Schlagwort-Archive: Guardian

Google-Kritik aus Havard Business School – Shoshana Zuboff: Überwachungskapitalismus

Shoshana Zuboffs Arbeiten zum Überwachungskapitalismus bieten eine gute Ergänzung des hier vertretenen Konzeptes vom Inversen Panoptismus, weil sie die Überwachungskultur von ihrer ökonomischen Seite her analysieren: Kritisch, aber dank ihrer Herkunft aus der HBS (Havard Business School) in der Sprache der herrschenden Machteliten der westlichen Wirtschaftswelt. Über Zuboffs enge Beziehung mit dem FAZ-Herausgeber und Netzfirmen-Kritiker Frank Schirrmacher haben Zuboffs Thesen den deutschen Sprachraum schneller erreicht als den angelsächsischen (sicher auch, weil Technikkritik bei uns traditionell stärker vertreten ist). Ende 2018 erschien ihr Buch dazu zuerst auf Deutsch (!), Januar 2019 die am. Ausgabe. Mehr zum Buch, zu Zuboff und ihren FAZ-Artikeln hier:

Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus

Verlagstext:

Das Zeitalter des ÜberwachungskapitalismusGegen den Big-Other-Kapitalismus ist Big Brother harmlos

Die Menschheit steht am Scheideweg, sagt die Harvard-Ökonomin Shoshana Zuboff. Bekommt die Politik die wachsende Macht der High-Tech-Giganten in den Griff? Oder überlassen wir uns der verborgenen Logik des Überwachungskapitalismus? Wie reagieren wir auf die neuen Methoden der Verhaltensauswertung und -manipulation, die unsere Autonomie bedrohen? Akzeptieren wir die neuen Formen sozialer Ungleichheit? Ist Widerstand ohnehin zwecklos?

Zuboff bewertet die soziale, politische, ökonomische und technologische Bedeutung der großen Veränderung, die wir erleben. Sie zeichnet ein unmissverständliches Bild der neuen Märkte, auf denen Menschen nur noch Quelle eines kostenlosen Rohstoffs sind – Lieferanten von Verhaltensdaten. Noch haben wir es in der Hand, wie das nächste Kapitel des Kapitalismus aussehen wird. Meistern wir das Digitale oder sind wir seine Sklaven? Es ist unsere Entscheidung!

Shoshana Zuboff war 1981 eine der ersten Frauen, die an der Harvard Business School einen Lehrstuhl bekamen. Bereits 1988 schrieb sie den Best- und Longseller „In the Age of the Smart Machine“, in dem sie als Sozialwissenschaftlerin und Ökonomin die technologischen Entwicklungen und daraus resultierenden Kontrollmechanismen vorhersagte. Mit dem Begriff „Dark Google“ prägte sie 2014 maßgeblich die Debatte um die digitale Zukunft und Big Data. Das Magazin strategy+business bezeichnet sie als eine der elf originellsten Wirtschaftsdenkerinnen und -denker der Welt. Shoshana Zuboff lebt in Maine (USA).

FAZ-Artikel: Dark Google (30.4.2014)

Dt.Fassung:  Die Google-Gefahr : Schürfrechte am Leben

Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Wir erleben das Entstehen absoluter Macht. Die Internet-Giganten, Google an der Spitze, übertragen ihre radikale Politik vom Cyberspace auf die reale Welt. Sie werden ihr Geld damit verdienen, dass sie die Realität kennen, kontrollieren und in kleinste Stücke schneiden. (…)

Zuboff griff in diesem FAZ-Artikel Eric Schmidt direkt an:

„Eric Schmidts Artikel in der F.A.Z., der in Wahrheit ein Sendschreiben an die Europäer ist, zeigt Anzeichen solch eines Absolutismus. Demokratische Kontrolle wird als „plumpe Regulierung“ abgetan. Die Ausdrücke „Internet“, „Web“ und „Google“ werden verwendet, als wären sie austauschbar und als stünden die Interessen von Google für das gesamte Web und das Internet. Das ist ein Taschenspielertrick, der von den wirklichen Problemen ablenken soll. Schmidt warnt, wenn die EU den Praktiken von Google entgegentrete, könne daraus „ein schwerer Rückschlag für die Innovationskraft in Europa“ resultieren. Genau das Gegenteil dürfte zutreffen. Gerade wegen Googles genialer Fähigkeiten in der Wissenschaft der Überwachung, wegen der Unverfrorenheit, mit der das Unternehmen die Nutzer enteignet und sich deren Datenschutzrechte selbst aneignet, und wegen des aggressiven Vorgehens der NSA verlieren die Menschen das Vertrauen in das gesamte digitale Medium. Und erst dieser Vertrauensverlust droht die Innovation abzuwürgen.“ (…)

-Ein etwas weitscheifig-feuilletonistischer Text, aber durchaus lesenswert! Zuboff widmet ihr Buch auch ihrem verstorbenen Freund Frank Schirrmacher.

„Die Gesellschaft ist immer mehr zu einem Objekt geworden, das in Verhaltensdaten transformiert wird, um kontrollieren und verändern zu können“, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff. Ihr zufolge leben wir in einem „Zeitalter des Überwachungskapitalismus“, der sich vor allem in der Datensammelwut von Digitalkonzernen wie Google, Amazon oder Facebook widerspiegelt. Und der einerseits etwas vollkommen Neues ist, andererseits der klassischen Dynamik des Kapitalismus folgt: „Man geht schon länger davon aus, dass Kapitalismus sich entwickelt, indem Anspruch auf Dinge erhoben wird, die bisher immer außerhalb des Marktes existiert haben, und diese Dinge dann in den Markt integriert und zu Ware erklärt werden, die gekauft und verkauft werden können“, sagt Zuboff unter Verweis auf Karl Polanyis wirtschaftshistorischen Klassiker „The Great Transformation“ von 1944. (…) DLF zu Zuboff

FAZ-Artikel von Shoshana Zuboff, DLF, HIIG (Google Institut)

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-digital-debatte/unsere-zukunft-mit-big-data-lasst-euch-nicht-enteignen-13152809.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/die-strategie-von-google-und-facebook-ueberwachen-und-verkaufen-15802775.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-digital-debatte/shoshana-zuboff-googles-ueberwachungskapitalismus-14101816.html

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/die-google-gefahr-zuboff-antwortet-doepfner-12916606.html

https://www.deutschlandfunkkultur.de/shoshana-zuboff-das-zeitalter-des-ueberwachungskapitalismus.950.de.html?dram%3Aarticle_id=429944

https://www.hiig.de/en/events/shoshana-zuboff-surveillance-capitalism-and-democracy/

Zuboff Video Triangulation 380

Triangulation 380: The Age of Surveillance Capitalism (interview)
Jan 11th 2019      Hosted by Leo Laporte 
Shoshana Zuboff, author of ‚The Age of Surveillance Capitalism‘

 

The Guardian, James Bridle: The Age of Surveillance Capitalism by Shoshana Zuboff review – we are the pawns

Tech companies want to control every aspect of what we do, for profit. A bold, important book identifies our new era of capitalism

The litany of appropriated experiences is repeated so often and so extensively that we become numb, forgetting that this is not some dystopian imagining of the future, but the present.  Originally intent on organising all human knowledge, Google ended up controlling all access to it; we do the searching, and are searched in turn. Setting out merely to connect us, Facebook found itself in possession of our deepest secrets. And in seeking to survive commercially beyond their initial goals, these companies realised they were sitting on a new kind of asset: our “behavioural surplus”, the totality of information about our every thought, word and deed, which could be traded for profit in new markets based on predicting our every need – or producing it. (…)

Fazit: The work begins in demolishing the framework of this world order, but it continues in the establishment and enactment of new and better futures.

Full text: The Guardian Review Zuboff

wikipedia zu Zuboff (Auszüge)

She received her Ph.D. in social psychology from Harvard University and her B.A. in philosophy from the University of Chicago. Zuboff joined the Harvard Business School in 1981 where she became the Charles Edward Wilson Professor of Business Administration and one of the first tenured women on the Harvard Business School faculty. In 2014 and 2015 she was a Faculty Associate at the Berkman Center for Internet and Society at the Harvard Law School.

Zuboff’s new work explores a novel market form and a specific logic of capitalist accumulation that she named „surveillance capitalism“. She first presented her concept in a 2014 essay, „A Digital Declaration“, published in German and English in the Frankfurter Allgemeine Zeitung. Her followup 2015 scholarly article in the Journal of Information Technology titled „Big Other: Surveillance Capitalism and the Prospects of an Information Civilization“ received the International Conference on Information Systems Scholars‘ 2016 Best Paper Award.

Surveillance capitalism and its consequences for twenty-first century society are most fully theorized in her book, The Age of Surveillance Capitalism: The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power. Zuboff’s scholarship on surveillance capitalism as a „rogue mutation of capitalism“ has become a primary framework for understanding big data and the larger field of commercial surveillance that she describes as a „surveillance-based economic order“. She argues that neither privacy nor antitrust laws provide adequate protection from the unprecedented practices of surveillance capitalism. Zuboff describes surveillance capitalism as an economic and social logic. Her book originates the concept of ‚instrumentarian power‘, in contrast to totalitarian power. Instrumentarian power is a consequence of surveillance capitalist operations that threaten individual autonomy and democracy.

Many issues that plague contemporary society including the assault on privacy and the so-called ‚privacy paradox‘, behavioral targeting, fake news, ubiquitous tracking, legislative and regulatory failure, algorithmic governance, social media addiction, abrogation of human rights, democratic destabilization, and more are reinterpreted and explained through the lens of surveillance capitalism’s economic and social imperatives.

Von Shoshana Zuboff’s Homepage:

Shoshana Zuboff joined the Harvard Business School faculty in 1981. One of the first tenured women at the school, she was the Charles Edward Wilson Professor of Business Administration. In 2014 and 2015 she was a Faculty Associate at the Berkman Center for Internet and Society at Harvard Law School. Her career has been devoted to the study of the rise of the digital, its individual, organizational, and social consequences, and its relationship to the history and future of capitalism. She also founded and led the executive education program, Odyssey: School for the Second Half of Life.

NEW WORK

Shoshana Zuboff’s latest book is The Age of Surveillance Capitalism: The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power. This new work integrates Zuboff’s lifelong themes: the historical emergence of psychological individuality, the conditions for human development, the digital revolution, and the evolution of capitalism. It begins with the oldest questions: home or exile? master or slave? It explores the emergence of surveillance capitalism as the dominant form of information capitalism and its implications for individuals, society, and democracy in the twenty-first century.

Shoshana Zuboff’s essay “Big Other: Surveillance Capitalism and the Prospects of an Information Civilization,” which appeared in the March 2015 special issue of the Journal of Information Technology, was the recipient of the International Conference on Information Systems Senior Scholars’ 2016 Best Paper Award. Zuboff’s study of surveillance capitalism builds on her  earlier work in, The Support Economy: Why Corporations Are Failing Individuals and the Next Episode of Capitalism (Penguin, 2002), co-authored with Jim Maxmin and In the Age of the Smart Machine: The Future of Work and Power (Basic Books, 1988).

THE SUPPORT ECONOMY

Long before the economic crisis of 2007-2008, this far-reaching multi-disciplinary effort integrated history, sociology, management, and economics to explain why today’s business models have reached the limits of their adaptive range:   “People have changed more than the commercial organizations upon which they depend…In the chasm that now separates individuals and organizations lie the keys to a new economic order with vast potential for wealth creation and individual fulfillment.  The marketplace of a support economy and the associated possibilities of a new distributed capitalism are emerging from the outrage, disappointments, frustrations, and all too frequent humiliations to which today’s new individuals are subjected at the hands of the old organizations.”

The Support Economy has been praised and translated around the world.  It was selected by strategy+business as one of the top ten business books of 2003 and ranked number one in the “Values” category. BusinessWeek named it the “number one idea” in its special issue on “Twenty Five Ideas for a Changing World”. Inc. magazine described The Support Economy as “the new new thing” in its special anniversary issue on entrepreneurship.  The book has also been featured in dozens of other magazines and newspapers including The Economist, Fast Company, The Financial Times, The Times of London, The Boston Globe, The Washington Post and Across the Board (The Conference Board) as well as in major publications in Germany, Italy, India, China, Brazil, Finland, Croatia, Japan, Canada, and South Korea.

In 2006, strategy+business named Shoshana among the eleven most original business thinkers in the world.  She was featured in 2004 as a “Creative Mind” in strategy+business, described as “a maverick management guru…one of the sharpest most unorthodox thinkers today.”

IN THE AGE OF THE SMART MACHINE

Author of the celebrated classic In the Age of the Smart Machine: The Future of Work and Power (1988), Shoshana has been called “the true prophet of the information age”.  In the Age of the Smart Machine won instant critical acclaim in both the academic and trade press—including the front page review in the New York Times Book Review– and has long been considered the definitive study of information technology in the workplace.

In the Age of the Smart Machine is the source of many concepts that have become widely integrated into the understanding of information technologies and their consequences. These include the abstraction of work associated with information technology and its related skill demands; that information technology can pave the way for more fluid distributed work arrangements; the concept of the “information panopticon”; the duality of information technology as an informating and an automating technology; computer-mediated action; information as a challenge to command/control; the social construction of technology; the collaborative patterns of information work–to name but a few.

A scholarly article by Andrew Burton-Jones reviews the continuing impact of In the Age of the Smart Machine on IT-oriented scholarship. He describes the book as “the most cited and celebrated in the whole of the IS field…” According to Finnish scholars Hanna Timonen and Kaija-Stiina Paloheimo’s 2008 analysis of the emergence and diffusion of the concept of knowledge work, In the Age of the Smart Machine is one of three late twentieth century books, including Peter Drucker’s In the Age of Discontinuity and Daniel Bell’s The Coming of Post-Industrial Society, that are responsible for the diffusion of the concept of “knowledge work.”

According to London School of Economics Professor Jannis Kallinikos’s analysis in “Smart Machines,” written on the occasion of the book’s twentieth anniversary for The Encyclopedia of Software Engineering, In the Age of the Smart Machine is “a profound study of the work implications associated with the extensive involvement of information technology in organizations. The book rapidly gained recognition across a wide spectrum of social science disciplines, including management and organization studies, information systems, social psychology, and sociology, and has been debated and quoted extensively. Twenty years may seem an awfully long time in this age of speed and rapid technological change. But, the Smart Machine, as perhaps every great work, holds out remarkably…One could indeed go as far as to claim that in some respects the book is even more relevant and timely today than it was at the time of its publication.”

OTHER WORK

Shoshana Zuboff has also been a frequent contributor to the Frankfurter Allgemeine Zeitung. Recent essays include “The Secrets of Surveillance Capitalism,” March 2016; “Disruption’s Tragic Flaw,” February 2015;  “The Digital Declaration,” September 2014; “The Digital Economy: Human Factors,” July 2014;  “Dark Google,”  April 2014;  “The New Weapons of Mass Detection,” February 2014; “Obama, Merkel, and the Bridge to an Information Civilization,” January 2014; and “Be the Friction: Our Response to the New Lords of the Ring,” June 2013.

From 2003 to 2005,  Shoshana shared her ideas on the future of business and society in her popular monthly column “Evolving”, in the magazine Fast Company.  From 2007 through 2009 she was a featured columnist for BusinessWeek.com. Her work has been showcased on CNBC, Reuters International, and the Today Show as well as in the BrandEins, Fortune, Inc., Business Week, U.S. News & World Report, CIO, The New York Times, The Financial Times, and many other news outlets. She has been heard on over 200 radio shows, including top coverage on NPR’s Marketplace, TechNation, Sound Money, Morning Edition, BBC, and the BBC World Service.

 

WikiLeaks, journalistische Ethik und die Verantwortung der Medien

Thomas Barth wlogo-sm

WikiLeaks ist hervorgegangen aus und tief verwurzelt in der Hacker-Subkultur. Seit den Anfängen des Internet traten Hacker ein für freien Informationszugang aller bei vollem Schutz der Privatsphäre. Ihre natürlichen Widersacher waren die Geheimdienste, deren Job im großen und ganzen die umgekehrte Ausrichtung hatte. WikiLeaks bezeichnet sich in dieser Tradition auch als „Counter-Intelligence“ und „First Intelligence Agency of the People“ –als erster Geheimdienst des Volkes.

Die technologische Avantgarde der Hacker, deren ehedem esoterische Praxis der Online-Kommunikation heute die breite Masse zumindest der jüngeren Generationen erreicht hat, wurde von Anbeginn misstrauisch von den etablierten Medien beäugt. Heute ist sie selbstbewusst zur „Netzkultur“ gereift und ihr stehen neben staatlichen Institutionen auch die Medienkonzerne gegenüber, die von den neuen „Netzbürgern“ oft als „Content-Mafia“ gesehen werden. Kein Wunder, hat doch die Medien-Industrie in Anti-Raubkopierer-Kampagnen ihre Verbraucher so lange zu Verbrechern erklärt, bis sogar eine Piratenpartei in die politischen Arena stieg. Dabei sehen sich die Medien-Konzerne oft sogar als Säule der Demokratie und Pressefreiheit, vertreten aber zunehmend eigene Unternehmensinteressen. Der Antagonismus von Netzkultur und Medienindustrie schwingt unterschwellig mit, wenn etablierte Journalisten über Hackerprojekte berichten –besonders vielleicht, wenn diese –wie WikiLeaks– mit neuen Publikationsformen in die zentrale Sphäre des Nachrichtengeschäfts eindringen.

Am 1.9.2011 machte WikiLeaks, die Whistleblower-Plattform des weltberühmten Hackers Julian Assange, negative Schlagzeilen: Durch eine Sicherheitspanne wurden rund 250.000 US-Diplomaten-Depeschen aus dem WikiLeaks-Datenbestand im Internet zugänglich. Diese Depeschen sind, anders als bei vorherigen Depeschen-Publikationen, nicht redaktionell bearbeitet. Somit enthüllen sie womöglich unabsichtlich Namen von Informanten der US-Auslandsvertretungen. Die Aufregung in den Medien ist groß und der Ruf von WikiLeaks, durch einen Sex-Skandal um Assange bereits angeschlagen, droht nachhaltig beschädigt zu werden. Vielleicht werden sogar Internet-Enthüllungsplattformen, die bereits als neue, den herkömmlichen Journalismus ergänzende Form der öffentlichen Aufklärung gesehen wurden, generell in Frage gestellt. Die Vorwürfe lauten, WikiLeaks würde den Informantenschutz und die journalistische Ethik bzw. Sorgfalt vernachlässigen.

Beide Vorwürfe erweisen sich jedoch bei genauerer Betrachtung als zumindest fragwürdig. Was war geschehen? Bei der Weitergabe der Botschafts-Depeschen hatte WikiLeaks zunächst ein verschlüsseltes Datenpaket gepackt und dieses im Internet in Umlauf gebracht. Ziel war, die Daten auf zahlreichen verteilten Rechnern vor dem physischen Zugriff von Polizei, Militär und Geheimdiensten in Sicherheit  zu bringen. Die spätere Jagd auf Assange mittels eines unter zweifelhaften Umständen zustande gekommenen Haftbefehls von Interpol zeigt, dass diese Befürchtungen nicht unbegründet waren.

Die so verschlüsselten Daten gelangten in die Hände der drei ausgewählten Presseredaktionen von „Spiegel“, New York Times und Guardian. Später übergab dann Assange den Redakteuren das geheime Passwort, so dass diese die Pakete öffnen und auswerten konnten. Soweit so gut. Doch zwei Journalisten vom Guardian publizierten 2010 auch ein Buch über die WikiLeaks-Geschichte und gaben dabei (versehentlich?) das Passwort  bekannt. Sie hätten geglaubt, so heute der Guardian, das Passwort sei nur zeitlich befristet gültig gewesen. Jeder Leser des Buches hatte nun die Möglichkeit, die zirkulierenden Datenpakete zu entschlüsseln und Identitäten von US-Informanten zu enthüllen.

Bei der Berichterstattung über den Vorfall ging im Folgenden vieles durcheinander. Die Tagesschau vom 1.9.2011 befragte in ihrem längeren Bericht einen ARD-Internetexperten, der kritisierte, eine Whistleblower-Plattform solle doch in der Lage sein, ihre Informanten zu schützen. In dieser Darstellung wurden also die hier betroffenen Informanten mit Whistleblowern durcheinander gebracht. Doch es geht in den Depeschen nicht um Enthüller, die öffentliche Aufklärung im Sinn haben, sondern um Zuträger der US-Administration, wie den FDP-Funktionär Metzner, der Internas aus den schwarzgelben Koalitionsverhandlungen verriet. Der Adressat für das Einklagen von Informantenschutz muss hier also nicht WikiLeaks, sondern die US-Administration sein. Es ist nebenbei bemerkt dieselbe US-Administration, die Assange zum Staatsfeind erklärte, ihm vermutlich die Konten sperren ließ, mutmaßlich seine Strafverfolgung wegen fadenscheiniger Vergewaltigungsanklagen und seine Auslieferung an die USA betrieb.

Gleichwohl könnten die Depeschen fatale Konsequenzen für Informanten haben, denn manche Zuträger der US-Botschaften müssen wohl mit bedrohlichen Konsequenzen rechnen –„in totalitären Ländern“, wie besorgte Kommentatoren der WikiLeaks-Datenpanne gern hinzufügten. Kaum einer erwähnte dabei jedoch einen Informanten von WikiLeaks selbst, der schon seit Mai 2010 leidet: Bradley Manning, der US-Soldat, der teilweise unter „harten“ Haftbedingungen in US-Militärgefängnissen gehalten wird (Menschenrechts-Organisationen sprachen von Folter), um ein Geständnis und eine Aussage gegen Assange zu erzwingen.

Die Manning zugeschriebenen Enthüllungen brachten Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen seitens der US-Truppen ans Licht. Sie zeigten den Krieg in Irak und Afghanistan, der uns oft als hehre Friedensmission mit chirurgischen Schlägen präsentiert wurde, in seiner ganzen Breite und Grausamkeit. Hinter der offiziellen Version von Wiederaufbau und Krieg gegen den Terror erkannten manche in den WikiLeaks-Dokumenten einen zweiten Krieg: Die Strategie, innerafghanische Kontrahenten i.S. von „teile und herrsche“ gegen einander auszuspielen; etwa die entgegen der offiziellen Entwaffnungspolitik zugelassene Aufrüstung von Usbekenführer Dostum, der 2006 mit Warlords der Nordallianz einen Putsch gegen Karsai plante. Dies konnte zwar der US-Führung nicht gefallen, rechtfertigt aber nicht die unmenschliche Behandlung eines mutmaßlichen Whistleblowers. Ob mit Bradley Manning nicht einfach ein unbequemer junger Soldat zum Sündenbock gemacht wurde, um Enthüller von US-Geheimnissen generell einzuschüchtern, weiß bis heute niemand.

Die Darstellung von Leistungen von WikiLeaks und Assange erscheint in den Medien oft personalisiert und wenig auf politische Hintergründe ausgerichtet, so in den auf Bestsellerlisten gehandelten Büchern „Staatsfeind WikiLeaks“ und „Inside WikiLeaks“. Doch auch wo fundiertere Analysen vorgenommen werden, bleibt eine voreingenommene Haltung des etablierten Journalismus spürbar. So wird in einer Studie zum Krisenjournalismus das berühmte Video, mit dem sich WikiLeaks überhaupt erst einen Platz in den Hauptnachrichten erkämpfte, recht einsilbig beschrieben: „…ein WikiLeaks-Video, das den Angriff auf eine Gruppe von Menschen in Bagdad aus der Cockpit-Perspektive eines Kampfhelikopters zeigt. Bei dem Angriff kamen auch zwei Reuters-Journalisten ums Leben.“ Sogar den mit Bedacht von Assange gewählten Titel des Videos verschwiegen die Autoren: „Collateral Murder“, obwohl sie wenige Seiten zuvor noch von der Krisenberichterstattung gefordert hatten, „Euphemistische Wendungen wie… ‚Kollateralschäden‘… sollten durchschaut und vermieden werden.“ (S.51) Assange & Co. hatten den Euphemismus nicht nur vermieden, sondern durchschaut und in seinem Zynismus entlarvt, aber dies wollten der Journalismus-Professor und sein Co-Autor wohl bei den Medien-Außenseitern von WikiLeaks nicht sehen. „Collateral Murder“ wurde gesendet und schnell vergessen, ebenso wie der Leidensweg des mutmaßlichen WikiLeaks-Informanten Bradley Manning.

Wichtiger als das reale Opfer Manning, scheinen deutschen Medien heute offenbar die infolge der Datenpanne möglichen Opfer der Publikation von US-Depeschen zu sein. Tatsächlich könnte man hier die Vernachlässigung journalistischer Ethik und Sorgfaltspflicht anführen. Aber gegen wen? Das Gros der Medien richtet seine Anklagen gegen Assange, etwa die Tagesschau vom 1.9.11. Sie berichtete zwar, „WikiLeaks beschuldigte einen Journalisten der britischen Zeitung Guardian“, das Passwort publiziert zu haben, ließ aber im restlichen Beitrag keinen Zweifel daran, dass man die Schuld für die Panne bei der Internet-Plattform zu suchen habe. Fazit: WikiLeaks sitzt auf der Anklagebank und beschuldigt, womöglich nur um sich selbst zu entlasten, den Guardian. Diesem Muster folgen die meisten Berichte, aber ist das wirklich eine faire Bewertung?

Journalisten forderten von WikiLeaks seit deren Erscheinen in der Öffentlichkeit Verantwortung, Ethik und journalistische Standards ein, die man übrigens in der breiten Masse des Boulevard-Journalismus vergeblich sucht. Aber was ist mit den Qualitäts-Journalisten des britischen Traditionsblattes Guardian? Sollte eine naheliegende Frage nicht lauten: Welcher Teufel hat die Buchautoren geritten, ausgerechnet das echte Passwort in ihrer Reportage zu publizieren? Ein fanatisches Streben nach Authentizität um jeden Preis? Pure Trägheit, sich eine vergleichbare Phrase auszudenken? Für den Leser hätte ein Ersatzwort das Buch sicher nicht schlechter gemacht, für US-Informanten kann diese Unachtsamkeit der Autoren jedoch fatale Folgen haben.

Die Guardian-Schreiber hätten wissen müssen, dass die verschlüsselte Datei mit den Depeschen überall im Netz zirkuliert, und dass sie mit diesem Passwort jeder würde öffnen können. Wäre es nicht ihre journalistische Sorgfaltspflicht gewesen, die Ungefährlichkeit ihrer „Enthüllung“ mit Assange abzuklären? Stattdessen konstruieren jetzt die medialen Ankläger eine kryptologische Bringschuld von Assange, auch in der Zusammenarbeit mit der bei diesem Projekt engstens verbündeten Presse jederzeit höchstes Misstrauen einkalkulieren zu müssen. Assange hätte die zirkulierenden Sicherungskopien mit anderen Passwörtern verschlüsseln, die Passwörter mit einer Zeitbegrenzung versehen müssen usw. lauten die im Nachhinein besserwisserisch erhobenen Forderungen. Aber hätten nicht auch die seriösen Qualitäts-Journalisten und Buchautoren des Guardian einkalkulieren müssen, dass dem um den Globus gehetzten Assange und seiner zusammengewürfelten Hackergruppe Fehler unterlaufen könnten?

Der Hacker-Subkultur selbst scheinen –bei aller Hochachtung vor den Leistungen von Julian Assange– die mit seiner Person und auch mit der Fixierung auf einen „einsamen Helden“ verbundenen Gefahren bewusst zu sein –doch Verantwortung wird dort vor allem von der Presse eingefordert. Deren zunehmendes Einknicken vor den Interessen herrschender ökonomischer und Machteliten wird von Hackern vielmehr als Hauptargument für die Notwendigkeit von Plattformen wie WikiLeaks angeführt.  /Thomas Barth

Quellen:

Barth, Thomas, Virtueller Vandalismus, Blätter 4/2000, S.416-420.BtmBook

Vgl. Spoo, Eckart, Pressekonzentration und Demokratie, in: Barth, T. (Hg.), Bertelsmann: Ein globales Medienimperium macht Politik, Hamburg 2006, S.23-34, S.23ff.

Vgl. Thörner, Marc, Wikigate: Der geheime Krieg, Blätter f.dt.u.int. Politik,  Nr.9, 2010, S.5-9, S.6f.

Weichert, Stephan u. Leif Kramp, Die Vorkämpfer: Wie Journalisten über die Welt im Ausnahmezustand berichten, Köln 2011, S.65.

Vgl. Rueger, Gerd R., Julian Assange –Die Zerstörung von WikiLeaks? Anonymous…, Hamburg 2011, S.78.

PrivKorruptAltvaterGRR_WLbook