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Filmkritik: Michael Moores „Fahrenheit 11/9“

Donald Trump als neuer Hitler: Michael Moores "Fahrenheit 11/9"
Michael Moore kämpft gegen vergiftetes Trinkwasser nach Privatisierung der Wasserwerke von Flint (Michigan, USA) Bild: © Midwestern Films LLC

Michael Moore lässt keine Möglichkeit aus, in US-Wahlkämpfe einzugreifen: Rechtzeitig zur Kongresswahl 2017 brachte er einen neuen Trump-Film auf die Leinwand, dessen Kinoplakate Trump zwar „Tyrann, Lügner und Rassist“ nannten, der aber auch Obama kritisierte -unterm Strich aber dennoch Wahlwerbung für die Demokraten. Filmkritik von Thomas Barth

Beim deutschen Kinopublikum könnte Fahrenheit 11/9 damit anecken, dass Donald Trump dort sehr direkt mit Adolf Hitler verglichen wird. Aber  vielleicht sind die Zeiten auch vorbei, wo man bei solchen Vergleichen eine Verharmlosung der Nazi-Diktatur befürchtete. Zu viele Hitlers aus Serbien, Nahost bis Nordkorea wurden uns inzwischen von unseren Mainstream-Medien präsentiert. Neu ist allerdings, dass einer davon in Washington regieren soll. Doch dies ist nur der Höhepunkt der satirisch-unterhaltsamen bis ernsthaft-bitteren Kritik Michael Moores an Trump, seinen Republikanern und dem ganzen Establishment der USA -einschließlich Obama.

In gewohnt gekonnter Manier montiert Moore Trump-Bilder aus Interviews, TV-Debatten und Talkshows mit diversem Archivmaterial. Sein Ziel dabei: Den US-Präsidenten als Egomanen, Sexisten und Rassisten zu entlarven sowie nebenbei seine dubiosen Immobilien-Geschäfte, seine Beziehung zu Putin (die den Clinton-nahen US-Medienmainstream  am meisten zu stören scheint) und generell seine Lächerlichkeit bloßzustellen. Dabei fällt auf, dass Moore, der in seinen Filmen meist nicht dazu neigt, sich selbst bescheiden im Hintergrund zu halten, diesmal vergleichsweise zurückhaltend auftritt.

Neoliberales Elend der USA

Neben der Aufregung um einen untragbaren Skandal-Präsidenten und den Gefahren für die Demokratie kommen die alltäglich gewordenen Übel neoliberaler Politik in den Fokus: Von unterbezahlten Lehrern, die Zweitjobs brauchen, um ihre Miete zahlen zu können, über Amokschützen und den Kampf gegen die Waffenlobby bis zur Wasserprivatisierung, die in Bleivergiftung bei Kindern armer, oft schwarzer Bevölkerungsgruppen der USA mündet.

Mit seinem äußerst erfolgreichen Film „Fahrenheit 9/11“ nahm Moore 2004 den US-Präsidenten George W. Bush aufs Korn. In „Fahrenheit 11/9“ knüpft er hier an, aber Ziel ist diesmal US-Präsident Donald J. Trump, gewählt am Zahlendreher-Datum 11/9/2016. Als humorigen Einstieg ins Thema erklärt Moore die Demokratie der USA zum Opfer eines Werbegags im Showbusiness.

Die aktuelle Misere der führenden westlichen Demokratie beginnt demnach so: Der nicht zur Bescheidenheit neigende Star der NBC-Show „The Apprentice“ (Trump) erfährt, dass NBC-Star Gwen Stefani mit ihrer Talent-Show „The Voices“ eine höhere Gage bekommt als er. Wutentbrannt will Trump beweisen, dass er populärer ist als die Sängerin und erklärt – nur so als Gag – seine Kandidatur für das Präsidentenamt.

Aber dann geschieht das Unvorhersehbare: Showmaster Trump, der sonst Lehrlings-Kandidaten als Big Boss im Fernsehen herumschubsen darf, schlägt in den Vorwahlen einen Präsidentschafts-Kandidaten der Republikaner nach dem anderen aus dem Feld, angefangen bei Bush-Vetter Jeb Bush. Trump kandidiert tatsächlich und dann geschieht das wirklich Unfassbare: Trump schlägt auch noch die von allen als Favoritin gehandelte Hillary. Statt Ex-First Lady Clinton oder Vetter Bush sitzt nun ein fetter Milliardär im Weißen Haus, der dorthin doch gar keine familiären Beziehungen hatte.

Mit Trumps familiären Beziehungen macht Michael Moore dann weiter: Auf Szenen, die Trump als übergriffigen Egoisten beschreiben, folgen Bilder, die ihn beim ziemlich übergriffig wirkenden Befingern seiner bildschönen Tochter Ivanka zeigen. Mit dieser vermutlich ziemlich unfairen Verdächtigung liegt Moore im Trend der #metoo-Debatten in den USA, bei der man wohl nicht jede Bezichtigung männlicher Verfehlungen glauben darf. Aber sex sells und gegen Trump ist anderen ja auch jedes Mittel recht. „Er hat seine Verbrechen vor den Augen der Öffentlichkeit begangen“, kommentiert Moore. Sein Fazit: Man fühlt sich etwas unbehaglich bei diesem Präsidenten.

Wasserwerk privatisiert -Kinder vergiftet

Einen Fokus legt Michael Moore auf seine Heimatstadt Flint (Michigan) im „Rustbelt“, dem verarmten Industriegürtel der USA, wo die einst stolzen Stahl- und Auto-Metropolen Rost angesetzt haben -und Trump bei verelendeten weißen Arbeitern Wahlerfolge feierte. Doch Moore setzt hier seine Kritik grundsätzlicher an: 2014 wurde Flint Opfer einer besonders absurden Wasser-Privatisierung unter Michigans Gouverneur Rick Snyder, wie Trump ein Multimillionär.

Obwohl dort mit den Großen Seen das bedeutendste Trinkwasser-Reservoire Amerikas direkt vor der Tür liegt, erhalten die Menschen verseuchtes Flusswasser aus der Industriekloake Flint River. Nach einer Privatisierung der Wasserwerke konnte der neue Betreiber so ein paar Cent mehr Profit machen. Folge: Bleivergiftungen vor allem bei Kindern, dauerhafte geistige Behinderungen drohen. Politiker und Gesundheitsbehörden wussten Bescheid, aber durften offenbar nichts dagegen tun. Moore interviewt April Cook-Hawkins, die im Dienst des Gesundheitsamtes Flint medizinische Messwerte des Bleigehalts im Blut von Kindern fälschen sollte. Als die Whistleblowerin dies publik machte, wurde sie gefeuert.

Als die überwiegend schwarze Bevölkerung der von verseuchtem Wasser betroffenen Gebiete sich hilfesuchend an „ihren“ schwarzen Präsidenten Obama wandte, fiel ihnen dieser in den Rücken. Obama stellte sich hinter die lokalen Behörden, lobte das Flint-Wasser mit gewinnendem Lächeln als gesund und tat TV-wirksam so, als würde er einen Schluck aus einem Glas davon nehmen. In den von Moore gezeigten Bildern sieht man jedoch deutlich, dass Obama nur am Glasrand nippt. „Als er kam, war er mein Präsident. Als er fuhr, war Obama das nicht mehr“, lässt Moore eine schwarze Aktivistin die Szene kommentieren.

Moore hat Obama, den von Konservativen als „links“ bewerteten US-Präsidenten, kalt erwischt. Damit hat er zumindest in einem Fall die ihm oft vorgeworfene plumpe Einseitigkeit widerlegt: Die Springer-Zeitung Die Welt wetterte anlässlich des neuen Films gegen Michael Moore:

Dieser Regisseur ist ein Ideologe von der eher plumpen Sorte. Seine Dokumentarfilme dokumentieren nichts: Es handelt sich um Propaganda. Moore neigt zu dämlichen Verschwörungstheorien. Für ihn sind immer und ausnahmslos die bösen Kapitalisten beziehungsweise die Rechten an allem schuld. Dass auch Linke zu enormen Schuftigkeiten imstande sind, wird von ihm nicht einmal geleugnet – es kommt schlicht nicht vor. (…) Am Ende hätte Moore sich… belehren lassen können, dass die europäischen Varianten des Faschismus ökonomisch allesamt links waren und dass Antikapitalismus ziemlich häufig nach hinten losgeht. Vielleicht wird Moore ja im nächsten Film darüber reden. Wenn es bis dahin nicht zu spät ist. Die Welt

Die WELT vergisst hier, dass die für sie angeblich „linksorientierten“ Faschismen Europas (von Hitler bis Mussolini) allesamt harmonisch mit den Großkapitalisten (also den Leuten, von deren Annoncen die WELT lebt) ihrer Zeit kooperierten und von ihnen, genau so wie die WELT, zu großen Teilen auch finanziert wurden. Der deutsche „Nationalsozialismus“ wurde z.B. ja nicht nur von Krupp, Hugenberg & Co. gesponsert, sondern sogar aus den Kapitalistenkreisen der USA, wo etwa Henry Ford dafür einen Hakenkreuz-Orden bekam und IBM Hitlers Holocaust logistisch unterstützte. Einseitig ist hier nur der WELT-Schreiber, nicht aber Michael Moore. Denn der beklagt scheuklappenfrei, dass Obama sich genauso kaufen ließ wie das ganze Partei-Establishment der Demokraten („niemand nahm mehr Spenden von Goldman Sachs an als er“). Aber schon unter Bill Clinton sei die Partei neoliberal geworden, warb für Freihandel, deregulierte Banken und reduzierte den Sozialstaat.

Moore zeigt einen Lehrer-Streik in West Virginia, wo wochenlang für eine menschenwürdige Krankenversicherung gekämpft wurde. Man wollte den Pädagogen stattdessen ein Fitness-Armband verpassen, dass ihre tägliche Bemühung um körperliche Selbstoptimierung überwacht. Der Streik weitete sich aus und die Lehrer kämpften auch für fairen Lohn, der wenigstens über dem Armutsniveau liegt. Viele staatliche Lehrer müssen in den USA einen Zweitjob ausüben, um ihre Miete zahlen zu können. Nur reiche Leute können ihren Kindern eine gute Schulbildung ermöglichen – in teuren Privatschulen. Beide herrschende Parteien vertreten meist die Interessen einer wohlhabenden Geldelite, auch die als vergleichsweise „links“ geltenden Demokraten.

Die Führungsriege der Demokratenpartei würde lieber mit den Republikanern gemeinsam eine Politik für die Reichen und die Unternehmen durchsetzen. Doch dies muss nicht ewig so weitergehen: Moore präsentiert Umfragen, die zeigen, dass die US-Bevölkerung eigentlich mehrheitlich linksliberal, wenn nicht sozialistisch denken würde. Moore zeigt eine neue Generation von linken Politikerinnen der Demokratenpartei, etwa Alexandria Ocasio-Cortez aus dem New Yorker Schwarzenghetto Bronx oder Rashida Thaib aus Michigan, die schon bald als erste Muslima im Repräsentantenhaus sitzen wird.

Lobenswert: Das alles schafft Moore, ohne den Demokraten allzu deutlich ein „Ich hab‘s euch ja gesagt“ unter die Nase zu reiben – obwohl er ihnen tatsächlich vor der Wahl gesagt hatte, dass sie mit ihrem neoliberalen Clinton-Establishment den Rustbelt (Rostgürtel) und damit die Wahl an Trump verlieren würden. Vielleicht geben einige Angehörige der demokratischen US-Eliten künftig weniger Geld für teure Berater, Medienleute und Experten aus, die allesamt den Wahlsieg von Hillary Clinton für sicher erklärt hatten, und schauen sich lieber den neuen Moore-Film an. Der Britische Guardian immerhin gab ihm zu Recht 4 von 5 Sternen.

Eine leicht gekürzte Fassung erschien am 17.1.2019 auf Telepolis unter dem Titel: Donald Trump als neuer Hitler: Michael Moores „Fahrenheit 11/9“

Was ist dran an Verschwörungstheorien, Fakenews und Propaganda?

Thomas Barth CIA_floor_seal

Spektakuläre Enthüllungen im Internet (Wikileaks, Snowden) haben unseren Einblick in Militär und Geheimdienste erweitert. Propaganda und Gegenpropaganda waren etwa im Medienkrieg um den Ukraine-Konflikt kaum noch zu unterscheiden (Abschuss von MH17, Putins Netztrolle, Rechter Sektor). In der Politik schaffen neue PR-Agenturen mit ihren Internet-Bots als „Friend Faker“ gegen Bezahlung den Anschein von Popularität.

Aktuell sind die Leaks von E-Mails aus der Parteizentrale von Hillary Clinton in aller Munde -sie sollen von russischen Hackern im Auftrag Putins erfolgt sein. Clintons Gegner Trump wurde deshalb als „Marionette Putins“ bezeichnet. Fakenews? Putin soll mit seinen Trollen in die US-Wahlen eingegriffen haben -so tobt ein Medienkrieg mit harten Bandagen. Die EU gründet eine Institution zur Gegenpropaganda, die Bundeswehr rüstet sich für den Cyberwar im Internet. Psychologische Kriegsführung trifft sich mit Cyberwarfare und NSA-Überwachung im Internet.

Parallel dazu machen sich meist unbemerkt neue Formen der Kriegsführung breit. Ob der Drohnenkrieg in Pakistan und Jemen, der Rückzug aus dem Irak oder der blutige „Regime Change“ in der Ukraine –überall finden sich neue Formen von militärischer Intervention. Neue Internetmedien wie The Intercept des Snowden-Enthüllers Glenn Greenwald und des US-Journalisten Jeremy Scahill (Doku: Schmutzige Kriege) liefern heute mehr Information darüber als traditionelle Medien. „Gezielte Tötungen“ aus der Ferne mittels Drohnen haben sich unter Obama vervielfacht; Söldnerfirmen wie Blackwater kommen immer öfter zum Einsatz, sind in Korruption verstrickt und operieren oft außerhalb von Recht, Völkerrecht und Menschenrechten.

Aktuelle Bildungsangebote der Volkshochschule Hamburg zu diesen Themen:

„Asymmetrische“ oder „schmutzige“ Kriege? Drohnenkrieg und Söldnerarmeen

Kurzreihe: Die neuen Kriege im 21. Jahrhundert, Teil 2

Ob der Drohnenkrieg in Pakistan und Jemen, der Rückzug aus dem Irak oder der „Regime Change“ in der Ukraine –überall finden sich neue Formen von Kriegsführung. Neue Internetmedien wie TheIntercept des Snowden-Enthüllers Greenwald liefern heute mehr Information darüber als traditionelle Medien. „Gezielte Tötungen“ aus der Ferne mittels Drohnen haben sich unter Obama vervielfacht; Söldnerfirmen wie Blackwater kommen immer öfter zum Einsatz, sind in Korruption verstrickt und operieren oft außerhalb von Recht, Völkerrecht und Menschenrechten. Das Seminarangebot soll Wissenslücken schließen, die in den Medien oft unerwähnt bleiben, und Raum für Diskussionen bieten.

Workshop f. 10 – 20 Teilnehmende
Buchen unter Kursnummer: 3251NNN06
25.Feb.2017, Sa. 12-15.15Uhr, 4 UStd., 12,-Euro  (ermäßigt 6,-)
Thomas Barth, Hamburg, Poppenhusenstr.12, VHS-Zentrum Nord

Medienkriege: Cyberwar und Propaganda

Kurzreihe: Die neuen Kriege im 21. Jahrhundert, Teil 1wlogo-sm

Spektakuläre Enthüllungen im Internet (Wikileaks, Snowden) haben unseren Einblick in Militär und Geheimdienste erweitert. Propaganda und Gegenpropaganda sind etwa im Medienkrieg um den Ukraine-Konflikt kaum noch zu unterscheiden (Abschuss von MH17, Putins Netztrolle, Rechter Sektor). Die EU gründet eine Institution zur Gegenpropaganda, die Bundeswehr rüstet sich für den Cyberwar im Internet. Psychologische Kriegsführung trifft sich mit Cyberwarfare und NSA-Überwachung im Internet. Das Seminarangebot soll Wissenslücken schließen, die in den Medien oft unerwähnt bleiben, und Raum für Diskussionen bieten.

Workshop f. 10 – 20 Teilnehmende
Wegen Teilnehmermangel abgesagt
18.Feb.2017, Sa. 12-15.15Uhr, 4 UStd., 12,-Euro  (ermäßigt 6,-)
Thomas Barth, Hamburg, Poppenhusenstr.12, VHS-Zentrum Nord

Was ist dran an Verschwörungstheorien?

Viele klassische und neue Verschwörungstheorien sind heute im Internet präsent: von Freimaurern und Illuminaten BtmBookbis zu den Bilderbergern und modernen Mythen. Wie können wir ihre Herkunft, Wirkung und Wahrheitsgehalt aus historischer, politischer und psychologischer Sicht bewerten? Das Seminar soll auch wissenschaftliche Ansätze behandeln und Raum für Diskussionen bieten.
10 – 20 Teilnehmende
Do. 19:30 – 21:45 08.09.16 – 29.09.2016 , 4 Termine, 12 UStd.
Thomas Barth VHS-Zentrum Nord
Poppenhusenstraße 12, Hamburg

Wolfgang Bittner: „Die Eroberung Europas durch die USA: Zur Krise in der Ukraine“

Buchkritik von Thomas Barth
Wolfgang Bittner begleitet die (west-) deutsche Zeitgeschichte seit

Wolfgang Bittner

den 1970er Jahren mit politischen Romanen und Sachbüchern. In seinem neuen Buch „Die Eroberung Europas durch die USA“ geht es um die Ukraine-Krise und die verzerrende Berichterstattung in deutschen Medien. Die Schuld am Ukraine-Konflikt wurde von vielen Medien ausschließlich Russland, namentlich Wladimir Putin zugeschrieben. Für Bittner stellt sich die Frage, was mit dieser Propaganda und der ihr folgenden Militarisierung Westeuropas bezweckt wird. Im Hintergrund sieht Bittner US-Strategien der heimlichen Destabilisierung der Ukraine, nebst wirtschaftlicher Okkupation der Alten Welt.

Im Buch wird die Konfrontation „des Westens“ mit Russland im ukrainischen Bürgerkrieg anhand zahlreicher Belege akribisch dokumentiert. Dabei wird nachgewiesen, dass die Aggression keineswegs, wie nahezu täglich in Westmedien behauptet, von Russland ausging. Vielmehr erweisen sich die USA als heimlicher Aggressor eines Konfliktes, der durch bis heute immer weiter verschärfte Wirtschaftssanktionen angeheizt wird. Nach mehr als zwei Jahrzehnten friedlicher Nachbarschaft und wirtschaftlicher Kooperation durchzieht Europa inzwischen wieder ein Eiserner Vorhang –als lachender Dritter fühlen sich Obamas USA.
Während Putin in unseren Medien dämonisiert wird, stellt man Obama als nahezu unparteiischen Staatsmann im Ukraine-Konflikt dar: Bittner dreht diese Dramaturgie um. Sein Buch zitiert Reden Putins und dokumentiert im Anhang sogar in voller Länge seine Kreml-Rede zum Beitritt der Krim zur Russischen Föderation am 18. März. Die Rolle der USA in der Ukraine bezeugt Obamas EU-Beauftragte, Victoria Nuland: Ihr abgehörtes Telefonat mit dem US-Botschafter in Kiew belegt die heimlichen US-Einmischungen in der Ukraine; unsere Medien skandalisierten aber nur das belanglose „Fuck the EU“-Zitat –ein Ablenkungsmanöver. Laut Nuland haben die USA mehr als fünf Milliarden Dollar in den „Regime Change“ in der Ukraine investiert und Washington plante bereits für die Zeit nach dem Staatsstreich seinen Günstling Jazenjuk als Ministerpräsidenten ein. Jazenjuks Stiftung „Open Ukraine“ pflegt intensive Beziehungen zu US-Regierung und Nato und wird vom Westen gesponsert. Auch die US-Unterstützung für Rechtsextremisten sieht Bittner als belegt: So bekam der Chef der rechtsextremen Swoboda-Partei, Oleg Tjagnibok, Zusicherungen des ultrakonservativen US-Senators John McCain, den die Republikaner immerhin als Präsidentschaftskandidaten ins Rennen gegen Obama geschickt hatten. Jazenjuks Kooperation mit den militanten Rechtsextremisten wurde von westlichen Medien kaum problematisiert.
Bittner deutet die Absichten der USA dahingehend, Putin solle diskreditiert, Russland auf der globalen Bühne als Akteur ausgeschaltet und seine Bedeutung für Westeuropa als Handelspartner wie als Energie- und Rohstofflieferant minimiert werden. Dies würde Europa gegenüber Amerika schwächen und es zugleich enger an die USA binden. Die von USA und NATO betriebene Erhöhung der Militärausgaben wäre ein Segen für den Rüstungssektor und eine Militarisierung der westlichen Außenpolitik würde die Dominanz der globalen Militärmacht Nr.1. weiter stärken: Der USA.
Bittner beruft sich auf die Verständnis für Russland anmahnenden Politiker Helmut Schmidt, Egon Bahr und auch von Jack Matlock, der die USA als Botschafter in Moskau vertrat. Der US-Historiker Matlock wies darauf hin, dass der Umsturz in Kiew Leute an die Macht gebracht hat, die vehement antirussisch sind und so weit rechts stehen, dass man sie „ohne Übertreibung Neonazis nennen kann“. In deutschen Medien fand dies kaum Beachtung, man übte sich in angepasster Hofberichterstattung und diffamierte die sogenannten „Putin-Versteher“ als naiv.
Als konservativen Zeugen seiner Analyse zieht Bittner ferner Willy Wimmer (CDU) heran. Wimmer war Parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium und OSZE-Vizepräsident und gilt als einer der wenigen unabhängigen Denker in seiner Partei. Beim TTIP sprach er von einer Art „friendly occupation“ Europas durch die USA. Bittner zitiert ihn mit der Aussage: „Washington schmeißt Russland aus Europa hinaus und bekommt Westeuropa unter Komplett-Kontrolle.“
Bittner legt hier ein wichtiges Buch mit detaillierten Hintergrundinformationen und chronologischer Dokumentation der komplexen Ereignisse vor, das derzeit schon seine 3.Auflage in kurzer Zeit erlebt. Eine überzeugende Analyse in klarer Sprache und ein unverzichtbares Ostergeschenk für alle, die bislang noch unkritisch der ARD-Tagesschau als Gipfel objektiver Berichterstattung huldigen.
Thomas Barth
Wolfgang Bittner: „Die Eroberung Europas durch die USA: Zur Krise in der Ukraine“, VAT Verlag André Thiele, Mainz 2014, 148 Seiten, 12.90 Euro.

Wolfgang Bittner, Schriftsteller und Träger des Kölner Karls-Preises für engagierte Literatur und Politik von 2010, machte jüngst durch engagierte Statements gegen einseitige Berichterstattung über Ukrainekrise, Russland und Putin in Rundfunk und Presse auf sich aufmerksam. Der promovierte Jurist saß 1996-98 selbst im WDR-Rundfunkrat und hat seine Kritik im besprochenen Werk in Buchform vorgelegt. Kurzbiographie: Dr. jur. Wolfgang Bittner wurde 1941 in Gleiwitz (heute Gliwice/Polen) geboren, wuchs in Ostfriesland auf und lebt als Maler, Bildhauer und freier Schriftsteller in Göttingen. Der vielseitige Autor publizierte Lyrik, Erzählungen, Satiren und Romane (zuletzt „Hellers allmähliche Heimkehr“) sowie Jugend-, Kinder- und Sachbücher, erhielt u.a. 2010 den Kölner Karls-Preis für engagierte Literatur und Publizistik, schrieb u.a. für Die Zeit, FR, NZZ, WDR, DLF und gehörte als Vertreter des Schriftstellerverbandes von 1996-98 dem Rundfunkrat des WDR an. Gastprofessuren und Lehrtätigkeit im In- und Ausland runden die Biographie des literarischen Intellektuellen und politischen Schriftstellers ab. Weitere Informationen: www.wolfgangbittner.de