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Filmkritik: Der wunderbare Garten der Bella Brown

Thomas Barth

„Der wunderbare Garten der Bella Brown“ ist ein modernes Märchen aus einem idyllisch-kleinstädtisch im Retrostil präsentierten London. Der mit warmherzigem Humor überzeugende Film ähnelt nicht nur vom deutschen Titel her dem Klassiker „Die fabelhafte Welt der Amélie“, auch Filmmusik und Stimmung erinnern daran und die Hauptfigur ist ähnlich verträumt angelegt.

Bella Brown (Jessica Brown Findlay, „Downtown Abbey“) ist ein wunderschönes, aber etwas sonderbares Mädchen, das -märchengerecht- als Findelkind im Kloster groß wurde. Nun ist sie Bibliothekarin, Bücherwurm und versucht sich auf einer alten Schreibmaschine als Schriftstellerin. Leider ist sie sehr gehemmt und zwangsneurotisch, hat eine peinlich aufgeräumte Wohnung, feste Gewohnheiten und kontrolliert immer mehrfach, ob sie ihre Haustür auch wirklich abgeschlossen hat. Bella hat sieben Zahnbürsten, für jeden Wochentag eine, in wohl sortierten Gläsern sammelt sie Gummibänder, Münzen und skurrile Dinge. Ihr einziges Problem: Zur Wohnung gehört auch ein kleiner Hinterhofgarten und dort wuchert ein verwahrloster Urwald, denn Bella mag die Natur nicht und verabscheut Gartenarbeit. Das ärgert ihren Nachbarn, Mr. Stephenson (Tom Wilkinson), einen alten Griesgram und Gartenfanatiker, der sich beim Vermieter über Bellas Unkrautacker beschwert. Der Miesepeter ist reich und hält sich den irischen Meisterkoch Vernon (Andrew Scott, bei Benedict Cumberbatch „Sherlock“ spielt Scott den bösen Superschurken Moriati), der aber aufmüpfig auf Bellas Seite wechselt als ein Hausverwalter sie wegen Vernachlässigung ihrer Gärtnerpflichten prompt aus ihrer Wohnung werfen will. Vernon kennt seine Rechte ganz genau und holt unter Verweis auf Mieterschutzgesetze eine vier Wochen-Gnadenfrist für Bella heraus.

Regeln sind auch an Bellas Arbeitsplatz sehr wichtig, denn in der Bibliothek führt ihre Vorgesetzte Miss Bramble (Anna Chancellor) ein strenges Regiment der absoluten Ruhe. Daran kann sich der chaotisch-geniale, aber überaus charmante Erfinder Billy (Jeremy Irvine, „Gefährten“) nur schwer halten. Bellas zartes Begehren weckt der attraktive junge Mann mit den vielen Papierrollen geheimnisvoller Konstruktionspläne, zwischen denen er verbotenerweise mitgebrachte Pausenbrote versteckt. Bellas Gefühle treffen zwar auf Gegenliebe bei dem für fragil-mechanische Geschöpfe schwärmenden Genius, doch versehentlich bricht er ihr das Herz. Dabei hat sie gar keine Zeit für Liebeskummer, denn die Uhr tickt und ihr Garten muss dringend gepflegt werden. Leider kann Koch Vernon ihr wegen Heuschnupfen dabei nicht helfen. Aber während der grummelnde Mr.Stephenson nebenan darben muss, bekocht er die bislang von Konserven lebende Bella mit exquisiten Leckereien. Schließlich muss Bella selbst Hand an ihren Garten anlegen und sich zunächst einmal allein durch ihr -für sie beängstigendes- Gestrüpp kämpfen (wofür ein Psychoanalytiker sicher eine interessante Deutung finden könnte). Zuletzt öffnet sich heftig die Zuckerdose der Happy-End-Pandora und -anders als im US-amerikanischen Kino üblich- kommen hier nicht nur die Harten in den Garten.

„Der wunderbare Garten der Bella Brown“ ist ein romantisches Filmmärchen, Wohlfühlkino, das von liebevoll gezeichneten skurrilen Figuren lebt und nur gerade soviel Konfliktstoff zeigt, dass es nicht langweilig wird. Er schmeckt nach britischen Süßigkeiten, eigentlich mit mehr Zucker als die Polizei erlaubt, aber gerade darum lieben wir sie.

Der wunderbare Garten der Bella Brown, (Originaltitel „This Beautiful Fantastic“), Komödie, UK/USA 2016, R: Simon Aboud, D: Jessica Brown Findlay, Andrew Scott, Jeremy Irvine, 92 Minuten, *** 3,5 von 5 Sternen, Kinostart: 15. Juni 2017

erschien auf www.filmverliebt.de

English:

„This Beautiful Fantastic“

„This Beautiful Fantastic“, titeled in the german cinema „The wonderful garden of Bella Brown“, is a modern fairy tale from an idyllic, small-town in the retro-styled London. The film, with its warm hearted humour, is not only reminiscent of the German title of the french classic „The Fabulous World of Amelie“, but also film music and mood recall and the main character is similarly dreamy.
Bella Brown (Jessica Brown Findlay, „Downtown Abbey“) is a beautiful, but somewhat strange girl who-fairy tale-was foundling in the monastery. Now she is a librarian, a bookworm, and she tries to work on an old typewriter as a writer. Unfortunately, she is very inhibited and obsessively neurotic, has an embarrassingly tidy apartment, fixed habits and always checks repeatedly whether she has really completed her front door. Bella has seven toothbrushes, for every weekday one, in well-assorted glasses she collects rubber bands, coins and quirky things. Her only problem: The apartment also includes a small backyard garden and there grows a bedraggled jungle, because Bella does not like nature and abhors gardening. That annoys your neighbors, Mr. Stephenson (Tom Wilkinson), an old curmudgeon and garden fanatic who complains to the landlord about Bella’s weed field. The Sourpuss is rich and holds the Irish Master Chef Vernon (Andrew Scott, at Benedict Cumberbatch „Sherlock“ plays Scott the evil Super Rogue Moriati), but who changes rebellious on Bellas side as a caretaker she wants to promptly throw out of her apartment because of neglecting her gardener duties. Vernon knows his rights quite accurately and, with reference to tenant protection laws, brings out a four-week grace period for Bella.
Rules are also very important in Bella’s workplace, because in the library her superiors Miss Bramble (Anna Chancellor) leads a strict regiment of absolute tranquility. The chaotically ingenious, but very charming inventor Billy (Jeremy Irvine, „companions“) can only be difficult to hold on to this. Bella’s desire awakens for the attractive young man. Billy visits the library with the many paper rolls of mysterious construction plans, between which he conceals forbidden sandwiches. Billy and Bella are falling in love. Luckily the young genius is keen on fragile mechanical creatures, but then he accidentally breaks her heart. She has no time for love, because the clock is ticking and her garden needs to be cared for urgently. Unfortunately, the clever cook Vernon can’t help her because of hay fever. But while the grumbling Mr. Stephenson next door must starve, Vernon cooks for Bella exquisite treats.  After all, Bella has to subdue her garden with her own hands and to fight against the jungle alone (for which a psychoanalyst could certainly find an interesting interpretation). Lastly, the sugar can of the happy-end-Pandora is opening up here in the garden.
„The wonderful garden of the Bella Brown“ is a romantic film fairy tale, well-being cinema that lives on affectionately drawn whimsical figures and only just so much conflict shows that it becomes not boring. It tastes like British candy, actually with more sugar than the police allowed, but that’s why we love it.

Filmkritik: Nichts zu verschenken (Radin!)

Filmkritik von Thomas Barth radin

Komödie, R: Fred Cavayé, D: Dany Boon, Noémie Schmidt, Laurence Arné, Patrick Ridremont; Wild Bunch, Kinostart 6.April 2017

Die Komödie von Fred Cavayé setzt Frankreichs strahlenden Komikstar Dany Boon gekonnt und mit viel Herz in einer wendungs- und temporeichen Handlung in Szene. (**** 4/5 Sternen)

Der Geiger François Gautier (Dany Boon) ist virtuos in seinem Fach, aber auch ein notorischer Geizhals. Eine Art Familienfluch lastet auf ihm, denn sein Vater war ein hemmungsloser Verschwender und seine davon entnervte Mutter nahm dem Fötus François noch im Mutterleib das Versprechen ab, niemals so zu werden wie ihr Ehemann. 40 Jahre später lebt der inzwischen erfolgreiche Geiger im geerbten Elternhaus, wartet abends mit dem Lesen von Rechnungsbelegen im Dunkeln, bis endlich die Laterne vor seinem Fenster eingeschaltet wird. Er spart an Strom, Essen, Kleidung und macht sich durch seinen Geiz allseits unbeliebt. Aber nicht bei allen: Die plötzliche Zuneigung der schönen Cellistin Valérie (Laurence Arné), droht Gautiers Gefühlswelt gehörig durcheinander zu bringen.

Geld auszugeben löst Panikattacken bei Gautier aus, so wundert man sich nicht, ihn in einer Einstellung auf der Couch eines Therapeuten liegend zu sehen. Wie sich herausstellt, ist es jedoch sein Banker -Gautier würde niemals Geld für eine Therapie ausgeben-, der dem Sparfuchs wiederholt seinen Kontostand vorlesen muss (250,456,- Euro). Der Banker gibt seinem besten Kunden jedoch keine Anlagetipps, sondern rät ihm sehr französisch, aber etwas berufsuntypisch, doch endlich mal etwas von seinem Geld auszugeben, etwa um die schöne Cellistin zum Essen auszuführen. Das leuchtet Gautier ein, doch er entwickelt lieber einen Plan, die schüchterne Kollegin kostenfrei auszuführen -was natürlich in einem Fiasko enden muss.

Als eines Tages ohne Vorwarnung die 16-jährige Laura (Noémie Schmidt, 25) vor seiner Tür steht und ihm offenbart, dass sie seine Tochter ist, will Gautier ihr kein Wort glauben. Er fürchtet einen Trickbetrug und versucht sie abzuwimmeln. Doch Laura gibt nicht auf und schlägt solange Lärm, bis ihr Vater sie aus Scham vor den Nachbarn einlässt. Es stellt sich heraus, dass sie die Frucht einer einzigen Liebesnacht mit einer fast vergessenen Jugendliebe ist, die, von ihm zur Kontrolle angerufen, die Geschichte Lauras bestätigt und Gautier an das damals von ihm verwendete abgelaufene Kondom erinnert. Er solle sich vier Wochen um Laura kümmern, da sie, die Mutter, mit ihrer Harfe auf Tournee nach Indien müsse. Höchst unwirsch lässt der geizige Geiger dies zu, verlangt sogar Miete von Laura. Doch diese wirbelt sein Leben auch in positiver Weise durcheinander, bis hin zu seiner Läuterung nach Enthüllung eines dunklen Geheimnisses.

Fred Cavayé und Dany Boon

Regisseur Fred Cavayé, bislang mit drei Thrillern aufgetreten, (Ohne Schuld, Point Blank, Mea Culpa), knüpft mit dieser Komödie an humoristische Kurzfilme früher Schaffensphasen an. Im Tempo seiner Inszenierung verknüpft er Spannung mit Herz und Humor. Dany Boon gibt mit Bravour den zwar sympathischen, aber zwangsneurotischen Pfennigfuchser. Frankreichs Top-Comedian Dany Boon schrieb 2008 Filmgeschichte mit seiner Komödie “Willkommen bei den Sch’tis” -mit Buch, Regie und als Darsteller: Mit 20 Millionen Besuchern löste er Louis de Funès als Publikumsliebling der Gallier ab (in Deutschland kamen immerhin noch 2 Millionen). Mit seinem Film “Der Superhypochonder” widmete er sich schon 2013 einem klassischen Komödienthema Molièrs. Nun, unter fremder Regie, beweist er auch Molièrs „Der Geizige“ gewachsen zu sein. Freilich nur im weitesten Sinne, denn anders als das um Werktreue bemühte „Louis, der Geizkragen“ (1980) von Louis de Funès, ist „Nichts zu verschenken“ nur dem Thema Geiz verpflichtet.

Fred Cavayé bewegt sich zwischen Märchen, Liebesfilm und Komödie. Man erinnert sich an Dany Boon in der genialen Actionkomödie „Micmacs -uns gehört Paris“ (2009, Regie Jean-Pierre Jeunet), aber auch an die Scheidungs-Komödie „Eyafjallajökull“ (2013, Regie Alexandre Coffre) wo Boon sich erbitterte Wortgefechte mit der Ex lieferte. Hier knüpfen seine Telefonate mit Lauras Mutter an, doch meist gibt sich Geiger Gautier wortkarg. Dies lässt eher an Rowan Atkinson denken, dem Boon in der französischen Fassung „Bean, le film le plus catastrophe 1997 die Synchronstimme lieh.

Quasi als „Mr.Bean mit Baguette“ stolpert Boon jetzt geizig-egoistisch und dennoch sympathisch durch die Katastrophen seines Violonistenlebens. Eine Schlüsselszene von 1997 lebt im aktuellen Film andeutungsweise wieder auf: Mr.Bean ist im genannten Film ein Londoner Museumswächter, der -in den USA für einen Kunstkenner gehalten- eine Rede auf ein berühmtes Gemälde halten soll. Wider Erwarten verblüfft er Museums- wie Filmpublikum durch eine grandiose und anrührende Ansprache. Boon kann hier an seine Bean-Adaptation anknüpfen, wenn er -ähnlich absurd- plötzlich zum Hauptredner einer Spendengala wird. Regie, Haupt- und Nebenrollen überzeugen: Hochkomisch, fintenreich und mit viel Herzblut -eine empfehlenswerte Komödie aus Frankreich. (**** 4/5 Sternen)

„Julieta“ -der neue Almodóvar ist ein ruhiger, schöner Film

Thomas Barth Julieta

Almodóvar betritt mit seinem neuen Film „Julieta“ wieder seriöses Terrain -nach der Travestiekomödie „Fliegende Liebende“ und dem Horror-Thriller „Die Haut, in der ich wohne“, geht es hier um eine tragische Beziehung von Mutter und Tochter. Eine lesbische Liebe wird in ihrer Verstrickung mit Vorstellungen von Sünde nur angedeutet, die Frauen, um die sich auch dieser Almodóvar dreht, kämpfen mit ganz normalen Schicksalsschlägen.

„Julieta“ beginnt mit starken Symbolen: Eine erotische Statue mit gewaltigem Penis, roter wallender Stoff, der die Anmutung einer Vagina bildet. Die Szene öffnet sich und man erkennt, dass Julieta (Emanuela Suárez), eine Frau um die fünfzig, ihre Habe in Kartons verpackt. Sie will mit ihrem Liebsten, Lorenzo, Madrid verlassen, um in Lissabon ganz neu anzufangen. Doch zuvor muss sie schnell noch eine Besorgung machen und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Sie trifft auf der Straße Beatriz, eine alte Freundin ihrer lange verschollenen Tochter Antía. Beatriz berichtet, sie habe Antía kürzlich in der Schweiz getroffen. Julieta kehrt erschüttert zurück in das Apartment und verschwindet mit ihren Sachen, um Lorenzo, der nichts von Antia weiß, Hals über Kopf zu verlassen. Sie kann nicht mehr nach Lissabon und nimmt sich eine Wohnung in jenem Haus, in dem sie vor langer Zeit mit Antia lebte. Dort schreibt sie ihrer inzwischen erwachsenen Tochter, die gerade 18 geworden, der Mutter den Rücken kehrte, und die inzwischen, wie Beatriz berichtete, selbst zwei Kinder hat, einen Brief. Almodóvar wechselt in eine Rückblende, die die blutjunge Julieta (Adriana Ugarte) zeigt.

Julieta erteilt auf einer Zugfahrt einem aufdringlichen älteren Mann, eine Abfuhr und verlässt ihr gemeinsames Abteil um lieber mit dem schönen jungen Fischer Xoan zu flirten. Kurz darauf nutzt der Alte einen Halt, um den Zug zu verlassen und sich auf die Schienen zu werfen. Julieta plagen Schuldgefühle, doch sie gibt sich dem verheirateten Xoan hin, der von seiner schon lange im Koma liegenden Frau erzählt hatte. Xoan schreibt ihr und sie, die in dieser einen Liebesnacht sein Kind empfing, reist ihm nach in sein Fischerdorf, um zu erfahren, dass just seine Frau starb, ohne noch einmal das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Was als Story kitschig klingt, wird von Almodóvar so raffiniert erzählt und in beeindruckende Bilder gefasst, dass sich eine überzeugende Geschichte entwickelt. Die Tochter Antia wächst glücklich auf, bis Xoan in einem Sturm auf See ertrinkt.

Es geht um enttäuschte Erwartungen, unerfüllte Träume und Sehnsüchte, aber auch um Illusionen und Selbstbetrug. Vor allem geht es um Schuld und Reue, die Menschen auseinander treiben. Almodóvar erzählt nach den Kurzgeschichten der kanadischen Nobelpreisträgerin Alice Munro („Runnaway“) die tragische Lebensgeschichte einer Mutter und ihrer Tochter -ohne zu werten oder zu moralisieren. Julieta zeigt ein neues, freies Spanien, sie lehrt Altphilologie und begeistert sich für griechische Mythen, die Abenteuer, das Meer und die Freiheit preisen.

Ursprünglich sollte „Julieta“ den Titel „Silencio“ tragen, was auf ein wichtiges Element der Handlung verweist: Ein Schweigen, das Unheil bringt. Almodóvars Film zeigt, dass immer dann Unheil droht, wenn die Protagonistin in Schweigen verfällt. Julieta verweigerte dem Alten im Zug das Gespräch, der sich dann umbringt, und Jahre später ihrem Xoan, der daraufhin trotz Sturmwarnung aufs Meer hinausfährt. Aber die Stille der Figuren und die Ruhe, die viele beeindruckende Bilder des Filmes ausstrahlen, machen diesen Almodóvar auch zu etwas Besonderem.

Visionen, Tod und Kautschuk: Filmkritik “Der Schamane und die Schlange”

Schamane_Filmbild3  Thomas Barth, 9.April 2016

Der Film verbindet Humor mit knallharter Kritik am Kautschuk-Kolonialismus zu einem visionären Trip in versunkene Kulturen des Amazonas: Kolumbiens künftiger Kinoklassiker.

Die Hauptfigur von El abrazo de la serpiente (eigentlich: Die Umarmung der Schlange) ist erstmals im kolumbianischen Kino ein Indigeno (Indio): Der nach Vernichtung seines Volkes durch „die Kolumbianer“ allein im Dschungel lebende Schamane Karamakate muss sich zweimal in seinem Leben mit sonderbaren Weißen herumschlagen. Den jungen Karamakate (Nilbio Torres) sucht der todkranke deutsche Ethnologe Theodor Koch-Grünberg (Jan Bijovet) auf, er will Heilung durch die geheimnisvolle Pflanze Yakruna.

Die heilige Blume Yakruna verheißt spirituelle Läuterung, verspricht aber auch besseres Kautschuk. 40 Jahre später findet der Botaniker Evans Schultes (Brionne Davis) den alten Schamanen (Antonio Bolívar); Evans sucht, geleitet von Grünbergs Reisebericht, die gleiche Pflanze. Beide Male lässt Karamakate sich widerwillig auf den Weißen ein, macht sich auf zwei abenteuerliche Reisen durch einen Dschungel, in dem einer faszinierenden Natur die Brutalität des Kolonialismus gegenübersteht.

Der Film des jungen Regie-Talents Ciro Guerra zieht den Zuschauer sofort in seinen Bann; faszinierende, fast mystische Naturaufnahmen saugen den Blick in die visionäre Welt des Karamakate, durch die der weiße Forscher als komische Figur in eine brutale Handlung stolpert. Für Zuschauer und Karamakate verschmelzen beide Weiße zu einer Person; raffiniert gesetzte Zeitsprünge lassen beide Handlungsstränge parallel auf ihr ebenso dramatisches wie inspirierendes Ende zutreiben. Bildgewaltig, humorvoll und bewegend greift der Film auf reale Ereignisse und historische Forscherpersönlichkeiten zurück.

Gebrochene Figuren und spirituelle Drogen

Die beiden Forscher werden als gebrochene Figuren vorgeführt, der Schamane_Filmbild4eine ein Irrer, der andere ein Betrüger. Theo, den sein treuer Gehilfe Manduca (Miguel D. Ramos) halbtot zu Karamakate schleppt, hängt in wahnsinniger Hartnäckigkeit an seinem Gepäck. Als der Schamane dies unterwegs kritisiert, “Du bist verrückt”, antwortet der Deutsche mit seligem Lächeln: “Ich weiß.” Theo will durch die Yakruna lernen zu träumen und verspricht Karamakate, dass er ihn zu letzten Überlebenden seines Stammes führen kann.

Evans will zu Anfang die heilige Yakruna von Karamakate für “viel Geld” kaufen und zeigt ihm zwei Ein-Dollar-Noten, doch der winkt ab, Geld stinke und sei nur etwas für Ameisen. Beide Forscher werden dennoch auch sympathisch dargestellt, Evans gewinnt den Schamanen für sich: “Ich habe mein Leben den Pflanzen gewidmet”; da findet Karamakate: “Das ist das Vernünftigste, was ich je von einem Weißen gehört habe.” Letztlich wird auch Evans zu einem Bewahrer der indigenen Kultur, die der Kolonialismus gnadenlos zerstört.

Optische Brillanz, überzeugende Darsteller in einer klugen Handlung und Bilder, welche die Fantasie nicht mehr loslassen, machen den Film zu einer faszinierenden Reise in die Welt des Amazonas. Die Kamera taucht tief in eine symbolisch aufgeladene Natur: Die Pflanzen des Dschungels sind mystischer Palast, rettende Heilkräuter, spirituelle Drogen und heilige Blume Yakruna. Eine lebendgebärende Boa windet sich in Schleim und aufplatzenden Eihüllen mit ihrem Nachwuchs, scheint ihre Kinder zu fressen. Karamakate träumt von einer Boa, die Theo das Unheil bringen wird. Oder ist der Weiße selber die Schlange, also die Gefahr? Schmetterlinge umschwärmen den mit halluzinogenen Tränken erleuchteten Karamakate wie Elfen. Ein Jaguar mit glänzendem Pelz beschleicht die Expedition als Verkörperung des Todes, bereit sich sein Opfer zu holen.

Chorrera: etnocidio cauchero

Doch wer nur in Naturromantik schwelgen will, sitzt hier im falschen esclavitud_indigenosFilm. Das Grauen des Kolonialismus fokussiert sich in Chorrera, einer “Gedenkstätte für die Opfer der Kautschuk-Völkermords” (Presseheft). Das ärmliche Anwesen Chorrera war christliches Missionszentrum und Kautschuk-Sammelstelle der Caucheros, der Kautschukbarone. Beide Handlungsstränge treffen hier auf höllische Zustände kolonialer Verbrechen: Der junge Karamakate trifft mit Theo und Manduca auf einen bewaffneten Mönch inmitten Dutzender Indigeno-Kinder. Es sind Waisen, die man im Namen Jesu nach Versklaven ihrer Eltern bzw. dem Abschlachten ihrer Stämme durch Caucheros “eingesammelt” hat. Nun werden die Kinder christianisiert, indem ihre Sprache und Kultur, angeblich nur “Dummheit und Kannibalismus”, aus ihnen heraus geprügelt wird.

40 Jahre später findet der alte Karamakate mit dem Botaniker Evans in Chorrera eine Sekte vor, die sich um einen irren Messias schart, Reisende mordet und das “Schlechteste beider Welten” in sich vereint. Theos Assistent Manduca ist ein befreiter Kautschuk-Sklave mit furchtbaren Narben auf dem Rücken. Er bekommt einen Wutanfall, als sie im Wald auf einen Indigeno treffen, der offenbar durch Abschneiden des rechten Armes zum Kautschuk-Sammeln verdammt wurde. Wenn Theo durch den Belgier Bijovet verkörpert wird, weckt dies Erinnerungen an die Kongogräuel, jenen Kautschuk-Völkermord, durch den der Belgische König Leopold II zu sagenhaftem Reichtum kam. In Belgisch-Kongo wurde Hunderttausenden die rechte Hand abgeschnitten, viele Millionen starben. Ciro Guerra bietet jedoch keine billige Lösung an, etwa durch Besiegen des Caucheros in Indiana-Jones-Manier. Er zeigt Grausamkeit und Leiden in einer glaubwürdigen Handlung, die zum Nachdenken anregt.

Entlarvte Filmklischees

Ciro Guerra bricht nicht nur mit eingefahrenen Erzählstrukturen, Filmklischees und Sehgewohnheiten, er parodiert und entlarvt sie geradezu –von leichter Hand fast nebenbei. Er dreht einen Film über den Amazonas, man erwartet grünen Dschungel, bekommt aber einen Schwarzweißfilm. Das Format suggeriert zeitweise einen Dokumentarfilm nach dem Muster: Weißer Ethnologe zeigt uns exotische Indianer. Doch wenn dort vor gönnerhaft lächelnden Forschern die Eingeborenen tanzen würden, so sehen wir hier den Anthropologen Theo, wie er vor den johlenden und klatschenden Indigenos Volkstänze seiner deutschen Heimat zeigt.

Im Kanu diktiert Theo seinem treuen Gehilfen Manduca einen Brief an seine Frau im fernen Deutschland, die er womöglich nie mehr wiedersehen wird. An dieser Stelle würde in klassischer Hollywoodmanier die Gefühlsorgel aufgedreht, um dem Zuschauer qua Weichzeichner und Filmmusik die schmalzigen Gefühle zu geigen, die er oder sie haben soll. Zielzustand: Wahlweise in platt manipulierter Rührung versinken (Frauenfilm) oder sich (Actiongenre) in gerechter Mordlust auf den nächstbesten Feind stürzen zu wollen, der uns das Schnulzidyll versalzen hat. Nicht so bei Ciro Guerra, der Karamakate fragen lässt, was denn Manduca da für den Weißen mache. Manduca erläutert belustigt, dieser drücke seiner Frau seine Gefühle aus, was auch den Schamanen zu unbändigem Lachen reizt. “Und wenn du wieder in Deutschland bist, wirst du dann mir deine Gefühle ausdrücken?”, fragt der heitere Weise den erbosten Weißen.

Der Schamane ist dabei kein stereotyper “Weiser Medizinmann”, Schamane_Filmbild2sondern schalkhaft und im Alter ratlos. Der alte Karamakate steht hilflos neben Evans vor einer mit Indigeno-Symbolen bemalten Felswand und kann nicht mehr erklären, was sie bedeuten. Sogar den Kokabrei Mambe muss Evans für die beiden zubereiten –der Schamane hat alles vergessen. (Das wäre etwa so, als würde man Albert Einstein vor einer Tafel mit seinen Formeln finden, doch er bekennt, nicht einmal mehr eine Tasse Kaffee kochen zu können.) Doch Karamakate findet im Lauf der Reise zu seinen Kenntnissen über halluzinogene Pflanzen zurück und weiß sie auch anzuwenden.

Der psychedelische Yakruna-Trip wird eindrucksvoll inszeniert: als einzige Farbsequenz in einem Schwarzweißfilm lässt er beim Zuschauer plötzlich die Neuronen der Sehrinde feuern, so dass die halluzinogene Wirkung fast nachempfunden werden kann. Anfangs womöglich noch leicht an die entsprechende Szene in “2001 –Odyssee im Weltall” angelehnt, entführt er uns rasch in mythische Bilderwelten der Indigenos. “El abrazo de la serpiente” ist sicherlich ein Film, den man mehrmals sehen sollte.

Die historischen Personen

Die beiden von Ciro Guerra und seinem Drehbuch-Koautor Jaques Toulemonde vorgeführten weißen Forscher sind historische Personen. Deren Werk wird vom Film gewürdigt, besonders Theodor Koch-Grünberg (1872-1924), eigentlich Theodor Koch, der den Namen seines hessischen Geburtsortes wie damals nicht unüblich anfügte, und auch Theodor von Martius genannt wird. Koch-Grünbergs Aufzeichnungen sind heute das einzige, was von vielen Indigeno-Kulturen übrig blieb, er gilt auch als Pionier der anthropologischen Fotografie.

Sein im Film gezeigtes Buch über die Baniwa “Zwei Jahre unter den Schamane_Filmbild1Indianern” erschien 1910 (also, anders als in der Filmhandlung, 14 Jahre bevor er in Brasilien an Malaria starb). Der Freiburger Professor erforschte die Flussläufe von Rio Xingu, Yapura, Rio Negro und Rio Branco, dokumentierte vor allem die Kultur der Pemón (Arekuna und Taulipang) im Dreiländereck von Venezuela, Brasilien und der Kooperativen Republik Guyana. Die Pemón genießen eine gewisse Bekanntheit, weil die Regierung von Venezuela in ihrem Namen das Berliner Kunstprojekt “Global Stone” seit 2013 auf Rückgabe eines 30 Tonnen schweren heiligen Steins verklagt.

Richard Evans Schultes (1915-2001), der Koch-Grünbergs Spuren folgte, gilt als Klassiker der Ethnobotanik mit speziellem Interesse an halluzinogenen Pflanzen –er publizierte 1980 zusammen mit dem LSD-Entdecker Albert Hofmann. Der Havard-Botaniker Schultes forschte hauptsächlich in Kolumbiens Amazonasregion und soll die unwahrscheinliche Zahl von 24.000 Pflanzenarten klassifiziert haben, darunter 2000, die von indigenen Kulturen als Heilpflanzen genutzt wurden; gut 120 Arten tragen seinen Namen. Ab den 60er-Jahren setzte er sich für den Erhalt von Indigeno-Kulturen und Regenwald ein und klärte seine Studenten in Havard darüber auf, dass dort im letzten Jahrhundert schon über 90 indigene Kulturen vernichtet wurden; 1986 errichtete Kolumbien ein Naturschutzgebiet etwa von der Größe des Libanon als “Sector Schultes”, so sein Nachruf in der NYT.

Filmkritik erschien auch auf Telepolis

Literatur, Quellenangaben

Evans Schultes, Richard u. Albert Hofmann: The Botany and Chemistry of Hallucinogens, 2nd ed. Springfield 1980.

Koch Grünberg, Theodor: Zwei Jahre unter den Indianern: Reisen in Nordwest-Brasilien, 1903–1905. 2 Bände. Ernst Wasmuth, Berlin 1909/1910.

Filmtitel: Der Schamane und die Schlange, Originaltitel: El Abrazo de la Serpiente; (Argentinien, Kolumbien, Venezuela 2015); Laufzeit: 125 Minuten; Kinostart in Deutschland: 21.04.2016; Regie: Ciro Guerra: Drehbuch: Ciro Guerra, Jacques Toulemonde Vidal; Darsteller: Nilbio Torres, Antonio Bolivar, Brionne Davis, Jan Bijvoet, Miguel Dionisios Ramos, Nicolás Cancino, Yauenkü Migue; Produktion: Cristina Gallego, Raúl Bravo, Marcelo Cespedes, Horacio Mentasti; Festivals: Cannes 2015, lief auf der Berlinale im Sonderprogramm NATIVe für indigenes Kino, 2016 Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film.

Thomas Barth ist Psychologe, Kriminologe, Medienwissenschaftler und lehrt an der Hamburger Volkshochschule

Siehe auch: Belo Monte am Rio Xingu

Citizenfour –der Snowden-Film von Laura Poitras

Thomas Barth (Kinostart: 6.11.2014) Citizenfour

Der jetzt auch in Deutschland im Kino anlaufende Dokumentar-Thriller der bekannten US-Kritikerin und Filmemacherin Laura Poitras zeigt die Kontaktaufnahme zu Snowden und die ersten Tage des NSA-Leaks, der die Welt veränderte. Die kriminelle Massenüberwachung wurde der Welt enthüllt, ist aber viel zu schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Snowden hat vor den US-Behörden Asyl ausgerechnet bei Putin gefunden, dem inzwischen dämonisierten Präsidenten Russlands.

Edward Snowden ist der Whistleblower, der unser Vertrauen in das Internet am tiefsten erschütterte. Er riskierte alles, um die Netznutzer aus ihrer Traumwelt zu reißen, in der sie den digitalen Cyberspace als rosiges Schlaraffenland zur bequemen Befriedigung all ihrer Bedürfnisse erleben. „Citizenfour“ hält als atemberaubendes Filmdokument die historischen Momente fest, in denen das monströse Panoptikum einer geheimen virtuellen Weltherrschaft in sich zusammenfällt – zum Einsturz gebracht von einer Handvoll mutiger Enthüller.

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Laura Poitras

Die Filmemacherin Laura Poitras war die erste Person, der Snowden seine Kenntnisse enthüllte –unter dem Decknamen „Citizenfour“, der zum Titel ihres Dokumentar-Thrillers wurde. Die gebürtige US-Amerikanerin lebt in Berlin, weil US-Behörden sie drangsalierten, der Grund: Kritische Filme über 9/11, den Irakkrieg und das US-Foltergefängnis Guantanamo. Der dritte im Bunde war der Blogger und Journalist Glenn Greenwald, der aus dem brasilianischen Exil die USA kritisiert, etwa die Verhaftung und Folterung des Wikileaks-Whistleblowers Bradley Chelsea Manning durch die US-Militärjustiz.

Snowden arbeitete für die NSA, die CIA und für mysteriöse Privatfirmen im Dunstkreis der Geheimdienste. Er entdeckte, dass seine Auftraggeber die digitale Welt unter ihre Kontrolle bringen wollen. Dabei brechen sie Gesetze vieler Länder, sogar der USA, und verletzen die Menschenrechte von Milliarden ahnungslosen Netznutzern. Snowden wollte diese kriminellen Machenschaften ans Licht bringen und die Lügen der Top-Manager der globalen Bespitzelung aufdecken, obwohl er genau wusste, dass sie über Leichen gehen würden, um ihre schmutzigen Geheimnisse zu wahren.

Snowden und seine Vertrauten wussten auch, dass es hart werden würde, ihr Wissen zu veröffentlichen, selbst wenn sie es schaffen sollten, die Öffentlichkeit zu erreichen. Sie wussten, dass die Masse der Medien gegen sie stehen würde, dass man sie und ihre Familien ausforschen, jagen, mit Dreck bewerfen würde, um sie einzuschüchtern und unglaubwürdig zu machen. Und sie wussten, dass Geheimdienste und Herrschaftseliten ihre ganze Macht über die Medien ausspielen würden, um die ans Licht gebrachten Wahrheiten zu vernebeln, zu verdrehen, abzuwiegeln und abzulenken. Alles kam darauf an, die Publikation zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und in einer sorgfältig geplanten Reihenfolge durchzuziehen.

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Snowden & Greenwald in Hongkong (alle Bilder © Praxis Films nur für Filmkritik freigegeben)

Laura Poitras hält mit ihrer Kamera die entscheidenden Momente fest. Als echte Dokumentation, nicht als nachgestellte Dokufiction. Man sieht die erste Kontaktaufnahme in einem Hotel in Hongkong, die ersten Gespräche mit Snowden, bei denen die Journalisten noch nicht ganz überzeugt sind, dem Whistleblower noch immer etwas auf den Zahn fühlen. Später spürt man die Anspannung, die permanente Erwartung, dass gleich bewaffnete CIA-Leute das Zimmer stürmen. Man fühlt die berechtigte Paranoia, versteckt hinter Galgenhumor, wenn Snowden seinen „Zaubermantel“ über sich und seinen Laptop zieht, um Passwörter einzugeben –aus Furcht vor visueller Bespitzelung. In einigen Szenen kommunizieren Snowden und der Greenwald nur noch über Notizzettel, zu groß ist die Sorge abgehört zu werden. Man ahnt, dass dies das Lebensgefühl künftiger Generationen spiegeln könnte. Die Privatsphäre schützen, heißt die persönliche Freiheit schützen, sagt Jacob Appelbaum. Der Wikileaks-Unterstützer und Mitstreiter von Poitras in Berlin gab den ihm verliehenen Henry-Nannen-Preis jüngst zurück, um auf die Nazi-Vergangenheit der Bertelsmann-Illustrierten „Stern“ hinzuweisen.

Der Guardian zersägte seine Computer

Der Britische Guardian gilt als das mutigste Presseorgan der englischsprachigen Welt, er war bei Wikileaks mit dabei, engagierte sich den berühmten Blogger Greenwald für eine Kolumne. Doch nun zaudert man in London mit diesem größten Skandal der Geschichte. Obwohl die Redaktion mit Ewen MacAskil noch einen alten Hasen geschickt hatte, um sich weiter abzusichern. Zuletzt droht Greenwald mit Publikation auf eigene Faust, der Guardian gibt nach –und wird dafür vom GCHQ, dem Londoner Gegenstück zur verbündeten NSA, drangsaliert: Die Journalisten müssen Wochen später ihre Redaktions-Computer unter Aufsicht von finsteren Beamten eigenhändig zerstören. Ein dummer Akt der Demütigung durch sinnlose Schikane.

Aber nach der Publikation der ersten Dokumente am 5.Juni 2013 ist die Stimmung erst einmal entspannter, Snowden sieht am Hotelfernseher die CNN-Berichte über seine Enthüllungen vorbei ziehen. Zuerst bleibt der Whistleblower noch anonym, sie wollen die NSA etwas zappeln lassen. Plötzlich bekommt Snowden Nachricht von seiner Freundin aus den Hawaii sie haben ihn vermutlich als Leck identifiziert. Er wendet sich selbst an die Öffentlichkeit, erklärt ruhig und sachlich sein Verhalten. Dann taucht Snowden ab, als Reporter das Hotel zu belagern beginnen. Er gerät Poitras aus dem Blick, die ihn später in Russland wieder aufspürt, wo seine Freundin zu ihn gestoßen ist. Beide suchen Asyl vor dem gnadenlosen Zugriff der US-Behörden, die Snowden mit fragwürdiger Rechtsauffassung nach einem dubiosen Gesetz aus dem Ersten Weltkrieg zum Verräter gestempelt haben. David Miranda, den Lebensgefährten von Greenwald, nehmen britische Behörden fest und verhören ihn acht Stunden lang unter der fragwürdigen Begründung, er stände unter „Terrorismusverdacht“. Seine Sachen werden konfisziert, ehe er nach Brasilien weiterreisen darf. Menschenrechtsgruppen protestierten.

NSA-Direktor Alexander log vor US-Kongress

Poitras mischt die Snowden-Aufnahmen aus Hongkong und CIA_floor_sealRussland geschickt mit Interviews und anderem Filmmaterial. Der NSA-Whistleblower William Binney und weitere Überwachungskritiker kommen zu Wort. Dagegen gestellt werden der damalige NSA-Direktor Keith Alexander und US-Geheimdienstkoordinator James Clapper, bei offensichtlichen Lügen vor dem US-Kongress. Sie leugnen die kriminelle Bespitzelung, versuchen ihr Ausmaß klein zu reden. Vor dem Europaparlament erklärt Ladar Levison vom E-Maildienst Lavabit, den Snowden für seine Kontaktaufnahme zu Poitras nutzte, warum er seine Firma schließen musste. US-Behörden setzten ihn wie viele andere Firmen unter Druck, seine Kundendaten an die NSA zu verraten. Besonders die größten Firmen taten das, einige willig wie Microsoft, andere weniger kooperativ, Apple erst nach dem Tod von Steve Jobs.

Aber Poitras versucht gar nicht erst, den Film mit Details über die vielen NSA-Manöver zur Überwachung zu beladen. Für die genaue Erklärung von PRISM, Tempora oder XKeyscore gibt es The Intercept, das neue Blog von Greenwald, Snowden, Jeremy Scahill und anderen. Oder Bücher, vor allem „Die globale Überwachung“ von Glenn Greenwald, praktisch das Buch zum Film. Greenwald schreibt weit informativer als der SPIEGEL-Bestseller „Der NSA-Komplex“ von SPIEGEL-Redakteuren, die das NSA-Thema eher vernebeln und in ihrer Darstellung der deutschen Datenschutz-Szene sogar den Chaos Computer Club unerwähnt lassen, die hiesigen Pioniere der NSA- und Überwachungskritik. Der SPIEGEL will nur noch das Blog „Netzpolitik“ kennen, das neuerdings als Medien-Darling durch deutsche TV-Sender tingelt, und belegt damit, dass große Medienkonzerne wie Bertelsmann eher Teil des Problems sind als seine Lösung.

Panopticon1
Überwachungsmaschine Panoptikum

Kafkaeske Dystopie

Was Snowden über die Geheimdienste ans Licht brachte, übertraf die schlimmsten Befürchtungen der meisten Menschen um ein Vielfaches. Die NSA & Co. haben das World Wide Web zu einer gigantischen Überwachungsmaschine umfunktioniert, die jeden unserer Schritte bespitzeln und protokollieren kann. Daraus lässt sich ein präzises Persönlichkeitsprofil jedes Menschen weltweit errechnen. Vielleicht nicht jetzt sofort, aber irgendwann in der Zukunft, wenn du es wagen solltest, „etwas Auffälliges“ zu tun. Du oder jemand, den du kennst. Oder jemand, der jemanden kennt, den du kennst. Und was ist „etwas Auffälliges“? Das sagen sie uns nicht, weil sie es geheim halten. Oder weil sie es selbst noch nicht wissen. Vielleicht wird das künftig ein Geheimdienstchef entscheiden oder ein US-Präsident. Oder ein Computer. Oder ein korrupter Konzernboss, ein Weltdiktator, ein Massenmörder.

Wir alle werden künftig in einer Welt leben müssen, wie sie das wahnsinnige Genie eines Franz Kafka nicht dunkler hätte ersinnen können: Wenn wir die NSA nicht bändigen, wenn wir nicht wachsam bleiben, Kryptographie anwenden und die Reste der Demokratie zäh verteidigen. Wir müssen sie verteidigen gegen Dunkelmänner, die behaupten, sie wollten uns vor „dem Terror“ schützen –vor einem Terror, von dem immer mehr Menschen glauben, dass ihn genau diese Dunkelmänner insgeheim fördern oder überhaupt erst organisiert haben. Der Film „Citizenfour“ hilft uns, nicht wieder ins rosige Traumland naiver Netznutzung zurück zu gleiten, aus dem es ein grausiges Erwachen geben könnte.

 

Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit: Ein tragikomisches Filmjuwel klagt Kälte und Effizienzdenken an

Thomas Barth
Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit: Ein tragikomisches Filmjuwel klagt Kälte und Effizienzdenken an
Eddy Marsan als Funeral Officer Mr.May

Mr.May ist ‚Funeral Officer‘ in London. Als Angestellter der Kommunalverwaltung organisiert er Beerdigungen für Menschen, die ohne Hinterbliebene verstorben sind. Wir begleiten ihn in Wohnungen, in denen die Toten ihre letzten einsamen Jahre verbrachten, wo er nach Hinweisen auf Verwandte oder Freunde sucht. Dabei sammelt er auch Lebensdaten, die er in sehr persönliche und bewegende Grabreden einfließen lässt –gehalten meist in einer leeren Kapelle.

Denn Mr.Mays Bemühungen, frühere Bekannte der Verstorbenen zu einer Teilnahme am Begräbnis zu gewinnen, verlaufen oft frustrierend. Meist wollen ehemalige Freunde und zerstrittene Verwandte nicht an den Zeremonien zum Andenken mit den Toten teilnehmen. Doch der wortkarge ‚Funeral Officer‘ lässt sich nicht entmutigen und tut weiter seine Pflicht, das Gedenken an die einsam Verstorbenen scheint sein einziger Lebensinhalt zu sein. Sein etwas makabres Hobby: In einem Photoalbum sammelt er daheim wie in einem Familienbuch Bilder der Toten. An schönen Tagen geht er Probeliegen auf dem wunderschön unter Bäumen gelegenen Grabplatz mit Blick über den ansonsten britisch-kargen Friedhof.

Der schlanke Staat: Gnadenlos auch mit den Toten

Mr_May_und_das_Fluestern_der_Ewigkeit_-_PlakatDoch Mr.Mays Sorgfalt, Pflichtgefühl und Respekt passen nicht zur neoliberalen Lehre von der Heiligen Effizienz, mit der ein managerhafter Vorgesetzter die fristlose Entlassung des ‚Funeral Officer‘ begründet. May bittet sich einige weitere Tage aus, um seinen letzten Fall würdig abschließen zu können: Ein Billy Stoke starb in seiner verwahrlosten Behausung genau gegenüber von John Mays eigener Wohnung. Filmemacher Uberto Pasolini (nicht verwandt mit Paolo Pasolini, aber Neffe von Luchino Visconti) wollte am Thema von Einsamkeit und Tod auch den Verlust von Menschlichkeit in unserer neoliberalen Gesellschaft anprangern.

„Welchen Wert misst die Gesellschaft individuellem Leben zu? Warum werden so viele Leute vergessen und sterben vereinsamt? Ich denke, dass die Qualität unserer Gesellschaft im Grunde durch den Wert bestimmt wird, den sie ihren schwächsten Mitgliedern zuerkennt. Die Art und Weise, wie wir mit den Toten umgehen, reflektiert den Umgang in unserer Gesellschaft mit den Lebenden.“ Uberto Pasolini

Auch in Deutschland obliegt die Bestattung mittellos Verstorbener ohne Angehörige den Kommunen. Als wachsendes Großstadtphänomen gibt es seit 2004 eine rasant steigende Zahl von „Sozialbestattungen“, bei denen die Angehörigen nicht über die finanziellen Mittel für eine Beisetzung verfügen. Die Zahl dieser Fälle ist seit 2004 um zwei Drittel gestiegen, was auch mit der Streichung des „Sterbegelds“ der gesetzlichen Krankenkassen unter der Regierung Schröder zu tun hat –so hat der Filmverleih von „Mr.May“ recherchiert. Eine Nachfrage bei den Hamburger Friedhöfen bestätigt dies.

„Leichen sind zu bestatten. (…) Für die Bestattung haben die Angehörigen zu sorgen. Wird im Todesfall niemand tätig, veranlasst die zuständige Behörde die Überführung der Leiche in eine Leichenhalle. Wird für eine in eine Leichenhalle eingelieferte Leiche kein Antrag auf Bestattung gestellt, so kann die zuständige Behörde vierzehn Tage nach Einlieferung die Bestattung in einer Reihengrabstätte eines Friedhofes veranlassen.“ §10 Hamburger Bestattungsgesetz

Die Durchführung von Amtsbestattungen werden in Deutschland von den Kommunen ausgeschrieben, der günstigste Anbieter bekommt in der Regel den Zuschlag. Anders als im Film sind die Sterbeorte jedoch vor allem Krankenhäuser und Altenheime, seltener Privatwohnungen. Von dort werden die ohne Angehörige Verstorbenen von einem durch die Polizei verständigten Leichentransporter abgeholt und in die Verstorbenenannahme auf dem Öjendorfer Friedhof gebracht, teilt die Hamburger Friedhofsverwaltung mit. Der Öjendorfer Friedhof zählt nicht zu den schöneren der Stadt, er liegt abgelegen  weit im Osten Hamburgs. 2003 wurde ein Gedenkstein mit dem Schriftzug „Zukunft braucht Erinnern“ am Gräberfeld der Vergessenen  aufgestellt und seit 2007 gibt es sogar Blumenschmuck und eine Kerze für jeden Verstorbenen. Im Film kommt es schlimmer: Mr.May muss in stummer Erbitterung mit ansehen, wie nach seinem Rauswurf der Manager-Bürochef mit einer Angestellten im Business-Kostüm die Asche etlicher Toter lieblos auf den Rasen kippen.

Eddie Marsan überzeugt als Mr.May

Der bislang nur aus Nebenrollen bekannte Eddie Marsan zeigt sich als Hauptfigur von Format in diesem Film, der zurecht in Venedig mit dem Regiepreis und in Edinburgh mit dem Preis für den Besten Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde. Sein stilles, ausdrucksstarkes Spiel, sein trockener Humor und seine tiefe Menschlichkeit berühren den Zuschauer. Mit fast trotziger Leidenschaft stürzt sich Mr.May in seine letzten Ermittlungen zum Fall Billy Stoke, die er detektivisch genau führt. Er findet Arbeitskollegen, alte Armykumpel und sogar eine Tochter, von der Billy nichts wusste. Der Film gewinnt bei dieser Expedition in das Leben eines schon fast Vergessenen an Farbe und Tempo, ohne seinen ruhigen, manchmal humorvollen Blick auf die Problematik von Sterben und Tod zu verlieren. Etwa wenn Officer May in der Großbäckerei, wo Billy einst tätig war, Verständnis für die strengen Hygienevorschriften äußert und gefragt, ob er auch im Nahrungssektor sei, antwortet: „Nein, ich arbeite mit Menschen… die nicht mehr backen.“

Sogar eine subtile politische Botschaft kristallisiert sich heraus: Gegen die kaltherzige Exekution betriebswirtschaftlicher Direktiven durch den aalglatten Manager der Londoner Stadtverwaltung gewinnt der tote „Big Billy“ Stoke immer mehr an Format: War er nur ein verkommener Säufer? Ein Raufbold und Berufsversager? Oder verlor er seinen Job, weil er sich für die Kollegen im Betriebsrat einsetzte, ein Arbeiterkämpfer? Beim Wühlen in Billy’s verkorksten Familienleben findet Mr.May am Ende, ohne dass der Film dabei ins Kitschige abgleitet, zarte Anfänge einer Liebe. TV-Zeitschriften werden künftig wohl das Prädikat „Filmjuwel“ für „Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit“ bemühen.  (Publiziert auch auf filmverliebt.de)

BtmBookThomas Barth (Hg.): Bertelsmann – Ein globales Medienimperium macht Politik

Von Wilhelm Reich zu MKULTRA

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Wilhelm Reich

Thomas Barth

„Der Fall Wilhelm Reich“

Film-Trailer

Teil 1: Reich, die CIA und MKULTRA

Der Film des Österreichers Antonin Svoboda kommt Anfang September in die Kinos. Er zeichnet ein emotional anrührendes, aber ungenaues Bild des umstrittenen Pioniers der Psychoanalyse. Auseinandersetzungen Wilhelm Reichs mit Freud, Marx und dem Faschismus werden fast völlig übergangen. Dafür wartet Svoboda mit einer neuen Verschwörungstheorie auf: Reich wäre in MKULTRA, das Gehirnwäsche- und Folterforschungs-Programm der CIA, verstrickt worden –‚Manchurian Candidate‘ und ‚Fletchers Visionen‘ lassen grüßen.

Filmplakat

Svobodas empfehlenswerter Film kreist um die letzten Lebensjahre Wilhelm Reichs in den USA, wo man seine Bücher verbrannte, ihn psychiatrisch untersuchte und vor Gericht stellte. Viele erklärten den unbequemen Vorkämpfer einer sexuellen Befreiung schon zu Lebzeiten für verrückt, noch mehr taten das im Nachhinein. Die immer wieder kolportierte Behauptung, Reich sei „wahnsinnig“, „schizophren“ oder „paranoid“ geworden, basiert ursprünglich auf Diffamierungen aus Kreisen der Freudianer. Reich erlebte dort zunächst als Freuds Liebling einen kometenhaften Aufstieg, was viel Neid in der Jüngerschar weckte.

Die Frage „War Reich (‚am Ende‘) verrückt?“ beschäftigt seine Gegner, Interpreten und Anhänger, wobei das „am Ende“ jeweils den Punkt in Reichs Entwicklung markiert, den die Kommentatoren nicht mehr tolerieren oder begreifen können: Freudianer seinen Marxismus und seine Sexualpolitik, Marxisten seine Bion- und Orgon-Forschung, Orgon-Anhänger seine Ufo-Beobachtungen. Doch all diese Wendungen, auch die späteren, die heute phantastisch anmuten mögen, lassen sich ohne die diffamierende Annahme erklären, Reich sei wahnsinnig geworden. Umgekehrt lassen sich zahlreiche Belege dafür finden, dass Reich die Stigmatisierung „Wahnsinn“ von diversen Gegnern angehängt wurde, um ihn und seine unbequemen Ideen zu diskreditieren.

War Reich („am Ende“) verrückt?

Nach seinem Abfall von Freuds „reiner Lehre“ in Ungnade gefallen, wurde Reich in Freudianerkreisen zur Unperson erklärt und pathologisiert. Ähnliches war vor ihm schon den Dissidenten C.G.Jung, Otto Rank und Sandor Ferenczi widerfahren, über die ebenfalls Gerüchte von Unmoral, Irrsinn und Paranoia gestreut wurden – was der Freud-Kritiker Johannes Cremerius historisch belegte (S.155 ff.). Besonders unappetitlich war dabei die Praxis, intimste Details aus der (Lehr-) Analyse der Dissidenten, die unter strengster ärztlicher Schweigepflicht offenbart worden waren, mit Verleumdungen vermischt, gegen den vermeintlichen „Häretiker“ einzusetzen.

Auf solches Material greift noch heute eine bestimmte Kategorie von Journalisten zurück, um Reich als „Verrückten“ hinzustellen, etwa wenn Träume oder Phantasien angeführt werden, in denen Reich sich in Heldenpose sah – in Wahrheit narzisstische Wünsche, die fast jeder Mensch kennt, die aber keiner in die Öffentlichkeit gezerrt sehen möchte. Als letzten „Beweis“ seines angeblichen Wahnsinns werden dann oft seine schulmedizinisch nicht anerkannte Orgon-Lehre oder seine Aussagen zu Ufos in den 1950er-Jahren ins Feld geführt.

Doch sind Orgon-Anwender genausowenig wahnsinnig wie Homöopathie-Nutzer, die jenseits der Schulmedizin Heilung suchen – schlimmstenfalls nutzen sie den Placebo-Effekt. Auch Abertausende von US-Amerikanern erfreuten sich bester geistiger Gesundheit, obwohl sie in der Ufo-Hysterie der 1950er-Jahre entsprechende Sichtungen meldeten: Zeitweise glaubte die Mehrheit der US-Bevölkerung an die Aktivität von Außerirdischen.

(Abb. Gedenktafel der Berliner Wilhelm-Reich-Gesellschaft. Bild: Gedenktafel der Berliner Wilhelm-Reich-Gesellschaft. Bild: OTFW, Berlin. Lizenz: CC-BY-SA-3.0OTFW, Berlin. Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Oder tendieren manche Reich-Gegner zum „Autoritären Charakter“?

Svobodas Film ist auch eine Stellungnahme gegen die solcherart oft unreflektiert wiedergekäute „Reich-war-am-Ende-verrückt-Story“, von der bei Licht besehen wenig mehr bleibt als der Beißreflex der aufgehetzten Meute gegen einen Außenseiter. Solche Meute-Reflexe sind übrigens, um die Pathologisierung einmal umzudrehen, Kennzeichen des Autoritären Charakters: So festgestellt durch die von Reich mit seinem Buch „Massenpsychologie des Faschismus“ eingeleitete und von Adorno et al. fortgesetzte psychologische Faschismusforschung. Vornehmlich aus dieser Ecke kommt jetzt eine Flut von Film-Verrissen, die sich eigentlich – ohne genauere Sachkenntnis – gegen Reichs Ideen richten, sowie an Svobodas Adresse wohlfeile Vorhaltungen, er hätte Reich „mit zuviel Sympathie“ inszeniert.

Einem wohlwollenden oder wenigstens neutralen Blick erklärt sich Reichs zuweilen skurriles Denken und Verhalten mühelos aus seiner biographischen und zeitgeschichtlichen Situation. Wer wirklich Opfer von Intrigen, Bespitzelung und Verfolgung wird, verhält sich eben paranoid. Und die Aussagen von Ex-Frauen, auf die sich auch im „Fall Reich“ etliche Kolporteure stützen, sind von zweifelhaftem diagnostischem Wert – wie z.B. der „Fall Mollath“ belegt. Auch die wohl krasseste Pathologisierung Reichs, das Buch „Freud oder Reich?“ des Psychoanalytikerduos Janine Chasseguet-Smirgel und Béla Grunberger hält sich an Reichs Ex-Frau Ilse Ollendorff-Reich und ergänzt deren teilweise diffamierende Darstellung „vor allem durch eigene Spekulationen und Fehldarstellungen“, so eine medizinisch-historische Doktorarbeit zur Geschichte der Psychoanalyse (Peglau S.30).

Die Autoren [Grunberger & C.-Smirgel] fragen gar nicht, ob diese Theorie eine klinisch anzutreffende Wirklichkeit beschreibt, sondern deuten sie allein als Ausdruck einer Paranoia, als „wahnhaftes Bild“, das Reich „von seinem Körper hat“, als Symptom eines „Verfolgungswahns, bei dem jemand Angst davor hat, im Rektum seines Verfolgers gefangen und gelähmt zu werden“. Nur so lasse sich das Bild ringförmig um den Körper sich ziehender Muskelblockaden bei Reich erklären. Beobachtungen und Theorien werden auf dem Weg einer Pathologisierung abgetan.(Geuter/Schrauth: Wilhelm Reich, der Körper und die Psychotherapie, S.220)

Grunberger und Smirgel wollten 1976 vermutlich der Reich-Renaissance infolge seiner 68er-Wiederentdeckung eine Verteidigung der orthodoxen Psychoanalyse entgegensetzen:

  1. weil reichianische Körpertherapien als Konkurrenz zu den Freudianern mächtig Aufwind bekamen;
  2. weil mit Reich ein seit 1934 totgeschwiegener Dissident Fragen bezüglich der NS-Vergangenheit der Freudianer aufwerfen würde.

So propagierten Grunberger und Smirgel weiterhin den sorgsam gepflegten Mythos, die Psychoanalyse sei ab 1933 vom Nazi-Faschismus verboten, ja ausgerottet worden, ein Mythos, der spätestens mit Andreas Peglaus just erschienener enzyklopädischer Abrechnung „Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus“ als widerlegt gelten kann (Peglau S.25). Mit der Diagnose bzw. Bezichtigung der Paranoia durch die Freudianer steht Reich, wie wir in Teil 2 diese Artikels sehen werden, in einer Reihe pathologisierter Freud-Dissidenten, die weitere berühmte Namen wie C.G.Jung, O.Rank und S.Ferenczi aufweist.

Wahrscheinlich ist also: Reich war nicht verrückt, sondern er störte die Wiener Gemütlichkeit einer unpolitischen Psychoanalyse, die sich 1933 in Ruhe mit den Nazis arrangieren wollte. Er kämpfte mit der KPD gegen den Faschismus, später gegen den Stalinismus und am Ende in Amerika gegen die US-Behörden des McCarthy-Regimes. Psychoanalytiker und Kommunisten schlossen ihn aus ihren Vereinigungen aus, die Nazis trieben ihn ins Exil. Von der Presse als „Orgasmus-König“ denunziert und von der Justiz als Scharlatan verurteilt, starb der sechzigjährige Wilhelm Reich schließlich 1957 in einem US-Gefängnis.

Großes Gefühlskino gegen eine repressive Gesellschaft

Um diesen letzten Gerichtsprozess kreist Svobodas Film, der nicht den Anspruch einer Filmbiographie erhebt. Der Anfang folgt Mairowitz‘ Sach-Comic „Reich kurz und knapp“, wo Reich mit Sohn Peter an der Orgon-Kanone zu einem Rückblick auf seine Anfänge in der Sexualtheorie ausholt. Svoboda aber fokussiert sich dann auf die Gerichtsverhandlungen und die psychiatrische Begutachtung in Reichs letzten Lebensjahren, immer wieder unterbrochen von Rückblenden, die jedoch keinen geschlossenen Überblick über Leben und Werk der Hauptfigur vermitteln.

Reich wird als gütiger Ehemann, Vater und Arzt gezeigt, aber vor allem als Wissenschaftler, der die Entwicklung seiner Ideen und Methoden fast fanatisch vorantreibt und vor Gericht verteidigt. Stark ist die Verkörperung von Reichs widersprüchlichem Charakter durch Karl Maria Brandauer: Warmherzig, aber starrsinnig; wissenschaftlich rational, aber Gefühlen und phantastischen Ideen aufgeschlossen; strenger Moral verpflichtet, aber – vor allem geistig und sexuell – freiheitsliebend; loyal zum McCarthy-Regime, aber unbotmäßig gegenüber der Obrigkeit.

Svobodas Inszenierung eines brillanten Brandauer gelingt es mit verblüffender Überzeugungskraft, jenen Reich zum Leben zu erwecken, den die Leser seiner Werke zu kennen glauben. Gegen düstere Justizszenen stellt der Film atemberaubende Landschaftsaufnahmen aus der Wüste von Arizona und den Wäldern von Maine, wo Reich an einem ruhigen See das Orgonon-Institut gründete. Die Dramaturgie fängt atmosphärisch den Kern von Reichs Lehre ein: Die Harmonie von Natur und Leben wird durch eine repressive Gesellschaft stranguliert – der Mensch steht dazwischen, kämpft um seine Freiheit und seinen Seelenfrieden. Der Darstellung gelingt es dabei, die üblichen Stereotype einer Hollywood-Schnulze zu vermeiden, was ihm freilich von einigen schmalzverwöhnten Filmkritikern den Vorwurf „hölzerner Dialoge“ einbrachte.

Diesem großen Gefühlskino unterlegt ist eine hochbrisante Geheimdienststory, in deren Zentrum als Widersacher Reichs der Psychiater Dr.Cameron steht. Historische Tatsache ist, dass Cameron sich als Präsident der US-Psychiatervereinigung A.P.A. persönlich für die Kriminalisierung Reichs einsetzte. Der Clou von Svobodas Story: 40 Jahre später erfuhr man, dass Cameron damals Chef des streng geheimen MKULTRA-Programms der CIA war, bekannt auch als „Projekt Artischocke“. Dort wurden verbrecherische Menschenexperimente aus dem KZ Dachau fortgesetzt, deren führender Nazi-Arzt, der stellvertretende Reichsärzteführer Dr. Kurt Blome, dafür eigens amnestiert und angeworben worden war (Rippchen S.55, Boadella S.331).

Ziel Camerons war die Auslöschung der Persönlichkeit, um eine totale Gehirnwäsche zu ermöglichen, wofür der A.P.A.-Psychiater sich in Svobodas Film eines jungen Patienten von Wilhelm Reich bemächtigt. Der Orgon-Forscher steht unversehens im Fadenkreuz der US-Geheimdienste. In Reichs Orgonon-Institut schleusen FBI oder CIA Spitzel ein, setzen ihm eine hübsche junge Frau als Venusfalle in den Pelz.

Tatsache ist: Die US-Administration lieferte Reich einerseits radioaktives Material für seine Orgonforschung, erklärte jedoch später seine medizinisch eingesetzte Orgon-Box für Betrug. Die FDA (Food and Drug Administration) verbot deren Verwendung, sorgte für die Zerstörung von Reichs Gerätschaften und sogar für eine Verbrennung seiner Bücher: In den USA ein unerhörter Eingriff in Freiheitsrechte, der widersinnig damit begründet wurde, es handle sich um „Werbematerial“ für die verbotene Orgon-Box, obwohl die meisten Bücher sich nicht oder nur am Rande damit befassten.

Svoboda deutet an, es sei in Wahrheit um die Geheimhaltung von Technologie gegangen, die für MKULTRA missbraucht werden sollte. Eine Rolle spielt auch das ebenfalls strikt geheime Atomprogramm der USA, damals war über die Strahlung und ihre Wirkungen auf den Menschen noch wenig bekannt. Im Film hört man zuweilen dumpfe Detonationen von Atombombentests, was eine unheilvolle Atmosphäre schafft.

J.Edgar Hoover, McCarthy und die Atombombe

Der Film liefert jedoch nur wenig Hintergrund über Paranoia und Antikommunismus der McCarthy-Ära, wo in den USA missliebige Künstler verfolgt und Wissenschaftler hingerichtet wurden, weil sie die Sowjets über Atomforschung informiert hatten. Der Antikommunismus hatte Formen einer landesweiten Hexenjagd angenommen, die rassistischen und sexistischen Ideologien folgte. Davon sieht man bei Svoboda wenig, wie auch vom Wirken eines J. Edgar Hoover, der als graue Eminenz hinter McCarthy ab 1934 das FBI zu einem Überwachungs-Moloch ausgebaut hatte – in dessen Tradition heute die NSA und PRISM zu stehen scheinen. Militär und Geheimdienste der USA verdichten sich immer mehr zu einem geschlossenen Machtkomplex, etwa beim von FBI und Pentagon gemeinsam geplanten Biometric Technology Center in Clarksburg, zunehmend ergänzt von privaten Medien- und Netzkonzernen, die nach den menschlichen Beziehungen greifen (Barth/A.-Scheidl 2007).

Hoovers FBI belauschte alles und jeden im Dienste von „Verbrechensbekämpfung“ und homophobem Puritanismus und legte von allen wichtigen Politikern Akten an, zu denen nur Hoover Zugang hatte. Außerehelicher Sex oder gar die strafrechtlich verbotene Homosexualität machten Politiker erpressbar und das FBI sammelte Tonbänder und Fotos davon. Hoover beherrschte das FBI viele Jahrzehnte und lehnte sogar eine Nominierung als US-Präsident ab, weil er seinen Posten für bedeutsamer hielt. Wer, wie Wilhelm Reich, in dieser Zeit ins Visier der übermächtigen US-Geheimdienste geriet, hätte verrückt sein müssen, um kein paranoides Verhalten zu zeigen. Wie Teufelswerk müssen in Hoovers puritanischen Ohren Reichs Theorie des Orgasmus und seine These vom sexuellen Triebstau als Wurzel von Sadismus und politisch reaktionärer Haltung geklungen haben.

Dazu kam, dass Reich nicht nur als Ex-Marxist verdächtig war, sondern auch zum scharfen Kritiker der Atomforschung wurde. Seine Orgon-Experimente hatten ihm Gefahren der Strahlenverseuchung offenbart, über die noch wenig bekannt war. Die US-Militärs wollten aber ihre atomare Bewaffnung bzw. die Atomtests fortsetzen und die Strahlenwirkung geheim halten. Die US-Bevölkerung sollte nicht beunruhigt werden, die Sowjets sollten keine medizinischen Erkenntnisse erhalten, um sich nicht gegen einen atomaren US-Angriff schützen zu können.

Reich hatte hochbrisantes Wissen allein auf dem Gebiet des Atoms – und den Willen, es notfalls gegen das Atomprogramm einzusetzen. Reich hatte sich mit dem mächtigen Militär-Geheimdienst-Apparat der USA angelegt, damals noch staatlich, heute zunehmend privatisiert (Barth 2009 S.90 f.). Svoboda brauchte vermutlich seine dichterische Freiheit für den eingeführten Agenten-Plot nicht allzu sehr zu strapazieren.

Orgon-Prozess: Zwei Verurteilte starben

Dabei entgeht Svobodas Film sogar, dass Reich nicht der einzige Orgonforscher war, welcher der US-Justiz zum Opfer fiel. Er wurde vielmehr zusammen mit seinem Kollegen Dr. Michael Silvert von der FDA vor Gericht gebracht. Auch Dr.Silvert, der trotz FDA-Verbot einige seiner Patienten weiterhin mit der Orgon-Box behandelt hatte, erhielt dafür eine Haftstrafe, wenn auch nur von einem Jahr. Beide traten ihre Haftstrafen im März 1957 an, Reich starb im November in seiner Zelle, zwei Wochen später hätte das Gericht über seine Entlassung auf Bewährung entscheiden sollen, schreibt A.S.Neill (Neill S.447). Silvert wurde im Januar 1958 zwar entlassen, starb aber kurz darauf ebenfalls – durch Selbstmord, weil er über die Zerstörung seines Lebenswerks „tief deprimiert“ war, wie der Reich-Biograph David Boadella meint (Boadella S.387).

Die Gruppe von Anhängern und Wissenschaftlern, die Reich um sein Orgonon-Institut versammelt hatte, wurde durch Verurteilung, Inhaftierung und schließlich Tod ihrer beiden exponiertesten Vorkämpfer zutiefst getroffen. Sie wurden demoralisiert und praktisch außer Gefecht gesetzt, wie ihr Prozessbeobachter Myron Sharaf berichtet (Sharaf S.412 ff.). Silvert, Reich und die Wilhelm Reich Foundation wurden in drei Schuldsprüchen nach nur knapp 15 Minuten Beratungszeit von den Geschworenen schuldig gesprochen.

Svobodas Film ist lobenswert als Teil einer sich scheinbar anbahnenden Reich-Renaissance, die mit der Einrichtung eines Wilhelm-Reich-Museums durch die Stadt Wien begann – was dem Filmemacher wohl den Weg zu Fördergeldern öffnete. „Der Fall Wilhelm Reich“ ist jedoch in seiner Tragweite und Bedeutung kaum einzuschätzen, wenn man nicht die Hintergründe von Reichs Rolle in der Entwicklung der Psychoanalyse, von seiner politisch revolutionären Arbeit für Sexualpolitik, Freudomarxismus sowie Faschismuskritik und schließlich seine phantastisch anmutenden Entdeckungen in Biologie und Orgon-Forschung kennt.

Auf den ersten beiden Feldern ernteten Schüler, Epigonen und Nachfolger die Lorbeeren Reichscher Forschung, darunter große Namen wie Adorno, Marcuse, Fromm, Kinsey. Bei der Orgon-Thematik aber wurde Reichs Verstrickung in die 50er-Jahre-Ufo-Hysterie der USA für oberflächlich informierte Kommentatoren Anlass, Reich spöttisch als Spinner abzutun, der in seinen letzten Jahren angeblich verrückt geworden sei. Svoboda verteidigt Reich gegen derartig billige Denunziation, obgleich sich sein Film weitgehend um Sex und Politik (bzw. Freud und Marx) sowie um die schwierige Ufo-Thematik herumdrückt. In drei weiteren Teilen sollen diese Themenkomplexe hier ergänzend dargestellt werden.

Literaturverzeichnis

Vollversion des Artikels seit 4.Sept.2013 auf Telepolis
Der Fall Wilhelm Reich“ Teil 2: Psychoanalyse und Todestrieb

Freud sah in Reich seinen begabtesten Schüler, der Libidotheorie, Sexualwissenschaft und den Begriff der psychischen Gesundheit entfaltete. Selbst für orthodoxe Freudianer bleibt Reichs „Charakteranalyse“ ein Basiswerk ihrer Lehre. Reich verwissenschaftlichte die psychoanalytische Behandlungstechnik und formulierte Grundlagen psychotherapeutischer Methoden überhaupt. Viele seiner Ideen wurden nach seiner Ausschließung aus den Zirkeln der Psychoanalyse von anderen Analytikern übernommen –fast immer ohne auf ihren verfemten Urheber hinzuweisen….

Vollversion des Artikels seit 8.Sept.2013 auf Telepolis
Der Fall Wilhelm Reich“ Teil 3: Von Sexpol zum Freudo-Marxismus

Wilhelm Reich politisierte die Psychoanalyse zur sexuellen Aufklärung und kämpfte gegen die Verbote von außerehelichem Sex, Verhütung, Abtreibung, Masturbation und gegen autoritäre und repressive Erziehung. Reich gewann dafür zunächst Arbeiterbewegung und KPD als Verbündete. Die Zunft der etablierten Psychoanalytiker wollte seine Sexualpolitik nicht unterstützen und nicht einmal seinen Kampf gegen den Nazi-Faschismus. Die Freudianer grenzten Reich aus, doch nicht nur sie. Auch eine unter Stalins Einfluss prüde gewordene KPD schloss ihn aus der Partei aus. …

Vollversion des Artikels seit 12.Sept.2013 auf Telepolis
Der Fall Wilhelm Reich“ Teil 4: Orgon, Ufos und Paranoia

Die Bioenergetik des Reich-Schülers Alexander Lowen entwickelte Reichs Ideen über die Psychologie und Sexualökonomie des Orgasmus weiter. Seine „Vegetotherapie“ findet heute in diversen Körpertherapien ihre Fortsetzung. Auf den ersten Blick phantastisch anmutende Erkenntnisse Reichs über die „Bione“ wurden später von der Biologie erneut entdeckt und unter dem Namen „Mikrosphären“ teilweise bestätigt. Auch die gerichtlich verfolgten und verbotenen Arbeiten aus der Reichschen Orgon-Forschung finden bis heute ihre Anhänger. …

Vollversion des Artikels seit 14.Sept.2013 auf Telepolis

Quellenverzeichnis:

Barth, Thomas: 50 Jahre Brain Warfare. Artischocke, MK-Ultra und unsere tägliche Medien-Gehirnwäsche, in: Telepolis 10.04.2003, http://www.heise.de/tp/artikel/14/14578/1.html

Barth, Thomas: Das Netz der Macht. Michel Foucault zum 20.Todestag, in: Telepolis 25.06.2004, http://www.heise.de/tp/artikel/17/17734/1.html

Barth, Thomas: Heilen mit Information? Homöopathie-Gründervater Samuel Hahnemann feiert 250.Geburtstag, in: Telepolis 31.01.2005, http://www.heise.de/tp/artikel/19/19341/1.html

Barth, Thomas (Hg.): Bertelsmann: Ein globales Medienimperium macht Politik, Hamburg 2006

Barth, Thomas u. Roland Alton-Scheidl: Wem gehören die Beziehungen im Netz? Individualisierung, Ökonomie und Herrschaft im Web2.0, in: Ries, M. u.a. (Hg.): dating.21: Liebesorganisation und Verabredungskulturen, Bielefeld 2007, S.225-241

Barth, Thomas: Von Bertelsmann zu Blackwater: Die Privatisierung der Gewalt, in: Altvater, Elmar u.a.: Privatisierung und Korruption: Zur Kriminologie von Globalisierung und Finanzkrise, Hamburg 2009, S.88-98

Barth, Thomas: 60 Jahre LSD-Experimente – Operation Erleuchtung, in: Telepolis 23.12.2010, http://www.heise.de/tp/artikel/33/33846/1.html

Bechmann, Arnim: Über Wilhelm Reichs Orop-Wüste und Orgonforschung, Frankfurt/M. 1995

Bergmann, Anna: Sexualhygiene, Rassenhygiene und der rationalisierte Tod. Wilhelm Reichs ‚sexuelle Massenhygiene‘ und seine Vision von einer ‚freien‘ Sexualität, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.273-297

Boadella, David: Wilhelm Reich. Pionier des neuen Denkens. Eine Biographie, München 1998 (engl. Original ersch. 1980)

Burian, Wilhelm: Psychoanalyse und Marxismus. Eine intellektuelle Biographie Wilhelm Reichs, Frankfurt/M. 1972

Cremerius, Johannes: Der „Fall“ Reich als Exempel für Freuds Umgang mit abweichenden Standpunkten, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.141- 172

Dahmer, Helmut: Psychoanalytiker in Deutschland 1933-1951, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.173-193

Dahmer, Helmut: Wilhelm Reich, die Psychoanalyse und die  Politik, Vorwort zur Dissertationsschrift von Andreas Peglau 2013, S.11-17

Fallend, Karl und Bernd Nitzschke (Hg.): Der „Fall“ Wilhelm Reich. Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik, Psychosozial-Verlag: 2.Aufl. Gießen 2002

(Anm. Der Band bildet übrigens nicht direkt die Vorlage für Svobodas (fast) gleichnamigen Film; vielmehr entdeckte man die Namensgleichheit erst beim Vertrieb des Films und einigte sich nach Auskunft des Verlages darauf, zum Ausgleich für evtl. verletzte Urheberrechte den Pressematerialien der Filmvertriebsfirma einen Hinweis auf das Buch beizulegen, was außer mir jedoch keinen Filmkritiker inspiriert zu haben scheint, sich den Band vor Abfassen der Filmbesprechung zu Gemüte zu führen –was wiederum das Überwiegen der Verrisse von Reich bzw. Svoboda erklären könnte. T.B.)

Fallend, Karl: „Otto Fenichel und Wilhelm Reich. Wege einer politischen und wissenschaftlichen Freundschaft zweier „Linksfreudianer“, in: Fallend/Nitzschke S. 31-81

Fromm, Erich: Sigmund Freud. Seine Persönlichkeit und seine Wirkung, Frankf./M. 1980, (Or.1959)

Geuter, Ulfried u. Norbert Schrauth: Wilhelm Reich, der Körper und die Psychotherapie, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.197-227

Hartmann, Sebastian u. Siegfried Zepf: Sankt Wilhelm –oder die wahre Wahrheit eines ‚wahren Sozialisten‘, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.229-252

Koch, Egmont R. und Michael Wech: Deckname Artischocke: Die geheimen Menschenversuche der CIA, München 2002

Köhler, Thomas: Das Werk Sigmund Freuds Bd.1, Frankfurt 1987

Konitzer, Martin: Wilhelm Reich zur Einführung, Hamburg 1992

Körbitz, Ulrike: Zur Aktualität sexualpolitischer Aufklärung im post-sexuellen Zeitalter, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.253-271

Laska, Bernd A.: Wilhelm Reich, Reinbek 1981

Lassek, Heiko: Über Wilhelm Reichs Bionexperimente, Frankfurt/M. 1995

Mairowitz, D.Z. u. G.Gonzales: Reich kurz und knapp (Sach-Comic), Frankfurt 1995

Neill, A.S.: Der Mensch Reich (W.Reich Memorial Vol., Nottingham 1958), dt.Fassung in: Boadella S. 438-450

Nitzschke, Bernd: „Ich muss mich dagegen wehren, kaltgestellt zu werden“, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.83-139

Peglau, Andreas: Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus (als Dissertationsschrift angenommen von der Berliner Charité 2012), Psychosozial-Verlag: Gießen 2013; Peglau liefert die vollständigste und aktuellste Bibliographie zu Reich, der nur die Reich-Biographie von Rycroft entgangen zu sein scheint.

Raknes, Ola: Wilhelm Reich und die Orgonomie, Frankfurt/M. 1973 (Original Oslo 1970).

Reich, Wilhelm: Die Entdeckung des Orgons I: Die Funktion des Orgasmus. Sexualökonomische Grundprobleme der biologischen Energie, Frankfurt/M. 1983 (Original 1927, erw.Neuaufl. 1942) –Quellennachweise für Reich-Werke jeweils anhand der fett gesetzten Jahreszahl-

Reich, Wilhelm: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Frankfurt/M. 1981 (Original 1932, 2.erw.Neuaufl.)

Reich, Wilhelm: Charakteranalyse, Frankfurt/M. 1983 (Original 1933a, erw. Neuaufl. 1949)

Reich, Wilhelm: Massenpsychologie des Faschismus. Zur Sexualökonomie der politischen Reaktion und zur proletarischen Sexualpolitik, Amsterdam 1980 (Original 1933b)

Reich, Wilhelm: Die sexuelle Revolution: Zur charakterlichen Selbststeuerung des Menschen, Frankfurt/M. 1975 (Original 1935)

Rippchen, Ronald: Operation Erleuchtung. 60 Jahre LSD-Experimente, Löhrbach 2011

Rudolph, Christian: Über Wilhelm Reichs Oranur-Experiment (II), Frankfurt/M. 1997

Rycroft, Charles: Reich, London 1971

Sharaf, Myron R.: Der Prozeß gegen Wilhelm Reich, in: Boadella S. 395-419

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Links zu Psychoanalyse, Sigmund Freud und Wilhelm Reich:
Fallend/Nitzschke: Der „Fall“ Wilhelm Reich –Vorwort zur Neuausgabe 2002 (mit Bibliographie)

Wilhelm Reich: Der genitale und der neurotische Charakter. Untersuchungen über die libido-ökonomische Funktion des Charakters, in: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XV 1929 (Heft 4), S.435-455

Wilhelm Reich: Die charakterologische Überwindung des Ödipuskomplexes, in:Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XVII 1931 Heft 1,S.55-72

Umstrittener Reich-Artikel nebst anti-kommunistischer Replik des Reich-Gegners Bernfeld (nach Intervention Freuds ins Heft aufgenommen)  und Reichs Bemerkung dazu:

Wilhelm Reich: Der masochistische Charakter. Eine sexualökonomische Widerlegung des Todestriebes und des Wiederholungszwanges 303-351/Siegfried Bernfeld: Die kommunistische Diskussion um die Psychoanalyse und Reichs „Widerlegung der Todestriebhypothese“ 352-385/
Wilhelm Reich: Abschließende Bemerkungung zur „Gegenkritik“ Bernfelds 386, in: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XVIII 1932 Heft 3

Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie I 1934 Heft 1

Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie (1935)

Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie Band III Heft 1/2 (8/9) (1936)

Wilhelm Reich (1935) Masse und Staat. Zur Frage der Rolle der Massenstruktur in der revolutionären Bewegung. [Politisch-psychologische Schriftenreihe der Sex-pol IIIa] (1935)

Alessio Tognetti: A Research in the History of Wilhelm Reich’s Ideas and the Search for Evidence Through his Cloud Buster Machine (2002)

Audio/visuelle Medien

Wilhelm Reich and the Orgonomy of Anarchism (Audio)

Film

Wilhelm Reich – Man’s Right to Know (2002) Documentary on Wilhelm Reichs „The Mass Psychology of Fascism“

Links zu Sigmund Freud:

The Complete Works of Sigmund Freud

Freud: Gesammelte Schriften VI. Zur Technik / Zur Einführung des Narzissmus / Jenseits des Lustprinzips / Massenpsychologie und Ich-Analyse / Das Ich und des Es / Anhang (1925)

Sigmund Freud zur Verleihung des Goethepreises 1930, in: Psychoanalytische Bewegung II 1930 Heft 5 (1930)

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Die Wilhelm Reich SexPol-Bewegung

Die SexPol-Tradition geht auf die Berliner Zeit von Wilhelm Reich zurück (1930-33).
Sexuelle Ökonomie, die neben der Wirtschaft das Leben bestimmt, sollte ein revolutionäres Forum und eine politische Organisation erhalten. Psychoanalyse und KPD vereitelten diesen Versuch und so blieben die sexuellen Gesellschaftsprozesse weitgehend privat. Die 68er Studentenbewegung erkannte erneut das politische-sexuelle Gesellschaftspotential und gründete in Berlin die SexPol Nord. Sie ging leider in andere politische Organisationen auf und konnte sich auch 1969 nicht erneut reformieren.  (Mehr…)   http://www.wilhelm-reich-sexpol.de/

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Repressionsfreie Erziehung: A.S Neill’s Summerhill School

Der Reformpädagoge A.S.Neill war bis zuletzt ein sehr guter Freund von Wilhelm Reich. Neill sah die Psychologie von Reich als Basis seiner Pädagogik, Reich sah seine Ideen einer repressionsfreien Erziehung von Neill verwirklicht. Reich gab seinen Sohn Peter auf die Schule von Neill: Summerhill. Die Schule wurde 1921 von Neill in Dresden (Deutschland) gegründet, zog bald nach Österreich um, wo die Katholische Kirche jedoch unwirsch reagierte -Neill übersiedelte 1923 nach Südengland in die Stadt Lyme, wo Summerhill noch immer floriert.

Summerhill ist eine Demokratische Schule in Leiston (Suffolk, England) und gilt als eine der ältesten demokratischen Schulen der Welt. A. S. Neill gründete sie 1921 zu einer Zeit, als Reformpädagogik populär war. Die Anfänge von Summerhill liegen in der „Neuen deutschen Schule“ in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden. Die „Neue deutsche Schule“ vereinigte viele Strömungen der deutschen Reformpädagogik. Neill war auf Grund des günstigen Wechselkurses zwischen englischem Pfund und Reichsmark in der Lage, einer der wesentlichen Geldgeber dieser Schule zu sein, und gliederte ihr eine „internationale Schule“ an. Die strikte Moral der von der deutschen „Wandervogel“-Jugendbewegung her kommenden Reformpädagogen (sie lehnten z.B. Tabak und Alkohol ab) ließ Neill bald nach Österreich umsiedeln, nach Sonntagberg, wo es jedoch zu Konflikten mit der örtlichen Bevölkerung und Kirche kam. Nach weiteren  Problemen mit den österreichischen Schulbehörden gab Neill die Eröffnung einer Privatschule  im Mai 1924 auf und ging nach Südengland.

Derzeit wachsen rund 90 Kinder und Jugendliche verschiedener Nationen im Alter von 5 bis 17 Jahren in dem Internat auf. Nach dem Tod des Gründers im Jahre 1973 übernahm seine Frau Ena und ab 1985 ihre Tochter Zoë Neill Readhead die Schulleitung. Neills Ideen über die Schule sind u.a. auf seinem Vorbild Homer Lane begründet. Es gab eine „Schulgemeinde“, in der die Kinder und Lehrkräfte wichtige Fragen des Schulalltags gleichberechtigt regelten. Neill legte drei Hauptmerkmale von Summerhill fest:

  1. „Self-government“ (Schüler-)Selbstregierung
  2. freiwilliger Unterrichtsbesuch
  3. Werkstätten für die Schüler

Den Kindern wurde somit viel Freiheit gegeben, jedoch waren sie nicht frei von Regeln. Es galt das Prinzip freie Erziehung und nicht frei von Erziehung, wie es in den 1960er Jahren während der Studentenbewegung in Deutschland missinterpretiert wurde, siehe hierzu auch die Problematik des Begriffs antiautoritäre Erziehung, den A.S. Neill selbst nie verwendete. Neill bezeichnet seine Praxis als selbstregulative Erziehung.

A.S.Neill wollte es den Kindern ermöglichen, ihr eigenes Leben zu leben, nicht das, was ihnen Autoritäten wie Eltern oder Erzieher vorschreiben: The function of the child is to live his own life – not the life that his anxious parents think he should live, nor a life according to the purpose of the educator who thinks he knows best.

Im Jahr 1999 war Summerhill, u. a. wegen des freiwilligen Unterrichts, von der Schließung durch die Schulbehörden bedroht. Der Gerichtsprozess vor dem Independent Schools Tribunal im März 2000 ging überraschend zu Gunsten der Schule aus. Das Gericht stellte fest, dass sich Lernen nicht immer notwendigerweise im Unterricht ereignen müsse, und unterband die außergewöhnlich häufigen Inspektionen der Schule.  (Wikipedia)

A.S Neill’s Summerhill School, a co-educational boarding school in Suffolk, England, is the original alternative ‚free‘ school.
Summerhill was founded in 1921 by A. S Neill, a Scottish writer and rebel.
He created a community in which children could be free from adult authority. The school and his ideas became world-famous through Neill’s writings and lectures, his books are still published worldwide. In the late 60s Neill’s success at Summerhill was finally recognised and he was awarded honorary degrees from the Universities of Newcastle, Exeter and Essex. He was also recognised amongst the top 12 men and women who have influenced British schooling during the last millennium by the Times Educational Supplement (31.12.1999).

Founded in 1921, Summerhill still  continues to be an influential model for progressive, democratic education around the world.
Link: http://www.summerhillschool.co.uk/

History:

Summerhill was founded in 1921 in Hellerau, a suburb of Dresden. It was part of an International school called the Neue Schule. There were wonderful facilities there and a lot of enthusiasm, but over the following months Neill became progressively less happy with the school. He felt it was run by idealists – they disapproved of tobacco, foxtrots and cinemas – while he wanted the children to live their own lives. He said:

I am only just realising the absolute freedom of my scheme of Education. I see that all outside compulsion is wrong, that inner compulsion is the only value. And if Mary or David wants to laze about, lazing about is the one thing necessary for their personalities at the moment. Every moment of a healthy child’s life is a working moment. A child has no time to sit down and laze. Lazing is abnormal, it is a recovery, and therefore it is necessary when it exists.

Together with Frau Neustatter (later his first wife), Neill moved his school to Sonntagsberg in Austria. The setting was idyllic – a castle on top of a mountain – but the local people, a Catholic community, were hostile. By 1923 Neill had moved to the town of Lyme Regis in the south of England, to a house called Summerhill where he began with 5 pupils. The school continued there until 1927, when it moved to the present site at Leiston in the county of Suffolk, taking the name of Summerhill with it.

Neill continued to run the school with Mrs Lins, as she was known, until the war required evacuation of the Leiston house and they moved to Ffestiniog in Wales. Mrs Lins became ill, requiring constant nursing, and eventually died. Neill later married a staff at the school, Ena Wooff – who had helped to nurse Mrs Lins as well as cooking and being a housemother at the school. After the war they returned to Leiston to a dilapidated Summerhill which had been used by the army and left in a poor state. Neill referred to this for many years afterwards, having to put much work into restoring the buildings and cleaning them up.

The school continued to be controversial, being depicted in the press as the „Do As You Please“ school. Neill, however, did have the respect of many educationalists and well-known personalities such as, among others, Bertrand Russell and Henry Miller.

Pupil intake fluctuated over the years before taking a final dive in the late 50s. Things were looking black as the pupil numbers reached around 25. However, at that time Neill was approached by Harold Hart, a publisher from USA, who wanted to publish a compilation of Neill’s books. Together they put the book ‚Summerhill – a radical approach to childhood‘, on the market. It was an instant hit in the USA rising to the number one non-fictional best seller nationally. It was soon published in UK and many other countries and things began to take a turn for the better at Summerhill. Pupil numbers went up, many from the USA; interest in the school bloomed