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Philip Zimbardo: Schwarze Psychologie

Thomas Barth Das Experiment (2001) Poster

Philip Zimbardo wurde am 23. März 1933 in New York City geboren. Der emeritierte Professor für Psychologie sorgte 1971 mit seinem Stanford-Prison-Experiment für Empörung, als er das Gewaltverhalten des Menschen untersuchte. Das war zumindest seine Begründung. Aber Kritiker argwöhnten, es ginge vielmehr um Folterforschung für Geheimdienste und Militärs. Jedem Psychologie-Studenten bekannt, erreichte die ethisch fragwürdige Studie ein Millionenpublikum, als sie in einem Roman und im diesem folgenden deutschen Film aufgegriffen wurde: „Das Experiment“.

An der Stanford-Universität in Palo Alto führte Zimbardo das berüchtigte Experiment durch, bei dem 24 normale College-Studenten zufällig als Gefängniswärter oder Gefangene für ein simuliertes „Gefängnis“ ausgewählt wurden, das im Keller des Psychologiegebäudes aufgebaut worden war. Die Studenten lebten sich dort mehr und mehr in ihre Rollen ein, die „Wärter“ wurden immer sadistischer, die Gefangenen immer passiver und zeigten Anzeichen extremer Depressionen. Das Experiment sollte zwei Wochen andauern, wurde aber bereits nach sechs Tagen wegen einer drohenden Entgleisung abgebrochen.

Wikipedia rechtfertigt Zimbardos unethische Vorgehensweise damit, sie hätte zu Theorien über die Wichtigkeit der sozialen Umgebung in der individuellen Psychologie geführt. Dies ist blanker Unsinn, da diese Wichtigkeit nie bestritten wurde. Wikipedia behauptet weiter, das Zimbardo damit das Milgram-Experiment bzw. das Konformitätsexperiment von Asch gestützt, was ebenfalls zweifelhaft ist, denn zu deren Überprüfung hätte Zimbardo ein völlig anderes Studien-Design wählen müssen. Vielmehr sieht es mehr danach aus, dass man nach praktischen Anwendungen für die Faschismus-Studien von Milgram (und vielleicht am Rande auch der Theorie nach Asch) suchte. Damit wäre Zimbardo als Grundlagenforscher für die ambitionierten Gehirnwäsche-Programme der CIA und anderer US-Geheimdienste, etwa MK-Ultra und Artischocke, zu betrachten. Bei Zimbardo selbst findet man schon etwas Schuldbewusstsein, aber kein wirklich schlechtes Gewissen:

„Nach nur sechs Tagen mussten wir unser Pseudogefängnis schließen, denn was wir sahen, war erschreckend. Weder uns noch den meisten Versuchspersonen war noch klar, wo ihre Rollen begannen und wo sie endeten. Die Mehrheit von ihnen war tatsächlich zu ,Gefangenen‘ oder ,Wärtern‘ geworden und konnte nicht mehr richtig zwischen ihrer Rolle und ihrem Selbst unterscheiden.“ Philip Zimbardo 1971, „The psychological power and pathology of imprisonment

Standard-Lehrstoff Schwarze Psychologie

Jeder Psychologie-Student lernt während seines Grundstudiums den Versuch kennen, den der Stanford-Psychologe Philip Zimbardo in den 70er-Jahren durchführte: Ein erschreckter Forscher bricht ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment ab. Die Ethik der Wissenschaft hat gesiegt? Im Gegensatz zu diesem schmeichelhaften Szenario, das im Zusammenhang mit der Berichterstattung über Oliver Hirschbiegels Film „Das Experiment“ immer wieder und fast immer ohne es zu hinterfragen wiedergekäut wurde, ist der dem Drehbuch zugrundeliegende Versuch jedoch ein besonders abschreckendes Beispiel für mangelhafte Ethik des psychologischen Forschers. Wissenschaftler befinden sich zwar oft im moralischen Zwiespalt, ihre Versuchspersonen im Sinne eines Experimentalaufbaus täuschen oder belügen zu müssen. Philip Zimbardo gilt jedoch als Extremist unter den Experimental-Psychologen. Seinen Probanden verabreichte er etwa Adrenalinspritzen, um Angst oder Panik zu untersuchen, und er geizte auch nicht mit Elektroschocks, wenn es um Fragen der Schmerzempfindlichkeit ging.

Oliver Hirschbiegels Film „Das Experiment“ greift auf „Das Experiment Black Box“, Mario Giordanos Krimiadaptation des Stoffes zurück, arbeitet also unter der beliebten Berufung auf „eine wahre Begebenheit“. Der studierte Psychologe Giordano folgt damit den Spuren des erfolgreichen US-Jugendbuchautors Morton Rhue, dessen Jugendpsychothriller „Die Welle“ ebenfalls auf der „wahren Begebenheit“ eines sozialpsychologischen Versuchs basierte. 1969 hatte im kalifornischen Palo Alto ein Lehrer seine High-School-Schüler zu disziplinierten Mitläufern einer fiktiven, geheimen Bewegung gemacht, die sich „The Wave“ nannte. Im Unterricht war bei der Beschäftigung mit dem deutschen Faschismus die Frage aufgekommen, wie die Nazis so großen Erfolg haben konnten. Der Lehrer beschloss, seiner Klasse eine Lektion zu erteilen und sie zu Teilnehmern eines sozialen Experimentes zu machen. Was als pädagogisches Beispiel im Sozialkunde-Unterricht gedacht war, entgleiste zu einer rasanten Übernahme faschistoider Rollenklischees durch die US-Jugendlichen.

Faschismusforschung: Adorno, Asch und Milgram

Der beliebte mediale Griff in die Gruselkiste „schwarzer Psychologie“ sollte allerdings nicht die Verdienste der experimentellen Forschungsrichtung generell in Zweifel stellen. Ähnlicher Methoden bediente sich zum Beispiel Theodor W. Adorno bei seinen legendären „Studien zum autoritären Charakter“. Im Rahmen der Konstruktion einer F-Skala der Persönlichkeit (F steht für Faschismus) täuschte auch Adorno die Versuchspersonen, ebenso Asch bei seinen Studien zur Konformität. Asch bewies, dass in einer konformen Gruppe schon ein einzelner Kritiker die von den Mitläufern nachgebeteten Lügen enthüllen kann -nicht ganz so erfolgreich wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern, aber beinahe. Diese Forschung machte Mut zum Widerstand gegen totalitäre Bestrebungen.

Mit Täuschungen arbeitete auch der lobenswert experimentierende Faschismus-Forscher Milgram: Er ließ seine Probanden einem angeblichen Opfer im Nebenzimmer Elektroschocks verabreichen. Unter Leitung eines als Autoritätsperson auftretenden Forschers sollten die Freiwilligen (ganz normale US-Bürger) die Voltzahl der elektrischen Schläge, die als Bestrafungen in einem angeblichen Lernexperiment gerechtfertigt wurden, immer weiter steigern. Wenn die Probanden angesichts von (vorgetäuschten) Schmerzensschreien aus dem Nachbarzimmer Bedenken anmeldeten, beharrte die weiß bekittelte Autoritätsperson auf einer weiteren Durchführung. Der Forscher behauptete, es sei alles harmloser, als es sich anhöre, und übernahm jede Verantwortung für den Ausgang der Bestrafung. Unter diesen Bedingungen steigerten die meisten der Versuchspersonen die Stromschläge immer weiter, trotz lauter werdender Schreie des vermeintlichen Opfers. Gruselig und durch aus zur Erklärung für Grausamkeit in totalitären Organisationen geeignet: Einige Probanden verabreichten Stromstöße sogar über einen letzten markerschütternden „Todesschrei“ hinweg -die konstruierte Situation hatte alle zivilisierten Hemmungen und Gewissensbisse offenbar außer Kraft gesetzt.

Manchen Beobachtern erschien besonders bedrückend, dass Faschismus-Tendenzen auch in den USA nachweisbar waren. Denn Adorno und Milgram bewiesen mit ihren Untersuchungen unter anderem, dass Autoritätshörigkeit bis zur Mittäterschaft bei der grausamen Misshandlung Wehrloser keine spezifisch deutsche Eigenschaft ist. Vielmehr erwies sich Adornos psychologischem Blick der Autoritarismus als in der Mittelschicht verbreitete Haltung. Er sah sie unter anderem gekennzeichnet von Konventionalität, Unterwerfung unter einen Vorgesetzten oder Führer, Abwehr des Fantasievollen, Neigung zu Aberglauben sowie Aggression gegen Abweichler von Gruppenstandards. Wenn man fundamentalistischen Bibelglauben als eine Form gesellschaftlicher Konventionalität von Aberglauben in den USA bewertet, scheint diese Eigenschaft dort weit verbreitet zu sein. Die Toleranz mit Abweichlern ist zumindest in Filmdarstellungen vom US-Schulalltag auch eher nicht Teil der Sozialisation. Eine autoritaristische Grundhaltung lag vermutlich vielen Versuchspersonen nicht ferner, als sie bei deutschen Probanden vermutet werden dürfte.

Original-Filmaufnahmen von Milgrams Faschismus-Experimenten werden heutigen Psychologie-Studenten gezeigt. Bilder aus Philip Zimbardos „Pseudogefängnis“ sah man jedoch noch nicht überall, obwohl die Insassen und Wärter dort zwar heimlich, aber  eifrig gefilmt wurden (angeblich soll an einigen Universitäten solches Material verwendet werden). Was aber steht als wissenschaftliche Fragestellung hinter dem unethischen Psycho-Experiment, auf das sich Hirschbiegels Thriller „Das Experiment“ bezieht?

Zimbardos „Theorie der Deindividuierung“

Der Stanford-Psychologe Zimbardo suchte mit diversen Methoden nach einer Bestätigung seiner „Theorie der Deindividuierung“. Der Begriff erklärt in der Tradition der klassischen Massenpsychologie das Auftreten moralisch verwerflichen bzw. grausamen Verhaltens durch unter bestimmten Bedingungen nachlassende „Selbstaufmerksamkeit“. Eine Störung der Selbstaufmerksamkeit ergibt sich zum Beispiel aus neuen, unstrukturierten Situationen, unklarer Verantwortungslage, gefühlsmäßiger Erregung, sinnlicher Überreizung (z. B. laute Musik) und Anonymität. Aber vorweg gesagt: Das Vorliegen solcher Bedingungen hat keinerlei entschuldigende Wirkung für kriminelle Grausamkeiten. Der voll verantwortliche Erwachsene hat sich genug im Griff zu haben, um sein Gewissen auch bei Lärm etc. in Funktion zu halten.

Oberflächlich betrachtet ähnelt Hirschbiegels Drehbuch tatsächlich Zimbardos berüchtigtem Gefängnisexperiment. Zimbardo zielte auf die Schaffung einer neuen, unstrukturierten Situation mit diffuser Verantwortung der anonymen Wärtergruppe. Deren Ausrüstung bestand aus Uniformen, Schlagstöcken, verspiegelten Sonnenbrillen. Die Kleidung der Gefangenen zielte dagegen auf Demütigung ab. „Jeder Häftling erhielt einen Umhang … Unterhosen erhielten die Häftlinge nicht (sodass sie in weiblicher Haltung zu sitzen gezwungen waren), aber sie bekamen eine leichte Kette mit Schloss um ein Bein, Gummisandalen und eine Art Nylonstrumpf als Kopfbedeckung, um etwaige Unterschiede in der Haartracht der Häftlinge unsichtbar zu machen„,  berichtet Peter Watson in seinem Werk „Psycho-Krieg: Möglichkeiten, Macht und Missbrauch der Militärpsychologie„.

Der Fim verharmlost Zimbardos Experiment

Realität und Darstellung im Film weisen aber einen entscheidenden Unterschied auf: Im Gegensatz zu Hirschbiegels Version war Zimbardos Gefangenen jedoch nicht einmal bewusst, dass sie sich in einer Experimentalsituation befanden.  Auf eine von den Wissenschaftlern um Zimbardo geschaltete Zeitungsannonce in Palo Alto meldeten sich über 70 Studenten. Der Stanford-Professor wählte aus dieser Gruppe 24 normale gutbürgerliche Einwohner von Palo Alto aus und verteilte sie per Münzwurf auf die beiden Rollen seines Szenarios. Dann wurden sie erst einmal wieder nach Hause geschickt.

Die zwölf Wärter wurden später teilweise eingeweiht, aber auch auf ihre totalitäre Aufgabe eingeschworen: Vor allem die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung unter Anwendung von Mitteln ihrer Wahl, ausgenommen physische Gewalt. Die Gefangenen erhielten Nummern, auch auf der Vorder- und Rückseite ihrer Kittel angebracht, die sie zwecks Entmenschlichung statt ihrer Namen zu verwenden hatten. Die ausgefeilten Bedingungen sprechen eher gegen eine allgemeinere psychologische Fragestellung zur Anfälligkeit von Menschen für Totalitarismus. Zu sehr wurde bereits an der Effektivität der Entmenschlichung justiert, zu wenig wurde über Missbrauchsmöglichkeiten der so entstehenden Forschungsergebnisse durch totalitäre Staaten bzw. Institutionen nachgedacht.

Zimbardos Labor-Gefängnis war schon vom Aufbau her jenseits wissenschaftlicher Ethik und vermutlich auch strafrechtlicher Legalität. Drei Zellen befanden sich im Keller der Stanford-Universität, die Originaltüren der Laborräume waren durch gefängnisartige Gittertüren ersetzt worden. Das Flurstück davor war „Gefängnishof“ und wurde an den Enden mit Holzwänden geschlossen, durch Löcher in den Wänden wurde heimlich gefilmt, durch eine Sprechanlage wurden die Probanden ferner auch abgehört. Dieser Versuchsaufbau dürfte nach damaligem US-Recht ein illegaler Eingriff in die Bürgerrechte der als Opfer teilnehmenden Studenten gewesen sein.

Besonders heimtückisch aber war der Zugriff auf die Opfer des Experiments geplant: Die zwölf Häftlinge wurden durch die lokale Polizei, deren Hilfe Zimbardo sich versichert hatte, angeblich unter Verdacht eines Raubes festgenommen. Sie wurden wie Verdächtige erkennungsdienstlich behandelt und mit verbundenen Augen vom Streifenwagen im Keller der Stanford-Universität abgeliefert. Es entstand also die Illusion, einem tatsächlichen Zugriff der Staatsgewalt ausgesetzt zu sein. Bei Hirschbiegel melden sich die Probanden einfach zum Experiment.

Gut getroffen hat der Film jedoch die Brutalität der Situation, denn erschreckend war an Zimbardos Experiment die wachsende Begeisterung der Wärter für ihre im Verlauf immer aggressiver ausgeübte Tätigkeit. Noch verstörender wirkt die bei Zimbardo beschriebene Passivität der Gefangenen, die weder Widerstand noch Solidarität zeigten. Einige versuchten zwar, ihre Entlassung durch Bitten zu erwirken und verlangten einen Anwalt. Sie wurden vor ein „Tribunal“ unter Vorsitz Zimbardos geführt, das ihnen gnädig eine Prüfung ihres Ansinnens versprach, und ließen sich dann in ihre Zelle zurückführen. Nun waren seine Versuchspersonen gut angepasste US-Bürger, die vermutlich meist der Mittelschicht entstammten. Ob andere Gruppen ebenso willfährig gewesen wären, darf zum Glück bezweifelt werden. Der Kinofilm lässt die Handlung hier dramatischer werden, bis zur erfolgreichen Revolte. Dies opfert einerseits die Dokumentation der Befriedigung von Zuschauerbedürfnissen und erzählt ein Heldenepos, wo man vor deprimierender Realität warnen könnte. Andererseits macht es Mut immerhin zum Widerstand durch dieses Vorbild.

Hätte Zimbardo ins Gefängnis gehört?

Philip Zimbardo legt Wert darauf, dass die Einsperrung niemals mit Gewalt oder deren expliziter Androhung durchgesetzt wurde. Er hielt das offenbar fälschlich für die ethische Grenze wissenschaftlichen Handelns. Sogar das deutsche Strafrecht (als absolutes ethisches Minimum menschlichen Handelns) sieht das jedoch anders: Nicht nur mit Zwang und Gewalt kann der Straftatbestand einer Freiheitsberaubung erfüllt werden, sondern auch mit List, worunter spätestens die simulierte Verhaftung der Probanden zu subsummieren wäre. Zimbardo und seine Helfer Craig Haney und Curtis Banks hätten sich nach diesen Maßstäben eigentlich vor Gericht verantworten müssen.

Der Militärpsychologie-Kritiker Peter Watson bezweifelt jedoch, dass Zimbardos Studie überhaupt auf die Erforschung der Sozialpsychologie des Gefängnisses abzielte. Die beträchtlichen Gelder dafür erhielt die Universität von Stanford nach Watsons Recherchen vom Office of Naval Research, also von der Marineforschung. Viele Merkmale des Zimbardo-Gefängnisszenarios deuten in der Tat eher auf eine Studie zu militärischen Gefangenenlagern bzw. auf Verhör- und Folterforschung und die US-Marine ist für ihre Militärpsychologie berüchtigt.

1975 sprach Peter Watson, so berichtet er in seinem Buch,  in Oslo auf einer Nato-Konferenz zu Stress und Angst mit einem US-Militärpsychologen namens Dr. Narut, der auf Versuchsergebnisse zur Bewältigung von „Tötungsstress“ aus war. Auf Watsons Nachfragen erklärte Narut dem Kollegen leutselig, es ginge um die Ausbildung von Kommandoeinheiten der Marine, die als Botschaftspersonal getarnt im Ausland „illegale Tötungen“ durchführen sollten: Es ging um Killer. Ziel war also die Vorbereitung von Staatsverbrechen übelster Sorte, wie sie die Westmedien in ihrer Filmindustrie tausendfach den Kommunisten, Chinesen und Russen andichtete, die sich mit finsteren schwarzen Schnurrbärten bzw. den gern auch so benannten „Schlitzaugen“ durch die Agentenfilme mordeten. James Bond, Emma Peel und John Steed (Serie dt. „Mit Schirm, Charme und Melone“) töteten dagegen, wenn überhaupt, nur die übelsten Schurken und nur in Notwehr. Von solcher als Kriegspropaganda zu bewertenden Produktion der westlichen Kulturindustrie ist der Kinofilm „Das Experiment“ glücklicherweise weit entfernt.

Filmemacher und ihre Angst vor der Politik

Enttäuschenderweise übergeht Hirschbiegels Film aber den politischen Hintergrund (also den Kalten Krieg) der unethischen Methoden des Ursprungsexperiments. Nur ein einziger Nebensatz des Drehbuchs nennt ominöse „Gelder von der Bundeswehr“, fragt aber nicht nach deren Zweck. Und zur „Ausgewogenheit“ (nach diesem kurzen Anfall kritischen Denkens) proklamiert ausgerechnet der zu Abhärtungs- oder Testzwecken eingeschleuste stramme Major der Luftwaffe (Christian Berkel) die Menschenrechtserklärung in die Videokameras der Psychologen, bis die Wärter ihn fesseln und knebeln. Noch dazu wird ausgerechnet der taffe Major dann zum Retter für den geqälten Querulanten Moritz Bleibtreu -was eine schöne Imagepflege für die Bundeswehr in den Film integriert.

Psychologische Forschung wurde von Hirschbiegel somit als solche nicht hinterfragt bzw. auf das allgemein Menschlich-Pathologische reduziert. Dabei wäre die Frage nach den eigentlichen Auftraggebern und Hintergründen der Zimbardo-Versuche der spannendere, aber eben auch politischere Thrillerstoff gewesen. Und sobald ein Film politisch zu werden droht, so wird Filmemachern heute wohl eingebläut, wollen die Zuschauer ihn nicht mehr sehen, weil sie dann mit dem gefürchteten „erhobenen Zeigefinger“ belehrt werden könnten. Aber könnte dies nicht vielmehr ein von anderen „erhobenen Zeigefingern“ in Filmhochschulen gelehrtes Klischee sein, mit dem Zweck, die kulturelle Hegemonie der westlichen Machteliten zu schützen? Bei „Das Experiment“ wäre jedenfalls mehr Politik sicherlich drin gewesen, ohne den Film langweilig zu machen. (Eine Kurzfassung dieser Film- und Psychologie-Kritik erschien als „Im Auftrag des Heeres“ in der taz)

PsyWar: CIA-Programm Artischocke und MK-Ultra

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Artischocke /Karelj CC3.0

Thomas Barth

Warum regt sich so wenig Protest gegen die Politik der US-Regierung in der eigenen Bevölkerung? Woher haben die US-Herrschaftseliten ihre immense Macht über das Denken der Amerikaner? Eine Antwort gibt der Blick auf die Geschichte ihrer psychologischen Forschung. Die Erlangung von Kontrolle über das menschliche Gehirn wurde seit den 50er Jahren energisch verfolgt, vor allem von der CIA. Der Name der Projekte: „Artichoke“ und MK-Ultra.

Der frischgebackene CIA-Direktor Allen W. Dulles hielt am 10.April 1953 seine berühmte Brain-Warfare-Rede. Diese Rede war der Startschuss für das wohl ambitionierteste bekannte Forschungsprogramm zur Beherrschung des menschlichen Geistes in der Geschichte. Durchgeführt wurde es als Projekt „Artichoke“ (Artischocke) unter der Ägide des damals noch jungen US-Geheimdienstes CIA, später als Programm MK-Ultra.

Direktor Dulles beschwor eine „Schlacht um die Köpfe der Menschen“, die es angeblich „gegen die Sowjets“ zu gewinnen gelte. Dabei dachte er nicht an bessere Argumente. Für diese Schlacht bedürfe es dringend, wirksamere Mittel der psychologischen Kriegsführung zu entwickeln. Allen W. Dulles startete ein Programm unter Führung namhafter Psychiater wie Dr.Cameron, der sich als Präsident der US-Psychiatervereinigung A.P.A. auch als Chef des streng geheimen MKULTRA-Programms der CIA engagierte. Dort wurden verbrecherische Menschenexperimente aus dem KZ Dachau fortgesetzt, deren führender Nazi-Arzt, der stellvertretende Reichsärzteführer Dr. Kurt Blome, dafür eigens amnestiert und angeworben worden war.

Das streng geheime CIA-Programm „Artichoke“, später „MK ULTRA“, fasste Ansätze von Geheimdiensten der US Army, US Navy und anderen zusammen, die man rückblickend als Manipulations-, Verhör- und Foltertechniken bezeichnen muss (Hypnose, Drogen, Elektroschocks). Schon vor ihrer praktischen Anwendung forderten diese Methoden zahlreiche Opfer, da zu ihrer Entwicklung illegale Menschenversuche stattfanden. Mit diesen Versuchen verstießen die USA gegen den Nürnberger Ärztekodex, wie jüngst Egmont R. Koch und Michael Wech in ihrem Buch „Deckname Artischocke: Die geheimen Menschenversuche der CIA“ (Bertelsmann Verlag, München 2002) nachwiesen bzw. in ihrer gleichnamigen preisgekrönten Fernsehdokumentation (Link vom WDR aus dem Netz entfernt).

In 1964, Richard Helms, the CIA’s Deputy Director for Plans, responded to a question from J. Lee Rankin, the General Counsel for the President’s Commission on the Assassination of President Kennedy, about Soviet brainwashing techniques. Mr. Helms suggested that the Soviets were locked in a „battle for the minds of men.“
Helms was echoing Allen Dulles, who, as the newly installed Director of the CIA, had addressed a national meeting of Princeton alumni on April 10, 1953, at Hot Springs, Virginia, as follows. In the past few years we have become accustomed to hearing much about the battle for men’s minds-the war of ideologies -and indeed our Government has been driven by the international tension we call the ‚cold war‘ to take positive steps to recognize psychological warfare and to play an active role in it. I wonder, however, whether we clearly perceive the magnitude of the problem, whether we realize how sinister the battle for men’s minds has become in Soviet hands. We might call it, in its new form, „brain warfare“. The Helms memorandum was classified in 1974 and is Warren Commission document no. 1131. The Dulles speech was excerpted in U.S. News and World Report (May 8, 1953), p. 54, under the title „Brain Warfare-Russia’s Secret Weapon.“

U.S. Human Rights Abuse Report, Cheryl Welsh, January 1998

Die in A.W.Dulles Rede erstmals öffentlich legitimierten geheimen Experimente verfolgten das Ziel, der Bedrohung durch „kommunistische Gehirnwäsche“ entgegen zu wirken – und der amerikanischen Außenpolitik „dirty tricks“ bereit zu stellen. Der Auslandsgeheimdienst CIA pflegte enge Beziehungen zum US-Außenministerium, insbesondere 1953 unter Außenminister John Foster Dulles, dem Bruder des neu ernannten CIA-Direktors Allen W. Dulles. In den USA herrschte Paranoia vor sowjetischer Infiltration. Anti-kommunistische Hexenjagden sollte vor der unheimlichen Seuche marxistischen Gedankengutes schützen. Einer teuflischen Ideologie, die aufrechte Amerikaner in willenlose Marionetten gefühlloser Gleichmacherei verwandeln konnte – wie im Film „Die Invasion der Körperfresser“.

Ein Mensch konnte nicht durch eigenes Denken, durch eigene Entscheidung zum Kommunisten werden. Dass Kommunismus z.B. vor dem Absinken eines Staates zur Plutokratie schützen konnte, leuchtete den Dulles-Brüdern nicht ein. Der Gedanke an eine Plutokratie, also der Herrschaft reicher Familienclans, die ihren Sprösslingen Amt und Macht kaufen, lag den DullesBrüdern natürlich fern – ihr Großvater hatte ebenfalls schon das Amt des US-Außenministers bekleidet.

Die Bedrohung durch „kommunistische Gehirnwäsche“ hatte sich auch im Koreakrieg gezeigt, als die Koreaner ab 1951, später auch die Chinesen den US-Streitkräften den Einsatz geächteter biologischer Kriegsführung vorwarfen (u.a. Pestbakterien und Anthrax). US-Piloten, die mit ihren Bombern abgeschossen wurden, gaben dies in koreanischer Gefangenschaft öffentlich zu.

The CIA program, known principally by the codename MKULTRA, began in 1950 and was motivated largely in response to alleged Soviet, Chinese, and North Korean uses of mind-control techniques on U.S. prisoners of war in Korea. Because most of the MKULTRA records were deliberately destroyed in 1973 by order of then-Director of Central Intelligence Richard Helms, it is impossible to have a complete understanding of the more than 150 individually funded research projects sponsored by MKULTRA and the related CIA programs. ACHRE Report, Chapter 3, Supreme Court Dissents Invoke the Nuremberg Code: CIA and DOD Human Subjects Research Scandals

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Camp Detrick Biowaffenlabor

Für die USA ein klarer Beweis für eine Gehirnwäsche im Dienste der kommunistischen Propaganda, so die Version, die sich in den westlichen Medien und Geschichtsschreibung durchsetzte. Bis jüngst Beweise ans Licht kamen, die auf ein US-Biowaffen-Programm in Camp Detrick hinweisen (Pentagon bestätigt nach Pressebericht Forschung an biologischen Kampfstoffen). Dort wurde mit Anthrax, Botulinus und Pest geforscht, wobei Biowaffen-Experten aus Nazi-Deutschland und Japan helfen durften, auch und insbesondere solche, die ihre Erkenntnisse durch verbrecherische Menschenexperimente gewonnen hatten.

Zur Vertuschung dieser geheimen Forschungs- und Produktionsaktivitäten kamen offenbar psychologische Techniken aus dem Artichoke-Programm zum Einsatz, auch gegen einen führenden US-Biowaffen-Wissenschaftler, Frank R. Olson. Dieser musste 1953 offenbar nach einer gescheiterten LSD-Behandlung sterben, da die CIA ihm nicht mehr traute; an der Vertuschung des Mordes waren 1975 auch der junge Richard Cheney und Donald Rumsfeld beteiligt, so das Fazit des Autorenduos Koch/Wech.

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George W. Bush

Der Sohn des Ex-CIA-Direktors und späteren US-Präsidenten George Bush, George W. Bush, sollte sich später im Amt des US-Präsidenten weigern, ein rechtlich bindendes Zusatzprotokoll zur Überprüfung der Biowaffenkonvention für die USA zu unterzeichnen (Biowaffenkonferenz in Genf gescheitert), selbst nach den Anthrax-Anschlägen in Washington 2001 – die übrigens mit Anthraxstämmen aus Camp Detrick, also aus US-Produktion, höchstwahrscheinlich von einem am Biowaffen-Programm beteiligten Mitarbeiter durchgeführt wurden (Auf der Spur der Anthrax-Briefe).

Die Entwicklung von Brain Warfare stand zur Zeit von Frank Olson erst am Anfang. Weitere Studien folgten, z.B. unter Mitwirkung des General Electric-Fernsehforschers Herbert Krugmann, der mittels EEG die Wirkung des Fernsehens auf die menschliche Psyche erforschte. Die meisten MKULTRA-Dokumentationen wurden jedoch rechtswidrig von CIA-Direktor Richard Helms vernichtet.

Heute dürften die damals entwickelten Psychotechniken um ein vielfaches weiter entwickelt worden sein. Das Internet und die digitalen Massenmedien eröffneten ein weites Feld für entsprechende Angriffe auf die menschliche Willensfreiheit. Und die Geheimdienste und Regierungen sind längst nicht mehr allein. Eine profitorientierte Medienindustrie verfügt über gewaltige finanzielle und politische Mittel, um ihre Interessen auch auf diesem Wege durchzusetzen.  Erste Version erschienen auf telepolis 10.4.03

Der Diplom-Psychologe und Diplom-Kriminologe Thomas Barth untersuchte unsere psychologische Manipulation durch die Medien auch in BtmBookeinem Buch über den größten deutschen und europäischen Medienkonzern Bertelsmann (RTL-Senderfamilie, Arvato etc.), der im Oktober 2014 auch noch den Gruner und Jahr Verlag (SPIEGEL, STERN usw.) vollständig aufkaufte: Bertelsmann: Ein globales Medienimperium macht Politik“