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Gesellschaftskritik: Hartz-IV-Traumatisierung, Burn-Out und die Verantwortung der psychosozialen Berufe

Mit Beitrag von Barbara Ellwanger

Thomas Barth 

„Arbeitslos unter Hartz IV zu sein bedeutet, dass dies massiv in die Beziehungen selbst eindringt –selbst oder gerade auch in nähere, bedeutsame. Die Zerstörung der verbalen Mitteilungsfähigkeit ist ein zentrales Moment jeglicher Traumatisierung und Missbrauchserfahrung (…) Gesichertes Wissen ist, dass der Verlust der Arbeitsstelle zu den Erfahrungen gehört, die den höchsten Stressfaktor aufweisen. Diese Tatsache wurde nicht nur von den empirischen Sozialwissenschaften aufgezeigt, sondern die relevanten Symptome entsprechen auch den Trauma-Kriterien der modernen Psychotraumatologie.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger 2009, S.156 f.

In die kühle Frühlingsluft des Osterfestes 2012 drang jüngst eine Nachricht ein, die eine ganz andere Art von Kühle signalisierte –eine soziale Eiseskälte. Im Bereich der Hartz-IV-Empfänger, so die lapidare Meldung, sei es zu einem neuen Höchststand von „Absenkungen der Regelsatzzahlungen“ gekommen. Hauptgrund wären „nicht wahrgenommene Einladungen“ der Behörden gewesen. Mit dem „Regelsatz“ ist jene das Existenzminimum markierende Zahlung gemeint, von der Langzeit-Arbeitslose ihr Dasein fristen müssen: Ein Existenzminimum, welches so definiert ist, dass es gerade noch eine dem Recht auf Menschenwürde genügende Teilhabe am Reichtum unseres Landes ermöglicht. Mit deren als Maßnahme zur Disziplinierung üblichen Absenkung wird routinemäßig die soziale Teilhabe unter diese Grenze gedrückt.

Mit „Einladungen“ sind folglich wohl eher Vorladungen gemeint, strafbewehrt mit der Drohung des Verlustes eines letzten Restes an Menschenwürde. Die Schuld für verpasste Termine solcher Vorladungen wird routinemäßig bei den Hartz-IV-Beziehern gesucht, nicht bei der Postzustellung oder der Behörde. Die mit solchen teils drakonischen Einkommenskürzungen bestraften Menschen leben am untersten Rand unserer Gesellschaft, sind oft über Jahre hin ökonomisch ausgeblutet. Sie mussten alle Guthaben und Wertgegenstände ihres Familienbesitzes aufzehren, haben alle Möglichkeiten an Hilfe und Kredit aus Familie und Freundeskreis bis zur Schmerzgrenze ausgereizt.

Doch die öffentlichen Kassen, so heißt es, sind leer, die Ämter müssen sparen. Die Behörden sind angehalten, bei Hartz-IV-Beziehern ständig nach „Missbrauch“ von Leistungen, mangelnder Arbeitsbereitschaft und fehlender Disziplin zu suchen. Barbara Ellwanger kontert diesen Generalverdacht mit dem Vorwurf von Missbrauch der Behörden, begangen an ihren Schutzbefohlenen. Misstrauen und Kontrollsucht haben sich stetig verschärft, wobei sich Praktiken eingeschliffen haben, die an Drangsalierung und Schikane grenzen,

„…jene Praktiken, die erforderlich sind, um selbst noch die Regelsatzzahlung auf Teufel komm raus um weitere 30 oder 60 oder auch 100 Prozent ‚abzusenken‘. Diese Kürzungen gehören inzwischen so sehr zur gängigen Praxis, dass die blanke Willkür dabei immer unverhüllter herrscht und die Überschreitung der gesetzlichen Bestimmungen sanktions- und folgenlose Routine geworden sind.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger ebd.

Die offizielle Begründung, dies sei nötig, weil die Kassen leer seien, ist wenig glaubwürdig. Denn leer sind diese Kassen vor allem aufgrund der neoliberalen Privatisierungen und ungeheurer Steuergeschenke an Unternehmen und Wohlhabende: In den OECD-Ländern steigerten die Unternehmensgewinne seit den 90er-Jahren ihren Anteil an der Nettowertschöpfung von 33 auf 43% der volkswirtschaftlichen Leistung –auf Kosten sinkender Reallöhne. Niemand bestreitet das Vorhandensein ungeheuren Reichtums in unserer Gesellschaft, aber kaum jemand darf öffentlich von ihm reden –und schon gar nicht im Zusammenhang mit leeren Kassen, korrupter Politik und verelendeten Hartz-IV-Beziehern. Die Macht der Arbeitgeber wuchs in den letzten Dekaden, die Gewerkschaften knickten immer wieder ein. Angst vor Armut und Arbeitslosigkeit packte die Menschen, auch und gerade durch das Hartz-IV-Regime. Stramm durchgesetzter Lohnverzicht hier, explodierende Spitzeneinkommen dort, derweil die Einkommensschere immer weiter auseinander klafft und 2-4 Millionen Kinder prekarisierter Leiharbeiter bereits wieder hungrig zur Schule gehen mussten. Alles nur unabwendbares Schicksal im harten Wind des Wettbewerbs der gebetsmühlenartig gepredigten Globalisierung?

Spätestens die Finanz- und Bankenkrise ließ dabei den Verdacht aufkommen, bei einem Teil der kräftigen Umverteilung von unten nach oben ginge es nicht mit rechten Dingen zu. Es war Georg Schramm der unter der Narrenkappe des Kabarettisten als einziger in der Mainstream-Medienlandschaft gelegentlich auf eine ansonsten totgeschwiegene Entwicklung hinwies: Trotz stetig wachsender deutscher Wirtschaftsleistung stiegen seit den 90er-Jahren ausschließlich die Einkommen der obersten 10%, alle anderen stagnierten oder mussten, besonders die unteren 50% schmerzhafte Einschnitte hinnehmen. Diese Reallohnkürzung wurde durchgesetzt obwohl immer höhere Arbeitsleistungen verlangt wurden. Der Arbeitsstress wuchs, die Arbeitsverdichtung wurde gesteigert –auch dank neuer Kontrolltechnologien–, psychische Störungen nahmen zu: Die medial phasenweise beklagte „Volksseuche Burnout“ wird mit dem Verteilungs-Unrecht selten in Verbindung gebracht. Bei den untersten 10%, den Arbeitslosen, höchstens prekär Beschäftigten, sieht es noch schlimmer aus, herrscht wachsendes Elend, Hoffnungslosigkeit, selbst Hunger –spätestens die zehntausendfach verhängten „Absenkungen der Regelsatzzahlungen“ treiben die Behördenopfer in Armenküchen der „Tafeln“.

In der Arbeitswelt traten seit den 90ern vermehrt Management-Berater auf. statt betrieblicher Mitbestimmung („traditionelle Strukturen“) sollten die Beschäftigten nun nach der Ideologie des Neoliberalismus sogenannte „Eigeninitiative und Selbstverantwortung“ üben –verdichtet zur „Eigenverantwortung“. In diesem Sinne hieß es zu den massenhaft Entlassenen: „Selber Schuld“. Arbeitsplatzvernichtung nach dem Rasenmäher-Prinzip, die übrigen sollen eben mehr arbeiten, unbezahlte Überstunden und Lohnverzicht üben, sonst geht ihr Betrieb pleite und sie fallen ins Hartz-IV-Elend. Im Namen der Globalisierung enteignete Schröders rotgrüne „Agenda 2010“ Arbeitnehmer endgültig ihrer Rechte und schuf die schöne neue Arbeitswelt als Drei-Klassen-Gesellschaft: Zwischen den Lohnabhängigen und dem lohndrückenden Reserveheer der Arbeitslosen wurde das Prekariat installiert, die Working-Poor. Waren Psychologen, Sozialarbeiter, Lehrer im Widerstand gegen diese Angriffe auf die arbeitende Bevölkerung wirklich genug engagiert? Wäre entschiedener politischer Widerstand nicht ihre moralische Pflicht gewesen? Hat sich nicht sogar manch einer vor den Karren neoliberal-reaktionärer Kampagnen spannen lassen, der es eigentlich besser hätte wissen können? Etwa der Unterzeichner der dünkelhaft-elitären Pro-Agenda-2010-Kampagne „Auch wir sind das Volk“, Nobelpreisträger und SPD-Barde Grass, der sich gern für Indien und Nahost engagiert, daheim aber das Hartz-IV-Regime stützte.

 „Ein Skandal ist deshalb, dass noch keiner derjenigen Berufsverbände, die im weiteren oder engeren Sinn mit Fragen des psychosozialen Bereichs und der Ethik befasst sind, diesen üblen Grenzüberschreitungen entgegengetreten ist und sich für die fundamentalen Persönlichkeitsrechte schwacher, ja in jedem Fall sich in einer Notlage befindlichen Bürger eingesetzt hat. (…) Darf ein gesellschaftliches Leitbild des ‚nach unten Tretens/nach oben Buckeln‘ weiterhin das Leitbild der einschlägigen Berufsverbände bleiben? Ein Skandal ist auch das anhaltende Schweigen der  Gruppen und Verbände der psychosozialen Kernberufe. Sie können nicht nur die epidemiologischen Folgen der zunehmenden Verarmung erkennen, sondern sind zudem Zeugen einer Verelendung politischer Entscheidungsgrundlagen.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger ebd.

Wie konnte ausgerechnet ein SPD-Kanzler, noch dazu in Koalition mit den Grünen, die Rechte der arbeitenden Bevölkerung derartig mit Füßen treten? Eine mögliche Erklärung liegt in den Medien, insbesondere bei einem Medienkonzern: Bertelsmann, Hauptsitz Gütersloh. Dieser größte europäische Mediengigant genießt bis heute bei politisch engagierten Bürgern einen guten Ruf, bei Medienkonzentration und Bewusstseinsindustrie denkt man immer noch eher an Springer. Mit Bertelsmann werden eher die Buchclubs, Verlage und Zeitschriften (Spiegel, Stern, Geo etc.) identifiziert und weniger sein  Kerngeschäft der schmuddeligen RTL-Senderfamilie. Erst 1998 konnte der Historiker Hersch Fischler in Archiven Beweise sichern, die Bertelsmann als Komplizen der Goebbelsschen Propaganda enttarnten. Dem Konzern gelang es jedoch, eine öffentliche Wahrnehmung seiner NS-Vergangenheit nahezu zu verhindern: Erst über Publikationen in der Schweiz und den USA konnte Fischler seine Reportage wenigstens punktuell in die deutsche Medienwelt bringen. Bertelsmanns Macht reicht weit, auch bis in öffentlich-rechtliche Sendeanstalten hinein, mit deren Top-Management ein munteres Personalkarussell betrieben wird.

Dem Konzern genügte jedoch die Medienmacht nicht, er baute seine Unternehmensstiftung zu einem führenden deutschen Think Tank nach US-Vorbild aus. Heute gibt es kaum ein Politikfeld, auf dem die Bertelsmann-Stiftung –aus Steuergründen inzwischen Haupteignerin des Konzerns– sich nicht einmischt: Durch tendenziöse Studien, mediale Kampagnen, meist aber durch stille Lobbyarbeit hinter den Kulissen. Studiengebühren, Rentenprivatisierung, Sicherheitspolitik und auch der Arbeitsmarkt sind strategische Wirkungsfelder der Gütersloher Lobbyarbeit, die auch Parteien (SPD, Grüne) und Gewerkschaften z.B. mit neoliberalen Bildungskonzepten infiltrierte. Vernetzung mit Parteien und Gewerkschaften erleichterten auch die Politikberatung der Regierung von Gerhard Schröder, den nicht zuletzt Spiegel, Stern und RTL zum „Medienkanzler“ stilisiert hatten.

Ab dem Jahr 2000 lancierte Bertelsmann Studien zur angeblichen Notwendigkeit der Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe (Hartz IV); 2003 beglückte Gütersloh die Politik mit dem Grundkonzept für die Job-Center (Hartz III); die Konzeption der Personal-Service-Agenturen (Hartz I) erarbeitete Bertelsmann gemeinsam mit McKinsey und der Bundesanstalt für Arbeit. Ein mediales Trommelfeuer gegen die bisherige Arbeitsmarktpolitik setzte pünktlich zum Wahlkampf 2002 die Regierung Schröder unter Druck –die damals zum „Vermittlungsskandal“ aufgeblasene statistische Mogelei der Bundesanstalt für Arbeit erscheint heute als Petitesse: Was sind ein paar geschönte Statistiken gegen die Schneise der strukturellen Gewalt und des sozialen Elends, die von den Hartz-Reformen in das untere Drittel unserer Gesellschaft geschlagen wurde?

Hartz IV setzt die gesamte arbeitende Bevölkerung, soweit nicht als unkündbare Beamte vor Arbeitslosigkeit geschützt, unter die Drohung des sozialen Absturzes ins Bodenlose. Haus, Wohnung, Lebensversicherung sind vom Langzeitarbeitslosen aufzuzehren, bevor er eine Art reduzierte Sozialhilfe bekommt, die anstelle der früheren Arbeitslosenhilfe getreten ist. Kritiker sprechen von einer brutalen Enteignung von Arbeitnehmerrechten, Unternehmen freuen sich über billige Leiharbeiter und die Medien jubeln über eine „aktivierende“ Arbeitsmarktpolitik: Mit solch einer Drohkulisse im Nacken lassen sich abhängig Beschäftigte auspressen wie nie zuvor –Burnout und andere psychosoziale Probleme sind die Folge. Nebenbei wird ein Überwachungsregime für die ökonomisch Benachteiligten installiert, das dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung Hohn lacht: Hartz-IV-Behörden schnüffeln heute im Privatleben der Arbeitslosen nicht nur nach Anzeichen für Schwarzarbeit, sondern auch nach versetzbaren Wertgegenständen, möglicherweise unterhaltspflichtig zu machenden Sexualpartnern und selbst nach auf der Straße erbetteltem Kleingeld. Mit der behaupteten Not der staatlichen Kassen oder der Schaffung von Gleichbehandlung hat diese Praxis nichts zu tun. Mit weit geringerem Aufwand wäre bei Steuerhinterziehern sehr viel mehr zu holen und sehr viel mehr Gerechtigkeit zu schaffen, doch das wird von den Ideologen der Steuersenkung nicht gewollt. Es geht um die politische und administrative Durchsetzung von Disziplinierung, ja geradezu menschenverachtender Dehumanisierung.

Weite Teile im unteren Drittel unserer Gesellschaft leben mit steigenden Bedrohungen ihres täglichen Auskommens, ihrer Teilhabe am kulturellen Leben und ihrer Gesundheit, von ihrer Menschenwürde ganz zu schweigen. Wir müssen befürchten, dass die Reichtumssteigerung künftig immer unverschämter unter Aufbietung aller denkbaren legalen, korruptiven und kriminellen Mittel betrieben wird. Die dabei zu verzeichnende Verstrickung von korrumpierten Medien mit einer Politik, die sich willig von Lobbyisten zu Vollstreckern dunkler Interessen machen lässt, verdient es durchaus, unter dem Aspekt der Makrokriminalität unter die Lupe genommen zu werden. Wo politische Korruption und Wirtschaftskriminalität wie Zahnräder eines gut geschmierten Mechanismus ineinandergreifen, da entstehen Gesetze, die nur noch formal demokratisch zustande gekommen sind. Aus diesen Gesetzen von Lobby- oder Schmiergelds Gnaden entwickelt sich ein Staat, der zwar keine Kriegsverbrechen und Völkermorde, wohl aber Wirtschaftskriminalität großen Stils legitimiert und dessen Regime mit dem Begriff Makro-Korruption treffend beschrieben sein mag.

Makrokriminalität setzt voraus, dass im staatlich installierten Unrechtsregime moralische Bedenken der Täter „neutralisiert“ werden. Eine der Neutralisierungstechniken, die Jäger untersuchte, lag in der Dehumanisierung der Opfer durch Abwertung, Stigmatisierung und Entmenschlichung.  Wie können wohl die Verlierer der neoliberalen Umverteilungspolitik, die Outsourcing-Opfer, tarifvertragslose Working Poor, Arbeitslose, Ein-Euro-Jobber, angesichts ihrer schrumpfenden finanziellen und Handlungsspielräume das ständige Reden in den Medien von mehr Eigeninitiative und Selbstverantwortung verstehen: Nur als Abwertung und Stigmatisierung oder schon als Entmenschlichung? Und sind Psychologen und Psychologinnen gegen ein Mitläufertum bei dieser Dehumanisierung resistenter als andere? Einfach und bequemer ist es allemal, sich als „nicht zuständig“ ins Private abzuwenden oder sogar die Medienparolen nachzuplappern.

 „Diese ganze Verrücktheit aushalten zu müssen, sich gegen sie psychisch zu organisieren, ist für ALG II-Bezieher –zusammen mit dem täglichen Leben unterm Existenzminimum, der hoffnungslosen Zukunftsaussicht, der sozialen Isolation und Stigmatisierung– ein weiteres traumatisierendes Erleben. Zeuge zu sein, wie sich beim Thema Hartz IV reihenweise diejenigen in Marie Antoinettes verwandeln (‚Wenn ihr kein Brot habt, dann esst doch Kuchen!‘), von deren hinreichender Vernunft und durchdachtem politischen Handeln man abhängig wäre, ist sicher nicht nur für die unmittelbar Betroffenen schockierend.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger ebd.

Im Gegensatz zu Steuerhinterziehern, zweifelhaften Lobbyisten undBtmBook korrupten Entscheidungsträgern brauchen die medial gehetzten „Sozialbetrüger“ nicht lange auf ihre Kriminalisierung zu warten. Die Behörden sind eigentlich für die Wahrung der Menschenwürde ihrer zu „Kunden“ geadelten Hartz-IV-Bezieher verantwortlich. Doch wird ihren Mitarbeitern im Rahmen rigoroser Sparprogramme als oberstes Ziel die Eindämmung angeblich überhand nehmenden „Missbrauchs“ von Sozialleistungen eingehämmert. Auf RTL & Co. zeigt Bertelsmann täglich die pöbelnden Proleten, die ihre Kinder verwahrlosen lassen, ihr Geld für Bier und dicke Plasma-Fernseher verplempern und so dumm sind, wie die Machteliten das Volk gerne hätten. Die Botschaft: Ein solches Pack darf man ruhigen Gewissens nach Strich und Faden ausbeuten –mit diesem Stereotyp im Kopf mag sich der sensible Nobelpreis-Literat Grass lieber indischen Kindern und drangsalierten Palästinensern zugewandt haben, was ehrenwert ist, aber sein Mitlaufen bei Bertelsmann-Kampagnen für Hartz-IV nicht rechtfertigen kann. Warum fanden sich allzu lange für solche Propaganda-Sendungen auch noch Psychologen und Psychologinnen, die der Hetze ihren Segen als Experten gaben? Diese Fragen sollten sich auch LeserInnen der ehemals kritischen Fachzeitschrift „Psychologie und Gesellschaftskritik“ stellen, die in den letzten Jahren jedoch echte Gesellschaftskritik zu meiden scheint.

(April 2012, eingereicht bei  Psychologie & Gesellschaftskritik abgelehnt Mai, überarbeitet und erneut eingereicht Juni 2012, erneut endgültig abgelehnt Juli 2012)

„Spiegel“ meint: Piraten sind dumm, albern und irgendwie –Nazis

Shitstorm à la Feuilleton: Matthias Matusseks Anti-Piraten-Pamphlet

Thomas Barth, Juni 2012

In seiner ersten Juni-Ausgabe führte der „Spiegel“ (23/2012) den bislang unsportlichsten Tiefschlag gegen die Piraten –in der Rubrik „Kultur“. Raubkopierer sind Verbrecher –dann sind Piraten… irgendwie Nazis. Nur mit der Begründung der Diffamierungen haperte es etwas.

Piraten stellen das Urheberrecht zur Diskussion: Da tobt die Medienindustrie, auch der „Spiegel“. War dies die Rache des größten europäischen Urheberrechte-Verwerters Bertelsmann an den Piraten? Denn die hatten nicht nur die Verwerter-Profite bedroht, sondern im NRW-Wahlkampf auch noch Forderungen der Anti-Bertelsmann-Bewegung aufgenommen.

Die Gemeinnützigkeit der Bertelsmann-Stiftung

Die NRW-Piraten wollten der milliardenschweren Bertelsmann-Stiftung die Gemeinnützigkeit entziehen, einem neoliberalen Think Tank also, der hierzulande mächtigsten Lobbyismus-Fabrik mit angeschlossenem Medienimperium. Es geht um viele Millionen jährlicher Steuererleichterungen, die nach Meinung der Kritiker unrechtmäßig an Bertelsmanns „Abteilung für politische Kampagnen“ vergeben werden, da die Stiftung zudem heimlich und illegal Profitinteressen des Konzerns befördere –etwa, wenn für die Privatisierung staatlicher Verwaltungen getrommelt wird, für welche die Bertelsmann-Sparte „Arvato Government Services“ ihre bezahlten Dienste anbiete.

Polit-Kampagne im Feuilleton

Der „Spiegel“ brachte das Anti-Piraten-Pamphlet im Feuilleton, eingeklemmt zwischen Szene-Berichten über die TV-Serie „Girls“ und ihr neurotisches Sexleben, Documenta-Kunst und, reich bebildert, über die „Generation Porno“ im Internet. „Debatte: Das maschinenhafte Menschenbild der Piraten“ verkündete das Inhaltsverzeichnis. Über Netzpolitik sagt das Pamphlet von Matthias Matussek fast nichts und die Überschrift im Heft klang etwas abgemildert: „Der neue Mensch –Über die alberne Hoffnung auf eine Jugendrevolte im Netz“.

Der „Spiegel“ setzte in der Schmähschrift seine Kampagne gegen die Piraten fort, mit den gewohnten Parolen, ausgewalzt über eine komplette Doppelseite: Der Netzjugend gehe es zu gut, sie sei dumm, albern und wolle alles umsonst, die Piraten seien Clowns, nicht ernst zu nehmen und irgendwie –Nazis. Damit reitet der „Spiegel“ den klapprigen Gaul der Stigmatisierung der Hacker- und Netzkultur weiter, diesmal mit den Piraten im Visier. Drei Hefte zuvor hatte der „Spiegel“ z.B. Beppe Grillo, „Italiens erfolgreichsten Politik-Piraten“, als bloggenden Clown beschrieben, der schreie „wie einst Bennito Mussolini“.

Das Anti-Piraten-Pamphlet

„Spiegel“-Schreiber Matussek haut in dieselbe Kerbe. Links das Großbild einer (in diesem Kontext eines Pamphlets über eine angebliche Jugendrevolte) wirklich albern dargestellten, sehr jungen Piratin zu sehen -mit riesiger roter Plastiksonnenbrille hinterm Laptop mit Piratenaufkleber. Darunter bekennt Matussek einleitend, er wäre verstört von der Beschäftigung mit den Piraten. Am meisten verstört ihn „die Bereitschaft vieler Meinungsmacher zur Regression“. Listig verpackt er die erste Beleidigung in eine scheinheilige Selbstkritik: „Was müssen wir mit unserem Latein am Ende sein, wenn wir die Zukunft in die Hände dieser mal ratlosen, mal zynischen Rasselbande legen wollen.“ Bei denen sei eine neue Jugendrevolte zu suchen? Nein, „was für ein Trugschluss“, findet Matussek. Auf der gegenüber liegenden Seite verkündet ein Kasten in fetten roten Lettern, was man hinter dem Trugbild der Revolte vermuten soll: „Ein Aufstand aus der Welt der Wohlstandsverwahrlosten, die alles umsonst haben wollen.“ Keine Revolte, sondern ein Aufstand, soweit also das erste nichtssagende Ergebnis der „Spiegel“-Analyse.

Nerd-Bashing für Lady Gaga

Am meisten wurmt Matussek der „Streit ums Urheberrecht“, denn „ein ganzer rechtlicher Rahmen soll korrumpiert werden, um diesen Wohlstandsteenager zu schützen, der den neuesten Lady-Gaga-Song kostenfrei haben will.“ Unfair sei, dass im Piraten-Kid meist der „idealistische Nerd ohne Taschengeld“ gesehen werde: „Wieso eigentlich?“, fragt Matussek empört, „Könnte er nicht auch ein aufgepumpter Bully sein, der anderen Kindern das Handy wegnimmt?“ Die Piraten sind lächerlich, denn sie nennen sich „Immaterialisten“, das hat Matussek irgendwo im Internet gelesen und es klingt für ihn „doch stark nach einem dieser kontakt-gestörten Spinner aus der US-Soap ‚The Big-Bang-Theory‘“; dass Mainstream-Medienmann Matussek das findet, verwundert kaum, denn andere Mainstreamer haben ja besagte Soap eigens zur humorigen Verunglimpfung der Netz- und Nerdkultur kreiert.

Die US-Nerds dieser Soap sind aber nicht nur alberne Witzfiguren, sondern auch total unpolitisch, der US-Regierung und jedem dahergelaufenen Finanzboss hündisch ergeben sowie frei von jedem moralischen Zweifel, wenn sie Atomraketen oder Biowaffen bauen sollen. So hätten manche die Nerd- und Netzkultur gerne, aber die Piraten strafen dieses Wunschbild Lügen. Piraten wollen einfach nicht zum stigmatisierenden Stereotyp passen, das Mainstreamer wie Matussek ihnen in ihren Medien andichten, das macht wütend.

Heidegger und die Plagiatsfahnder

Wütend macht Matussek auch die mangelnde „Achtung vor geistiger Leistung“ und die Heuchelei der Piraten, die im Netz raubkopieren, aber Jagd auf plagiierende Politiker machen: Plagiatsfahnder seien „die allergehässigsten Jagdgemeinschaften“. Matussek sieht keine besondere Verpflichtung der Machtelite, sich an rechtliche Strukturen ihres eigenen Machtsystems zu halten, und er begreift auch nicht den Unterschied zwischen einer Kopie für den Eigenbedarf und einem Plagiat.

Doch mit welcher Rechtfertigung rückt der Wut-Journalismus von Bertelsmann nun die Piraten in die Nähe von Nazis? Den „jungen Netzmenschen“ eigen sei ihr „Mechaniker-Gequatsche von Programmierern“, kritisiert Matussek, Gequatsche, das ihn an das „ontologische Murmeln Heideggers“ erinnere. Der Netzaktivist habe „sowieso das Gefühl, die anderen, die Unwissenden, meilenweit abzuhängen. Und plötzlich schweben Erfindungen wie ‚Liquid Democracy‘ über uns wie bunte Luftballons über einem ewigen Kindergeburtstag und sollen die Welt retten.“

Matussek findet sich witzig, Kindsköpfe wollen mit Luftballons die Welt retten, haha, das ist dumm und albern. Und irgendwie klingen sie nach Heidegger, bei dem viele 68er das Prädikat „Nazi-Philosoph“ mitdenken. Diese an den Hitlerbarthaaren herbeigezogene Unterstellung bleibt gleichwohl noch die plausibelste Piraten-Nazi-Verbindung, die Matussek herzustellen weiß.

Piraten sind die „Wohlstandsverwahrlosten“

Piraten sind also dumm, albern und irgendwie Nazis, aber es geht ihnen auch zu gut und sie wollen alles umsonst im Netz. Skandalös ist dies, weil dort Matusseks Geldgeber vom Bertelsmann-Konzern unbedingt ihre Milliarden verdienen müssen, aber diesen letzten Punkt verschweigt er. Matussek regt sich lieber auf: „Sie geben sich kapitalismuskritisch, aber ihre Vorstöße zum Urheberrecht sind nichts anderes als Aufstände aus der Welt der Wohlstandsverwahrlosten, die alles umsonst haben wollen“. Piraten sind, laut Matussek, voller „Überheblichkeit wie die 68er. Der Unterschied: Damals wurde gelesen, gelesen, gelesen“, und zwar: „Benjamin, Trotzki, Bakunin, Adorno, Reich“.

In der dummen Netzkultur blieben dagegen, so Matussek, von Büchern nur „Slogans und Klappentexte“, „die dröhnende politische Leere aller Piraten-Verlautbarungen“ verdanke sich der „feuilletonistischen Jagd nach dem neuesten Reiz“, dem „nächsten Ding“, dem „‘Dada‘ der Netzavantgarde“: Alles sei dumm und auf dem „Theorieniveau des ‚Yps‘-Magazins, das uns erklärte, wie man mit einer Scherbe und einer Paketschnur Feuer macht.“ Aber liefert Matussek selbst hier wirklich politische Kritik auf dem analytischen Niveau von Adorno und Benjamin? Oder nicht doch eher feuilletonistisches Gebrabbel mit einem Schuss elitären Ekels vor der Popkultur und den schon aus der Antike bekannten Klagen über die Verderbnis der Jugend?

Trivial! Sie lesen Comics!

„In den albernen Trivialmythen der neuen Netznomaden fließen unübersehbare Elemente der Science-Fiction-Literatur und der Comics zusammen“, empört sich Matussek, die „Kolumne des sicherlich amüsantesten Netzkolumnisten“, laut Matussek soll das Sascha Lobo sein, heiße „Die Mensch-Maschine“. Darin stecke „der Cybernautentraum von Erlösung und ewigem Leben im Netz, natürlich eine kindische theologische Travestie“. Einen Mythos hat Matussek hier richtig erkannt, doch vielleicht ist dieser nicht so albern, kindisch und trivial wie er glaubt: Die Überwindung des Todes durch Wissenschaft und Fortschritt ist Thema großer Denker seit Beginn der Moderne, aber vielleicht fehlte die Aufklärung ja auf den 68er-Büchertischen.

Tatsächlich wird diese ehrwürdige philosophische Tradition unter dem Stichwort „Techgnosis“ in der Netzkultur fortgeführt. Aber wohl weniger im Blog Lobos, den Mainstream-Journalisten wie Matussek zum „talking head“ der Netzgemeinde erkoren haben. Auf die „dröhnende politische Leere“ die Matussek in gleich allen Piraten-Verlautbarungen wahrgenommen haben will, kann man wohl nur mit einem Lichtenberg-Aphorismus antworten: Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, wusste Lichtenberg, liegt es nicht unbedingt an dem Buch; dies scheint auch für Online-Texte zu gelten.

 Piraten sind Nazis

Mit seinem Wettern gegen die „theologische Travestie“ der Piraten scheint der „Spiegel“ in die Vormoderne zurückgefallen zu sein. Doch wenigstens schreit er nicht, wie damals die Theologen, nach dem Scheiterhaufen für Netzaktivisten. Aber ein Nürnberger Kriegsverbrechertribunal hätten sie, so deutet das Bertelsmann-Magazin an, schon fast verdient, denn „Raubkopierer sind Verbrecher“ (Slogan der Verwerter) und Piraten sind Nazis –so deutet Matussek an:

„Diese Maschinenmenschen rufen zwar ständig den Tod des Autors aus, aber das tun sie dann doch mit der allergrößten Autoren-Angeberei. Alles, so die Behauptung, sei ein großer Textfluss, der über die Bildschirme ströme, der von Tausenden Autoren stamme und sich nur zufällig verdichte im Einzelnen. Da ist der Gedanke an die völkische Textgemeinschaft nicht weit. Interessanterweise wurde der Urhebergedanke auch während der Nazi-Zeit stark abgewertet –da galt der Autor dann lediglich als ‚Treuhänder des Werkes‘ für die Volksgemeinschaft.“

 Bertelsmann kennt sich aus mit Nazis

Das Bertelsmann-Blatt muss es wissen, denn Bertelsmann machte, was Bertelsmann-Leser interessanterweise im „Spiegel“ selten erfahren, selbst beste Geschäfte unter Goebbels als ‚Treuhänder des Werkes‘; so z.B. mit dem kriegsverherrlichenden Epos „Flieger am Feind“, 1934 von Goebbels zum „Weihnachtsbuch der Hitlerjugend“ gekürt (Quelle: Polunbi). Bertelsmann verdiente Millionen Reichsmark mit rührender Sorge um die Jugend, später dann mit Frontlektüre für die NS-Truppen. Aber dem großen Mahner und Warner vor angeblichem Nazitum der Piraten Matussek ist das keine Zeile wert. Wichtig ist ihm anscheinend nur eins, dass dieser Maschinenmensch-Pirat irgendwie ein Nazi ist. Warum? Er ist gegen die „Verwerter“. Matussek fabuliert weiter:

„Ihr Protest, so die Piraten, richte sich gegen die Verwerter, ein Begriff, der eine grauenhafte Konnotation enthält, nämlich die einer selbst nicht kreativen Zwischenschicht, die sich vampiristisch auf der einen Seite am Talent und auf der anderen Seite am (Netz-) Volk gütlich tut. In den Karikaturen der 30er Jahre kam sie als Parasitenbande von jüdischen Krämern, Händlern und Finanzbossen vor.“

Weil die Nazis einst Finanzbosse als jüdische Parasiten verunglimpften, so die dünne Argumentation von Matussek, sei heute ein Nazi, wer etwas gegen Finanzbosse sage. Und weil die Verwerter, die Matussek bezahlen, wohl auch Finanzbosse sind, befällt ihn, Matussek, eine „grauenhafte Konnotation“, die ihn letztlich die Piraten als Nazis hinstellen lässt. Und diese Konnotationen walzt Matussek weidlich aus. Er findet Ideen der Piraten, die „uns direkt ins Reich der Umerziehungslager“ führen werden, denn sie „wollen die totale Transparenz“, ihr „Traum totaler Herrschaftsfreiheit“ werde „in der Praxis Repressionsapparate und Terror“ gebären und auch „das Begeisterungsfeuer von Halbwüchsigen kann, wie wir von den totalitären Jugendkohorten des vergangenen Jahrhunderts wissen, zu Verheerungen führen.“ So schließt Matussek, leider ohne uns zu sagen, wo er bei den Piraten den „Traum totaler Herrschaftsfreiheit“ und „totalitäre Jugendkohorten“ im Kampf um „totale Transparenz“ usw. gesichtet haben will. #

>Eine gekürzte Fassung erschien inFlaschenpost -Nachrichtenmagazin der Piratenpartei

Das maschinenhafte Menschenbild der Piraten: Nachschlag vom „Spiegel“

Zwei Ausgaben später präsentierte der „Spiegel“ sechs nach Gusto der Redaktion ausgewählte und zusammengekürzte Leserbriefe, die überwiegend wirr bis zustimmend klangen, einer bat um Milde, weil jeder alles neu lernen müsse, eben auch die Piraten, einer schrieb als „kein Piraten-Fan“ und fand Piraten-Bashing scheinbar gut, nur den Nazi-Vergleich übertrieben, eine fragte wenigstens, woher Matussek seine Behauptungen habe, nur ein einziger äußerte expliziten Unwillen über das „misanthropische Gekeife“ des „Spiegel“-Pamphlets. Soweit das, was „Spiegel“ seine Leser über seine Leser wissen ließ.#

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Dokumentation: Leserbriefe „Spiegel“ 25/2012 zu Matthias Matussek: Das maschinenhafte Menschenbild der Piraten / Jeder Mensch lernt alles neu

(…) nicht Sie und nicht ich, aber jüngere Menschen müssen es neu lernen, weil jeder Mensch alles neu lernen muss. Dr. Herbert Schultz-Gora, Hofheim (Hessen)

Jeder Satz trifft ins Schwarze. Hoffentlich nimmt der angezielte Personenkreis die Gelegenheit wahr, um sich die eigene Lächerlichkeit vor Augen zu führen. Jürgen Wissner, Hamburg

Wäre es nicht besser, die Ursache als das Symptom zu behandeln: Die Undurchsichtigkeit der Verhältnisse? Friedrich Langreuther, Berlin

Ich bin kein Piraten-Fan. Doch was Matussek hier schreibt ist himmelschreiender Unsinn. Es gilt: Wer den ersten Nazi-Vergleich macht, hat meistens unrecht. Rauol Nuber, Berlin

(…) Woher er den „Traum totaler Herrschaftsfreiheit“ hat, weiß hoffentlich wenigstens er. Renata Stiller, Hamburg

Hätte Matussek etwas mehr gelesen (…) wäre dem Publikum sein misanthropisches Gekeife über die „Wohlstandsverwahrlosung“ erspart geblieben. Hartmut Schönherr, Bruchsaal (BW)

Leserbriefe hier gekürzt und in geänderter Reihenfolge