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Keiner kennt Michael Hastings -Mord Ex Machina: Der Big-Data-Tatort zum 34c3

Michael Hastings starb 2013 bei Autounfall (?) bevor er CIA-Direktor Brennan kritisieren konnte

Fernseh-Krimi bringt zwar Kritik zu Big Data, vergisst aber realen Todesfall  (US-Reporter Michael Hastings) und dämonisiert letztlich doch wieder die Hacker

von Thomas Barth

Spoilerfreie TV-Filmkritik nebst Essay über Hacker, Gefahren von Big Data und selbstfahrenden Autos sowie den mysteriösen Tod des US-Journalisten Michael Hastings, der CIA-Direktor Brennan kritisieren wollte (und schon den JSOC-General Stanley McChrystal mit einem Artikel zu Fall gebracht hatte).

Manche Besucher des 34. Chaos Communication Congress haben, just aus Leipzig heimgekehrt, beim Neujahrs-Tatort der ARD ihre Themen weiterverfolgen können. Wohl eher Zufall als cleveres Timing, vergaßen die Filmemacher einen durchaus möglichen Querverweis auf den Chaos Computer Club einzubauen. Doch die kritische Aufbereitung des Themas „autonomes Auto“ als Thriller im Big-Data-Milieu war prinzipiell lobenswert und dürfte in den PR-Abteilungen mancher Firma dieser Branche zu Herzrasen und Schweißausbrüchen geführt haben. Die Image-Beschädigung vor Millionenpublikum wieder wett zu machen, könnte einiges an Werbung und Lobbyisten-Arbeit kosten.

Die bildungsbürgerliche Süddeutsche (SZ) legt schon mal vor und bringt einen erregten Verriss: „Im „Tatort“ aus Saarbrücken geht es um Datendiebstahl und wie sich der auf die Privatsphäre auswirkt. Das ist ziemlich viel Kulturpessimismus zum Jahresauftakt.“ Nein. Ist es nicht. 15.000 Besucher (Rekord) des 34c3 würden dies vermutlich bestätigen. (Der Tatort „Mord Ex Machina“ ist noch bis Ende Januar in der ARD-Mediathek verfügbar.)

Mord Ex Machina: Der Plot

Düsterer Hacker knackt in dunklem Zimmer vor drei Bildschirmen einen Firmenrechner, soviel Klischee muss sein. Seine sexy Mithackerin Natascha wälzt sich derweil im Bett mit dem Justiziar des Big-Data-Unternehmens Conpact, Sebastian Feuerbach. Feuerbach hatte Streit mit seinem Freund und Geschäfts-Partner, dem „visionären“ Firmenboss Victor Rousseau, weil dieser ungehemmtes Big Data betreiben möchte -auch in hypermodernen, autonom fahrenden Autos. In einen dieser Prototypen steigt der virile Jurist und rauscht prompt durch die Leitplanke des Parkhochhauses.

Selbstmord oder Unfall? So rätselt Kommissar Stellbrink, kommt aber schnell darauf, dass dieses High-Tech-Mobil womöglich gehackt wurde. Doch das Hacker-Pärchen ist fein raus: Rousseau hatte sie engagiert, um nach Sicherheitslücken in seinem Firmennetz zu suchen. Nebenbei, erfährt man, sollte in die Bordcomputer der neuen Wagen eine Hintertür eingebaut werden, so dass die Firma Conpact alles mitschneiden kann, was die Dutzenden Kameras in und um den Wagen aufzeichnen. Brisant, denn die Bundesregierung ist der erste Kunde und will ihren Limousinenpark von Conpact auf autonomes Fahren umrüsten lassen…

Stellbrink muss sich durch hippe Firmenwelten, erotisch aufgeladene Beziehungen und eine terroristische Vergangenheit wühlen, um den Fall aufzuklären. Filmtitel und Idee ähneln zwar einem gleichnamigen Film der Sherlock-Verschnitt-Serie „Elementary“, aber besser gut geklaut als schlecht erfunden -und Tatort punktet mit ernsthafter Gesellschaftskritik am Phänomen Big Data.

Viele dubiose, kleine Firmen bevölkern den Datenmarkt. Doch beherrscht wird er von großen, international agierenden Konzernen, wie zum Beispiel Acxiom, Datalogix, Rapleaf, Core Logic oder PeekYou. Acxiom, einer der Branchenriesen, erwirtschaftet weltweit mehr als eine Milliarde US-Dollar pro Jahr und verwaltet über 15.000 Datenbanken für seine über 7000 Kunden. Der Konzern verfügt über 700 Millionen aktive Konsumentenprofile, darunter mehr als 40 Millionen aus Deutschland.“ c’t Digital gebrandmarkt – Wie Kundendaten gesammelt, gehandelt und genutzt werden

Der Hintergrund: Big Data und Cyberattacken

Spätestens seit Snowden wissen wir, dass Geheimdienste gerne solche Daten abschöpfen, sicher nicht nur aus Merkels Handy. Warum sollten Firmenbosse nicht auch selber zugreifen? Zumal wenn sie im Big Data-Business sind? Die Kritik an diesem Business wird von „Mord Ex Machina“ noch weiter getrieben: Der nicht sehr computer-affine Kommissar, der sich just nur mühsam auf einer Dating-Site bewegte, erfährt staunend vom Nutzer-Profiling, wo nach 68 „Likes“ auf Facebook seine Persönlichkeit nach dem „OCEAN“-Modell bewertet werden kann: Michal Kosinskis psychometrische Big-Data-Analyse machte 2016 Schlagzeilen, weil angeblich Trumps Wahlkampf und der Brexit mit so lancierter Werbung erfolgreich waren. Auch wenn dies übertrieben war -vor Datenklau und Profiling zu warnen ist sicher nicht falsch von den Tatort-Machern, zumal sie ihre Gesellschaftskritik filmisch überzeugend vermitteln: Einzelne Personen werden immer wieder sekundenlang eingefroren, vor verschwommenem Hintergrund unnatürlich scharf anvisiert: Wie unter dem Mikroskop von Netz-Profilern. Die SZ sieht das allerdings anders und nörgelt:

…und das Internet mal wieder ganz böse. Man sieht die Zuschauer auf dem Sofa förmlich mitschimpfen: „Ja, genau, dieses neumodische Internetzeug. Pfui!“ Angesichts dieser altbackenen, uninspirierten und kulturpessimistischen Heransgehensweise hilft alles nicht: Man muss einfach mit den Augen rollen. Und ganz tief seufzen. Nicht schon wieder. Carolin Gasteiger, SZ-Tatort-Fernsehkritik

NZZ mag „Tatort“ nicht: Zuviel Gesellschaftskritik statt Schusswaffengebrauch

Damit stellt sich die einst sozial-liberale SZ treu an die Seite der stramm-konservativen NZZ, die 2009 in ihrer wütenden Abrechnung mit den Tatort-Machern „Traurige Kommissare“, deren Gesellschaftskritik als „Feuilleton-Soziologie“ und „Gesinnungskitsch“ geißelt. Die Tatort-Helden hätten doch alle Probleme, so die NZZ, seien „Gutmenschen, Allesversteher und Betroffenheits-Betschwestern“ und würden zudem Schusswaffeneinsatz scheuen „wie der Teufel das Weihwasser“. Das ist sicher schlecht für die Schweizer Waffenindustrie, die bekanntlich die Verbrecher halb Europas mit Schießeisen versorgt. Aber wenn dann doch mal ein Till Schweiger im Rambo-Stil zur Knarre greift, ist es auch wieder nicht allen Recht zu machen: Die Zensurbehörde in Kiew monierte, dass dabei zu wenig Russen erschossen wurden. Die jüngste Kritik an Big Data und Roboter-Autos sollte dagegen weniger anecken, aber die SZ mault abschließend über die „altbackene“ Gesellschaftskritik:

„Jens Stellbrink zieht aus den verstörenden Erkenntnissen des Falles Konsequenzen: Der Kommissar löscht sein Online-Dating-Profil, holt einen Falke-Stadtplan aus der Schublade und wirft sein Smartphone vom Balkon. Das ist platt und verbohrt: Als könnte man den digitalen Entwicklungen und Herausforderungen so begegnen.“ SZ

Nikolai Kinski: netwars – gesellschaftskritisches multimedia project

Doch, liebe SZ, so leicht kann es manchmal sein: Smartphone weg und Profil löschen. Ach, hätte die SZ das „neumodische Internetzeug“ doch nur zu Recherchezwecken eingesetzt, dann hätte sie erfahren, dass die Kritik gar nicht so „altbacken“ sein kann, wenn sie etwa vom 34c3 geteilt wird. Oder dass der digital gemeuchelte Datenschützer Feuerbach nicht „platt und verbohrt“, sondern recht feinsinnig besetzt wurde: Der Darsteller Nikolai Kinski, ein Sohn Klaus Kinskis, lieh sein Konterfei zuvor dem preisgekrönten Netwars-Projekt (Grimme Online Award 2015).

Oder dass der kulturpessimistische Plot womöglich einen realen Vorläufer hatte: Den Fall des bei einem mysteriösen Autounfall getöteten CIA-Kritikers Michael Hastings. (Anm. Die SZ übte früher selber Digital-Kritik: In der Snowden-Hype durfte dort Daniel Ellsberg über die NSA als „Stasi von Amerika“ schimpfen).

Risiko Car-Hacking: Michael Hastings

Michael Hastings, kritischer US-Journalist, starb 2013 bei mysteriösem Unfall in neuem Mercedes als er aus Angst vor CIA untertauchen wollte (car hacking?)

Der erst 33-jährige Hastings starb 2013, was Fragen nach einem möglichen Hackerangriff auf sein Auto auslöste: Die Huffington Post warnte vor „conspiracy theories“; Wikileaks twitterte, der preisgekrönte Investigativ-Journalist Hastings hätte kurz vor dem Unfall versucht, die WikiLeaks-Juristin Jennifer Robinson zu kontaktieren; DER SPIEGEL will vom Thema car hacking nichts mitbekommen haben; USAtoday berichtete, Hastings hätte versucht, sich den Wagen seiner Nachbarin zu leihen, weil er fürchtete, an seinem Mercedes wäre herum gepfuscht worden; das Auto der Nachbarin wäre aber defekt gewesen -dann starb Hastings, der gerade an einer heißen Story zu CIA-Chef Brennan dran gewesen sein soll.

Michael Mahon Hastings (1980-2013) war ein US-amerikanischer Investigativjournalist und Schriftsteller. Er war Mitherausgeber des Rolling Stone und Korrespondent für BuzzFeed. Sein Artikel 2010 über den General, ehemaligen JSOC-Kommandeur und US-Oberbefehlshaber der NATO in Afghanistan, Stanley McChrystal, führte zu dessen umgehender Entlassung durch US-Präsident Barack Obama. Hastings arbeitete zuletzt, laut Aussage seiner Witwe Elise Jordan, an einer Geschichte über CIA-Director John O. Brennan, er fiel 2013 einem Autounfall zum Opfer, so der offizielle Polizeibericht. Allerdings zeichneten Kameras drei Explosionen auf, der Motorblock lag in erheblicher Entfernung. Es gab diverse weitere Indizien, Hinweise und auch Zeugenaussagen, unter anderem von WikiLeaks, Richard Clarke und dem „Buzz-Feed“-Chefredakteur Ben Smith, die insgesamt einen Mord wahrscheinlicher erscheinen lassen. (…)

Am Tag vor seinem Tod äußerte Hastings, sein Mercedes könnte manipuliert worden sein, und bat deshalb seine Freundin Jordanna Thigpen, ihm ihren Wagen zu leihen. Er fühle sich bedroht und wolle die Stadt verlassen. Stunden vor seinem Tod schrieb Hastings seinen Freunden und Arbeitskollegen in einer E-Mail das FBI würde seine Freunde befragen: „Ich bin an einer großen Geschichte dran und muss eine Weile vom Radar verschwinden.“ Die E-Mails wurden am 17. Juni 2013 gegen 14 Uhr verschickt. Gegen 4.20 Uhr des nächsten Dienstagmorgen, 18. Juni 2013, starb Hastings. Dem Polizeibericht nach saß er allein in seinem Mercedes C250 auf der nördlichen Highland Avenue in Hollywood, als er aus unbekannter Ursache die Kontrolle über das Fahrzeug verlor. Das Auto kam von der Straße ab, durchbrach eine Leitplanke und fuhr ungebremst mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Palme. Der Mercedes explodierte in einem Feuerball, der Motorblock lag in auffällig großer Distanz vom Auto, und Hastings Leiche verbrannte so stark, dass der Gerichtsmediziner ihn erst zwei Tage später anhand seines Gebisses identifizieren konnte. Laut Polizeibericht war es ein selbst verschuldeter Autounfall, es konnten keine Beweise für eine Fremdeinwirkung festgestellt werden. Wikipedia (dt.)

Das FBI dementierte nach dem Todesfall, Hastings überwacht zu haben, was aber laut US-Wikipedia nicht stimmt. Die US-Behörden hatten ein Jahr zuvor begonnen, den kritischen Journalisten, einen Freund des TYT-Gründers Cenk Uygur, ins Visier zu nehmen. TYT (The Young Turk) ist ein kritisches US-Mediennetz, das den Mainstream-Medien die Stirn bietet und hierzulande kaum Beachtung findet (TYT zu Hastings Tod).

The FBI released a statement denying that Hastings was being investigated, at least not by their agency. This statement was incorrect as FBI had opened a file on Hastings as early as 2012 (see FBI files below). Wikipedia (engl.)

Diese in deutschen Medien auffällig selten erwähnte, beinahe totgeschiegene Geschichte zeigt: Man braucht womöglich kein komplett autonomes Fahrzeug, um jemanden digital zu verunfallen (wovor CCC-Hacker schon lange warnten). Die Anspielung auf Michael Hastings Tod haben die ARD-Filmemacher allerdings komplett übersehen (oder hatten sie Angst, den kaum bekannten Fall zu erwähnen?). Dabei liegt im eigenen Archiv eine NDR-Doku von 2014, bei der dieser Todesfall als mögliches Auto-Hack-Attentat angeführt wird, Titel: „Im Visier der Hacker – Wie gefährlich wird das Netz?“ (in der Mediathek der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich, aber im freien webarchive dokumentiert).

„Ein brennender Unfallwagen im nächtlichen Los Angeles. Ein Mercedes als Trümmerhaufen, Ursache unklar, keine Zeugen. In den Flammen stirbt der US-Journalist Michael Hastings. Er recherchierte gerade an einer neuen Enthüllung. Seine letzte Story hatte einen Elite-General die Militärkarriere gekostet. Der Daimler-Konzern sieht angeblich keinen Grund, der Sache nachzugehen. Doch in der NDR-Reportage über die Risiken der Welt von morgen hält es der langjährige US-Sicherheitskoordinator Richard Clarke für durchaus möglich, dass der Wagen von außen gehackt wurde.“ ARD-Mediathek (webarchiv)

Im Tatort grämt sich eine Kommissarin angesichts des Mordes per Auto-Elektronik: „In zehn Jahren werden wir jede Menge autonom fahrende Autos auf der Straße haben -wer sagt mir dann, was ein Unfall war und was nicht?“ Willkommen in der Gegenwart liebes Tatort-Team. Oder, mit der traditionellen Abschlussformel des Chaos Communication Congress zum Jahresende: „Guten Rutsch ins Jahr 1984!“ (padeluun)

Dämonisierung der Hacker

Unerfreulich am Tatort-Plot ist schließlich, dass leider doch wieder ein paar Hacker kräftig dämonisiert werden. Denn im Verlauf der Ermittlungen taucht eine frühere Hackergruppe auf, die 2002 eine „ethisch motivierte“ Cyberattacke verübte. Die Hacker hätten auf die „Gefahren der Digitalisierung hinweisen“ wollen, in dem sie in der Nacht des 29.9.2002 alle Ampeln von Nancy auf „Grün“ schalteten. Trotz Vorwarnung gelang es den Behörden nicht, den Anschlag auf das Verkehrsleitsystem zu vereiteln (daran, die Ampeln einfach abzuschalten, hatte man offenbar nicht gedacht). Ergebnis: Vier Todesopfer und 48 Verletzte, für die unsere Hacker verantwortlich zeichnen.

Und nicht genug -der Tatort zeigt dramatische Zeitungstitel zum frei erfundenen Terrorangriff: “Une cyberattaque sur le feux de circulation“, “Les terroristes de l’internet -le nouveau danger“, „Nancy Crash: Beide Eltern zerquetscht“, daneben ein weinendes Kindergesicht; dann Überblendung ins Gesicht einer Hackerin, aus deren Auge eine Träne rollt. Das ist etwas dick aufgetragen und außerdem: Ethisch motivierte Hacker hätten sich darauf beschränkt, die Ampeln alle auf Rot zu schalten, statt Menschenleben zu riskieren. Doch so kommen selbst die vernünftigen Warnungen vor digitaler Gefahr natürlich viel dämonischer rüber.

Der Tatort „Mord Ex Machina“ ist noch bis Ende Januar in der ARD-Mediathek verfügbar.

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DER COMPUTER ALS KATASTROPHEN-KATALYSATOR

„Die Megamaschine“ von Claus Eurich
für LABOR Nr.3 (1988) rezensiert von Thomas Barth
EurichMegaMasch
Neuauflage von 1991

Die Konvergenz der Krisen ist die Kernthese Eurichs, also das Zusammenwachsen der  Bedrohungen zur allgemeinen Überlebenskrise, hervorgegangen aus der Konvergenz der   Hochtechnologien zur gewaltigen, planetenumspannenden Megamaschine. Eurich macht   Ernst mit der ganzheitlichen Betrachtungsweise: In einem Rundumschlag verbindet er die   Kritik an Rüstungs-, Atom-, Chemie-, Gen-, Computer- usw. –technologie mit einer   Analyse ihrer geistigen Wurzeln, sowie ihrer Verflechtung mit Staat, Wirtschaft,   Wissenschaft usw.   Anschließend beschreibt er den Widerstand dagegen, entwickelt eine neue Ethik nebst   Utopie und Rezepten für den Weg dorthin. Ein Mammutprogramm, das teilweise auf   Kosten jener Überschaubarkeit durchgezogen wird, die Eurich in den   “Informationslawinen” des “Medienrauschens” vermisst.

Eurich nimmt die Witterung der Megamaschine im 16. Jahrhundert bei Francis Bacon auf.   Dieser, seines Zeichens Hexeninquisitor, entwickelte nebenberuflich die moderne   Naturwissenschaft, deren Ziel die Entwindung von Geheimnissen der Natur durch die   Folter des Experiments sei (so Bacon). Auch der Philosoph Descartes trug zur   Entwicklung einer Wissenschaft bei, die das Universum als Mechanismus begreifen und   sich denselben Untertan machen wollte. Gegen das weibliche, auf zyklische Regeneration   bedachte, ganzheitliche Denken kam es zu einer Allianz von männlichem Spieltrieb mit   Neugier und Menschenverachtung.

Ideales Objekt der Ordnungs- und Kontrollbedürfnisse dieser Geisteshaltung wurde die Maschine. In ihrer Effizienz und Manipulationsfähigkeit ergab sie ein Herrschaftsinstrument über Natur und Menschen. Somit wären wir bei der Eieruhr als Wurzel allen Bösens. Aber Spaß beiseite -die Uhr, in der Eurich den ersten   Automaten der Informationstechnologie ortet (unnachgiebig, eindeutig, verbindlich usw.)   war tatsächlich auch über diese Eigenschaften hinaus ein Instrument der Ausbeutung.   Nämlich, wie Norbert Wiener 1951 beschreibt, über die Verbesserung Navigation bei der   Kolonisierung fremder Völker.

Ein paar Jahrhunderte später hat sich das kleine tickende Etwas zur Megamaschine gemausert. Überall um uns herum qualmen, dröhnen und stampfen seine monströsen Urenkel oder wirken winzig und heimtückisch im Verborgenen, wie die Computer.   Zusammen bilden sie ein gewaltiges System, dessen giftige Ausscheidungen Mensch und Natur bedrohen, dessen Ausmaße menschliches Begriffsvermögen längst übersteigen,   angetrieben von einer unseligen unbeseelten Eigendynamik. So ähnlich beschrieb es ja Günther Anders schon 1956.   Neu an diesem Bild ist einerseits die Aufdeckung der Hintergründe (Staat, Wirtschaft, Militär – das Interessenkartell) aber auch die kritische Würdigung der   Informationstechnologien, die über die übliche Big-Brother- Warnung hinausgeht.

Die Gefahr liegt in der Vernetzung zu einer technischen Superstruktur, die erst recht   menschliches Maß überschreitet, sowie in einer Mechanisierung und Maschinisierung geistiger Tätigkeiten, also einer Industrialisierung des Geistes und des Soziallebens. Etwas konkreter wird dies in der Änderung der sprachlichen Bedeutung etwa der Begriffe Kommunikation, Information, Interaktion. So wird zunehmend suggeriert, es würde sich um mathematisch-naturwissenschaftliche Vokabeln handeln, deren Sinngehalt sich in Bit-Raten erschließen ließe. Die unmittelbare Sozial-Umwelt wird damit als technisch   vermittel- wenn nicht gar ersetzbar dargestellt, wobei die Information aus dem sozialen Kontext gerissen, und zu bloßen Daten reduziert wird. Als Datenlawinen überfluten diese den modernen Menschen, stellen letztlich nichts anderes als sinnentleerten   Informationsschrott dar.

Das “globale Dorf” muss letztlich eine Fiktion bleiben, weil es –wenn gleich technisch herstellbar- die Aufnahmefähigkeit des Menschen übersteigt. Die wahren Nutznießer der Vernetzung z.B. durch ISDN und Glasfaserkabel sitzen in Wirtschaft, Bürokratie und Militär. Als Kontroll- und Rationalisierungsinfrastruktur verhärten die neuen Techniken das gesellschaftliche Machtgefälle. Militärisch gesehen “härten” die Glasfaserverbindungen, bzw. die ihnen vorgeschaltete Digitalisierung die Nato-Kommandostruktur gegen Atomwaffen: Die Anfälligkeit gegen den EMP, den   elektromagnetischen Puls von Kernexplosionen, der die heutigen Kommunikationsnetze   sofort vernichtete, wenn nur eine 1-Megatonnen-Bombe 500 km über Europa gezündet würde.

Digitalisierung und Daten- Autobahn könnten für den Dritten Weltkrieg ebenso   strategischen Wert besitzen wie Hitlers Autobahnen für den Zweiten. Die Durchsetzung der US-Army-Sprache ADA ist zwar noch fern, könnte aber ihrem Nachfolger STARS gelingen (s.a. die SF-Satire in c’t 6/89). Eurichs Schwerpunkt liegt aber nicht auf diversen Dunkelmänner-Theorien, wie sie sich bei Verschwörungsfanatikern vom Schlage eines   R.A.Wilson finden, sondern auf der Entgleisung des Systems selbst, eben der Megamaschine. Keiner hat mehr den Durchblick: “Mit wachsender Information wächst unsere Unkenntnis vom Zustand des System.” Daten und Dinge zirkulieren immer mehr nach eigenen Gesetzen, setzen uns unter vermeintliche Sachzwänge. Politiker begreifen sich als Akzeptanzbeschaffer für eine Technologie die “ohnehin nicht aufzuhalten ist”,   anstatt steuernd einzugreifen. Wie sollten sie auch?

Im Weltbild des maschinisierten Geistes sind alle menschlichen Werte verschwommen und unwirklich, nur noch Worthülsen für Wahlkampfgeschwätz. Was zählt ist nur das Abzählbare: Oftmals bleibt letztlich nur das Geld als Maßstab “vernünftiger” Entscheidungen. Folge: Die   Überlebenskrise. Wieviel Dollar ist eigentlich das Überleben der Menschheit wert?

Zukunftsangst und Entfremdung lindert der Massenmensch mit einer wachsenden Flut von   Sinnsurrogaten mit Drogencharakter: Pseudowirklichkeiten, die ihm aus der Megamaschine entgegen strömen. Abweichler werden registriert und überwacht. Von Galtung borgt Eurich für die Manipulation des Einzelnen den Begriff der strukturellen Gewalt, die auch ohne offenen Terror auskommen kann. Widerstand gegen die Megamaschine ist mithin nicht unbedingt legal, aber legitim, ja notwendig.

Von den Maschinenstürmern des 17.Jh. bis zu Greenpeace zeichnet Eurich eine Linie des Kampfes für bessere Lebensbedingungen, wobei er besonders die Computersabotage würdigt. Er selbst plädiert für Gewaltfreiheit und zivilen Ungehorsam. In einer neuen Verantwortungsethik als ganzheitlicher Präventiv- und Begrenzungsethik fordert er u.a. die Datenaskese, also Dateneinsparung wo nur möglich. Als Utopie ergibt sich eine Gesellschaft überschaubarer kleiner Gruppen, die im Einklang mit ökologischen Kreisläufen leben. Auf den Weg dorthin gibt er dem Leser Ratschläge mit: Vom kritischen Konsumenten über betriebliche Diskussionsgruppen und den Hippokratischen Eid für Journalisten bis zum Aufstand der Schrift gegen das digitale Denken reichen seine Ideen.

Dieser letzte Teil des Buches bemüht sich redlich um eine philosophische und politische Antwort auf das Problem der Megamaschine und ist damit vom Scheuklappen-Optimisten ebenso weit entfernt wie vom modischen Weltuntergangs-Zyniker. Ein lesenwertes Buch   für jeden, der Technik echtes Interesse und nicht nur blinde Begeisterung oder -Ablehnung   entgegenbringt.

Thomas Barth

Claus Eurich, „Die Megamaschine“. Luchterhand 1988. 29,80 DM, rezensiert für:
LABOR -Zeitschrift für Worldprocessing Nr.3 (1988) /Projekt des Chaos Computer Club
pdf-Dokumentation [Contrib] [Labor] [Nummer 3]: