Schlagwort-Archive: Kategorischer Imperativ

Inverse Panopticon: Digitalisierung & Transhumanismus II

Transhumanisten fordern in der Digitalisierungsdebatte auch eine Revision der Menschenwürde -wir brauchen aber eine Umkehr von Machtstrukturen

Bild: Singularity Utopia/ CC BY-SA 3.0

Thomas Barth

Lobby-Netze und -Konzerne, die Facebook und anderen Hilfe bei ihrer „Krisenkommunikation“ anbieten, sind Big Player der Netzmedienwelt. Die Medienwissenschaft gehörte lange vor KI-Forschung und Quantencomputern zu den strategisch wichtigen Wissensgebieten. Mit transhumanistischen Wortführern tritt heute zunehmend auch die Philosophie auf diese Bühne. Wird der Transhumanismus zum Austragungsfeld eines neuen Kulturkampfes um Netz-, Digital- und Biotechnologien?

Von vernetzten Machteliten zur Ethik

Mit Prof. Miriam Meckel haben wir im ersten Teil eine derart weitreichend mit diversen Machteliten vernetzte VIP kennen gelernt, dass die Fantasien eines transhumanen Übermenschen sich in ihr zu manifestieren scheinen. Lag bei Meckel der Fokus auf Digitalisierung, blickt ihr Kollege Sorgner primär auf Biotechnik. Im Vergleich zu Prof. Meckel wirkt Deutschlands „führender Transhumanismus-Experte“ Prof. Stefan Lorenz Sorgner fast harmlos wie ein Chorknabe, aber auch marktschreierisch wie der Obstverkäufer vom Wochenmarkt.

Allerdings kann man selbst beim Thema Obst ins Fettnäpfchen treten, wenn man etwa (wie Sorgner) Erdbeeren zur Begründung einer Relativierung des Wertes der Menschenwürde heranzieht. Unsere Verfassung basiert im ersten Artikel bekanntlich auf Kants Kategorischem Imperativ, der verbietet, einen Menschen nur als Zweck zu instrumentalisieren und ihm damit seine Würde zu verweigern. So sehr es damit in der Praxis hapert, zumindest in der Theorie war dies bislang unumstritten.

Weil die Menschenwürde laut Sorgner aber auf einem überkommenen Dualismus aus der christlichen und kantischen Anthropologie beruht, sei ihr Gebot problematisch wegen „paternalistischer Implikationen“ (Sorgner 2016 S.150). Yvonne Hofstetter sieht dagegen Paternalismus eher bei Transhumanisten bzw. beim „Silicon Valley, das die menschlichen Lebensbedingungen auf paternalistischem Weg zu verbessern sucht. Da ist sie, die neue imperialistische digitale Elite, die ökonomisch denkt und politisch handelt, ohne dazu ermächtigt zu sein“ (Hofstetter 2016 S.457).

Sorgner folgert, die kategoriale Unterscheidung von Menschen und Tieren sei nicht haltbar, denn -um die Ausführungen zu verkürzen- die Philosophen hätten den Theologen bewiesen, dass die Existenz einer unsterblichen Seele unplausibel sei. Man sollte daher zu einer graduellen Mensch-Tier-Unterscheidung übergehen, mit dieser aber…

…könnte auch die alleinige Instrumentalisierung von Menschen moralisch legitim werden bzw. die alleinige Instrumentalisierung von Gras, Blumen oder Erdbeeren moralisch illegitim werden. Beide Implikationen sind unplausibel und würden praktisch problematische Konsequenzen mit sich bringen.“ Sorgner 2016, S.150

Daher sollte unsere Verfassung zur Setzung kontingenter, also veränderbarer Werte und Normen übergehen, so Sorgner. Das ist rechtlich wie politisch heikel, denn Artikel 1 zur Menschenwürde gehört zu den auch mit Zweidrittel-Mehrheit nicht änderbaren Teilen des deutschen Grundgesetzes. Unverständlich erscheint auch, warum Sorgner hier an einer Stelle wo andere, etwa die Transhumanistische Partei Deutschlands (TPD) von Tierwohl und -rechten reden, die Menschenwürde (ironisierend?) auf Gras und Erdbeeren ausweitet.

Auch scheut Sorgner durchaus denkbare nicht-dualistische Wege einer kategorialen Abgrenzung des Menschen vom Tier, etwa die Sprache als emergente Eigenschaft des menschlichen Gehirns („materialistischer Monismus“, vgl. Janina Loh 2018, S.27). Doch die menschliche Sprache, deren respektvollere Würdigung bei Sloterdijk und Heidegger gleich noch zu erörtern ist, ist für Sorgner nicht wirklich etwas Besonderes. Denn jede Spezies hat ihre Tricks im evolutionären Überlebenskampf:

Menschen mögen bezüglich der Fähigkeit, eine der vielen menschlichen Sprachen erlernen zu können, eine Sonderstellung haben. Südamerikanische Vampirfledermäuse mögen hinsichtlich der Fähigkeit, sich als einzige Säugetiere alleine von Blut ernähren zu können, ebenso eine Sonderstellung besitzen…“ Sorgner 2016 S.146

Metahumanismus und Unsterblichkeit, die keine ist

Janina Loh, die Sorgners „Metahumanismus“ in ihrem Buch „Trans- und Posthumanismus zur Einführung“ in einem kurzen Kapitel analysiert, mag diesen letztlich nicht als eigenständigen Ansatz anerkennen (Loh 2018, S.175). Auch Sorgners duales Theoriesystem von Kohlenstoff- bzw. Siliziumbasiertem Transhumanismus (womit er Bio- von Digitaltechnik trennt) lehnt Loh als zu schematisch und daher nur bedingt brauchbar ab (S.78).

Aber Loh schreibt Sorgner auch zu, die von Transhumanisten prognostizierte Unsterblichkeit nur als „rhetorisches Mittel“ zu sehen (S.173), hat dabei jedoch evtl. überlesen, dass Sorgner Unsterblichkeit zwar für unmöglich erklärte, aber nur wegen eines in Milliarden Jahren drohenden kosmologischen Kollaps des Universums (Sorgner 2016 S.11, 2018 S.157).

Bis dahin könnte Sorgners extrem langlebiger (wenn auch im haarspalterisch-philosophischen Sinne nicht völlig unsterblicher) Transhumaner noch eine ganze Menge Neutrinos die Galaxis runterfließen sehen -und evtl. auch eine Revision der schließlich nur auf läppischen 200 Jahren Forschung basierenden Big-Bang-Theorie. Der Kritik am transhumanen Unsterblichkeitsstreben entgeht Sorgner mit seiner kosmologischen Scholastik aber nicht. Katharina Klöckner kritisiert gegen Enhancement-Methoden allgemein, insbesondere aber die Vermeidung von Alter und Tod:

Letztlich steht also hinter der transhumanistischen Optimierung das Ziel möglichst optimaler Anpassung an die Gegebenheiten. So geht die Geringschätzung menschlicher Begrenztheit… einher mit einer ‚fundamentalen Affirmation der gegenwärtigen sozialen und politischen Umstände‘ und einer Verhärtung gegenüber dem Leiden… Wer die Kontingenzen des menschlichen Lebens abschaffen möchte, wird letztlich nur einen vermeintlich freien Menschen kreieren. Dieser wird sich als eine Marionette der Biotechnologie entpuppen.“ (Klöckner 2018 S.334).

Sorgners „anti-utopischer Transhumanismus“ stört sich weniger an technologischen Risiken, scheut aber die „Gefahr, dass die Gegenwart für eine utopische Zukunft geopfert wird“ (2018 S.159) und wirkt auch sonst eher an Arbeitgeber-Interessen orientiert:

„Frauen müssen nicht mehr schwanger werden. Kinder entwickeln sich in künstlichen Gebärmüttern (biobags), was für die Inklusion von Frauen auf dem Arbeitsmarkt von unschätzbarer Bedeutung ist.“ (Sorgner 2018 S.178)

Sorgners rein auf technischen Fortschritt gerichtete Zukunftsvision erinnert frappierend an historische PR-Propaganda der US-Industrie. Die hatte einst Edward Bernays, den Erfinder der Public Relations persönlich, engagiert um gegen Roosevelts sozialdemokratischen New Deal Stimmung zu machen: Man bejubelte unter Bernays Anleitung auf der New Yorker „World’s Fair“, der Weltausstellung 1939, in Wochenschaufilmen und Wanderausstellungen jahrelang den kommenden Segen der Konsumgüterbranche, bis hin zum witzigen Roboter (Wasson S.162), technischen Fortschritt, der angeblich besonders der Industrie zu verdankenden sei. Ziel der Kampagne des Industrieverbandes war, deren von Massenentlassungen und Verelendung angeschlagenes Image aufzupolieren.

Sorgner bejubelt in Bernays Tradition, aber bereichert um den nicht von jedem goutierten Hippie-Ausruf „Yeah!“ etwa medizinischen Fortschritt: „Vor 250 Jahren war die Verbesserung des Menschen durch Impfung noch nicht entwickelt worden. Ich bin sehr froh in einer Zeit zu leben, in der die Impfung vorhanden ist. ‚Yeah!‘“ (2016 S.31) Später bejaht Sorgner noch die Erfindung des Haartrockners, des Smartphones, des Kühlschranks, der Waschmaschine, der Pockenimpfung und des Penicillins -in dieser Reihenfolge (S.168). Dann schwärmt er auf die zu erwartende Zukunft bezogen, die Technologie immer wieder „bejahend“:

Wir benötigen nur noch einen Computer mit Internetzugang, der in absehbarer Zeit in unseren Körper integriert sein wird (…), ein warmes Bett und etwas Leckeres zum Essen, vielleicht ein Filesteak, das zu Hause in einer Petrischale gewachsen ist, so dass keine Tiere zur Essensproduktion mehr getötet werden müssen… wodurch der Kohlendioxidausstoß stark reduziert wird.“ (Sorgner 2018 S.178).

Von Sorgner zu Sloterdijk und Kittler

Auf seiner Website http://www.sorgner.de/ zitiert Sorgner einen Steve Fuller, der ihn, Sorgner, zum „evolutionären Nachfolger“ von Peter Sloterdijk auslobte. Sloterdijk hatte vor zwei Dekaden mit seiner transhumanistisch angehauchten Elmauer Menschenpark-Rede einen Philosophenstreit ausgelöst, vor allem Habermas gegen sich aufgebracht.

Als Ahnherren berief sich Sloterdijk -wie heute Sorgner- auf Nietzsche, aber auch auf Heidegger als dessen existenzialistischen Fortdenker. Heidegger sah den Menschen hellsichtig in künftiger Technik verschwinden -und sah ihn als Wesen, das vor allem in der Sprache seine existenzielle Behausung findet. Diese Dimensionen von Mensch und Technik müssen Sorgner, der die Sprache allzu gering schätzt (sie sei einmalig nur wie etwa das Blutsaugen der Vampirfledermaus), zwar verborgen bleiben. Aber Sorgner stellt sich, wenn auch etwas spät, an die Seite von Sloterdijk gegen Habermas und empört sich über des Letzteren Diffamierung der Posthumanisten als „ausgeflippte Intellektuelle“.

Habermas hätte, so Sorgner, Post- und Transhumanisten verwechselt, zu welchen er Sloterdijk nur fälschlich gezählt hätte, ferner hätte Habermas die Popularität des Transhumanismus unterschätzt (Sorgner 2016, S.20). Habermas sei ein Biokonservativer dessen Kritik an der von Sloterdijk diskutierten und von Sorgner befürworteten „liberalen Eugenik“ nur deswegen so viel Gehör finde, weil leider der Begriff „Eugenik“ durch die Nazis vorbelastet sei (S.42).

Wenn Sloterdijk und Sorgner sich im Wettbewerb um die Ehre des „transhumansten Denkers im Land“ bewerben würden, würde ihnen freilich ein verstorbener Medientheoretiker mühelos den Rang ablaufen: Friedrich Kittler, der sich wie Sloterdijk auf Nietzsche und Heidegger berief, und schon seit den 80er-Jahren die Digitalisierung analysierte, wobei er -sehr transhuman- die kommende Künstliche Intelligenz euphorisch begrüßte. Wie Miriam Meckel verfügte auch Kittler über gute Beziehungen zur Machtelite der Medienindustrie, genauer gesagt, zum sechsfachen Bilderberger und Medienzar Hubert Burda.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Kittlers durchaus transhuman zu nennende Medientheorie über seinen Gönner Burda in Kreise der Bilderberger wanderte und deren aktuelles Engagement für Digitalisierung, KI und andere transhumanistische Kernthemen mit geprägt hat. Wenn die Transhumanistische Partei Deutschlands ihre Forderung nach Transparenz für Lobby-Netze ernst nimmt, sollte sie evtl. mit der Aufhellung der Bilderberg-KI-Connection anfangen. Doch Kittler selbst ist tot. Für ihn kommen die Transhumanisten zu spät mit ihrer Verlängerung der Lebensspanne bzw. Verheißung der Unsterblichkeit als Klon, Cyborg oder in digital-entkörperlichter Form innerhalb künftiger Computernetze (wozu Kittler vermutlich nicht nein gesagt hätte).

Internet-Panopticon und inverser Panoptismus

Gefährlich wird Transhumanismus bei allem begrüßenswertem Technikoptimismus jedoch, wenn mit der rosaroten Google-Brille die Kritikfähigkeit völlig verloren geht. Vor allem wenn dabei perfide die Bewahrung vor Alter und Krankheit gegen Warnungen vor Privacy-Gefahren von Big Data ausgespielt werden. In seinem Schlusswort, grenzte Sorgner sich 2019 zwar von IT-Konzernen ab, doch ob unsere persönlichen Daten beim Staat wirklich sicher sind, darf bezweifelt werden: Computer können gehackt, Behörden bestohlen, Beamte bestochen werden, um nur die harmlosesten Risiken anzureißen.

Viele unserer Interessen könnten durch Big Data Analysen auf Basis einer personalisierten Dauerüberwachung gefördert werden: Gesundheit, Wohlbefinden. Gegenwärtig gehe ich davon aus, dass es ein Staat sein muss, der diese Daten sammelt. In den USA, wo Google und Facebook diese Daten sammeln ist es höchst gefährlich. Aber wir brauchen diese Daten für den Kampf für unsere Gesundheit für den Kampf gegen das Altern, den schlimmsten Massenmörder überhaupt… Wir brauchen dafür ein EU-Socialcredit-System. Ich kann es kaum erwarten, dass unsere posthumane Zukunft beginnt, vielen Dank.“ (verhaltener Beifall) Prof. Stefan Lorenz Sorgner

Die Gefahr totaler, wenn nicht totalitärer Überwachung nennt Sorgner hier nicht, obwohl sie ihm ganz am Ende seines Buches doch einmal kurz in den Sinn kam, in den „abschließenden Bemerkungen“: Michel Foucault habe die mit dem „Internet-Panopticon“ verbundenen Prozesse in seiner Analyse des Panoptismus bereits treffend beschrieben und folgert:

Hierzu könnte und müsste noch viel gesagt werden, und mit dem rasanten Voranschreiten von Digitalisierungsprozessen nimmt die Relevanz dieser Überlegung an Bedeutung ständig zu. Ein Entkommen aus dem Internet-Panopticon ist für Bürger technisch-fortschrittlicher Staaten keine realistische Option mehr. Wir alle werden notwendigerweise zu Gefangenen dieses Systems. Wie hiermit umzugehen ist, ist eine enorme Herausforderung, über die wir uns dringend Gedanken machen müssen.“ (Sorgner 2016, S.194)

Als jemand, der sich diese „dringenden Gedanken“ bereits Anfang der 90er Jahre machte und seither die Alarmglocken schlug, begrüße ich, dass selbst ein harthöriger Technikoptimist wie Sorgner von Ferne etwas läuten hörte. Als Ergebnis legte ich 1993 als Idee das „inverse Panoptikum“ vor, basierend auf kritischer Praxis der Hackerkultur und eines von mir prognostizierten „Machtmediums Zugang“. Letzteres war für manche Hacker leider eine Provokation, denn vom sich rapide öffnenden Zugang (Access, XS) zu Information erhofften viele das künftige Internet-Paradies.

Aus Günther Anders‘ Medienphilosophie, Luhmanns Systemtheorie und Foucaults Machtanalyse hatte ich jedoch im „Machtmedium Zugang“ eine neue Dimension der künftigen globalen Netze prognostiziert: Den panoptisch-überwachenden Zugang zu persönlichen Daten des Individuums, nun neuartig kombiniert mit einer individuell abgestimmten Kanalisierung des Zugangs selbigen Individuums zu medialen Daten: Was man dich sehen lässt, wird bestimmt von dem, was Konzerne und Staat von dir gesehen haben.

Die meine Studienarbeit begutachtenden Professoren konnten damals zwar keine logischen Fehler in der Konstruktion finden, aber auch nicht viel damit anfangen (1993, also Jahre bevor das Netz mit dem WWW zum Massenmedium wurde). Das ging auch Rezipienten  meines Buches „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft“ später noch so: Maria Markantonatou wies z.B. bereits 2005 auf mediale Aspekte von im Neoliberalismus verschärften Kontrollformen hin (S.237), ebenso im gleichen Jahr Michael Nagenborg auf den Panoptismus (S.133), beide zwar mit Verweis auf meinen Text, aber leider ohne das Machtmedium Zugang analytisch einzubeziehen. Access-Optimisten der zum Sprung zur Massenkultur ansetzenden Hacker-Community wiesen meine „Zugang“-Warnungen zwar als überzogen zurück, zeigten sich jedoch immerhin offen für Ethik und Subjekt-bezogene bzw. netzmedienrechtliche Folgerungen.

Diverse Affären bei Facebook und spätestens der Cambridge Analytica-Skandal haben letztlich meiner Meinung nach bewiesen, dass und wie solche neuen Manipulationstechnologien nach dem Muster des Machtmediums Zugang funktionieren können. Den von mir als Gegenstrategie empfohlenen „inversen Panoptismus“ konnte ich 1997 auch in meinem ersten Artikel im jungen Telepolis-Portal darstellen -in der Debatte um die „Kalifornische Ideologie“ der Silicon Valley-Digerati, aus deren Kreisen heutige Digital-Milliardäre hervorgingen. Damals diskutierte Telepolis auch bereits erste Transhumanisten, wie den „Extropianer“ Max More, heute ein Klassiker dieser Bewegung.

Es ist zu hoffen, dass Digerati und Transhumanisten bei in ihren euphorischen Visionen eines posthumanen Daseins gelegentlich auf Kritiker hören, die heute vor Big Data als Entmündigung warnen (etwa Mühlhoff 2019) und sogar von einem neoliberalen Surveillance Capitalism sprechen (Zuboff 2019). Das Inverse Panopticon kann vielleicht inzwischen selbst als klassische Kritikfigur gelten.

Quellen

Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen, München 1956

Barth, Thomas: Cyberspace and the Way to the Inverse Panopticon, 11C3, paper CCC 1994

Barth, Thomas: Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft, Pfaffenweiler: Centaurus 1997 (in 57 Fachbibliotheken einsehbar)

Barth, Thomas: Cyberspace, Neoliberalismus und inverser Panoptismus, Telepolis, 3.7.1997

Barth, Thomas: Self/Less: Tea Party für Transhumanisten, Telepolis 20.8.2015

Barth, Thomas: Kittler und künstliche Intelligenz: Über die Verquickung von Medientheorie und Macht, Berliner Gazette 19.7.2018

Capulcu Redaktionskollektiv: DELE_TE! Digitalisierte Fremdbestimmung, Münster: Unrast 2019

Göcke, B.P.: Designobjekt Mensch?! Ein Diskursbeitrag über Probleme und Chancen transhumanistischer Menschenoptimierung.“ In: Benedikt Paul Göcke/ Frank Meier-Hamidi (Hg.): Designobjekt Mensch. Der Transhumanismus auf dem Prüfstand. Freiburg i.Br.: Herder 2018, 117-152

Heuer, Steffan: Mich kriegt ihr nicht: Die wichtigsten Schritte zur digitalen Selbstverteidigung, Hamburg: Murmann 2019

Hofstetter, Yvonne: Das Ende der Demokratie: Wie künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt, München: C.Bertelsmann 2016

Klöckner, Katharina: Zur ethischen Diskussion um Enhancement, In: Göcke/ Meier-Hamidi (2018) 308-338

Launchbury, John: A DARPA Perspective on Artificial Intelligence, technicacuriosa 2016

Loh, Janina: Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Hamburg: Junius 2018

Loh, Janina: Transhumanismus: Den Menschen weiterentwickeln, um ihn besser kontrollieren zu können, Berliner Gazette 15.8.2017

Markantonatou, Maria: Der Modernisierungsprozess staatlicher Sozialkontrolle: Aspekte einer politischen Kriminologie -Transformationen des Staates und der sozialen Kontrolle im Zeichen des Neoliberalismus, Dissertation, Freiburg i. Br. 2005

More, Max: Vom biologischen Menschen zum posthumanen Wesen, Telepolis, 17.7.1996

Mühlhoff, Rainer: Big Data ist Watching You: Digitale Entmündigung am Beispiel von Facebook und Google, in: ders., Anja Breljak u. Jan Slaby. (Hg.): Affekt, Macht, Netz: Auf dem Weg zu einer Sozialtheorie der digitalen Gesellschaft, Bielefeld: transcript 2019, S.81-106

Nagenborg, Michael: Das Private unter den Rahmenbedingungen der IuK-Technologie: Ein Beitrag zur Informationsethik, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2005

O‘Neil, Cathy: Angriff der Algorithmen, München: Hanser 2017

Schnetker, M.F.J.: Transhumanistische Mythologie: Rechte Utopien einer technologischen Erlösung, Münster: Unrast 2019

Sorgner, S.L.: Transhumanismus: ‚Die gefährlichste Idee der Welt‘!?, Herder: Freiburg 2016

Sorgner, S.L.: Was wollen Transhumanisten? In: Göcke/ Meier-Hamidi (2018) 153-180

Stöcker, Christian, Facebook: Zuckerbergs Theorem, SpiegelOnline, 10.3.2019

Wasson, Haidee: Verkaufsmaschinen -Film und filmische Techniken auf der New Yorker Weltausstellung 1939/40, Montage-AV 2/2015, 161-177  pdf-document

Weber, K. u. T. Zoglauer: Verbesserte Menschen: Ethische und technikwissenschaftliche Überlegungen, München: K.Alber 2015

Zuboff, Shoshana: The Age of Surveillance Capitalism, London: Profile Book 2019

Dieser Beitrag erschien zuerst hier auf TELEPOLIS

Technologie macht medial: Günther Anders, Apokalypseblindheit und Cyberpunk

Thomas Barth AndersVlg_logo

Herrschte im Ukraine-Konflikt Apokalypseblindheit? So nahe wie in den letzten Monaten waren wir einem Krieg der Nato gegen Russland schon lange nicht mehr. In den USA diskutieren Strategen den Atomkrieg. Der Normalmensch blieb erschreckend ruhig -warum? Der pessimistischen Technikdeutung von Günther Anders zufolge sind wir heute nur noch Anhängsel der Technik, Rädchen im Getriebe, das uns antreibt. Er nennt das: Wir sind „medial“; wir sind nur noch Mittel zu einem Zweck, der uns nichts anzugehen hat -und sei es auch der Entsetzlichste. Unser systemkonformer Drang, immer mehr am Konsumieren teilzunehmen, lässt uns planlos im Zirkel von produzieren und konsumieren rotieren. Für viele eine Tretmühle, Luxuskarussell für eine schrumpfende Minderheit. Wir könnten aber auch Sand im Getriebe der Maschine sein, die unsere Welt zu Geld zermahlen will.

Immanuel Kant

Kant verwies mit seiner Ethik des Kategorischen Imperativ noch auf das Recht auf menschliche Würde: Man sollte den anderen immer als Zweck, nie als bloßes Mittel sehen. Heute läuft diese Forderung scheinbar ins Leere. Es ist (angeblich) kein Gegenüber mehr vorhanden, bei dem wir unser Menschenrecht einfordern könnten.  Es gibt (angeblich) nur Sachzwänge, technische Entwicklungen, gesellschaftliche Trends, „die Globalisierung“ die wir unbedingt ganz schnell jetzt sofort ausnutzen müssen, damit wir keine Chance verpassen, unseren Reichtum zu steigern. Niemand hat dies alles geplant, niemand hat es zu verantworten (angeblich). So wird es uns verkauft -mit hohem Aufwand an PR- und Medientechnologie.

Die Technik, unsere technologische Lebensweise, möchten wir nicht missen. Wenn wir so leben wollen, haben wir uns einzufügen und anzupassen, ein Rädchen im Getriebe des „Makro-Geräts“ (G.Anders), der Megamaschine, des „Systems“ (N.Luhmann) zu werden, so wird von uns implizit verlangt. Explizit gelten die Menschenrechte, haben wir die Freiheit, nicht zu kooperieren, zu handeln, statt bloß mitzutun. Aber die Systeme der Technologie existieren nicht nur in der physischen Umwelt, die sie mit Bravour kontrollieren können, unsere Köper inbegriffen. Die Systeme der Technologie existieren auch in einer sozialen Umwelt, deren dominante Seite heute immer mehr die Ökonomie zu werden scheint. Sie gehören jemandem, der sie zu seinem Nutzen arbeiten lässt, und mit ihnen auch die Menschen, die ihre Anhängsel sind.

Ukraine-Konflikt, Apokalypseblindheit und Mit-Tun

Günther Anders Sorge galt bei der Entfaltung dieser Gedanken dem drohenden Untergang der Menschheit durch einen atomaren Schlagabtausch, der Apokalypse. Diese zu verdrängen nannte er „Apokalypse-Blindheit“ und sah in der Medialität der Zeitgenossen deren Wurzel. Diese militärische Apokalypse war mit Auflösung der Ost-West-Blockkonfrontation lange in den Hintergrund getreten, obgleich noch lange nicht abgewendet, wie spätestens der Ukraine-Konflikt 2014 zeigte. Und andere Apokalypsen sind hinzugekommen, Umweltzerstörung, Finanzkrisen, Cyberterror, neue Seuchen (evtl. als Auswuchs des militärischen Apparates) usw.

Außerdem gilt das, was auf die „Apokalypse-Blindheit“ abzielte auch für die Blindheit gegenüber der apokalyptischen Lebenssituation von Milliarden Menschen, denen das Lebensnotwendigste vorenthalten wird –obgleich die Güter und Lebensmittel bei gerechter Verteilung für alle reichen würden. Die Arbeit am eigenen Untergang mag besonders plastisches Beispiel für irrationales Handeln sein. Die Arbeit am Untergang anderer, traditionell Kernkompetenz der Militärs,  ist jedoch nicht vernünftiger.

 „Aber was von unserem Arbeiten gilt, das gilt nun — und diese Tatsache ist weniger trivial, aber nichtweniger wichtig — auch von unserem „Handeln“; oder sagen wir lieber: auch von unserem „Tun“, denn das Wort „Handeln“ und die Behauptung, wir seien „Handelnde“, hat in unseren Ohren (was als Hinweis ernst genommen werden muß) bereits den Klang einer Übertreibung angenommen, Abgesehen von einigen wenigen Sektoren läuft unser heutiges „Tun“, da es sich im Rahmen organisierter, uns nicht übersehbarer, aber für uns verbindlicher Betriebe abspielt, auf konformistisches Mit-Tun heraus. Der Versuch, abzuwägen, in welchem Verhältnis die Anteile von „aktiv“ und „passiv“ in diesem oder jenem „Mit-Tun“ dosiert sind, abzugrenzen, wo das Getan-Werden aufhört und das Selber-Tun anfängt, würde ebenso ergebnislos bleiben wie der, eine mit dem Maschinengange konform gehende Bedienungsarbeit in ihre aktiven und ihre nur reaktiven Komponenten zu zerlegen. Die Unterscheidung ist zweitrangig geworden, das heutige Dasein des Menschen ist zumeist weder nur „Treiben“ noch nur „Getrieben werden“; weder nur Agieren noch nur Agiert werden; vielmehr „aktiv-passiv-neutral“. Nennen wir diesen Stil unseres Daseins „medial“. Diese „Medialität“ herrscht überall. Nicht etwa nur in denjenigen Ländern, die Konformismus gewalttätig, sondern auch in denen, die ihn sanft erzwingen.“  Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 287

Die beobachtete Roboterhaftigkeit wird also nicht durch ein totalitäres Regime erzwungen, sie wird scheinbar freiwillig geübt. Der Handelnde ist in diesem technologischen Regime ein Dissident, ein Fremdkörper, der Normalfall ist der Mittäter. Bloßes Tun, besser gesagt Mittun, ersetzt das bewusste Handeln, was eine teilweise Ausschaltung des Bewusstseins voraussetzt. Wie diese Ausschaltung vor sich geht, bleibt etwas unbestimmt. Steckt Erziehung dahinter, der alte Drill der autoritären Regime? Oder ist es die Verführung, die Verlockung, den bequemeren Weg zu gehen? Beides taucht bei Anders auf, die Verlockung durch die Massenmedien verschmilzt mit der Disziplinierung, die sich mehr auf den Körper zurück zieht.

„Als Arbeitende sind die Zeitgenossen auf Mit-Tun als solches gedrillt. Und jene Gewissenhaftigkeit, die sie sich anstelle ihres Gewissens angeschafft haben (sich anzuschaffen, von der Epoche gezwungen wurden), kommt einem Gelöbnis gleich; dem Gelöbnis, das Ergebnis der Tätigkeit,   an der sie teil nehmen, nicht vor sich, zu sehen; wenn sie nicht umhin können, es vor sich zu sehen, es nicht aufzufassen; wenn sie nicht umhin können, es aufzufassen, es nicht aufzubewahren, es zu vergessen — kurz: dem Gelöbnis, nicht zu wissen, was sie tun. Damit ist die Furchtbarkeit des heutigen moralischen Dilemmas bezeichnet.“ Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 291

 Drill und Gelöbnis klingt an dieser Stelle etwas nach Disziplinarkultur, doch Anders führte im Kapitel „Die Welt als Phantom und Matrize“ bereits eindringlich aus, wie massenmediale Verführung funktioniert. Im Arbeitsprozess ist der Körper immer noch gefragt, soll Befehle befolgen, wie geschmiert funktionieren, sogar eigene Initiative zeigen –nur soll er nicht das Ziel hinterfragen, zu dessen Mittel er gemacht worden ist. Initiative zeigen darf er nur in vollkommener Verschmelzung mit dem technologischen Regime, dessen Funktionsprinzipien ihm als Gipfel der Rationalität gelten sollen, vor allem aber in völliger Unterwerfung unter die Belange der Eigentümer der Technologien. Ihre Existenz wird ausgeblendet wo immer möglich; wo nicht, werden ihre Belange den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten gleichgesetzt.

Panopticon1
Panoptikum

Der äußere Drill bleibt also, wenn auch in gelockerter Form, denn die stramme Erziehung wollte über den Körper ja vor allem auch den Geist disziplinieren. Die Disziplinargesellschaft, wie sie Foucault beschrieb, beruhte auf dem Panoptikum, das Machtstrukturen in einer neuen Geometrie der Blicke organisierte. Teilweise humaner als zuvor in Europa, aber auch totaler und totalitärer und mit durchschlagendem Erfolg in der Industrialisierung.

Heute in der postindustriellen Mediengesellschaft wird der innere Drill mehr und mehr überflüssig. Er ist ersetzt durch die Verlockung zum Mittun oder zum Zustimmen durch Desinteresse und Eskapismus. Dagegen Widerstand zu leisten, scheint sinnlos, denn es gibt scheinbar kein unterdrückendes Gegenüber, nur das „System“ des technologischen Regimes. Ein Regime, das angeblich objektiven ökonomischen Gesetzen folgt, die Entscheidungen der politischen Führungspersonen alternativlos machen. Die nicht mehr wirklich Handelnden Entscheidungsträger behaupten, sie könnten nur noch Mittun, wie alle anderen auch.

„Eigenverantwortung“ heißt dabei nur, noch mehr von seinen Ansprüchen auf menschliche Würde aufgeben zu sollen, die er an das Regime haben könnte; etwa wenn die solidarische Umlage-Rentensysteme durch individuell anzusparende kapitalbasierte Altersvorsorge ersetzt werden soll, die aber nur die Mittel dem System der Finanzmärkte preisgibt -und damit ihrer zerstörerischen Korruption. Auch „Eigeninitiative“ soll sich im Rahmen vorauseilenden Gehorsams abspielen.

Die Wurzeln der Apokalypse-Blindheit

 „Was besagt nun diese Schilderung des medialen Menschen für unser eigentliches Thema? Für die Frage nach den Wurzeln der Apokalypse-Blindheit? Inwiefern ist das „mediale Dasein“ eine dieser Wurzeln? In der Tat ist der Zusammenhang so eng, daß jeder Einzelzug der Medialität gleich gut als Ausgangspunkt verwendet werden kann. Von jedem führt der Weg mit gleicher Direktheit zur Apokalypse – Blindheit.

  1. Da der mediale Mensch „aktiv-passiv-neutral“ ist, bleibt er, trotz der ungeheuren Rolle, die Arbeiten für ihn spielt, ja gerade in actu des Arbeitens, indolent; er „überläßt sich“. Das heißt: er rechnet mit einem „Weitergehen“ á tout prix, mit einem Weitergehen, das er selbst nicht zu verantworten braucht.
  2. Da seine Tätigkeiten niemals in einem echten Telos, auf das er „aus gewesen“, ihren Abschluß finden, sondern immer nur durch Stoppungen, die seinem Tun selbst zufällig bleiben, hat er kein echtes Verhältnis zur Zukunft. Während der wirklich Handelnde und Planende durch sein Handeln einen Zeitraum entwirft, also Zukunft konstituiert, tritt das Tun des „medialen Menschen“ auf der Stelle. (…)“

Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 293

Verschwörungstheorie und Cyberpunk

Die Zukunft tritt dem medialen Normalbürger nur als das, was geschieht, gegenüber, als das, wobei er mittun soll und auch will. Aus der Zukunft kommen neue Technologien und Moden auf ihn zu, die er haben will und nicht planen. Seine Existenz rotiert planlos im Zirkel von produzieren und konsumieren, als Tretmühle oder Luxuskarussell, je nach dem, wo er mehr gefragt ist. Seine Planung bezieht sich überwiegend auf den systemkonformen Drang, möglichst immer mehr am Konsumieren teilzunehmen. Das Regime der technologischen Systeme reklamiert Herrschaft ohne Herrschende zu verwirklichen, eine Herrschaft der (angeblichen) Vernunft, die von Experten reklamiert wird, die sich zu Technokraten aufschwingen. Doch sie sind nur etwas größere Rädchen in einem Getriebe, dessen Eigentümer gerne im Dunkeln bleiben und jeden Versuch, nach ihnen auch nur zu fragen als Verschwörungstheorie und Paranoia abtun lassen.

Widerstand gegen das Regime wird als unvernünftig abgetan, denn das technologische System gilt als Inbegriff der so verstandenen Rationalität. Auflehnung dagegen wird als Rückständigkeit gebrandmarkt und mit Ausgrenzung bestraft. Anpassung bedeutet dagegen freien Zugang zu allen Ressourcen, und damit Wohlstand und Freiheit. „Widerstand ist zwecklos, sie werden assimiliert“, droht das Kollektiv der Borgs. Doch ein globales Dorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten in der wuchernden Tele-Megalopolis.

Die Kultur der Cyberpunks steht auf Widerstand, sie widersetzt sich sowohl der Anpassung als auch der Ausgrenzung. Die Anpassung zu verweigern ist nicht schwer, man braucht nur der Verlockung nicht länger zu erliegen –das ist der Vorteil gegenüber totalitären Regimen. Aber alle Gewalt, die der Totalitarismus auf Formung seiner Untertanen verwendet, stehen hier zur Ausgrenzung zur Verfügung, zur Abschneidung vom Zugang zu Ressourcen. Die Erlangung von Zugang wird also zum Hauptproblem, vor allem Zugang zu Information. Dabei gilt es, den umgekehrten Zugang der Instanzen des Regimes zu den privaten Informationen des Individuums zu blockieren. Insbesondere beim widerständigen Subjekt. Der angepasst mittuende mediale Mensch wird dagegen weniger Privatsphäre benötigen und stellt heute seine Daten unbekümmert in sogenannte „soziale Netzwerke“ des Web2.0. Er begreift nicht, dass ihm unüberschaubare staatliche und immer mehr privatwirtschaftliche ökonomische Konglomerate gegenüberstehen. Sie Szene der Cyberpunks, entsprungen aus einem Subgenre der SF, entwickelte sich seit den 80er Jahren und definierte sich über die Kombination von High Tech und Low Life (den Punk des urbanen Underground). In der HAckersubkultur der 80er und 90er fanden sich ihre Fans zusammen. Die Szene (falls man davon überhaupt sprechen kann) wird von Soziologen so beschrieben:

„Ein Cyberpunk steht den neuen Kommunikations- und Informationstechnologien sehr positiv gegenüber, gleichzeitig hat er aber ein kritisch-politisches Bewusstsein in Bezug auf deren gesellschaftliche Verwendung entwickelt. Er sieht sich riesigen Korporationen gegenüber, die immer mehr an Stelle von Nationalstaaten treten.“ Winter, Rainer: Medien und Fans –Zur Konstellation von Fan-Kulturen, in: Kursbuch Jugendkultur. Stile, Szenen, Identitäten vor der Jahrtausendwende, Mannheim 1997, S. 40-53, S.48.

Die von Cyberpunks, die hier mit Hackern im besten Sinne gleichgesetzt werden, entfaltete Kultur erobert die Netzmedien von den Konzernen zurück, wie sie zuerst von Militärs und staatlichen Telekommunikationsbehörden erobert werden mussten. Ihre Verknüpfung von Datenschutz für die Privatsphäre mit der Forderung nach Informationsfreiheit, freiem Zugang zu den Datenbanken (Lyotard) und Transparenz der Mächtigen lässt sich im Utopiemodell des Inversen Panoptikums beschreiben. Panoptismus (Foucault) beschreibt die Disziplinierung unserer westlichen Gesellschaften durch das Prinzip: Wenige unsichtbare Mächtige sehen viele Machtunterworfene und kontrollieren sie so. Invertiert ergibt sich die Forderung nach Umkehrung dieser Blickrichtung und der zumindest teilweisen Unsichtbarkeit für die Vielen.

Diese Forderung könnte ein Gegengewicht schaffen gegen die sonst ausufernde Macht des kontrollierenden Zentrums der Macht, dem aus den Informationstechnologien sonst immer größere und nicht mehr demokratisch kontrollierbare Macht zuwachsen würde.#

———————————————–

Das SF-Genre des Cyberpunk begann mit William Gibsons Neuromancer-Trilogie,

die in abgewandelter Form in den Kinofilmen der Matrix-Trilogie Filmgeschichte schrieb.

Neuromancer ist der erste Teil einer gleichnamigen Romantrilogie, die auch unter dem Namen Sprawl Series bekannt ist. Verfasst wurde er von dem Autor William Gibson und erschien 1984 in Amerika und 1987 in Deutschland. Der Roman gilt als die geistige Grundlage des Cyberpunk.

William Gibsons Debütwerk erhielt diverse namhafte Auszeichnungen der Science-Fiction-Literatur:

Die Trilogie besteht neben Neuromancer aus den Romanen Biochips (englischer Titel Count Zero) und Mona Lisa Overdrive. In diesen Romanen tauchen einige Personen aus Neuromancer wieder auf.

Heute geistern Cyberspace und Cyberpunks durch diverse neue Subgenres der SF; ein Beispiel:

Buchbesprechung: Cyperpunk für Biologen (Biofiction)

Peter Watts: Mahlstrom, W.Heyne: München 2009, 511 S., 9,95- Euro.

Zeit: Irgendwann im nächsten Jahrhundert. Ort: Pazifik, Nordamerika. Autor: Kanadier aus Toronto, arbeitete angeblich lange als „Unterwasserbiologe“. Ärgerlich: Der Klappentext plaudert ein Geheimnis aus, das der Leser eigentlich auf den ersten 130 Seiten langsam lüften sollte: „Eines Tages wird in den Tiefen der Meere eine prähistorische Lebensform entdeckt, die eine tödliche Bedrohung für das Leben auf der Erde bedeutet. Kurzerhand wird ein Nuklearschlag durchgeführt, der das Virus für immer vernichten soll –ohne die im Tiefseelabor tätigen Wissenschaftler vorzuwarnen. Doch eine der Forscherinnen überlebt die Explosion. Sie trägt das Virus in sich. Und sie will Rache…“ Leser des ersten Bandes der Trilogie hätten das ohnehin gewusst, aber dass wir hier einen Folgeband vor uns haben verschweigt der Verlag ebenfalls. Der Anfang kommt deshalb etwas langweilig rüber, doch erfreulicherweise wartet Peter Watts mit genug neuen Wendungen auf, um dem Roman immer wieder neuen Drive zu geben –die Handlungsstränge spießen aus dem Text wie Tentakel aus einer Seeanemone. Und zum Glück hat der Klappentextschreiber einiges wohl nicht richtig verstanden, z.B. handelt es sich gar nicht um ein Virus…

Freunde der schaurigen Anti-Utopie kommen auf jeden Fall auf ihre Kosten, insbesondere Hypochonder, denn Seuchen aller Art plagen den künftigen Planeten; die Nationalstaaten sind hingegen belanglos geworden, Quarantänegrenzen durchziehen stattdessen Land und Megacities, Umweltflüchtlinge sperrt man in Massen-KZs an der Küste. Die Quebecer wird’s freuen: Nach Wasser- und Energiekriegen hat Französisch das Englische als dominante Weltsprache abgelöst, doch Computer-Simultanübersetzung erübrigt Sprachkenntnisse ohnehin.

Cyberpunk-like rüsten sich die Menschen mit Bioimplantaten auf, besonders die Rifters, Tiefsee-Cyborgs wie die rachsüchtige Lenie Clark. Der Erzähler schlüpft wechselweise in die Haut eines Rifters, einer KZ-Wächterin –künftig ein Heimarbeitsplatz zur Steuerung von „Mechfliegen“–, eines Partygirls, die dem totalitären Regime frech die Stirn bietet, sich am Ende aber doch ins Höschen macht, eines Killers, sogar in eine evolvierende KI-Einheit (Neuromancer als kybernetischer Entwicklungsroman).

Weitere Hauptfigur ist ein mächtiger, aber hirntechnisch manipulierter Bürokrat mit der Befugnis Quarantänegrenzen zu ziehen und Dekontamination einzuleiten, bis hin zu Massenverbrennungen mit Mann und Maus. Als sensibler Zyniker blickt er mit Spott auf Spießer, Ökos und Cyberpunks herab: „Als Achilles Desjardinds die Bühne betreten hatte, war Cyberspace ein von Wehmut erfülltes Fantasiewort gewesen, ähnlich wie Hobbit oder Biodiversität.“

Der Cyberspace heißt nun „Mahlstrom“ und ist bevölkert von digitalen Lebensformen, weshalb privilegierten Firmen nur in einer mühsam mit Firewalls verteidigten „Zuflucht“ zuverlässige Datenverarbeitung möglich ist. Nicht mal in seinen Cybersexfantasien ist Desjardins sicher vor Eindringlingen, die seine SM-Neigung mit Cyberkastration bestrafen wollen. Dank der ihm eingepflanzten Handlungsblockade, genannt „das Schuldgefühl“, ist Achilles zudem unfähig „unmoralisch“ zu handeln, und das heißt dort: gegen die Interessen seiner Arbeitgeber. Private Multis, Industriemafia und Konsorten beherrschen die Welt, wie einst bei weiland Gibsons Neuromancer. Als neuen Raum erobert Peter Watts die Tiefsee für den Leser, der Verlag versichert, sein Autor hätte lange als Tiefsee-Biologe gearbeitet –und tatsächlich glänzt er mit entsprechendem Fachwissen. Der fulminante Roman vermittelt nebenher Einblicke in die perverse Gedankenwelt einer biologistischen Philosophie, speziell des Freiheit-oder-Determinismus-Problems.   T.Barth

Rifters

andere Rezensionen:

Das Sequel im Mahlstrom

Wie die Papst-Anhänger den von Luther genutzten Buchdruck fürchteten, dämonisiert Watts im Jahr 2001 das Netz. Leicht antiquiert kommt seine Cyberpunk-Öko-Biotech-Dystopie „Maelstrom“ (dt. Ausgabe „Mahlstrom“) daher, als Sequel des grandiosen „Starfish“ (dt. Ausgabe „Abgrund“).  Von Franz Birkenhauer – sf magazin 06.10.2008

„Nahe Zukunft oder nahes Weltende?“

Phantastik-Couch: Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok