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Filmkritik: The Limehouse Golem

Thomas Barth The Limehouse Golem

The Limehouse Golem ist ein viktorianischer Travestie-Psychothriller -als wenn Almodovar Jack the Ripper und Sherlock Holms gemixt hätte, um Elend und weibliche Genitalverstümmelung anzuprangern.  Deutscher Kinostart: 31.August.

Im nebelverhangenen Gaslicht-London des Jahres 1880 treibt ein besonders blutrünstiger Serienmörder sein Unwesen. An seinen Tatorten im verelendeten Rotlichtbezirk Limehouse hinterlässt er mit dem Blut seiner Opfer mysteriöse Botschaften in lateinischer Sprache. Die Untaten sind derart grausam, dass man ein Monstrum am Werk glaubt: einen Golem, den aus Lehm geformten Rache-Zombie der jüdischen Mythologie. Scotland Yard ruft den alternden Detective Inspektor John Kildare (Bill Nighy, „I, Frankenstein“) auf den Plan. Er soll bei diesem unlösbaren Fall untergehen, denn er steht im Ruf, verbotener Homoerotik zu frönen, was seinen Adlatus, den treuen Polizisten Flood (Daniel Mays, „Victor Frankenstein“) in gewisse Konflikte bringt.

Kildares Ermittlungen führen ihn in den Dunstkreis des schillernden Travestieshow-Talents Dan Leno (Douglas Booth, „Romeo&Juliet“), dessen äußerst beliebte Music Hall die Londoner Massen ins verruchte Vergnügungsviertel Limehouse strömen lässt. Lenos Schauspiel-Kollegin und Freundin Elizabeth Cree (Olivia Cooke, „Bates Motel“) soll ihren Mann vergiftet haben und dieser scheint in die Mordfälle verwickelt zu sein. Inspektor Kildare will als väterlicher Beschützer die in der Todeszelle sitzende Lizzy Cree retten -indem er ihren toten Gatten als Golem entlarvt, der sich aus Reue selbst vergiftete.

Horror & Whodunit

Der Film von Juan Carlos Medina, der mit seinem Debüt „Painless“ 2012 bekannt wurde, verknüpft den blutigen Horrorthriller mit einer Detektivstory, deren Whodunit (Who done it?) in teils rasanten, teils etwas zu verschlungenen Wendungen verläuft. Vor allem Rückblenden ins Leben der Mordverdächtigen Liz Cree falten die Handlung immer weiter auf: Ihre tragische Kindheit im Elendsviertel, ihre Aufnahme in Dan Lenos Musikhall, ihr kometenhafter Aufstieg dort vom Laufburschen zur clownesken Sängerin. Liz macht der Trapez-Diva Aveline Ortega (María Valverde) Konkurrenz, gewinnt die Liebe des zwischen Größenwahn und Versagensangst zitternden und tobenden Autors John Cree (Sam Reid) und wird auf der Bühne androgyner Gegenpart des transvestitischen Superstars Dan Leno. Den opulent ausgemalten Gothic-Novel-Hintergrund liefert das Londoner East End, das schon Jack the Ripper unsicher machte.

Der Begriff, „East End“, wurde in den 1880ern geprägt, als es bei den Reichen Mode wurde, zum wohligen Gruseln die Slums rund um die Docks zu besuchen. Aber der Osten Londons existierte schon lange vorher als ein vom Rest der Metropole getrennter Bereich. Zum Schutz vor Hochwasser bauten die Römer auf dem Gebiet des damaligen Londinium Mauern, die den Westen bevorzugten und den Osten benachteiligten… Die Reichen und Mächtigen wohnten im Westen; die Armen, die auf der Flucht vor religiöser Verfolgung (französische Hugenotten, osteuropäische Juden) oder Hungersnöten (die Iren) nach London gekommen waren, im Osten. Eine wichtige Rolle spielte der entlang der Themse vorherrschende Westwind. Seinetwegen wurde alles, was stank, im Osten angesiedelt: Fabriken, die Farben und Lösungsmittel, Dünger, Knochenmehl, Klebstoff, Paraffin oder Streichhölzer herstellten, Schlachthöfe, Gerbereien und Fischzuchtanlagen.

Könige der Unterwelt, Hans Schmid

Die viktorianische Atmosphäre des düsteren East End, wo betrunkene Puritaner zwischen Bordellen und Sexshows torkeln, wird von „The Limehouse Golem“ drastisch zum Leben erweckt. Die blutigen Morde setzen gruslige Akzente, doch Beziehungsgeflecht und Psychologie der Figuren stehen im Mittelpunkt: John betrügt mit Diva Aveline seine Ehefrau Liz, die derweil vom Musik Hall-Besitzer, dem listig-schlüpfrigen „Uncle“ (Eddie Marsan, „Mr.May“), zu verbotener Pornographie gedrängt wird. Inspektor Kildare kann seine Jagd auf den Golem schließlich auf vier Verdächtige zuspitzen, die alle in der Londoner Bibliothek recherchierten: John Cree, Dan Leno, George Gissing und Karl Marx.

Die Vorlage für das Drehbuch von Jane Goldman („X-Men: Erste Entscheidung“) lieferte der britische Erfolgsautor Peter Ackroyd mit dem Roman „Der Golem von Limehouse“. Ackroyd ist für fantasievolle, aber historisch versierte Erzählungen und für historische Biographien bekannt, u.a. über Ezra Pound, Charles Dickens, Oscar Wilde und ist bei Band vier einer siebenbändigen „History of England“. In seinen Romanen lässt er reale historische Persönlichkeiten neben seine Figuren treten: Im hier verfilmten „Golem“ den damaligen Superstar des späten 19.Jh. Dan Leno, den deutschen Philosophen Karl Marx und den tragischen Schriftsteller George Gissing, der in seinen Werken das Elend in London anprangerte und gewisse Züge mit Ackroyds Figur John Cree teilt.

Weibliche Genitalverstümmelung

Im Roman wird eine medizinische Grausamkeit des 19.Jh. beschrieben: Die Entfernung der Klitoris als Mittel, um die verbotene Sexualität von Mädchen zu bekämpfen. In aktuellen Debatten über Genitalverstümmelung bei Muslimas wird oft vergessen, dass diese Praxis noch vor vier Generationen auch in Europa nicht unüblich war.

An der kindlichen Liz Cree wird im Film diese Verstümmelung auf besonders grausame Weise vollzogen: Von ihrer eigenen Mutter mit einem glühenden Schürhaken. Angesichts der Kosten ärztlicher Behandlung wurden damals aber wohl insbesondere Töchter wohlhabender Familien Opfer dieses barbarischen Eingriffs. Zur Zeit der Handlung, im Jahr 1880, lag das Opus Magnum des damals berühmtesten britischen Gynäkologen, Isaak Baker Brown (1811-1873), erst 16 Jahre vor: On the Curability of Certain Forms of Insanity, Epilepsy, Catalepsy, and Hysteria in Females. (pdf)

Dr. Baker Brown empfahl darin die Heilung diverser Formen von Wahnsinn von Hysterie bis Epilepsie durch chirurgische Eingriffe, auch der Klitorektomie. Leider ist zu befürchten, dass dieses Werk weithin Anwendung fand: Von Dr. Thomas Wakley, im 19.Jh. ein Herausgeber der bis heute bedeutenden Zeitschrift The Lancet, wurde damals der Operationssaal von Baker Brown als Mekka für Gynäkologen gepriesen. Der Wunsch nach Klitorektomie gilt inzwischen als psychotherapeutisch zu behandelnde Störung. Die weibliche Genitalverstümmelung auf Verlangen kann aber offenbar in Großbritannien bis heute straflos praktiziert werden.

The Limehouse Golem“ unterhält mit schaurig-schönen Bildern und überzeugendem Schauspiel. Juan Carlos Medina wartet in seinem am Rande der Fantastik angesiedelten Horrorthriller mit diversen Wendungen auf und beleuchtet nebenbei auch dunkle Seiten der europäischen Sexualgeschichte.

„The Limehouse Golem“ ist ab dem 31. August in deutschen Kinos zu sehen.  Gekürzte Version erschien  2017 bei Telepolis

Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit: Ein tragikomisches Filmjuwel klagt Kälte und Effizienzdenken an

Thomas Barth
Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit: Ein tragikomisches Filmjuwel klagt Kälte und Effizienzdenken an
Eddy Marsan als Funeral Officer Mr.May

Mr.May ist ‚Funeral Officer‘ in London. Als Angestellter der Kommunalverwaltung organisiert er Beerdigungen für Menschen, die ohne Hinterbliebene verstorben sind. Wir begleiten ihn in Wohnungen, in denen die Toten ihre letzten einsamen Jahre verbrachten, wo er nach Hinweisen auf Verwandte oder Freunde sucht. Dabei sammelt er auch Lebensdaten, die er in sehr persönliche und bewegende Grabreden einfließen lässt –gehalten meist in einer leeren Kapelle.

Denn Mr.Mays Bemühungen, frühere Bekannte der Verstorbenen zu einer Teilnahme am Begräbnis zu gewinnen, verlaufen oft frustrierend. Meist wollen ehemalige Freunde und zerstrittene Verwandte nicht an den Zeremonien zum Andenken mit den Toten teilnehmen. Doch der wortkarge ‚Funeral Officer‘ lässt sich nicht entmutigen und tut weiter seine Pflicht, das Gedenken an die einsam Verstorbenen scheint sein einziger Lebensinhalt zu sein. Sein etwas makabres Hobby: In einem Photoalbum sammelt er daheim wie in einem Familienbuch Bilder der Toten. An schönen Tagen geht er Probeliegen auf dem wunderschön unter Bäumen gelegenen Grabplatz mit Blick über den ansonsten britisch-kargen Friedhof.

Der schlanke Staat: Gnadenlos auch mit den Toten

Mr_May_und_das_Fluestern_der_Ewigkeit_-_PlakatDoch Mr.Mays Sorgfalt, Pflichtgefühl und Respekt passen nicht zur neoliberalen Lehre von der Heiligen Effizienz, mit der ein managerhafter Vorgesetzter die fristlose Entlassung des ‚Funeral Officer‘ begründet. May bittet sich einige weitere Tage aus, um seinen letzten Fall würdig abschließen zu können: Ein Billy Stoke starb in seiner verwahrlosten Behausung genau gegenüber von John Mays eigener Wohnung. Filmemacher Uberto Pasolini (nicht verwandt mit Paolo Pasolini, aber Neffe von Luchino Visconti) wollte am Thema von Einsamkeit und Tod auch den Verlust von Menschlichkeit in unserer neoliberalen Gesellschaft anprangern.

„Welchen Wert misst die Gesellschaft individuellem Leben zu? Warum werden so viele Leute vergessen und sterben vereinsamt? Ich denke, dass die Qualität unserer Gesellschaft im Grunde durch den Wert bestimmt wird, den sie ihren schwächsten Mitgliedern zuerkennt. Die Art und Weise, wie wir mit den Toten umgehen, reflektiert den Umgang in unserer Gesellschaft mit den Lebenden.“ Uberto Pasolini

Auch in Deutschland obliegt die Bestattung mittellos Verstorbener ohne Angehörige den Kommunen. Als wachsendes Großstadtphänomen gibt es seit 2004 eine rasant steigende Zahl von „Sozialbestattungen“, bei denen die Angehörigen nicht über die finanziellen Mittel für eine Beisetzung verfügen. Die Zahl dieser Fälle ist seit 2004 um zwei Drittel gestiegen, was auch mit der Streichung des „Sterbegelds“ der gesetzlichen Krankenkassen unter der Regierung Schröder zu tun hat –so hat der Filmverleih von „Mr.May“ recherchiert. Eine Nachfrage bei den Hamburger Friedhöfen bestätigt dies.

„Leichen sind zu bestatten. (…) Für die Bestattung haben die Angehörigen zu sorgen. Wird im Todesfall niemand tätig, veranlasst die zuständige Behörde die Überführung der Leiche in eine Leichenhalle. Wird für eine in eine Leichenhalle eingelieferte Leiche kein Antrag auf Bestattung gestellt, so kann die zuständige Behörde vierzehn Tage nach Einlieferung die Bestattung in einer Reihengrabstätte eines Friedhofes veranlassen.“ §10 Hamburger Bestattungsgesetz

Die Durchführung von Amtsbestattungen werden in Deutschland von den Kommunen ausgeschrieben, der günstigste Anbieter bekommt in der Regel den Zuschlag. Anders als im Film sind die Sterbeorte jedoch vor allem Krankenhäuser und Altenheime, seltener Privatwohnungen. Von dort werden die ohne Angehörige Verstorbenen von einem durch die Polizei verständigten Leichentransporter abgeholt und in die Verstorbenenannahme auf dem Öjendorfer Friedhof gebracht, teilt die Hamburger Friedhofsverwaltung mit. Der Öjendorfer Friedhof zählt nicht zu den schöneren der Stadt, er liegt abgelegen  weit im Osten Hamburgs. 2003 wurde ein Gedenkstein mit dem Schriftzug „Zukunft braucht Erinnern“ am Gräberfeld der Vergessenen  aufgestellt und seit 2007 gibt es sogar Blumenschmuck und eine Kerze für jeden Verstorbenen. Im Film kommt es schlimmer: Mr.May muss in stummer Erbitterung mit ansehen, wie nach seinem Rauswurf der Manager-Bürochef mit einer Angestellten im Business-Kostüm die Asche etlicher Toter lieblos auf den Rasen kippen.

Eddie Marsan überzeugt als Mr.May

Der bislang nur aus Nebenrollen bekannte Eddie Marsan zeigt sich als Hauptfigur von Format in diesem Film, der zurecht in Venedig mit dem Regiepreis und in Edinburgh mit dem Preis für den Besten Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde. Sein stilles, ausdrucksstarkes Spiel, sein trockener Humor und seine tiefe Menschlichkeit berühren den Zuschauer. Mit fast trotziger Leidenschaft stürzt sich Mr.May in seine letzten Ermittlungen zum Fall Billy Stoke, die er detektivisch genau führt. Er findet Arbeitskollegen, alte Armykumpel und sogar eine Tochter, von der Billy nichts wusste. Der Film gewinnt bei dieser Expedition in das Leben eines schon fast Vergessenen an Farbe und Tempo, ohne seinen ruhigen, manchmal humorvollen Blick auf die Problematik von Sterben und Tod zu verlieren. Etwa wenn Officer May in der Großbäckerei, wo Billy einst tätig war, Verständnis für die strengen Hygienevorschriften äußert und gefragt, ob er auch im Nahrungssektor sei, antwortet: „Nein, ich arbeite mit Menschen… die nicht mehr backen.“

Sogar eine subtile politische Botschaft kristallisiert sich heraus: Gegen die kaltherzige Exekution betriebswirtschaftlicher Direktiven durch den aalglatten Manager der Londoner Stadtverwaltung gewinnt der tote „Big Billy“ Stoke immer mehr an Format: War er nur ein verkommener Säufer? Ein Raufbold und Berufsversager? Oder verlor er seinen Job, weil er sich für die Kollegen im Betriebsrat einsetzte, ein Arbeiterkämpfer? Beim Wühlen in Billy’s verkorksten Familienleben findet Mr.May am Ende, ohne dass der Film dabei ins Kitschige abgleitet, zarte Anfänge einer Liebe. TV-Zeitschriften werden künftig wohl das Prädikat „Filmjuwel“ für „Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit“ bemühen.  (Publiziert auch auf filmverliebt.de)

BtmBookThomas Barth (Hg.): Bertelsmann – Ein globales Medienimperium macht Politik