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Inverse Panopticon: Digitalisierung & Transhumanismus II

Transhumanisten fordern in der Digitalisierungsdebatte auch eine Revision der Menschenwürde -wir brauchen aber eine Umkehr von Machtstrukturen

Bild: Singularity Utopia/ CC BY-SA 3.0

Thomas Barth

Lobby-Netze und -Konzerne, die Facebook und anderen Hilfe bei ihrer „Krisenkommunikation“ anbieten, sind Big Player der Netzmedienwelt. Die Medienwissenschaft gehörte lange vor KI-Forschung und Quantencomputern zu den strategisch wichtigen Wissensgebieten. Mit transhumanistischen Wortführern tritt heute zunehmend auch die Philosophie auf diese Bühne. Wird der Transhumanismus zum Austragungsfeld eines neuen Kulturkampfes um Netz-, Digital- und Biotechnologien?

Von vernetzten Machteliten zur Ethik

Mit Prof. Miriam Meckel haben wir im ersten Teil eine derart weitreichend mit diversen Machteliten vernetzte VIP kennen gelernt, dass die Fantasien eines transhumanen Übermenschen sich in ihr zu manifestieren scheinen. Lag bei Meckel der Fokus auf Digitalisierung, blickt ihr Kollege Sorgner primär auf Biotechnik. Im Vergleich zu Prof. Meckel wirkt Deutschlands „führender Transhumanismus-Experte“ Prof. Stefan Lorenz Sorgner fast harmlos wie ein Chorknabe, aber auch marktschreierisch wie der Obstverkäufer vom Wochenmarkt.

Allerdings kann man selbst beim Thema Obst ins Fettnäpfchen treten, wenn man etwa (wie Sorgner) Erdbeeren zur Begründung einer Relativierung des Wertes der Menschenwürde heranzieht. Unsere Verfassung basiert im ersten Artikel bekanntlich auf Kants Kategorischem Imperativ, der verbietet, einen Menschen nur als Zweck zu instrumentalisieren und ihm damit seine Würde zu verweigern. So sehr es damit in der Praxis hapert, zumindest in der Theorie war dies bislang unumstritten.

Weil die Menschenwürde laut Sorgner aber auf einem überkommenen Dualismus aus der christlichen und kantischen Anthropologie beruht, sei ihr Gebot problematisch wegen „paternalistischer Implikationen“ (Sorgner 2016 S.150). Yvonne Hofstetter sieht dagegen Paternalismus eher bei Transhumanisten bzw. beim „Silicon Valley, das die menschlichen Lebensbedingungen auf paternalistischem Weg zu verbessern sucht. Da ist sie, die neue imperialistische digitale Elite, die ökonomisch denkt und politisch handelt, ohne dazu ermächtigt zu sein“ (Hofstetter 2016 S.457).

Sorgner folgert, die kategoriale Unterscheidung von Menschen und Tieren sei nicht haltbar, denn -um die Ausführungen zu verkürzen- die Philosophen hätten den Theologen bewiesen, dass die Existenz einer unsterblichen Seele unplausibel sei. Man sollte daher zu einer graduellen Mensch-Tier-Unterscheidung übergehen, mit dieser aber…

…könnte auch die alleinige Instrumentalisierung von Menschen moralisch legitim werden bzw. die alleinige Instrumentalisierung von Gras, Blumen oder Erdbeeren moralisch illegitim werden. Beide Implikationen sind unplausibel und würden praktisch problematische Konsequenzen mit sich bringen.“ Sorgner 2016, S.150

Daher sollte unsere Verfassung zur Setzung kontingenter, also veränderbarer Werte und Normen übergehen, so Sorgner. Das ist rechtlich wie politisch heikel, denn Artikel 1 zur Menschenwürde gehört zu den auch mit Zweidrittel-Mehrheit nicht änderbaren Teilen des deutschen Grundgesetzes. Unverständlich erscheint auch, warum Sorgner hier an einer Stelle wo andere, etwa die Transhumanistische Partei Deutschlands (TPD) von Tierwohl und -rechten reden, die Menschenwürde (ironisierend?) auf Gras und Erdbeeren ausweitet.

Auch scheut Sorgner durchaus denkbare nicht-dualistische Wege einer kategorialen Abgrenzung des Menschen vom Tier, etwa die Sprache als emergente Eigenschaft des menschlichen Gehirns („materialistischer Monismus“, vgl. Janina Loh 2018, S.27). Doch die menschliche Sprache, deren respektvollere Würdigung bei Sloterdijk und Heidegger gleich noch zu erörtern ist, ist für Sorgner nicht wirklich etwas Besonderes. Denn jede Spezies hat ihre Tricks im evolutionären Überlebenskampf:

Menschen mögen bezüglich der Fähigkeit, eine der vielen menschlichen Sprachen erlernen zu können, eine Sonderstellung haben. Südamerikanische Vampirfledermäuse mögen hinsichtlich der Fähigkeit, sich als einzige Säugetiere alleine von Blut ernähren zu können, ebenso eine Sonderstellung besitzen…“ Sorgner 2016 S.146

Metahumanismus und Unsterblichkeit, die keine ist

Janina Loh, die Sorgners „Metahumanismus“ in ihrem Buch „Trans- und Posthumanismus zur Einführung“ in einem kurzen Kapitel analysiert, mag diesen letztlich nicht als eigenständigen Ansatz anerkennen (Loh 2018, S.175). Auch Sorgners duales Theoriesystem von Kohlenstoff- bzw. Siliziumbasiertem Transhumanismus (womit er Bio- von Digitaltechnik trennt) lehnt Loh als zu schematisch und daher nur bedingt brauchbar ab (S.78).

Aber Loh schreibt Sorgner auch zu, die von Transhumanisten prognostizierte Unsterblichkeit nur als „rhetorisches Mittel“ zu sehen (S.173), hat dabei jedoch evtl. überlesen, dass Sorgner Unsterblichkeit zwar für unmöglich erklärte, aber nur wegen eines in Milliarden Jahren drohenden kosmologischen Kollaps des Universums (Sorgner 2016 S.11, 2018 S.157).

Bis dahin könnte Sorgners extrem langlebiger (wenn auch im haarspalterisch-philosophischen Sinne nicht völlig unsterblicher) Transhumaner noch eine ganze Menge Neutrinos die Galaxis runterfließen sehen -und evtl. auch eine Revision der schließlich nur auf läppischen 200 Jahren Forschung basierenden Big-Bang-Theorie. Der Kritik am transhumanen Unsterblichkeitsstreben entgeht Sorgner mit seiner kosmologischen Scholastik aber nicht. Katharina Klöckner kritisiert gegen Enhancement-Methoden allgemein, insbesondere aber die Vermeidung von Alter und Tod:

Letztlich steht also hinter der transhumanistischen Optimierung das Ziel möglichst optimaler Anpassung an die Gegebenheiten. So geht die Geringschätzung menschlicher Begrenztheit… einher mit einer ‚fundamentalen Affirmation der gegenwärtigen sozialen und politischen Umstände‘ und einer Verhärtung gegenüber dem Leiden… Wer die Kontingenzen des menschlichen Lebens abschaffen möchte, wird letztlich nur einen vermeintlich freien Menschen kreieren. Dieser wird sich als eine Marionette der Biotechnologie entpuppen.“ (Klöckner 2018 S.334).

Sorgners „anti-utopischer Transhumanismus“ stört sich weniger an technologischen Risiken, scheut aber die „Gefahr, dass die Gegenwart für eine utopische Zukunft geopfert wird“ (2018 S.159) und wirkt auch sonst eher an Arbeitgeber-Interessen orientiert:

„Frauen müssen nicht mehr schwanger werden. Kinder entwickeln sich in künstlichen Gebärmüttern (biobags), was für die Inklusion von Frauen auf dem Arbeitsmarkt von unschätzbarer Bedeutung ist.“ (Sorgner 2018 S.178)

Sorgners rein auf technischen Fortschritt gerichtete Zukunftsvision erinnert frappierend an historische PR-Propaganda der US-Industrie. Die hatte einst Edward Bernays, den Erfinder der Public Relations persönlich, engagiert um gegen Roosevelts sozialdemokratischen New Deal Stimmung zu machen: Man bejubelte unter Bernays Anleitung auf der New Yorker „World’s Fair“, der Weltausstellung 1939, in Wochenschaufilmen und Wanderausstellungen jahrelang den kommenden Segen der Konsumgüterbranche, bis hin zum witzigen Roboter (Wasson S.162), technischen Fortschritt, der angeblich besonders der Industrie zu verdankenden sei. Ziel der Kampagne des Industrieverbandes war, deren von Massenentlassungen und Verelendung angeschlagenes Image aufzupolieren.

Sorgner bejubelt in Bernays Tradition, aber bereichert um den nicht von jedem goutierten Hippie-Ausruf „Yeah!“ etwa medizinischen Fortschritt: „Vor 250 Jahren war die Verbesserung des Menschen durch Impfung noch nicht entwickelt worden. Ich bin sehr froh in einer Zeit zu leben, in der die Impfung vorhanden ist. ‚Yeah!‘“ (2016 S.31) Später bejaht Sorgner noch die Erfindung des Haartrockners, des Smartphones, des Kühlschranks, der Waschmaschine, der Pockenimpfung und des Penicillins -in dieser Reihenfolge (S.168). Dann schwärmt er auf die zu erwartende Zukunft bezogen, die Technologie immer wieder „bejahend“:

Wir benötigen nur noch einen Computer mit Internetzugang, der in absehbarer Zeit in unseren Körper integriert sein wird (…), ein warmes Bett und etwas Leckeres zum Essen, vielleicht ein Filesteak, das zu Hause in einer Petrischale gewachsen ist, so dass keine Tiere zur Essensproduktion mehr getötet werden müssen… wodurch der Kohlendioxidausstoß stark reduziert wird.“ (Sorgner 2018 S.178).

Von Sorgner zu Sloterdijk und Kittler

Auf seiner Website http://www.sorgner.de/ zitiert Sorgner einen Steve Fuller, der ihn, Sorgner, zum „evolutionären Nachfolger“ von Peter Sloterdijk auslobte. Sloterdijk hatte vor zwei Dekaden mit seiner transhumanistisch angehauchten Elmauer Menschenpark-Rede einen Philosophenstreit ausgelöst, vor allem Habermas gegen sich aufgebracht.

Als Ahnherren berief sich Sloterdijk -wie heute Sorgner- auf Nietzsche, aber auch auf Heidegger als dessen existenzialistischen Fortdenker. Heidegger sah den Menschen hellsichtig in künftiger Technik verschwinden -und sah ihn als Wesen, das vor allem in der Sprache seine existenzielle Behausung findet. Diese Dimensionen von Mensch und Technik müssen Sorgner, der die Sprache allzu gering schätzt (sie sei einmalig nur wie etwa das Blutsaugen der Vampirfledermaus), zwar verborgen bleiben. Aber Sorgner stellt sich, wenn auch etwas spät, an die Seite von Sloterdijk gegen Habermas und empört sich über des Letzteren Diffamierung der Posthumanisten als „ausgeflippte Intellektuelle“.

Habermas hätte, so Sorgner, Post- und Transhumanisten verwechselt, zu welchen er Sloterdijk nur fälschlich gezählt hätte, ferner hätte Habermas die Popularität des Transhumanismus unterschätzt (Sorgner 2016, S.20). Habermas sei ein Biokonservativer dessen Kritik an der von Sloterdijk diskutierten und von Sorgner befürworteten „liberalen Eugenik“ nur deswegen so viel Gehör finde, weil leider der Begriff „Eugenik“ durch die Nazis vorbelastet sei (S.42).

Wenn Sloterdijk und Sorgner sich im Wettbewerb um die Ehre des „transhumansten Denkers im Land“ bewerben würden, würde ihnen freilich ein verstorbener Medientheoretiker mühelos den Rang ablaufen: Friedrich Kittler, der sich wie Sloterdijk auf Nietzsche und Heidegger berief, und schon seit den 80er-Jahren die Digitalisierung analysierte, wobei er -sehr transhuman- die kommende Künstliche Intelligenz euphorisch begrüßte. Wie Miriam Meckel verfügte auch Kittler über gute Beziehungen zur Machtelite der Medienindustrie, genauer gesagt, zum sechsfachen Bilderberger und Medienzar Hubert Burda.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Kittlers durchaus transhuman zu nennende Medientheorie über seinen Gönner Burda in Kreise der Bilderberger wanderte und deren aktuelles Engagement für Digitalisierung, KI und andere transhumanistische Kernthemen mit geprägt hat. Wenn die Transhumanistische Partei Deutschlands ihre Forderung nach Transparenz für Lobby-Netze ernst nimmt, sollte sie evtl. mit der Aufhellung der Bilderberg-KI-Connection anfangen. Doch Kittler selbst ist tot. Für ihn kommen die Transhumanisten zu spät mit ihrer Verlängerung der Lebensspanne bzw. Verheißung der Unsterblichkeit als Klon, Cyborg oder in digital-entkörperlichter Form innerhalb künftiger Computernetze (wozu Kittler vermutlich nicht nein gesagt hätte).

Internet-Panopticon und inverser Panoptismus

Gefährlich wird Transhumanismus bei allem begrüßenswertem Technikoptimismus jedoch, wenn mit der rosaroten Google-Brille die Kritikfähigkeit völlig verloren geht. Vor allem wenn dabei perfide die Bewahrung vor Alter und Krankheit gegen Warnungen vor Privacy-Gefahren von Big Data ausgespielt werden. In seinem Schlusswort, grenzte Sorgner sich 2019 zwar von IT-Konzernen ab, doch ob unsere persönlichen Daten beim Staat wirklich sicher sind, darf bezweifelt werden: Computer können gehackt, Behörden bestohlen, Beamte bestochen werden, um nur die harmlosesten Risiken anzureißen.

Viele unserer Interessen könnten durch Big Data Analysen auf Basis einer personalisierten Dauerüberwachung gefördert werden: Gesundheit, Wohlbefinden. Gegenwärtig gehe ich davon aus, dass es ein Staat sein muss, der diese Daten sammelt. In den USA, wo Google und Facebook diese Daten sammeln ist es höchst gefährlich. Aber wir brauchen diese Daten für den Kampf für unsere Gesundheit für den Kampf gegen das Altern, den schlimmsten Massenmörder überhaupt… Wir brauchen dafür ein EU-Socialcredit-System. Ich kann es kaum erwarten, dass unsere posthumane Zukunft beginnt, vielen Dank.“ (verhaltener Beifall) Prof. Stefan Lorenz Sorgner

Die Gefahr totaler, wenn nicht totalitärer Überwachung nennt Sorgner hier nicht, obwohl sie ihm ganz am Ende seines Buches doch einmal kurz in den Sinn kam, in den „abschließenden Bemerkungen“: Michel Foucault habe die mit dem „Internet-Panopticon“ verbundenen Prozesse in seiner Analyse des Panoptismus bereits treffend beschrieben und folgert:

Hierzu könnte und müsste noch viel gesagt werden, und mit dem rasanten Voranschreiten von Digitalisierungsprozessen nimmt die Relevanz dieser Überlegung an Bedeutung ständig zu. Ein Entkommen aus dem Internet-Panopticon ist für Bürger technisch-fortschrittlicher Staaten keine realistische Option mehr. Wir alle werden notwendigerweise zu Gefangenen dieses Systems. Wie hiermit umzugehen ist, ist eine enorme Herausforderung, über die wir uns dringend Gedanken machen müssen.“ (Sorgner 2016, S.194)

Als jemand, der sich diese „dringenden Gedanken“ bereits Anfang der 90er Jahre machte und seither die Alarmglocken schlug, begrüße ich, dass selbst ein harthöriger Technikoptimist wie Sorgner von Ferne etwas läuten hörte. Als Ergebnis legte ich 1993 als Idee das „inverse Panoptikum“ vor, basierend auf kritischer Praxis der Hackerkultur und eines von mir prognostizierten „Machtmediums Zugang“. Letzteres war für manche Hacker leider eine Provokation, denn vom sich rapide öffnenden Zugang (Access, XS) zu Information erhofften viele das künftige Internet-Paradies.

Aus Günther Anders‘ Medienphilosophie, Luhmanns Systemtheorie und Foucaults Machtanalyse hatte ich jedoch im „Machtmedium Zugang“ eine neue Dimension der künftigen globalen Netze prognostiziert: Den panoptisch-überwachenden Zugang zu persönlichen Daten des Individuums, nun neuartig kombiniert mit einer individuell abgestimmten Kanalisierung des Zugangs selbigen Individuums zu medialen Daten: Was man dich sehen lässt, wird bestimmt von dem, was Konzerne und Staat von dir gesehen haben.

Die meine Studienarbeit begutachtenden Professoren konnten damals zwar keine logischen Fehler in der Konstruktion finden, aber auch nicht viel damit anfangen (1993, also Jahre bevor das Netz mit dem WWW zum Massenmedium wurde). Das ging auch Rezipienten  meines Buches „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft“ später noch so: Maria Markantonatou wies z.B. bereits 2005 auf mediale Aspekte von im Neoliberalismus verschärften Kontrollformen hin (S.237), ebenso im gleichen Jahr Michael Nagenborg auf den Panoptismus (S.133), beide zwar mit Verweis auf meinen Text, aber leider ohne das Machtmedium Zugang analytisch einzubeziehen. Access-Optimisten der zum Sprung zur Massenkultur ansetzenden Hacker-Community wiesen meine „Zugang“-Warnungen zwar als überzogen zurück, zeigten sich jedoch immerhin offen für Ethik und Subjekt-bezogene bzw. netzmedienrechtliche Folgerungen.

Diverse Affären bei Facebook und spätestens der Cambridge Analytica-Skandal haben letztlich meiner Meinung nach bewiesen, dass und wie solche neuen Manipulationstechnologien nach dem Muster des Machtmediums Zugang funktionieren können. Den von mir als Gegenstrategie empfohlenen „inversen Panoptismus“ konnte ich 1997 auch in meinem ersten Artikel im jungen Telepolis-Portal darstellen -in der Debatte um die „Kalifornische Ideologie“ der Silicon Valley-Digerati, aus deren Kreisen heutige Digital-Milliardäre hervorgingen. Damals diskutierte Telepolis auch bereits erste Transhumanisten, wie den „Extropianer“ Max More, heute ein Klassiker dieser Bewegung.

Es ist zu hoffen, dass Digerati und Transhumanisten bei in ihren euphorischen Visionen eines posthumanen Daseins gelegentlich auf Kritiker hören, die heute vor Big Data als Entmündigung warnen (etwa Mühlhoff 2019) und sogar von einem neoliberalen Surveillance Capitalism sprechen (Zuboff 2019). Das Inverse Panopticon kann vielleicht inzwischen selbst als klassische Kritikfigur gelten.

Quellen

Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen, München 1956

Barth, Thomas: Cyberspace and the Way to the Inverse Panopticon, 11C3, paper CCC 1994

Barth, Thomas: Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft, Pfaffenweiler: Centaurus 1997 (in 57 Fachbibliotheken einsehbar)

Barth, Thomas: Cyberspace, Neoliberalismus und inverser Panoptismus, Telepolis, 3.7.1997

Barth, Thomas: Self/Less: Tea Party für Transhumanisten, Telepolis 20.8.2015

Barth, Thomas: Kittler und künstliche Intelligenz: Über die Verquickung von Medientheorie und Macht, Berliner Gazette 19.7.2018

Capulcu Redaktionskollektiv: DELE_TE! Digitalisierte Fremdbestimmung, Münster: Unrast 2019

Göcke, B.P.: Designobjekt Mensch?! Ein Diskursbeitrag über Probleme und Chancen transhumanistischer Menschenoptimierung.“ In: Benedikt Paul Göcke/ Frank Meier-Hamidi (Hg.): Designobjekt Mensch. Der Transhumanismus auf dem Prüfstand. Freiburg i.Br.: Herder 2018, 117-152

Heuer, Steffan: Mich kriegt ihr nicht: Die wichtigsten Schritte zur digitalen Selbstverteidigung, Hamburg: Murmann 2019

Hofstetter, Yvonne: Das Ende der Demokratie: Wie künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt, München: C.Bertelsmann 2016

Klöckner, Katharina: Zur ethischen Diskussion um Enhancement, In: Göcke/ Meier-Hamidi (2018) 308-338

Launchbury, John: A DARPA Perspective on Artificial Intelligence, technicacuriosa 2016

Loh, Janina: Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Hamburg: Junius 2018

Loh, Janina: Transhumanismus: Den Menschen weiterentwickeln, um ihn besser kontrollieren zu können, Berliner Gazette 15.8.2017

Markantonatou, Maria: Der Modernisierungsprozess staatlicher Sozialkontrolle: Aspekte einer politischen Kriminologie -Transformationen des Staates und der sozialen Kontrolle im Zeichen des Neoliberalismus, Dissertation, Freiburg i. Br. 2005

More, Max: Vom biologischen Menschen zum posthumanen Wesen, Telepolis, 17.7.1996

Mühlhoff, Rainer: Big Data ist Watching You: Digitale Entmündigung am Beispiel von Facebook und Google, in: ders., Anja Breljak u. Jan Slaby. (Hg.): Affekt, Macht, Netz: Auf dem Weg zu einer Sozialtheorie der digitalen Gesellschaft, Bielefeld: transcript 2019, S.81-106

Nagenborg, Michael: Das Private unter den Rahmenbedingungen der IuK-Technologie: Ein Beitrag zur Informationsethik, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2005

O‘Neil, Cathy: Angriff der Algorithmen, München: Hanser 2017

Schnetker, M.F.J.: Transhumanistische Mythologie: Rechte Utopien einer technologischen Erlösung, Münster: Unrast 2019

Sorgner, S.L.: Transhumanismus: ‚Die gefährlichste Idee der Welt‘!?, Herder: Freiburg 2016

Sorgner, S.L.: Was wollen Transhumanisten? In: Göcke/ Meier-Hamidi (2018) 153-180

Stöcker, Christian, Facebook: Zuckerbergs Theorem, SpiegelOnline, 10.3.2019

Wasson, Haidee: Verkaufsmaschinen -Film und filmische Techniken auf der New Yorker Weltausstellung 1939/40, Montage-AV 2/2015, 161-177  pdf-document

Weber, K. u. T. Zoglauer: Verbesserte Menschen: Ethische und technikwissenschaftliche Überlegungen, München: K.Alber 2015

Zuboff, Shoshana: The Age of Surveillance Capitalism, London: Profile Book 2019

Dieser Beitrag erschien zuerst hier auf TELEPOLIS

Digitalisierung und Lobby: Transhumanismus I

Transhumanisten bringen bunte Tupfer in die aktuelle Digitalisierungsdebatte, aber auch gefährliche Blütenträume, Lobbyismus und Angst -vor den Chinesen

Thomas Barth

„Ein Gespenst geht um, nicht nur in Europa – das Gespenst des Transhumanismus. Seine Priester und Auguren haben bereits prominente Forschungslaboratorien, Universitäten, globale Unternehmen und politische Institutionen besetzt.“, warnte 2017 die NZZ und hatte damit nicht ganz unrecht. Einige transhumanistische Stimmen wollen heute offenbar einer hemmungslosen Digitalisierung den mühsam erkämpften Datenschutz aus dem Weg räumen -zur Freude der IT-Lobby.

Bild: Singularity Utopia / CC BY-SA 3.0

Wir werfen einen Blick auf die Transhumanistische Partei Deutschlands, den transhumanen Philosophen Sorgner, die mit aktueller Magnet-Hirnstimulation noch unzufriedene Medienforscherin Miriam Meckel, aber auch auf Kritiker einer allzu euphorischen Digitalisierung. Es wird sich zeigen, dass der Transhumanismus differenziert gesehen werden muss -und am Ende bei aller Technik-Euphorie doch nicht um eine Kritik des Internet-Panoptikums herum kommt. Telepolis befasste sich übrigens schon ab 1996 mit dem Transhumanisten Max More  und mit Vorschlägen für ein Inverses Panoptikum als Antwort auf heute immer virulentere politische Dimensionen der Netztechnologien.

Huxley und Humanismus

Der Biologe und überzeugte Eugeniker Julian Sorell Huxley prägte 1951 den Begriff “Transhumanismus” im Aufsatz New Bottles for New Wine und setzte sich zugleich als erster UNESCO-Generalsekretär und bei der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte für humanistische Werte ein. Julians Bruder Aldous Huxley warnte dagegen schon 1932 in seiner Babies-in-Bottles-Dystopie “Schöne neue Welt” vor einer Zukunft mit biologisch fabrizierter Drei-Klassen-Gesellschaft: Genetische oder technische Intelligenzsteigerung hatte schon immer ihre Fans und gehört heute zu den Hoffnungen der neuen Bewegung.

Viele erinnern sich dabei an die LSD-selige SMILE-Revolution (Space Migration, Intelligence Increasement, Life Extension) des „Exo-Psychologen“ Timothy Leary und sei es nur aus den Pop-Conspiracy-Bestsellern von Robert Anton Wilsons Auge-in-der-Pyramide-Zyklus. Bereits im 19.Jahrhundert brachte Auguste Comte, Begründer von Soziologie und Positivismus, eine vom Fortschritt berauschte Bewegung zusammen, in der man sich z.B. von der Medizin beträchtliche Verlängerungen der Lebenszeit, wenn gar nicht Unsterblichkeit erhoffte.

Heute verstehen sich Transhumanisten als Teil einer Bewegung, die vom „Posthumanismus“ abzugrenzen ist, der nicht den Menschen selbst, sondern als eher theoretische Richtung das Menschenbild des Humanismus überwinden will. Dieses wird, anknüpfend etwa an Michel Foucault  und andere Postmoderne, mit Schattenseiten der Moderne in Verbindung gebracht: Etwa psychiatrische Entmündigung, Sexismus, Rassismus, Kolonialismus, Totalitarismus usw. Der Transhumanismus reflektiert diese Schattenseiten eher nicht, steht sogar teilweise zu tradierten humanistischen Werten und will sie auf „verbesserte Menschen“ (Enhancement), Cyborgs und Künstliche Intelligenzen ausweiten (Janina Loh 2018).

Im Jammertal der Digitalisierung

Das aktuelle Elend der Digitalisierung wie auch die Schwächen des cishumanen Mängelwesens Mensch zeigten sich am 4. Oktober 2019 im Tagungszentrum der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Die Kirche wollte den Transhumanismus erörtern und hatte neben dem Theologen Hoff dafür den Religionsphilosophen Prof.Göcke und den „bekanntesten deutschsprachigen Transhumanisten“ Prof.Sorgner eingeladen. Pech war, Sorgner kam stark vergrippt, Göcke stark verspätet, weil mit der offenbar fehldigitalisierten Deutschen Bahn.

Was ist der Mensch? Was soll er glauben, worauf soll er hoffen? Diese Fragen bewegen Theologen wie Transhumane: „Der Transhumanismus geht davon aus, dass sich der Mensch als ein Produkt der biologischen Evolution auch selbstständig technisch bis hin zu einem neuen Mensch-Maschine-Wesen oder einer Cyberspace-Entität weiterentwickeln kann und sollte.

So beginnt der durchaus transhuman geneigte Göcke die Einleitung zu seinem Buch „Designobjekt Mensch: Die Agenda des Transhumanismus auf dem Prüfstand“. Da kommen digitale Techniken gerade recht, ob als Hirn-Chip, als Big-Gene-Data, KI oder in fernerer Zukunft als virtueller Lebensraum ganz entkörperlichter Menschen (brain uploading). Bedeutsamer Zankapfel der Digitalisierung ist der Datenschutz, der nach Meinung Prof.Sorgners leider auch transhumanem Streben nach kybernetischer wie genetischer Verbesserung des Menschen im Weg steht.

Datenschutz und Transhumanismus bei Google

IT-Konzerne schätzen verständlicherweise Transhumanisten, wie etwa die Super-KI-Forscher des Machine Intelligence Research Institute , mehr als Datenschützer. Google etwa hat mit Ray Kurzweil einen prominenten Transhumanisten zum Forschungsdirektor gemacht, Tesla-Milliardär Elon Musk will mit seiner neuen Firma Neuralink Hirnimplantate entwickeln. Bei Facebook treibt Mark Zuckerberg persönlich transhumane Projekte voran, etwa die Worterkennung per Hirnscan. Das dabei angestrebte Brain-Diktaphon würde nebenbei dem maschinellen Gedankenlesen etwas näher kommen, das der NSA bei ihrer Totalüberwachung noch schmerzlich fehlt. Auch deutsche Transhumane scheinen Belangen der IT-Wirtschaft nicht abgeneigt, wie die Diözese Rottenburg auf oben erwähnter Tagung feststellen konnte.

Prof. Sorgner ließ es sich dort nicht nehmen, die Debatte mit einem Bonmot der IT-Industrie zu bereichern: „Daten sind das neue Öl!“ Unter dieser Parole hatte die Industrielobby bekanntlich versucht, die neue EU-Datenschutzverordnung zu torpedieren, wie eine Polit-Dokumentation zeigte.

Aus Angst davor, die EU könnte von China digital abgehängt werden, tritt Sorgner dafür ein, ein europäisches Social-Credit-System nach chinesischem Vorbild einzuführen, inklusive einer personalisierten Dauerüberwachung der kompletten EU-Bevölkerung:

Warum es für uns keine realistische Position ist, die Datenerfassung zu unterlassen: Der zentrale politische Grund für eine umfassende Datensammlung ist, dass wir in einer globalisierten Welt leben und das Daten das ‚Neue Öl‘ sind, wie viele Experten betonen: Öl bedeutet Macht und finanzielles Florieren. Angesichts dieser Erkenntnis ist es keine realistische Option, keine personalisierten Daten zu sammeln… In China wird ab 2020 ein Sozialkreditsystem flächendeckend angewendet werden. Die Menge an digitalen Daten, die auf diese Weise erhoben wird, ist kaum zu unterschätzen. Je mehr digitale Daten verfügbar sind, desto mehr Macht und Geld kann realisiert werden. Europa dagegen hat Datenschutzbestimmungen institutionalisiert, die einer hilfreichen Erfassung digitaler Daten entgegenstehen.“ Prof. Stefan Lorenz Sorgner 

Damit outet sich Sorgner wohl als transhumaner Extremist, jedenfalls aus Sicht der 2015 gegründeten Transhumanistischen Partei Deutschlands (TPD). Die pocht in den Leitlinien ihres Parteiprogramms Version 2.0 gleich an erster Stelle auf die Grundrechte der Menschenwürde und der informationellen Selbstbestimmung. Sorgner übergeht dagegen in seinem Redebeitrag den möglichen Einwand, dass blinde Gier nach Macht und Geld geradewegs in einen digitalen Totalitarismus führen könnte. Auch an seinem Buch mit dem reißerischen Titel „Transhumanismus: ‚Die gefährlichste Idee der Welt‘!?“ (2016), fällt auf, dass kaum Bedenken, Zweifel oder Kritik an Technologien vorkommen. Dabei haben insbesondere Eingriffe in das menschliche Gehirn eine dunkle Geschichte -man denke an Militär- und Geheimdienst-Projekte wie das Zimbardo-Experiment, LSD-Forschung, Gehirnwäsche oder MKUltra.

Hobbes‘ Wolfsmensch im digitalen Leviathan?

Andererseits verbirgt sich hinter Sorgners optimistischem Bejahen des technischen Fortschritts, das geradezu von einer Euphorie in die nächste taumelt, ein zutiefst pessimistisches Menschenbild: Der „Mensch als des Menschen Wolf“ des Frühaufklärers Thomas Hobbes, wie man es im „Bioshock“-Computerspiel in einer transhumanen Welt der Gen-Mutanten nachspielen kann. Dort werden individuell gestaltete Menschen zu einander bekriegenden Monstren in einer Gesellschaft, die nach den darwinistisch-libertären Grundsätzen von Ayn Rand konzipiert ist (so Weber in Weber/Zoglauer 2015 S.55,69).

Als Begründer der modernen politischen Philosophie empfahl Hobbes zur Überwindung der angeblich menschlichen Gewaltnatur den frühtotalitären Absolutismus eines staatlichen Leviathans. Angesichts einer Welt voller psychopathischer Wolfsmenschen ist eine an Ethik orientierte Lebenshaltung natürlich nicht ratsam, meint offenbar Sorgner, wenn er sagt:

Moralischer zu sein hingegen, ist ggf. nicht der zentrale Wunsch vieler Menschen. Überspitzt formuliert liegt dies meiner Meinung nach darin begründet, dass Moralität in der Regel im Interesse der nicht-moralischen Menschen ist und moralische Menschen eher ausgenutzt, ausgebeutet und unterdrückt werden.“ Sorgner 2016, S.62

Kritisch sieht Sorgner daher eine von manchen Transhumanisten geforderte gesetzliche Verpflichtung zum „moralischen Enhancement“ (und das ist fast die einzige Technikkritik im ganzen Buch). Dabei ist hier nicht ethische Bildung und Erziehung gemeint, sondern Moral etwa per Hirnimplantat oder Einflößung von Drogen, die analog zur Impfpflicht verordnet werden könnte. Das lehnt Sorgner ab. Aber nicht, weil ein Herumpfuschen an den höchsten Funktionen des menschlichen Gehirns unsere Gesundheit, Freiheit und Würde beeinträchtigen könnte, sondern -ganz im Sinne eines Bioshock-Rechtslibertarismus nach Ayn Rand- wegen des „globalen Wettbewerbs“:

Eine solche Regelung mag zwar praktisch nicht ausgeschlossen sein, jedoch erscheint sie mir in keinem Fall im politischen Interesse des betroffenen Landes zu sein, da ein Land mit einer besonders moralischen Bevölkerung im Kontext des globalen Wettbewerbs sicherlich nicht lange bestehen kann.“ Sorgner 2016, S.63

Medien, Macht und Management

Die Medienwissenschaftlerin Prof. Miriam Meckel vertritt bezüglich Datenschutz und Digitalisierung eine der Sorgnerschen ähnliche Position. Sie wandelt ebenfalls auf transhumanen Pfaden, ohne sich jedoch lautstark mit diesem Label schmücken zu wollen, -und verfügt über beträchtlichen Einfluss. Prof. Meckel war von 2014-18 Chefredakteurin bzw. Herausgeberin der Wirtschaftswoche und hat persönlich experimentelle Brain-Enhancement-Technologie ausprobiert, die per Magnetstimulation die psychische Leistungsfähigkeit stärken sollte. Seither berichtet sie häufig davon, wie sie poststimulativ unter 36 Stunden Übelkeit litt. (Aber zum Credo des Transhumanismus gehört schließlich auch das mutige Erproben neuer Technologien.) Was Digitalisierung und Datenschutz angeht, lag Meckel auf einer Linie mit Sorgner als sie verkündete, es würde auf Dauer keine Möglichkeit geben einen umfassenden Schutz persönlicher Daten zu gewährleisten:

Alles was im Bereich der neuen Technologien, der KI passiert, muss mit Daten laufen, und wenn wir diese Daten in Europa nicht benutzen, weil wir sie alle schützen wollen, dann sind wir in Kürze abgehängt. D.h. wir müssen uns was anderes ausdenken, um eine Form von Privatheit zu gewährleisten ohne dass die Daten abgekapselt sind.“ Prof.Miriam Meckel, 2.11.2018 auf SWR1

Aufgrund der Machtposition der agilen Professorin ist dieses Statement weit ernster zu nehmen als die Ausführungen Sorgners. Miriam Meckel gilt im Medienbereich als extrem gut vernetzt, war als Journalistin bei WDR, Vox und RTL (Bertelsmann) tätig und erlangte Berühmtheit auch durch ihre kurzzeitige Ehe mit der prominenten TV-Moderatorin Anne Will. Ihre akademische Blitzkarriere begann 1995, ein Jahr nach ihrer Promotion, mit einer Vertretungsprofessur am Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Münster, 1999 wurde sie ordentliche Professorin und geschäftsführende Direktorin des Instituts. Von März 2001 bis Oktober 2002 ging die parteilose Meckel dann in die Politik, wurde Staatssekretärin für Medien und Regierungssprecherin von Wolfgang Clement (SPD) in NRW. Nach dem Amtsantritt von Peer Steinbrück (SPD) wurde sie bis Juni 2005 NRW-Staatssekretärin für Europa, Internationales und Medien.

Wie auch der Spiegel, sorgt sich Miriam Meckel, dass chinesische Innovationen im Digitalbereich das Silicon Valley überholen und will den Datenschutz zurückschrauben. Analog zu vielen Transhumanisten klingt bei ihr auch Technikdeterminismus bzw. -fatalismus durch: Die Entwicklung sei ohnehin nicht zu steuern, geschweige denn aufzuhalten. Damit befinden sich Meckel und Sorgner erstaunlich nahe an Forderungen der IT-Lobby und im Gegensatz zu kritischen Betrachtern der Digitalisierung.

Die Mathematikerin Cathy O‘Neil, die wirklich etwas von der Technik und dem Code dahinter versteht, fordert etwa mehr „moralisches Vorstellungsvermögen“, denn „Big Data-Prozesse kodifizieren die Vergangenheit und können nicht die Zukunft erfinden“ (S.276). Das Capulcu-Kollektiv zeigt in seinem Buch „DELE_TE! Digitalisierte Fremdbestimmung“ Hintergründe und politische Gegenwehr (2019), ebenfalls weit entfernt vom fatalistischen Erwarten der von oben verordneten Digitalisierung ist Steffan Heuer, dem sein Buchtitel Programm wird: „Mich kriegt ihr nicht: Schritte zur digitalen Selbstverteidigung“ (2019), Shoshana Zuboff warnt vor einem sich etablierenden Überwachungs-Kapitalismus (2019).

Cathy O‘Neil spricht von Weapons of Math Destruction, also Mathe-Vernichtungswaffen (analog zu Massenvernichtungswaffen), warnt mit Blick auf Google, Amazon und Facebook davor, dass „Daten privatisiert und privat genutzt werden, um Profite zu erzeugen und Macht zu gewinnen“. Man müsse die Digitalisierung und ihre Algorithmen bändigen, indem man sie öffentlicher Aufsicht und die sie betreibenden Firmen mit „verpflichtenden Standards der Rechenschaftslegung“ staatlicher Regulierung unterwirft (S.308). Sie weist darauf hin, dass der Trump-Nestor „Steve Bannon, selbst während er gezielt daran arbeitet, das öffentliche Vertrauen in Wissenschaft zu untergraben, im Verwaltungsrat von Cambridge Analytica sitzt -einer politischen Datenfirma, die behauptet, sie habe Trump zum Wahlsieg verholfen…“ (S.313).

Auch die hirnstimulierende Medienprofessorin Miriam Meckel war für eine Art „politische Datenfirma“ tätig, den Beratungskonzern Brunswick. Sorgt man sich dort um Datenschutz oder die Ethik von Algorithmen? Oder nicht vielmehr um das Image von Mark Zuckerberg, der während des Cambridge Analytica -Skandals von Facebook arg ins Schwitzen geriet? Eine enge Verfilzung von Medien, Wissenschaft und Konzernen wird langsam deutlicher. Dies lässt ahnen, warum eine Regulierung der Digitalisierung ähnlich schwierig ist, wie jene im Finanzsektor: Es geht um sehr viel Geld und Macht und sehr viel Geld wird auch eingesetzt, um der Öffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen.

Digitalisierungs-Diskurse: Medien, Lobby und PR

Nach ihrem Austritt aus der NRW-Regierung 2005 setzte Prof.Meckel ihre akademische Laufbahn nunmehr im Bereich „Corporate Communication“ fort und wurde Institutsdirektorin an der renommierten Universität St.Gallen, nebenher war sie u.a. für die Lobbygruppe INSM und die Weltbank tätig und wurde Partnerin der bedeutenden PR-Beratung Brunswick Group LLP.

Hinter dem Wort PR verbirgt sich heute zunehmend ein Sektor, der von einigen als globalisierter Lobbyismus, von anderen sogar als privatisiertes Geheimdienstwesen gesehen wird: Man bearbeitet die Massen mittels Kundenprofilen, aber spioniert auch Konkurrenten und politische Gegner aus und lanciert neben normaler Werbung und PR etwa verdeckte Kampagnen gegen sie. Die Transhumanisten der TPD scheinen dies im Blick zu haben, denn sie fordern unter 6.2 ihres Programms: „Erhöhung der Transparenz von wichtigen Entscheidungsträgern in Wirtschaft und Politik, beispielsweise durch die Offenlegung von Einkommen, Lobbyismus und Beteiligungsstrukturen“.

Chemie- und Rüstungsfirmen sind Kunden, aber auch die Digitalisierung ist ein lukrativer Sektor von Brunswick: „We are a global team of strategists that focus exclusively on bringing digital into the corporate context.Meckel übernahm für Brunswick 2005 den Aufbau des Berliner Büros und war damit für ein verschwiegenes Beratungsunternehmen tätig, Spezialisten für „Finanz- und Krisenkommunikation“, die gute Kontakte zur Politik pflegen und z.B. auch Ex-Finanzminister Waigel (CSU) engagierten.

Das transatlantische Netzwerk ist dicht gestrickt um Medien-, IT- und Netzkonzerne, welche nicht nur bei den (inzwischen nur noch halb geheimen) Bilderberger-Konferenzen ihr jährliches Stelldichein feiern. Meckel war über den Brunswick-CEO Neil Wolin wohl nur wenige handshakes von US-Präsident Obama entfernt, der Wolin in sein Finanzministerium berief. Die Zusammenarbeit von Industrie und Politik läuft auch in den USA, „der besten Demokratie, die man für Geld kaufen kann“, wie geschmiert. Die neoliberale Medien-, Politik- und Finanzwelt sind dabei enger vernetzt und stehen in dunkleren Traditionen als viele glauben. Neil Wolin etwa war zuvor bei der Hartford-Finanzgruppe, die ITT 1970 übernahm. Damals hatte Allende in Chile die ITT-Kupferminen verstaatlicht und wurde in der Folge mit Hilfe von US-Außenminister Henry Kissingers CIA gestürzt, was den neoliberalen Chicago Boys ihren finanzpolitisch historischen Auftritt bei Diktator Pinochet erlaubte.

Brunswick ist besonders stark in London, wo man BP nach der Deepwater Horizon-Katastrophe beriet sowie die Labour-Regierung in Sachen Deregulierung der Finanzmärkte. Organisieren Krisenberater am Ende die Krisen selbst, die ihnen nachher Kunden bringen? Nach dem Cambridge Analytica-Skandal von Facebook machte man sich jedenfalls bei der Krisen-PR-Beratung Brunswick Sorgen um Mark Zuckerberg, der persönlich als Datenschutz-Muffel unter Druck geraten war.

Facebook und die Kampagne gegen Google

Brunswick-Direktor der von Medienprofessorin Meckel aufgebauten Filiale in Berlin wurde Thomas Wimmer, der sein Handwerk zuvor elf Jahre bei Burson-Marsteller praktizierte, einer mit noch heikleren Kunden befassten PR-Agentur, darunter laut Lobbypedia die Atomkraft-Lobby, Rumäniens Diktator Ceaușescu, Monsanto, das Königshaus der Saudis, die Regierung von Argentinien, als sie wegen der Opfer der Pinochet-Diktatur PR-Probleme hatte; Burson-Marsteller-Senior-Adviser in Brüssel war übrigens die auch für Quandt- und Adenauer-Stiftung tätige Jutta Falke-Ischinger, Ehefrau von Atlantik-Brücken-Vorstand Wolfgang Ischinger, Ex-Diplomat und Teltschik-Nachfolger als Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz. Klein ist die Welt (der Transatlantiker).

Wie Meckel-Arbeitgeber Brunswick war auch Burson-Marsteller in Sachen Facebook tätig und engagierte sich dabei -man höre und staune!- für den Datenschutz. Im Mai 2010 wurde bekannt, dass die Agentur im Auftrag von Facebook verdeckt negative Berichte über Google in den Medien verbreiten ließ. Vielleicht mit Blick auf Googles Bestrebungen, im Sektor sogenannter „Sozialer Netze“ zur Konkurrenz zu werden, wurde dabei der mangelnden Schutz der Privatsphäre durch Google angeprangert. Ein „Corporate Communication“-Ablenkungsmanöver, das Lehrstoff bei Prof.Meckel werden könnte? Der Fall kam ans Licht, weil ein von Burson-Marsteller angefragter Blogger an die Öffentlichkeit ging, Facebook gab daraufhin zu, Burson-Marsteller beauftragt zu haben, so berichtet Lobbypedia.

Wenn unsere Machtelite sich derart umtriebig mit wahrhaft übermenschlicher, um nicht zu sagen transhumaner Energie in so viele unschöne Dinge verstrickt, kann sie schon mal unter Stress leiden. Aber auch dessen Bewältigung lässt sich (mit den entsprechenden Verbindungen) wieder zu einem grandiosen Erfolg machen: 2010 gelang Miriam Meckel ein großer publizistischer Durchbruch mit ihrem (inzwischen auch verfilmten) autobiografischen Bericht über ihr Burnout-Syndrom, neben unzähligen anderen Buchpublikationen, auch zum transhumanen Thema Brainhacking.

KI-Hype übertrieben?

Prof.Sorgner und Prof.Meckel sehen unisono unseren gerade erst erkämpften Datenschutz als nicht haltbar in der kommenden Digitalisierung. Beide führen an, dass Europa mit der neuen DSGVO „abgehängt“ würde, vor allem von China. Während bei Meckel neben diesem technikdeterministischen Fatalismus noch Bedenken anklingen, bejaht Sorgner Big Data euphorisch: Er hofft auf medizinische Revolutionen durch Big-Gene-Data, KI usw. die ohne Aufgabe der Privatsphäre angeblich kaum möglich wären. Transhumanisten hegen generell bombastische Blütenträume über Künstliche Intelligenzen, die uns Menschen einst behüten und umsorgen werden, zur gottgleichen Superintelligenz werden, das All erobern und vieles mehr (Schnetker 2019).

Einige KI-Kritiker sehen dagegen etwa in „lernfähigen neuronalen Netzen“, die aktuell als KI gepriesen werden, eine aufgeblasene Hype. Diese „KI“ wären eher „spreadsheets on steroids“ -Tabellenkalkulation auf Steroiden. So zitiert Schnetker in seiner Kritik der „Transhumanistischen Mythologie“, den DARPA-KI-Experten John Launchbury (Schnetker S.75). Cathy O‘Neil kritisiert die unsozialen Folgen des Einsatzes solcher „KI“ als klassistisch, rassistisch und sexistisch:

Sie versprechen Effizienz und Gerechtigkeit, manipulieren dabei jedoch die höhere Bildung, verursachen zusätzliche Schulden, fördern massenhaft Gefängnisstrafen, prügeln bei jeder Gelegenheit auf die Armen ein und untergraben die Demokratie.“ (O‘Neil S.270)

Der Transhumanismus ist also hinsichtlich seiner Prognosen teilweise fragwürdig, aber er muss sich angesichts lobbyistischer Verfilzungen und enormer Geldsummen, die auf dem Spiel stehen, auch fragen, wer und warum ihn finanziert. Nachdem hier im Exkurs zum Lobbyismus beispielhaft einige Akteure der Machtstrukturen in unserer neuen Netzmedienwelt vorgestellt wurden, wird es im zweiten Teil um deren Methoden und Debatten um ethische Werte gehen. Dabei wird das „inverse Panoptikum“ als Gegenmittel vorgestellt und der von einigen (wenigen) Transhumanisten betriebenen Relativierung des humanistischen Wertes der Menschenwürde entgegen getreten.

Quellen

Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen, München 1956

Barth, Thomas: Cyberspace and the Way to the Inverse Panopticon, 11C3, paper CCC 1994

Barth, Thomas: Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft, Pfaffenweiler: Centaurus 1997 (in 57 Fachbibliotheken einsehbar)

Barth, Thomas: Cyberspace, Neoliberalismus und inverser Panoptismus, Telepolis, 3.7.1997

Barth, Thomas: Self/Less: Tea Party für Transhumanisten, Telepolis 20.8.2015

Barth, Thomas: Kittler und künstliche Intelligenz: Über die Verquickung von Medientheorie und Macht, Berliner Gazette 19.7.2018

Capulcu Redaktionskollektiv: DELE_TE! Digitalisierte Fremdbestimmung, Münster: Unrast 2019

Göcke, B.P.: Designobjekt Mensch?! Ein Diskursbeitrag über Probleme und Chancen transhumanistischer Menschenoptimierung.“ In: Benedikt Paul Göcke/ Frank Meier-Hamidi (Hg.): Designobjekt Mensch. Der Transhumanismus auf dem Prüfstand. Freiburg i.Br.: Herder 2018, 117-152

Heuer, Steffan: Mich kriegt ihr nicht: Die wichtigsten Schritte zur digitalen Selbstverteidigung, Hamburg: Murmann 2019

Hofstetter, Yvonne: Das Ende der Demokratie: Wie künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt, München: C.Bertelsmann 2016

Klöckner, Katharina: Zur ethischen Diskussion um Enhancement, In: Göcke/ Meier-Hamidi (2018) 308-338

Launchbury, John: A DARPA Perspective on Artificial Intelligence, technicacuriosa 2016

Loh, Janina: Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Hamburg: Junius 2018

Loh, Janina: Transhumanismus: Den Menschen weiterentwickeln, um ihn besser kontrollieren zu können, Berliner Gazette 15.8.2017

Markantonatou, Maria: Der Modernisierungsprozess staatlicher Sozialkontrolle: Aspekte einer politischen Kriminologie -Transformationen des Staates und der sozialen Kontrolle im Zeichen des Neoliberalismus, Dissertation, Freiburg i. Br. 2005

More, Max: Vom biologischen Menschen zum posthumanen Wesen, Telepolis, 17.7.1996

Mühlhoff, Rainer: Big Data ist Watching You: Digitale Entmündigung am Beispiel von Facebook und Google, in: ders., Anja Breljak u. Jan Slaby. (Hg.): Affekt, Macht, Netz: Auf dem Weg zu einer Sozialtheorie der digitalen Gesellschaft, Bielefeld: transcript 2019, S.81-106

Nagenborg, Michael: Das Private unter den Rahmenbedingungen der IuK-Technologie: Ein Beitrag zur Informationsethik, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden 2005

O‘Neil, Cathy: Angriff der Algorithmen, München: Hanser 2017

Schnetker, M.F.J.: Transhumanistische Mythologie: Rechte Utopien einer technologischen Erlösung, Münster: Unrast 2019

Sorgner, S.L.: Transhumanismus: ‚Die gefährlichste Idee der Welt‘!?, Herder: Freiburg 2016

Sorgner, S.L.: Was wollen Transhumanisten? In: Göcke/ Meier-Hamidi (2018) 153-180

Stöcker, Christian, Facebook: Zuckerbergs Theorem, SpiegelOnline, 10.3.2019

Wasson, Haidee: Verkaufsmaschinen -Film und filmische Techniken auf der New Yorker Weltausstellung 1939/40, Montage-AV 2/2015, 161-177  pdf-document

Weber, K. u. T. Zoglauer: Verbesserte Menschen: Ethische und technikwissenschaftliche Überlegungen, München: K.Alber 2015

Zuboff, Shoshana: The Age of Surveillance Capitalism, London: Profile Book 2019

Dieser Beitrag erschien zuerst hier auf TELEPOLIS.

Das Oxford English Dictionary als Popcornkino: The Professor and the Madman

Thomas Barth

Ein pralles Historiendrama über ein erstaunliches Thema: Das erste umfassende Wörterbuch Oxford English Dictionary. Es geht um die Bändigung der führenden Kolonialsprache, vor welcher die Gelehrten Oxfords kapitulierten, die aber ein schottischer Autodidakt und ein paranoider Wundarzt meisterten.

Der Film The Professor and the Madman beginnt mit einem Knalleffekt. Ein viktorianischer Gentlemen zückt wutentbrannt im nächtlichen London seinen Colt und feuert auf einen Passanten. Er glaubt sich verfolgt, jagt den vermeintlichen Widersacher und tötet ihn. Es traf leider einen völlig Unschuldigen, zudem sechsfachen Familienvater, wie man im folgenden Gerichtsprozess erfährt. Der offensichtlich geisteskranke Täter wird in ein Irrenasyl gesteckt. Soweit die Vorgeschichte.

Alles beruht auf wahren Begebenheiten: An der renommierten Universität Oxford, geistiges Zentrum des global dominierenden Britischen Empire, ist man kurz davor das heute legendäre Oxford English Dictionary aufzugeben ehe auch nur der erste Band erschien. Zu schnell entwickelt sich die Sprache in den weltumspannenden Kolonien und durch den sozialen, technischen und ökonomischen Fortschritt. Doch dann taucht im Jahr 1877 der etwas ungehobelte Schotte James Murray (Mel Gibson) auf, ein autodidaktisches Sprachgenie, und findet Fürsprecher in der snobistischen Professorenschaft.

Der Film versteht es, den Kampf der Gelehrten um ihr Wörterbuch dramatisch zu inszenieren und deutet zugleich an, dass es um eine der Kolonialisierung des Erdballs parallele Eroberung der Sprache geht. Etwas anglozentrisch werden dabei zwar die Erfolge der französischen Enzyklopädisten ausgeblendet, aber dafür gibt es Einblicke in die Grausamkeiten des US-Bürgerkrieges und die menschenverachtende Medizin der zeitgenössischen Psychiatrie (Filmscript PDF)/Trailer).

Professor trifft Madman

Anfangs noch Autodidakt ohne Schulabschluss, hat Mr.Murray gegen zahlreiche Widerstände zu kämpfen. Obwohl einige Akademie-Schranzen neidisch gegen den Noch-nicht-Professor Murray intrigieren, gelingt ihm das unmöglich scheinenden: es geht endlich voran in Band 1 zum Buchstaben A, auch dank eines geheimnisvollen Gönners. Auf Murrays revolutionären Aufruf ans Volk der Leser (mittels massenhaft in Bücher gelegter Flugblätter) meldet sich William Chester Minor (Sean Penn). Dr.Minor liefert unglaublich viele Worterklärungen nebst Literaturquellen aus Werken der englischen Literatur seit dem 7.Jahrhundert. Erst später erfahren die entsetzten Gelehrten, dass besagter Dr.Minor als geisteskranker Mörder im berühmten Broadmoore-Irrenasyl einsitzt. Doch unerschrocken sucht Murray den verrückten Dr.Minor auf und es entwickelt sich eine fruchtbare kollegiale Freundschaft. 1884 erscheint der ersten Teil von Band 1 zum Buchstaben A.

Bluttaten und Lovestory

Geschickt werden Handlungsstränge verwoben: In Rückblenden wird die Untat von Minor in ihrer Geschichte aus dem US-Sezessionskrieg erklärt. Minor musste als Wundarzt der Nordstaatler einen Deserteur im Gesicht brandmarken und glaubt sich nun von diesem verfolgt. Aber er sieht seine Schuld der Witwe (Natalie Dormer) des Getöteten gegenüber ein und zwischen den beiden entspinnt sich eine Lovestory. Auch Murrays Ehe wird in einem Handlungsstrang verfolgt, was dem Film seinen human touch verleiht.

Am Ende verfällt Dr.Minor jedoch wieder dem Wahnsinn, wird von der damaligen Psychiatrie unmenschlichen Behandlungen unterzogen und begeht schließlich eine Selbstkastration (wie historisch belegt ist). Doch Murray bringt sein Werk soweit voran, dass es von der Queen anerkannt und damit vor einer Streichung der Gelder bewahrt wird. Die Vollendung erlebte er jedoch nicht mehr: Erst 1928 erschien der letzte Band, nach fast 50 Jahren lexikalischer Arbeit.

Mel Gibson und der Wahnsinn

Mel Gibson ist der Wahnsinn schon in die cineastische Wiege gelegt: Sein Debüt gelang ihm 1977 in einer Nebenrolle des Schizophrenie-Dramas I NEVER PROMISED YOU A ROSEGARDEN, sein Durchbruch kam als apokalyptischer MAD MAX (1979), später brillierte er als paranoider Taxifahrer in FLETCHERS VISIONEN (1997) gegen den diabolischen CIA-Arzt, der ihn in einem historischen belegten Psycho-Kriegsprogramm zum Superkiller machen wollte (in der Realwelt hieß die Operation MKUltra oder Artischocke).

Fast zwei Jahrzehnte soll sich Mel Gibson für die Verfilmung von Simon Winchesters Buch über die Entstehung des Oxford Dictionarys eingesetzt haben. Aber glücklich wurde er damit nicht: Voltage Pictures, die verantwortliche Produktionsfirma, blockierte fällige Budgetüberschreitungen und verweigerte Gibson einige Nachdrehs. Nachdem Gibsons Anwälte mit ihrer Klage scheiterten, distanzierten sich er und Regisseur/Drehbuchautor Farhad Safinia von The Professor and the Madman. Voltage Picture verpasste damit wohl aus Geiz, ein echtes Meisterwerk produziert zu haben, doch sehenswert ist der Film allemal (3,5/5*).

‚A Rainy Day in New York‘ Zur Verteidigung von Woody Allen gegen #metoo

Thomas Barth

Bild: © Mars Films

2018 war für die Woody-Allen-Fangemeinde ein schwarzes Jahr, denn erstmals brachte der Erfinder des „Stadtneurotikers“ kein neues Werk auf die Leinwand. Grund waren alte Beschuldigungen, die seine Adoptivtochter Dylan Farrow gegen ihn im Zeichen der #metoo-Debatte erneut in die Öffentlichkeit brachte, wo sie in diesem Jahr mit einer moral panic zusammenfielen. #metoo ist dazu auch noch ein Phänomen, welches ihr Bruder, der Investigativ-Journalist Ronan Farrow, durch Enthüllungen über den Filmproduzenten Harvey Weinstein und seinen sexuellen Missbrauch von jungen Frauen losgetreten hatte.

Woody Allens Produktionsfirma Amazon hat sich daraufhin von ‚A Rainy Day in New York‘ zurück gezogen und einen 4-Movies-Produktionsvertrag mit Allen annulliert. Dennoch kommt jetzt -wenn auch verspätet- die deutsche Version in die Kinos, auch in anderen Ländern fanden sich Filmvertriebe. Der Film thematisiert, was Allen bei Drehbeginn aber noch nicht ahnen konnte, ausgerechnet den Kern der #metoo-Thematik: Den sexuellen Kontakt von jungen Frauen mit wichtigen Männern des Filmbusiness.

Filminhalt

A Rainy Day in New York‘ ist eine typische Woody-Allen-Komödie, Jazzmusik und witzige Dialoge, angesiedelt im linksliberal-jüdischen Milieu natürlich in New York. Eine herausragende Romantikkomödie, wenn auch nicht so Oscar-verdächtig wie viele andere Filme Allens. Der Protagonist ist ein junger und hochintelligenter Mann, zugleich aber eine Art lebensfremder Stadtneurotiker, somit wohl Alter Ego und Markenzeichen des Filmemachers.

Seinen Durchbruch erlebte Allen mit ‚Der Stadtneurotiker‘, einer autobiografischen Mocumentary, deren Gegenbild ‚A Rainy Day‘ jetzt zeichnen könnte. In der Pubertät durchlebt man Ängste, Scham und Minderwertigkeitsgefühle, aber auch arrogante Posen und Selbstüberschätzung bis zum Größenwahn, der Neurotiker plagt sich auch im späteren Leben weiter damit ab. Im aufgeblasenen Ego des Narzissten oder von Selbstzweifeln gequälten Depressiven ringt der Neurotiker mit sich selbst und seiner sozialen Umwelt. Bewegte sich Woody Allen im ‚Stadtneurotiker‘ und seinen frühen Filmen eher auf der negativen Seite, so entfaltet ‚A Rainy Day‘ das Lebensgefühl des zwar unangepassten, aber vom Glück verwöhnten und arroganten jungen Gatsby Welles (Timothée Chalamet).

Gatsby hat sein Studium an einer Eliteuni geschmissen, weil ihm dort alle zu verbissen waren, und ist an eine Provinzuni in Arizona gegangen. Er kommt bei den Frauen gut an und startet gerade eine Reise nach New York mit seiner etwas naiven Freundin Ashleigh (Elle Fanning). Die Bankierstochter war Schönheitskönigin und ist als Journalistik-Studentin sehr ehrgeizig. Sie will in Gatsbys Heimatstadt den berühmten Regisseur Roland Pollard (Liev Schreiber) interviewen und fragt sich, ob sie mit so einem Beitrag für die Uni-Zeitung wohl einen Pulitzer-Preis gewinnen kann. Gatsby dagegen will Ashleigh mit 20.000 beim Pokern gewonnenen Dollars die romantische Seite New Yorks zeigen, teures Hotel am Central Park, exquisite Restaurants und Cocktailbars mit Pianospieler, Kutschfahrt durch den Regen. Doch daraus wird nichts, denn die junge Reporterin versackt in der Glamourwelt des Filmbusiness.

Schon beim Interview flirtet der an sich zweifelnde Regisseur Pollard heftig mit der schönen Ashleigh und lädt sie gleich zu einer privaten Vorführung seines neuen Filmes ein, später will er sie sogar als Muse mit nach Frankreich nehmen. Sein Drehbuchautor Ted Davidoff (Jude Law), mit dem Pollard bei der Vorführung in Streit gerät, fordert Ashleigh auf, dem krisengeplagten Pollard mit weiblicher Zuwendung Mut zu machen. Sonst würde Pollard den Film noch hinwerfen -Ashleigh wittert für ihren Artikel schon einen großen Knüller. Doch schon bald bemüht sich auch Davidoff um die junge Schönheit, denn seine Frau hat ihm just den Laufpass gegeben. Am Filmset suchen beide den frustriert getürmten Pollard und Ashleigh lernt auch noch den Filmstar und Frauenschwarm Francisco Vega (Diego Luna) kennen, ihren auf sie wartenden Gatsby vertröstet sie immer wieder am Handy, sie sei nun aber wirklich einer ganz großen Story auf der Spur. Auch Vega würde die Ballkönigin aus der Provinz nicht von der Bettkante stoßen und nimmt sie erst in seine Garderobe, umschwärmt von Paparazzi, dann auf eine Promi-Party und zuletzt in sein Apartment mit. Ashleigh, die sich zunächst naiv in der Aufmerksamkeit der Filmleute sonnt, wird auf der Schwelle des Schlafzimmers des schönen Filmstars schließlich bewusst, dass es hier um Sex mit ihr geht. An dieser Stelle sagt sie sich, zwar warte ihr Freund Gatsby auf sie, aber Francisco Vega ist ein Star und von diesem Seitensprung wird sie noch ihren Enkelkindern erzählen können.

Gatsby lässt sich derweil durch sein altes New York treiben, landet bei alten Freunden in einer Studenten-Filmproduktion, muss als Statist widerwillig die kleine Schwester einer verflossenen Schulfreundin küssen. Wartet vergeblich im Hotelzimmer auf Ashleigh, die er dann auch noch im Klatsch-TV bei ihrem Besuch in Francisco Vegas Garderobe als dessen neuesten Groupie präsentiert bekommt. Nunmehr Single, gerät er in eine Pokerrunde, gewinnt, und sitzt schließlich melancholisch in einer Bar. Gatsby blickt der Dinnerparty bei seiner Mutter unentschlossen entgegen, denn er sollte dort eigentlich die neue Freundin aus Arizona in die gehobenen Kreise New Yorks einführen. Als eine Prostituierte ihn anspricht, beschließt er spontan sie für 5.000 Dollar als Ashleigh-Double zu engagieren und seiner Mutter unter zu jubeln. Dies misslingt jedoch ebenso wie Ashleighs Seitensprung und am Ende erfährt Gatsby, dass Mütter nicht immer sind, was sie scheinen, und dass es nicht immer die Ballkönigin ist, die einen Mann glücklich macht.

Woody Allen selbst soll, wie sein Regisseur-Alter-Ego Pollard, mit dem Film nicht zufrieden gewesen sein, seine Fans aber wird er kaum enttäuschen. Die Darsteller überzeugen und keiner kann New York so romantisch in Szene setzen wie Allen. ‚A Rainy Day‘ streift mit seiner Story jedoch die #metoo-Problematik und kann fast als Statement gesehen werden: Die junge Ashleigh weiß bei aller Naivität am Schluss genau, worauf sie sich einlässt und zeigt sich, wenngleich auf sympathische Art, von durchaus egoistischen Motiven getrieben. Vielleicht hat auch dies bei Amazon den Ausschlag gegeben, sich von der Produktion abzuwenden. Hauptdarsteller Chalamet und andere haben im Lauf des Shitstorms gegen Woody Allen verkündet, ihre Gagen aus dem Film an #metoo-Opfergruppen zu spenden.

#metoo und Woody Allen

In Donald Trumps Amerika scheint die Unterscheidung eines Beschuldigten von einem Schuldigen inzwischen kaum noch eine Rolle zu spielen. Der Filmemacher, Autor und Jazzmusiker Woody Allen (82) wurde von der New York Times als so „toxisch“ bezeichnet, dass er nicht einmal einen Verlag für seine Autobiografie finden könne, die „Süddeutsche“ sieht ihn schon als Persona non grata der Kulturindustrie der USA.

Feministinnen, die seinerzeit mit Alice Schwarzers Zeitschrift „Emma“ im schmutzigen Scheidungs- bzw. Sorgerechtskrieg die Seite von Mia Farrow gegen Woody Allen ergriffen haben, mögen sich jetzt bestätigt fühlen. Sie sollten vielleicht drei Einwände bedenken:

Erstens standen weder Allen selbst noch seine Filme je für den antifeministischen American Macho, sondern haben diesen stets hinterfragt und ironisiert. Zweitens sind die gegen Allen erhobenen Missbrauchsbeschuldigungen mehr als fragwürdig, entstammen sie doch dem mit harten Bandagen geführten Rechtsstreit Allen-Farrow. Andere Adoptivkinder Mia Farrows haben die Mutter seitdem als rachsüchtig und manipulativ beschrieben; man muss Dylan Farrow dabei keine Lüge unterstellen, die Gedächtnispsychologie hat bei der Untersuchung von Zeugenaussagen das Phänomen der falschen Erinnerung mittlerweile ausreichend aufgeklärt. Schon mit einfachsten Manipulationsmethoden lassen sich selbst bei Erwachsenen Erinnerungen an nie geschehene Ereignisse, sogar an Straftaten, implantieren.

Ob Allen die damals siebenjährige Dylan 1992 wirklich einmal „untenrum“ unzüchtig berührt hat oder ob ihre manipulative Adoptiv-Mutter ihr dies nachträglich eingeredet hat, um sich am Ex zu rächen und das Gerichtsverfahren zu ihren Gunsten zu manipulieren, lässt sich nicht mehr aufklären; gerichtlich ist die Beschuldigung aufgearbeitet und beigelegt, neue Fakten sind nicht aufgetaucht. Zudem beschuldigte 2018 Mia Farrows und André Previns Adoptivtochter Soon-Yi Previn ihre Mutter ebenfalls des Missbrauchs. Eine Affäre mit Soon-Yi Previn, inzwischen Ehefrau von Woody Allen, war Grund für die Trennung von Farrow.

Drittens ist die #metoo-Debatte teilweise dabei, unfreiwillig auch Wasser auf die Mühlen von Donald Trumps Wahlkampf zu gießen. Denn kaum etwas war den Rechtspopulisten der Trump-Bewegung so verhasst wie die linksliberal-jüdische Filmbranche der USA. Breitbart und Trump-Nestor Bannon, der in Breitbarts Namen weiter kämpfte, hassten Hollywood und die Filmbranche wie einst die Nazis und später die McCarthy-Antikommunisten. Wenn die prominente Trump-Sympathisantin Nadja Atwal, selbst Filmproduzentin, Harvey Weinstein, Roman Polanski und Woody Allen heute süffisant in einem Atemzug nennen kann, werden viele Trump-Fans dies mit Genugtuung sehen, auch weil alle drei geschmähten Filmleute jüdischer Herkunft sind: Die traditionell antisemitischen Nazifahnen-Schwenker sowieso, aber auch Steve Bannon und seine Breitbart-Leser.

Hollywood ist für mich eine noch desillusionierendere Erfahrung als Obama und die demokratische Partei. Links reden, rechts leben und permanent die Kerze von beiden Seiten anzünden… Leute wie Woody Allen, Weinstein und Polanski wurden hofiert, bis … ja, bis es der Karriere mehr brachte, dies nun nicht mehr zu tun und stattdessen in das Gegenlager zu wechseln… Nadja Atwal

Sind bei Weinstein die #metoo-Vorwürfe berechtigt, so kann man beim 2009 wegen sexueller Straftaten belangten Filmemacher Polanski mit seinem Verteidiger Rüdiger Suchsland schon anderer Meinung sein.

Bei Woody Allen schießt #metoo übers Ziel hinaus, denn auch wenn seine Unschuld nicht beweisbar ist, ist sie doch äußerst wahrscheinlich und letztlich muss bis zum Beweis des Gegenteils ohnehin die Unschuldsvermutung gelten. Der Fall Roman Polanski kann vielleicht als Vorläufer der #metoo-Debatte gesehen werden, wobei leider nicht hilfreich ist, dass neben Woody Allen auch der berüchtigte Harvey Weinstein den Aufruf „Free Polanski now!“ unterzeichnet hatte -freilich neben vielen anderen Berümtheiten wie Monica Bellucci, Tilda Swinton, Whoopie Goldberg, David Lynch, Martin Scorsese, Fatih Akin, Constantin Costa-Gavras, Pedro Almodóvar und Wim Wenders, um nur einige zu nennen. Rüdiger Suchsland geht mit dem Richter von Polanski hart ins Gericht:

Skandalisiert und zum „Fall Polanski“ wurde alles erst durch den zuständigen Richter Laurence J. Rittenband, der seinerzeit nur deshalb mit dem Fall betraut worden war, weil er sich selbst massiv dazu gedrängt hatte… Rittenband war von Hollywood und seinen Stars besessen. Als „Richter der Stars“ hoffte er von ihrem Ruhm zu profitieren, und selbst in den Rang einer Celebrity zu kommen. Rittenband war zugleich ein typischer Repräsentant des biederen, bigotten, zurückgebliebenen Middle-Amerika, dessen Kleinbürger-Gesinnung noch im 19.Jahrhundert wurzelt. Für dieses Amerika ist Hollywood nicht nur fremd, sondern eine faszinierend abstoßende Hölle. Rüdiger Suchsland

Für die Neue Rechte, die im Netz unter Steve Bannons Führung für Trump trommelte, war Hollywood vielleicht weniger wegen erotischer Libertinage zu verdammen. Sie empörte eher mangelnder Patriotismus und die Unterstützung der Demokraten.

Peter Robinson, Hoover Institution, interviewte vor zehn Jahren den neorechten Hollywood-Kritiker Andrew Breitbart, dessen Blog unter Ägide von Steve Bannon posthum zum Flaggschiff der Netzkampagne für Donald Trump wurde. Dokumentiert ist dort wie der konservative Stanford-Thinktank Hoover den agilen Breitbart in seinem Kulturkampf gegen das linksliberale Establishment förderte: The Politics of Hollywood with Andrew Breitbart.

Die Herren Breitbart und Robinson scheinen sich einig, wie heruntergekommen die US-Filmindustrie sei; waren Warner Brothers noch pro-Republikaner gewesen, dominiere Hollywood jetzt eine linksorientierte Politik. Woody Allens „A Rainy Day in New York“ zeigt die Trump-Fans verhassten Linksintellektuellen in milder Selbstironie, wenn der junge Gatsby seine Zigaretten betont stilvoll mit Spitze raucht.

Das hätte das Duo Breitbart-Robinson sicher bestätigt, denn sie mokieren sich über alberne Intellektuelle, die ihre Zigaretten wie Europäer rauchen -Robinson saugt demonstrativ an seinem Kugelschreiber. Den stramm national gesinnten Herren missfällt aber vor allem, wie negativ in US-Filmen die USA und besonders US-Firmen dargestellt werden, immer wären sie die Bösen. Grund wäre auch das Schielen auf die Filmmärkte außerhalb der USA, deren Antiamerikanismus Hollywood damit bedienen wolle. Ihnen entgeht dabei, dass die meisten wirklich brutalen Bösen in solchen US-Actionfilmen doch eher Russen, Asiaten oder Latinos sind, manchmal auch Teutonen, wie z.B. Arnold Schwarzenegger in TERMINATOR (die wechseln dann jedoch auf die Seite der Guten und werden günstigstenfalls sogar zum Gouverneur von Kalifornien gewählt).

Im weiteren Altherrenplausch wettern Breitbart und Robinson noch gegen den neuen Bondfilm, da hätte man gezeigt, wie US-Amerikaner bzw. US-Firmen versuchen, Bolivien zu übernehmen -wie absurd! Was sollten US-Konzerne denn mit all dem Lithium anfangen? Etwa Autobatterien bauen? Der aktuelle Putsch gegen Evo Morales bzw. dessen Rücktritt Anfang November scheint allerdings den Kurs von Tesla beflügelt zu haben, der im November von 220 auf 320 Punkte sprang. Doch solche Fragen bewegen weder den klugen jungen Gatsby noch Woody Allen, sondern eher Michael Moore. Moores Filme von rechts zu übertrumpfen wurde dann zur fixen Idee von Breitbart-Jünger und Trump-Mentor Steve Bannon.

Eine Kurzfassung dieser Filmkritik erschien auf Telepolis

Filmkritiken von Thomas Barth auf filmverliebt.de

Leider ist das Cineastenblog Filmverliebt weniger mit dem Netzmedium verliebt und daher, wie mir gerade auffiel, meine dort publizierten Kritiken nicht leicht aufzufinden (Namenssuche „Thomas Barth“ auf dem Blog erbringt nur 3 von 14 von mir dort publizierten Filmen), d.h. nur über Suchmaschinen von außen.

Daher hier eine Übersicht mit Erscheinungsdatum und Link:

24.9.2014      MR.MAY UND DAS FLÜSTERN DER EWIGKEIT

„Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit“ Kritik

27.10.2014            5 ZIMMER, KÜCHE, SARG

5 Zimmer Küche Sarg: Wie sollte man sich als Vampir verhalten?

4.11.2014    CITIZENFOUR

Kritik zu Citizenfour – der Snowden-Film von Laura Poitras

6.11.2014 LABYRINTH DES SCHWEIGENS

Was verschweigt der Film „Labyrinth des Schweigens“?

7.2.2015 BLACKHAT

Donnergott-Nerd jagt Blackhat: Kritik zum Cyberthriller von Michael Mann

26.3.2015 TOD DEN HIPPIES ES LEBE DER PUNK

„Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!“: Kritik zum deftigen Autorenfilm von Oskar Roehler

11.4.2015 ELSER

„Elser“ Kritik: Kinofilm revidiert das Bild eines Widerstandskämpfers

23.4.2015 EX MACHINA

Kritik zu Ex Machina: Eulenspiegelei auf Weizenbaum

15.6.2015  DAS DUNKLE GEN

„Das dunkle Gen“ (2014) Kritik: Depression, Angst und Existenz

4.9.2015        I WANT TO SEE THE MANAGER

„I WANT TO SEE THE MANAGER“ Kritik: Der Film beschwört den Abstieg des Westens

4.10.2015 DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER

Der Staat gegen Fritz Bauer: Kritik zum Polit-Thriller

7.8.2016 ALMODOVAR: JULIETA

Almodovars „Julieta“ Kritik: Ruhiger Film um Mutter und Tochter

4.3.2017 RADIN: NICHTS ZU VERSCHENKEN

Filmkritik zu „Nichts zu verschenken (Radin!)“

18.6.2017 DER WUNDERBARE GARTEN DER BELLA BROWN

Der wunderbare Garten der Bella Brown: Kritik zur Romantikkomödie

Filmkritik: Michael Moores „Fahrenheit 11/9“

Donald Trump als neuer Hitler: Michael Moores "Fahrenheit 11/9"
Michael Moore kämpft gegen vergiftetes Trinkwasser nach Privatisierung der Wasserwerke von Flint (Michigan, USA) Bild: © Midwestern Films LLC

Michael Moore lässt keine Möglichkeit aus, in US-Wahlkämpfe einzugreifen: Rechtzeitig zur Kongresswahl 2017 brachte er einen neuen Trump-Film auf die Leinwand, dessen Kinoplakate Trump zwar „Tyrann, Lügner und Rassist“ nannten, der aber auch Obama kritisierte -unterm Strich aber dennoch Wahlwerbung für die Demokraten. Filmkritik von Thomas Barth

Beim deutschen Kinopublikum könnte Fahrenheit 11/9 damit anecken, dass Donald Trump dort sehr direkt mit Adolf Hitler verglichen wird. Aber  vielleicht sind die Zeiten auch vorbei, wo man bei solchen Vergleichen eine Verharmlosung der Nazi-Diktatur befürchtete. Zu viele Hitlers aus Serbien, Nahost bis Nordkorea wurden uns inzwischen von unseren Mainstream-Medien präsentiert. Neu ist allerdings, dass einer davon in Washington regieren soll. Doch dies ist nur der Höhepunkt der satirisch-unterhaltsamen bis ernsthaft-bitteren Kritik Michael Moores an Trump, seinen Republikanern und dem ganzen Establishment der USA -einschließlich Obama.

In gewohnt gekonnter Manier montiert Moore Trump-Bilder aus Interviews, TV-Debatten und Talkshows mit diversem Archivmaterial. Sein Ziel dabei: Den US-Präsidenten als Egomanen, Sexisten und Rassisten zu entlarven sowie nebenbei seine dubiosen Immobilien-Geschäfte, seine Beziehung zu Putin (die den Clinton-nahen US-Medienmainstream  am meisten zu stören scheint) und generell seine Lächerlichkeit bloßzustellen. Dabei fällt auf, dass Moore, der in seinen Filmen meist nicht dazu neigt, sich selbst bescheiden im Hintergrund zu halten, diesmal vergleichsweise zurückhaltend auftritt.

Neoliberales Elend der USA

Neben der Aufregung um einen untragbaren Skandal-Präsidenten und den Gefahren für die Demokratie kommen die alltäglich gewordenen Übel neoliberaler Politik in den Fokus: Von unterbezahlten Lehrern, die Zweitjobs brauchen, um ihre Miete zahlen zu können, über Amokschützen und den Kampf gegen die Waffenlobby bis zur Wasserprivatisierung, die in Bleivergiftung bei Kindern armer, oft schwarzer Bevölkerungsgruppen der USA mündet.

Mit seinem äußerst erfolgreichen Film „Fahrenheit 9/11“ nahm Moore 2004 den US-Präsidenten George W. Bush aufs Korn. In „Fahrenheit 11/9“ knüpft er hier an, aber Ziel ist diesmal US-Präsident Donald J. Trump, gewählt am Zahlendreher-Datum 11/9/2016. Als humorigen Einstieg ins Thema erklärt Moore die Demokratie der USA zum Opfer eines Werbegags im Showbusiness.

Die aktuelle Misere der führenden westlichen Demokratie beginnt demnach so: Der nicht zur Bescheidenheit neigende Star der NBC-Show „The Apprentice“ (Trump) erfährt, dass NBC-Star Gwen Stefani mit ihrer Talent-Show „The Voices“ eine höhere Gage bekommt als er. Wutentbrannt will Trump beweisen, dass er populärer ist als die Sängerin und erklärt – nur so als Gag – seine Kandidatur für das Präsidentenamt.

Aber dann geschieht das Unvorhersehbare: Showmaster Trump, der sonst Lehrlings-Kandidaten als Big Boss im Fernsehen herumschubsen darf, schlägt in den Vorwahlen einen Präsidentschafts-Kandidaten der Republikaner nach dem anderen aus dem Feld, angefangen bei Bush-Vetter Jeb Bush. Trump kandidiert tatsächlich und dann geschieht das wirklich Unfassbare: Trump schlägt auch noch die von allen als Favoritin gehandelte Hillary. Statt Ex-First Lady Clinton oder Vetter Bush sitzt nun ein fetter Milliardär im Weißen Haus, der dorthin doch gar keine familiären Beziehungen hatte.

Mit Trumps familiären Beziehungen macht Michael Moore dann weiter: Auf Szenen, die Trump als übergriffigen Egoisten beschreiben, folgen Bilder, die ihn beim ziemlich übergriffig wirkenden Befingern seiner bildschönen Tochter Ivanka zeigen. Mit dieser vermutlich ziemlich unfairen Verdächtigung liegt Moore im Trend der #metoo-Debatten in den USA, bei der man wohl nicht jede Bezichtigung männlicher Verfehlungen glauben darf. Aber sex sells und gegen Trump ist anderen ja auch jedes Mittel recht. „Er hat seine Verbrechen vor den Augen der Öffentlichkeit begangen“, kommentiert Moore. Sein Fazit: Man fühlt sich etwas unbehaglich bei diesem Präsidenten.

Wasserwerk privatisiert -Kinder vergiftet

Einen Fokus legt Michael Moore auf seine Heimatstadt Flint (Michigan) im „Rustbelt“, dem verarmten Industriegürtel der USA, wo die einst stolzen Stahl- und Auto-Metropolen Rost angesetzt haben -und Trump bei verelendeten weißen Arbeitern Wahlerfolge feierte. Doch Moore setzt hier seine Kritik grundsätzlicher an: 2014 wurde Flint Opfer einer besonders absurden Wasser-Privatisierung unter Michigans Gouverneur Rick Snyder, wie Trump ein Multimillionär.

Obwohl dort mit den Großen Seen das bedeutendste Trinkwasser-Reservoire Amerikas direkt vor der Tür liegt, erhalten die Menschen verseuchtes Flusswasser aus der Industriekloake Flint River. Nach einer Privatisierung der Wasserwerke konnte der neue Betreiber so ein paar Cent mehr Profit machen. Folge: Bleivergiftungen vor allem bei Kindern, dauerhafte geistige Behinderungen drohen. Politiker und Gesundheitsbehörden wussten Bescheid, aber durften offenbar nichts dagegen tun. Moore interviewt April Cook-Hawkins, die im Dienst des Gesundheitsamtes Flint medizinische Messwerte des Bleigehalts im Blut von Kindern fälschen sollte. Als die Whistleblowerin dies publik machte, wurde sie gefeuert.

Als die überwiegend schwarze Bevölkerung der von verseuchtem Wasser betroffenen Gebiete sich hilfesuchend an „ihren“ schwarzen Präsidenten Obama wandte, fiel ihnen dieser in den Rücken. Obama stellte sich hinter die lokalen Behörden, lobte das Flint-Wasser mit gewinnendem Lächeln als gesund und tat TV-wirksam so, als würde er einen Schluck aus einem Glas davon nehmen. In den von Moore gezeigten Bildern sieht man jedoch deutlich, dass Obama nur am Glasrand nippt. „Als er kam, war er mein Präsident. Als er fuhr, war Obama das nicht mehr“, lässt Moore eine schwarze Aktivistin die Szene kommentieren.

Moore hat Obama, den von Konservativen als „links“ bewerteten US-Präsidenten, kalt erwischt. Damit hat er zumindest in einem Fall die ihm oft vorgeworfene plumpe Einseitigkeit widerlegt: Die Springer-Zeitung Die Welt wetterte anlässlich des neuen Films gegen Michael Moore:

Dieser Regisseur ist ein Ideologe von der eher plumpen Sorte. Seine Dokumentarfilme dokumentieren nichts: Es handelt sich um Propaganda. Moore neigt zu dämlichen Verschwörungstheorien. Für ihn sind immer und ausnahmslos die bösen Kapitalisten beziehungsweise die Rechten an allem schuld. Dass auch Linke zu enormen Schuftigkeiten imstande sind, wird von ihm nicht einmal geleugnet – es kommt schlicht nicht vor. (…) Am Ende hätte Moore sich… belehren lassen können, dass die europäischen Varianten des Faschismus ökonomisch allesamt links waren und dass Antikapitalismus ziemlich häufig nach hinten losgeht. Vielleicht wird Moore ja im nächsten Film darüber reden. Wenn es bis dahin nicht zu spät ist. Die Welt

Die WELT vergisst hier, dass die für sie angeblich „linksorientierten“ Faschismen Europas (von Hitler bis Mussolini) allesamt harmonisch mit den Großkapitalisten (also den Leuten, von deren Annoncen die WELT lebt) ihrer Zeit kooperierten und von ihnen, genau so wie die WELT, zu großen Teilen auch finanziert wurden. Der deutsche „Nationalsozialismus“ wurde z.B. ja nicht nur von Krupp, Hugenberg & Co. gesponsert, sondern sogar aus den Kapitalistenkreisen der USA, wo etwa Henry Ford dafür einen Hakenkreuz-Orden bekam und IBM Hitlers Holocaust logistisch unterstützte. Einseitig ist hier nur der WELT-Schreiber, nicht aber Michael Moore. Denn der beklagt scheuklappenfrei, dass Obama sich genauso kaufen ließ wie das ganze Partei-Establishment der Demokraten („niemand nahm mehr Spenden von Goldman Sachs an als er“). Aber schon unter Bill Clinton sei die Partei neoliberal geworden, warb für Freihandel, deregulierte Banken und reduzierte den Sozialstaat.

Moore zeigt einen Lehrer-Streik in West Virginia, wo wochenlang für eine menschenwürdige Krankenversicherung gekämpft wurde. Man wollte den Pädagogen stattdessen ein Fitness-Armband verpassen, dass ihre tägliche Bemühung um körperliche Selbstoptimierung überwacht. Der Streik weitete sich aus und die Lehrer kämpften auch für fairen Lohn, der wenigstens über dem Armutsniveau liegt. Viele staatliche Lehrer müssen in den USA einen Zweitjob ausüben, um ihre Miete zahlen zu können. Nur reiche Leute können ihren Kindern eine gute Schulbildung ermöglichen – in teuren Privatschulen. Beide herrschende Parteien vertreten meist die Interessen einer wohlhabenden Geldelite, auch die als vergleichsweise „links“ geltenden Demokraten.

Die Führungsriege der Demokratenpartei würde lieber mit den Republikanern gemeinsam eine Politik für die Reichen und die Unternehmen durchsetzen. Doch dies muss nicht ewig so weitergehen: Moore präsentiert Umfragen, die zeigen, dass die US-Bevölkerung eigentlich mehrheitlich linksliberal, wenn nicht sozialistisch denken würde. Moore zeigt eine neue Generation von linken Politikerinnen der Demokratenpartei, etwa Alexandria Ocasio-Cortez aus dem New Yorker Schwarzenghetto Bronx oder Rashida Thaib aus Michigan, die schon bald als erste Muslima im Repräsentantenhaus sitzen wird.

Lobenswert: Das alles schafft Moore, ohne den Demokraten allzu deutlich ein „Ich hab‘s euch ja gesagt“ unter die Nase zu reiben – obwohl er ihnen tatsächlich vor der Wahl gesagt hatte, dass sie mit ihrem neoliberalen Clinton-Establishment den Rustbelt (Rostgürtel) und damit die Wahl an Trump verlieren würden. Vielleicht geben einige Angehörige der demokratischen US-Eliten künftig weniger Geld für teure Berater, Medienleute und Experten aus, die allesamt den Wahlsieg von Hillary Clinton für sicher erklärt hatten, und schauen sich lieber den neuen Moore-Film an. Der Britische Guardian immerhin gab ihm zu Recht 4 von 5 Sternen.

Eine leicht gekürzte Fassung erschien am 17.1.2019 auf Telepolis unter dem Titel: Donald Trump als neuer Hitler: Michael Moores „Fahrenheit 11/9“

VHS Hamburg: Gefährliche Filterblasen im Internet oder Mainstream-Medien-Hypnose?

Filterblasen sind in den Medien populär -als das, was die anderen in ihrer falschen Weltsicht bestätigt. In der Filterblase sitzt immer der andere, soll heißen: der, der eine andere Meinung vertritt, eine andere Weltsicht hat. Diese falsche Weltsicht soll heute vor allem aus dem Internet kommen, aus den Sozialen Medien zumal. Dort gibt es immer nur Informationen zu sehen, die unsere Meinung bestätigen.

Im Internet schenkten viele Menschen anderen Meinungen als ihrer eigenen keinen Glauben mehr, das liege daran, dass in ihren Social-Media-Kanälen fast nur noch Meldungen auftauchten, die ihrer Einstellung entsprechen, den sogenannten Filterblasen, so heißt es etwa bei der ARD.

Aber gibt es dieses Phänomen wirklich erst seit Facebook & Co. sich zu Massenmedien aufschwingen konnten? Bedeutende Denker wie Harold Pinter haben dies anders gesehen und hatten dafür gute Argumente:

Die Verbrechen der Vereinigten Staaten waren systematisch, konstant, infam, unbarmherzig, aber nur sehr wenige Menschen haben wirklich darüber gesprochen. Das muss man Amerika lassen. Es hat weltweit eine ziemlich kühl operierende Machtmanipulation betrieben, und sich dabei als Streiter für das universelle Gute gebärdet. Ein glänzender, sogar geistreicher, äußerst erfolgreicher Hypnoseakt. Harold Pinter,  Nobelpreis-Vorlesung 2005

Wie gefährlich sind also Filterblasen?

Und was hat es mit den Fake News auf sich? Sie sind in aller Munde, aber manche sehen darin eine Taktik zur Immunisierung der Mainstream-Medien gegen Kritik aus dem Netz. Was meinte der Literaturnobelpreisträger Harold Pinter, als er in seiner Nobelpreis-Vorlesung 2005 von einem uns umgebenden „Lügengespinst“ sprach, dessen „erfolgreicher Hypnoseakt“ weltweit Kriege deckt? Begriffe und Debatten sollen kritisch reflektiert und diskutiert werden: An der VHS Hamburg.

Angebot der VHS Hamburg

Keiner kennt Michael Hastings -Mord Ex Machina: Der Big-Data-Tatort zum 34c3

Michael Hastings starb 2013 bei Autounfall (?) bevor er CIA-Direktor Brennan kritisieren konnte

Fernseh-Krimi bringt zwar Kritik zu Big Data, vergisst aber realen Todesfall  (US-Reporter Michael Hastings) und dämonisiert letztlich doch wieder die Hacker

von Thomas Barth

Spoilerfreie TV-Filmkritik nebst Essay über Hacker, Gefahren von Big Data und selbstfahrenden Autos sowie den mysteriösen Tod des US-Journalisten Michael Hastings, der CIA-Direktor Brennan kritisieren wollte (und schon den JSOC-General Stanley McChrystal mit einem Artikel zu Fall gebracht hatte).

Manche Besucher des 34. Chaos Communication Congress haben, just aus Leipzig heimgekehrt, beim Neujahrs-Tatort der ARD ihre Themen weiterverfolgen können. Wohl eher Zufall als cleveres Timing, vergaßen die Filmemacher einen durchaus möglichen Querverweis auf den Chaos Computer Club einzubauen. Doch die kritische Aufbereitung des Themas „autonomes Auto“ als Thriller im Big-Data-Milieu war prinzipiell lobenswert und dürfte in den PR-Abteilungen mancher Firma dieser Branche zu Herzrasen und Schweißausbrüchen geführt haben. Die Image-Beschädigung vor Millionenpublikum wieder wett zu machen, könnte einiges an Werbung und Lobbyisten-Arbeit kosten.

Die bildungsbürgerliche Süddeutsche (SZ) legt schon mal vor und bringt einen erregten Verriss: „Im „Tatort“ aus Saarbrücken geht es um Datendiebstahl und wie sich der auf die Privatsphäre auswirkt. Das ist ziemlich viel Kulturpessimismus zum Jahresauftakt.“ Nein. Ist es nicht. 15.000 Besucher (Rekord) des 34c3 würden dies vermutlich bestätigen. (Der Tatort „Mord Ex Machina“ ist noch bis Ende Januar in der ARD-Mediathek verfügbar.)

Mord Ex Machina: Der Plot

Düsterer Hacker knackt in dunklem Zimmer vor drei Bildschirmen einen Firmenrechner, soviel Klischee muss sein. Seine sexy Mithackerin Natascha wälzt sich derweil im Bett mit dem Justiziar des Big-Data-Unternehmens Conpact, Sebastian Feuerbach. Feuerbach hatte Streit mit seinem Freund und Geschäfts-Partner, dem „visionären“ Firmenboss Victor Rousseau, weil dieser ungehemmtes Big Data betreiben möchte -auch in hypermodernen, autonom fahrenden Autos. In einen dieser Prototypen steigt der virile Jurist und rauscht prompt durch die Leitplanke des Parkhochhauses.

Selbstmord oder Unfall? So rätselt Kommissar Stellbrink, kommt aber schnell darauf, dass dieses High-Tech-Mobil womöglich gehackt wurde. Doch das Hacker-Pärchen ist fein raus: Rousseau hatte sie engagiert, um nach Sicherheitslücken in seinem Firmennetz zu suchen. Nebenbei, erfährt man, sollte in die Bordcomputer der neuen Wagen eine Hintertür eingebaut werden, so dass die Firma Conpact alles mitschneiden kann, was die Dutzenden Kameras in und um den Wagen aufzeichnen. Brisant, denn die Bundesregierung ist der erste Kunde und will ihren Limousinenpark von Conpact auf autonomes Fahren umrüsten lassen…

Stellbrink muss sich durch hippe Firmenwelten, erotisch aufgeladene Beziehungen und eine terroristische Vergangenheit wühlen, um den Fall aufzuklären. Filmtitel und Idee ähneln zwar einem gleichnamigen Film der Sherlock-Verschnitt-Serie „Elementary“, aber besser gut geklaut als schlecht erfunden -und Tatort punktet mit ernsthafter Gesellschaftskritik am Phänomen Big Data.

Viele dubiose, kleine Firmen bevölkern den Datenmarkt. Doch beherrscht wird er von großen, international agierenden Konzernen, wie zum Beispiel Acxiom, Datalogix, Rapleaf, Core Logic oder PeekYou. Acxiom, einer der Branchenriesen, erwirtschaftet weltweit mehr als eine Milliarde US-Dollar pro Jahr und verwaltet über 15.000 Datenbanken für seine über 7000 Kunden. Der Konzern verfügt über 700 Millionen aktive Konsumentenprofile, darunter mehr als 40 Millionen aus Deutschland.“ c’t Digital gebrandmarkt – Wie Kundendaten gesammelt, gehandelt und genutzt werden

Der Hintergrund: Big Data und Cyberattacken

Spätestens seit Snowden wissen wir, dass Geheimdienste gerne solche Daten abschöpfen, sicher nicht nur aus Merkels Handy. Warum sollten Firmenbosse nicht auch selber zugreifen? Zumal wenn sie im Big Data-Business sind? Die Kritik an diesem Business wird von „Mord Ex Machina“ noch weiter getrieben: Der nicht sehr computer-affine Kommissar, der sich just nur mühsam auf einer Dating-Site bewegte, erfährt staunend vom Nutzer-Profiling, wo nach 68 „Likes“ auf Facebook seine Persönlichkeit nach dem „OCEAN“-Modell bewertet werden kann: Michal Kosinskis psychometrische Big-Data-Analyse machte 2016 Schlagzeilen, weil angeblich Trumps Wahlkampf und der Brexit mit so lancierter Werbung erfolgreich waren. Auch wenn dies übertrieben war -vor Datenklau und Profiling zu warnen ist sicher nicht falsch von den Tatort-Machern, zumal sie ihre Gesellschaftskritik filmisch überzeugend vermitteln: Einzelne Personen werden immer wieder sekundenlang eingefroren, vor verschwommenem Hintergrund unnatürlich scharf anvisiert: Wie unter dem Mikroskop von Netz-Profilern. Die SZ sieht das allerdings anders und nörgelt:

…und das Internet mal wieder ganz böse. Man sieht die Zuschauer auf dem Sofa förmlich mitschimpfen: „Ja, genau, dieses neumodische Internetzeug. Pfui!“ Angesichts dieser altbackenen, uninspirierten und kulturpessimistischen Heransgehensweise hilft alles nicht: Man muss einfach mit den Augen rollen. Und ganz tief seufzen. Nicht schon wieder. Carolin Gasteiger, SZ-Tatort-Fernsehkritik

NZZ mag „Tatort“ nicht: Zuviel Gesellschaftskritik statt Schusswaffengebrauch

Damit stellt sich die einst sozial-liberale SZ treu an die Seite der stramm-konservativen NZZ, die 2009 in ihrer wütenden Abrechnung mit den Tatort-Machern „Traurige Kommissare“, deren Gesellschaftskritik als „Feuilleton-Soziologie“ und „Gesinnungskitsch“ geißelt. Die Tatort-Helden hätten doch alle Probleme, so die NZZ, seien „Gutmenschen, Allesversteher und Betroffenheits-Betschwestern“ und würden zudem Schusswaffeneinsatz scheuen „wie der Teufel das Weihwasser“. Das ist sicher schlecht für die Schweizer Waffenindustrie, die bekanntlich die Verbrecher halb Europas mit Schießeisen versorgt. Aber wenn dann doch mal ein Till Schweiger im Rambo-Stil zur Knarre greift, ist es auch wieder nicht allen Recht zu machen: Die Zensurbehörde in Kiew monierte, dass dabei zu wenig Russen erschossen wurden. Die jüngste Kritik an Big Data und Roboter-Autos sollte dagegen weniger anecken, aber die SZ mault abschließend über die „altbackene“ Gesellschaftskritik:

„Jens Stellbrink zieht aus den verstörenden Erkenntnissen des Falles Konsequenzen: Der Kommissar löscht sein Online-Dating-Profil, holt einen Falke-Stadtplan aus der Schublade und wirft sein Smartphone vom Balkon. Das ist platt und verbohrt: Als könnte man den digitalen Entwicklungen und Herausforderungen so begegnen.“ SZ

Nikolai Kinski: netwars – gesellschaftskritisches multimedia project

Doch, liebe SZ, so leicht kann es manchmal sein: Smartphone weg und Profil löschen. Ach, hätte die SZ das „neumodische Internetzeug“ doch nur zu Recherchezwecken eingesetzt, dann hätte sie erfahren, dass die Kritik gar nicht so „altbacken“ sein kann, wenn sie etwa vom 34c3 geteilt wird. Oder dass der digital gemeuchelte Datenschützer Feuerbach nicht „platt und verbohrt“, sondern recht feinsinnig besetzt wurde: Der Darsteller Nikolai Kinski, ein Sohn Klaus Kinskis, lieh sein Konterfei zuvor dem preisgekrönten Netwars-Projekt (Grimme Online Award 2015).

Oder dass der kulturpessimistische Plot womöglich einen realen Vorläufer hatte: Den Fall des bei einem mysteriösen Autounfall getöteten CIA-Kritikers Michael Hastings. (Anm. Die SZ übte früher selber Digital-Kritik: In der Snowden-Hype durfte dort Daniel Ellsberg über die NSA als „Stasi von Amerika“ schimpfen).

Risiko Car-Hacking: Michael Hastings

Michael Hastings, kritischer US-Journalist, starb 2013 bei mysteriösem Unfall in neuem Mercedes als er aus Angst vor CIA untertauchen wollte (car hacking?)

Der erst 33-jährige Hastings starb 2013, was Fragen nach einem möglichen Hackerangriff auf sein Auto auslöste: Die Huffington Post warnte vor „conspiracy theories“; Wikileaks twitterte, der preisgekrönte Investigativ-Journalist Hastings hätte kurz vor dem Unfall versucht, die WikiLeaks-Juristin Jennifer Robinson zu kontaktieren; DER SPIEGEL will vom Thema car hacking nichts mitbekommen haben; USAtoday berichtete, Hastings hätte versucht, sich den Wagen seiner Nachbarin zu leihen, weil er fürchtete, an seinem Mercedes wäre herum gepfuscht worden; das Auto der Nachbarin wäre aber defekt gewesen -dann starb Hastings, der gerade an einer heißen Story zu CIA-Chef Brennan dran gewesen sein soll.

Michael Mahon Hastings (1980-2013) war ein US-amerikanischer Investigativjournalist und Schriftsteller. Er war Mitherausgeber des Rolling Stone und Korrespondent für BuzzFeed. Sein Artikel 2010 über den General, ehemaligen JSOC-Kommandeur und US-Oberbefehlshaber der NATO in Afghanistan, Stanley McChrystal, führte zu dessen umgehender Entlassung durch US-Präsident Barack Obama. Hastings arbeitete zuletzt, laut Aussage seiner Witwe Elise Jordan, an einer Geschichte über CIA-Director John O. Brennan, er fiel 2013 einem Autounfall zum Opfer, so der offizielle Polizeibericht. Allerdings zeichneten Kameras drei Explosionen auf, der Motorblock lag in erheblicher Entfernung. Es gab diverse weitere Indizien, Hinweise und auch Zeugenaussagen, unter anderem von WikiLeaks, Richard Clarke und dem „Buzz-Feed“-Chefredakteur Ben Smith, die insgesamt einen Mord wahrscheinlicher erscheinen lassen. (…)

Am Tag vor seinem Tod äußerte Hastings, sein Mercedes könnte manipuliert worden sein, und bat deshalb seine Freundin Jordanna Thigpen, ihm ihren Wagen zu leihen. Er fühle sich bedroht und wolle die Stadt verlassen. Stunden vor seinem Tod schrieb Hastings seinen Freunden und Arbeitskollegen in einer E-Mail das FBI würde seine Freunde befragen: „Ich bin an einer großen Geschichte dran und muss eine Weile vom Radar verschwinden.“ Die E-Mails wurden am 17. Juni 2013 gegen 14 Uhr verschickt. Gegen 4.20 Uhr des nächsten Dienstagmorgen, 18. Juni 2013, starb Hastings. Dem Polizeibericht nach saß er allein in seinem Mercedes C250 auf der nördlichen Highland Avenue in Hollywood, als er aus unbekannter Ursache die Kontrolle über das Fahrzeug verlor. Das Auto kam von der Straße ab, durchbrach eine Leitplanke und fuhr ungebremst mit hoher Geschwindigkeit gegen eine Palme. Der Mercedes explodierte in einem Feuerball, der Motorblock lag in auffällig großer Distanz vom Auto, und Hastings Leiche verbrannte so stark, dass der Gerichtsmediziner ihn erst zwei Tage später anhand seines Gebisses identifizieren konnte. Laut Polizeibericht war es ein selbst verschuldeter Autounfall, es konnten keine Beweise für eine Fremdeinwirkung festgestellt werden. Wikipedia (dt.)

Das FBI dementierte nach dem Todesfall, Hastings überwacht zu haben, was aber laut US-Wikipedia nicht stimmt. Die US-Behörden hatten ein Jahr zuvor begonnen, den kritischen Journalisten, einen Freund des TYT-Gründers Cenk Uygur, ins Visier zu nehmen. TYT (The Young Turk) ist ein kritisches US-Mediennetz, das den Mainstream-Medien die Stirn bietet und hierzulande kaum Beachtung findet (TYT zu Hastings Tod).

The FBI released a statement denying that Hastings was being investigated, at least not by their agency. This statement was incorrect as FBI had opened a file on Hastings as early as 2012 (see FBI files below). Wikipedia (engl.)

Diese in deutschen Medien auffällig selten erwähnte, beinahe totgeschiegene Geschichte zeigt: Man braucht womöglich kein komplett autonomes Fahrzeug, um jemanden digital zu verunfallen (wovor CCC-Hacker schon lange warnten). Die Anspielung auf Michael Hastings Tod haben die ARD-Filmemacher allerdings komplett übersehen (oder hatten sie Angst, den kaum bekannten Fall zu erwähnen?). Dabei liegt im eigenen Archiv eine NDR-Doku von 2014, bei der dieser Todesfall als mögliches Auto-Hack-Attentat angeführt wird, Titel: „Im Visier der Hacker – Wie gefährlich wird das Netz?“ (in der Mediathek der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich, aber im freien webarchive dokumentiert).

„Ein brennender Unfallwagen im nächtlichen Los Angeles. Ein Mercedes als Trümmerhaufen, Ursache unklar, keine Zeugen. In den Flammen stirbt der US-Journalist Michael Hastings. Er recherchierte gerade an einer neuen Enthüllung. Seine letzte Story hatte einen Elite-General die Militärkarriere gekostet. Der Daimler-Konzern sieht angeblich keinen Grund, der Sache nachzugehen. Doch in der NDR-Reportage über die Risiken der Welt von morgen hält es der langjährige US-Sicherheitskoordinator Richard Clarke für durchaus möglich, dass der Wagen von außen gehackt wurde.“ ARD-Mediathek (webarchiv)

Im Tatort grämt sich eine Kommissarin angesichts des Mordes per Auto-Elektronik: „In zehn Jahren werden wir jede Menge autonom fahrende Autos auf der Straße haben -wer sagt mir dann, was ein Unfall war und was nicht?“ Willkommen in der Gegenwart liebes Tatort-Team. Oder, mit der traditionellen Abschlussformel des Chaos Communication Congress zum Jahresende: „Guten Rutsch ins Jahr 1984!“ (padeluun)

Dämonisierung der Hacker

Unerfreulich am Tatort-Plot ist schließlich, dass leider doch wieder ein paar Hacker kräftig dämonisiert werden. Denn im Verlauf der Ermittlungen taucht eine frühere Hackergruppe auf, die 2002 eine „ethisch motivierte“ Cyberattacke verübte. Die Hacker hätten auf die „Gefahren der Digitalisierung hinweisen“ wollen, in dem sie in der Nacht des 29.9.2002 alle Ampeln von Nancy auf „Grün“ schalteten. Trotz Vorwarnung gelang es den Behörden nicht, den Anschlag auf das Verkehrsleitsystem zu vereiteln (daran, die Ampeln einfach abzuschalten, hatte man offenbar nicht gedacht). Ergebnis: Vier Todesopfer und 48 Verletzte, für die unsere Hacker verantwortlich zeichnen.

Und nicht genug -der Tatort zeigt dramatische Zeitungstitel zum frei erfundenen Terrorangriff: “Une cyberattaque sur le feux de circulation“, “Les terroristes de l’internet -le nouveau danger“, „Nancy Crash: Beide Eltern zerquetscht“, daneben ein weinendes Kindergesicht; dann Überblendung ins Gesicht einer Hackerin, aus deren Auge eine Träne rollt. Das ist etwas dick aufgetragen und außerdem: Ethisch motivierte Hacker hätten sich darauf beschränkt, die Ampeln alle auf Rot zu schalten, statt Menschenleben zu riskieren. Doch so kommen selbst die vernünftigen Warnungen vor digitaler Gefahr natürlich viel dämonischer rüber.

Der Tatort „Mord Ex Machina“ ist noch bis Ende Januar in der ARD-Mediathek verfügbar.

Filmkritik: Der wunderbare Garten der Bella Brown

Thomas Barth

„Der wunderbare Garten der Bella Brown“ ist ein modernes Märchen aus einem idyllisch-kleinstädtisch im Retrostil präsentierten London. Der mit warmherzigem Humor überzeugende Film ähnelt nicht nur vom deutschen Titel her dem Klassiker „Die fabelhafte Welt der Amélie“, auch Filmmusik und Stimmung erinnern daran und die Hauptfigur ist ähnlich verträumt angelegt.

Bella Brown (Jessica Brown Findlay, „Downtown Abbey“) ist ein wunderschönes, aber etwas sonderbares Mädchen, das -märchengerecht- als Findelkind im Kloster groß wurde. Nun ist sie Bibliothekarin, Bücherwurm und versucht sich auf einer alten Schreibmaschine als Schriftstellerin. Leider ist sie sehr gehemmt und zwangsneurotisch, hat eine peinlich aufgeräumte Wohnung, feste Gewohnheiten und kontrolliert immer mehrfach, ob sie ihre Haustür auch wirklich abgeschlossen hat. Bella hat sieben Zahnbürsten, für jeden Wochentag eine, in wohl sortierten Gläsern sammelt sie Gummibänder, Münzen und skurrile Dinge. Ihr einziges Problem: Zur Wohnung gehört auch ein kleiner Hinterhofgarten und dort wuchert ein verwahrloster Urwald, denn Bella mag die Natur nicht und verabscheut Gartenarbeit. Das ärgert ihren Nachbarn, Mr. Stephenson (Tom Wilkinson), einen alten Griesgram und Gartenfanatiker, der sich beim Vermieter über Bellas Unkrautacker beschwert. Der Miesepeter ist reich und hält sich den irischen Meisterkoch Vernon (Andrew Scott, bei Benedict Cumberbatch „Sherlock“ spielt Scott den bösen Superschurken Moriati), der aber aufmüpfig auf Bellas Seite wechselt als ein Hausverwalter sie wegen Vernachlässigung ihrer Gärtnerpflichten prompt aus ihrer Wohnung werfen will. Vernon kennt seine Rechte ganz genau und holt unter Verweis auf Mieterschutzgesetze eine vier Wochen-Gnadenfrist für Bella heraus.

Regeln sind auch an Bellas Arbeitsplatz sehr wichtig, denn in der Bibliothek führt ihre Vorgesetzte Miss Bramble (Anna Chancellor) ein strenges Regiment der absoluten Ruhe. Daran kann sich der chaotisch-geniale, aber überaus charmante Erfinder Billy (Jeremy Irvine, „Gefährten“) nur schwer halten. Bellas zartes Begehren weckt der attraktive junge Mann mit den vielen Papierrollen geheimnisvoller Konstruktionspläne, zwischen denen er verbotenerweise mitgebrachte Pausenbrote versteckt. Bellas Gefühle treffen zwar auf Gegenliebe bei dem für fragil-mechanische Geschöpfe schwärmenden Genius, doch versehentlich bricht er ihr das Herz. Dabei hat sie gar keine Zeit für Liebeskummer, denn die Uhr tickt und ihr Garten muss dringend gepflegt werden. Leider kann Koch Vernon ihr wegen Heuschnupfen dabei nicht helfen. Aber während der grummelnde Mr.Stephenson nebenan darben muss, bekocht er die bislang von Konserven lebende Bella mit exquisiten Leckereien. Schließlich muss Bella selbst Hand an ihren Garten anlegen und sich zunächst einmal allein durch ihr -für sie beängstigendes- Gestrüpp kämpfen (wofür ein Psychoanalytiker sicher eine interessante Deutung finden könnte). Zuletzt öffnet sich heftig die Zuckerdose der Happy-End-Pandora und -anders als im US-amerikanischen Kino üblich- kommen hier nicht nur die Harten in den Garten.

„Der wunderbare Garten der Bella Brown“ ist ein romantisches Filmmärchen, Wohlfühlkino, das von liebevoll gezeichneten skurrilen Figuren lebt und nur gerade soviel Konfliktstoff zeigt, dass es nicht langweilig wird. Er schmeckt nach britischen Süßigkeiten, eigentlich mit mehr Zucker als die Polizei erlaubt, aber gerade darum lieben wir sie.

Der wunderbare Garten der Bella Brown, (Originaltitel „This Beautiful Fantastic“), Komödie, UK/USA 2016, R: Simon Aboud, D: Jessica Brown Findlay, Andrew Scott, Jeremy Irvine, 92 Minuten, *** 3,5 von 5 Sternen, Kinostart: 15. Juni 2017

erschien auf www.filmverliebt.de

English:

„This Beautiful Fantastic“

„This Beautiful Fantastic“, titeled in the german cinema „The wonderful garden of Bella Brown“, is a modern fairy tale from an idyllic, small-town in the retro-styled London. The film, with its warm hearted humour, is not only reminiscent of the German title of the french classic „The Fabulous World of Amelie“, but also film music and mood recall and the main character is similarly dreamy.
Bella Brown (Jessica Brown Findlay, „Downtown Abbey“) is a beautiful, but somewhat strange girl who-fairy tale-was foundling in the monastery. Now she is a librarian, a bookworm, and she tries to work on an old typewriter as a writer. Unfortunately, she is very inhibited and obsessively neurotic, has an embarrassingly tidy apartment, fixed habits and always checks repeatedly whether she has really completed her front door. Bella has seven toothbrushes, for every weekday one, in well-assorted glasses she collects rubber bands, coins and quirky things. Her only problem: The apartment also includes a small backyard garden and there grows a bedraggled jungle, because Bella does not like nature and abhors gardening. That annoys your neighbors, Mr. Stephenson (Tom Wilkinson), an old curmudgeon and garden fanatic who complains to the landlord about Bella’s weed field. The Sourpuss is rich and holds the Irish Master Chef Vernon (Andrew Scott, at Benedict Cumberbatch „Sherlock“ plays Scott the evil Super Rogue Moriati), but who changes rebellious on Bellas side as a caretaker she wants to promptly throw out of her apartment because of neglecting her gardener duties. Vernon knows his rights quite accurately and, with reference to tenant protection laws, brings out a four-week grace period for Bella.
Rules are also very important in Bella’s workplace, because in the library her superiors Miss Bramble (Anna Chancellor) leads a strict regiment of absolute tranquility. The chaotically ingenious, but very charming inventor Billy (Jeremy Irvine, „companions“) can only be difficult to hold on to this. Bella’s desire awakens for the attractive young man. Billy visits the library with the many paper rolls of mysterious construction plans, between which he conceals forbidden sandwiches. Billy and Bella are falling in love. Luckily the young genius is keen on fragile mechanical creatures, but then he accidentally breaks her heart. She has no time for love, because the clock is ticking and her garden needs to be cared for urgently. Unfortunately, the clever cook Vernon can’t help her because of hay fever. But while the grumbling Mr. Stephenson next door must starve, Vernon cooks for Bella exquisite treats.  After all, Bella has to subdue her garden with her own hands and to fight against the jungle alone (for which a psychoanalyst could certainly find an interesting interpretation). Lastly, the sugar can of the happy-end-Pandora is opening up here in the garden.
„The wonderful garden of the Bella Brown“ is a romantic film fairy tale, well-being cinema that lives on affectionately drawn whimsical figures and only just so much conflict shows that it becomes not boring. It tastes like British candy, actually with more sugar than the police allowed, but that’s why we love it.

Rezension Die Vorkämpfer: Krisenreporter & Wikileaks als „parajournalistische“ Konkurrenz

Die Vorkämpfer -Rezension von Thomas Barth

Stephan Weichert, Leif Kramp: Die Vorkämpfer. Wie Journalisten über die Welt im Ausnahmezustand berichten Köln: Halem 2011, 256 S., ISBN 978-3-869620-367, € 22,-

„Machen Sie deutlich darauf aufmerksam, dass Sie ein Journalist sind (tragen Sie keine Kleidung im Military-Look) und zeigen Sie deutlich ihre Ausrüstung, sodass man Sie nicht mit einem Kriegsteilnehmer verwechselt […] Stellen Sie sich tot, falls Sie verwundet werden.“ Mit diesem auf die martialische Thematik einstimmenden Zitat aus dem „Handbook for Journalists“ von Reporter ohne Grenzen und der UNESCO, beginnt das Vorwort des Autorenduos Weichert/Kramp. Der so zitierte sch- male orangefarbene „Notizblock“ sei der „Internationale Survival-Guide für Krisenjournalisten“, klärt das Vorwort auf (S.9), und nennt damit das zentrale Stichwort, das dem Buchtitel fehlt: Es geht um Krisenjournalismus. Stephan Weichert, Grimme-Preis-Juror und Vorstandsmitglied im Netzwerk Recherche, ist Professor der Macro-media Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg, wo Leif Kramp als Mitarbeiter tätig ist – was wohl die nichtalphabetische Reihen- folge der Autorennamen auf dem Buchdeckel erklärt. Die im Buch dokumentierte Studie wurde finanziert vom besagten Netzwerk Recherche sowie der Otto-Brenner-, der Rudolf-Augstein- und der Medienstiftung Hamburg. Anhand von 17 Intensiv-Interviews mit „führenden Auslandsreportern aller Medien“ (so der Klappentext) u.a. Carolin Emcke, Christoph M. Fröder, Matthias Gebauer, Susanne Koelbl, Antonia Rados, Elmar Theveßen, Ulrich Tilgner,  wird untersucht, wie sich die Arbeit von Krisenjournalisten in den letzten Jahren verändert hat. Gefragt wurde, inwiefern Reporter Strategien entwickeln, um kulturelle wie soziale Barrieren zu überwinden, in Gefahrensituationen zu improvisieren und Traumata zu verkraften, also mit ihren eigenen Ängsten, Schwächen und Unsicherheiten umzugehen. Thematisiert wurde auch, von welchen Motiven bzw. Trends sie sich bei ihrer Tätigkeit leiten lassen und wie die Zusammenarbeit mit Kollegen, Redaktionen sowie offiziellen Stellen (u.a. Auswärtiges Amt, BND, fremde Geheimdienste, Krisenstäbe) abläuft. Ziel war die Gewinnung praxisbezogener Hinweise, ob und wie die Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Krisenreporter optimiert und wie handwerkliche Defizite in der Kriegs- und Krisenkommunikation verringert werden können. Diskutiert wird etwa, ob es in Redaktionen verbindliche Richtlinien und Ethikkodizes für Krisenfälle geben sollte, und was für den Umgang mit Terroristen, etwa bei Geiselnahmen, bei der Berichterstattung zu empfehlen ist. Eingangs mahnt die Studie zwar, dass „die beinahe sinistre Ambivalenz dieses journalistischen Arbeitsschwerpunktes, der öffentlich allzu häufig mystifiziert und mit modernem Heldentum gleichgesetzt wird, in der Realität aber kaum Spielräume für Selbstlob oder Abenteuerlust lässt“ (S.10), spart andererseits einleitend nicht mit Ehrung des Krisenjournalisten und einer dramatischen Schilderung seiner bedeutsamen Rolle: Gerade in Krisenzeiten beweise der Journalismus seine Unersetzlichkeit, denn rasante Nachrichtenübermittlung, reflektierte Analysen und geschliffene Kommentierungen garantierten professionelle Orientierungsangebote für eine verunsicherte Gesellschaft. In einer von Naturkatastrophen, Kriegen und Terroranschlägen gebeutelten Welt böten journalistische Angebote Überblick, Einordnung und eben jenen Halt, der in solchen Zeiten des emotionalen und häufig existenziellen Aufruhrs so schnell verloren gehe. Krisenjournalismus sei daher eines der interessantesten, gefragtesten Felder des zeitgenössischen Journalismus.

WikiLeaks: „parajournalistische“ Konkurrenz

Es sei aber auch eines der undurchsichtigsten Tätigkeitsgebiete, nicht zuletzt wegen der neuen Konkurrenz durch „parajournalistische Informationsangebote im Netz“, etwa der Whistleblower-Plattform WikiLeaks, „die zum einen vom Glaubwürdigkeitsverlust der traditionellen Medien profitiert, zum anderen die hergebrachten Prinzipien der Nachrichtenauswahl und –vermittlung beinahe ad absurdum führt, sie zumindest aber in ihren Grundzügen korrumpiert.“ (S.16) Worin die so gegeißelte „Korrumpierung“ bestehen soll, bleibt leider Geheimnis der Autoren, doch sie markieren damit deutlich ihre berufsständische Position gegenüber neuen Netzmedien. Der Einleitung folgen drei Teile: Kapitel 2 referiert den aktuellen Forschungsstand, Kapitel 3 die Rollenbilder, Trends und Defizite im Krisenjournalismus als Ergebnis der Interviews, und Kapitel 4 präsentiert als Fazit praktische Lösungsmodelle und Handlungsempfehlungen. Im Anhang finden sich noch ausführliche Biographien der Interviewten unter Überschriften wie „Der Globetrotter“, „Die Pionierin“ oder „Der Tollkühne“. Ihren definitorischen Ausgangspunkt legen die Autoren – unter Rückgriff u.a. auf die Filmtheoretikerin Mary Ann Doane – in drei Krisen- Typen fest: 1. Politisch-gesellschaftliche Krisen, verstanden als Attentate, Geiselnahmen, Terroranschläge; 2. Technische und ökologische Katastrophen, die Krisen auslösen, etwa das Oder- Hochwasser, Tschernobyl, der Absturz eines Space-Shuttles; 3. Militärische Auseinandersetzungen und Kriege, diese als fortbestehende, zugespitzte Krisen wie der Irak-Krieg (S.23-25). Rahmen und Probleme des Tätigkeitsfeldes werden umrissen, Konkurrenz- und Kostendruck, redaktionelle Strukturen, Berufsbild und Tätigkeitsprofil, ohne kontroverse Aspekte zu scheuen, Kriegspropaganda, „Embedded Journalism“, so benannt erst 2003 im Irak-Krieg, aber mit Vorläufern im ersten Golfkrieg 1991 und im Kosovo-Krieg 1999 (S.47), und Informationskrieg, den Putin gegenüber Jelzin auf der russischen Seite vervollkommnet haben soll (S.50). Was Berufs- und Rollenbild angeht, dominieren oft überzogene Erwartungen an die Möglichkeiten als Karrieresprungbrett „vor allem von Frauen und jüngeren Kollegen“, die sich in der Gefahr beweisen wollen (S.84). Sender und Verlage sparten an kostenintensiver Recherche und konzentrierten sich auf Sensationen auch im Krisenbereich, weshalb auch „Propaganda und gesteuerte

Information zu PR-Zwecken“ leichter ihren Weg in die Medien fände (S.114). Die neuen Netzmedien von YouTube bis Twitter erhöhten den Konkurrenz- druck auf Krisenjournalisten, böten zudem „trügerische Leichtigkeit“ beim Zugang zu Bildern und Meldungen, was die Bereitschaft zur Eigenrecherche noch weiter absinken lasse (S.128). Statt Hintergrundanalysen und Perspektiven dominiere die „Vermenschlichung der Krise […] auf der Ebene der Emotionalisierung und Sensationalisierung menschlichen Leids“, aber nur dann, wenn es „visuell gezeigt und als ‚Gesicht‘ der Katastrophe oder des Konflikts an der Heimatfront verkauft werden kann“ (S.136). Weil es an Handlungsanweisungen, Kodizes und Vorbildern mangele, verließen sich die meisten Praktiker in Krisengebieten auf ihr „Bauchgefühl“ und „Instinkte“ (S.178), und misstrauten insbesondere Militär und Geheimdiensten als Informationsquellen (S.207). Im Fazit werden strukturelle Verbesserungen wie Codes of Conduct, Richtlinienkataloge und Verhaltenskodizes eingefordert (S.220ff.) und im Ausblick ein „Kompetenz- und Infrastrukturkatalog“ mit Forderungen zur Verbesserung des Krisenjournalismus vorgelegt, der von Medienkooperationen über Recherche- Netzwerke bis zu Krisenarchiven reicht und natürlich eine bessere Ausbildung und Finanzierung anmahnt (S.226 ff.). Die Studie sammelt, ordnet und referiert sehr umfassend die gewonnenen Hinweise aus der Praxis, hat jedoch zuweilen Schwierigkeiten, die postulierten Wertmaßstäbe, Konzepte und Handlungsanweisungen auch konsequent auf die gegebenen Beispiele anzuwenden: So wird das berühmte WikiLeaks-Video, mit dem sich die einleitend als Konkurrent beschriebene Whistleblower-Plattform überhaupt erst einen Platz in den Hauptnachrichten erkämpfte, recht einsilbig beschrieben: „ein WikiLeaks-Video, das den Angriff auf eine Gruppe von Menschen in Bagdad aus der Cockpit-Perspektive eines Kampfhelikopters zeigt. Bei dem Angriff kamen auch zwei Reuters-Journalisten ums Leben.“ (S.65) Sogar der mit Bedacht vom berühmten WL-Gründer Julian Assange gewählte Titel des Videos wird unterschlagen: „Collateral Murder“, obwohl wenige Seiten zuvor noch von der Krisenberichterstattung gefordert wurde, „Euphemistische Wendungen wie […] ‚Kollateralschäden‘ […] sollten durchschaut und vermieden werden.“ (S.51) WikiLeaks hatte ebendiesen Euphemismus nicht nur vermieden, sondern durchschaut und in seinem Zynismus entlarvt, aber dies wollten die Auto- ren wohl den „parajournalistischen“ Außenseitern von WikiLeaks nicht zugestehen.

(Thomas Barth in: MEDIENwissenschaft 1/2012, S.52ff. pdf-download)