlich kühl operierende Machtmanipulation betrieben, und sich dabei als Streiter für das universelle Gute gebärdet. Ein glänzender, sogar geistreicher, äußerst erfolgreicher Hypnoseakt. Harold Pinter,  Nobelpreis-Vorlesung 2005

Wie gefährlich sind also Filterblasen?

Und was hat es mit den Fake News auf sich? Sie sind in aller Munde, aber manche sehen darin eine Taktik zur Immunisierung der Mainstream-Medien gegen Kritik aus dem Netz. Was meinte der Literaturnobelpreisträger Harold Pinter, als er in seiner Nobelpreis-Vorlesung 2005 von einem uns umgebenden „Lügengespinst“ sprach, dessen „erfolgreicher Hypnoseakt“ weltweit Kriege deckt? Begriffe und Debatten sollen kritisch reflektiert und diskutiert werden: An der VHS Hamburg.

Angebot der VHS Hamburg

Filmkritik: The Limehouse Golem

Thomas Barth The Limehouse Golem

The Limehouse Golem ist ein viktorianischer Travestie-Psychothriller -als wenn Almodovar Jack the Ripper und Sherlock Holms gemixt hätte, um Elend und weibliche Genitalverstümmelung anzuprangern.  Deutscher Kinostart: 31.August.

Im nebelverhangenen Gaslicht-London des Jahres 1880 treibt ein besonders blutrünstiger Serienmörder sein Unwesen. An seinen Tatorten im verelendeten Rotlichtbezirk Limehouse hinterlässt er mit dem Blut seiner Opfer mysteriöse Botschaften in lateinischer Sprache. Die Untaten sind derart grausam, dass man ein Monstrum am Werk glaubt: einen Golem, den aus Lehm geformten Rache-Zombie der jüdischen Mythologie. Scotland Yard ruft den alternden Detective Inspektor John Kildare (Bill Nighy, „I, Frankenstein“) auf den Plan. Er soll bei diesem unlösbaren Fall untergehen, denn er steht im Ruf, verbotener Homoerotik zu frönen, was seinen Adlatus, den treuen Polizisten Flood (Daniel Mays, „Victor Frankenstein“) in gewisse Konflikte bringt.

Kildares Ermittlungen führen ihn in den Dunstkreis des schillernden Travestieshow-Talents Dan Leno (Douglas Booth, „Romeo&Juliet“), dessen äußerst beliebte Music Hall die Londoner Massen ins verruchte Vergnügungsviertel Limehouse strömen lässt. Lenos Schauspiel-Kollegin und Freundin Elizabeth Cree (Olivia Cooke, „Bates Motel“) soll ihren Mann vergiftet haben und dieser scheint in die Mordfälle verwickelt zu sein. Inspektor Kildare will als väterlicher Beschützer die in der Todeszelle sitzende Lizzy Cree retten -indem er ihren toten Gatten als Golem entlarvt, der sich aus Reue selbst vergiftete.

Horror & Whodunit

Der Film von Juan Carlos Medina, der mit seinem Debüt „Painless“ 2012 bekannt wurde, verknüpft den blutigen Horrorthriller mit einer Detektivstory, deren Whodunit (Who done it?) in teils rasanten, teils etwas zu verschlungenen Wendungen verläuft. Vor allem Rückblenden ins Leben der Mordverdächtigen Liz Cree falten die Handlung immer weiter auf: Ihre tragische Kindheit im Elendsviertel, ihre Aufnahme in Dan Lenos Musikhall, ihr kometenhafter Aufstieg dort vom Laufburschen zur clownesken Sängerin. Liz macht der Trapez-Diva Aveline Ortega (María Valverde) Konkurrenz, gewinnt die Liebe des zwischen Größenwahn und Versagensangst zitternden und tobenden Autors John Cree (Sam Reid) und wird auf der Bühne androgyner Gegenpart des transvestitischen Superstars Dan Leno. Den opulent ausgemalten Gothic-Novel-Hintergrund liefert das Londoner East End, das schon Jack the Ripper unsicher machte.

Der Begriff, „East End“, wurde in den 1880ern geprägt, als es bei den Reichen Mode wurde, zum wohligen Gruseln die Slums rund um die Docks zu besuchen. Aber der Osten Londons existierte schon lange vorher als ein vom Rest der Metropole getrennter Bereich. Zum Schutz vor Hochwasser bauten die Römer auf dem Gebiet des damaligen Londinium Mauern, die den Westen bevorzugten und den Osten benachteiligten… Die Reichen und Mächtigen wohnten im Westen; die Armen, die auf der Flucht vor religiöser Verfolgung (französische Hugenotten, osteuropäische Juden) oder Hungersnöten (die Iren) nach London gekommen waren, im Osten. Eine wichtige Rolle spielte der entlang der Themse vorherrschende Westwind. Seinetwegen wurde alles, was stank, im Osten angesiedelt: Fabriken, die Farben und Lösungsmittel, Dünger, Knochenmehl, Klebstoff, Paraffin oder Streichhölzer herstellten, Schlachthöfe, Gerbereien und Fischzuchtanlagen.

Könige der Unterwelt, Hans Schmid

Die viktorianische Atmosphäre des düsteren East End, wo betrunkene Puritaner zwischen Bordellen und Sexshows torkeln, wird von „The Limehouse Golem“ drastisch zum Leben erweckt. Die blutigen Morde setzen gruslige Akzente, doch Beziehungsgeflecht und Psychologie der Figuren stehen im Mittelpunkt: John betrügt mit Diva Aveline seine Ehefrau Liz, die derweil vom Musik Hall-Besitzer, dem listig-schlüpfrigen „Uncle“ (Eddie Marsan, „Mr.May“), zu verbotener Pornographie gedrängt wird. Inspektor Kildare kann seine Jagd auf den Golem schließlich auf vier Verdächtige zuspitzen, die alle in der Londoner Bibliothek recherchierten: John Cree, Dan Leno, George Gissing und Karl Marx.

Die Vorlage für das Drehbuch von Jane Goldman („X-Men: Erste Entscheidung“) lieferte der britische Erfolgsautor Peter Ackroyd mit dem Roman „Der Golem von Limehouse“. Ackroyd ist für fantasievolle, aber historisch versierte Erzählungen und für historische Biographien bekannt, u.a. über Ezra Pound, Charles Dickens, Oscar Wilde und ist bei Band vier einer siebenbändigen „History of England“. In seinen Romanen lässt er reale historische Persönlichkeiten neben seine Figuren treten: Im hier verfilmten „Golem“ den damaligen Superstar des späten 19.Jh. Dan Leno, den deutschen Philosophen Karl Marx und den tragischen Schriftsteller George Gissing, der in seinen Werken das Elend in London anprangerte und gewisse Züge mit Ackroyds Figur John Cree teilt.

Weibliche Genitalverstümmelung

Im Roman wird eine medizinische Grausamkeit des 19.Jh. beschrieben: Die Entfernung der Klitoris als Mittel, um die verbotene Sexualität von Mädchen zu bekämpfen. In aktuellen Debatten über Genitalverstümmelung bei Muslimas wird oft vergessen, dass diese Praxis noch vor vier Generationen auch in Europa nicht unüblich war.

An der kindlichen Liz Cree wird im Film diese Verstümmelung auf besonders grausame Weise vollzogen: Von ihrer eigenen Mutter mit einem glühenden Schürhaken. Angesichts der Kosten ärztlicher Behandlung wurden damals aber wohl insbesondere Töchter wohlhabender Familien Opfer dieses barbarischen Eingriffs. Zur Zeit der Handlung, im Jahr 1880, lag das Opus Magnum des damals berühmtesten britischen Gynäkologen, Isaak Baker Brown (1811-1873), erst 16 Jahre vor: On the Curability of Certain Forms of Insanity, Epilepsy, Catalepsy, and Hysteria in Females. (pdf)

Dr. Baker Brown empfahl darin die Heilung diverser Formen von Wahnsinn von Hysterie bis Epilepsie durch chirurgische Eingriffe, auch der Klitorektomie. Leider ist zu befürchten, dass dieses Werk weithin Anwendung fand: Von Dr. Thomas Wakley, im 19.Jh. ein Herausgeber der bis heute bedeutenden Zeitschrift The Lancet, wurde damals der Operationssaal von Baker Brown als Mekka für Gynäkologen gepriesen. Der Wunsch nach Klitorektomie gilt inzwischen als psychotherapeutisch zu behandelnde Störung. Die weibliche Genitalverstümmelung auf Verlangen kann aber offenbar in Großbritannien bis heute straflos praktiziert werden.

The Limehouse Golem“ unterhält mit schaurig-schönen Bildern und überzeugendem Schauspiel. Juan Carlos Medina wartet in seinem am Rande der Fantastik angesiedelten Horrorthriller mit diversen Wendungen auf und beleuchtet nebenbei auch dunkle Seiten der europäischen Sexualgeschichte.

„The Limehouse Golem“ ist ab dem 31. August in deutschen Kinos zu sehen.  Gekürzte Version erschien  2017 bei Telepolis

Was verschweigt der Film „Im Labyrinth des Schweigens“?

Thomas Barth Im Labyrinth des Schweigens

Letztes Jahr hatten die „Großen Frankfurter Auschwitz-Prozesse“ 50.Jubiläum; „Im Labyrinth des Schweigens“ erzählt die Vorgeschichte im Adenauer-Deutschland ab 1958. Retrofans der 50er kommen mit diesem Justiz-Thriller nebst Love-Story bei Petticoat und Zuckerguss voll auf ihre Kosten. Politisch Interessierte weniger, denn außer dem Aha-Erlebnis, dass im Nachkriegsdeutschland keiner wusste wo Auschwitz lag und Nazi-Verbrechen als Propaganda der Alliierten Siegermächte abgetan wurden, hat der Film wenig Neues zu bieten.

Erst vom 20. Dezember 1963 an wurde das Wort „Auschwitz“ in Westdeutschland bekannt, später wurde das Vernichtungslager zum Symbol des größten Menschheitsverbrechens, des Holocaust der Nazis an den Juden. Der Film von Ricciarelli lässt zwei historische Personen auftreten, Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss) und Journalist Thomas Gnielka (Andre Szymanski) und fasst die ab 1958 von Bauer mit dem Fall Auschwitz beschäftigten drei Staatsanwälte in seiner Heldenfigur zusammen: Nachwuchsjurist Johann Radmann (Alexander Fehling) langweilt sich bei Verkehrsdelikten und greift nach der Chance einen Mörder zu jagen als Gnielka vergeblich versucht, Strafanzeige gegen einen Nazi-Mörder zu erstatten.

Gnielka und Radmann rennen bei der westdeutschen Justiz gegen Wände von Schweigen, Lügen und Selbstgerechtgkeit. Sie freunden sich an und stoßen nach einer feuchtfröhlichen Pettycoat-Party durch einen Zufall auf Originaldokumente aus Auschwitz: Endlich konkrete Beweise, die zu konkreten Personen führen. Er jagt vor allem Lagerarzt Dr.Mengel, den personifizierten Nazi-Unmenschen, erwischt wird aber nur Schreibtischtäter Eichmann und zwar nach Tipps von Bauer durch den Mossad.

Bei den Zeugenvernehmungen der Auschwitz-Überlebenden verzichtet Ricciarelli auf Details der Verbrechen. Er zeigt nur die Reaktionen in Gesichtern der Zuhörer, die weinend aus dem Raum flüchtende Gerichtssekretärin steht für die emotionale Aufarbeitung des Traumas im Film. Ansonsten bleibt noch der psychische Kampf des Jungjuristen mit Schuld und Grauen, er trinkt und sogar seine neu gefundene Liebe gerät dabei in die Krise. Das verbissene Schweigen des Adenauer-Deutschlands zu den Nazi-Verbrechen bringt Radmann an den Rand des Aufgebens. Soweit so gut.

Aber der Film verpasst die Chance, Fakten zu präsentieren, die auch heute noch verschwiegen werden, obwohl die Story sie ihm quasi vor die Füße legt: Adenauers Westdeutschland wurde mit regiert von einem Mann, der schon in Hitlers Großdeutschland ein führender Kopf war: Hans Maria Globke, „der starke Mann“ hinter dem greisen Langzeit-Kanzler Adenauer, hatte den Massenmord an deutschen und europäischen Juden juristisch und administrativ vorbereitet.

Globke war so etwas wie Eichmanns Vorgesetzter, hatte zumindest die Basis gelegt für die Verbrechen des Schreibtischtäters Eichmann, dessen Verhaftung durch den Mossad 1960 Teil der Filmhandlung ist. Eichmann hatte den Transport der Juden nach Auschwitz organisiert, aber Adenauers Staatssekretär im Kanzleramt Globke hatte sie dem Nazi-Regime dafür ans Messer geliefert. Globke hatte allen deutschen Juden ein „J“ in die Ausweise stempeln und sie dabei von den Meldeämtern identifizieren und erfassen lassen. Eichmann wurde in Jerusalem hingerichtet, Globke machte Karriere, bestimmte die Leitlinien westdeutscher Politik und bekam einen Orden dafür. Diese Fakten, die westdeutsche Historiker nur undeutlich in ihre Bärte nuscheln, fehlen in Schulbüchern und sind weithin unbekannt, besonders bei den immer noch zahlreichen Fans von CDU-Kanzler Adenauer und seiner Partei.

Das „Labyrinth des Schweigens“ empört sich über das Verschweigen der Verbrechen Eichmanns damals, macht aber mit beim Verschweigen der Verbrechen Globkes, das bis heute andauert. Das Verschweigen hatte damals und hat bis heute ideologische Gründe. Gerade jetzt, wo zum aktuellen Mauerfall-Jubiläum wieder mal der „DDR-Unrechtsstaat“ verdammt wird, kann man Zweifel am viel gepriesenen BRD-Rechtsstaat offensichtlich nicht gebrauchen. Doch der DDR-Unrechtsstaat hat Globke 1963 den Prozess gemacht und ihn in Abwesenheit zu Lebenslänglich verurteilt, wenn auch mittels tölpelhaft gefälschter Beweise.

Anders als die kleine DDR ließ der BRD-Rechtsstaat Millionen Nazi-Verbrechen wie Raub, Folter, Vergewaltigung, Totschlag seelenruhig verjähren, selbst Massenmörder blieben unbehelligt. Im „Großen Auschwitz-Prozess“ verurteilte man nur 20 Mörder, nach dem in den 50ern sogar noch viele Nazi-Verbrecher begnadigt wurden, die alliierte Gerichte für Jahrzehnte hinter Gitter geschickt hatten. Auch das erwähnt unser Justiz-Thriller nicht, wühlt stattdessen in der zerquälten Psyche seines fiktiven Helden, der entdecken muss, dass sogar sein eigener Vater Nazi war. In platter, fast schon unfreiwillig komischer Küchenpsychologie jagt der Held im Traum Nazi-Monster Mengele, der dreht sich um und –Schock: Vor ihm steht des Helden verehrter Erzeuger. Auf diese von Sigmund Freud inspirierte Horror-Einlage hätte man gern zugunsten des weit monströseren Themas Globke und seiner NS-Blutschutzgesetze verzichtet.

Der Film entfaltet so sein eigenes „Labyrinth des Schweigens“, die DDR kommt genauso wenig vor wie der Kalte Krieg, der mit seiner antikommunistischen Paranoia die Adenauer-BRD ebenso prägte wie das Amerika der McCarthy-Zeit. Mit ein paar Klicks auf Wikipedia hätten die Drehbuchautoren weitere interessante Fakten zum Eichmann-Prozess finden können: Der Nazi-Massenmörder hatte ein Interview gegeben, in dem er auch Hans Globke nannte. Die Regierung Adenauer fürchtete den Skandal und ließ ihre Kontakte zur CIA spielen. CIA-Boss Allan Dulles verhinderte, dass Globke in der vom US-Magazin LIFE publizierten Version des Eichmann-Interviews erwähnt wurde. Der Kinobesucher erfährt davon auch heute nichts, nur Gemunkel über hohe Tiere, die schützende Hände über alte Nazis halten –obwohl man längst Ross und Reiter nennen kann.

Doch wir wollen nicht zu hart urteilen: Immerhin nimmt sich der Film des Themas Auschwitz überhaupt einmal abseits der Gedenktage an. Weite Teile der deutschen Kultur und Medien neigen bis heute zu einer ideologisch verzerrenden, abwiegelnden Darstellung der Nazi-Verbrechen. So widmet das Bertelsmann-Universal-Lexikon Auschwitz ganze acht Zeilen, das Wort „Aufzug“ bekommt elf, die Aum-Sekte des Japaners Shoko Asahara immer noch fünf; Adenauer glänzt über 33 Zeilen, auf denen freilich Hans Globke fehlt, zu dem sich überhaupt kein Eintrag findet. Und auch der deutsche „Qualitätsjournalismus“ in Gestalt der Süddeutschen Zeitung machte beim Thema Auschwitz-Prozess im letzten Jahr keine allzu gute Figur:

„Der Jurist, weißes, leicht ungeordnetes Haar und Hornbrille, fläzt etwas verdreht im Sessel, raucht. Er muss dem Fernsehpublikum nicht mehr vorgestellt werden: Es ist Hessens Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Sein Name steht in den 1960er-Jahren stellvertretend für eine scharfe Abrechnung mit der NS-Vergangenheit, die vielen Deutschen zu weit geht (…) Rachsüchtig nennen sie ihn in der Nachkriegszeit. ‚Haben Sie in Ihrer blinden Wut denn noch nicht verstanden‘, so schreibt der Verfasser eines typischen Schmähbriefs,‘dass einem sehr großen Teil des deutschen Volkes die sogenannten Nazi-Verbrecher-Prozesse längst aus dem Hals hängen! Gehen Sie doch dorthin, wohin Sie gehören!!!‘“ SZ, 20.12.2013

Wohin sollte Fritz Bauer gehen? Wohl kaum zur Hölle oder nach Jerusalem –der Altnazi meinte in seinem Schmähbrief offensichtlich die DDR und wollte damit Fritz Bauer als Kommunisten denunzieren , was aber weder die Süddeutsche 2013 noch der Film von Ricciarelli 2014 auch nur anzudeuten wagen.

Der jetzt auch in Deutschland angelaufene Film feierte seine Premiere in englischer Sprache unter dem Titel Labyrinth of Lies schon beim Toronto International Film Festival 2014. Im Labyrinth des Schweigens, Drehbuch: Giulio Ricciarelli, Elisabeth Bartel, Regie: Giulio Ricciarelli, Darsteller: Alexander Fehling, Friederike Becht, Peter Cieslinski, Josephine Ehlert, Elinor Eidt.

SZ, 20.12.2013, R.Steinke, 50 Jahre Frankfurter Auschwitz-Prozess: Fritz Bauer – ein deutscher Held, http://www.sueddeutsche.de/politik/jahre-frankfurter-auschwitz-prozess-fritz-bauer-ein-deutscher-held-1.1848015 (Abrufdatum 1.10.2014)

Philip Zimbardo: Schwarze Psychologie

Thomas Barth Das Experiment (2001) Poster

Philip Zimbardo wurde am 23. März 1933 in New York City geboren. Der emeritierte Professor für Psychologie sorgte 1971 mit seinem Stanford-Prison-Experiment für Empörung, als er das Gewaltverhalten des Menschen untersuchte. Das war zumindest seine Begründung. Aber Kritiker argwöhnten, es ginge vielmehr um Folterforschung für Geheimdienste und Militärs. Jedem Psychologie-Studenten bekannt, erreichte die ethisch fragwürdige Studie ein Millionenpublikum, als sie in einem Roman und im diesem folgenden deutschen Film aufgegriffen wurde: „Das Experiment“.

An der Stanford-Universität in Palo Alto führte Zimbardo das berüchtigte Experiment durch, bei dem 24 normale College-Studenten zufällig als Gefängniswärter oder Gefangene für ein simuliertes „Gefängnis“ ausgewählt wurden, das im Keller des Psychologiegebäudes aufgebaut worden war. Die Studenten lebten sich dort mehr und mehr in ihre Rollen ein, die „Wärter“ wurden immer sadistischer, die Gefangenen immer passiver und zeigten Anzeichen extremer Depressionen. Das Experiment sollte zwei Wochen andauern, wurde aber bereits nach sechs Tagen wegen einer drohenden Entgleisung abgebrochen.

Wikipedia rechtfertigt Zimbardos unethische Vorgehensweise damit, sie hätte zu Theorien über die Wichtigkeit der sozialen Umgebung in der individuellen Psychologie geführt. Dies ist blanker Unsinn, da diese Wichtigkeit nie bestritten wurde. Wikipedia behauptet weiter, das Zimbardo damit das Milgram-Experiment bzw. das Konformitätsexperiment von Asch gestützt, was ebenfalls zweifelhaft ist, denn zu deren Überprüfung hätte Zimbardo ein völlig anderes Studien-Design wählen müssen. Vielmehr sieht es mehr danach aus, dass man nach praktischen Anwendungen für die Faschismus-Studien von Milgram (und vielleicht am Rande auch der Theorie nach Asch) suchte. Damit wäre Zimbardo als Grundlagenforscher für die ambitionierten Gehirnwäsche-Programme der CIA und anderer US-Geheimdienste, etwa MK-Ultra und Artischocke, zu betrachten. Bei Zimbardo selbst findet man schon etwas Schuldbewusstsein, aber kein wirklich schlechtes Gewissen:

„Nach nur sechs Tagen mussten wir unser Pseudogefängnis schließen, denn was wir sahen, war erschreckend. Weder uns noch den meisten Versuchspersonen war noch klar, wo ihre Rollen begannen und wo sie endeten. Die Mehrheit von ihnen war tatsächlich zu ,Gefangenen‘ oder ,Wärtern‘ geworden und konnte nicht mehr richtig zwischen ihrer Rolle und ihrem Selbst unterscheiden.“ Philip Zimbardo 1971, „The psychological power and pathology of imprisonment

Standard-Lehrstoff Schwarze Psychologie

Jeder Psychologie-Student lernt während seines Grundstudiums den Versuch kennen, den der Stanford-Psychologe Philip Zimbardo in den 70er-Jahren durchführte: Ein erschreckter Forscher bricht ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment ab. Die Ethik der Wissenschaft hat gesiegt? Im Gegensatz zu diesem schmeichelhaften Szenario, das im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Oliver Hirschbiegels Film „Das Experiment“ immer wieder und fast immer ohne es zu hinterfragen wiedergekäut wurde, ist der dem Drehbuch zugrundeliegende Versuch jedoch ein besonders abschreckendes Beispiel für mangelhafte Ethik des psychologischen Forschers. Wissenschaftler befinden sich zwar oft im moralischen Zwiespalt, ihre Versuchspersonen im Sinne eines Experimentalaufbaus täuschen oder belügen zu müssen. Philip Zimbardo gilt jedoch als Extremist unter den Experimental-Psychologen. Seinen Probanden verabreichte er etwa Adrenalinspritzen, um Angst oder Panik zu untersuchen, und er geizte auch nicht mit Elektroschocks, wenn es um Fragen der Schmerzempfindlichkeit ging.

Oliver Hirschbiegels Film „Das Experiment“ greift auf „Das Experiment Black Box“, Mario Giordanos Krimiadaptation des Stoffes zurück, arbeitet also unter der beliebten Berufung auf „eine wahre Begebenheit“. Der studierte Psychologe Giordano folgt damit den Spuren des erfolgreichen US-Jugendbuchautors Morton Rhue, dessen Jugendpsychothriller „Die Welle“ ebenfalls auf der „wahren Begebenheit“ eines sozialpsychologischen Versuchs basierte. 1969 hatte im kalifornischen Palo Alto ein Lehrer seine High-School-Schüler zu disziplinierten Mitläufern einer fiktiven, geheimen Bewegung gemacht, die sich „The Wave“ nannte. Im Unterricht war bei der Beschäftigung mit dem deutschen Faschismus die Frage aufgekommen, wie die Nazis so großen Erfolg haben konnten. Der Lehrer beschloss, seiner Klasse eine Lektion zu erteilen und sie zu Teilnehmern eines sozialen Experimentes zu machen. Was als pädagogisches Beispiel im Sozialkunde-Unterricht gedacht war, entgleiste zu einer rasanten Übernahme faschistoider Rollenklischees durch die US-Jugendlichen.

Faschismusforschung: Adorno, Asch und Milgram

Der beliebte mediale Griff in die Gruselkiste „schwarzer Psychologie“ sollte allerdings nicht die Verdienste der experimentellen Forschungsrichtung generell in Zweifel stellen. Ähnlicher Methoden bediente sich zum Beispiel Theodor W. Adorno bei seinen legendären „Studien zum autoritären Charakter“. Im Rahmen der Konstruktion einer F-Skala der Persönlichkeit (F steht für Faschismus) täuschte auch Adorno die Versuchspersonen, ebenso Asch bei seinen Studien zur Konformität. Asch bewies, dass in einer konformen Gruppe schon ein einzelner Kritiker die von den Mitläufern nachgebeteten Lügen enthüllen kann -nicht ganz so erfolgreich wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, aber beinahe. Diese Forschung machte Mut zum Widerstand gegen totalitäre Bestrebungen.

Mit Täuschungen arbeitete auch der lobenswert experimentierende Faschismus-Forscher Milgram: Er ließ seine Probanden einem angeblichen Opfer im Nebenzimmer Elektroschocks verabreichen. Unter Leitung eines als Autoritätsperson auftretenden Forschers sollten die Freiwilligen (ganz normale US-Bürger) die Voltzahl der elektrischen Schläge, die als Bestrafungen in einem angeblichen Lernexperiment gerechtfertigt wurden, immer weiter steigern. Wenn die Probanden angesichts von (vorgetäuschten) Schmerzensschreien aus dem Nachbarzimmer Bedenken anmeldeten, beharrte die weiß bekittelte Autoritätsperson auf einer weiteren Durchführung. Der Forscher behauptete, es sei alles harmloser, als es sich anhöre, und übernahm jede Verantwortung für den Ausgang der Bestrafung. Unter diesen Bedingungen steigerten die meisten der Versuchspersonen die Stromschläge immer weiter, trotz lauter werdender Schreie des vermeintlichen Opfers. Gruselig und durch aus zur Erklärung für Grausamkeit in totalitären Organisationen geeignet: Einige Probanden verabreichten Stromstöße sogar über einen letzten markerschütternden „Todesschrei“ hinweg -die konstruierte Situation hatte alle zivilisierten Hemmungen und Gewissensbisse offenbar außer Kraft gesetzt.

Manchen Beobachtern erschien besonders bedrückend, dass Faschismus-Tendenzen auch in den USA nachweisbar waren. Denn Adorno und Milgram bewiesen mit ihren Untersuchungen unter anderem, dass Autoritätshörigkeit bis zur Mittäterschaft bei der grausamen Misshandlung Wehrloser keine spezifisch deutsche Eigenschaft ist. Vielmehr erwies sich Adornos psychologischem Blick der Autoritarismus als in der Mittelschicht verbreitete Haltung. Er sah sie unter anderem gekennzeichnet von Konventionalität, Unterwerfung unter einen Vorgesetzten oder Führer, Abwehr des Fantasievollen, Neigung zu Aberglauben sowie Aggression gegen Abweichler von Gruppenstandards. Wenn man fundamentalistischen Bibelglauben als eine Form gesellschaftlicher Konventionalität von Aberglauben in den USA bewertet, scheint diese Eigenschaft dort weit verbreitet zu sein. Die Toleranz mit Abweichlern ist zumindest in Filmdarstellungen vom US-Schulalltag auch eher nicht Teil der Sozialisation. Eine autoritaristische Grundhaltung lag vermutlich vielen Versuchspersonen nicht ferner, als sie bei deutschen Probanden vermutet werden dürfte.

Original-Filmaufnahmen von Milgrams Faschismus-Experimenten werden heutigen Psychologie-Studenten gezeigt. Bilder aus Philip Zimbardos „Pseudogefängnis“ sah man jedoch noch nicht überall, obwohl die Insassen und Wärter dort zwar heimlich, aber  eifrig gefilmt wurden (angeblich soll an einigen Universitäten solches Material verwendet werden). Was aber steht als wissenschaftliche Fragestellung hinter dem unethischen Psycho-Experiment, auf das sich Hirschbiegels Thriller „Das Experiment“ bezieht?

Zimbardos „Theorie der Deindividuierung“

Der Stanford-Psychologe Zimbardo suchte mit diversen Methoden nach einer Bestätigung seiner „Theorie der Deindividuierung“. Der Begriff erklärt in der Tradition der klassischen Massenpsychologie das Auftreten moralisch verwerflichen bzw. grausamen Verhaltens durch unter bestimmten Bedingungen nachlassende „Selbstaufmerksamkeit“. Eine Störung der Selbstaufmerksamkeit ergibt sich zum Beispiel aus neuen, unstrukturierten Situationen, unklarer Verantwortungslage, gefühlsmäßiger Erregung, sinnlicher Überreizung (z. B. laute Musik) und Anonymität. Aber vorweg gesagt: Das Vorliegen solcher Bedingungen hat keinerlei entschuldigende Wirkung für kriminelle Grausamkeiten. Der voll verantwortliche Erwachsene hat sich genug im Griff zu haben, um sein Gewissen auch bei Lärm etc. in Funktion zu halten.

Oberflächlich betrachtet ähnelt Hirschbiegels Drehbuch tatsächlich Zimbardos berüchtigtem Gefängnisexperiment. Zimbardo zielte auf die Schaffung einer neuen, unstrukturierten Situation mit diffuser Verantwortung der anonymen Wärtergruppe. Deren Ausrüstung bestand aus Uniformen, Schlagstöcken, verspiegelten Sonnenbrillen. Die Kleidung der Gefangenen zielte dagegen auf Demütigung ab. „Jeder Häftling erhielt einen Umhang … Unterhosen erhielten die Häftlinge nicht (sodass sie in weiblicher Haltung zu sitzen gezwungen waren), aber sie bekamen eine leichte Kette mit Schloss um ein Bein, Gummisandalen und eine Art Nylonstrumpf als Kopfbedeckung, um etwaige Unterschiede in der Haartracht der Häftlinge unsichtbar zu machen„,  berichtet Peter Watson in seinem Werk „Psycho-Krieg: Möglichkeiten, Macht und Missbrauch der Militärpsychologie„.

Der Fim verharmlost Zimbardos Experiment

Realität und Darstellung im Film weisen aber einen entscheidenden Unterschied auf: Im Gegensatz zu Hirschbiegels Version war Zimbardos Gefangenen jedoch nicht einmal bewusst, dass sie sich in einer Experimentalsituation befanden.  Auf eine von den Wissenschaftlern um Zimbardo geschaltete Zeitungsannonce in Palo Alto meldeten sich über 70 Studenten. Der Stanford-Professor wählte aus dieser Gruppe 24 normale gutbürgerliche Einwohner von Palo Alto aus und verteilte sie per Münzwurf auf die beiden Rollen seines Szenarios. Dann wurden sie erst einmal wieder nach Hause geschickt.

Die zwölf Wärter wurden später teilweise eingeweiht, aber auch auf ihre totalitäre Aufgabe eingeschworen: Vor allem die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung unter Anwendung von Mitteln ihrer Wahl, ausgenommen physische Gewalt. Die Gefangenen erhielten Nummern, auch auf der Vorder- und Rückseite ihrer Kittel angebracht, die sie zwecks Entmenschlichung statt ihrer Namen zu verwenden hatten. Die ausgefeilten Bedingungen sprechen eher gegen eine allgemeinere psychologische Fragestellung zur Anfälligkeit von Menschen für Totalitarismus. Zu sehr wurde bereits an der Effektivität der Entmenschlichung justiert, zu wenig wurde über Missbrauchsmöglichkeiten der so entstehenden Forschungsergebnisse durch totalitäre Staaten bzw. Institutionen nachgedacht.

Zimbardos Labor-Gefängnis war schon vom Aufbau her jenseits wissenschaftlicher Ethik und vermutlich auch strafrechtlicher Legalität. Drei Zellen befanden sich im Keller der Stanford-Universität, die Originaltüren der Laborräume waren durch gefängnisartige Gittertüren ersetzt worden. Das Flurstück davor war „Gefängnishof“ und wurde an den Enden mit Holzwänden geschlossen, durch Löcher in den Wänden wurde heimlich gefilmt, durch eine Sprechanlage wurden die Probanden ferner auch abgehört. Dieser Versuchsaufbau dürfte nach damaligem US-Recht ein illegaler Eingriff in die Bürgerrechte der als Opfer teilnehmenden Studenten gewesen sein.

Besonders heimtückisch aber war der Zugriff auf die Opfer des Experiments geplant: Die zwölf Häftlinge wurden durch die lokale Polizei, deren Hilfe Zimbardo sich versichert hatte, angeblich unter Verdacht eines Raubes festgenommen. Sie wurden wie Verdächtige erkennungsdienstlich behandelt und mit verbundenen Augen vom Streifenwagen im Keller der Stanford-Universität abgeliefert. Es entstand also die Illusion, einem tatsächlichen Zugriff der Staatsgewalt ausgesetzt zu sein. Bei Hirschbiegel melden sich die Probanden einfach zum Experiment.

Gut getroffen hat der Film jedoch die Brutalität der Situation, denn erschreckend war an Zimbardos Experiment die wachsende Begeisterung der Wärter für ihre im Verlauf immer aggressiver ausgeübte Tätigkeit. Noch verstörender wirkt die bei Zimbardo beschriebene Passivität der Gefangenen, die weder Widerstand noch Solidarität zeigten. Einige versuchten zwar, ihre Entlassung durch Bitten zu erwirken und verlangten einen Anwalt. Sie wurden vor ein „Tribunal“ unter Vorsitz Zimbardos geführt, das ihnen gnädig eine Prüfung ihres Ansinnens versprach, und ließen sich dann in ihre Zelle zurückführen. Nun waren seine Versuchspersonen gut angepasste US-Bürger, die vermutlich meist der Mittelschicht entstammten. Ob andere Gruppen ebenso willfährig gewesen wären, darf zum Glück bezweifelt werden. Der Kinofilm lässt die Handlung hier dramatischer werden, bis zur erfolgreichen Revolte. Dies opfert einerseits die Dokumentation der Befriedigung von Zuschauerbedürfnissen und erzählt ein Heldenepos, wo man vor deprimierender Realität warnen könnte. Andererseits macht es Mut immerhin zum Widerstand durch dieses Vorbild.

Hätte Zimbardo ins Gefängnis gehört?

Philip Zimbardo legt Wert darauf, dass die Einsperrung niemals mit Gewalt oder deren expliziter Androhung durchgesetzt wurde. Er hielt das offenbar fälschlich für die ethische Grenze wissenschaftlichen Handelns. Sogar das deutsche Strafrecht (als absolutes ethisches Minimum menschlichen Handelns) sieht das jedoch anders: Nicht nur mit Zwang und Gewalt kann der Straftatbestand einer Freiheitsberaubung erfüllt werden, sondern auch mit List, worunter spätestens die simulierte Verhaftung der Probanden zu subsummieren wäre. Zimbardo und seine Helfer Craig Haney und Curtis Banks hätten sich nach diesen Maßstäben eigentlich vor Gericht verantworten müssen.

Der Militärpsychologie-Kritiker Peter Watson bezweifelt jedoch, dass Zimbardos Studie überhaupt auf die Erforschung der Sozialpsychologie des Gefängnisses abzielte. Die beträchtlichen Gelder dafür erhielt die Universität von Stanford nach Watsons Recherchen vom Office of Naval Research, also von der Marineforschung. Viele Merkmale des Zimbardo-Gefängnisszenarios deuten in der Tat eher auf eine Studie zu militärischen Gefangenenlagern bzw. auf Verhör- und Folterforschung und die US-Marine ist für ihre Militärpsychologie berüchtigt.

1975 sprach Peter Watson, so berichtet er in seinem Buch,  in Oslo auf einer Nato-Konferenz zu Stress und Angst mit einem US-Militärpsychologen namens Dr. Narut, der auf Versuchsergebnisse zur Bewältigung von „Tötungsstress“ aus war. Auf Watsons Nachfragen erklärte Narut dem Kollegen leutselig, es ginge um die Ausbildung von Kommandoeinheiten der Marine, die als Botschaftspersonal getarnt im Ausland „illegale Tötungen“ durchführen sollten: Es ging um Killer. Ziel war also die Vorbereitung von Staatsverbrechen übelster Sorte, wie sie die Westmedien in ihrer Filmindustrie tausendfach den Kommunisten, Chinesen und Russen andichtete, die sich mit finsteren schwarzen Schnurrbärten bzw. den gern auch so benannten „Schlitzaugen“ durch die Agentenfilme mordeten. James Bond, Emma Peel und John Steed (Serie dt. „Mit Schirm, Charme und Melone“) töteten dagegen, wenn überhaupt, nur die übelsten Schurken und nur in Notwehr. Von solcher als Kriegspropaganda zu bewertenden Produktion der westlichen Kulturindustrie ist der Kinofilm „Das Experiment“ glücklicherweise weit entfernt.

Filmemacher und ihre Angst vor der Politik

Enttäuschenderweise übergeht Hirschbiegels Film aber den politischen Hintergrund (also den Kalten Krieg) der unethischen Methoden des Ursprungsexperiments. Nur ein einziger Nebensatz des Drehbuchs nennt ominöse „Gelder von der Bundeswehr“, fragt aber nicht nach deren Zweck. Und zur „Ausgewogenheit“ (nach diesem kurzen Anfall kritischen Denkens) proklamiert ausgerechnet der zu Abhärtungs- oder Testzwecken eingeschleuste stramme Major der Luftwaffe (Christian Berkel) die Menschenrechtserklärung in die Videokameras der Psychologen, bis die Wärter ihn fesseln und knebeln. Noch dazu wird ausgerechnet der taffe Major dann zum Retter für den geqälten Querulanten Moritz Bleibtreu -was eine schöne Imagepflege für die Bundeswehr in den Film integriert.

Psychologische Forschung wurde von Hirschbiegel somit als solche nicht hinterfragt bzw. auf das allgemein Menschlich-Pathologische reduziert. Dabei wäre die Frage nach den eigentlichen Auftraggebern und Hintergründen der Zimbardo-Versuche der spannendere, aber eben auch politischere Thrillerstoff gewesen. Und sobald ein Film politisch zu werden droht, so wird Filmemachern heute wohl eingebläut, wollen die Zuschauer ihn nicht mehr sehen, weil sie dann mit dem gefürchteten „erhobenen Zeigefinger“ belehrt werden könnten. Aber könnte dies nicht vielmehr ein von anderen „erhobenen Zeigefingern“ in Filmhochschulen gelehrtes Klischee sein, mit dem Zweck, die kulturelle Hegemonie der westlichen Machteliten zu schützen? Bei „Das Experiment“ wäre jedenfalls mehr Politik sicherlich drin gewesen, ohne den Film langweilig zu machen. (Eine Kurzfassung dieser Film- und Psychologie-Kritik erschien als „Im Auftrag des Heeres“ in der taz)

PsyWar: CIA-Programm Artischocke und MK-Ultra

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Artischocke /Karelj CC3.0

Thomas Barth

Warum regt sich so wenig Protest gegen die Politik der US-Regierung in der eigenen Bevölkerung? Woher haben die US-Herrschaftseliten ihre immense Macht über das Denken der Amerikaner? Eine Antwort gibt der Blick auf die Geschichte ihrer psychologischen Forschung. Die Erlangung von Kontrolle über das menschliche Gehirn wurde seit den 50er Jahren energisch verfolgt, vor allem von der CIA. Der Name der Projekte: „Artichoke“ und MK-Ultra.

Der frischgebackene CIA-Direktor Allen W. Dulles hielt am 10.April 1953 seine berühmte Brain-Warfare-Rede. Diese Rede war der Startschuss für das wohl ambitionierteste bekannte Forschungsprogramm zur Beherrschung des menschlichen Geistes in der Geschichte. Durchgeführt wurde es als Projekt „Artichoke“ (Artischocke) unter der Ägide des damals noch jungen US-Geheimdienstes CIA, später als Programm MK-Ultra.

Direktor Dulles beschwor eine „Schlacht um die Köpfe der Menschen“, die es angeblich „gegen die Sowjets“ zu gewinnen gelte. Dabei dachte er nicht an bessere Argumente. Für diese Schlacht bedürfe es dringend, wirksamere Mittel der psychologischen Kriegsführung zu entwickeln. Allen W. Dulles startete ein Programm unter Führung namhafter Psychiater wie Dr.Cameron, der sich als Präsident der US-Psychiatervereinigung A.P.A. auch als Chef des streng geheimen MKULTRA-Programms der CIA engagierte. Dort wurden verbrecherische Menschenexperimente aus dem KZ Dachau fortgesetzt, deren führender Nazi-Arzt, der stellvertretende Reichsärzteführer Dr. Kurt Blome, dafür eigens amnestiert und angeworben worden war.

Das streng geheime CIA-Programm „Artichoke“, später „MK ULTRA“, fasste Ansätze von Geheimdiensten der US Army, US Navy und anderen zusammen, die man rückblickend als Manipulations-, Verhör- und Foltertechniken bezeichnen muss (Hypnose, Drogen, Elektroschocks). Schon vor ihrer praktischen Anwendung forderten diese Methoden zahlreiche Opfer, da zu ihrer Entwicklung illegale Menschenversuche stattfanden. Mit diesen Versuchen verstießen die USA gegen den Nürnberger Ärztekodex, wie jüngst Egmont R. Koch und Michael Wech in ihrem Buch „Deckname Artischocke: Die geheimen Menschenversuche der CIA“ (Bertelsmann Verlag, München 2002) nachwiesen bzw. in ihrer gleichnamigen preisgekrönten Fernsehdokumentation (Link vom WDR aus dem Netz entfernt).

In 1964, Richard Helms, the CIA’s Deputy Director for Plans, responded to a question from J. Lee Rankin, the General Counsel for the President’s Commission on the Assassination of President Kennedy, about Soviet brainwashing techniques. Mr. Helms suggested that the Soviets were locked in a „battle for the minds of men.“
Helms was echoing Allen Dulles, who, as the newly installed Director of the CIA, had addressed a national meeting of Princeton alumni on April 10, 1953, at Hot Springs, Virginia, as follows. In the past few years we have become accustomed to hearing much about the battle for men’s minds-the war of ideologies -and indeed our Government has been driven by the international tension we call the ‚cold war‘ to take positive steps to recognize psychological warfare and to play an active role in it. I wonder, however, whether we clearly perceive the magnitude of the problem, whether we realize how sinister the battle for men’s minds has become in Soviet hands. We might call it, in its new form, „brain warfare“. The Helms memorandum was classified in 1974 and is Warren Commission document no. 1131. The Dulles speech was excerpted in U.S. News and World Report (May 8, 1953), p. 54, under the title „Brain Warfare-Russia’s Secret Weapon.“

U.S. Human Rights Abuse Report, Cheryl Welsh, January 1998

Die in A.W.Dulles Rede erstmals öffentlich legitimierten geheimen Experimente verfolgten das Ziel, der Bedrohung durch „kommunistische Gehirnwäsche“ entgegen zu wirken – und der amerikanischen Außenpolitik „dirty tricks“ bereit zu stellen. Der Auslandsgeheimdienst CIA pflegte enge Beziehungen zum US-Außenministerium, insbesondere 1953 unter Außenminister John Foster Dulles, dem Bruder des neu ernannten CIA-Direktors Allen W. Dulles. In den USA herrschte Paranoia vor sowjetischer Infiltration. Anti-kommunistische Hexenjagden sollte vor der unheimlichen Seuche marxistischen Gedankengutes schützen. Einer teuflischen Ideologie, die aufrechte Amerikaner in willenlose Marionetten gefühlloser Gleichmacherei verwandeln konnte – wie im Film „Die Invasion der Körperfresser“.

Ein Mensch konnte nicht durch eigenes Denken, durch eigene Entscheidung zum Kommunisten werden. Dass Kommunismus z.B. vor dem Absinken eines Staates zur Plutokratie schützen konnte, leuchtete den Dulles-Brüdern nicht ein. Der Gedanke an eine Plutokratie, also der Herrschaft reicher Familienclans, die ihren Sprösslingen Amt und Macht kaufen, lag den DullesBrüdern natürlich fern – ihr Großvater hatte ebenfalls schon das Amt des US-Außenministers bekleidet.

Die Bedrohung durch „kommunistische Gehirnwäsche“ hatte sich auch im Koreakrieg gezeigt, als die Koreaner ab 1951, später auch die Chinesen den US-Streitkräften den Einsatz geächteter biologischer Kriegsführung vorwarfen (u.a. Pestbakterien und Anthrax). US-Piloten, die mit ihren Bombern abgeschossen wurden, gaben dies in koreanischer Gefangenschaft öffentlich zu.

The CIA program, known principally by the codename MKULTRA, began in 1950 and was motivated largely in response to alleged Soviet, Chinese, and North Korean uses of mind-control techniques on U.S. prisoners of war in Korea. Because most of the MKULTRA records were deliberately destroyed in 1973 by order of then-Director of Central Intelligence Richard Helms, it is impossible to have a complete understanding of the more than 150 individually funded research projects sponsored by MKULTRA and the related CIA programs. ACHRE Report, Chapter 3, Supreme Court Dissents Invoke the Nuremberg Code: CIA and DOD Human Subjects Research Scandals

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Camp Detrick Biowaffenlabor

Für die USA ein klarer Beweis für eine Gehirnwäsche im Dienste der kommunistischen Propaganda, so die Version, die sich in den westlichen Medien und Geschichtsschreibung durchsetzte. Bis jüngst Beweise ans Licht kamen, die auf ein US-Biowaffen-Programm in Camp Detrick hinweisen (Pentagon bestätigt nach Pressebericht Forschung an biologischen Kampfstoffen). Dort wurde mit Anthrax, Botulinus und Pest geforscht, wobei Biowaffen-Experten aus Nazi-Deutschland und Japan helfen durften, auch und insbesondere solche, die ihre Erkenntnisse durch verbrecherische Menschenexperimente gewonnen hatten.

Zur Vertuschung dieser geheimen Forschungs- und Produktionsaktivitäten kamen offenbar psychologische Techniken aus dem Artichoke-Programm zum Einsatz, auch gegen einen führenden US-Biowaffen-Wissenschaftler, Frank R. Olson. Dieser musste 1953 offenbar nach einer gescheiterten LSD-Behandlung sterben, da die CIA ihm nicht mehr traute; an der Vertuschung des Mordes waren 1975 auch der junge Richard Cheney und Donald Rumsfeld beteiligt, so das Fazit des Autorenduos Koch/Wech.

GWBush2001
George W. Bush

Der Sohn des Ex-CIA-Direktors und späteren US-Präsidenten George Bush, George W. Bush, sollte sich später im Amt des US-Präsidenten weigern, ein rechtlich bindendes Zusatzprotokoll zur Überprüfung der Biowaffenkonvention für die USA zu unterzeichnen (Biowaffenkonferenz in Genf gescheitert), selbst nach den Anthrax-Anschlägen in Washington 2001 – die übrigens mit Anthraxstämmen aus Camp Detrick, also aus US-Produktion, höchstwahrscheinlich von einem am Biowaffen-Programm beteiligten Mitarbeiter durchgeführt wurden (Auf der Spur der Anthrax-Briefe).

Die Entwicklung von Brain Warfare stand zur Zeit von Frank Olson erst am Anfang. Weitere Studien folgten, z.B. unter Mitwirkung des General Electric-Fernsehforschers Herbert Krugmann, der mittels EEG die Wirkung des Fernsehens auf die menschliche Psyche erforschte. Die meisten MKULTRA-Dokumentationen wurden jedoch rechtswidrig von CIA-Direktor Richard Helms vernichtet.

Heute dürften die damals entwickelten Psychotechniken um ein vielfaches weiter entwickelt worden sein. Das Internet und die digitalen Massenmedien eröffneten ein weites Feld für entsprechende Angriffe auf die menschliche Willensfreiheit. Und die Geheimdienste und Regierungen sind längst nicht mehr allein. Eine profitorientierte Medienindustrie verfügt über gewaltige finanzielle und politische Mittel, um ihre Interessen auch auf diesem Wege durchzusetzen.  Erste Version erschienen auf telepolis 10.4.03

Der Diplom-Psychologe und Diplom-Kriminologe Thomas Barth untersuchte unsere psychologische Manipulation durch die Medien auch in BtmBookeinem Buch über den größten deutschen und europäischen Medienkonzern Bertelsmann (RTL-Senderfamilie, Arvato etc.), der im Oktober 2014 auch noch den Gruner und Jahr Verlag (SPIEGEL, STERN usw.) vollständig aufkaufte: Bertelsmann: Ein globales Medienimperium macht Politik“

Gesellschaftskritik: Hartz-IV-Traumatisierung, Burn-Out und die Verantwortung der psychosozialen Berufe

Mit Beitrag von Barbara Ellwanger

Thomas Barth 

„Arbeitslos unter Hartz IV zu sein bedeutet, dass dies massiv in die Beziehungen selbst eindringt –selbst oder gerade auch in nähere, bedeutsame. Die Zerstörung der verbalen Mitteilungsfähigkeit ist ein zentrales Moment jeglicher Traumatisierung und Missbrauchserfahrung (…) Gesichertes Wissen ist, dass der Verlust der Arbeitsstelle zu den Erfahrungen gehört, die den höchsten Stressfaktor aufweisen. Diese Tatsache wurde nicht nur von den empirischen Sozialwissenschaften aufgezeigt, sondern die relevanten Symptome entsprechen auch den Trauma-Kriterien der modernen Psychotraumatologie.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger 2009, S.156 f.

In die kühle Frühlingsluft des Osterfestes 2012 drang jüngst eine Nachricht ein, die eine ganz andere Art von Kühle signalisierte –eine soziale Eiseskälte. Im Bereich der Hartz-IV-Empfänger, so die lapidare Meldung, sei es zu einem neuen Höchststand von „Absenkungen der Regelsatzzahlungen“ gekommen. Hauptgrund wären „nicht wahrgenommene Einladungen“ der Behörden gewesen. Mit dem „Regelsatz“ ist jene das Existenzminimum markierende Zahlung gemeint, von der Langzeit-Arbeitslose ihr Dasein fristen müssen: Ein Existenzminimum, welches so definiert ist, dass es gerade noch eine dem Recht auf Menschenwürde genügende Teilhabe am Reichtum unseres Landes ermöglicht. Mit deren als Maßnahme zur Disziplinierung üblichen Absenkung wird routinemäßig die soziale Teilhabe unter diese Grenze gedrückt.

Mit „Einladungen“ sind folglich wohl eher Vorladungen gemeint, strafbewehrt mit der Drohung des Verlustes eines letzten Restes an Menschenwürde. Die Schuld für verpasste Termine solcher Vorladungen wird routinemäßig bei den Hartz-IV-Beziehern gesucht, nicht bei der Postzustellung oder der Behörde. Die mit solchen teils drakonischen Einkommenskürzungen bestraften Menschen leben am untersten Rand unserer Gesellschaft, sind oft über Jahre hin ökonomisch ausgeblutet. Sie mussten alle Guthaben und Wertgegenstände ihres Familienbesitzes aufzehren, haben alle Möglichkeiten an Hilfe und Kredit aus Familie und Freundeskreis bis zur Schmerzgrenze ausgereizt.

Doch die öffentlichen Kassen, so heißt es, sind leer, die Ämter müssen sparen. Die Behörden sind angehalten, bei Hartz-IV-Beziehern ständig nach „Missbrauch“ von Leistungen, mangelnder Arbeitsbereitschaft und fehlender Disziplin zu suchen. Barbara Ellwanger kontert diesen Generalverdacht mit dem Vorwurf von Missbrauch der Behörden, begangen an ihren Schutzbefohlenen. Misstrauen und Kontrollsucht haben sich stetig verschärft, wobei sich Praktiken eingeschliffen haben, die an Drangsalierung und Schikane grenzen,

„…jene Praktiken, die erforderlich sind, um selbst noch die Regelsatzzahlung auf Teufel komm raus um weitere 30 oder 60 oder auch 100 Prozent ‚abzusenken‘. Diese Kürzungen gehören inzwischen so sehr zur gängigen Praxis, dass die blanke Willkür dabei immer unverhüllter herrscht und die Überschreitung der gesetzlichen Bestimmungen sanktions- und folgenlose Routine geworden sind.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger ebd.

Die offizielle Begründung, dies sei nötig, weil die Kassen leer seien, ist wenig glaubwürdig. Denn leer sind diese Kassen vor allem aufgrund der neoliberalen Privatisierungen und ungeheurer Steuergeschenke an Unternehmen und Wohlhabende: In den OECD-Ländern steigerten die Unternehmensgewinne seit den 90er-Jahren ihren Anteil an der Nettowertschöpfung von 33 auf 43% der volkswirtschaftlichen Leistung –auf Kosten sinkender Reallöhne. Niemand bestreitet das Vorhandensein ungeheuren Reichtums in unserer Gesellschaft, aber kaum jemand darf öffentlich von ihm reden –und schon gar nicht im Zusammenhang mit leeren Kassen, korrupter Politik und verelendeten Hartz-IV-Beziehern. Die Macht der Arbeitgeber wuchs in den letzten Dekaden, die Gewerkschaften knickten immer wieder ein. Angst vor Armut und Arbeitslosigkeit packte die Menschen, auch und gerade durch das Hartz-IV-Regime. Stramm durchgesetzter Lohnverzicht hier, explodierende Spitzeneinkommen dort, derweil die Einkommensschere immer weiter auseinander klafft und 2-4 Millionen Kinder prekarisierter Leiharbeiter bereits wieder hungrig zur Schule gehen mussten. Alles nur unabwendbares Schicksal im harten Wind des Wettbewerbs der gebetsmühlenartig gepredigten Globalisierung?

Spätestens die Finanz- und Bankenkrise ließ dabei den Verdacht aufkommen, bei einem Teil der kräftigen Umverteilung von unten nach oben ginge es nicht mit rechten Dingen zu. Es war Georg Schramm der unter der Narrenkappe des Kabarettisten als einziger in der Mainstream-Medienlandschaft gelegentlich auf eine ansonsten totgeschwiegene Entwicklung hinwies: Trotz stetig wachsender deutscher Wirtschaftsleistung stiegen seit den 90er-Jahren ausschließlich die Einkommen der obersten 10%, alle anderen stagnierten oder mussten, besonders die unteren 50% schmerzhafte Einschnitte hinnehmen. Diese Reallohnkürzung wurde durchgesetzt obwohl immer höhere Arbeitsleistungen verlangt wurden. Der Arbeitsstress wuchs, die Arbeitsverdichtung wurde gesteigert –auch dank neuer Kontrolltechnologien–, psychische Störungen nahmen zu: Die medial phasenweise beklagte „Volksseuche Burnout“ wird mit dem Verteilungs-Unrecht selten in Verbindung gebracht. Bei den untersten 10%, den Arbeitslosen, höchstens prekär Beschäftigten, sieht es noch schlimmer aus, herrscht wachsendes Elend, Hoffnungslosigkeit, selbst Hunger –spätestens die zehntausendfach verhängten „Absenkungen der Regelsatzzahlungen“ treiben die Behördenopfer in Armenküchen der „Tafeln“.

In der Arbeitswelt traten seit den 90ern vermehrt Management-Berater auf. statt betrieblicher Mitbestimmung („traditionelle Strukturen“) sollten die Beschäftigten nun nach der Ideologie des Neoliberalismus sogenannte „Eigeninitiative und Selbstverantwortung“ üben –verdichtet zur „Eigenverantwortung“. In diesem Sinne hieß es zu den massenhaft Entlassenen: „Selber Schuld“. Arbeitsplatzvernichtung nach dem Rasenmäher-Prinzip, die übrigen sollen eben mehr arbeiten, unbezahlte Überstunden und Lohnverzicht üben, sonst geht ihr Betrieb pleite und sie fallen ins Hartz-IV-Elend. Im Namen der Globalisierung enteignete Schröders rotgrüne „Agenda 2010“ Arbeitnehmer endgültig ihrer Rechte und schuf die schöne neue Arbeitswelt als Drei-Klassen-Gesellschaft: Zwischen den Lohnabhängigen und dem lohndrückenden Reserveheer der Arbeitslosen wurde das Prekariat installiert, die Working-Poor. Waren Psychologen, Sozialarbeiter, Lehrer im Widerstand gegen diese Angriffe auf die arbeitende Bevölkerung wirklich genug engagiert? Wäre entschiedener politischer Widerstand nicht ihre moralische Pflicht gewesen? Hat sich nicht sogar manch einer vor den Karren neoliberal-reaktionärer Kampagnen spannen lassen, der es eigentlich besser hätte wissen können? Etwa der Unterzeichner der dünkelhaft-elitären Pro-Agenda-2010-Kampagne „Auch wir sind das Volk“, Nobelpreisträger und SPD-Barde Grass, der sich gern für Indien und Nahost engagiert, daheim aber das Hartz-IV-Regime stützte.

 „Ein Skandal ist deshalb, dass noch keiner derjenigen Berufsverbände, die im weiteren oder engeren Sinn mit Fragen des psychosozialen Bereichs und der Ethik befasst sind, diesen üblen Grenzüberschreitungen entgegengetreten ist und sich für die fundamentalen Persönlichkeitsrechte schwacher, ja in jedem Fall sich in einer Notlage befindlichen Bürger eingesetzt hat. (…) Darf ein gesellschaftliches Leitbild des ‚nach unten Tretens/nach oben Buckeln‘ weiterhin das Leitbild der einschlägigen Berufsverbände bleiben? Ein Skandal ist auch das anhaltende Schweigen der  Gruppen und Verbände der psychosozialen Kernberufe. Sie können nicht nur die epidemiologischen Folgen der zunehmenden Verarmung erkennen, sondern sind zudem Zeugen einer Verelendung politischer Entscheidungsgrundlagen.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger ebd.

Wie konnte ausgerechnet ein SPD-Kanzler, noch dazu in Koalition mit den Grünen, die Rechte der arbeitenden Bevölkerung derartig mit Füßen treten? Eine mögliche Erklärung liegt in den Medien, insbesondere bei einem Medienkonzern: Bertelsmann, Hauptsitz Gütersloh. Dieser größte europäische Mediengigant genießt bis heute bei politisch engagierten Bürgern einen guten Ruf, bei Medienkonzentration und Bewusstseinsindustrie denkt man immer noch eher an Springer. Mit Bertelsmann werden eher die Buchclubs, Verlage und Zeitschriften (Spiegel, Stern, Geo etc.) identifiziert und weniger sein  Kerngeschäft der schmuddeligen RTL-Senderfamilie. Erst 1998 konnte der Historiker Hersch Fischler in Archiven Beweise sichern, die Bertelsmann als Komplizen der Goebbelsschen Propaganda enttarnten. Dem Konzern gelang es jedoch, eine öffentliche Wahrnehmung seiner NS-Vergangenheit nahezu zu verhindern: Erst über Publikationen in der Schweiz und den USA konnte Fischler seine Reportage wenigstens punktuell in die deutsche Medienwelt bringen. Bertelsmanns Macht reicht weit, auch bis in öffentlich-rechtliche Sendeanstalten hinein, mit deren Top-Management ein munteres Personalkarussell betrieben wird.

Dem Konzern genügte jedoch die Medienmacht nicht, er baute seine Unternehmensstiftung zu einem führenden deutschen Think Tank nach US-Vorbild aus. Heute gibt es kaum ein Politikfeld, auf dem die Bertelsmann-Stiftung –aus Steuergründen inzwischen Haupteignerin des Konzerns– sich nicht einmischt: Durch tendenziöse Studien, mediale Kampagnen, meist aber durch stille Lobbyarbeit hinter den Kulissen. Studiengebühren, Rentenprivatisierung, Sicherheitspolitik und auch der Arbeitsmarkt sind strategische Wirkungsfelder der Gütersloher Lobbyarbeit, die auch Parteien (SPD, Grüne) und Gewerkschaften z.B. mit neoliberalen Bildungskonzepten infiltrierte. Vernetzung mit Parteien und Gewerkschaften erleichterten auch die Politikberatung der Regierung von Gerhard Schröder, den nicht zuletzt Spiegel, Stern und RTL zum „Medienkanzler“ stilisiert hatten.

Ab dem Jahr 2000 lancierte Bertelsmann Studien zur angeblichen Notwendigkeit der Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe (Hartz IV); 2003 beglückte Gütersloh die Politik mit dem Grundkonzept für die Job-Center (Hartz III); die Konzeption der Personal-Service-Agenturen (Hartz I) erarbeitete Bertelsmann gemeinsam mit McKinsey und der Bundesanstalt für Arbeit. Ein mediales Trommelfeuer gegen die bisherige Arbeitsmarktpolitik setzte pünktlich zum Wahlkampf 2002 die Regierung Schröder unter Druck –die damals zum „Vermittlungsskandal“ aufgeblasene statistische Mogelei der Bundesanstalt für Arbeit erscheint heute als Petitesse: Was sind ein paar geschönte Statistiken gegen die Schneise der strukturellen Gewalt und des sozialen Elends, die von den Hartz-Reformen in das untere Drittel unserer Gesellschaft geschlagen wurde?

Hartz IV setzt die gesamte arbeitende Bevölkerung, soweit nicht als unkündbare Beamte vor Arbeitslosigkeit geschützt, unter die Drohung des sozialen Absturzes ins Bodenlose. Haus, Wohnung, Lebensversicherung sind vom Langzeitarbeitslosen aufzuzehren, bevor er eine Art reduzierte Sozialhilfe bekommt, die anstelle der früheren Arbeitslosenhilfe getreten ist. Kritiker sprechen von einer brutalen Enteignung von Arbeitnehmerrechten, Unternehmen freuen sich über billige Leiharbeiter und die Medien jubeln über eine „aktivierende“ Arbeitsmarktpolitik: Mit solch einer Drohkulisse im Nacken lassen sich abhängig Beschäftigte auspressen wie nie zuvor –Burnout und andere psychosoziale Probleme sind die Folge. Nebenbei wird ein Überwachungsregime für die ökonomisch Benachteiligten installiert, das dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung Hohn lacht: Hartz-IV-Behörden schnüffeln heute im Privatleben der Arbeitslosen nicht nur nach Anzeichen für Schwarzarbeit, sondern auch nach versetzbaren Wertgegenständen, möglicherweise unterhaltspflichtig zu machenden Sexualpartnern und selbst nach auf der Straße erbetteltem Kleingeld. Mit der behaupteten Not der staatlichen Kassen oder der Schaffung von Gleichbehandlung hat diese Praxis nichts zu tun. Mit weit geringerem Aufwand wäre bei Steuerhinterziehern sehr viel mehr zu holen und sehr viel mehr Gerechtigkeit zu schaffen, doch das wird von den Ideologen der Steuersenkung nicht gewollt. Es geht um die politische und administrative Durchsetzung von Disziplinierung, ja geradezu menschenverachtender Dehumanisierung.

Weite Teile im unteren Drittel unserer Gesellschaft leben mit steigenden Bedrohungen ihres täglichen Auskommens, ihrer Teilhabe am kulturellen Leben und ihrer Gesundheit, von ihrer Menschenwürde ganz zu schweigen. Wir müssen befürchten, dass die Reichtumssteigerung künftig immer unverschämter unter Aufbietung aller denkbaren legalen, korruptiven und kriminellen Mittel betrieben wird. Die dabei zu verzeichnende Verstrickung von korrumpierten Medien mit einer Politik, die sich willig von Lobbyisten zu Vollstreckern dunkler Interessen machen lässt, verdient es durchaus, unter dem Aspekt der Makrokriminalität unter die Lupe genommen zu werden. Wo politische Korruption und Wirtschaftskriminalität wie Zahnräder eines gut geschmierten Mechanismus ineinandergreifen, da entstehen Gesetze, die nur noch formal demokratisch zustande gekommen sind. Aus diesen Gesetzen von Lobby- oder Schmiergelds Gnaden entwickelt sich ein Staat, der zwar keine Kriegsverbrechen und Völkermorde, wohl aber Wirtschaftskriminalität großen Stils legitimiert und dessen Regime mit dem Begriff Makro-Korruption treffend beschrieben sein mag.

Makrokriminalität setzt voraus, dass im staatlich installierten Unrechtsregime moralische Bedenken der Täter „neutralisiert“ werden. Eine der Neutralisierungstechniken, die Jäger untersuchte, lag in der Dehumanisierung der Opfer durch Abwertung, Stigmatisierung und Entmenschlichung.  Wie können wohl die Verlierer der neoliberalen Umverteilungspolitik, die Outsourcing-Opfer, tarifvertragslose Working Poor, Arbeitslose, Ein-Euro-Jobber, angesichts ihrer schrumpfenden finanziellen und Handlungsspielräume das ständige Reden in den Medien von mehr Eigeninitiative und Selbstverantwortung verstehen: Nur als Abwertung und Stigmatisierung oder schon als Entmenschlichung? Und sind Psychologen und Psychologinnen gegen ein Mitläufertum bei dieser Dehumanisierung resistenter als andere? Einfach und bequemer ist es allemal, sich als „nicht zuständig“ ins Private abzuwenden oder sogar die Medienparolen nachzuplappern.

 „Diese ganze Verrücktheit aushalten zu müssen, sich gegen sie psychisch zu organisieren, ist für ALG II-Bezieher –zusammen mit dem täglichen Leben unterm Existenzminimum, der hoffnungslosen Zukunftsaussicht, der sozialen Isolation und Stigmatisierung– ein weiteres traumatisierendes Erleben. Zeuge zu sein, wie sich beim Thema Hartz IV reihenweise diejenigen in Marie Antoinettes verwandeln (‚Wenn ihr kein Brot habt, dann esst doch Kuchen!‘), von deren hinreichender Vernunft und durchdachtem politischen Handeln man abhängig wäre, ist sicher nicht nur für die unmittelbar Betroffenen schockierend.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger ebd.

Im Gegensatz zu Steuerhinterziehern, zweifelhaften Lobbyisten undBtmBook korrupten Entscheidungsträgern brauchen die medial gehetzten „Sozialbetrüger“ nicht lange auf ihre Kriminalisierung zu warten. Die Behörden sind eigentlich für die Wahrung der Menschenwürde ihrer zu „Kunden“ geadelten Hartz-IV-Bezieher verantwortlich. Doch wird ihren Mitarbeitern im Rahmen rigoroser Sparprogramme als oberstes Ziel die Eindämmung angeblich überhand nehmenden „Missbrauchs“ von Sozialleistungen eingehämmert. Auf RTL & Co. zeigt Bertelsmann täglich die pöbelnden Proleten, die ihre Kinder verwahrlosen lassen, ihr Geld für Bier und dicke Plasma-Fernseher verplempern und so dumm sind, wie die Machteliten das Volk gerne hätten. Die Botschaft: Ein solches Pack darf man ruhigen Gewissens nach Strich und Faden ausbeuten –mit diesem Stereotyp im Kopf mag sich der sensible Nobelpreis-Literat Grass lieber indischen Kindern und drangsalierten Palästinensern zugewandt haben, was ehrenwert ist, aber sein Mitlaufen bei Bertelsmann-Kampagnen für Hartz-IV nicht rechtfertigen kann. Warum fanden sich allzu lange für solche Propaganda-Sendungen auch noch Psychologen und Psychologinnen, die der Hetze ihren Segen als Experten gaben? Diese Fragen sollten sich auch LeserInnen der ehemals kritischen Fachzeitschrift „Psychologie und Gesellschaftskritik“ stellen, die in den letzten Jahren jedoch echte Gesellschaftskritik zu meiden scheint.

(April 2012, eingereicht bei  Psychologie & Gesellschaftskritik abgelehnt Mai, überarbeitet und erneut eingereicht Juni 2012, erneut endgültig abgelehnt Juli 2012)

Von Wilhelm Reich zu MKULTRA

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Wilhelm Reich

Thomas Barth

„Der Fall Wilhelm Reich“

Film-Trailer

Teil 1: Reich, die CIA und MKULTRA

Der Film des Österreichers Antonin Svoboda kommt Anfang September in die Kinos. Er zeichnet ein emotional anrührendes, aber ungenaues Bild des umstrittenen Pioniers der Psychoanalyse. Auseinandersetzungen Wilhelm Reichs mit Freud, Marx und dem Faschismus werden fast völlig übergangen. Dafür wartet Svoboda mit einer neuen Verschwörungstheorie auf: Reich wäre in MKULTRA, das Gehirnwäsche- und Folterforschungs-Programm der CIA, verstrickt worden –‚Manchurian Candidate‘ und ‚Fletchers Visionen‘ lassen grüßen.

Filmplakat

Svobodas empfehlenswerter Film kreist um die letzten Lebensjahre Wilhelm Reichs in den USA, wo man seine Bücher verbrannte, ihn psychiatrisch untersuchte und vor Gericht stellte. Viele erklärten den unbequemen Vorkämpfer einer sexuellen Befreiung schon zu Lebzeiten für verrückt, noch mehr taten das im Nachhinein. Die immer wieder kolportierte Behauptung, Reich sei „wahnsinnig“, „schizophren“ oder „paranoid“ geworden, basiert ursprünglich auf Diffamierungen aus Kreisen der Freudianer. Reich erlebte dort zunächst als Freuds Liebling einen kometenhaften Aufstieg, was viel Neid in der Jüngerschar weckte.

Die Frage „War Reich (‚am Ende‘) verrückt?“ beschäftigt seine Gegner, Interpreten und Anhänger, wobei das „am Ende“ jeweils den Punkt in Reichs Entwicklung markiert, den die Kommentatoren nicht mehr tolerieren oder begreifen können: Freudianer seinen Marxismus und seine Sexualpolitik, Marxisten seine Bion- und Orgon-Forschung, Orgon-Anhänger seine Ufo-Beobachtungen. Doch all diese Wendungen, auch die späteren, die heute phantastisch anmuten mögen, lassen sich ohne die diffamierende Annahme erklären, Reich sei wahnsinnig geworden. Umgekehrt lassen sich zahlreiche Belege dafür finden, dass Reich die Stigmatisierung „Wahnsinn“ von diversen Gegnern angehängt wurde, um ihn und seine unbequemen Ideen zu diskreditieren.

War Reich („am Ende“) verrückt?

Nach seinem Abfall von Freuds „reiner Lehre“ in Ungnade gefallen, wurde Reich in Freudianerkreisen zur Unperson erklärt und pathologisiert. Ähnliches war vor ihm schon den Dissidenten C.G.Jung, Otto Rank und Sandor Ferenczi widerfahren, über die ebenfalls Gerüchte von Unmoral, Irrsinn und Paranoia gestreut wurden – was der Freud-Kritiker Johannes Cremerius historisch belegte (S.155 ff.). Besonders unappetitlich war dabei die Praxis, intimste Details aus der (Lehr-) Analyse der Dissidenten, die unter strengster ärztlicher Schweigepflicht offenbart worden waren, mit Verleumdungen vermischt, gegen den vermeintlichen „Häretiker“ einzusetzen.

Auf solches Material greift noch heute eine bestimmte Kategorie von Journalisten zurück, um Reich als „Verrückten“ hinzustellen, etwa wenn Träume oder Phantasien angeführt werden, in denen Reich sich in Heldenpose sah – in Wahrheit narzisstische Wünsche, die fast jeder Mensch kennt, die aber keiner in die Öffentlichkeit gezerrt sehen möchte. Als letzten „Beweis“ seines angeblichen Wahnsinns werden dann oft seine schulmedizinisch nicht anerkannte Orgon-Lehre oder seine Aussagen zu Ufos in den 1950er-Jahren ins Feld geführt.

Doch sind Orgon-Anwender genausowenig wahnsinnig wie Homöopathie-Nutzer, die jenseits der Schulmedizin Heilung suchen – schlimmstenfalls nutzen sie den Placebo-Effekt. Auch Abertausende von US-Amerikanern erfreuten sich bester geistiger Gesundheit, obwohl sie in der Ufo-Hysterie der 1950er-Jahre entsprechende Sichtungen meldeten: Zeitweise glaubte die Mehrheit der US-Bevölkerung an die Aktivität von Außerirdischen.

(Abb. Gedenktafel der Berliner Wilhelm-Reich-Gesellschaft. Bild: Gedenktafel der Berliner Wilhelm-Reich-Gesellschaft. Bild: OTFW, Berlin. Lizenz: CC-BY-SA-3.0OTFW, Berlin. Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Oder tendieren manche Reich-Gegner zum „Autoritären Charakter“?

Svobodas Film ist auch eine Stellungnahme gegen die solcherart oft unreflektiert wiedergekäute „Reich-war-am-Ende-verrückt-Story“, von der bei Licht besehen wenig mehr bleibt als der Beißreflex der aufgehetzten Meute gegen einen Außenseiter. Solche Meute-Reflexe sind übrigens, um die Pathologisierung einmal umzudrehen, Kennzeichen des Autoritären Charakters: So festgestellt durch die von Reich mit seinem Buch „Massenpsychologie des Faschismus“ eingeleitete und von Adorno et al. fortgesetzte psychologische Faschismusforschung. Vornehmlich aus dieser Ecke kommt jetzt eine Flut von Film-Verrissen, die sich eigentlich – ohne genauere Sachkenntnis – gegen Reichs Ideen richten, sowie an Svobodas Adresse wohlfeile Vorhaltungen, er hätte Reich „mit zuviel Sympathie“ inszeniert.

Einem wohlwollenden oder wenigstens neutralen Blick erklärt sich Reichs zuweilen skurriles Denken und Verhalten mühelos aus seiner biographischen und zeitgeschichtlichen Situation. Wer wirklich Opfer von Intrigen, Bespitzelung und Verfolgung wird, verhält sich eben paranoid. Und die Aussagen von Ex-Frauen, auf die sich auch im „Fall Reich“ etliche Kolporteure stützen, sind von zweifelhaftem diagnostischem Wert – wie z.B. der „Fall Mollath“ belegt. Auch die wohl krasseste Pathologisierung Reichs, das Buch „Freud oder Reich?“ des Psychoanalytikerduos Janine Chasseguet-Smirgel und Béla Grunberger hält sich an Reichs Ex-Frau Ilse Ollendorff-Reich und ergänzt deren teilweise diffamierende Darstellung „vor allem durch eigene Spekulationen und Fehldarstellungen“, so eine medizinisch-historische Doktorarbeit zur Geschichte der Psychoanalyse (Peglau S.30).

Die Autoren [Grunberger & C.-Smirgel] fragen gar nicht, ob diese Theorie eine klinisch anzutreffende Wirklichkeit beschreibt, sondern deuten sie allein als Ausdruck einer Paranoia, als „wahnhaftes Bild“, das Reich „von seinem Körper hat“, als Symptom eines „Verfolgungswahns, bei dem jemand Angst davor hat, im Rektum seines Verfolgers gefangen und gelähmt zu werden“. Nur so lasse sich das Bild ringförmig um den Körper sich ziehender Muskelblockaden bei Reich erklären. Beobachtungen und Theorien werden auf dem Weg einer Pathologisierung abgetan.(Geuter/Schrauth: Wilhelm Reich, der Körper und die Psychotherapie, S.220)

Grunberger und Smirgel wollten 1976 vermutlich der Reich-Renaissance infolge seiner 68er-Wiederentdeckung eine Verteidigung der orthodoxen Psychoanalyse entgegensetzen:

  1. weil reichianische Körpertherapien als Konkurrenz zu den Freudianern mächtig Aufwind bekamen;
  2. weil mit Reich ein seit 1934 totgeschwiegener Dissident Fragen bezüglich der NS-Vergangenheit der Freudianer aufwerfen würde.

So propagierten Grunberger und Smirgel weiterhin den sorgsam gepflegten Mythos, die Psychoanalyse sei ab 1933 vom Nazi-Faschismus verboten, ja ausgerottet worden, ein Mythos, der spätestens mit Andreas Peglaus just erschienener enzyklopädischer Abrechnung „Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus“ als widerlegt gelten kann (Peglau S.25). Mit der Diagnose bzw. Bezichtigung der Paranoia durch die Freudianer steht Reich, wie wir in Teil 2 diese Artikels sehen werden, in einer Reihe pathologisierter Freud-Dissidenten, die weitere berühmte Namen wie C.G.Jung, O.Rank und S.Ferenczi aufweist.

Wahrscheinlich ist also: Reich war nicht verrückt, sondern er störte die Wiener Gemütlichkeit einer unpolitischen Psychoanalyse, die sich 1933 in Ruhe mit den Nazis arrangieren wollte. Er kämpfte mit der KPD gegen den Faschismus, später gegen den Stalinismus und am Ende in Amerika gegen die US-Behörden des McCarthy-Regimes. Psychoanalytiker und Kommunisten schlossen ihn aus ihren Vereinigungen aus, die Nazis trieben ihn ins Exil. Von der Presse als „Orgasmus-König“ denunziert und von der Justiz als Scharlatan verurteilt, starb der sechzigjährige Wilhelm Reich schließlich 1957 in einem US-Gefängnis.

Großes Gefühlskino gegen eine repressive Gesellschaft

Um diesen letzten Gerichtsprozess kreist Svobodas Film, der nicht den Anspruch einer Filmbiographie erhebt. Der Anfang folgt Mairowitz‘ Sach-Comic „Reich kurz und knapp“, wo Reich mit Sohn Peter an der Orgon-Kanone zu einem Rückblick auf seine Anfänge in der Sexualtheorie ausholt. Svoboda aber fokussiert sich dann auf die Gerichtsverhandlungen und die psychiatrische Begutachtung in Reichs letzten Lebensjahren, immer wieder unterbrochen von Rückblenden, die jedoch keinen geschlossenen Überblick über Leben und Werk der Hauptfigur vermitteln.

Reich wird als gütiger Ehemann, Vater und Arzt gezeigt, aber vor allem als Wissenschaftler, der die Entwicklung seiner Ideen und Methoden fast fanatisch vorantreibt und vor Gericht verteidigt. Stark ist die Verkörperung von Reichs widersprüchlichem Charakter durch Karl Maria Brandauer: Warmherzig, aber starrsinnig; wissenschaftlich rational, aber Gefühlen und phantastischen Ideen aufgeschlossen; strenger Moral verpflichtet, aber – vor allem geistig und sexuell – freiheitsliebend; loyal zum McCarthy-Regime, aber unbotmäßig gegenüber der Obrigkeit.

Svobodas Inszenierung eines brillanten Brandauer gelingt es mit verblüffender Überzeugungskraft, jenen Reich zum Leben zu erwecken, den die Leser seiner Werke zu kennen glauben. Gegen düstere Justizszenen stellt der Film atemberaubende Landschaftsaufnahmen aus der Wüste von Arizona und den Wäldern von Maine, wo Reich an einem ruhigen See das Orgonon-Institut gründete. Die Dramaturgie fängt atmosphärisch den Kern von Reichs Lehre ein: Die Harmonie von Natur und Leben wird durch eine repressive Gesellschaft stranguliert – der Mensch steht dazwischen, kämpft um seine Freiheit und seinen Seelenfrieden. Der Darstellung gelingt es dabei, die üblichen Stereotype einer Hollywood-Schnulze zu vermeiden, was ihm freilich von einigen schmalzverwöhnten Filmkritikern den Vorwurf „hölzerner Dialoge“ einbrachte.

Diesem großen Gefühlskino unterlegt ist eine hochbrisante Geheimdienststory, in deren Zentrum als Widersacher Reichs der Psychiater Dr.Cameron steht. Historische Tatsache ist, dass Cameron sich als Präsident der US-Psychiatervereinigung A.P.A. persönlich für die Kriminalisierung Reichs einsetzte. Der Clou von Svobodas Story: 40 Jahre später erfuhr man, dass Cameron damals Chef des streng geheimen MKULTRA-Programms der CIA war, bekannt auch als „Projekt Artischocke“. Dort wurden verbrecherische Menschenexperimente aus dem KZ Dachau fortgesetzt, deren führender Nazi-Arzt, der stellvertretende Reichsärzteführer Dr. Kurt Blome, dafür eigens amnestiert und angeworben worden war (Rippchen S.55, Boadella S.331).

Ziel Camerons war die Auslöschung der Persönlichkeit, um eine totale Gehirnwäsche zu ermöglichen, wofür der A.P.A.-Psychiater sich in Svobodas Film eines jungen Patienten von Wilhelm Reich bemächtigt. Der Orgon-Forscher steht unversehens im Fadenkreuz der US-Geheimdienste. In Reichs Orgonon-Institut schleusen FBI oder CIA Spitzel ein, setzen ihm eine hübsche junge Frau als Venusfalle in den Pelz.

Tatsache ist: Die US-Administration lieferte Reich einerseits radioaktives Material für seine Orgonforschung, erklärte jedoch später seine medizinisch eingesetzte Orgon-Box für Betrug. Die FDA (Food and Drug Administration) verbot deren Verwendung, sorgte für die Zerstörung von Reichs Gerätschaften und sogar für eine Verbrennung seiner Bücher: In den USA ein unerhörter Eingriff in Freiheitsrechte, der widersinnig damit begründet wurde, es handle sich um „Werbematerial“ für die verbotene Orgon-Box, obwohl die meisten Bücher sich nicht oder nur am Rande damit befassten.

Svoboda deutet an, es sei in Wahrheit um die Geheimhaltung von Technologie gegangen, die für MKULTRA missbraucht werden sollte. Eine Rolle spielt auch das ebenfalls strikt geheime Atomprogramm der USA, damals war über die Strahlung und ihre Wirkungen auf den Menschen noch wenig bekannt. Im Film hört man zuweilen dumpfe Detonationen von Atombombentests, was eine unheilvolle Atmosphäre schafft.

J.Edgar Hoover, McCarthy und die Atombombe

Der Film liefert jedoch nur wenig Hintergrund über Paranoia und Antikommunismus der McCarthy-Ära, wo in den USA missliebige Künstler verfolgt und Wissenschaftler hingerichtet wurden, weil sie die Sowjets über Atomforschung informiert hatten. Der Antikommunismus hatte Formen einer landesweiten Hexenjagd angenommen, die rassistischen und sexistischen Ideologien folgte. Davon sieht man bei Svoboda wenig, wie auch vom Wirken eines J. Edgar Hoover, der als graue Eminenz hinter McCarthy ab 1934 das FBI zu einem Überwachungs-Moloch ausgebaut hatte – in dessen Tradition heute die NSA und PRISM zu stehen scheinen. Militär und Geheimdienste der USA verdichten sich immer mehr zu einem geschlossenen Machtkomplex, etwa beim von FBI und Pentagon gemeinsam geplanten Biometric Technology Center in Clarksburg, zunehmend ergänzt von privaten Medien- und Netzkonzernen, die nach den menschlichen Beziehungen greifen (Barth/A.-Scheidl 2007).

Hoovers FBI belauschte alles und jeden im Dienste von „Verbrechensbekämpfung“ und homophobem Puritanismus und legte von allen wichtigen Politikern Akten an, zu denen nur Hoover Zugang hatte. Außerehelicher Sex oder gar die strafrechtlich verbotene Homosexualität machten Politiker erpressbar und das FBI sammelte Tonbänder und Fotos davon. Hoover beherrschte das FBI viele Jahrzehnte und lehnte sogar eine Nominierung als US-Präsident ab, weil er seinen Posten für bedeutsamer hielt. Wer, wie Wilhelm Reich, in dieser Zeit ins Visier der übermächtigen US-Geheimdienste geriet, hätte verrückt sein müssen, um kein paranoides Verhalten zu zeigen. Wie Teufelswerk müssen in Hoovers puritanischen Ohren Reichs Theorie des Orgasmus und seine These vom sexuellen Triebstau als Wurzel von Sadismus und politisch reaktionärer Haltung geklungen haben.

Dazu kam, dass Reich nicht nur als Ex-Marxist verdächtig war, sondern auch zum scharfen Kritiker der Atomforschung wurde. Seine Orgon-Experimente hatten ihm Gefahren der Strahlenverseuchung offenbart, über die noch wenig bekannt war. Die US-Militärs wollten aber ihre atomare Bewaffnung bzw. die Atomtests fortsetzen und die Strahlenwirkung geheim halten. Die US-Bevölkerung sollte nicht beunruhigt werden, die Sowjets sollten keine medizinischen Erkenntnisse erhalten, um sich nicht gegen einen atomaren US-Angriff schützen zu können.

Reich hatte hochbrisantes Wissen allein auf dem Gebiet des Atoms – und den Willen, es notfalls gegen das Atomprogramm einzusetzen. Reich hatte sich mit dem mächtigen Militär-Geheimdienst-Apparat der USA angelegt, damals noch staatlich, heute zunehmend privatisiert (Barth 2009 S.90 f.). Svoboda brauchte vermutlich seine dichterische Freiheit für den eingeführten Agenten-Plot nicht allzu sehr zu strapazieren.

Orgon-Prozess: Zwei Verurteilte starben

Dabei entgeht Svobodas Film sogar, dass Reich nicht der einzige Orgonforscher war, welcher der US-Justiz zum Opfer fiel. Er wurde vielmehr zusammen mit seinem Kollegen Dr. Michael Silvert von der FDA vor Gericht gebracht. Auch Dr.Silvert, der trotz FDA-Verbot einige seiner Patienten weiterhin mit der Orgon-Box behandelt hatte, erhielt dafür eine Haftstrafe, wenn auch nur von einem Jahr. Beide traten ihre Haftstrafen im März 1957 an, Reich starb im November in seiner Zelle, zwei Wochen später hätte das Gericht über seine Entlassung auf Bewährung entscheiden sollen, schreibt A.S.Neill (Neill S.447). Silvert wurde im Januar 1958 zwar entlassen, starb aber kurz darauf ebenfalls – durch Selbstmord, weil er über die Zerstörung seines Lebenswerks „tief deprimiert“ war, wie der Reich-Biograph David Boadella meint (Boadella S.387).

Die Gruppe von Anhängern und Wissenschaftlern, die Reich um sein Orgonon-Institut versammelt hatte, wurde durch Verurteilung, Inhaftierung und schließlich Tod ihrer beiden exponiertesten Vorkämpfer zutiefst getroffen. Sie wurden demoralisiert und praktisch außer Gefecht gesetzt, wie ihr Prozessbeobachter Myron Sharaf berichtet (Sharaf S.412 ff.). Silvert, Reich und die Wilhelm Reich Foundation wurden in drei Schuldsprüchen nach nur knapp 15 Minuten Beratungszeit von den Geschworenen schuldig gesprochen.

Svobodas Film ist lobenswert als Teil einer sich scheinbar anbahnenden Reich-Renaissance, die mit der Einrichtung eines Wilhelm-Reich-Museums durch die Stadt Wien begann – was dem Filmemacher wohl den Weg zu Fördergeldern öffnete. „Der Fall Wilhelm Reich“ ist jedoch in seiner Tragweite und Bedeutung kaum einzuschätzen, wenn man nicht die Hintergründe von Reichs Rolle in der Entwicklung der Psychoanalyse, von seiner politisch revolutionären Arbeit für Sexualpolitik, Freudomarxismus sowie Faschismuskritik und schließlich seine phantastisch anmutenden Entdeckungen in Biologie und Orgon-Forschung kennt.

Auf den ersten beiden Feldern ernteten Schüler, Epigonen und Nachfolger die Lorbeeren Reichscher Forschung, darunter große Namen wie Adorno, Marcuse, Fromm, Kinsey. Bei der Orgon-Thematik aber wurde Reichs Verstrickung in die 50er-Jahre-Ufo-Hysterie der USA für oberflächlich informierte Kommentatoren Anlass, Reich spöttisch als Spinner abzutun, der in seinen letzten Jahren angeblich verrückt geworden sei. Svoboda verteidigt Reich gegen derartig billige Denunziation, obgleich sich sein Film weitgehend um Sex und Politik (bzw. Freud und Marx) sowie um die schwierige Ufo-Thematik herumdrückt. In drei weiteren Teilen sollen diese Themenkomplexe hier ergänzend dargestellt werden.

Literaturverzeichnis

Vollversion des Artikels seit 4.Sept.2013 auf Telepolis
Der Fall Wilhelm Reich“ Teil 2: Psychoanalyse und Todestrieb

Freud sah in Reich seinen begabtesten Schüler, der Libidotheorie, Sexualwissenschaft und den Begriff der psychischen Gesundheit entfaltete. Selbst für orthodoxe Freudianer bleibt Reichs „Charakteranalyse“ ein Basiswerk ihrer Lehre. Reich verwissenschaftlichte die psychoanalytische Behandlungstechnik und formulierte Grundlagen psychotherapeutischer Methoden überhaupt. Viele seiner Ideen wurden nach seiner Ausschließung aus den Zirkeln der Psychoanalyse von anderen Analytikern übernommen –fast immer ohne auf ihren verfemten Urheber hinzuweisen….

Vollversion des Artikels seit 8.Sept.2013 auf Telepolis
Der Fall Wilhelm Reich“ Teil 3: Von Sexpol zum Freudo-Marxismus

Wilhelm Reich politisierte die Psychoanalyse zur sexuellen Aufklärung und kämpfte gegen die Verbote von außerehelichem Sex, Verhütung, Abtreibung, Masturbation und gegen autoritäre und repressive Erziehung. Reich gewann dafür zunächst Arbeiterbewegung und KPD als Verbündete. Die Zunft der etablierten Psychoanalytiker wollte seine Sexualpolitik nicht unterstützen und nicht einmal seinen Kampf gegen den Nazi-Faschismus. Die Freudianer grenzten Reich aus, doch nicht nur sie. Auch eine unter Stalins Einfluss prüde gewordene KPD schloss ihn aus der Partei aus. …

Vollversion des Artikels seit 12.Sept.2013 auf Telepolis
Der Fall Wilhelm Reich“ Teil 4: Orgon, Ufos und Paranoia

Die Bioenergetik des Reich-Schülers Alexander Lowen entwickelte Reichs Ideen über die Psychologie und Sexualökonomie des Orgasmus weiter. Seine „Vegetotherapie“ findet heute in diversen Körpertherapien ihre Fortsetzung. Auf den ersten Blick phantastisch anmutende Erkenntnisse Reichs über die „Bione“ wurden später von der Biologie erneut entdeckt und unter dem Namen „Mikrosphären“ teilweise bestätigt. Auch die gerichtlich verfolgten und verbotenen Arbeiten aus der Reichschen Orgon-Forschung finden bis heute ihre Anhänger. …

Vollversion des Artikels seit 14.Sept.2013 auf Telepolis

Quellenverzeichnis:

Barth, Thomas: 50 Jahre Brain Warfare. Artischocke, MK-Ultra und unsere tägliche Medien-Gehirnwäsche, in: Telepolis 10.04.2003, http://www.heise.de/tp/artikel/14/14578/1.html

Barth, Thomas: Das Netz der Macht. Michel Foucault zum 20.Todestag, in: Telepolis 25.06.2004, http://www.heise.de/tp/artikel/17/17734/1.html

Barth, Thomas: Heilen mit Information? Homöopathie-Gründervater Samuel Hahnemann feiert 250.Geburtstag, in: Telepolis 31.01.2005, http://www.heise.de/tp/artikel/19/19341/1.html

Barth, Thomas (Hg.): Bertelsmann: Ein globales Medienimperium macht Politik, Hamburg 2006

Barth, Thomas u. Roland Alton-Scheidl: Wem gehören die Beziehungen im Netz? Individualisierung, Ökonomie und Herrschaft im Web2.0, in: Ries, M. u.a. (Hg.): dating.21: Liebesorganisation und Verabredungskulturen, Bielefeld 2007, S.225-241

Barth, Thomas: Von Bertelsmann zu Blackwater: Die Privatisierung der Gewalt, in: Altvater, Elmar u.a.: Privatisierung und Korruption: Zur Kriminologie von Globalisierung und Finanzkrise, Hamburg 2009, S.88-98

Barth, Thomas: 60 Jahre LSD-Experimente – Operation Erleuchtung, in: Telepolis 23.12.2010, http://www.heise.de/tp/artikel/33/33846/1.html

Bechmann, Arnim: Über Wilhelm Reichs Orop-Wüste und Orgonforschung, Frankfurt/M. 1995

Bergmann, Anna: Sexualhygiene, Rassenhygiene und der rationalisierte Tod. Wilhelm Reichs ‚sexuelle Massenhygiene‘ und seine Vision von einer ‚freien‘ Sexualität, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.273-297

Boadella, David: Wilhelm Reich. Pionier des neuen Denkens. Eine Biographie, München 1998 (engl. Original ersch. 1980)

Burian, Wilhelm: Psychoanalyse und Marxismus. Eine intellektuelle Biographie Wilhelm Reichs, Frankfurt/M. 1972

Cremerius, Johannes: Der „Fall“ Reich als Exempel für Freuds Umgang mit abweichenden Standpunkten, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.141- 172

Dahmer, Helmut: Psychoanalytiker in Deutschland 1933-1951, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.173-193

Dahmer, Helmut: Wilhelm Reich, die Psychoanalyse und die  Politik, Vorwort zur Dissertationsschrift von Andreas Peglau 2013, S.11-17

Fallend, Karl und Bernd Nitzschke (Hg.): Der „Fall“ Wilhelm Reich. Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik, Psychosozial-Verlag: 2.Aufl. Gießen 2002

(Anm. Der Band bildet übrigens nicht direkt die Vorlage für Svobodas (fast) gleichnamigen Film; vielmehr entdeckte man die Namensgleichheit erst beim Vertrieb des Films und einigte sich nach Auskunft des Verlages darauf, zum Ausgleich für evtl. verletzte Urheberrechte den Pressematerialien der Filmvertriebsfirma einen Hinweis auf das Buch beizulegen, was außer mir jedoch keinen Filmkritiker inspiriert zu haben scheint, sich den Band vor Abfassen der Filmbesprechung zu Gemüte zu führen –was wiederum das Überwiegen der Verrisse von Reich bzw. Svoboda erklären könnte. T.B.)

Fallend, Karl: „Otto Fenichel und Wilhelm Reich. Wege einer politischen und wissenschaftlichen Freundschaft zweier „Linksfreudianer“, in: Fallend/Nitzschke S. 31-81

Fromm, Erich: Sigmund Freud. Seine Persönlichkeit und seine Wirkung, Frankf./M. 1980, (Or.1959)

Geuter, Ulfried u. Norbert Schrauth: Wilhelm Reich, der Körper und die Psychotherapie, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.197-227

Hartmann, Sebastian u. Siegfried Zepf: Sankt Wilhelm –oder die wahre Wahrheit eines ‚wahren Sozialisten‘, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.229-252

Koch, Egmont R. und Michael Wech: Deckname Artischocke: Die geheimen Menschenversuche der CIA, München 2002

Köhler, Thomas: Das Werk Sigmund Freuds Bd.1, Frankfurt 1987

Konitzer, Martin: Wilhelm Reich zur Einführung, Hamburg 1992

Körbitz, Ulrike: Zur Aktualität sexualpolitischer Aufklärung im post-sexuellen Zeitalter, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.253-271

Laska, Bernd A.: Wilhelm Reich, Reinbek 1981

Lassek, Heiko: Über Wilhelm Reichs Bionexperimente, Frankfurt/M. 1995

Mairowitz, D.Z. u. G.Gonzales: Reich kurz und knapp (Sach-Comic), Frankfurt 1995

Neill, A.S.: Der Mensch Reich (W.Reich Memorial Vol., Nottingham 1958), dt.Fassung in: Boadella S. 438-450

Nitzschke, Bernd: „Ich muss mich dagegen wehren, kaltgestellt zu werden“, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.83-139

Peglau, Andreas: Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus (als Dissertationsschrift angenommen von der Berliner Charité 2012), Psychosozial-Verlag: Gießen 2013; Peglau liefert die vollständigste und aktuellste Bibliographie zu Reich, der nur die Reich-Biographie von Rycroft entgangen zu sein scheint.

Raknes, Ola: Wilhelm Reich und die Orgonomie, Frankfurt/M. 1973 (Original Oslo 1970).

Reich, Wilhelm: Die Entdeckung des Orgons I: Die Funktion des Orgasmus. Sexualökonomische Grundprobleme der biologischen Energie, Frankfurt/M. 1983 (Original 1927, erw.Neuaufl. 1942) –Quellennachweise für Reich-Werke jeweils anhand der fett gesetzten Jahreszahl-

Reich, Wilhelm: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Frankfurt/M. 1981 (Original 1932, 2.erw.Neuaufl.)

Reich, Wilhelm: Charakteranalyse, Frankfurt/M. 1983 (Original 1933a, erw. Neuaufl. 1949)

Reich, Wilhelm: Massenpsychologie des Faschismus. Zur Sexualökonomie der politischen Reaktion und zur proletarischen Sexualpolitik, Amsterdam 1980 (Original 1933b)

Reich, Wilhelm: Die sexuelle Revolution: Zur charakterlichen Selbststeuerung des Menschen, Frankfurt/M. 1975 (Original 1935)

Rippchen, Ronald: Operation Erleuchtung. 60 Jahre LSD-Experimente, Löhrbach 2011

Rudolph, Christian: Über Wilhelm Reichs Oranur-Experiment (II), Frankfurt/M. 1997

Rycroft, Charles: Reich, London 1971

Sharaf, Myron R.: Der Prozeß gegen Wilhelm Reich, in: Boadella S. 395-419

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Links zu Psychoanalyse, Sigmund Freud und Wilhelm Reich:
Fallend/Nitzschke: Der „Fall“ Wilhelm Reich –Vorwort zur Neuausgabe 2002 (mit Bibliographie)

Wilhelm Reich: Der genitale und der neurotische Charakter. Untersuchungen über die libido-ökonomische Funktion des Charakters, in: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XV 1929 (Heft 4), S.435-455

Wilhelm Reich: Die charakterologische Überwindung des Ödipuskomplexes, in:Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XVII 1931 Heft 1,S.55-72

Umstrittener Reich-Artikel nebst anti-kommunistischer Replik des Reich-Gegners Bernfeld (nach Intervention Freuds ins Heft aufgenommen)  und Reichs Bemerkung dazu:

Wilhelm Reich: Der masochistische Charakter. Eine sexualökonomische Widerlegung des Todestriebes und des Wiederholungszwanges 303-351/Siegfried Bernfeld: Die kommunistische Diskussion um die Psychoanalyse und Reichs „Widerlegung der Todestriebhypothese“ 352-385/
Wilhelm Reich: Abschließende Bemerkungung zur „Gegenkritik“ Bernfelds 386, in: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XVIII 1932 Heft 3

Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie I 1934 Heft 1

Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie (1935)

Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie Band III Heft 1/2 (8/9) (1936)

Wilhelm Reich (1935) Masse und Staat. Zur Frage der Rolle der Massenstruktur in der revolutionären Bewegung. [Politisch-psychologische Schriftenreihe der Sex-pol IIIa] (1935)

Alessio Tognetti: A Research in the History of Wilhelm Reich’s Ideas and the Search for Evidence Through his Cloud Buster Machine (2002)

Audio/visuelle Medien

Wilhelm Reich and the Orgonomy of Anarchism (Audio)

Film

Wilhelm Reich – Man’s Right to Know (2002) Documentary on Wilhelm Reichs „The Mass Psychology of Fascism“

Links zu Sigmund Freud:

The Complete Works of Sigmund Freud

Freud: Gesammelte Schriften VI. Zur Technik / Zur Einführung des Narzissmus / Jenseits des Lustprinzips / Massenpsychologie und Ich-Analyse / Das Ich und des Es / Anhang (1925)

Sigmund Freud zur Verleihung des Goethepreises 1930, in: Psychoanalytische Bewegung II 1930 Heft 5 (1930)

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Die Wilhelm Reich SexPol-Bewegung

Die SexPol-Tradition geht auf die Berliner Zeit von Wilhelm Reich zurück (1930-33).
Sexuelle Ökonomie, die neben der Wirtschaft das Leben bestimmt, sollte ein revolutionäres Forum und eine politische Organisation erhalten. Psychoanalyse und KPD vereitelten diesen Versuch und so blieben die sexuellen Gesellschaftsprozesse weitgehend privat. Die 68er Studentenbewegung erkannte erneut das politische-sexuelle Gesellschaftspotential und gründete in Berlin die SexPol Nord. Sie ging leider in andere politische Organisationen auf und konnte sich auch 1969 nicht erneut reformieren.  (Mehr…)   http://www.wilhelm-reich-sexpol.de/

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Repressionsfreie Erziehung: A.S Neill’s Summerhill School

Der Reformpädagoge A.S.Neill war bis zuletzt ein sehr guter Freund von Wilhelm Reich. Neill sah die Psychologie von Reich als Basis seiner Pädagogik, Reich sah seine Ideen einer repressionsfreien Erziehung von Neill verwirklicht. Reich gab seinen Sohn Peter auf die Schule von Neill: Summerhill. Die Schule wurde 1921 von Neill in Dresden (Deutschland) gegründet, zog bald nach Österreich um, wo die Katholische Kirche jedoch unwirsch reagierte -Neill übersiedelte 1923 nach Südengland in die Stadt Lyme, wo Summerhill noch immer floriert.

Summerhill ist eine Demokratische Schule in Leiston (Suffolk, England) und gilt als eine der ältesten demokratischen Schulen der Welt. A. S. Neill gründete sie 1921 zu einer Zeit, als Reformpädagogik populär war. Die Anfänge von Summerhill liegen in der „Neuen deutschen Schule“ in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden. Die „Neue deutsche Schule“ vereinigte viele Strömungen der deutschen Reformpädagogik. Neill war auf Grund des günstigen Wechselkurses zwischen englischem Pfund und Reichsmark in der Lage, einer der wesentlichen Geldgeber dieser Schule zu sein, und gliederte ihr eine „internationale Schule“ an. Die strikte Moral der von der deutschen „Wandervogel“-Jugendbewegung her kommenden Reformpädagogen (sie lehnten z.B. Tabak und Alkohol ab) ließ Neill bald nach Österreich umsiedeln, nach Sonntagberg, wo es jedoch zu Konflikten mit der örtlichen Bevölkerung und Kirche kam. Nach weiteren  Problemen mit den österreichischen Schulbehörden gab Neill die Eröffnung einer Privatschule  im Mai 1924 auf und ging nach Südengland.

Derzeit wachsen rund 90 Kinder und Jugendliche verschiedener Nationen im Alter von 5 bis 17 Jahren in dem Internat auf. Nach dem Tod des Gründers im Jahre 1973 übernahm seine Frau Ena und ab 1985 ihre Tochter Zoë Neill Readhead die Schulleitung. Neills Ideen über die Schule sind u.a. auf seinem Vorbild Homer Lane begründet. Es gab eine „Schulgemeinde“, in der die Kinder und Lehrkräfte wichtige Fragen des Schulalltags gleichberechtigt regelten. Neill legte drei Hauptmerkmale von Summerhill fest:

  1. „Self-government“ (Schüler-)Selbstregierung
  2. freiwilliger Unterrichtsbesuch
  3. Werkstätten für die Schüler

Den Kindern wurde somit viel Freiheit gegeben, jedoch waren sie nicht frei von Regeln. Es galt das Prinzip freie Erziehung und nicht frei von Erziehung, wie es in den 1960er Jahren während der Studentenbewegung in Deutschland missinterpretiert wurde, siehe hierzu auch die Problematik des Begriffs antiautoritäre Erziehung, den A.S. Neill selbst nie verwendete. Neill bezeichnet seine Praxis als selbstregulative Erziehung.

A.S.Neill wollte es den Kindern ermöglichen, ihr eigenes Leben zu leben, nicht das, was ihnen Autoritäten wie Eltern oder Erzieher vorschreiben: The function of the child is to live his own life – not the life that his anxious parents think he should live, nor a life according to the purpose of the educator who thinks he knows best.

Im Jahr 1999 war Summerhill, u. a. wegen des freiwilligen Unterrichts, von der Schließung durch die Schulbehörden bedroht. Der Gerichtsprozess vor dem Independent Schools Tribunal im März 2000 ging überraschend zu Gunsten der Schule aus. Das Gericht stellte fest, dass sich Lernen nicht immer notwendigerweise im Unterricht ereignen müsse, und unterband die außergewöhnlich häufigen Inspektionen der Schule.  (Wikipedia)

A.S Neill’s Summerhill School, a co-educational boarding school in Suffolk, England, is the original alternative ‚free‘ school.
Summerhill was founded in 1921 by A. S Neill, a Scottish writer and rebel.
He created a community in which children could be free from adult authority. The school and his ideas became world-famous through Neill’s writings and lectures, his books are still published worldwide. In the late 60s Neill’s success at Summerhill was finally recognised and he was awarded honorary degrees from the Universities of Newcastle, Exeter and Essex. He was also recognised amongst the top 12 men and women who have influenced British schooling during the last millennium by the Times Educational Supplement (31.12.1999).

Founded in 1921, Summerhill still  continues to be an influential model for progressive, democratic education around the world.
Link: http://www.summerhillschool.co.uk/

History:

Summerhill was founded in 1921 in Hellerau, a suburb of Dresden. It was part of an International school called the Neue Schule. There were wonderful facilities there and a lot of enthusiasm, but over the following months Neill became progressively less happy with the school. He felt it was run by idealists – they disapproved of tobacco, foxtrots and cinemas – while he wanted the children to live their own lives. He said:

I am only just realising the absolute freedom of my scheme of Education. I see that all outside compulsion is wrong, that inner compulsion is the only value. And if Mary or David wants to laze about, lazing about is the one thing necessary for their personalities at the moment. Every moment of a healthy child’s life is a working moment. A child has no time to sit down and laze. Lazing is abnormal, it is a recovery, and therefore it is necessary when it exists.

Together with Frau Neustatter (later his first wife), Neill moved his school to Sonntagsberg in Austria. The setting was idyllic – a castle on top of a mountain – but the local people, a Catholic community, were hostile. By 1923 Neill had moved to the town of Lyme Regis in the south of England, to a house called Summerhill where he began with 5 pupils. The school continued there until 1927, when it moved to the present site at Leiston in the county of Suffolk, taking the name of Summerhill with it.

Neill continued to run the school with Mrs Lins, as she was known, until the war required evacuation of the Leiston house and they moved to Ffestiniog in Wales. Mrs Lins became ill, requiring constant nursing, and eventually died. Neill later married a staff at the school, Ena Wooff – who had helped to nurse Mrs Lins as well as cooking and being a housemother at the school. After the war they returned to Leiston to a dilapidated Summerhill which had been used by the army and left in a poor state. Neill referred to this for many years afterwards, having to put much work into restoring the buildings and cleaning them up.

The school continued to be controversial, being depicted in the press as the „Do As You Please“ school. Neill, however, did have the respect of many educationalists and well-known personalities such as, among others, Bertrand Russell and Henry Miller.

Pupil intake fluctuated over the years before taking a final dive in the late 50s. Things were looking black as the pupil numbers reached around 25. However, at that time Neill was approached by Harold Hart, a publisher from USA, who wanted to publish a compilation of Neill’s books. Together they put the book ‚Summerhill – a radical approach to childhood‘, on the market. It was an instant hit in the USA rising to the number one non-fictional best seller nationally. It was soon published in UK and many other countries and things began to take a turn for the better at Summerhill. Pupil numbers went up, many from the USA; interest in the school bloomed