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Philip Zimbardo: Schwarze Psychologie

Thomas Barth Das Experiment (2001) Poster

Philip Zimbardo wurde am 23. März 1933 in New York City geboren. Der emeritierte Professor für Psychologie sorgte 1971 mit seinem Stanford-Prison-Experiment für Empörung, als er das Gewaltverhalten des Menschen untersuchte. Das war zumindest seine Begründung. Aber Kritiker argwöhnten, es ginge vielmehr um Folterforschung für Geheimdienste und Militärs. Jedem Psychologie-Studenten bekannt, erreichte die ethisch fragwürdige Studie ein Millionenpublikum, als sie in einem Roman und im diesem folgenden deutschen Film aufgegriffen wurde: „Das Experiment“.

An der Stanford-Universität in Palo Alto führte Zimbardo das berüchtigte Experiment durch, bei dem 24 normale College-Studenten zufällig als Gefängniswärter oder Gefangene für ein simuliertes „Gefängnis“ ausgewählt wurden, das im Keller des Psychologiegebäudes aufgebaut worden war. Die Studenten lebten sich dort mehr und mehr in ihre Rollen ein, die „Wärter“ wurden immer sadistischer, die Gefangenen immer passiver und zeigten Anzeichen extremer Depressionen. Das Experiment sollte zwei Wochen andauern, wurde aber bereits nach sechs Tagen wegen einer drohenden Entgleisung abgebrochen.

Wikipedia rechtfertigt Zimbardos unethische Vorgehensweise damit, sie hätte zu Theorien über die Wichtigkeit der sozialen Umgebung in der individuellen Psychologie geführt. Dies ist blanker Unsinn, da diese Wichtigkeit nie bestritten wurde. Wikipedia behauptet weiter, das Zimbardo damit das Milgram-Experiment bzw. das Konformitätsexperiment von Asch gestützt, was ebenfalls zweifelhaft ist, denn zu deren Überprüfung hätte Zimbardo ein völlig anderes Studien-Design wählen müssen. Vielmehr sieht es mehr danach aus, dass man nach praktischen Anwendungen für die Faschismus-Studien von Milgram (und vielleicht am Rande auch der Theorie nach Asch) suchte. Damit wäre Zimbardo als Grundlagenforscher für die ambitionierten Gehirnwäsche-Programme der CIA und anderer US-Geheimdienste, etwa MK-Ultra und Artischocke, zu betrachten. Bei Zimbardo selbst findet man schon etwas Schuldbewusstsein, aber kein wirklich schlechtes Gewissen:

„Nach nur sechs Tagen mussten wir unser Pseudogefängnis schließen, denn was wir sahen, war erschreckend. Weder uns noch den meisten Versuchspersonen war noch klar, wo ihre Rollen begannen und wo sie endeten. Die Mehrheit von ihnen war tatsächlich zu ,Gefangenen‘ oder ,Wärtern‘ geworden und konnte nicht mehr richtig zwischen ihrer Rolle und ihrem Selbst unterscheiden.“ Philip Zimbardo 1971, „The psychological power and pathology of imprisonment

Standard-Lehrstoff Schwarze Psychologie

Jeder Psychologie-Student lernt während seines Grundstudiums den Versuch kennen, den der Stanford-Psychologe Philip Zimbardo in den 70er-Jahren durchführte: Ein erschreckter Forscher bricht ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment ab. Die Ethik der Wissenschaft hat gesiegt? Im Gegensatz zu diesem schmeichelhaften Szenario, das im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Oliver Hirschbiegels Film „Das Experiment“ immer wieder und fast immer ohne es zu hinterfragen wiedergekäut wurde, ist der dem Drehbuch zugrundeliegende Versuch jedoch ein besonders abschreckendes Beispiel für mangelhafte Ethik des psychologischen Forschers. Wissenschaftler befinden sich zwar oft im moralischen Zwiespalt, ihre Versuchspersonen im Sinne eines Experimentalaufbaus täuschen oder belügen zu müssen. Philip Zimbardo gilt jedoch als Extremist unter den Experimental-Psychologen. Seinen Probanden verabreichte er etwa Adrenalinspritzen, um Angst oder Panik zu untersuchen, und er geizte auch nicht mit Elektroschocks, wenn es um Fragen der Schmerzempfindlichkeit ging.

Oliver Hirschbiegels Film „Das Experiment“ greift auf „Das Experiment Black Box“, Mario Giordanos Krimiadaptation des Stoffes zurück, arbeitet also unter der beliebten Berufung auf „eine wahre Begebenheit“. Der studierte Psychologe Giordano folgt damit den Spuren des erfolgreichen US-Jugendbuchautors Morton Rhue, dessen Jugendpsychothriller „Die Welle“ ebenfalls auf der „wahren Begebenheit“ eines sozialpsychologischen Versuchs basierte. 1969 hatte im kalifornischen Palo Alto ein Lehrer seine High-School-Schüler zu disziplinierten Mitläufern einer fiktiven, geheimen Bewegung gemacht, die sich „The Wave“ nannte. Im Unterricht war bei der Beschäftigung mit dem deutschen Faschismus die Frage aufgekommen, wie die Nazis so großen Erfolg haben konnten. Der Lehrer beschloss, seiner Klasse eine Lektion zu erteilen und sie zu Teilnehmern eines sozialen Experimentes zu machen. Was als pädagogisches Beispiel im Sozialkunde-Unterricht gedacht war, entgleiste zu einer rasanten Übernahme faschistoider Rollenklischees durch die US-Jugendlichen.

Faschismusforschung: Adorno, Asch und Milgram

Der beliebte mediale Griff in die Gruselkiste „schwarzer Psychologie“ sollte allerdings nicht die Verdienste der experimentellen Forschungsrichtung generell in Zweifel stellen. Ähnlicher Methoden bediente sich zum Beispiel Theodor W. Adorno bei seinen legendären „Studien zum autoritären Charakter“. Im Rahmen der Konstruktion einer F-Skala der Persönlichkeit (F steht für Faschismus) täuschte auch Adorno die Versuchspersonen, ebenso Asch bei seinen Studien zur Konformität. Asch bewies, dass in einer konformen Gruppe schon ein einzelner Kritiker die von den Mitläufern nachgebeteten Lügen enthüllen kann -nicht ganz so erfolgreich wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, aber beinahe. Diese Forschung machte Mut zum Widerstand gegen totalitäre Bestrebungen.

Mit Täuschungen arbeitete auch der lobenswert experimentierende Faschismus-Forscher Milgram: Er ließ seine Probanden einem angeblichen Opfer im Nebenzimmer Elektroschocks verabreichen. Unter Leitung eines als Autoritätsperson auftretenden Forschers sollten die Freiwilligen (ganz normale US-Bürger) die Voltzahl der elektrischen Schläge, die als Bestrafungen in einem angeblichen Lernexperiment gerechtfertigt wurden, immer weiter steigern. Wenn die Probanden angesichts von (vorgetäuschten) Schmerzensschreien aus dem Nachbarzimmer Bedenken anmeldeten, beharrte die weiß bekittelte Autoritätsperson auf einer weiteren Durchführung. Der Forscher behauptete, es sei alles harmloser, als es sich anhöre, und übernahm jede Verantwortung für den Ausgang der Bestrafung. Unter diesen Bedingungen steigerten die meisten der Versuchspersonen die Stromschläge immer weiter, trotz lauter werdender Schreie des vermeintlichen Opfers. Gruselig und durch aus zur Erklärung für Grausamkeit in totalitären Organisationen geeignet: Einige Probanden verabreichten Stromstöße sogar über einen letzten markerschütternden „Todesschrei“ hinweg -die konstruierte Situation hatte alle zivilisierten Hemmungen und Gewissensbisse offenbar außer Kraft gesetzt.

Manchen Beobachtern erschien besonders bedrückend, dass Faschismus-Tendenzen auch in den USA nachweisbar waren. Denn Adorno und Milgram bewiesen mit ihren Untersuchungen unter anderem, dass Autoritätshörigkeit bis zur Mittäterschaft bei der grausamen Misshandlung Wehrloser keine spezifisch deutsche Eigenschaft ist. Vielmehr erwies sich Adornos psychologischem Blick der Autoritarismus als in der Mittelschicht verbreitete Haltung. Er sah sie unter anderem gekennzeichnet von Konventionalität, Unterwerfung unter einen Vorgesetzten oder Führer, Abwehr des Fantasievollen, Neigung zu Aberglauben sowie Aggression gegen Abweichler von Gruppenstandards. Wenn man fundamentalistischen Bibelglauben als eine Form gesellschaftlicher Konventionalität von Aberglauben in den USA bewertet, scheint diese Eigenschaft dort weit verbreitet zu sein. Die Toleranz mit Abweichlern ist zumindest in Filmdarstellungen vom US-Schulalltag auch eher nicht Teil der Sozialisation. Eine autoritaristische Grundhaltung lag vermutlich vielen Versuchspersonen nicht ferner, als sie bei deutschen Probanden vermutet werden dürfte.

Original-Filmaufnahmen von Milgrams Faschismus-Experimenten werden heutigen Psychologie-Studenten gezeigt. Bilder aus Philip Zimbardos „Pseudogefängnis“ sah man jedoch noch nicht überall, obwohl die Insassen und Wärter dort zwar heimlich, aber  eifrig gefilmt wurden (angeblich soll an einigen Universitäten solches Material verwendet werden). Was aber steht als wissenschaftliche Fragestellung hinter dem unethischen Psycho-Experiment, auf das sich Hirschbiegels Thriller „Das Experiment“ bezieht?

Zimbardos „Theorie der Deindividuierung“

Der Stanford-Psychologe Zimbardo suchte mit diversen Methoden nach einer Bestätigung seiner „Theorie der Deindividuierung“. Der Begriff erklärt in der Tradition der klassischen Massenpsychologie das Auftreten moralisch verwerflichen bzw. grausamen Verhaltens durch unter bestimmten Bedingungen nachlassende „Selbstaufmerksamkeit“. Eine Störung der Selbstaufmerksamkeit ergibt sich zum Beispiel aus neuen, unstrukturierten Situationen, unklarer Verantwortungslage, gefühlsmäßiger Erregung, sinnlicher Überreizung (z. B. laute Musik) und Anonymität. Aber vorweg gesagt: Das Vorliegen solcher Bedingungen hat keinerlei entschuldigende Wirkung für kriminelle Grausamkeiten. Der voll verantwortliche Erwachsene hat sich genug im Griff zu haben, um sein Gewissen auch bei Lärm etc. in Funktion zu halten.

Oberflächlich betrachtet ähnelt Hirschbiegels Drehbuch tatsächlich Zimbardos berüchtigtem Gefängnisexperiment. Zimbardo zielte auf die Schaffung einer neuen, unstrukturierten Situation mit diffuser Verantwortung der anonymen Wärtergruppe. Deren Ausrüstung bestand aus Uniformen, Schlagstöcken, verspiegelten Sonnenbrillen. Die Kleidung der Gefangenen zielte dagegen auf Demütigung ab. „Jeder Häftling erhielt einen Umhang … Unterhosen erhielten die Häftlinge nicht (sodass sie in weiblicher Haltung zu sitzen gezwungen waren), aber sie bekamen eine leichte Kette mit Schloss um ein Bein, Gummisandalen und eine Art Nylonstrumpf als Kopfbedeckung, um etwaige Unterschiede in der Haartracht der Häftlinge unsichtbar zu machen„,  berichtet Peter Watson in seinem Werk „Psycho-Krieg: Möglichkeiten, Macht und Missbrauch der Militärpsychologie„.

Der Fim verharmlost Zimbardos Experiment

Realität und Darstellung im Film weisen aber einen entscheidenden Unterschied auf: Im Gegensatz zu Hirschbiegels Version war Zimbardos Gefangenen jedoch nicht einmal bewusst, dass sie sich in einer Experimentalsituation befanden.  Auf eine von den Wissenschaftlern um Zimbardo geschaltete Zeitungsannonce in Palo Alto meldeten sich über 70 Studenten. Der Stanford-Professor wählte aus dieser Gruppe 24 normale gutbürgerliche Einwohner von Palo Alto aus und verteilte sie per Münzwurf auf die beiden Rollen seines Szenarios. Dann wurden sie erst einmal wieder nach Hause geschickt.

Die zwölf Wärter wurden später teilweise eingeweiht, aber auch auf ihre totalitäre Aufgabe eingeschworen: Vor allem die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung unter Anwendung von Mitteln ihrer Wahl, ausgenommen physische Gewalt. Die Gefangenen erhielten Nummern, auch auf der Vorder- und Rückseite ihrer Kittel angebracht, die sie zwecks Entmenschlichung statt ihrer Namen zu verwenden hatten. Die ausgefeilten Bedingungen sprechen eher gegen eine allgemeinere psychologische Fragestellung zur Anfälligkeit von Menschen für Totalitarismus. Zu sehr wurde bereits an der Effektivität der Entmenschlichung justiert, zu wenig wurde über Missbrauchsmöglichkeiten der so entstehenden Forschungsergebnisse durch totalitäre Staaten bzw. Institutionen nachgedacht.

Zimbardos Labor-Gefängnis war schon vom Aufbau her jenseits wissenschaftlicher Ethik und vermutlich auch strafrechtlicher Legalität. Drei Zellen befanden sich im Keller der Stanford-Universität, die Originaltüren der Laborräume waren durch gefängnisartige Gittertüren ersetzt worden. Das Flurstück davor war „Gefängnishof“ und wurde an den Enden mit Holzwänden geschlossen, durch Löcher in den Wänden wurde heimlich gefilmt, durch eine Sprechanlage wurden die Probanden ferner auch abgehört. Dieser Versuchsaufbau dürfte nach damaligem US-Recht ein illegaler Eingriff in die Bürgerrechte der als Opfer teilnehmenden Studenten gewesen sein.

Besonders heimtückisch aber war der Zugriff auf die Opfer des Experiments geplant: Die zwölf Häftlinge wurden durch die lokale Polizei, deren Hilfe Zimbardo sich versichert hatte, angeblich unter Verdacht eines Raubes festgenommen. Sie wurden wie Verdächtige erkennungsdienstlich behandelt und mit verbundenen Augen vom Streifenwagen im Keller der Stanford-Universität abgeliefert. Es entstand also die Illusion, einem tatsächlichen Zugriff der Staatsgewalt ausgesetzt zu sein. Bei Hirschbiegel melden sich die Probanden einfach zum Experiment.

Gut getroffen hat der Film jedoch die Brutalität der Situation, denn erschreckend war an Zimbardos Experiment die wachsende Begeisterung der Wärter für ihre im Verlauf immer aggressiver ausgeübte Tätigkeit. Noch verstörender wirkt die bei Zimbardo beschriebene Passivität der Gefangenen, die weder Widerstand noch Solidarität zeigten. Einige versuchten zwar, ihre Entlassung durch Bitten zu erwirken und verlangten einen Anwalt. Sie wurden vor ein „Tribunal“ unter Vorsitz Zimbardos geführt, das ihnen gnädig eine Prüfung ihres Ansinnens versprach, und ließen sich dann in ihre Zelle zurückführen. Nun waren seine Versuchspersonen gut angepasste US-Bürger, die vermutlich meist der Mittelschicht entstammten. Ob andere Gruppen ebenso willfährig gewesen wären, darf zum Glück bezweifelt werden. Der Kinofilm lässt die Handlung hier dramatischer werden, bis zur erfolgreichen Revolte. Dies opfert einerseits die Dokumentation der Befriedigung von Zuschauerbedürfnissen und erzählt ein Heldenepos, wo man vor deprimierender Realität warnen könnte. Andererseits macht es Mut immerhin zum Widerstand durch dieses Vorbild.

Hätte Zimbardo ins Gefängnis gehört?

Philip Zimbardo legt Wert darauf, dass die Einsperrung niemals mit Gewalt oder deren expliziter Androhung durchgesetzt wurde. Er hielt das offenbar fälschlich für die ethische Grenze wissenschaftlichen Handelns. Sogar das deutsche Strafrecht (als absolutes ethisches Minimum menschlichen Handelns) sieht das jedoch anders: Nicht nur mit Zwang und Gewalt kann der Straftatbestand einer Freiheitsberaubung erfüllt werden, sondern auch mit List, worunter spätestens die simulierte Verhaftung der Probanden zu subsummieren wäre. Zimbardo und seine Helfer Craig Haney und Curtis Banks hätten sich nach diesen Maßstäben eigentlich vor Gericht verantworten müssen.

Der Militärpsychologie-Kritiker Peter Watson bezweifelt jedoch, dass Zimbardos Studie überhaupt auf die Erforschung der Sozialpsychologie des Gefängnisses abzielte. Die beträchtlichen Gelder dafür erhielt die Universität von Stanford nach Watsons Recherchen vom Office of Naval Research, also von der Marineforschung. Viele Merkmale des Zimbardo-Gefängnisszenarios deuten in der Tat eher auf eine Studie zu militärischen Gefangenenlagern bzw. auf Verhör- und Folterforschung und die US-Marine ist für ihre Militärpsychologie berüchtigt.

1975 sprach Peter Watson, so berichtet er in seinem Buch,  in Oslo auf einer Nato-Konferenz zu Stress und Angst mit einem US-Militärpsychologen namens Dr. Narut, der auf Versuchsergebnisse zur Bewältigung von „Tötungsstress“ aus war. Auf Watsons Nachfragen erklärte Narut dem Kollegen leutselig, es ginge um die Ausbildung von Kommandoeinheiten der Marine, die als Botschaftspersonal getarnt im Ausland „illegale Tötungen“ durchführen sollten: Es ging um Killer. Ziel war also die Vorbereitung von Staatsverbrechen übelster Sorte, wie sie die Westmedien in ihrer Filmindustrie tausendfach den Kommunisten, Chinesen und Russen andichtete, die sich mit finsteren schwarzen Schnurrbärten bzw. den gern auch so benannten „Schlitzaugen“ durch die Agentenfilme mordeten. James Bond, Emma Peel und John Steed (Serie dt. „Mit Schirm, Charme und Melone“) töteten dagegen, wenn überhaupt, nur die übelsten Schurken und nur in Notwehr. Von solcher als Kriegspropaganda zu bewertenden Produktion der westlichen Kulturindustrie ist der Kinofilm „Das Experiment“ glücklicherweise weit entfernt.

Filmemacher und ihre Angst vor der Politik

Enttäuschenderweise übergeht Hirschbiegels Film aber den politischen Hintergrund (also den Kalten Krieg) der unethischen Methoden des Ursprungsexperiments. Nur ein einziger Nebensatz des Drehbuchs nennt ominöse „Gelder von der Bundeswehr“, fragt aber nicht nach deren Zweck. Und zur „Ausgewogenheit“ (nach diesem kurzen Anfall kritischen Denkens) proklamiert ausgerechnet der zu Abhärtungs- oder Testzwecken eingeschleuste stramme Major der Luftwaffe (Christian Berkel) die Menschenrechtserklärung in die Videokameras der Psychologen, bis die Wärter ihn fesseln und knebeln. Noch dazu wird ausgerechnet der taffe Major dann zum Retter für den geqälten Querulanten Moritz Bleibtreu -was eine schöne Imagepflege für die Bundeswehr in den Film integriert.

Psychologische Forschung wurde von Hirschbiegel somit als solche nicht hinterfragt bzw. auf das allgemein Menschlich-Pathologische reduziert. Dabei wäre die Frage nach den eigentlichen Auftraggebern und Hintergründen der Zimbardo-Versuche der spannendere, aber eben auch politischere Thrillerstoff gewesen. Und sobald ein Film politisch zu werden droht, so wird Filmemachern heute wohl eingebläut, wollen die Zuschauer ihn nicht mehr sehen, weil sie dann mit dem gefürchteten „erhobenen Zeigefinger“ belehrt werden könnten. Aber könnte dies nicht vielmehr ein von anderen „erhobenen Zeigefingern“ in Filmhochschulen gelehrtes Klischee sein, mit dem Zweck, die kulturelle Hegemonie der westlichen Machteliten zu schützen? Bei „Das Experiment“ wäre jedenfalls mehr Politik sicherlich drin gewesen, ohne den Film langweilig zu machen. (Eine Kurzfassung dieser Film- und Psychologie-Kritik erschien als „Im Auftrag des Heeres“ in der taz)

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Mark Lombardi: Ästhetik der Konspiration

Thomas Barth

Ein deutscher Dokumentarfilm von Realfictionfilm über Leben und Werk von Mark Lombardi, der dubiose Transaktionen der Finanzindustrie verfolgte

Lombardis „Narrative Structures“ sind elegante Organi- und Soziogramme, Bleistift auf beigem Papier: Eine künstlerisch bemerkenswerte Serie von Zeichnungen, Diagramme mit visuellen Darstellungen, die Machtbeziehungen der globalen Wirtschaft und Politik darstellen. Jetzt läuft in deutschen Kinos der Film „Mark Lombardi: Kunst und Konspiration“ über Leben und Werk des Künstlers, der sich, laut offizieller Darstellung, am 22.März 2000 das Leben nahm.

In ihrer betont unaufgeregten Dokumentation porträtiert Wegner posthum einen bemerkenswerten Künstler, der fast investigativ-journalistische „Elitenforschung betrieb. Im Internet ein Phänomen, ist Lombardi in Deutschland über die engere Kunstszene hinaus noch weitgehend unbekannt.

Lombardis „Narrative Structures“ sind elegante Organi- und Soziogramme, Bleistift auf beigem Papier: Eine künstlerisch bemerkenswerte Serie von Zeichnungen, Diagramme mit visuellen Darstellungen, die Machtbeziehungen der globalen Wirtschaft und Politik darstellen. Jetzt läuft in deutschen Kinos der Film „Mark Lombardi: Kunst und Konspiration“ über Leben und Werk des Künstlers, der sich, laut offizieller Darstellung, am 22.März 2000 das Leben nahm.

Wegener recherchierte und drehte für diesen Film monatelang in den USA. Visuell arbeitet sie mit Bildern, die man aus journalistischen Enthüllungsfilmen kennt, mit Aufnahmen imposanter Gebäudefassaden, Experten- und Zeugen-Interviews, Kamerafahrten hinab ins Archiv Lombardis. Doch statt den sonst auf Betrachter einprasselnden Fakten und atemlosen Reporterberichten begleitet die Aufnahmen oft Schweigen, die Gespräche und Kommentare sind ruhig, lassen Zeit zum Nachdenken. Ähnliche Eindrücke in einem vergleichbaren Kontext weckte bislang nur der Film von Gerhard Friedl: „Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?“ Die bemerkenswerte Kameraführung ist Sophie Maintigneux zu verdanken, die schon mit Godard filmte.

An den Zeichnungen Lombardis ist die exakte Raumaufteilung zu bewundern, auch die akribische Ausführung der auf den ersten Blick wie florale Ornamente wirkenden, quadratmetergroßen Diagramme. Im Film wie im Netz sind die Bilder schwer darstellbar, es gibt zu viele Details, man verliert schnell den Überblick. Der Inhalt der Kunst von Mark Lombardi (1951-2000) sind Zeichnungen über Verbindungen von Finanzwelt und internationalem Terrorismus, über Oliver North und die Iran-Contra-Affäre bis hin zur Verstrickung der Bush-Familie mit Bin Laden, die Lombardi lange vor den 9/11-Anschlägen dokumentierte.

Mark Lombardi begann 1995, zunächst wenig beachtet, in Houston seine Zeichnungen auszustellen. Erste größere Aufmerksamkeit weckte er im Rahmen einer Gruppenausstellung im Drawing Center, SoHo 1997. Er zog nach New York und hatte seine erste Einzelausstellung, “Silent Partners“, im Jahr 1999 in der Galerie Pierogi 2000, die heute noch seine Werke im Bestand führt, dann folgte “Vicious Circles“ in der Devon Golden Gallery in Chelsea. Es war ein kurzer, aber stetiger Anstieg der Aufmerksamkeit: Lombardis Arbeiten wurden inzwischen weltweit in zahlreichen Museen und Galerien ausgestellt.
Die Kunstkritikerin Frances Richard meint, dass Lombardi mit seinem Begriff „Narrative Strukturen“ stillschweigend zugab, seine kartographierte Konversation sei eine konstruierte Fantasie, eine abenteuerliche und vorsätzliche Verwechslung von quantitativer und qualitativer Analyse. Karten gehören für sie in den Bereich von Zahlen und Körperlichkeit (oder scheinen dorthin zu gehören), während das Gespräch ein durch und durch subjektiver, immaterieller Prozess ist. Dennoch mutet es geradezu hellseherisch an, wie Lombardi die Themen vorauszusehen schien, die uns seitdem beschäftigen. #

Langfassung des Beitrags:

Ästhetik der Konspiration

Thomas Barth 05.07.2012

Ein deutscher Dokumentarfilm über Leben und Werk von Mark Lombardi, der dubiose Transaktionen der Finanzindustrie verfolgte

Lombardis „Narrative Structures“ sind elegante Organi- und Soziogramme, Bleistift auf beigem Papier: Eine künstlerisch bemerkenswerte Serie von Zeichnungen, Diagramme mit visuellen Darstellungen, die Machtbeziehungen der globalen Wirtschaft und Politik darstellen. Jetzt läuft in deutschen Kinos der Film „Mark Lombardi: Kunst und Konspiration“ über Leben und Werk des Künstlers, der sich, laut offizieller Darstellung, am 22.März 2000 das Leben nahm.

Ihr gehe es nur um die Kunst, sie wolle sich auf diese Verschwörungstheorien gar nicht einlassen, so die Regisseurin Mareike Wegener. In der Diskussion nach der Premiere ihres Films im Hamburger Kino Metropolis räumt sie jedoch ein, man käme nicht ganz an der Beschäftigung mit diesen Dingen vorbei. Dies sei eben der Inhalt der Kunst von Mark Lombardi (1951-2000), seiner Zeichnungen über Verbindungen von Finanzwelt und internationalem Terrorismus, über Oliver North und die Iran-Contra-Affäre bis hin zur Verstrickung der Bush-Familie mit Bin Laden, die Lombardi lange vor den 9/11-Anschlägen dokumentierte.

Wegener spricht zurückhaltend, fast schüchtern über ihr Werk, für das sie monatelang in den USA recherchierte und drehte. Visuell arbeitet sie mit Bildern, die man aus journalistischen Enthüllungsfilmen kennt, mit Aufnahmen imposanter Gebäudefassaden, Experten- und Zeugen-Interviews, Kamerafahrten hinab ins Archiv Lombardis. Doch statt den sonst auf Betrachter einprasselnden Fakten und atemlosen Reporterberichten begleitet die Aufnahmen oft Schweigen, die Gespräche und Kommentare sind ruhig, lassen Zeit zum Nachdenken. Ähnliche Eindrücke in einem vergleichbaren Kontext weckte bislang nur der Film von Gerhard Friedl: „Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?“

In ihrer betont unaufgeregten Dokumentation porträtiert Wegner posthum einen bemerkenswerten Künstler, der seinem Professor schon bei der ersten Seminararbeit als besonderes Recherche-Talent auffiel: Statt nur einen Malstil zu beschreiben, hatte Lombardi eine ganze Epoche aufgearbeitet, samt internationalen Bezügen, detailversessen Hunderte von Quellen zusammengetragen – diese Fähigkeiten sollte er Zeit seines Lebens weiter entfalten. Der Film hält Distanz zu den Zeugen und zu Lombardi, dessen Stern als vielversprechender Künstler nur wenig Zeit hatte aufzusteigen.

In 1994 I began a series of drawings I refer to as „narrative structures.“ Most were executed in graphite or pen and ink on paper. Some are quite large, measuring up to 5×12 feet. I call them „narrative structures“ because each consists of a network of lines and notations that are meant to convey a story, typically a recent event of interest to me, like the collapse of a large international bank, trading company, or investment house. One of my goals is to explore the interaction of political, social, and economic forces in contemporary affairs. Mark Lombardi, The Recent Drawings: An Overview

Mark Lombardi begann 1995, zunächst wenig beachtet, in Houston seine Zeichnungen auszustellen. Erste größere Aufmerksamkeit weckte er im Rahmen einer Gruppenausstellung im Drawing Center, SoHo 1997. Er zog nach New York und hatte seine erste Einzelausstellung, “Silent Partners“, im Jahr 1999 in der Galerie Pierogi 2000, die heute noch seine Werke im Bestand führt, dann folgte “Vicious Circles“ in der Devon Golden Gallery in Chelsea. Es war ein kurzer, aber stetiger Anstieg der Aufmerksamkeit: Lombardis Arbeiten wurden inzwischen weltweit in zahlreichen Museen und Galerien ausgestellt.

Der Künstler, der Elitenforschung betrieb

Dennoch ist Lombardi in Deutschland über die engere Kunstszene hinaus noch weitgehend unbekannt, wie der fast leere Kinosaal in Hamburg bezeugen konnte. Die meisten Besucher interessierten sich für die rein künstlerische Seite, begeisterten sich für die Kameraführung, Sophie Maintigneux zu verdanken, die schon mit Godard filmte. Interesse galt auch den Zeichnungen Lombardis, man bewundert die exakte Raumaufteilung, auch die akribische Ausführung der auf den ersten Blick wie florale Ornamente wirkenden, quadratmetergroßen Diagramme. Im Film wie im Netz sind die Bilder schwer darstellbar, es gibt zu viele Details, man verliert schnell den Überblick. Nur wenige Fragen bezogen sich auf die Inhalte hinter der Kunst, ein Besucher des Metropolis wies auf die Website They Rule hin, ein weiterer auf den deutschen Professor Hans-Jürgen Krysmanski (Wer die Fäden zieht), der sich soziologisch mit Power Structure Research befasst, jenem Gebiet, das am ehesten Lombardis Kunst in den Wissenschaften entspricht.

Elitenforschung, Power Structure Research, wird nicht nur von professionellen Sozialwissenschaftlern getrieben, sondern auch von Journalisten, watchdog groups, politischen Parteien, Aktivisten in sozialen Bewegungen, Gewerkschaftern, Nerds und sogar von Künstlern. Der amerikanische Maler Mark Lombardi (1951-2000) nahm seinerzeit politische und Finanz-Skandale zum Anlass, großformatige Diagramme der beteiligten Personen und Personengruppen anzufertigen, die einerseits auf dem Kunstmarkt reüssierten, andererseits aber schmutzige Deals und kriminelle Aktivitäten der oberen Zehntausend festhielten. Lombardi hatte sich eine private Datenbank mit über 12 000 Karteikarten angelegt. Seine Kunst überschritt ständig die Grenze zum investigativen Journalismus und zum Verschwörungsdenken, so dass sich vor seinem mysterösen Tod – er wurde erhängt in seinem Atelier aufgefunden – auch das FBI für seine Diagramme zu interessieren begann. Für mich ist Lombardi ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass Power Structure Research auch Graswurzelforschung sein kann.

Wer war der Mensch hinter den seltsamen Zeichnungen? An Spekulationen über den offiziell als Selbstmord deklarierten Tod Lombardis beteiligt sich Mareike Wegener bewusst nicht. Nur wenige von ihr Interviewte deuten ihr Unverständnis an, allein den Eltern wird mehr Raum gegeben, Zweifel an der Suizidtheorie der Polizei zu äußern. Die Dokumentation bleibt auch hier sachlich und nüchtern, verzichtet auf jede reißerische Darstellung. Intensive Einstellungen fangen dennoch Resignation und Trauer ein. Auch weitere Verwandte und Freunde werden im Film zurückhaltend befragt, erzählen von abgehörten Telefonaten, späteren Interventionen des Heimatschutzministeriums und einer FBI-Beamtin, die nach den 9/11-Anschlägen eine Zeichnung beschlagnahmen ließ. Letztlich teilt der Betrachter des Films die Ratlosigkeit der Interviewten.

Kartografie der Schwarzgeldströme

Kann Lombardis Biographie Antworten geben? Sie wurde bereits in der Vergangenheit Ziel von Spekulationen. Nach seinem Tod im Jahr 2000 brachte die New York Times ein kurzes Porträt über „den Künstler, der sich von Skandalen inspirieren ließ“. Mark Lombardi wurde 1951 in Syrakus geboren, wo er studierte und eine Bachelor-Prüfung in Kunstgeschichte an der Syracuse University ablegte. Nach seinem College-Abschluss zog er nach Houston, wo er kurz die Stelle des stellvertretenden Kurators am Museum of Contemporary Art bekleidete. Dann betrieb Lombardi eine kleine Galerie, um sich nebenher der abstrakten Malerei zu widmen. Er begann mit seinen Zeichnungen 1993, inspiriert durch ein beim Telefonieren gekritzeltes Diagramm, ein befreundeter Banker hatte ihm über den Skandal der US-Sparkassenkrise berichtet.

Damals war es in Folge der ersten Deregulierungswelle im Finanzsektor durch Ronald Reagan zu Spekulationsblasen und betrügerischen Bankrotten gekommen: Ein kleiner Vorgeschmack auf die Dot-Com-Blase 2000 und die große Bankenkrise 2008, die uns heute als Staatsschuldenkrise weiter verfolgt. Soweit die NYT. In Wikipedia liest man eine andere Version: Es ging in dem Telefonat um den Iran-Contra-Skandal, genauer: um den Waffenhändler Adnan Khashoggi, dessen Beziehungen Lombardi in einem einfachen Baumdiagramm dargestellt habe. Beide Bezüge weisen auf das besondere Interesse Lombardis an mafiösen Strukturen der Finanzwelt hin.

In einem der wenigen von ihm überlieferten Texte: The ‚Offshore‘ Phenomenon: Dirty Banking in a Brave New World geht er den Schwarzgeldströmen nach, die Steuerhinterziehung, Drogen- und Waffenhandel sowie die Geheimdienste einbeziehen, fordert ein Verbot der Schattenökonomie, wie später die Globalisierungskritiker von Attac. Sein Text liest sich wie die sorgsam rekonstruierte Vorgeschichte der aktuellen Finanzkrise:

The first truly modern multinational tax evaders arose in the United States in the 1920s. They were men like Joseph P. Kennedy, father of the late president, a stock manipulator and liquor importer (…). Another was Meyer Lansky, (…) whose revenues came primarily from bootlegging, illegal gambling, loansharking and prostitution, employed couriers and bagmen to carry their ill-gotten loot to banks overseas, primarily in Canada, Switzerland, and the Bahamas. By the mid-l930s many large US-based corporations had also begun to get in on the act by setting up foreign subsidiaries and affiliates, particularly in the United Kingdom and Bermuda, as vehicles for various kinds of financial gimmickry.

Lombardi: The „Offshore“ Phenomenon

Doch Lombardi war kein Aktivist, er verwandelte seine Erkenntnisse in Kunst, damit entkam er einer Subsummierung unter die Rubrik „Verschwörungstheorie“. Zweifellos kann man seine Werke einfach als Kunst genießen. Die Kunstkritikerin Frances Richard meint, dass Lombardi mit seinem Begriff „Narrative Strukturen“ stillschweigend zugab, seine kartographierte Konversation sei eine konstruierte Fantasie, eine abenteuerliche und vorsätzliche Verwechslung von quantitativer und qualitativer Analyse. Karten gehören für sie in den Bereich von Zahlen und Körperlichkeit (oder scheinen dorthin zu gehören), während das Gespräch ein durch und durch subjektiver, immaterieller Prozess ist.

Dennoch mutet es geradezu hellseherisch an, wie Lombardi die Themen vorauszusehen schien, die uns seitdem beschäftigen. Wie kam er zu seinen Ideen, wie zu den Informationen? Lombardi las täglich mehrere Zeitungen, viele Bücher und zog seine Information ausschließlich aus öffentlichen Quellen. Er erstellte ein Archiv mit über 12.000 Karteikarten voll Information über Verbindungen von Macht, Geld und Personen, mit nachvollziehbarer Quellendokumentation. In einem künstlerisch kreativen Akt schuf er dann ein Organigramm zu einer Thematik, die ästhetische Gestaltung mit präziser Tatsachendarstellung verband. Bislang wurden, soweit bekannt, die Archivdaten noch nicht weiter ausgewertet – soziologische Forscher zeigten ebenso Interesse wie das FBI.

Kassel stellte auch das Opus Magnum Lombardis aus: „BCCI-ICIC & FAB, 1972-91“, jenes Bild, das nach 9/11 2001 vom FBI konfisziert wurde. Wegener beschreibt in ihrem Film, wie dieses Bild im Jahr 2000 vor einer wichtigen Ausstellung New Yorker Museum PS 1 zerstört wurde – ein Defekt in der Sprinkleranlage des Ateliers. Lombardi arbeitete bis zur Erschöpfung an einer Restaurierung, aber schon drei Wochen später fand man ihn erhängt in seiner Wohnung. Ein Suizid scheint unverständlich, so kurz nach einem großen öffentlichen Durchbruch seiner Kunst. Das 3sat-Magazin Kulturzeit sagt über das Bild:

Die Bank of Credit and Commerce, kurz BCCI, stand in den 1980er Jahren im Zentrum eines riesigen Bankenskandals. BCCI war keine normale Bank, ihre Manager waren Geheimdienstleute. Ihr einziger Zweck: Gelder waschen, korrupte Politiker schmieren, Waffengelder schleusen.

Lombardis Werk nahm künstlerisch Erkenntnisse auch der Ökonomen vorweg, so wirkt zumindest ein Blick auf sein Bild World Finance Corporation and Associates, ca. 1970-84, vergleicht man es mit Ergebnissen der ETH Zürich zur Vernetzung der 147 mächtigsten Großkonzerne der Welt (meist Banken), deren Studie „The network of global corporate control“auch Korruptionsforscher wie Werner Rügemer inspirierte (Die Macht der Rating-Agenturen).

Lombardi las Bücher über Korruption, politische Verbrechen und Geldwäsche, verfolgte die dubiosen Transaktionen der Finanzindustrie – zweifellos ungewöhnlich für einen Künstler. Ob seine Zeichnungen uns je als Tapetenmuster begegnen werden, wie Motive van Goghs? Ihre Ästhetik würde dies rechtfertigen, ihr zeitkritischer Inhalt ebenso und vermutlich wäre es auch im Sinne ihres Schöpfers. Der Kunsthistoriker Robert Hobbs glaubt in Wegeners Film, die Motivation Lombardis zu kennen: Er wollte die Menschen anstiften, die Welt zu verändern.#

Hier eine ähnliche Idee, umgesetzt mit deutschen Firmen/Vereinen
MOBLOG-Projekt „Verstrickungen“: INSM, Atlantikbrücke, Bertelsmann