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Das Inverse Panoptikum

Thomas Barth Panopticon1

„Ausgehend vom Begriff des Panoptikums, gilt es die Frage nach dem Subjekt neu zu stellen und nach einer politischen Utopie für den künftigen Cyberspace zu suchen. Es geht um den Kampf der Subjekte um ihre Autonomie durch Subversion der sich durch IT-Technik rapide ausweitenden panoptischen Machtmechanismen. Jeremy Benthams (1784-1832)  Gefängnisbau, die architektonische Erfindung des Panoptikums, besteht aus einer runden Architektur, welche durch einen Beobachtungsturm im Zentrum die Zellen permanenter Beobachtung preis gibt. Die Gefangenen des Panoptikums sehen also die Wächter nicht, sind aber einer dauernden potentiellen Überwachung ausgesetzt, die ein diszipliniertes Verhalten erzwingen soll.

Michel Foucaults Analyse der Disziplinargesellschaft sieht im Panoptikum den Kern des utilitaristisch-demokratischen Gesellschaftsmodells und betrachtet es gleichzeitig als Metapher der bürgerlichen Gesellschaft.  Wichtiger als die konkrete architektonische Umsetzung erscheint Foucault die Idee eines „Panoptismus“, die in den verschiedensten Bereichen, in Schulen, Hospitälern, Fabriken Fuß fassen konnte: Die disziplinierende Beobachtung vieler durch wenige –Schüler durch Lehrer, Arbeiter durch Vorarbeiter, Bürger durch Verwaltungsbeamte. Bentham ging es einerseits darum, eine vollkommene Disziplinarinstitution zu entwerfen,  aber andererseits auch um eine Methode, die Disziplinen vielseitig und diffus verteilt in der ganzen Gesellschaft wirken zu lassen.

Die laut Michel Foucault (1924-1986) im Panoptismus FouTBdisziplinierten Individuen bilden die Basis für die modernen Massendemokratien. Panoptische Institutionen wurden ausgeweitet, um die Individuen so zu disziplinieren, dass sie einer modernen Demokratie würdig werden konnten –in den Augen der damaligen Machtelite. Foucaults Analyse interpretiert Benthams Erfindung als  allgemeines Prinzip der Konstituierung des bürgerlichen Subjekts als Gleicher unter Gleichen, autonom und frei  in den Grenzen, die die Zentralgewalt des Staates setzt und durch ständige Kontrolle aufrechterhält. Foucaults Motivation war dabei der kritische Hinweis auf den totalitären Aspekt dieser Sozialstruktur, auf die Leiden der Aussortierten, der Eingesperrten in Gefängnissen und Psychiatrien. Er zeigte die unmittelbare Verknüpfung von dadurch fragwürdig werdenden Freiheiten mit disziplinierenden Machtmechanismen auf. Wenn wir als Schulkinder lernen müssen stundenlang stillzusitzen, als Arbeiter zu tun, was der Chef sagt, als Patienten für wirklich zu halten, was ein Psychiater nicht als wahnhaft ansieht, dann konstituieren wir uns damit als Subjekt. Dieses Subjekt passt in den Raum, der durch die Grenzen der Freiheit definiert wird, d.h. durch die körperliche Unversehrtheit, die Unverletzlichkeit der Wohnung, das Fernmelde-Geheimnis, das Recht auf Privateigentum usw. Bisher schien also ein Gleichgewicht zwischen Machtmechanismen und Subjekt-Konstitution zu bestehen.

Was ist wenn technische Möglichkeiten „dem Subjekt” neue Möglichkeitsräume eröffnen, also eigentlich das Subjekt erweitern? Oder wenn andererseits der Zentralgewalt neue Möglichkeiten der Überwachung und Disziplinierung zuwachsen -also eigentlich das Subjekt einer Neukonstituierung „von oben” unterworfen wird? Das Gleichgewicht muss neu austariert werden, und das ist eine politische Fragestellung. Progressive oder Liberale werden die Möglichkeitsräume begeistert begrüßen und Überwachung ablehnen; konservativen Gemütern wird die Furcht vor der Freiheit die Begeisterung erschweren. Sie werden sich eher auf die Mißbrauchsmöglichkeiten konzentrieren, vor Kriminalität und Anarchie warnen und verstärkte Kontrollmechanismen fordern, d.h. verstärkte Technokratie. Die gewährten Freiheiten waren immer per se systemkonform beschränkt Aber selbst diese Freiheiten werden heute von den Machteliten angegriffen, eingespart und herunter gekürzt.

Foucaults Einwand ist also das Subjekt sei nicht Gegenüber, sondern erstes Produkt der Macht. Wer sich im emanzipatorischen Kampf um die Freiheit des Subjekts wähnt, der wird sich dadurch im revolutionären Elan abgebremst fühlen. Dennoch lassen sich postmoderne Ansätze zur Kritik des status quo nutzbar machen, wenn auch ihre Zielrichtung sich nicht so klar ausmachen lässt. Das Denken in ausschließenden Gegensätzen schafft zwar Eindeutigkeit, aber die zahlreichen so abgeleiteten Rezepte, Theorien und Ideologien haben bislang nicht überzeugt. Es ist vielleicht an der Zeit, sich der Ambivalenz zu stellen, auf die Vielfalt nicht länger mit Einfalt zu reagieren. Die Postmoderne richtet sich gegen Technokraten, die vom Gipfel ihrer „technologischen Kompetenz” herab, die Welt mit ihren Dogmen betreffs „inhaltlichen Kriterien von menschenswertem Leben” beglücken wollen. Vieles was noch immer als Antwort präsentiert wird, ist inzwischen in die Position der Frage gerückt. Es knirscht im Gebälk der alten Machtstrukturen, und die, die oben sitzen, können sich des ziemlich plausiblen Gedankens nicht länger erwehren, dass sie diejenigen sind, die am tiefsten fallen könnten. Die Angst der Technokraten, seien sie Ingenieure, Informatiker oder Geisteswissenschaftler, vor ihrer Entmachtung wird ein Haupthindernis bei der Gestaltung des Cyberspace sein. Die Frage danach, was wir mit dem kommenden Cyberspace machen wollen, hat sich als durchaus politische erwiesen, die keinesfalls nur technologischer Lösungen bedarf. Es wird dort auch um die Verteilung von Macht gehen, und zwar auf einer Ebene, die in die Konstituierung der Subjekte hineinreicht. Nun gibt es Subjekte, die sich schon lange mit den Cyberspace-Technologien befassen, ohne sich einer traditionellen Machtinstanz, etwa der akademisch verfassten Wissenschaft, zuordnen zu lassen: Die Hacker.

Mit den panoptischen Machtmechanismen hat diese Gruppierung insofern Bekanntschaft gemacht, als sie Ziel von Kriminalisierungen und Pathologisierungen wurde. Aus den Reihen dieser Gruppe werden seit vielen Jahren Forderungen erhoben, die etwas ungewöhnlich klingen, etwa nach „Freiheit für die Daten”, nach „mindestens weltweit freier Kommunikation für alle” aber auch nach Datenschutz. Als inverses Panoptikum  könnte man nun ein „latentes Utopiemodell” bezeichnen, welches sich in der Praxis der Hacker spiegelt. Das dem teilweise kriminalisierten „Datenreisen”, zugrunde liegende Streben nach Informationsfreiheit widerspricht nur scheinbar dem ebenfalls geforderten Recht auf die eigene Privatsphäre (Datenschutz). Nicht der gläserne Bürger, wie ihn die computerisierte Verwaltung, das Superpanoptikum, schafft, ist gefordert, sondern die gläserne Bürokratie. Wer Macht ausüben kann, soll für den Bürger sichtbar gemacht werden.

Der Sicherheit der persönlichen Daten komplementär ist also der Wunsch nach Beobachtung der Machtausübenden: „Für die staatliche Seite haben wir das so formuliert: Wir fordern die maschinenlesbare Regierung. Mit Hilfe der Computer und der Netzwerke ist so was einfach möglich. Dadurch ist es möglich, Daten transparent zu machen. Diese Technologie existiert dazu. Es ist nur die Frage, wie sie eingesetzt wird”, so Andy Müller-Maguhn, langjähriger Sprecher des CCC, der es einst bis zum europäischen Icann-Direktor brachte.  Der Wunsch wird deutlich, den überwachenden Blick umzukehren: Die Insassen des Panoptikums sind es leid, in ihren Zellen dem Blick des unsichtbaren Wächters preisgegeben zu sein. Sie fordern –zunächst noch– nicht den Ausbruch aus ihren Zellen, aber sie wollen eine Invertierung jener Kontrolle, die sich durch technologische Entwicklungen gerade zu potenzieren droht. Die auf ein Zentrum hin gerichteten Gegenmächte erweisen sich als Teil der Macht oder ihr Spiegelbild. Ein neuer Ansatz muss also indirekter und lokaler, an der Peripherie angesiedelt sein. (gekürzte Fassung von)

Quelle: Barth, Thomas, Das inverse Panoptikum: Ein postmoderner Ansatz für die politische Informationsstruktur des Cyberspace, in: Informatik Forum, Nr.2 1996, S.68-71.  Informatik Forum

http://www.fgi.at/if/hindex1996.html#1996h2
–> vergleiche auch

Barth, Thomas, Informations-Paradies contra Maschineller Charakter? in: Pol. Psych. Aktuell, Nr.1, 1991, S.56-65..

Barth, Thomas, Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft, Pfaffenweiler 1997.

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Inverser Panoptismus ff.

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Facebookpflicht in Schule

Posted on 2012-06-24 by leena

Darf man Kinder von einer Schulveranstaltung ausschließen, weil ihre Bilder nicht auf Facebook veröffentlicht werden dürfen?

Intuitiv ist wohl allen klar: Es kann nicht angehen, dass Kinder von einer Schulveranstaltung ausgeschlossen werden, weil ihre Eltern der Veröffentlichung ihrer Fotos (auf Facebook) widersprochen haben.
Hier die philosophische Untermauerung zu diesem Gefühl. …

Netzphilosophie: Facebook-Pflicht für Schüler?
>>>Günther Anders warnte: Maschinen als vermeintliche Erweiterung der Freiheit werden schnell zur Pflicht zum Konsum (hier: von Online-Dienstleistungen). Wer sich dagegen kritisch auflehnt, hat mit Sanktionen zu rechnen.
„Es gibt nichts Prekäreres heute, nichts, was einen Mann so prompt unmöglich machte, wie der Verdacht, er sei ein Maschinenkritiker. Und es gibt keinen Platz auf unserem Globus, auf dem die Gefahr, in diesen Verdacht zu geraten, geringer wäre als auf einem anderen. In dieser Hinsicht sind sich Detroit und Peking, Wuppertal und Stalingrad heute einfach gleich. Und gleich sind in dieser Hinsicht auch alle Gruppen: Denn in welcher Klasse, in welchem Interessenverband, in welchem sozialen System, im Umkreis welcher politischen Philosophie auch immer man sich die freiheit herausnimmt, ein Argument über „entwürdigende Effekte“ dieses oder jenes Gerätes vorzubringen, automatisch zieht man sich mit ihm den Ruf eines lächerlichen Maschinenstürmers zu, und automatisch verurteilt man sich damit zum intellektuellen, gesellschaftlichen oder publizistischen Tode.“

Günther AndersAntiquiertheit Bd.1, Einleitung

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The Transparent Society of David Brin

The Transparent Society (1998) is a non-fiction book by the science-The transparent society -- book cover.jpgfiction author David Brin in which he forecasts social transparency and some degree of erosion of privacy, as it is overtaken by low-cost surveillance, communication and database technology, and proposes new institutions and practices that he believes would provide benefits that would more than compensate for lost privacy. The work first appeared as a magazine article by Brin in Wired in late 1996.[1] In 2008, security expert Bruce Schneier called the transparent society concept a „myth“[2] (a characterization Brin later rejected),[3] claiming it ignores wide differences in the relative power of those who access information.[2]

Brin argues that a core level of privacy—protecting our most intimate interactions—may be preserved, despite the rapid proliferation of cameras that become ever-smaller, cheaper and more numerous faster than Moore’s law. He feels that this core privacy can be saved simply because that is what humans deeply need and want. Hence, Brin explains that „…the key question is whether citizens will be potent, sovereign and knowing enough to enforce this deeply human want.“

This means they must not only have rights, but also the power to use them and the ability to detect when they are being abused. That will only happen in a world that is mostly open, in which most citizens know most of what is going on, most of the time. It is the only condition under which citizens may have some chance of catching the violators of their freedom and privacy. Privacy is only possible if freedom (including the freedom to know) is protected first.

Brin thus maintains that privacy is a „contingent right,“ one that grows out of the more primary rights, e.g. to know and to speak. He admits that such a mostly-open world will seem more irksome and demanding; people will be expected to keep negotiating the tradeoffs between knowing and privacy. It will be tempting to pass laws that restrict the power of surveillance to authorities, entrusting them to protect our privacy—or a comforting illusion of privacy. By contrast, a transparent society destroys that illusion by offering everyone access to the vast majority of information out there.

David Brin with sousveillance „maybecamera“ at the Association of Computing Machinery’s (ACM’s) CFP conference where such a sousveillance device was given to each attendee. Brin participated in the Opening Keynote on the „inverse panopticon“.

Brin argues that it will be good for society if the powers of surveillance are shared with the citizenry, allowing „sousveillance“ or „viewing from below,“ enabling the public to watch the watchers. According to Brin, this only continues the same trend promoted by Adam Smith, John Locke, the US Constitutionalists and the western enlightenment, who held that any elite (whether commercial, governmental, or aristocratic) should experience constraints upon its power. And there is no power-equalizer greater than knowledge.[4]

Transparency is sometimes confused with equiveillance (the balance between surveillance and sousveillance). This balance (equilibrium) allows the individual to construct their own case from evidence they gather themselves, rather than merely having access to surveillance data that could possibly incriminate them. Sousveillance therefore, in addition to transparency, assures contextual integrity of surveillance data (i.e. a lifelong capture of personal experience can provide „best evidence“ over surveillance data to prevent the surveillance-only data from being taken out of context).

Somewhat more nuanced than simply being „against privacy,“ Brin spends an entire chapter exploring how important some degree of privacy is for most human beings, allowing them moments of intimacy, to exchange confidences, and to prepare – in some security – for the competitive world. Nevertheless, he suggests that we currently have more privacy than our ancestors, in part, because „the last two hundred years have opened information flows, rather than shutting them down. Citizens are more able to catch violators of their rights – and hold them accountable – than commonfolk were in the old villages, that were dominated by local gentry, gossips and bullies.“

This might seem counter-intuitive at first. But he uses the song „Harper Valley PTA“ as a metaphor for how people can protect their eccentricities, and even some privacy, by assertively „looking back.“ Brin also points to restaurants, in which social disapproval keeps people from staring and eavesdropping, even though they can. Enforcement of this social rule is possible because everybody can see.

From this perspective, a coming era of „most of the people, knowing most of what’s going on, most of the time,“ would only be an extension of what already gave us the Enlightenment, freedom and privacy. By comparison, he asks what the alternative would be: „To pass privacy laws that will be enforced by elites, and trust them to refrain from looking at us?“

Brin participated in the opening keynote panel discussion at the 2005 Association for Computing Machinery (ACM) Computers, Freedom, and Privacy conference, where 500 sousveillance devices were also created to contextualize and explore this debate further. Each attendee was given a wearable camera-dome bag which created, in effect, an inverse panopticon, see inverse panopticon, Thomas Barth, 1994 CCC Berlin.

Brin has introduced versions of the concept into his fiction. In Earth, the setting’s future history includes a war pitting most of the Earth against Switzerland, fueled by outrage over the Swiss allowing generations of kleptocrats to hide their stolen wealth in the country’s secretive banks. The war results in the end of secret banking and the destruction of Switzerland as a nation. In the setting’s present, surveillance by elderly retirees wearing recognizable networked camera-glasses is common. His novel Kiln People is set in a future where cameras are everywhere and anyone can access the public ones and, for a fee, the private ones.

References

 

  1. Brin, David (December 1996). „The Transparent Society“. Wired. CondéNet (4.12). Retrieved 2008-03-14.
  2. Schneier, Bruce (March 6, 2008). „The Myth of the ‚Transparent Society. Wired News. CondéNet. Retrieved 2008-03-14.
  3. Brin, David (March 12, 2008). „David Brin Rebuts Schneier In Defense of a Transparent Society“. Wired News. CondéNet. Retrieved 2008-03-14.
  4. http://davidbrin.blogspot.com/2010/07/if-corporations-are-persons.html