Archiv der Kategorie: Soziales Unrecht

Google-Kritik aus Havard Business School – Shoshana Zuboff: Überwachungskapitalismus

Shoshana Zuboffs Arbeiten zum Überwachungskapitalismus bieten eine gute Ergänzung des hier vertretenen Konzeptes vom Inversen Panoptismus, weil sie die Überwachungskultur von ihrer ökonomischen Seite her analysieren: Kritisch, aber dank ihrer Herkunft aus der HBS (Havard Business School) in der Sprache der herrschenden Machteliten der westlichen Wirtschaftswelt. Über Zuboffs enge Beziehung mit dem FAZ-Herausgeber und Netzfirmen-Kritiker Frank Schirrmacher haben Zuboffs Thesen den deutschen Sprachraum schneller erreicht als den angelsächsischen (sicher auch, weil Technikkritik bei uns traditionell stärker vertreten ist). Ende 2018 erschien ihr Buch dazu zuerst auf Deutsch (!), Januar 2019 die am. Ausgabe. Mehr zum Buch, zu Zuboff und ihren FAZ-Artikeln hier:

Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus

Verlagstext:

Das Zeitalter des ÜberwachungskapitalismusGegen den Big-Other-Kapitalismus ist Big Brother harmlos

Die Menschheit steht am Scheideweg, sagt die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff. Bekommt die Politik die wachsende Macht der High-Tech-Giganten in den Griff? Oder überlassen wir uns der verborgenen Logik des Überwachungskapitalismus? Wie reagieren wir auf die neuen Methoden der Verhaltensauswertung und -manipulation, die unsere Autonomie bedrohen? Akzeptieren wir die neuen Formen sozialer Ungleichheit? Ist Widerstand ohnehin zwecklos?

Zuboff bewertet die soziale, politische, ökonomische und technologische Bedeutung der großen Veränderung, die wir erleben. Sie zeichnet ein unmissverständliches Bild der neuen Märkte, auf denen Menschen nur noch Quelle eines kostenlosen Rohstoffs sind – Lieferanten von Verhaltensdaten. Noch haben wir es in der Hand, wie das nächste Kapitel des Kapitalismus aussehen wird. Meistern wir das Digitale oder sind wir seine Sklaven? Es ist unsere Entscheidung!

Shoshana Zuboff war 1981 eine der ersten Frauen, die an der Harvard Business School einen Lehrstuhl bekamen. Bereits 1988 schrieb sie den Best- und Longseller „In the Age of the Smart Machine“, in dem sie als Sozialwissenschaftlerin und Ökonomin die technologischen Entwicklungen und daraus resultierenden Kontrollmechanismen vorhersagte. Mit dem Begriff „Dark Google“ prägte sie 2014 maßgeblich die Debatte um die digitale Zukunft und Big Data. Das Magazin strategy+business bezeichnet sie als eine der elf originellsten Wirtschaftsdenkerinnen und -denker der Welt. Shoshana Zuboff lebt in Maine (USA).

FAZ-Artikel: Dark Google (30.4.2014)

Dt.Fassung:  Die Google-Gefahr : Schürfrechte am Leben

Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Wir erleben das Entstehen absoluter Macht. Die Internet-Giganten, Google an der Spitze, übertragen ihre radikale Politik vom Cyberspace auf die reale Welt. Sie werden ihr Geld damit verdienen, dass sie die Realität kennen, kontrollieren und in kleinste Stücke schneiden. (…)

Zuboff griff in diesem FAZ-Artikel Eric Schmidt direkt an:

„Eric Schmidts Artikel in der F.A.Z., der in Wahrheit ein Sendschreiben an die Europäer ist, zeigt Anzeichen solch eines Absolutismus. Demokratische Kontrolle wird als „plumpe Regulierung“ abgetan. Die Ausdrücke „Internet“, „Web“ und „Google“ werden verwendet, als wären sie austauschbar und als stünden die Interessen von Google für das gesamte Web und das Internet. Das ist ein Taschenspielertrick, der von den wirklichen Problemen ablenken soll. Schmidt warnt, wenn die EU den Praktiken von Google entgegentrete, könne daraus „ein schwerer Rückschlag für die Innovationskraft in Europa“ resultieren. Genau das Gegenteil dürfte zutreffen. Gerade wegen Googles genialer Fähigkeiten in der Wissenschaft der Überwachung, wegen der Unverfrorenheit, mit der das Unternehmen die Nutzer enteignet und sich deren Datenschutzrechte selbst aneignet, und wegen des aggressiven Vorgehens der NSA verlieren die Menschen das Vertrauen in das gesamte digitale Medium. Und erst dieser Vertrauensverlust droht die Innovation abzuwürgen.“ (…)

-Ein etwas weitscheifig-feuilletonistischer Text, aber durchaus lesenswert! Zuboff widmet ihr Buch auch ihrem verstorbenen Freund Frank Schirrmacher.

„Die Gesellschaft ist immer mehr zu einem Objekt geworden, das in Verhaltensdaten transformiert wird, um kontrollieren und verändern zu können“, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff. Ihr zufolge leben wir in einem „Zeitalter des Überwachungskapitalismus“, der sich vor allem in der Datensammelwut von Digitalkonzernen wie Google, Amazon oder Facebook widerspiegelt. Und der einerseits etwas vollkommen Neues ist, andererseits der klassischen Dynamik des Kapitalismus folgt: „Man geht schon länger davon aus, dass Kapitalismus sich entwickelt, indem Anspruch auf Dinge erhoben wird, die bisher immer außerhalb des Marktes existiert haben, und diese Dinge dann in den Markt integriert und zu Ware erklärt werden, die gekauft und verkauft werden können“, sagt Zuboff unter Verweis auf Karl Polanyis wirtschaftshistorischen Klassiker „The Great Transformation“ von 1944. (…) DLF zu Zuboff

FAZ-Artikel von Shoshana Zuboff, DLF, HIIG (Google Institut)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-digital-debatte/unsere-zukunft-mit-big-data-lasst-euch-nicht-enteignen-13152809.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/die-strategie-von-google-und-facebook-ueberwachen-und-verkaufen-15802775.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-digital-debatte/shoshana-zuboff-googles-ueberwachungskapitalismus-14101816.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-google-gefahr-zuboff-antwortet-doepfner-12916606.html

https://www.deutschlandfunkkultur.de/shoshana-zuboff-das-zeitalter-des-ueberwachungskapitalismus.950.de.html?dram%3Aarticle_id=429944

https://www.hiig.de/en/events/shoshana-zuboff-surveillance-capitalism-and-democracy/

Zuboff Video Triangulation 380

Triangulation 380: The Age of Surveillance Capitalism (interview)
Jan 11th 2019      Hosted by Leo Laporte 
Shoshana Zuboff, author of ‚The Age of Surveillance Capitalism‘

 

The Guardian, James Bridle: The Age of Surveillance Capitalism by Shoshana Zuboff review – we are the pawns

Tech companies want to control every aspect of what we do, for profit. A bold, important book identifies our new era of capitalism

The litany of appropriated experiences is repeated so often and so extensively that we become numb, forgetting that this is not some dystopian imagining of the future, but the present.  Originally intent on organising all human knowledge, Google ended up controlling all access to it; we do the searching, and are searched in turn. Setting out merely to connect us, Facebook found itself in possession of our deepest secrets. And in seeking to survive commercially beyond their initial goals, these companies realised they were sitting on a new kind of asset: our “behavioural surplus”, the totality of information about our every thought, word and deed, which could be traded for profit in new markets based on predicting our every need – or producing it. (…)

Fazit: The work begins in demolishing the framework of this world order, but it continues in the establishment and enactment of new and better futures.

Full text: The Guardian Review Zuboff

wikipedia zu Zuboff (Auszüge)

She received her Ph.D. in social psychology from Harvard University and her B.A. in philosophy from the University of Chicago. Zuboff joined the Harvard Business School in 1981 where she became the Charles Edward Wilson Professor of Business Administration and one of the first tenured women on the Harvard Business School faculty. In 2014 and 2015 she was a Faculty Associate at the Berkman Center for Internet and Society at the Harvard Law School.

Zuboff’s new work explores a novel market form and a specific logic of capitalist accumulation that she named „surveillance capitalism“. She first presented her concept in a 2014 essay, „A Digital Declaration“, published in German and English in the Frankfurter Allgemeine Zeitung. Her followup 2015 scholarly article in the Journal of Information Technology titled „Big Other: Surveillance Capitalism and the Prospects of an Information Civilization“ received the International Conference on Information Systems Scholars‘ 2016 Best Paper Award.

Surveillance capitalism and its consequences for twenty-first century society are most fully theorized in her book, The Age of Surveillance Capitalism: The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power. Zuboff’s scholarship on surveillance capitalism as a „rogue mutation of capitalism“ has become a primary framework for understanding big data and the larger field of commercial surveillance that she describes as a „surveillance-based economic order“. She argues that neither privacy nor antitrust laws provide adequate protection from the unprecedented practices of surveillance capitalism. Zuboff describes surveillance capitalism as an economic and social logic. Her book originates the concept of ‚instrumentarian power‘, in contrast to totalitarian power. Instrumentarian power is a consequence of surveillance capitalist operations that threaten individual autonomy and democracy.

Many issues that plague contemporary society including the assault on privacy and the so-called ‚privacy paradox‘, behavioral targeting, fake news, ubiquitous tracking, legislative and regulatory failure, algorithmic governance, social media addiction, abrogation of human rights, democratic destabilization, and more are reinterpreted and explained through the lens of surveillance capitalism’s economic and social imperatives.

Von Shoshana Zuboff’s Homepage:

Shoshana Zuboff joined the Harvard Business School faculty in 1981. One of the first tenured women at the school, she was the Charles Edward Wilson Professor of Business Administration. In 2014 and 2015 she was a Faculty Associate at the Berkman Center for Internet and Society at Harvard Law School. Her career has been devoted to the study of the rise of the digital, its individual, organizational, and social consequences, and its relationship to the history and future of capitalism. She also founded and led the executive education program, Odyssey: School for the Second Half of Life.

NEW WORK

Shoshana Zuboff’s latest book is The Age of Surveillance Capitalism: The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power. This new work integrates Zuboff’s lifelong themes: the historical emergence of psychological individuality, the conditions for human development, the digital revolution, and the evolution of capitalism. It begins with the oldest questions: home or exile? master or slave? It explores the emergence of surveillance capitalism as the dominant form of information capitalism and its implications for individuals, society, and democracy in the twenty-first century.

Shoshana Zuboff’s essay “Big Other: Surveillance Capitalism and the Prospects of an Information Civilization,” which appeared in the March 2015 special issue of the Journal of Information Technology, was the recipient of the International Conference on Information Systems Senior Scholars’ 2016 Best Paper Award. Zuboff’s study of surveillance capitalism builds on her  earlier work in, The Support Economy: Why Corporations Are Failing Individuals and the Next Episode of Capitalism (Penguin, 2002), co-authored with Jim Maxmin and In the Age of the Smart Machine: The Future of Work and Power (Basic Books, 1988).

THE SUPPORT ECONOMY

Long before the economic crisis of 2007-2008, this far-reaching multi-disciplinary effort integrated history, sociology, management, and economics to explain why today’s business models have reached the limits of their adaptive range:   “People have changed more than the commercial organizations upon which they depend…In the chasm that now separates individuals and organizations lie the keys to a new economic order with vast potential for wealth creation and individual fulfillment.  The marketplace of a support economy and the associated possibilities of a new distributed capitalism are emerging from the outrage, disappointments, frustrations, and all too frequent humiliations to which today’s new individuals are subjected at the hands of the old organizations.”

The Support Economy has been praised and translated around the world.  It was selected by strategy+business as one of the top ten business books of 2003 and ranked number one in the “Values” category. BusinessWeek named it the “number one idea” in its special issue on “Twenty Five Ideas for a Changing World”. Inc. magazine described The Support Economy as “the new new thing” in its special anniversary issue on entrepreneurship.  The book has also been featured in dozens of other magazines and newspapers including The Economist, Fast Company, The Financial Times, The Times of London, The Boston Globe, The Washington Post and Across the Board (The Conference Board) as well as in major publications in Germany, Italy, India, China, Brazil, Finland, Croatia, Japan, Canada, and South Korea.

In 2006, strategy+business named Shoshana among the eleven most original business thinkers in the world.  She was featured in 2004 as a “Creative Mind” in strategy+business, described as “a maverick management guru…one of the sharpest most unorthodox thinkers today.”

IN THE AGE OF THE SMART MACHINE

Author of the celebrated classic In the Age of the Smart Machine: The Future of Work and Power (1988), Shoshana has been called “the true prophet of the information age”.  In the Age of the Smart Machine won instant critical acclaim in both the academic and trade press—including the front page review in the New York Times Book Review– and has long been considered the definitive study of information technology in the workplace.

In the Age of the Smart Machine is the source of many concepts that have become widely integrated into the understanding of information technologies and their consequences. These include the abstraction of work associated with information technology and its related skill demands; that information technology can pave the way for more fluid distributed work arrangements; the concept of the “information panopticon”; the duality of information technology as an informating and an automating technology; computer-mediated action; information as a challenge to command/control; the social construction of technology; the collaborative patterns of information work–to name but a few.

A scholarly article by Andrew Burton-Jones reviews the continuing impact of In the Age of the Smart Machine on IT-oriented scholarship. He describes the book as “the most cited and celebrated in the whole of the IS field…” According to Finnish scholars Hanna Timonen and Kaija-Stiina Paloheimo’s 2008 analysis of the emergence and diffusion of the concept of knowledge work, In the Age of the Smart Machine is one of three late twentieth century books, including Peter Drucker’s In the Age of Discontinuity and Daniel Bell’s The Coming of Post-Industrial Society, that are responsible for the diffusion of the concept of “knowledge work.”

According to London School of Economics Professor Jannis Kallinikos’s analysis in “Smart Machines,” written on the occasion of the book’s twentieth anniversary for The Encyclopedia of Software Engineering, In the Age of the Smart Machine is “a profound study of the work implications associated with the extensive involvement of information technology in organizations. The book rapidly gained recognition across a wide spectrum of social science disciplines, including management and organization studies, information systems, social psychology, and sociology, and has been debated and quoted extensively. Twenty years may seem an awfully long time in this age of speed and rapid technological change. But, the Smart Machine, as perhaps every great work, holds out remarkably…One could indeed go as far as to claim that in some respects the book is even more relevant and timely today than it was at the time of its publication.”

OTHER WORK

Shoshana Zuboff has also been a frequent contributor to the Frankfurter Allgemeine Zeitung. Recent essays include “The Secrets of Surveillance Capitalism,” March 2016; “Disruption’s Tragic Flaw,” February 2015;  “The Digital Declaration,” September 2014; “The Digital Economy: Human Factors,” July 2014;  “Dark Google,”  April 2014;  “The New Weapons of Mass Detection,” February 2014; “Obama, Merkel, and the Bridge to an Information Civilization,” January 2014; and “Be the Friction: Our Response to the New Lords of the Ring,” June 2013.

From 2003 to 2005,  Shoshana shared her ideas on the future of business and society in her popular monthly column “Evolving”, in the magazine Fast Company.  From 2007 through 2009 she was a featured columnist for BusinessWeek.com. Her work has been showcased on CNBC, Reuters International, and the Today Show as well as in the BrandEins, Fortune, Inc., Business Week, U.S. News & World Report, CIO, The New York Times, The Financial Times, and many other news outlets. She has been heard on over 200 radio shows, including top coverage on NPR’s Marketplace, TechNation, Sound Money, Morning Edition, BBC, and the BBC World Service.

 

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Ratingagenturen: Marionetten der Hedgefonds?

Ratingagenturen sind gewinnorientierte Firmen, die gewerbsmäßig die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Organisationen und selbst Staaten bewerten. Dabei gehören diese Agenturen Banken und Hegdefonds, die an den Bewertungen kräftig verdienen können.

Die größten Ratingagenturen der Welt, darunter Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch, stehen vor allem seit der Finanzkrise immer häufiger in der Kritik: Sie hatten Pleitebanken und ihre Schrottpapiere bis zuletzt zu gut bewertet.

Thomas Barth hinterfragt ihre Funktion und Macht im Interview mit Dr. Werner Rügemer,  Autor des Buches
„Ratingagenturen – Einblicke in die Kapitalmacht der Gegenwart“.

TB: In Ihrem gerade erschienenen Buch analysieren Sie die Ratingagenturen, dominiert von den Drei Großen Standard&Poor’s, Moody’s und Fitch, als einen zentralen Mechanismus innerhalb der westlichen Kapitalmacht. Deren Ruf ist gerade angeschlagen, nach der jüngsten Euro-Schuldenkrise wurden wieder einmal Forderungen nach ihrer Entmachtung laut, sogar von offizieller Stelle der EU.

WR: Im Juli letzten Jahres forderte EU-Kommissarin Viviane Reding die Zerschlagung der US-Dominanz bei Ratingagenturen, im September 2010 hatte schon EZB-Präsident Jean-Claude Trichet die Agenturen als „Brandbeschleuniger” der Krise kritisiert. In meinem Buch lege ich unter anderem dar, warum Zweifel an diesen Lippenbekenntnissen angebracht sind. Schon 2004 hat die EU eine Reform der Ratingpraxis beschlossen, nach dem Parmalat-Skandal.

Bei Parmalat hatten die Ratingagenturen eine Milliardenpleite nicht im Vorfeld entdeckt, sondern praktisch erst, nach dem andere die Bilanzfälschungen, Betrügereien usw. aufgedeckt hatten, ähnlich wie schon zuvor bei der Enron-Pleite und später beim Lehmann-Crash. Die Ratings, deren gut bezahlende Auftraggeber die Pleite-Firmen selbst waren, waren vielmehr Voraussetzung und integraler Bestandteil der dort verübten Wirtschaftskriminalität. Trotz der verheerenden Schäden blieb es bei kurzer Empörung, folgenlosen Beschlüssen und wirkungsloser Kosmetik an der Ratingpraxis.

Was brachte die Ratingagenturen erneut in die Kritik?

Bekanntlich waren Standard&Poor’s, Moody’s und Fitch Mitverursacher der Finanz- und Wirtschaftskrise, die 2007 ausbrach. Ihre Falschbeurteilungen hatten die Spekulationen der Banken, Versicherungen, Hedgefonds und Konzerne legitimiert und beschleunigt –unter den ganz großen dieser Firmen, insbesondere den heute dominierenden Hedgefonds, finden sich die Hauptanteilseigner der Ratingagenturen.

In der jüngsten Etappe der sogenannten Krise traf es EU-Staaten, dabei wirkte vor allem das „auftragslose Rating”. Durch solche Ratings mit Herabstufungen, zuweilen auch „feindliche” Ratings genannt, trieben die Agenturen z.B. die europäischen Staaten Griechenland, Portugal, Italien, Spanien, Irland und Frankreich tiefer in die Schuldenfalle. Dies geschah auch aus eigenem strategischen Interessen der Agenturen bzw. ihrer Eigentümer.

Die Inszenierung der Schuldenkrise verlief nach folgendem Drehbuch: Die Herabstufung oder deren Androhung verkündeten die Agenturen zeitlich präzise wenige Tage vor dem Treffen der EU-Finanzminister, die mit ihren Beschlüssen zum sogenannten „Rettungsschirm” noch zögerten. Oder die Agenturen platzierten ihre Ratings wenige Tage, bevor die griechische oder italienische Regierung die drakonischen Sparmaßnahmen beschließen wollte, aber dafür noch keine Parlamentsmehrheit fand.

Solche Inszenierungen werden dramaturgisch dadurch verstärkt, dass die Agenturen wie im Geleitzug operieren: Eine Agentur prescht mit einer Herabstufung vor, die zweite folgt drei Wochen später, die dritte dann mit einer weiteren Verzögerung; aber alle Ratings gehen – wie Benzinpreis-Erhöhungen der Ölkonzerne – geheimnisvollerweise in dieselbe Richtung.

Die Lage der EU-Staaten wurde durch die Ratings unmittelbar dramatischer, ihre Zinslast für Staatsanleihen stieg sofort, Milliarden an Zusatzprofiten flossen in die Taschen der Finanzfirmen. Deswegen wurden die Agenturen zunächst hart kritisiert, sie sollten zerschlagen oder reformiert werden. Doch nichts dergleichen geschah, die angesprochenen früheren Fälle hatten sie ebenfalls unversehrt, letztlich sogar gestärkt überstanden. Die drei großen Ratingagenturen müssen also mächtige Freunde haben.

Sie haben die Eigentümerstruktur der Ratingagenturen in Ihrem Buch gründlich recherchiert und die daraus ersichtlichen Mechanismen der westlichen Kapitalmacht aufgedeckt.

Ja, es ist doch erstaunlich, dass trotz aller Kritik an den Ratings weder Medien noch Politiker die einfache Frage stellten: Wem gehören die Agenturen? Die beiden größten Agenturen, Standard&Poor’s, Moody’s, die 80 Prozent des Ratingmarktes besetzen, gehören den wichtigsten Hedgefonds. Sie sind die heute mächtigsten Finanzakteure und bewegen weitaus größere Summen als die Banken. Dabei unterliegen sie keinen Regulierungen und können hinter den Kulissen tun, was sie wollen.

Aber sie stehen in enger Beziehung mit den normalen Großbanken, insbesondere mit den Investmentbanken wie der Deutschen Bank, Goldman Sachs, Barclays und Société Générale: Von diesen Banken bekommen die Hedgefonds große Kredite. So partizipieren die Banken an deren unregulierten, lukrativen Geschäften und da ihnen das nicht genügt, gründen diese Banken zusätzlich noch eigene Hedgefonds. Das zeitweise hochgelobte Shareholder-Value-Prinzip gilt nicht mehr und die Hedgefonds verkörpern den Machtwechsel: Die Banken, auch die größten Investmentbanken, sind inzwischen nur noch zweite Garde, sie gehören den wichtigsten der etwa 10.000 Hedgefonds.

Besonders viel Aufmerksamkeit schenken Sie in Ihrem Buch dem Hedgefond Blackrock.

Blackrock ist gegenwärtig der größte der Hedgefonds, sein Gründer Laurence Fink von der Investmentbank First Boston gilt als Erfinder der Wertpapiere, die aus verbrieften Hypothekenkrediten gebündelt werden: Mit diesen Subprime-Papieren wurde die Finanzkrise 2007 ausgelöst. Von 2008 bis 2010 verdreifachte sich das verwaltete Vermögen von Blackrock, des größten Vermögensverwalters der Welt, auf 3,65 Billionen US-Dollar.

Der Hedgefond ist Miteigentümer Hunderter Banken und Konzerne, zum Beispiel der größte Einzelaktionär der Deutschen Bank und der Deutschen Börse sowie Miteigentümer aller 30 DAX-Unternehmen. Blackrock wurde von US-Finanzminister Timothy Geithner zur Rettung bankrotter Banken und des Versicherungskonzerns American International Group (AIG) herangezogen und berät auch die US-Zentralbank Fed.

Die juristischen Sitze von Hunderten Tochterfirmen befinden sich zu 90 Prozent in der US-Finanzoase Delaware. Blackrock hat mit 9000 Beschäftigten in 25 Staaten vergleichsweise sehr wenig Personal. Aladdin, das Datensystem des Unternehmens, soll das größte und schnellste im Finanzsektor sein: Basis für automatische, großflächige Kauf- und Verkaufsoperationen. Blackrock bereitet ein internes Handelssystem vor, das von den regulierten Börsen und Banken getrennt ist. Das wird der größte „dark pool”der Welt.

Da ist eine enge Verbindung zu den Ratingagenturen sicher nützlich?

Blackrock ist der zweitgrößte Miteigentümer von Standard&Poor’s. Größter Aktionär ist der Hedgefonds Capital Group, gefolgt von den Hedgefonds Vanguard, State Street und T. Rowe Price. Danach kommen mit kleineren Anteilen auch Banken und Versicherungen: Bank of New York, Morgan Stanley und der Versicherungskonzern Allianz. Genau dieselben Hedgefonds sind auch die Haupteigentümer von Moody’s, dort vertreten auch in derselben Reihenfolge: Capital Group, Blackrock, Vanguard, State Street und T. Rowe Price.

Ein wenig anders ist es nur bei Fitch, die sich mit 15 Prozent der globalen Ratinggeschäfte begnügen müssen. Die Mehrheit gehört dort dem US-Medienkonzern Hearst. Hearst ist diversifiziert wie hierzulande nur Bertelsmann und produziert Dutzende von lukrativen Zeitschriften in zahlreichen Sprachen (Cosmopolitan, Marie Claire …) und weltweit verkaufte TV-Serien und Shows wie die Oprah Winfrey Show. Hearst betreibt TV-Sender auf allen Kontinenten (History Channel in 75 Staaten …) und die dominierenden Sportkabelsender ESPN und ESPN2. Mit Microsoft, Yahoo und mehreren Zeitungen (San Francisco Chronicle etc.) beherrscht Hearst auch den US-Online-Werbemarkt.

Hearst ist seit der Gründung ein verschlossener, politisch rechtsstehender Familienkonzern. Der zweite Fitch-Aktionär ist die Pariser Finanzholding Fimalac, in der Interessen des US-freundlichen französischen Kapitals vertreten sind (Renault, die Supermarktkette Casino Guichard, der Luxusgüterkonzern L’Oreal, Rothschild u.a.). Fimalac ist wie Hearst als verschlossener Familienkonzern organisiert.

Wie kam es bei dieser privaten Eigentümerstruktur zur engen Verzahnung der Ratingagenturen mit staatlichen Mechanismen zur Regulierung der Finanzmärkte?

Nach dem Börsenkrach von 1929 wurde von Franklin D. Roosevelt im New Deal 1933-36 auch das US-Finanzsystem reformiert, um einem erneuten Crash vorzubauen. Im „Security and Exchange Act” wurde 1934 die SEC, die „Security and Exchange Commission” geschaffen, die erste Börsenaufsicht der kapitalistischen Welt. Die SEC lizenzierte Wirtschaftsprüfer für die Bilanzen von Banken und Konzernen und auch Ratingagenturen, um die Sicherheit von Geldanlagen zu bewerten. Doch die staatlich beauftragten Wirtschaftsprüfer und Rating-Agenturen blieben private Unternehmen, die zudem ihre Kriterien und Verfahren selbst festlegen konnten.

In den 70er-Jahren begann auf den Finanzmärkten eine neue Ära, auch für die Agenturen. 1971 stellte Moody’s als erste den Bezahlmodus um: Nicht mehr die Anleger bezahlten für die Ratings, sondern die Verkäufer der Wertpapiere. Das waren vor allem die Investmentbanken wie Goldman Sachs, J.P. Morgan, Merrill Lynch, Lehman Brothers, Bear Stearns, Salomon Barney und Morgan Stanley. Sie entwickelten neue Wertpapiere (strukturierte Finanzprodukte, Derivate), verkauften sie und spekulierten mit ihnen.

Wie kam es zum Oligopol der Großen Drei?

1975 beschloss die SEC, dass Börsenmakler ihre Kapitalrückstellungen danach zu richten haben, ob die von ihnen gehandelten Wertpapiere „investment grade” oder „non investment grade” geratet sind. Anleihen und verbriefte Hypothekenkredite können seitdem im vereinfachten Verfahren auf den Markt gebracht werden, wenn zwei Agenturen ihnen „investment grade” zuerkennen. Das US-Arbeitsministerium legte zudem fest, dass Pensionsfonds nur Wertpapiere kaufen dürfen, die mindestens mit A geratet sind. Unternehmen sollten nun umso mehr Zinsen zahlen, je schlechter ihr Rating ausfiel. Je besser das Rating, desto teurer ließ sich nun eine Aktie oder ein sonstiges Wertpapier verkaufen.

So gingen die Ratings in immer mehr Finanzgesetze und Finanzpraktiken ein. Und 1975 lizenzierte die SEC die sieben damals an der Wall Street bekanntesten Rating-Agenturen. Sie erhielten in einem nichtöffentlichen Verfahren das Gütesiegel „Nationally Recognised Statistical Rating Organisation” (NRSRO), also staatlich anerkannte statistische Rating-Agentur. Aus diesen Sieben entstanden durch Fusionen innerhalb kurzer Zeit die drei heute führenden Agenturen. Andere Staaten und internationale Einrichtungen folgten dem US-Beispiel bei der Einbindung der Agentur-Ratings in Gesetze und Vorschriften.

Wie geschah dies?

Wall Street und US-Regierung konnten ihr Ratingsystem in den folgenden Jahrzehnten weltweit durchsetzen. Zunächst geschah dies mit Hilfe von UNO und Weltbank in den Entwicklungsländern, dann über die BIS, die „Bank for International Settlements”, Sitz Basel/Schweiz. Die BIS wurde 1930 von Wall Street-Banken und westeuropäischen Zentralbanken gegründet und ist die Zentralbank der Zentralbanken.

In den Vereinbarungen „Basel I” (1988) und „Basel II” (2007) wurde das US-Ratingsystem für die westlichen Staaten verbindlich. Es findet sich in den Statuten auch der deutschen Finanzaufsicht BaFin und der Europäischen Zentralbank (EZB) wieder. Die Europäische Union hat darauf verzichtet, die Bonität ihrer Unternehmen und Mitgliedstaaten selbst zu bewerten, sondern hat damit ebenfalls die Großen Drei beauftragt.

Bei einer so guten Einbindung in staatliche Strukturen der Regulierung sollte man annehmen, dass auch haftungsrechtlich Fragen hinsichtlich von Ratingfehlern gut geregelt sind.

Das Gegenteil ist der Fall. Die Ratingagenturen haben sich durch mehrere Schutzmauern gegen eine Haftbarmachung für ihre Ratings absichern können. Zunächst einmal haben sie ihre operativen Hauptsitze in den beiden Zentren des westlichen Kapitalismus lokalisiert, in New York und London. Ihre juristischen Sitze liegen allerdings in Finanzoasen, insbesondere in Delaware/USA und auf den Cayman Islands. Dort haben auch die Hedgefonds und andere Finanzakteure ihren rechtlichen Sitz.

Zusätzlich haben die Ratingagenturen ihre Niederlassungen in Deutschland, Frankreich, Luxemburg, der Schweiz, Indien, Israel usw. juristisch in Finanzoasen lokalisiert. Dies macht eine rechtliche Auseinandersetzung schwierig. Die Agenturen versehen zudem jedes Rating mit dem Vorbehalt: „Wir übernehmen keine Verantwortung für direkte oder indirekte Folgen dieses Ratings. Es stellt lediglich eine persönliche Meinungsäußerung (opinion issue) dar.”

Aber Meinungsäußerungen können doch keine Objektivität für sich beanspruchen, wie sie den Ratings vom Finanzsystem zugeschrieben wird?

Dies ist ein Widerspruch zu der in Gesetzen und Praktiken festgelegten verbindlichen Funktion: Andere werden für ihre Entscheidungen haftbar gemacht, aufgrund von Ratings, deren Ersteller ihrerseits für ihre Rating-Entscheidungen nicht haftbar gemacht werden können. Auch bei den gravierendsten Falschbewertungen kommen die Agenturen dennoch bislang mit ihrem Vorbehalt bisher durch.

Sie berufen sich auf den Ersten Zusatz von 1791 zur US-Verfassung. Danach gehören freie Religionsausübung, Presse- und Meinungsfreiheit zu den Grundrechten. Hunderte von Schadenersatzklagen wegen falscher Ratings wurden deshalb von US-Gerichten immer wieder abgewiesen. Die US-Justiz anerkennt das Argument der Agenturen und verletzt damit die Prinzipien des Rechtsstaats: Denn wenn die Agenturen staatliche Funktionen und Folgen für Dritte haben, können sie keine persönliche Meinungsäußerung sein. Auch die europäische Justiz hat sich dieser Praxis bisher kritiklos angeschlossen.

Mein Buch beginnt mit dem Fall des deutschen Rentners Jürgen Hillebrand, der S&P auf Schadensersatz verklagt. Durch die Falschbewertung von Lehmann-Zertifikaten verlor er 2008 seine Rücklagen von 30.000 Euro. Das Landgericht Frankfurt hat die Klage zurückgewiesen, da S&P behauptet, Gerichtsort sei New York, wo die dort übliche Rechtsprechung dem Kläger keine Chance ließe. Vor dem Oberlandesgericht wurde die Klage jedoch für zulässig erklärt, der Fall läuft.

Sind die Ratingagenturen reformierbar?

Die Großen Drei sind ausführende Instrumente von Hedgefonds und Investmentbanken und vertreten damit genau die Kreditgeber und Finanzakteure, die mit Krediten spekulieren wollen. Sie stärken damit deren Zugriff auf Unternehmen, Staaten, Volkswirtschaften und Städte: Die Kredite werden ohne Rücksicht auf volkswirtschaftliche Verluste eingetrieben. Es wird nicht geprüft, wie Kredite zustande gekommen sind, beispielsweise in Athen durch korrupte Regierungen und Manipulationen der griechischen Zentralbank, beraten von Goldman Sachs.

Empfehlungen der Ratingagenturen zielen nie auf die Reduzierung von Rüstungskosten oder die haushaltssanierende Einführung von Gewinn- und Finanzsteuern. Eine Enteignung von Unternehmen, Staaten, Rechtsansprüchen von Beschäftigten und Bürgern ist die Folge, ebenso Entdemokratisierung und die Etablierung autoritärer Regimes von „Experten”.

Und doch sind heute Reformen im Gespräch.

Seit einem Jahrzehnt wird immer wieder über Reformen gesprochen. Nach dem plötzlichen Bankrott des US-Börsenstars Enron 2001 wurden die Fähigkeiten der Agenturen in Frage gestellt, Unternehmen objektiv bewerten zu können. Bis einige Tage vor dem Absturz hatten die Agenturen Enron gute Noten gegeben.

Der u.a. daraufhin erlassene „Credit Agencies Reform Act” von 2006 verlangte von den Agenturen mehr Transparenz, Verantwortung, Kontrolle, Wettbewerb, es dürfe keine gleichzeitige Beratung der gerateten Firmen stattfinden. Sieben kleinere Agenturen erhielten im Glauben an die weltverbessernde Kraft des Wettbewerbs eine Lizenz, doch die Marktbeherrschung der Großen Drei wurde nicht einmal angekratzt, auch ihr Verhalten änderte sich nicht.

Nach der Finanzkrise 2008 wurden den Ratingagenturen weitere Auflagen gemacht, im „Wall Street Reform and Consumer Protection Act” von 2010. Aber immer noch dürfen sie ihre Kriterien und Arbeitsweisen selbst festlegen. Ratinganalysten dürfen nun von ihren Kunden keine Geschenke über 25 Dollar annehmen – aber die Eigentümerstruktur der Agenturen wurde nicht thematisiert. Nach der Krise haben die Agenturen sogar ihre Gebühren erhöht und dennoch ihren Marktanteil von 95 auf 97 Prozent ausgebaut.

Was macht Europa?

Das Europäische Parlament einigte sich 2011 auf die Gründung einer Europäischen Ratingagentur, aber entgegen dem Antrag der Linken soll sie privat finanziert werden: Eine staatliche Agentur beinhalte die „Gefahr”, dass die Politik eingreifen könnte. Aber nach allen bisherigen Erfahrungen wäre genau dies nötig.

Wenn man es in der EU ernst meinen würde, dann sollten die Drei Großen zuallererst einmal aus allen Regelmechanismen des Finanzsystems entfernt werden: aus der EZB, aus den Rettungsschirmen ESFS und ESM sowie aus den nationalen Regelungen der EU-Staaten, z.B. der BaFin. Doch dergleichen ist von den derzeit regierenden Politikern offenbar nicht wirklich gewollt, trotz des gelegentlichen populistischen Schimpfens über Fehlurteile der Ratingagenturen.

Was ist von Reformansätzen privater Seite zu halten, etwa vom jüngst gescheiterten Versuch Roland Bergers oder den Ankündigungen von Bertelsmann?

Auch hier wird das grundlegende Konzept nicht geändert, nur an Kleinigkeiten herumgewurstelt. Die weitestgehende Reform gab es bislang in China: Die Agentur Dagong (Große Arbeit) wurde 1994 auf Initiative der Chinesischen Zentralbank gegründet, ist aber ein Privatunternehmen. Gründer und Chef ist Guan Jiazhong, Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas.Die Bewertungskriterien Dagongs sind an der wirtschaftlichen Entwicklung orientiert, nicht an der einseitigen Begünstigung der Kreditgeber.

Mit Blick auf die USA meinte der dem Kapitalismus keineswegs abgeneigte Guan Jiazhong: „Es ist sehr teuer, Weltpolizist zu sein und gleichzeitig mehrere Kriege zu führen. Wenn diese hegemoniale Strategie verändert wird, werden sich auch die Ausgaben reduzieren. Am Ende wird das einfache Volk in Amerika den Nutzen davon haben. Wenn man ständig Geld borgen muss, um seine Hegemonie zu finanzieren, ist das langfristig nicht tragbar.”

Anm.d.Red.: Werner Rügemer: „Ratingagenturen – Einblicke in die Kapitalmacht der Gegenwart“ (198 Seiten) ist im transcript Verlag, Bielefeld 2012, erschienen.

Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit: Ein tragikomisches Filmjuwel klagt Kälte und Effizienzdenken an

Thomas Barth
Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit: Ein tragikomisches Filmjuwel klagt Kälte und Effizienzdenken an
Eddy Marsan als Funeral Officer Mr.May

Mr.May ist ‚Funeral Officer‘ in London. Als Angestellter der Kommunalverwaltung organisiert er Beerdigungen für Menschen, die ohne Hinterbliebene verstorben sind. Wir begleiten ihn in Wohnungen, in denen die Toten ihre letzten einsamen Jahre verbrachten, wo er nach Hinweisen auf Verwandte oder Freunde sucht. Dabei sammelt er auch Lebensdaten, die er in sehr persönliche und bewegende Grabreden einfließen lässt –gehalten meist in einer leeren Kapelle.

Denn Mr.Mays Bemühungen, frühere Bekannte der Verstorbenen zu einer Teilnahme am Begräbnis zu gewinnen, verlaufen oft frustrierend. Meist wollen ehemalige Freunde und zerstrittene Verwandte nicht an den Zeremonien zum Andenken mit den Toten teilnehmen. Doch der wortkarge ‚Funeral Officer‘ lässt sich nicht entmutigen und tut weiter seine Pflicht, das Gedenken an die einsam Verstorbenen scheint sein einziger Lebensinhalt zu sein. Sein etwas makabres Hobby: In einem Photoalbum sammelt er daheim wie in einem Familienbuch Bilder der Toten. An schönen Tagen geht er Probeliegen auf dem wunderschön unter Bäumen gelegenen Grabplatz mit Blick über den ansonsten britisch-kargen Friedhof.

Der schlanke Staat: Gnadenlos auch mit den Toten

Mr_May_und_das_Fluestern_der_Ewigkeit_-_PlakatDoch Mr.Mays Sorgfalt, Pflichtgefühl und Respekt passen nicht zur neoliberalen Lehre von der Heiligen Effizienz, mit der ein managerhafter Vorgesetzter die fristlose Entlassung des ‚Funeral Officer‘ begründet. May bittet sich einige weitere Tage aus, um seinen letzten Fall würdig abschließen zu können: Ein Billy Stoke starb in seiner verwahrlosten Behausung genau gegenüber von John Mays eigener Wohnung. Filmemacher Uberto Pasolini (nicht verwandt mit Paolo Pasolini, aber Neffe von Luchino Visconti) wollte am Thema von Einsamkeit und Tod auch den Verlust von Menschlichkeit in unserer neoliberalen Gesellschaft anprangern.

„Welchen Wert misst die Gesellschaft individuellem Leben zu? Warum werden so viele Leute vergessen und sterben vereinsamt? Ich denke, dass die Qualität unserer Gesellschaft im Grunde durch den Wert bestimmt wird, den sie ihren schwächsten Mitgliedern zuerkennt. Die Art und Weise, wie wir mit den Toten umgehen, reflektiert den Umgang in unserer Gesellschaft mit den Lebenden.“ Uberto Pasolini

Auch in Deutschland obliegt die Bestattung mittellos Verstorbener ohne Angehörige den Kommunen. Als wachsendes Großstadtphänomen gibt es seit 2004 eine rasant steigende Zahl von „Sozialbestattungen“, bei denen die Angehörigen nicht über die finanziellen Mittel für eine Beisetzung verfügen. Die Zahl dieser Fälle ist seit 2004 um zwei Drittel gestiegen, was auch mit der Streichung des „Sterbegelds“ der gesetzlichen Krankenkassen unter der Regierung Schröder zu tun hat –so hat der Filmverleih von „Mr.May“ recherchiert. Eine Nachfrage bei den Hamburger Friedhöfen bestätigt dies.

„Leichen sind zu bestatten. (…) Für die Bestattung haben die Angehörigen zu sorgen. Wird im Todesfall niemand tätig, veranlasst die zuständige Behörde die Überführung der Leiche in eine Leichenhalle. Wird für eine in eine Leichenhalle eingelieferte Leiche kein Antrag auf Bestattung gestellt, so kann die zuständige Behörde vierzehn Tage nach Einlieferung die Bestattung in einer Reihengrabstätte eines Friedhofes veranlassen.“ §10 Hamburger Bestattungsgesetz

Die Durchführung von Amtsbestattungen werden in Deutschland von den Kommunen ausgeschrieben, der günstigste Anbieter bekommt in der Regel den Zuschlag. Anders als im Film sind die Sterbeorte jedoch vor allem Krankenhäuser und Altenheime, seltener Privatwohnungen. Von dort werden die ohne Angehörige Verstorbenen von einem durch die Polizei verständigten Leichentransporter abgeholt und in die Verstorbenenannahme auf dem Öjendorfer Friedhof gebracht, teilt die Hamburger Friedhofsverwaltung mit. Der Öjendorfer Friedhof zählt nicht zu den schöneren der Stadt, er liegt abgelegen  weit im Osten Hamburgs. 2003 wurde ein Gedenkstein mit dem Schriftzug „Zukunft braucht Erinnern“ am Gräberfeld der Vergessenen  aufgestellt und seit 2007 gibt es sogar Blumenschmuck und eine Kerze für jeden Verstorbenen. Im Film kommt es schlimmer: Mr.May muss in stummer Erbitterung mit ansehen, wie nach seinem Rauswurf der Manager-Bürochef mit einer Angestellten im Business-Kostüm die Asche etlicher Toter lieblos auf den Rasen kippen.

Eddie Marsan überzeugt als Mr.May

Der bislang nur aus Nebenrollen bekannte Eddie Marsan zeigt sich als Hauptfigur von Format in diesem Film, der zurecht in Venedig mit dem Regiepreis und in Edinburgh mit dem Preis für den Besten Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde. Sein stilles, ausdrucksstarkes Spiel, sein trockener Humor und seine tiefe Menschlichkeit berühren den Zuschauer. Mit fast trotziger Leidenschaft stürzt sich Mr.May in seine letzten Ermittlungen zum Fall Billy Stoke, die er detektivisch genau führt. Er findet Arbeitskollegen, alte Armykumpel und sogar eine Tochter, von der Billy nichts wusste. Der Film gewinnt bei dieser Expedition in das Leben eines schon fast Vergessenen an Farbe und Tempo, ohne seinen ruhigen, manchmal humorvollen Blick auf die Problematik von Sterben und Tod zu verlieren. Etwa wenn Officer May in der Großbäckerei, wo Billy einst tätig war, Verständnis für die strengen Hygienevorschriften äußert und gefragt, ob er auch im Nahrungssektor sei, antwortet: „Nein, ich arbeite mit Menschen… die nicht mehr backen.“

Sogar eine subtile politische Botschaft kristallisiert sich heraus: Gegen die kaltherzige Exekution betriebswirtschaftlicher Direktiven durch den aalglatten Manager der Londoner Stadtverwaltung gewinnt der tote „Big Billy“ Stoke immer mehr an Format: War er nur ein verkommener Säufer? Ein Raufbold und Berufsversager? Oder verlor er seinen Job, weil er sich für die Kollegen im Betriebsrat einsetzte, ein Arbeiterkämpfer? Beim Wühlen in Billy’s verkorksten Familienleben findet Mr.May am Ende, ohne dass der Film dabei ins Kitschige abgleitet, zarte Anfänge einer Liebe. TV-Zeitschriften werden künftig wohl das Prädikat „Filmjuwel“ für „Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit“ bemühen.  (Publiziert auch auf filmverliebt.de)

BtmBookThomas Barth (Hg.): Bertelsmann – Ein globales Medienimperium macht Politik

Gesellschaftskritik: Hartz-IV-Traumatisierung, Burn-Out und die Verantwortung der psychosozialen Berufe

Mit Beitrag von Barbara Ellwanger

Thomas Barth 

„Arbeitslos unter Hartz IV zu sein bedeutet, dass dies massiv in die Beziehungen selbst eindringt –selbst oder gerade auch in nähere, bedeutsame. Die Zerstörung der verbalen Mitteilungsfähigkeit ist ein zentrales Moment jeglicher Traumatisierung und Missbrauchserfahrung (…) Gesichertes Wissen ist, dass der Verlust der Arbeitsstelle zu den Erfahrungen gehört, die den höchsten Stressfaktor aufweisen. Diese Tatsache wurde nicht nur von den empirischen Sozialwissenschaften aufgezeigt, sondern die relevanten Symptome entsprechen auch den Trauma-Kriterien der modernen Psychotraumatologie.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger 2009, S.156 f.

In die kühle Frühlingsluft des Osterfestes 2012 drang jüngst eine Nachricht ein, die eine ganz andere Art von Kühle signalisierte –eine soziale Eiseskälte. Im Bereich der Hartz-IV-Empfänger, so die lapidare Meldung, sei es zu einem neuen Höchststand von „Absenkungen der Regelsatzzahlungen“ gekommen. Hauptgrund wären „nicht wahrgenommene Einladungen“ der Behörden gewesen. Mit dem „Regelsatz“ ist jene das Existenzminimum markierende Zahlung gemeint, von der Langzeit-Arbeitslose ihr Dasein fristen müssen: Ein Existenzminimum, welches so definiert ist, dass es gerade noch eine dem Recht auf Menschenwürde genügende Teilhabe am Reichtum unseres Landes ermöglicht. Mit deren als Maßnahme zur Disziplinierung üblichen Absenkung wird routinemäßig die soziale Teilhabe unter diese Grenze gedrückt.

Mit „Einladungen“ sind folglich wohl eher Vorladungen gemeint, strafbewehrt mit der Drohung des Verlustes eines letzten Restes an Menschenwürde. Die Schuld für verpasste Termine solcher Vorladungen wird routinemäßig bei den Hartz-IV-Beziehern gesucht, nicht bei der Postzustellung oder der Behörde. Die mit solchen teils drakonischen Einkommenskürzungen bestraften Menschen leben am untersten Rand unserer Gesellschaft, sind oft über Jahre hin ökonomisch ausgeblutet. Sie mussten alle Guthaben und Wertgegenstände ihres Familienbesitzes aufzehren, haben alle Möglichkeiten an Hilfe und Kredit aus Familie und Freundeskreis bis zur Schmerzgrenze ausgereizt.

Doch die öffentlichen Kassen, so heißt es, sind leer, die Ämter müssen sparen. Die Behörden sind angehalten, bei Hartz-IV-Beziehern ständig nach „Missbrauch“ von Leistungen, mangelnder Arbeitsbereitschaft und fehlender Disziplin zu suchen. Barbara Ellwanger kontert diesen Generalverdacht mit dem Vorwurf von Missbrauch der Behörden, begangen an ihren Schutzbefohlenen. Misstrauen und Kontrollsucht haben sich stetig verschärft, wobei sich Praktiken eingeschliffen haben, die an Drangsalierung und Schikane grenzen,

„…jene Praktiken, die erforderlich sind, um selbst noch die Regelsatzzahlung auf Teufel komm raus um weitere 30 oder 60 oder auch 100 Prozent ‚abzusenken‘. Diese Kürzungen gehören inzwischen so sehr zur gängigen Praxis, dass die blanke Willkür dabei immer unverhüllter herrscht und die Überschreitung der gesetzlichen Bestimmungen sanktions- und folgenlose Routine geworden sind.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger ebd.

Die offizielle Begründung, dies sei nötig, weil die Kassen leer seien, ist wenig glaubwürdig. Denn leer sind diese Kassen vor allem aufgrund der neoliberalen Privatisierungen und ungeheurer Steuergeschenke an Unternehmen und Wohlhabende: In den OECD-Ländern steigerten die Unternehmensgewinne seit den 90er-Jahren ihren Anteil an der Nettowertschöpfung von 33 auf 43% der volkswirtschaftlichen Leistung –auf Kosten sinkender Reallöhne. Niemand bestreitet das Vorhandensein ungeheuren Reichtums in unserer Gesellschaft, aber kaum jemand darf öffentlich von ihm reden –und schon gar nicht im Zusammenhang mit leeren Kassen, korrupter Politik und verelendeten Hartz-IV-Beziehern. Die Macht der Arbeitgeber wuchs in den letzten Dekaden, die Gewerkschaften knickten immer wieder ein. Angst vor Armut und Arbeitslosigkeit packte die Menschen, auch und gerade durch das Hartz-IV-Regime. Stramm durchgesetzter Lohnverzicht hier, explodierende Spitzeneinkommen dort, derweil die Einkommensschere immer weiter auseinander klafft und 2-4 Millionen Kinder prekarisierter Leiharbeiter bereits wieder hungrig zur Schule gehen mussten. Alles nur unabwendbares Schicksal im harten Wind des Wettbewerbs der gebetsmühlenartig gepredigten Globalisierung?

Spätestens die Finanz- und Bankenkrise ließ dabei den Verdacht aufkommen, bei einem Teil der kräftigen Umverteilung von unten nach oben ginge es nicht mit rechten Dingen zu. Es war Georg Schramm der unter der Narrenkappe des Kabarettisten als einziger in der Mainstream-Medienlandschaft gelegentlich auf eine ansonsten totgeschwiegene Entwicklung hinwies: Trotz stetig wachsender deutscher Wirtschaftsleistung stiegen seit den 90er-Jahren ausschließlich die Einkommen der obersten 10%, alle anderen stagnierten oder mussten, besonders die unteren 50% schmerzhafte Einschnitte hinnehmen. Diese Reallohnkürzung wurde durchgesetzt obwohl immer höhere Arbeitsleistungen verlangt wurden. Der Arbeitsstress wuchs, die Arbeitsverdichtung wurde gesteigert –auch dank neuer Kontrolltechnologien–, psychische Störungen nahmen zu: Die medial phasenweise beklagte „Volksseuche Burnout“ wird mit dem Verteilungs-Unrecht selten in Verbindung gebracht. Bei den untersten 10%, den Arbeitslosen, höchstens prekär Beschäftigten, sieht es noch schlimmer aus, herrscht wachsendes Elend, Hoffnungslosigkeit, selbst Hunger –spätestens die zehntausendfach verhängten „Absenkungen der Regelsatzzahlungen“ treiben die Behördenopfer in Armenküchen der „Tafeln“.

In der Arbeitswelt traten seit den 90ern vermehrt Management-Berater auf. statt betrieblicher Mitbestimmung („traditionelle Strukturen“) sollten die Beschäftigten nun nach der Ideologie des Neoliberalismus sogenannte „Eigeninitiative und Selbstverantwortung“ üben –verdichtet zur „Eigenverantwortung“. In diesem Sinne hieß es zu den massenhaft Entlassenen: „Selber Schuld“. Arbeitsplatzvernichtung nach dem Rasenmäher-Prinzip, die übrigen sollen eben mehr arbeiten, unbezahlte Überstunden und Lohnverzicht üben, sonst geht ihr Betrieb pleite und sie fallen ins Hartz-IV-Elend. Im Namen der Globalisierung enteignete Schröders rotgrüne „Agenda 2010“ Arbeitnehmer endgültig ihrer Rechte und schuf die schöne neue Arbeitswelt als Drei-Klassen-Gesellschaft: Zwischen den Lohnabhängigen und dem lohndrückenden Reserveheer der Arbeitslosen wurde das Prekariat installiert, die Working-Poor. Waren Psychologen, Sozialarbeiter, Lehrer im Widerstand gegen diese Angriffe auf die arbeitende Bevölkerung wirklich genug engagiert? Wäre entschiedener politischer Widerstand nicht ihre moralische Pflicht gewesen? Hat sich nicht sogar manch einer vor den Karren neoliberal-reaktionärer Kampagnen spannen lassen, der es eigentlich besser hätte wissen können? Etwa der Unterzeichner der dünkelhaft-elitären Pro-Agenda-2010-Kampagne „Auch wir sind das Volk“, Nobelpreisträger und SPD-Barde Grass, der sich gern für Indien und Nahost engagiert, daheim aber das Hartz-IV-Regime stützte.

 „Ein Skandal ist deshalb, dass noch keiner derjenigen Berufsverbände, die im weiteren oder engeren Sinn mit Fragen des psychosozialen Bereichs und der Ethik befasst sind, diesen üblen Grenzüberschreitungen entgegengetreten ist und sich für die fundamentalen Persönlichkeitsrechte schwacher, ja in jedem Fall sich in einer Notlage befindlichen Bürger eingesetzt hat. (…) Darf ein gesellschaftliches Leitbild des ‚nach unten Tretens/nach oben Buckeln‘ weiterhin das Leitbild der einschlägigen Berufsverbände bleiben? Ein Skandal ist auch das anhaltende Schweigen der  Gruppen und Verbände der psychosozialen Kernberufe. Sie können nicht nur die epidemiologischen Folgen der zunehmenden Verarmung erkennen, sondern sind zudem Zeugen einer Verelendung politischer Entscheidungsgrundlagen.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger ebd.

Wie konnte ausgerechnet ein SPD-Kanzler, noch dazu in Koalition mit den Grünen, die Rechte der arbeitenden Bevölkerung derartig mit Füßen treten? Eine mögliche Erklärung liegt in den Medien, insbesondere bei einem Medienkonzern: Bertelsmann, Hauptsitz Gütersloh. Dieser größte europäische Mediengigant genießt bis heute bei politisch engagierten Bürgern einen guten Ruf, bei Medienkonzentration und Bewusstseinsindustrie denkt man immer noch eher an Springer. Mit Bertelsmann werden eher die Buchclubs, Verlage und Zeitschriften (Spiegel, Stern, Geo etc.) identifiziert und weniger sein  Kerngeschäft der schmuddeligen RTL-Senderfamilie. Erst 1998 konnte der Historiker Hersch Fischler in Archiven Beweise sichern, die Bertelsmann als Komplizen der Goebbelsschen Propaganda enttarnten. Dem Konzern gelang es jedoch, eine öffentliche Wahrnehmung seiner NS-Vergangenheit nahezu zu verhindern: Erst über Publikationen in der Schweiz und den USA konnte Fischler seine Reportage wenigstens punktuell in die deutsche Medienwelt bringen. Bertelsmanns Macht reicht weit, auch bis in öffentlich-rechtliche Sendeanstalten hinein, mit deren Top-Management ein munteres Personalkarussell betrieben wird.

Dem Konzern genügte jedoch die Medienmacht nicht, er baute seine Unternehmensstiftung zu einem führenden deutschen Think Tank nach US-Vorbild aus. Heute gibt es kaum ein Politikfeld, auf dem die Bertelsmann-Stiftung –aus Steuergründen inzwischen Haupteignerin des Konzerns– sich nicht einmischt: Durch tendenziöse Studien, mediale Kampagnen, meist aber durch stille Lobbyarbeit hinter den Kulissen. Studiengebühren, Rentenprivatisierung, Sicherheitspolitik und auch der Arbeitsmarkt sind strategische Wirkungsfelder der Gütersloher Lobbyarbeit, die auch Parteien (SPD, Grüne) und Gewerkschaften z.B. mit neoliberalen Bildungskonzepten infiltrierte. Vernetzung mit Parteien und Gewerkschaften erleichterten auch die Politikberatung der Regierung von Gerhard Schröder, den nicht zuletzt Spiegel, Stern und RTL zum „Medienkanzler“ stilisiert hatten.

Ab dem Jahr 2000 lancierte Bertelsmann Studien zur angeblichen Notwendigkeit der Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe (Hartz IV); 2003 beglückte Gütersloh die Politik mit dem Grundkonzept für die Job-Center (Hartz III); die Konzeption der Personal-Service-Agenturen (Hartz I) erarbeitete Bertelsmann gemeinsam mit McKinsey und der Bundesanstalt für Arbeit. Ein mediales Trommelfeuer gegen die bisherige Arbeitsmarktpolitik setzte pünktlich zum Wahlkampf 2002 die Regierung Schröder unter Druck –die damals zum „Vermittlungsskandal“ aufgeblasene statistische Mogelei der Bundesanstalt für Arbeit erscheint heute als Petitesse: Was sind ein paar geschönte Statistiken gegen die Schneise der strukturellen Gewalt und des sozialen Elends, die von den Hartz-Reformen in das untere Drittel unserer Gesellschaft geschlagen wurde?

Hartz IV setzt die gesamte arbeitende Bevölkerung, soweit nicht als unkündbare Beamte vor Arbeitslosigkeit geschützt, unter die Drohung des sozialen Absturzes ins Bodenlose. Haus, Wohnung, Lebensversicherung sind vom Langzeitarbeitslosen aufzuzehren, bevor er eine Art reduzierte Sozialhilfe bekommt, die anstelle der früheren Arbeitslosenhilfe getreten ist. Kritiker sprechen von einer brutalen Enteignung von Arbeitnehmerrechten, Unternehmen freuen sich über billige Leiharbeiter und die Medien jubeln über eine „aktivierende“ Arbeitsmarktpolitik: Mit solch einer Drohkulisse im Nacken lassen sich abhängig Beschäftigte auspressen wie nie zuvor –Burnout und andere psychosoziale Probleme sind die Folge. Nebenbei wird ein Überwachungsregime für die ökonomisch Benachteiligten installiert, das dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung Hohn lacht: Hartz-IV-Behörden schnüffeln heute im Privatleben der Arbeitslosen nicht nur nach Anzeichen für Schwarzarbeit, sondern auch nach versetzbaren Wertgegenständen, möglicherweise unterhaltspflichtig zu machenden Sexualpartnern und selbst nach auf der Straße erbetteltem Kleingeld. Mit der behaupteten Not der staatlichen Kassen oder der Schaffung von Gleichbehandlung hat diese Praxis nichts zu tun. Mit weit geringerem Aufwand wäre bei Steuerhinterziehern sehr viel mehr zu holen und sehr viel mehr Gerechtigkeit zu schaffen, doch das wird von den Ideologen der Steuersenkung nicht gewollt. Es geht um die politische und administrative Durchsetzung von Disziplinierung, ja geradezu menschenverachtender Dehumanisierung.

Weite Teile im unteren Drittel unserer Gesellschaft leben mit steigenden Bedrohungen ihres täglichen Auskommens, ihrer Teilhabe am kulturellen Leben und ihrer Gesundheit, von ihrer Menschenwürde ganz zu schweigen. Wir müssen befürchten, dass die Reichtumssteigerung künftig immer unverschämter unter Aufbietung aller denkbaren legalen, korruptiven und kriminellen Mittel betrieben wird. Die dabei zu verzeichnende Verstrickung von korrumpierten Medien mit einer Politik, die sich willig von Lobbyisten zu Vollstreckern dunkler Interessen machen lässt, verdient es durchaus, unter dem Aspekt der Makrokriminalität unter die Lupe genommen zu werden. Wo politische Korruption und Wirtschaftskriminalität wie Zahnräder eines gut geschmierten Mechanismus ineinandergreifen, da entstehen Gesetze, die nur noch formal demokratisch zustande gekommen sind. Aus diesen Gesetzen von Lobby- oder Schmiergelds Gnaden entwickelt sich ein Staat, der zwar keine Kriegsverbrechen und Völkermorde, wohl aber Wirtschaftskriminalität großen Stils legitimiert und dessen Regime mit dem Begriff Makro-Korruption treffend beschrieben sein mag.

Makrokriminalität setzt voraus, dass im staatlich installierten Unrechtsregime moralische Bedenken der Täter „neutralisiert“ werden. Eine der Neutralisierungstechniken, die Jäger untersuchte, lag in der Dehumanisierung der Opfer durch Abwertung, Stigmatisierung und Entmenschlichung.  Wie können wohl die Verlierer der neoliberalen Umverteilungspolitik, die Outsourcing-Opfer, tarifvertragslose Working Poor, Arbeitslose, Ein-Euro-Jobber, angesichts ihrer schrumpfenden finanziellen und Handlungsspielräume das ständige Reden in den Medien von mehr Eigeninitiative und Selbstverantwortung verstehen: Nur als Abwertung und Stigmatisierung oder schon als Entmenschlichung? Und sind Psychologen und Psychologinnen gegen ein Mitläufertum bei dieser Dehumanisierung resistenter als andere? Einfach und bequemer ist es allemal, sich als „nicht zuständig“ ins Private abzuwenden oder sogar die Medienparolen nachzuplappern.

 „Diese ganze Verrücktheit aushalten zu müssen, sich gegen sie psychisch zu organisieren, ist für ALG II-Bezieher –zusammen mit dem täglichen Leben unterm Existenzminimum, der hoffnungslosen Zukunftsaussicht, der sozialen Isolation und Stigmatisierung– ein weiteres traumatisierendes Erleben. Zeuge zu sein, wie sich beim Thema Hartz IV reihenweise diejenigen in Marie Antoinettes verwandeln (‚Wenn ihr kein Brot habt, dann esst doch Kuchen!‘), von deren hinreichender Vernunft und durchdachtem politischen Handeln man abhängig wäre, ist sicher nicht nur für die unmittelbar Betroffenen schockierend.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger ebd.

Im Gegensatz zu Steuerhinterziehern, zweifelhaften Lobbyisten undBtmBook korrupten Entscheidungsträgern brauchen die medial gehetzten „Sozialbetrüger“ nicht lange auf ihre Kriminalisierung zu warten. Die Behörden sind eigentlich für die Wahrung der Menschenwürde ihrer zu „Kunden“ geadelten Hartz-IV-Bezieher verantwortlich. Doch wird ihren Mitarbeitern im Rahmen rigoroser Sparprogramme als oberstes Ziel die Eindämmung angeblich überhand nehmenden „Missbrauchs“ von Sozialleistungen eingehämmert. Auf RTL & Co. zeigt Bertelsmann täglich die pöbelnden Proleten, die ihre Kinder verwahrlosen lassen, ihr Geld für Bier und dicke Plasma-Fernseher verplempern und so dumm sind, wie die Machteliten das Volk gerne hätten. Die Botschaft: Ein solches Pack darf man ruhigen Gewissens nach Strich und Faden ausbeuten –mit diesem Stereotyp im Kopf mag sich der sensible Nobelpreis-Literat Grass lieber indischen Kindern und drangsalierten Palästinensern zugewandt haben, was ehrenwert ist, aber sein Mitlaufen bei Bertelsmann-Kampagnen für Hartz-IV nicht rechtfertigen kann. Warum fanden sich allzu lange für solche Propaganda-Sendungen auch noch Psychologen und Psychologinnen, die der Hetze ihren Segen als Experten gaben? Diese Fragen sollten sich auch LeserInnen der ehemals kritischen Fachzeitschrift „Psychologie und Gesellschaftskritik“ stellen, die in den letzten Jahren jedoch echte Gesellschaftskritik zu meiden scheint.

(April 2012, eingereicht bei  Psychologie & Gesellschaftskritik abgelehnt Mai, überarbeitet und erneut eingereicht Juni 2012, erneut endgültig abgelehnt Juli 2012)

Zerstörerischer Staudamm: Belo Monte am Rio Xingu

Thomas Barth

Brasilien bleibt auch unter der Präsidentin Dilma Rousseff bei einem problematischen Großprojekt: Das Wasserkraftwerk Belo Monte ist das drittgrößte weltweit – nach dem Drei-Schluchten-Staudamm in China und dem binationalen Itaipu-Werk an der Grenze Brasiliens zu Paraguay.  Der Dokumentarfilm „Count-Down am Xingu II“ zeigt den Abwehrkampf gegen ein nur Wirtschaftsinteressen dienendes Bauprojekt. Keßler bereiste dafür Brasilien und führte zahlreiche Interviews, dokumentiert in eindringlichen Bildern Naturzerstörung und Widerstand.

Am Rio Xingu (sprich: Tschingu), einem großen Nebenfluss des Amazonas, wird seit den 1980ern, der Zeit der Militärdiktatur, gegen eine Kultur- und Naturvernichtung gigantischen Ausmaßes gekämpft. In Gefahr sind einzigartige indigene Völker (bis zu 50.000 Menschen) und ein unvergleichliches Biotop, denn Amazonien beherbergt bis zu einem Drittel der Tier- und Pflanzenarten weltweit.

Brasilien verfolgt weiter die Strategie, den massiven Ausbau der Wasserkraft zu einem Motor der Industrialisierung zu machen. Doch Kritiker weisen darauf hin, dass die Menschenrechte der Indigenen verletzt werden, dass womöglich ein Ethnozid durch Krankheiten und Abschiebung in Slums droht, dass Naturschätze unwiederbringlich vernichtet werden.

Im letzten Jahr konnten Kläger das Bauprojekt trotz Genehmigung durch die brasilianische Umweltbehörde stoppen, doch nur für drei Monate. Bundesrichter Carlos Eduardo Castro Martins sah keine juristischen Gründe, die Arbeiten am drittgrößten Wasserkraftwerk der Welt im Bundesstaat Para weiter zu verzögern. Blockaden der “Transamazonica”-Überlandstraße wurden von der Polizei geräumt – trotz anhaltender Proteste auch von prominenten Künstlern wie Regisseur James Cameron, Rocksänger Sting und Alien-Jägerin Sigourney Weaver.

Countdown am Xingu

Der Dokumentarfilm von Martin Keßler „Count-Down am Xingu II“ (61 min) dokumentiert in eindringlichen Bildern Naturzerstörung und Widerstand. Die Kamera geht nahe an die Menschen heran, fängt ihre Emotionen ein, zeigt die indigene Kultur der Arara, einem Fischervolk am Xingu, ohne sich in farbiger Folklore zu ergehen. Vielmehr beherrschen Bilder vom Widerstand den Film: Demonstrationen, Aktionen gegen die Bulldozer des Energiekonsortiums, politische Debatten. Keßler bereiste Brasilien und führte zahlreiche Interviews, um in Europa auf die scheinbar gute Sache Wasserkraft, die aber hier zerstörerisch auf Mensch und Natur wirkt, hinzuweisen.

Zu Wort kommt im Film vor allem der Bischof von Altamira, Dom Erwin Kräutler. Er leistet vor Ort Widerstand und erhielt 2009 den alternativen Nobelpreis für seinen Einsatz im Dienste der Indigenen und der Natur Brasilien. Kräutler hält derzeit Vorträge in seiner Heimat Vorarlberg (Österreich) und beklagt im Film die Wortbrüchigkeit der Betreiberfirma Norte Energia beziehungsweise des Konzerns Eletronorte/Eletrobras. Die Wirtschaftsbosse beschweren sich ihrerseits über die Aggressivität der Indigenen. Gleichzeitig weisen sie auf ihren Respekt für indigene Gemeinschaften hin.

Bischof Kräutler hält dagegen, dass es Norte Energia gelungen sei, die Opfer der Umsiedlungen zu entzweien, indem einige mit (relativ bescheidenen) Abfindungen und fragwürdigen Versprechungen geködert wurden. Regierung und Konzerne verschanzten sich hinter einer Mauer des Schweigens und der Desinformation.

Menschenrechte vs. “full aluminium body”

Kräutlers Einsatz ist es vermutlich zu verdanken, dass der europäische Widerstand gegen Belo Monte bislang hauptsächlich in Österreich stattfindet. Aber das soll sich nun ändern. Denn es sind auch maßgeblich Firmen aus Deutschland mit ihren Interessen vertreten: Siemens, Voith Hydro und Mercedes werden im Dokumentarfilm genannt.

Die Lügen der Regierung werden angeklagt, das Kraftwerk wäre nötig für Elektrizität, die das brasilianische Volk dringend brauche – in Wahrheit würde mit dem billigen Strom Aluminium hergestellt. Ein Werbespot von Mercedes verdeutlicht, worum es wirklich gehen könnte: Schnellere Luxuskarossen dank „full aluminium body“. Die Aussage ist klar: Menschenrechte und Naturschätze stehen hier gegen den Komfort von ein paar Privilegierten.

Vom Krieg der Wirtschaft

In Keßlers Doku kommen viele Aktivisten und Indigene zu Wort, die sich nicht mit Abfindungen begnügen wollen, wie die junge Sheila Juruna Machado, die vor allem ihrer Enttäuschung über die Justiz Luft macht. Sie glaube nicht mehr an die Gerechtigkeit in Brasilien. Im Interview mit dem etwas betreten wirkenden Staatsanwalt von Altamira, Claudio Terrdo Anaral, wird die einseitige Rechtsprechung deutlich.

Auch Bischof Kräutler beklagt Gefälligkeitsurteile zugunsten der Wirtschaftsinteressen, Prozessverschleppung und Rechtsbeugung zur zügigen Fortführung des Bauprojekts. Gezeigt werden Bäuerinnen, Fischer, Bootsbauer, Dorfbewohner vor der Kulisse ihrer zerstörten Häuser. Dem Argument, es würden bei diesen gewaltigen Erdarbeiten, die jene beim Bau des Panamakanals übersteigen, 100.000 Arbeitsplätze geschaffen, begegnet der Film mit der Dokumentation schlechter Arbeitsbedingungen.

Unter dem Strich handelt es sich um ein von der Regierung in Brasilien geduldetes und gefördertes Wirtschaftsverbrechen. Der auch vom Verein „Business Crime Control“ (einer nicht-unternehmensnahen Alternative zu „Transparency International“) geförderte Film schließt mit dem Statement, der Filmemacher fühle sich im Nachhinein wie ein Kriegsberichterstatter – eines Krieges der Wirtschaft gegen die Umwelt und die Menschen.

Theaterkritik: Jean Genet „Zofen“

Genets „Zofen“ als Analyse der Dienstleistungsgesellschaft

Viele Offiziere der Bundeswehr glauben, dass der Kaffeeautomat ihrer Kaserne nur schäumende Getränke zu liefern vermag, und nur wenigen wird je bewusst, dass dieses Phänomen keine technische, sondern eine soziologische Ursache hat: Das beim „Spieß“ beliebte Demütigungsritual, die Rekruten Kaffeeholen zu schicken, wird von diesen gern mit der unerwünschten Absonderung von Speichel vergolten. Wir sollen wieder Dienen lernen, sagen uns die Apostel der Dienstleistungsgesellschaft.

Aber ist solch eine soziale Regression noch möglich? Galten vor der Großen Revolution von 1789 Domestiken generell als verächtliche Gestalten, so mischen sich seither Zweifel in die Überlegenheitsgefühle der Herrschaften. Weniger die Moral der Menschenrechtserklärung als die Angst vor der Guillotine haben die Beziehung zwischen Herr und Knecht verändert. Jean Genet versteht es in seinem Stück Die Zofen von 1947, die Unterdrückung aus der Sicht der Geknechteten darzustellen. Genet, der „Komödiant und Märtyrer“, so sein Freund Sartre, kannte deren Leiden aus eigener Erfahrung als Waisenkind, Homosexueller (damals noch gesetzlich unter Strafe gestellt), Häftling und Fremdenlegionär.

Die Zofen leben in einer Welt der Träume von Flucht und Glück, aber auch vom Rollentausch mit ihrer Herrin. Die Inszenierung des deutsch-brasilianischen Teatro Imediato im Monsun-Theater bringt im heißen Juli des Jahres 2000 ein weiteres Element hinzu: Den Karneval – und das so gelungen, dass sich der Zuschauer geradewegs nach Rio versetzt fühlt. Die Funktion des Karnevals als Katharsis der kleinen Leute wird in die Mordpläne der Zofen hineingewoben. Das komödiantisch-fröhliche Zofenduo (Silke Mühlenstedt und Cecilia Amado) zeigt feinfühlig die Verwerfungen ihrer Beziehung unter dem Druck der Knechtschaft. Die Intensität ihrer Freundschaft überstrahlt jedoch zuweilen das lauernde Böse im Blick der unterwürfigen Domestiken.

Christian Bruhn in der Rolle der Gnädigen Frau gibt eher eine finstere Gestalt aus dem Universum Genets. Achtlos benutzt die Herrin ihre Zofen als Möbelstücke und gibt sich ihrer falschen Zuneigung hin. Voller Selbstmitleid sieht sie sich als Wohltäterin, deren Güte im Überlassen abgelegter Kleider gipfelt. Ohne die Heuchelei der Dienerinnen wirklich zu durchschauen, scheint jedoch Misstrauen in ihr aufzuflackern, Paranoia, die sie schlafwandlerisch den Mordan-schlägen der beiden Zofen entgehen lässt.

Neben Samba, Mord und Erleuchtung zeigt das Stück also auch Einsamkeit, Ausbeutung und Widerstand und versucht sich so an einer Analyse der künftigen Dienstleistungsgesellschaft.

Thomas Barth

weitere Vorstellungen: 13. bis 16. Juli sowie 18., 19., 20., 24., 26. und 27. August 2000, jeweils 20 Uhr, Monsuntheater, Friedesnsallee 20.

Kurzfassung erschienen in der tageszeitung (taz) 10.7.2000 unter dem Titel: Samba, Mord und Erleuchtung

http://www.taz.de/!1223837/

Das Stück musste am 19.Juli 2000 vorzeitig abgesetzt werden wegen urheberrechtlicher Forderungen der Genet-Erbengemeinschaft, die das Budget des Monsum-Theaters weit überstiegen.

Über Jean Genet: Biographie und Werk

Jean Genet * 19. Dezember 1910 in Paris; † 15. April 1986 in Paris war ein französischer Romanautor, Dramatiker und Dichter. Genet hebt sich vor allem durch seine bildhafte Sprache hervor. In seinen autobiografisch gefärbten Werken tauchen hauptsächlich Zuhälter, Diebe und andere Randexistenzen ihrer Zeit auf.

Obwohl sich Persönlichkeiten wie Albert Camus wiederholt für das Werk Genets einsetzten, durfte der homosexuelle Autor selbst (wegen seiner  sexuellen Abweichungen) nicht in die USA einreisen, geriet in das Visier der deutschen Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien und unterlag mit einigen seiner Werke in Frankreich lange aufgrund ihres pornografischen Charakters mehreren Verboten. Dennoch wurde 1985 sein Werk Le balcon in das Repertoire der Académie française aufgenommen.

Genet trat 1929 in den Militärdienst ein, aus dem er jedoch desertierte. Wegen verschiedener Delikte wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt; 1948 erwirkten mehrere Schriftsteller, darunter Sartre und Cocteau, seine Begnadigung. Diese Erlebnisse wirkten sich direkt auf das Werk aus. Die Werke Genets werden neben homosexuellen auch stark von sadomasochistischen Motiven und moralischen Um-Wertungen geprägt. Seine Theater-Vorstellungen waren ihrer Zeit voraus und wurden von Rainer Werner Fassbinder auch im Film aufgegriffen.

Genet wurde 1910 in Paris geboren. Seine Mutter war Camille Gabrielle Genet (1888–1919), der Vater unbekannt. Als Genet etwa ein halbes Jahr alt war, gab seine Mutter ihn bei der öffentlichen Fürsorge ab. Bereits am nächsten Tag wurde Genet dem Ehepaar Eugénie und Charles Regnier aus Alligny-en-Morvan als Pflegekind übergeben. In diesem Dorf wurde er im Herbst 1916 eingeschult. Nach eigenen Angaben begann er mit zehn Jahren seine Pflegeeltern zu bestehlen. Zu diesem Zeitpunkt wurde ihm auch seine Homosexualität klar. Genets Pflegemutter starb 1922. Als neue Pflegemutter wurde ihre Tochter Berthe berufen. 1923 beendet er die Schulausbildung. Er war der beste Schüler seiner Gemeinde und zählte zu der Minderheit der Fürsorgekinder, die überhaupt einen Schulabschluss vorweisen können.

Am 17. Oktober 1924 kehrte Jean Genet nach Paris zurück. Er begann eine Lehre zum Drucker im Ausbildungszentrum der öffentlichen Fürsorge. Doch bereits zwei Wochen später, die er zudem größtenteils auf der Krankenstation verbracht hatte, flüchtete er. Sieben Tage danach wurde er in Nizza aufgegriffen. Er verlor seine Lehrstelle. Von April bis Oktober des Folgejahres war er bei einem Pariser Ehepaar untergebracht. Es endete damit, dass er ihm anvertrautes Geld unterschlug und ausgab. Es folgten psychiatrische Untersuchungen und diverse Unterbringungen in öffentlichen Einrichtungen. Nach mehreren weiteren Fluchtversuchen landete er im Gefängnis La Petite-Roquette.

Im Juni 1926 wurde ihm eine Stelle als Landarbeiter in Abbeville zugewiesen. Einen Monat hielt er es dort aus. Seine Flucht endete in Meaux und er wurde dort der Landstreicherei angeklagt und verurteilt. Es kam zu einem weiteren Prozess vor dem Kinder- und Jugendgericht, in dem er freigesprochen wurde. Anschließend wurde er in die Besserungskolonie Mettray gebracht. Am 3. Dezember 1927 flüchtete er von dort, jedoch fasste ihn die Polizei zwei Tage später, und er kam vorläufig in das Gefängnis von Orléans, bis er nach Mettray zurückgebracht wurde.

Um den inhumanen Zuständen in Mettray zu entkommen, meldete er sich freiwillig zum Militär. Er kam am 3. März 1929 nach Montpellier und am 1. Mai 1929 nach Avignon in das 7. Pionierregiment. Er stieg zum Obergefreiten auf und bat um Versetzung ins Ausland. Am 28. Januar 1930 verließ er Frankreich per Schiff von Marseille aus in Richtung Levante und erreichte sieben Tage später Beirut. Von dort aus ging es weiter zu seiner neuen Einheit nach Damaskus. Er blieb dort bis Ende Dezember. Anschließend kam er zurück nach Avignon.

Seine erste Militärzeit endete am 1. Januar 1931. Fünfeinhalb Monate danach trat er erneut der Armee bei, diesmal kam er in das 7e RTM (7e régiment de tirailleurs marocains = 7. Marokkanisches Schützenregiment). Er blieb bis zum 7. Februar 1933 in Marokko und beendete seine zweite Dienstzeit am 15. Juni in Toul. Nach einer Fußreise bis nach Barcelona, wo er mehrere Monate blieb, und seiner Rückkehr nach Frankreich schrieb er sich am 24. April 1934 erneut bei der Armee ein. Er blieb in Frankreich beim 22e régiment de tirailleurs algériens in Toul. Im Oktober 1935 verlängerte er seine Dienstzeit um weitere vier Jahre. Er kam nach Aix-en-Provence in das RICM (Régiment d’Infanterie Coloniale du Maroc = Koloniales Infanterieregiment von Marokko). Doch bevor er nach Marokko versetzt wurde, desertierte er am 18. Juni 1936.

Von Juli 1936 bis Juli 1937 war Jean Genet als Deserteur auf der Flucht. Er durchwanderte dabei viele europäische Länder und legte angeblich 8.500 km zurück. Er kam nach Italien, Albanien, Jugoslawien, Österreich, Tschechoslowakei, Polen, Deutschland, Belgien und schließlich nach Paris. Immer wieder wurde er verhaftet, für ein paar Tage oder Wochen inhaftiert, und in das nächste Land abgeschoben.  Er blieb auch ein paar Tage in Berlin und lebte dort, wie so oft während dieser Reise, von der Prostitution. In Berlin traf er Wilhelm Leuschner, der später wegen angeblicher Beteiligung am Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler erhängt wurde. Lily Pringsheim schreibt später: „Es ist ein ewiger Jammer, dass Genet nicht dazu ausersehen war, Hitler zu ermorden. Als unbekannter Vagabund und Bettler, der politisch unverdächtig und Ausländer ist, hätte es ihm gelingen können.“

Zurück in Paris begann die Serie der Festnahmen von Jean Genet:

  • 16. September 1937: Erste Verhaftung. Er wurde zu einem Monat Gefängnis wegen Diebstahls verurteilt, allerdings unter dem Namen „Genest“, gegen den noch nichts vorlag und so wurde die Strafe ausgesetzt.
  • 21. September 1937: Identifikation als Deserteur. Überstellung in das Santé-Gefängnis. Ende November wurde das Urteil wegen Diebstahls, Passfälschung und unerlaubten Waffenbesitzes gesprochen: fünf Monate Haft.
  • 13. Januar 1938: Überstellung in das Militärgefängnis von Marseille. Bis zur Verurteilung wegen Desertion vergingen weitere vier Monate. Das Urteil lautete zwei Monate. Allerdings wurde die bisherige Haftzeit angerechnet, so dass er sofort freigelassen wurde.
  • 14. Oktober 1938: Vierte Verhaftung, erneut wegen Diebstahls. Seine Freilassung fiel auf den 17. Januar 1939 und er kehrte nach Paris zurück.
  • 7. Mai 1939: Festnahme in Auxerre wegen Landstreicherei. Er bekam einen Monat Haftaufenthalt.
  • 16. Juni 1939: Tag der Entlassung und erneute Verhaftung. Nochmals Anklage wegen Landstreicherei, zudem konnte er seine anthropometrischen Ausweispapiere nicht vorweisen. Der erste Anklagepunkt wurde fallen gelassen, der zweite führte zu zwei Wochen Haft.
  • 16. Oktober 1939: Zwei Monate wegen Diebstahls.
  • 31. Dezember 1939: Er begann das Jahr 1940 im Verlies, und das Schreiben einer verspäteten Weihnachtskarte bezeichnete er als Auslöser für seine Schriftstellerei.
  • 23. April 1940: Achte Verurteilung (hier gibt es Widersprüche in den Quellen). Genet ging in Berufung und aus zehn Monaten wurden knappe zwei.
  • 3. Dezember 1940: Neunte Haftstrafe, bis zum 4. März 1941.
  • 9. Dezember 1941: Zehnter Gefängnisaufenthalt, bis zum 10. März 1942.
  • 14. April 1942: Paris von den deutschen Truppen besetzt, Jean Genet wurde wegen Bücherdiebstahls bis zum 15. Oktober 1942 inhaftiert.

Die erste Veröffentlichung war das auf eigene Kosten gedruckte Gedicht „Der zum Tode Verurteilte“. Es erschien im September 1942 in einer Auflage von ca. 100 Stück und wurde größtenteils an Freunde und Bekannte verschenkt. Ein Exemplar fand den Weg zu dem berühmten Schriftsteller Jean Cocteau, der sich begeistert äußert („Dies lange Gedicht ist wundervoll“ [Jean Cocteau: Journal 1942–1945]). Das Gedicht handelt von Maurice Pilorge, der zwanzigjährig als Mörder hingerichtet wurde.

Wie dieses Gedicht entstand zwischen 1941 und 1942 im Gefängnis sein erster Roman „Notre-Dame-des-Fleurs“. Am 16. Februar 1943 las er daraus Cocteau vor, zu dessen Protegé er nun allmählich wurde. Cocteau reichte das Manuskript herum. Es war so freizügig homosexuell, dass u. a. Paul Valéry von einer Veröffentlichung abriet. Zu Kriegszeiten war Papier knapp, und so kam das Werk erst 1944 in den freien Verkauf. Doch Genets Bekanntheitsgrad stieg bereits 1943 schlagartig, obwohl die meisten aus dem künstlerischen Paris nichts von ihm gelesen hatten.

Trotz seiner steigenden Anerkennung versuchte er sich weiter als Dieb und wurde am 29. Mai 1943 erneut verhaftet. Diesmal stand er nicht allein vor dem Richter, denn Cocteau besorgte ihm sofort einen Anwalt. Es wurde ein psychologisches Gutachten erstellt, das als Ergebnis feststellte: „Genet dürfte als jemand bezeichnet werden, der zu jener Menschenkategorie gehört, denen moralische Verantwortlichkeit leicht vermindert ist.“ Ihm drohte aufgrund seiner vorigen Verurteilungen lebenslange Haft, aber der Richter blieb bei seinem Strafmaß genau einen Tag unterhalb dieser Grenze. Somit wurde er am 30. August 1943 wieder entlassen.

Drama „Die Zofen

Noch immer war „Notre-Dame-des-Fleurs“ nicht erschienen, die letzten Korrekturen und Fragen wurden geklärt. Doch Genet erhielt bereits einen Vorschuss auf seinen zweiten Roman „Wunder der Rose“. Zudem war das Theaterstück „Unter Aufsicht“ fast fertig und das Drama „Die Zofen“ in der Planungsphase. Dennoch wurde er am 24. September 1943 wiederum wegen Buchdiebstahls verhaftet. Anfang November erging das Urteil: vier Monate Gefängnis. Ein Gesetz über eine „administrative Internierung“ ließ es zu, dass Genet für unbestimmte Zeit ins Pariser Gefängnis Tourelles kam. Er äußerte in Briefen sogar öfters die Sorge, dass er in ein Konzentrationslager verlegt werden soll. Während seiner Haft litt er immer wieder Hunger und ließ sich durch seine Freunde und seinen Verleger Lebensmittelpakete bringen. Am 15. März 1944 kam er frei, nachdem sich die verschiedensten Persönlichkeiten für ihn eingesetzt hatten. Kurz danach erschien ein Auszug von „Notre-Dame-des-Fleurs“ in einer Literaturzeitschrift, zusammen mit „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre. Von 1944 bis 1947 war Genets juristischer Status sehr unsicher. Es waren noch zwei Jahre Haft anhängig, die vollstreckt worden wären, wenn er erneut straffällig geworden wäre. Somit lebte er in der Gefahr, erneut eingesperrt zu werden.

Jean Genet fand nach der Entlassung aus dem Gefängnis immer mehr Aufnahme in den künstlerischen Kreisen von Paris. Anfangs verkehrte er viel in der Gesellschaft um Jean Cocteau, dort lernte er u. a. Boris Kochno, Christian Bérard (der später das Bühnenbild für „Die Zofen“ entwarf) und den Schauspieler Jean Marais kennen. Dann orientierte er sich zunehmend zu der Szene in Saint-Germain-des-Prés. Hier traf er auf Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Roger Blin, Alberto Giacometti, Pablo Picasso, Dora Maar und Jacques Prévert.

1945 schritt die Arbeit an „Querelle“ voran, lediglich der Arbeitstitel änderte sich häufig: „Tonnerre des Brest“, „Les mystères de Brest“, „Querelle d’Égypte“. Zeitgleich schrieb er an „Das Totenfest“. Er verliebte sich in den 18-jährigen Lucien Sénémaud; eine platonische Liebe, da Lucien heterosexuell war. Im März 1946 erschien „Wunder der Rose“ im Verlag seines Freundes Marc Barbezat in einer Auflage von 475 Exemplaren. Ein Jahr später wurde „Das Totenfest“ veröffentlicht, diesmal im renommierten Verlag Gallimard, allerdings ohne Verlagsnennung. Genet war ein angesehener Autor geworden. So äußerte sich Sartre: „Wir haben derzeit in Frankreich ein absolutes literarisches Genie: es heißt Jean Genet, und sein Stil, das ist der von Descartes.“ In Amerika erschien in einer Zeitschrift die englische Übersetzung von „Ein Liebesgesang“, später zwei Auszüge von „Das Totenfest“. Louis Jouvet inszenierte in Paris als Vorspiel zu Giraudoux’ „Der Apollo von Belac“ Genets „Die Zofen“. Das Stück wurde von der Presse größtenteils negativ besprochen, dennoch kam es auf 92 Vorstellungen. In Das Totenfest lobte Genet das SS-Massaker von Oradour (Auslöschung der gesamten Bevölkerung des Ortes Oradour-sur-Glane) als Poesie.

Im Juli 1947 erhielt Genet den „Prix de la Pléiade“ vom Gallimard-Verlag für „Die Zofen“ und „Unter Aufsicht“ (lediglich Albert Camus und Jacques Lemarchand stimmten dagegen). Camus war es auch, der 1948 das Gesuch an den französischen Staatspräsidenten, Genet endgültig aus dem Strafregister zu entlassen, nicht unterschrieb. Im darauffolgenden Jahr wurde das Ballett „Adame Miroir“ uraufgeführt. Die Musik dazu schrieb Darius Milhaud, das Bühnenbild stammte von Paul Delvaux, die Kostüme von Leonor Fini und für die Choreographie zeichnete Janine Charrat verantwortlich. Es wurde ein Erfolg. Doch schon bald senkte sich ein Schatten auf Genet: Noch immer drohte eine lebenslange Haftstrafe, wenn es zu einer weiteren Anklage und Verurteilung käme. Um dies zu verhindern, schrieben Sartre und Cocteau einen offenen Brief an den damaligen Präsidenten Vincent Auriol. Der Brief datierte vom 15. Juli 1948. Im Jahr 1949 wurde Genet begnadigt. Die Literaturagentin Monique Lange stellte den Kontakt zu dem spanischen Autor Juan Goytisolo her, der ihn als seinen geistigen Vater und moralischen Leitfaden verstand. Beide teilen sich die Aussicht auf den atlantischen Ozean auf dem Friedhof in Larache (Marokko).

1948 endete die erste kreative Phase. Jean Genet hatte in wenigen Jahren sein Hauptwerk geschrieben, das bereits 1949 als „Sämtliche Werke“ in einer Neuausgabe erschien. Am 26. Februar gab es die Premiere von „Unter Aufsicht“, es folgte 1950 der Film „Un chant d’amour“ (dt.: Ein Liebeslied, Kamera: Jacques Nattau), der aufgrund seiner pornographischen Darstellungen nicht öffentlich gezeigt werden konnte. Erst 1964 gab es die erste öffentliche Aufführung in New York, woraufhin der Veranstalter Jonas Mekas von der Polizei zusammengeschlagen und inhaftiert wurde. Im Verlauf der Jahre wurde der Film zunehmend als Meisterwerk gepriesen, während Genet ihn hasste und verurteilte. Es folgte das Drehbuch für den Film „Mademoiselle“, der in der Umsetzung von Tony Richardson völlig misslang. Doch der stürmische Schreibdrang war vorbei. Immer wieder berichtete er Cocteau, er habe seine aktuellen Werke verbrannt oder anders vernichtet. Zunehmende Depressionen und eine unglückliche Liebschaft ergaben mehrere Selbstmordversuche. Im Jahr 1952 erschien Sartres „Saint Genet, Komödiant und Märtyrer“, eine Psychoanalyse mit Schwerpunkt auf Genets Werk.

Zwischen 1955 und 1957 schuf Genet seine drei abendfüllenden Theaterstücke: „Der Balkon“, „Die Neger“ und „Die Wände“. Zu der Zeit lernte er den Bildhauer Alberto Giacometti kennen und bald verband eine tiefe Freundschaft diese Künstler. Giacometti schuf vier Zeichnungen und drei Gemälde von Genet, der wiederum einen vielgelobten Essay über ihn schrieb, „L’Atelier d’Alberto Giacometti“, aus dem Jahr 1957. Sie diskutierten stundenlang und beide ließen sich davon in ihrem Werk inspirieren. Im Januar 1956 wurde Genet zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Anlass waren Illustrationen zu „Die Galeere“ (von Leonor Fini) und zu „Querelle“ (von Jean Cocteau). Laut Gericht waren diese Abbildungen ein Verstoß gegen die guten Sitten.

„Der Balkon“ wurde 1957 in London unter Peter Zadek uraufgeführt. Genet sprach sich während einer Probe so deutlich gegen die Inszenierung aus, dass er Theaterverbot bekam. In Frankreich konnte das Stück erst 1960 aufgeführt werden.

„Die Neger“ entstand als eine Auftragsarbeit des Regisseurs Raymond Rouleau, der sich ein Stück für ein rein schwarzes Ensemble wünschte. Doch Rouleau und Genet scheiterten an der Inszenierung, und die Uraufführung am 28. Oktober 1959 war eine Regiearbeit von Roger Blin, der den Text gemeinsam mit Genet überarbeitet hatte. Das Stück erhielt im gleichen Jahr den „Grand Prix de la Critique“.

Ende 1955 begann Genets Beziehung mit dem damals 18-jährigen Artisten Abdallah Bentaga. Gemeinsam reisten sie viele Jahre durch Europa, zum einen, weil Abdallah aus der französischen Armee desertiert war, zum anderen, um seine Ausbildung zum Hochseilartisten voranzutreiben und nach Zirkusengagements zu suchen.

Genet arbeitete währenddessen an „Die Wände“ und plante ein umfangreiches Werk mit dem Arbeitstitel „La Mort“ („Der Tod“). Es sollte aus dem Roman „La Mort I“ und einem Zyklus von sieben Theaterstücken (u. a. „Die Wände“, „Le Bagne“ [„Die Strafkolonie“ nach dem gleichnamigen Drehbuch], „La Fée“) bestehen. Doch es blieb nur bei dem Plan. Seine zweite Schaffensphase ging zu Ende. Zwar schrieb er weiterhin Nacht für Nacht, doch mehr an Änderungen seiner Stücke und am Schluss von „Die Wände“, als an neuen Sachen.

Die Uraufführung von „Die Wände“ gab es in gekürzter Fassung 1961 in Berlin. Im gleichen Jahr entfernte sich Genet immer mehr von Abdallah Bentaga. Bentaga war nach mehreren Stürzen nicht mehr in der Lage, als Artist zu arbeiten und auf finanzielle Hilfe von Genet angewiesen. Doch dieser ließ ihn allein, und am 27. Februar 1964 beging Abdallah Selbstmord. Diese Tat erschütterte Genet so sehr, dass er keine zwei Monate später das Gelübde ablegte, nie mehr zu schreiben. Seine Depressionen wurden immer stärker, und im Mai 1967 unternahm er in Italien einen Selbstmordversuch mit einer Überdosis des Schlafmittels Nembutal.

Obgleich Genet nicht mehr schrieb, stieg sein Stern unaufhörlich. Seine Bücher verkauften sich in den USA und England sehr gut, es erschien sogar eine Taschenbuchausgabe, für die Genet einen hohen Vorschuss erhielt. In Frankreich erreichte er einen Kultstatus und immer mehr international renommierte Bühnen spielten seine Stücke – außer „Die Neger“, da hier Genet nicht von der Vorgabe abrückte, das Stück ausschließlich mit Schwarzen zu besetzen.

Jean-Marie Le Pen protestierte gegen Jean Genet

„Die Wände“ wurde erstmals 1966 in Frankreich unter der Regie von Roger Blin aufgeführt. Das Stück ist eine verklausulierte Kritik am Algerienkrieg Frankreichs und sein politischstes Werk. Bis 1983 untersagte Genet eine Neuinszenierung. Ungekürzt hat es eine Spieldauer von etwa fünf Stunden und beinhaltet 96 handelnde Rollen zuzüglich Statisten. In der Konzeption wollte Genet, dass jeder Darsteller fünf oder sechs Personen spielt. Bei der französischen Erstinszenierung arbeitete er sehr eng mit Blin zusammen. Aus seinen Anmerkungen, Notizen etc. entstand später die Sammlung „Briefe an Roger Blin“. Das Stück rief schnell den Unmut der rechtsgerichteten Kreise hervor, die damals gegen den Abzug aus Algerien waren. Es kam wiederholt zu Unterbrechungen, sogar zu Schlägereien und Bühnenbesetzungen während der Aufführungen. Vor dem Theatereingang fand sich allabendlich eine Gruppe ein, die versuchten den Zugang zu blockieren. Einer ihrer Anführer war der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen. Selbst die französische Nationalversammlung beschäftigte sich damit und der damalige Kultusminister André Malraux musste einige Anfragen bezüglich der Subventionierung dieses Stücks beantworten.

Die Zeit der Studentenunruhen in Frankreich 1968 berührte auch Genet. Er schrieb einen Artikel über den damaligen Anführer Daniel Cohn-Bendit, revanchierte sich damit quasi für dessen Einsatz bei der Verteidigung von „Die Wände“, bei der Cohn-Bendit einer der Blockadebrecher war. Als die Revolte die USA erreichte, wurde er dorthin geschickt, um über den Wahlkongress der Demokraten zu berichten. Er traf eine Reihe von Autoren, die ihm gegenüber seinen Einfluss auf ihre Literatur lobten: William S. Burroughs, Allen Ginsberg, Jack Kerouac, Gregory Corso. Während des Kongresses kam es zu zahlreichen Demonstrationen und Kundgebungen von Gegnern des Vietnamkrieges, auf denen auch Genet sprach.

Ab 1970, er traf sich erstmals mit Vertretern der Black Panthers in Paris, arbeitete Genet nur noch für seine politischen Aktivitäten. Er setzte sich für die Freilassung von Bobby Seale ein, besuchte Brasilien und forderte die Haftentlassung der Schauspielerin Nilda Maria, schrieb ein politisches Vorwort zu der Briefsammlung des schwarzen Gefangenen George Jackson, verfasste einen Artikel über die in den USA (politisch) verfolgte Angela Davis und blieb lange Zeit der Bewegung der Schwarzen und der Palästinenser treu. Er lernte im November 1970 Jassir Arafat kennen, schrieb wohlwollende Artikel über den palästinensischen Freiheitskampf, wurde zum Gegner der israelischen Landnahme, aber nie zu einem Antisemiten.

1974 veröffentlichte Jacques Derrida „Glas“, worin er sich mit der Philosophie Hegels und der Dichtung Genets beschäftigte.

Genets politisches Interesse lag im Ausland. Um die französische Innenpolitik kümmerte er sich kaum. Er blieb stumm, als es 1971/72 zu zahlreichen Unruhen und Aufständen in französischen Gefängnissen kam. Er beteiligte sich nicht bei der Gruppe um Michel Foucault, die öffentlich Missstände in den Haftanstalten anprangerte.

Mit seiner eindeutigen Parteinahme für die Palästinenser stellte sich Genet gegen einen Großteil der Pariser Linksintellektuellen und es kam u. a. zum Bruch mit Sartre, der pro-israelisch agierte und schrieb. Anfang 1974 setzte sich Genet für François Mitterrand als Präsidentschaftskandidat der Vereinigten Linken ein. Doch es setzte sich Valéry Giscard d’Estaing bei den Wahlen durch. Eine Woche später veröffentlichte Genet einen Artikel über den neuen Präsidenten, in dem er ihn „rechtsradikal“ und „anti-arabisch“ nannte. Im Sommer des gleichen Jahres lernte er seinen letzten Lebensgefährten kennen: den Marokkaner Mohammed El Katrani. Er nahm den 26-jährigen ehemaligen Soldaten mit nach Frankreich.

Es erschienen kaum noch neue Texte. Zwar machte er sich weiterhin viele Notizen, die in Kopie immer auch an seinen Verlag Gallimard gingen, doch waren sie unstrukturiert und nicht zu veröffentlichen. Ein 1975 angekündigter Roman wurde nicht geschrieben, dafür erschien ein langes Interview, geführt und aufgezeichnet von dem deutschen Schriftsteller Hubert Fichte, anfangs in Auszügen in der Wochenzeitung Die Zeit und sechs Jahre später komplett in Buchform. Zu der Zeit entwickelte sich eine enge Freundschaft zu dem marokkanischen Autor Tahar Ben Jelloun, die viele Jahre hielt. Von einigen anderen Freunden dagegen trennte sich Genet nicht immer im Guten. Für Sartre hatte er nur noch Verachtung übrig.

1976 stürzte sich Genet mit viel Elan in ein neues Filmprojekt. Fast zwei Jahre arbeitete er zusammen mit Ghislain Uhry an dem Drehbuch mit dem Arbeitstitel „Abenddämmerung“. Doch kurz vor der Realisierung stieg er aus und der Film wurde nie gedreht. Noch während dieser Arbeit begann er an einem Libretto für eine Oper mit Musik von Pierre Boulez. Doch auch daraus wurde nichts.

Zu der Zeit kam er über das Ehepaar Roussopoulus in Kontakt mit der Rote Armee Fraktion (RAF) und deren Anwalt Klaus Croissant. Genet sympathisierte zunehmend mit der RAF und schrieb ein wohlwollendes Vorwort zur französischen Ausgabe von Schriften der Baader-Meinhof-Gruppe, das am 2. September 1977 auf der Titelseite von Le Monde erschien („Violence et brutalité“, deutsch „Gewalt und Brutalität“). Es hagelte harsche Kritik und die Zeitung musste schwere Vorwürfe über sich ergehen lassen. Genet war in der intellektuellen Szene zusehends isoliert. In dem Artikel geißelt er die „Brutalität“ des Staates und verherrlicht die „Gewalt“ der RAF. Zehn Tage später erschien der Text in Der Spiegel auf Deutsch, zu einer Zeit, als die Entführung von Hanns Martin Schleyer und die Ermordung von drei Polizisten gerade eine Woche zurücklag. Als Drahtzieher dieser Aktion galt Croissant, der später in Paris verhaftet wurde. Genet gab Paul und Carole Roussopoulus die Schuld an der Festnahme und brach jeglichen Kontakt ab. Ihm blieben kaum noch Freunde. Einer von ihnen war Tahar Ben Jelloun, der einen freundlichen Artikel mit dem Titel „Pour Jean Genet“ schrieb und der am 24. September ebenfalls in Le Monde erschien.

Im Mai 1979 wurde bei Jean Genet Kehlkopfkrebs diagnostiziert und er begann eine einjährige Kobalttherapie, die ihn sehr schwächte. Erschwerend kamen eine Prostataoperation und Zahnprobleme hinzu. Er verbrachte viel Zeit in Marokko bei Mohammed El Katrani und dessen Frau in dem von Genet bezahlten Haus in Larache. Trotz seines Gesundheitszustandes gab er zwei Filminterviews, die 1981 und 1982 entstanden. Parallel dazu nahm er die Arbeit an einem weiteren Drehbuch auf: „Le Langage de la muraille“ („Die Sprache der Mauern“). Erneut ein Projekt, das er kurz vor der Umsetzung aufgab und das sich in die Schar unveröffentlichter Drehbücher einreihte.

Schwer krank reiste er im September 1982 in den Libanon nach Beirut, zu einer Zeit, in der die Stadt von israelischen Truppen belagert wurde. Die Situation in der Stadt spitzte sich zu, als die internationalen Schutztruppen abzogen, der neugewählte libanesische Präsident Bachir Gemayel ermordet wurde, israelische Soldaten unter Verletzung aller Vereinbarungen in Beirut einmarschierten, die palästinensischen Lager umzingelten und mit der Bombardierung der Stadt begannen. Im Lager Chatila richtete die Phalange-Miliz ein Massaker unter den Palästinensern an. Das Rote Kreuz zählte 210 tote Männer, Frauen und Kinder, schätzte die Gesamtzahl jedoch auf 800 bis 1.000. Genet und seine Reisebegleiterin Leila Chahid erfuhren von dem Gemetzel erst zwei Tage später. Am 19. September machte sich Genet vor Ort ein Bild davon. Drei Tage später reiste er zurück nach Paris und arbeitete den ganzen Oktober an dem Essay „Quatre heures à Chatila“ („Vier Stunden in Schatila“).

Sein letztes Buch, „Ein verliebter Gefangener“, begann er im Sommer 1983 in Marokko. Im Dezember erhielt er den „Grand Prix des Arts et des Lettres“. Seine Hauptbeschäftigung war nun das neue Buch. Nur selten unterbrach er diese Arbeit, u. a. im Dezember 1984, als er auf Einladung des österreichischen Philosophen Hans Köchler im Albert-Schweitzer-Haus in Wien eine dokumentarische Ausstellung über Sabra und Chatila eröffnete und aus seinem Text „Quatre heures à Chatila“ vorlas , und im Sommer 1985 für ein zweitägiges Fernsehinterview des britischen Senders BBC mit dem Titel „Saint Genet“. Im November 1985 lieferte er das Manuskript ab und im Frühjahr des folgenden Jahres begann er mit der Korrektur der Druckfahnen. Sein Kehlkopfkrebs wurde wieder schlimmer und er arbeitete meistens im Liegen unter starken Schmerzen. Dennoch reiste er im März 1986 nach Spanien und Marokko. Zurück in Paris stieg er in einem kleinen, verkommenen Hotel ab.

In der Nacht vom 15. zum 16. April 1986 stürzte Jean Genet auf dem Weg vom Schlafzimmer ins Bad eine Stufe hinunter, schlug mit dem Hinterkopf auf und starb. Es war am Tag nach dem Tod von Simone de Beauvoir. Sein Leichnam wurde wie von ihm gewünscht nach Marokko überführt und in Larache still beerdigt. An dem Hotel in der Pariser Avenue Stéphen Pichon befindet sich heute ein Gedenkstein.

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