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Gesellschaftskritik: Hartz-IV-Traumatisierung, Burn-Out und die Verantwortung der psychosozialen Berufe

Mit Beitrag von Barbara Ellwanger

Thomas Barth 

„Arbeitslos unter Hartz IV zu sein bedeutet, dass dies massiv in die Beziehungen selbst eindringt –selbst oder gerade auch in nähere, bedeutsame. Die Zerstörung der verbalen Mitteilungsfähigkeit ist ein zentrales Moment jeglicher Traumatisierung und Missbrauchserfahrung (…) Gesichertes Wissen ist, dass der Verlust der Arbeitsstelle zu den Erfahrungen gehört, die den höchsten Stressfaktor aufweisen. Diese Tatsache wurde nicht nur von den empirischen Sozialwissenschaften aufgezeigt, sondern die relevanten Symptome entsprechen auch den Trauma-Kriterien der modernen Psychotraumatologie.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger 2009, S.156 f.

In die kühle Frühlingsluft des Osterfestes 2012 drang jüngst eine Nachricht ein, die eine ganz andere Art von Kühle signalisierte –eine soziale Eiseskälte. Im Bereich der Hartz-IV-Empfänger, so die lapidare Meldung, sei es zu einem neuen Höchststand von „Absenkungen der Regelsatzzahlungen“ gekommen. Hauptgrund wären „nicht wahrgenommene Einladungen“ der Behörden gewesen. Mit dem „Regelsatz“ ist jene das Existenzminimum markierende Zahlung gemeint, von der Langzeit-Arbeitslose ihr Dasein fristen müssen: Ein Existenzminimum, welches so definiert ist, dass es gerade noch eine dem Recht auf Menschenwürde genügende Teilhabe am Reichtum unseres Landes ermöglicht. Mit deren als Maßnahme zur Disziplinierung üblichen Absenkung wird routinemäßig die soziale Teilhabe unter diese Grenze gedrückt.

Mit „Einladungen“ sind folglich wohl eher Vorladungen gemeint, strafbewehrt mit der Drohung des Verlustes eines letzten Restes an Menschenwürde. Die Schuld für verpasste Termine solcher Vorladungen wird routinemäßig bei den Hartz-IV-Beziehern gesucht, nicht bei der Postzustellung oder der Behörde. Die mit solchen teils drakonischen Einkommenskürzungen bestraften Menschen leben am untersten Rand unserer Gesellschaft, sind oft über Jahre hin ökonomisch ausgeblutet. Sie mussten alle Guthaben und Wertgegenstände ihres Familienbesitzes aufzehren, haben alle Möglichkeiten an Hilfe und Kredit aus Familie und Freundeskreis bis zur Schmerzgrenze ausgereizt.

Doch die öffentlichen Kassen, so heißt es, sind leer, die Ämter müssen sparen. Die Behörden sind angehalten, bei Hartz-IV-Beziehern ständig nach „Missbrauch“ von Leistungen, mangelnder Arbeitsbereitschaft und fehlender Disziplin zu suchen. Barbara Ellwanger kontert diesen Generalverdacht mit dem Vorwurf von Missbrauch der Behörden, begangen an ihren Schutzbefohlenen. Misstrauen und Kontrollsucht haben sich stetig verschärft, wobei sich Praktiken eingeschliffen haben, die an Drangsalierung und Schikane grenzen,

„…jene Praktiken, die erforderlich sind, um selbst noch die Regelsatzzahlung auf Teufel komm raus um weitere 30 oder 60 oder auch 100 Prozent ‚abzusenken‘. Diese Kürzungen gehören inzwischen so sehr zur gängigen Praxis, dass die blanke Willkür dabei immer unverhüllter herrscht und die Überschreitung der gesetzlichen Bestimmungen sanktions- und folgenlose Routine geworden sind.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger ebd.

Die offizielle Begründung, dies sei nötig, weil die Kassen leer seien, ist wenig glaubwürdig. Denn leer sind diese Kassen vor allem aufgrund der neoliberalen Privatisierungen und ungeheurer Steuergeschenke an Unternehmen und Wohlhabende: In den OECD-Ländern steigerten die Unternehmensgewinne seit den 90er-Jahren ihren Anteil an der Nettowertschöpfung von 33 auf 43% der volkswirtschaftlichen Leistung –auf Kosten sinkender Reallöhne. Niemand bestreitet das Vorhandensein ungeheuren Reichtums in unserer Gesellschaft, aber kaum jemand darf öffentlich von ihm reden –und schon gar nicht im Zusammenhang mit leeren Kassen, korrupter Politik und verelendeten Hartz-IV-Beziehern. Die Macht der Arbeitgeber wuchs in den letzten Dekaden, die Gewerkschaften knickten immer wieder ein. Angst vor Armut und Arbeitslosigkeit packte die Menschen, auch und gerade durch das Hartz-IV-Regime. Stramm durchgesetzter Lohnverzicht hier, explodierende Spitzeneinkommen dort, derweil die Einkommensschere immer weiter auseinander klafft und 2-4 Millionen Kinder prekarisierter Leiharbeiter bereits wieder hungrig zur Schule gehen mussten. Alles nur unabwendbares Schicksal im harten Wind des Wettbewerbs der gebetsmühlenartig gepredigten Globalisierung?

Spätestens die Finanz- und Bankenkrise ließ dabei den Verdacht aufkommen, bei einem Teil der kräftigen Umverteilung von unten nach oben ginge es nicht mit rechten Dingen zu. Es war Georg Schramm der unter der Narrenkappe des Kabarettisten als einziger in der Mainstream-Medienlandschaft gelegentlich auf eine ansonsten totgeschwiegene Entwicklung hinwies: Trotz stetig wachsender deutscher Wirtschaftsleistung stiegen seit den 90er-Jahren ausschließlich die Einkommen der obersten 10%, alle anderen stagnierten oder mussten, besonders die unteren 50% schmerzhafte Einschnitte hinnehmen. Diese Reallohnkürzung wurde durchgesetzt obwohl immer höhere Arbeitsleistungen verlangt wurden. Der Arbeitsstress wuchs, die Arbeitsverdichtung wurde gesteigert –auch dank neuer Kontrolltechnologien–, psychische Störungen nahmen zu: Die medial phasenweise beklagte „Volksseuche Burnout“ wird mit dem Verteilungs-Unrecht selten in Verbindung gebracht. Bei den untersten 10%, den Arbeitslosen, höchstens prekär Beschäftigten, sieht es noch schlimmer aus, herrscht wachsendes Elend, Hoffnungslosigkeit, selbst Hunger –spätestens die zehntausendfach verhängten „Absenkungen der Regelsatzzahlungen“ treiben die Behördenopfer in Armenküchen der „Tafeln“.

In der Arbeitswelt traten seit den 90ern vermehrt Management-Berater auf. statt betrieblicher Mitbestimmung („traditionelle Strukturen“) sollten die Beschäftigten nun nach der Ideologie des Neoliberalismus sogenannte „Eigeninitiative und Selbstverantwortung“ üben –verdichtet zur „Eigenverantwortung“. In diesem Sinne hieß es zu den massenhaft Entlassenen: „Selber Schuld“. Arbeitsplatzvernichtung nach dem Rasenmäher-Prinzip, die übrigen sollen eben mehr arbeiten, unbezahlte Überstunden und Lohnverzicht üben, sonst geht ihr Betrieb pleite und sie fallen ins Hartz-IV-Elend. Im Namen der Globalisierung enteignete Schröders rotgrüne „Agenda 2010“ Arbeitnehmer endgültig ihrer Rechte und schuf die schöne neue Arbeitswelt als Drei-Klassen-Gesellschaft: Zwischen den Lohnabhängigen und dem lohndrückenden Reserveheer der Arbeitslosen wurde das Prekariat installiert, die Working-Poor. Waren Psychologen, Sozialarbeiter, Lehrer im Widerstand gegen diese Angriffe auf die arbeitende Bevölkerung wirklich genug engagiert? Wäre entschiedener politischer Widerstand nicht ihre moralische Pflicht gewesen? Hat sich nicht sogar manch einer vor den Karren neoliberal-reaktionärer Kampagnen spannen lassen, der es eigentlich besser hätte wissen können? Etwa der Unterzeichner der dünkelhaft-elitären Pro-Agenda-2010-Kampagne „Auch wir sind das Volk“, Nobelpreisträger und SPD-Barde Grass, der sich gern für Indien und Nahost engagiert, daheim aber das Hartz-IV-Regime stützte.

 „Ein Skandal ist deshalb, dass noch keiner derjenigen Berufsverbände, die im weiteren oder engeren Sinn mit Fragen des psychosozialen Bereichs und der Ethik befasst sind, diesen üblen Grenzüberschreitungen entgegengetreten ist und sich für die fundamentalen Persönlichkeitsrechte schwacher, ja in jedem Fall sich in einer Notlage befindlichen Bürger eingesetzt hat. (…) Darf ein gesellschaftliches Leitbild des ‚nach unten Tretens/nach oben Buckeln‘ weiterhin das Leitbild der einschlägigen Berufsverbände bleiben? Ein Skandal ist auch das anhaltende Schweigen der  Gruppen und Verbände der psychosozialen Kernberufe. Sie können nicht nur die epidemiologischen Folgen der zunehmenden Verarmung erkennen, sondern sind zudem Zeugen einer Verelendung politischer Entscheidungsgrundlagen.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger ebd.

Wie konnte ausgerechnet ein SPD-Kanzler, noch dazu in Koalition mit den Grünen, die Rechte der arbeitenden Bevölkerung derartig mit Füßen treten? Eine mögliche Erklärung liegt in den Medien, insbesondere bei einem Medienkonzern: Bertelsmann, Hauptsitz Gütersloh. Dieser größte europäische Mediengigant genießt bis heute bei politisch engagierten Bürgern einen guten Ruf, bei Medienkonzentration und Bewusstseinsindustrie denkt man immer noch eher an Springer. Mit Bertelsmann werden eher die Buchclubs, Verlage und Zeitschriften (Spiegel, Stern, Geo etc.) identifiziert und weniger sein  Kerngeschäft der schmuddeligen RTL-Senderfamilie. Erst 1998 konnte der Historiker Hersch Fischler in Archiven Beweise sichern, die Bertelsmann als Komplizen der Goebbelsschen Propaganda enttarnten. Dem Konzern gelang es jedoch, eine öffentliche Wahrnehmung seiner NS-Vergangenheit nahezu zu verhindern: Erst über Publikationen in der Schweiz und den USA konnte Fischler seine Reportage wenigstens punktuell in die deutsche Medienwelt bringen. Bertelsmanns Macht reicht weit, auch bis in öffentlich-rechtliche Sendeanstalten hinein, mit deren Top-Management ein munteres Personalkarussell betrieben wird.

Dem Konzern genügte jedoch die Medienmacht nicht, er baute seine Unternehmensstiftung zu einem führenden deutschen Think Tank nach US-Vorbild aus. Heute gibt es kaum ein Politikfeld, auf dem die Bertelsmann-Stiftung –aus Steuergründen inzwischen Haupteignerin des Konzerns– sich nicht einmischt: Durch tendenziöse Studien, mediale Kampagnen, meist aber durch stille Lobbyarbeit hinter den Kulissen. Studiengebühren, Rentenprivatisierung, Sicherheitspolitik und auch der Arbeitsmarkt sind strategische Wirkungsfelder der Gütersloher Lobbyarbeit, die auch Parteien (SPD, Grüne) und Gewerkschaften z.B. mit neoliberalen Bildungskonzepten infiltrierte. Vernetzung mit Parteien und Gewerkschaften erleichterten auch die Politikberatung der Regierung von Gerhard Schröder, den nicht zuletzt Spiegel, Stern und RTL zum „Medienkanzler“ stilisiert hatten.

Ab dem Jahr 2000 lancierte Bertelsmann Studien zur angeblichen Notwendigkeit der Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe (Hartz IV); 2003 beglückte Gütersloh die Politik mit dem Grundkonzept für die Job-Center (Hartz III); die Konzeption der Personal-Service-Agenturen (Hartz I) erarbeitete Bertelsmann gemeinsam mit McKinsey und der Bundesanstalt für Arbeit. Ein mediales Trommelfeuer gegen die bisherige Arbeitsmarktpolitik setzte pünktlich zum Wahlkampf 2002 die Regierung Schröder unter Druck –die damals zum „Vermittlungsskandal“ aufgeblasene statistische Mogelei der Bundesanstalt für Arbeit erscheint heute als Petitesse: Was sind ein paar geschönte Statistiken gegen die Schneise der strukturellen Gewalt und des sozialen Elends, die von den Hartz-Reformen in das untere Drittel unserer Gesellschaft geschlagen wurde?

Hartz IV setzt die gesamte arbeitende Bevölkerung, soweit nicht als unkündbare Beamte vor Arbeitslosigkeit geschützt, unter die Drohung des sozialen Absturzes ins Bodenlose. Haus, Wohnung, Lebensversicherung sind vom Langzeitarbeitslosen aufzuzehren, bevor er eine Art reduzierte Sozialhilfe bekommt, die anstelle der früheren Arbeitslosenhilfe getreten ist. Kritiker sprechen von einer brutalen Enteignung von Arbeitnehmerrechten, Unternehmen freuen sich über billige Leiharbeiter und die Medien jubeln über eine „aktivierende“ Arbeitsmarktpolitik: Mit solch einer Drohkulisse im Nacken lassen sich abhängig Beschäftigte auspressen wie nie zuvor –Burnout und andere psychosoziale Probleme sind die Folge. Nebenbei wird ein Überwachungsregime für die ökonomisch Benachteiligten installiert, das dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung Hohn lacht: Hartz-IV-Behörden schnüffeln heute im Privatleben der Arbeitslosen nicht nur nach Anzeichen für Schwarzarbeit, sondern auch nach versetzbaren Wertgegenständen, möglicherweise unterhaltspflichtig zu machenden Sexualpartnern und selbst nach auf der Straße erbetteltem Kleingeld. Mit der behaupteten Not der staatlichen Kassen oder der Schaffung von Gleichbehandlung hat diese Praxis nichts zu tun. Mit weit geringerem Aufwand wäre bei Steuerhinterziehern sehr viel mehr zu holen und sehr viel mehr Gerechtigkeit zu schaffen, doch das wird von den Ideologen der Steuersenkung nicht gewollt. Es geht um die politische und administrative Durchsetzung von Disziplinierung, ja geradezu menschenverachtender Dehumanisierung.

Weite Teile im unteren Drittel unserer Gesellschaft leben mit steigenden Bedrohungen ihres täglichen Auskommens, ihrer Teilhabe am kulturellen Leben und ihrer Gesundheit, von ihrer Menschenwürde ganz zu schweigen. Wir müssen befürchten, dass die Reichtumssteigerung künftig immer unverschämter unter Aufbietung aller denkbaren legalen, korruptiven und kriminellen Mittel betrieben wird. Die dabei zu verzeichnende Verstrickung von korrumpierten Medien mit einer Politik, die sich willig von Lobbyisten zu Vollstreckern dunkler Interessen machen lässt, verdient es durchaus, unter dem Aspekt der Makrokriminalität unter die Lupe genommen zu werden. Wo politische Korruption und Wirtschaftskriminalität wie Zahnräder eines gut geschmierten Mechanismus ineinandergreifen, da entstehen Gesetze, die nur noch formal demokratisch zustande gekommen sind. Aus diesen Gesetzen von Lobby- oder Schmiergelds Gnaden entwickelt sich ein Staat, der zwar keine Kriegsverbrechen und Völkermorde, wohl aber Wirtschaftskriminalität großen Stils legitimiert und dessen Regime mit dem Begriff Makro-Korruption treffend beschrieben sein mag.

Makrokriminalität setzt voraus, dass im staatlich installierten Unrechtsregime moralische Bedenken der Täter „neutralisiert“ werden. Eine der Neutralisierungstechniken, die Jäger untersuchte, lag in der Dehumanisierung der Opfer durch Abwertung, Stigmatisierung und Entmenschlichung.  Wie können wohl die Verlierer der neoliberalen Umverteilungspolitik, die Outsourcing-Opfer, tarifvertragslose Working Poor, Arbeitslose, Ein-Euro-Jobber, angesichts ihrer schrumpfenden finanziellen und Handlungsspielräume das ständige Reden in den Medien von mehr Eigeninitiative und Selbstverantwortung verstehen: Nur als Abwertung und Stigmatisierung oder schon als Entmenschlichung? Und sind Psychologen und Psychologinnen gegen ein Mitläufertum bei dieser Dehumanisierung resistenter als andere? Einfach und bequemer ist es allemal, sich als „nicht zuständig“ ins Private abzuwenden oder sogar die Medienparolen nachzuplappern.

 „Diese ganze Verrücktheit aushalten zu müssen, sich gegen sie psychisch zu organisieren, ist für ALG II-Bezieher –zusammen mit dem täglichen Leben unterm Existenzminimum, der hoffnungslosen Zukunftsaussicht, der sozialen Isolation und Stigmatisierung– ein weiteres traumatisierendes Erleben. Zeuge zu sein, wie sich beim Thema Hartz IV reihenweise diejenigen in Marie Antoinettes verwandeln (‚Wenn ihr kein Brot habt, dann esst doch Kuchen!‘), von deren hinreichender Vernunft und durchdachtem politischen Handeln man abhängig wäre, ist sicher nicht nur für die unmittelbar Betroffenen schockierend.“ Dipl.-Psych. Barbara Ellwanger ebd.

Im Gegensatz zu Steuerhinterziehern, zweifelhaften Lobbyisten undBtmBook korrupten Entscheidungsträgern brauchen die medial gehetzten „Sozialbetrüger“ nicht lange auf ihre Kriminalisierung zu warten. Die Behörden sind eigentlich für die Wahrung der Menschenwürde ihrer zu „Kunden“ geadelten Hartz-IV-Bezieher verantwortlich. Doch wird ihren Mitarbeitern im Rahmen rigoroser Sparprogramme als oberstes Ziel die Eindämmung angeblich überhand nehmenden „Missbrauchs“ von Sozialleistungen eingehämmert. Auf RTL & Co. zeigt Bertelsmann täglich die pöbelnden Proleten, die ihre Kinder verwahrlosen lassen, ihr Geld für Bier und dicke Plasma-Fernseher verplempern und so dumm sind, wie die Machteliten das Volk gerne hätten. Die Botschaft: Ein solches Pack darf man ruhigen Gewissens nach Strich und Faden ausbeuten –mit diesem Stereotyp im Kopf mag sich der sensible Nobelpreis-Literat Grass lieber indischen Kindern und drangsalierten Palästinensern zugewandt haben, was ehrenwert ist, aber sein Mitlaufen bei Bertelsmann-Kampagnen für Hartz-IV nicht rechtfertigen kann. Warum fanden sich allzu lange für solche Propaganda-Sendungen auch noch Psychologen und Psychologinnen, die der Hetze ihren Segen als Experten gaben? Diese Fragen sollten sich auch LeserInnen der ehemals kritischen Fachzeitschrift „Psychologie und Gesellschaftskritik“ stellen, die in den letzten Jahren jedoch echte Gesellschaftskritik zu meiden scheint.

(April 2012, eingereicht bei  Psychologie & Gesellschaftskritik abgelehnt Mai, überarbeitet und erneut eingereicht Juni 2012, erneut endgültig abgelehnt Juli 2012)

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Von Wilhelm Reich zu MKULTRA

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Wilhelm Reich

Thomas Barth

„Der Fall Wilhelm Reich“

Film-Trailer

Teil 1: Reich, die CIA und MKULTRA

Der Film des Österreichers Antonin Svoboda kommt Anfang September in die Kinos. Er zeichnet ein emotional anrührendes, aber ungenaues Bild des umstrittenen Pioniers der Psychoanalyse. Auseinandersetzungen Wilhelm Reichs mit Freud, Marx und dem Faschismus werden fast völlig übergangen. Dafür wartet Svoboda mit einer neuen Verschwörungstheorie auf: Reich wäre in MKULTRA, das Gehirnwäsche- und Folterforschungs-Programm der CIA, verstrickt worden –‚Manchurian Candidate‘ und ‚Fletchers Visionen‘ lassen grüßen.

Filmplakat

Svobodas empfehlenswerter Film kreist um die letzten Lebensjahre Wilhelm Reichs in den USA, wo man seine Bücher verbrannte, ihn psychiatrisch untersuchte und vor Gericht stellte. Viele erklärten den unbequemen Vorkämpfer einer sexuellen Befreiung schon zu Lebzeiten für verrückt, noch mehr taten das im Nachhinein. Die immer wieder kolportierte Behauptung, Reich sei „wahnsinnig“, „schizophren“ oder „paranoid“ geworden, basiert ursprünglich auf Diffamierungen aus Kreisen der Freudianer. Reich erlebte dort zunächst als Freuds Liebling einen kometenhaften Aufstieg, was viel Neid in der Jüngerschar weckte.

Die Frage „War Reich (‚am Ende‘) verrückt?“ beschäftigt seine Gegner, Interpreten und Anhänger, wobei das „am Ende“ jeweils den Punkt in Reichs Entwicklung markiert, den die Kommentatoren nicht mehr tolerieren oder begreifen können: Freudianer seinen Marxismus und seine Sexualpolitik, Marxisten seine Bion- und Orgon-Forschung, Orgon-Anhänger seine Ufo-Beobachtungen. Doch all diese Wendungen, auch die späteren, die heute phantastisch anmuten mögen, lassen sich ohne die diffamierende Annahme erklären, Reich sei wahnsinnig geworden. Umgekehrt lassen sich zahlreiche Belege dafür finden, dass Reich die Stigmatisierung „Wahnsinn“ von diversen Gegnern angehängt wurde, um ihn und seine unbequemen Ideen zu diskreditieren.

War Reich („am Ende“) verrückt?

Nach seinem Abfall von Freuds „reiner Lehre“ in Ungnade gefallen, wurde Reich in Freudianerkreisen zur Unperson erklärt und pathologisiert. Ähnliches war vor ihm schon den Dissidenten C.G.Jung, Otto Rank und Sandor Ferenczi widerfahren, über die ebenfalls Gerüchte von Unmoral, Irrsinn und Paranoia gestreut wurden – was der Freud-Kritiker Johannes Cremerius historisch belegte (S.155 ff.). Besonders unappetitlich war dabei die Praxis, intimste Details aus der (Lehr-) Analyse der Dissidenten, die unter strengster ärztlicher Schweigepflicht offenbart worden waren, mit Verleumdungen vermischt, gegen den vermeintlichen „Häretiker“ einzusetzen.

Auf solches Material greift noch heute eine bestimmte Kategorie von Journalisten zurück, um Reich als „Verrückten“ hinzustellen, etwa wenn Träume oder Phantasien angeführt werden, in denen Reich sich in Heldenpose sah – in Wahrheit narzisstische Wünsche, die fast jeder Mensch kennt, die aber keiner in die Öffentlichkeit gezerrt sehen möchte. Als letzten „Beweis“ seines angeblichen Wahnsinns werden dann oft seine schulmedizinisch nicht anerkannte Orgon-Lehre oder seine Aussagen zu Ufos in den 1950er-Jahren ins Feld geführt.

Doch sind Orgon-Anwender genausowenig wahnsinnig wie Homöopathie-Nutzer, die jenseits der Schulmedizin Heilung suchen – schlimmstenfalls nutzen sie den Placebo-Effekt. Auch Abertausende von US-Amerikanern erfreuten sich bester geistiger Gesundheit, obwohl sie in der Ufo-Hysterie der 1950er-Jahre entsprechende Sichtungen meldeten: Zeitweise glaubte die Mehrheit der US-Bevölkerung an die Aktivität von Außerirdischen.

(Abb. Gedenktafel der Berliner Wilhelm-Reich-Gesellschaft. Bild: Gedenktafel der Berliner Wilhelm-Reich-Gesellschaft. Bild: OTFW, Berlin. Lizenz: CC-BY-SA-3.0OTFW, Berlin. Lizenz: CC-BY-SA-3.0)

Oder tendieren manche Reich-Gegner zum „Autoritären Charakter“?

Svobodas Film ist auch eine Stellungnahme gegen die solcherart oft unreflektiert wiedergekäute „Reich-war-am-Ende-verrückt-Story“, von der bei Licht besehen wenig mehr bleibt als der Beißreflex der aufgehetzten Meute gegen einen Außenseiter. Solche Meute-Reflexe sind übrigens, um die Pathologisierung einmal umzudrehen, Kennzeichen des Autoritären Charakters: So festgestellt durch die von Reich mit seinem Buch „Massenpsychologie des Faschismus“ eingeleitete und von Adorno et al. fortgesetzte psychologische Faschismusforschung. Vornehmlich aus dieser Ecke kommt jetzt eine Flut von Film-Verrissen, die sich eigentlich – ohne genauere Sachkenntnis – gegen Reichs Ideen richten, sowie an Svobodas Adresse wohlfeile Vorhaltungen, er hätte Reich „mit zuviel Sympathie“ inszeniert.

Einem wohlwollenden oder wenigstens neutralen Blick erklärt sich Reichs zuweilen skurriles Denken und Verhalten mühelos aus seiner biographischen und zeitgeschichtlichen Situation. Wer wirklich Opfer von Intrigen, Bespitzelung und Verfolgung wird, verhält sich eben paranoid. Und die Aussagen von Ex-Frauen, auf die sich auch im „Fall Reich“ etliche Kolporteure stützen, sind von zweifelhaftem diagnostischem Wert – wie z.B. der „Fall Mollath“ belegt. Auch die wohl krasseste Pathologisierung Reichs, das Buch „Freud oder Reich?“ des Psychoanalytikerduos Janine Chasseguet-Smirgel und Béla Grunberger hält sich an Reichs Ex-Frau Ilse Ollendorff-Reich und ergänzt deren teilweise diffamierende Darstellung „vor allem durch eigene Spekulationen und Fehldarstellungen“, so eine medizinisch-historische Doktorarbeit zur Geschichte der Psychoanalyse (Peglau S.30).

Die Autoren [Grunberger & C.-Smirgel] fragen gar nicht, ob diese Theorie eine klinisch anzutreffende Wirklichkeit beschreibt, sondern deuten sie allein als Ausdruck einer Paranoia, als „wahnhaftes Bild“, das Reich „von seinem Körper hat“, als Symptom eines „Verfolgungswahns, bei dem jemand Angst davor hat, im Rektum seines Verfolgers gefangen und gelähmt zu werden“. Nur so lasse sich das Bild ringförmig um den Körper sich ziehender Muskelblockaden bei Reich erklären. Beobachtungen und Theorien werden auf dem Weg einer Pathologisierung abgetan.(Geuter/Schrauth: Wilhelm Reich, der Körper und die Psychotherapie, S.220)

Grunberger und Smirgel wollten 1976 vermutlich der Reich-Renaissance infolge seiner 68er-Wiederentdeckung eine Verteidigung der orthodoxen Psychoanalyse entgegensetzen:

  1. weil reichianische Körpertherapien als Konkurrenz zu den Freudianern mächtig Aufwind bekamen;
  2. weil mit Reich ein seit 1934 totgeschwiegener Dissident Fragen bezüglich der NS-Vergangenheit der Freudianer aufwerfen würde.

So propagierten Grunberger und Smirgel weiterhin den sorgsam gepflegten Mythos, die Psychoanalyse sei ab 1933 vom Nazi-Faschismus verboten, ja ausgerottet worden, ein Mythos, der spätestens mit Andreas Peglaus just erschienener enzyklopädischer Abrechnung „Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus“ als widerlegt gelten kann (Peglau S.25). Mit der Diagnose bzw. Bezichtigung der Paranoia durch die Freudianer steht Reich, wie wir in Teil 2 diese Artikels sehen werden, in einer Reihe pathologisierter Freud-Dissidenten, die weitere berühmte Namen wie C.G.Jung, O.Rank und S.Ferenczi aufweist.

Wahrscheinlich ist also: Reich war nicht verrückt, sondern er störte die Wiener Gemütlichkeit einer unpolitischen Psychoanalyse, die sich 1933 in Ruhe mit den Nazis arrangieren wollte. Er kämpfte mit der KPD gegen den Faschismus, später gegen den Stalinismus und am Ende in Amerika gegen die US-Behörden des McCarthy-Regimes. Psychoanalytiker und Kommunisten schlossen ihn aus ihren Vereinigungen aus, die Nazis trieben ihn ins Exil. Von der Presse als „Orgasmus-König“ denunziert und von der Justiz als Scharlatan verurteilt, starb der sechzigjährige Wilhelm Reich schließlich 1957 in einem US-Gefängnis.

Großes Gefühlskino gegen eine repressive Gesellschaft

Um diesen letzten Gerichtsprozess kreist Svobodas Film, der nicht den Anspruch einer Filmbiographie erhebt. Der Anfang folgt Mairowitz‘ Sach-Comic „Reich kurz und knapp“, wo Reich mit Sohn Peter an der Orgon-Kanone zu einem Rückblick auf seine Anfänge in der Sexualtheorie ausholt. Svoboda aber fokussiert sich dann auf die Gerichtsverhandlungen und die psychiatrische Begutachtung in Reichs letzten Lebensjahren, immer wieder unterbrochen von Rückblenden, die jedoch keinen geschlossenen Überblick über Leben und Werk der Hauptfigur vermitteln.

Reich wird als gütiger Ehemann, Vater und Arzt gezeigt, aber vor allem als Wissenschaftler, der die Entwicklung seiner Ideen und Methoden fast fanatisch vorantreibt und vor Gericht verteidigt. Stark ist die Verkörperung von Reichs widersprüchlichem Charakter durch Karl Maria Brandauer: Warmherzig, aber starrsinnig; wissenschaftlich rational, aber Gefühlen und phantastischen Ideen aufgeschlossen; strenger Moral verpflichtet, aber – vor allem geistig und sexuell – freiheitsliebend; loyal zum McCarthy-Regime, aber unbotmäßig gegenüber der Obrigkeit.

Svobodas Inszenierung eines brillanten Brandauer gelingt es mit verblüffender Überzeugungskraft, jenen Reich zum Leben zu erwecken, den die Leser seiner Werke zu kennen glauben. Gegen düstere Justizszenen stellt der Film atemberaubende Landschaftsaufnahmen aus der Wüste von Arizona und den Wäldern von Maine, wo Reich an einem ruhigen See das Orgonon-Institut gründete. Die Dramaturgie fängt atmosphärisch den Kern von Reichs Lehre ein: Die Harmonie von Natur und Leben wird durch eine repressive Gesellschaft stranguliert – der Mensch steht dazwischen, kämpft um seine Freiheit und seinen Seelenfrieden. Der Darstellung gelingt es dabei, die üblichen Stereotype einer Hollywood-Schnulze zu vermeiden, was ihm freilich von einigen schmalzverwöhnten Filmkritikern den Vorwurf „hölzerner Dialoge“ einbrachte.

Diesem großen Gefühlskino unterlegt ist eine hochbrisante Geheimdienststory, in deren Zentrum als Widersacher Reichs der Psychiater Dr.Cameron steht. Historische Tatsache ist, dass Cameron sich als Präsident der US-Psychiatervereinigung A.P.A. persönlich für die Kriminalisierung Reichs einsetzte. Der Clou von Svobodas Story: 40 Jahre später erfuhr man, dass Cameron damals Chef des streng geheimen MKULTRA-Programms der CIA war, bekannt auch als „Projekt Artischocke“. Dort wurden verbrecherische Menschenexperimente aus dem KZ Dachau fortgesetzt, deren führender Nazi-Arzt, der stellvertretende Reichsärzteführer Dr. Kurt Blome, dafür eigens amnestiert und angeworben worden war (Rippchen S.55, Boadella S.331).

Ziel Camerons war die Auslöschung der Persönlichkeit, um eine totale Gehirnwäsche zu ermöglichen, wofür der A.P.A.-Psychiater sich in Svobodas Film eines jungen Patienten von Wilhelm Reich bemächtigt. Der Orgon-Forscher steht unversehens im Fadenkreuz der US-Geheimdienste. In Reichs Orgonon-Institut schleusen FBI oder CIA Spitzel ein, setzen ihm eine hübsche junge Frau als Venusfalle in den Pelz.

Tatsache ist: Die US-Administration lieferte Reich einerseits radioaktives Material für seine Orgonforschung, erklärte jedoch später seine medizinisch eingesetzte Orgon-Box für Betrug. Die FDA (Food and Drug Administration) verbot deren Verwendung, sorgte für die Zerstörung von Reichs Gerätschaften und sogar für eine Verbrennung seiner Bücher: In den USA ein unerhörter Eingriff in Freiheitsrechte, der widersinnig damit begründet wurde, es handle sich um „Werbematerial“ für die verbotene Orgon-Box, obwohl die meisten Bücher sich nicht oder nur am Rande damit befassten.

Svoboda deutet an, es sei in Wahrheit um die Geheimhaltung von Technologie gegangen, die für MKULTRA missbraucht werden sollte. Eine Rolle spielt auch das ebenfalls strikt geheime Atomprogramm der USA, damals war über die Strahlung und ihre Wirkungen auf den Menschen noch wenig bekannt. Im Film hört man zuweilen dumpfe Detonationen von Atombombentests, was eine unheilvolle Atmosphäre schafft.

J.Edgar Hoover, McCarthy und die Atombombe

Der Film liefert jedoch nur wenig Hintergrund über Paranoia und Antikommunismus der McCarthy-Ära, wo in den USA missliebige Künstler verfolgt und Wissenschaftler hingerichtet wurden, weil sie die Sowjets über Atomforschung informiert hatten. Der Antikommunismus hatte Formen einer landesweiten Hexenjagd angenommen, die rassistischen und sexistischen Ideologien folgte. Davon sieht man bei Svoboda wenig, wie auch vom Wirken eines J. Edgar Hoover, der als graue Eminenz hinter McCarthy ab 1934 das FBI zu einem Überwachungs-Moloch ausgebaut hatte – in dessen Tradition heute die NSA und PRISM zu stehen scheinen. Militär und Geheimdienste der USA verdichten sich immer mehr zu einem geschlossenen Machtkomplex, etwa beim von FBI und Pentagon gemeinsam geplanten Biometric Technology Center in Clarksburg, zunehmend ergänzt von privaten Medien- und Netzkonzernen, die nach den menschlichen Beziehungen greifen (Barth/A.-Scheidl 2007).

Hoovers FBI belauschte alles und jeden im Dienste von „Verbrechensbekämpfung“ und homophobem Puritanismus und legte von allen wichtigen Politikern Akten an, zu denen nur Hoover Zugang hatte. Außerehelicher Sex oder gar die strafrechtlich verbotene Homosexualität machten Politiker erpressbar und das FBI sammelte Tonbänder und Fotos davon. Hoover beherrschte das FBI viele Jahrzehnte und lehnte sogar eine Nominierung als US-Präsident ab, weil er seinen Posten für bedeutsamer hielt. Wer, wie Wilhelm Reich, in dieser Zeit ins Visier der übermächtigen US-Geheimdienste geriet, hätte verrückt sein müssen, um kein paranoides Verhalten zu zeigen. Wie Teufelswerk müssen in Hoovers puritanischen Ohren Reichs Theorie des Orgasmus und seine These vom sexuellen Triebstau als Wurzel von Sadismus und politisch reaktionärer Haltung geklungen haben.

Dazu kam, dass Reich nicht nur als Ex-Marxist verdächtig war, sondern auch zum scharfen Kritiker der Atomforschung wurde. Seine Orgon-Experimente hatten ihm Gefahren der Strahlenverseuchung offenbart, über die noch wenig bekannt war. Die US-Militärs wollten aber ihre atomare Bewaffnung bzw. die Atomtests fortsetzen und die Strahlenwirkung geheim halten. Die US-Bevölkerung sollte nicht beunruhigt werden, die Sowjets sollten keine medizinischen Erkenntnisse erhalten, um sich nicht gegen einen atomaren US-Angriff schützen zu können.

Reich hatte hochbrisantes Wissen allein auf dem Gebiet des Atoms – und den Willen, es notfalls gegen das Atomprogramm einzusetzen. Reich hatte sich mit dem mächtigen Militär-Geheimdienst-Apparat der USA angelegt, damals noch staatlich, heute zunehmend privatisiert (Barth 2009 S.90 f.). Svoboda brauchte vermutlich seine dichterische Freiheit für den eingeführten Agenten-Plot nicht allzu sehr zu strapazieren.

Orgon-Prozess: Zwei Verurteilte starben

Dabei entgeht Svobodas Film sogar, dass Reich nicht der einzige Orgonforscher war, welcher der US-Justiz zum Opfer fiel. Er wurde vielmehr zusammen mit seinem Kollegen Dr. Michael Silvert von der FDA vor Gericht gebracht. Auch Dr.Silvert, der trotz FDA-Verbot einige seiner Patienten weiterhin mit der Orgon-Box behandelt hatte, erhielt dafür eine Haftstrafe, wenn auch nur von einem Jahr. Beide traten ihre Haftstrafen im März 1957 an, Reich starb im November in seiner Zelle, zwei Wochen später hätte das Gericht über seine Entlassung auf Bewährung entscheiden sollen, schreibt A.S.Neill (Neill S.447). Silvert wurde im Januar 1958 zwar entlassen, starb aber kurz darauf ebenfalls – durch Selbstmord, weil er über die Zerstörung seines Lebenswerks „tief deprimiert“ war, wie der Reich-Biograph David Boadella meint (Boadella S.387).

Die Gruppe von Anhängern und Wissenschaftlern, die Reich um sein Orgonon-Institut versammelt hatte, wurde durch Verurteilung, Inhaftierung und schließlich Tod ihrer beiden exponiertesten Vorkämpfer zutiefst getroffen. Sie wurden demoralisiert und praktisch außer Gefecht gesetzt, wie ihr Prozessbeobachter Myron Sharaf berichtet (Sharaf S.412 ff.). Silvert, Reich und die Wilhelm Reich Foundation wurden in drei Schuldsprüchen nach nur knapp 15 Minuten Beratungszeit von den Geschworenen schuldig gesprochen.

Svobodas Film ist lobenswert als Teil einer sich scheinbar anbahnenden Reich-Renaissance, die mit der Einrichtung eines Wilhelm-Reich-Museums durch die Stadt Wien begann – was dem Filmemacher wohl den Weg zu Fördergeldern öffnete. „Der Fall Wilhelm Reich“ ist jedoch in seiner Tragweite und Bedeutung kaum einzuschätzen, wenn man nicht die Hintergründe von Reichs Rolle in der Entwicklung der Psychoanalyse, von seiner politisch revolutionären Arbeit für Sexualpolitik, Freudomarxismus sowie Faschismuskritik und schließlich seine phantastisch anmutenden Entdeckungen in Biologie und Orgon-Forschung kennt.

Auf den ersten beiden Feldern ernteten Schüler, Epigonen und Nachfolger die Lorbeeren Reichscher Forschung, darunter große Namen wie Adorno, Marcuse, Fromm, Kinsey. Bei der Orgon-Thematik aber wurde Reichs Verstrickung in die 50er-Jahre-Ufo-Hysterie der USA für oberflächlich informierte Kommentatoren Anlass, Reich spöttisch als Spinner abzutun, der in seinen letzten Jahren angeblich verrückt geworden sei. Svoboda verteidigt Reich gegen derartig billige Denunziation, obgleich sich sein Film weitgehend um Sex und Politik (bzw. Freud und Marx) sowie um die schwierige Ufo-Thematik herumdrückt. In drei weiteren Teilen sollen diese Themenkomplexe hier ergänzend dargestellt werden.

Literaturverzeichnis

Vollversion des Artikels seit 4.Sept.2013 auf Telepolis
Der Fall Wilhelm Reich“ Teil 2: Psychoanalyse und Todestrieb

Freud sah in Reich seinen begabtesten Schüler, der Libidotheorie, Sexualwissenschaft und den Begriff der psychischen Gesundheit entfaltete. Selbst für orthodoxe Freudianer bleibt Reichs „Charakteranalyse“ ein Basiswerk ihrer Lehre. Reich verwissenschaftlichte die psychoanalytische Behandlungstechnik und formulierte Grundlagen psychotherapeutischer Methoden überhaupt. Viele seiner Ideen wurden nach seiner Ausschließung aus den Zirkeln der Psychoanalyse von anderen Analytikern übernommen –fast immer ohne auf ihren verfemten Urheber hinzuweisen….

Vollversion des Artikels seit 8.Sept.2013 auf Telepolis
Der Fall Wilhelm Reich“ Teil 3: Von Sexpol zum Freudo-Marxismus

Wilhelm Reich politisierte die Psychoanalyse zur sexuellen Aufklärung und kämpfte gegen die Verbote von außerehelichem Sex, Verhütung, Abtreibung, Masturbation und gegen autoritäre und repressive Erziehung. Reich gewann dafür zunächst Arbeiterbewegung und KPD als Verbündete. Die Zunft der etablierten Psychoanalytiker wollte seine Sexualpolitik nicht unterstützen und nicht einmal seinen Kampf gegen den Nazi-Faschismus. Die Freudianer grenzten Reich aus, doch nicht nur sie. Auch eine unter Stalins Einfluss prüde gewordene KPD schloss ihn aus der Partei aus. …

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Der Fall Wilhelm Reich“ Teil 4: Orgon, Ufos und Paranoia

Die Bioenergetik des Reich-Schülers Alexander Lowen entwickelte Reichs Ideen über die Psychologie und Sexualökonomie des Orgasmus weiter. Seine „Vegetotherapie“ findet heute in diversen Körpertherapien ihre Fortsetzung. Auf den ersten Blick phantastisch anmutende Erkenntnisse Reichs über die „Bione“ wurden später von der Biologie erneut entdeckt und unter dem Namen „Mikrosphären“ teilweise bestätigt. Auch die gerichtlich verfolgten und verbotenen Arbeiten aus der Reichschen Orgon-Forschung finden bis heute ihre Anhänger. …

Vollversion des Artikels seit 14.Sept.2013 auf Telepolis

Quellenverzeichnis:

Barth, Thomas: 50 Jahre Brain Warfare. Artischocke, MK-Ultra und unsere tägliche Medien-Gehirnwäsche, in: Telepolis 10.04.2003, http://www.heise.de/tp/artikel/14/14578/1.html

Barth, Thomas: Das Netz der Macht. Michel Foucault zum 20.Todestag, in: Telepolis 25.06.2004, http://www.heise.de/tp/artikel/17/17734/1.html

Barth, Thomas: Heilen mit Information? Homöopathie-Gründervater Samuel Hahnemann feiert 250.Geburtstag, in: Telepolis 31.01.2005, http://www.heise.de/tp/artikel/19/19341/1.html

Barth, Thomas (Hg.): Bertelsmann: Ein globales Medienimperium macht Politik, Hamburg 2006

Barth, Thomas u. Roland Alton-Scheidl: Wem gehören die Beziehungen im Netz? Individualisierung, Ökonomie und Herrschaft im Web2.0, in: Ries, M. u.a. (Hg.): dating.21: Liebesorganisation und Verabredungskulturen, Bielefeld 2007, S.225-241

Barth, Thomas: Von Bertelsmann zu Blackwater: Die Privatisierung der Gewalt, in: Altvater, Elmar u.a.: Privatisierung und Korruption: Zur Kriminologie von Globalisierung und Finanzkrise, Hamburg 2009, S.88-98

Barth, Thomas: 60 Jahre LSD-Experimente – Operation Erleuchtung, in: Telepolis 23.12.2010, http://www.heise.de/tp/artikel/33/33846/1.html

Bechmann, Arnim: Über Wilhelm Reichs Orop-Wüste und Orgonforschung, Frankfurt/M. 1995

Bergmann, Anna: Sexualhygiene, Rassenhygiene und der rationalisierte Tod. Wilhelm Reichs ‚sexuelle Massenhygiene‘ und seine Vision von einer ‚freien‘ Sexualität, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.273-297

Boadella, David: Wilhelm Reich. Pionier des neuen Denkens. Eine Biographie, München 1998 (engl. Original ersch. 1980)

Burian, Wilhelm: Psychoanalyse und Marxismus. Eine intellektuelle Biographie Wilhelm Reichs, Frankfurt/M. 1972

Cremerius, Johannes: Der „Fall“ Reich als Exempel für Freuds Umgang mit abweichenden Standpunkten, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.141- 172

Dahmer, Helmut: Psychoanalytiker in Deutschland 1933-1951, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.173-193

Dahmer, Helmut: Wilhelm Reich, die Psychoanalyse und die  Politik, Vorwort zur Dissertationsschrift von Andreas Peglau 2013, S.11-17

Fallend, Karl und Bernd Nitzschke (Hg.): Der „Fall“ Wilhelm Reich. Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik, Psychosozial-Verlag: 2.Aufl. Gießen 2002

(Anm. Der Band bildet übrigens nicht direkt die Vorlage für Svobodas (fast) gleichnamigen Film; vielmehr entdeckte man die Namensgleichheit erst beim Vertrieb des Films und einigte sich nach Auskunft des Verlages darauf, zum Ausgleich für evtl. verletzte Urheberrechte den Pressematerialien der Filmvertriebsfirma einen Hinweis auf das Buch beizulegen, was außer mir jedoch keinen Filmkritiker inspiriert zu haben scheint, sich den Band vor Abfassen der Filmbesprechung zu Gemüte zu führen –was wiederum das Überwiegen der Verrisse von Reich bzw. Svoboda erklären könnte. T.B.)

Fallend, Karl: „Otto Fenichel und Wilhelm Reich. Wege einer politischen und wissenschaftlichen Freundschaft zweier „Linksfreudianer“, in: Fallend/Nitzschke S. 31-81

Fromm, Erich: Sigmund Freud. Seine Persönlichkeit und seine Wirkung, Frankf./M. 1980, (Or.1959)

Geuter, Ulfried u. Norbert Schrauth: Wilhelm Reich, der Körper und die Psychotherapie, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.197-227

Hartmann, Sebastian u. Siegfried Zepf: Sankt Wilhelm –oder die wahre Wahrheit eines ‚wahren Sozialisten‘, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.229-252

Koch, Egmont R. und Michael Wech: Deckname Artischocke: Die geheimen Menschenversuche der CIA, München 2002

Köhler, Thomas: Das Werk Sigmund Freuds Bd.1, Frankfurt 1987

Konitzer, Martin: Wilhelm Reich zur Einführung, Hamburg 1992

Körbitz, Ulrike: Zur Aktualität sexualpolitischer Aufklärung im post-sexuellen Zeitalter, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.253-271

Laska, Bernd A.: Wilhelm Reich, Reinbek 1981

Lassek, Heiko: Über Wilhelm Reichs Bionexperimente, Frankfurt/M. 1995

Mairowitz, D.Z. u. G.Gonzales: Reich kurz und knapp (Sach-Comic), Frankfurt 1995

Neill, A.S.: Der Mensch Reich (W.Reich Memorial Vol., Nottingham 1958), dt.Fassung in: Boadella S. 438-450

Nitzschke, Bernd: „Ich muss mich dagegen wehren, kaltgestellt zu werden“, in: Fallend/Nitzschke 2002, S.83-139

Peglau, Andreas: Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus (als Dissertationsschrift angenommen von der Berliner Charité 2012), Psychosozial-Verlag: Gießen 2013; Peglau liefert die vollständigste und aktuellste Bibliographie zu Reich, der nur die Reich-Biographie von Rycroft entgangen zu sein scheint.

Raknes, Ola: Wilhelm Reich und die Orgonomie, Frankfurt/M. 1973 (Original Oslo 1970).

Reich, Wilhelm: Die Entdeckung des Orgons I: Die Funktion des Orgasmus. Sexualökonomische Grundprobleme der biologischen Energie, Frankfurt/M. 1983 (Original 1927, erw.Neuaufl. 1942) –Quellennachweise für Reich-Werke jeweils anhand der fett gesetzten Jahreszahl-

Reich, Wilhelm: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral, Frankfurt/M. 1981 (Original 1932, 2.erw.Neuaufl.)

Reich, Wilhelm: Charakteranalyse, Frankfurt/M. 1983 (Original 1933a, erw. Neuaufl. 1949)

Reich, Wilhelm: Massenpsychologie des Faschismus. Zur Sexualökonomie der politischen Reaktion und zur proletarischen Sexualpolitik, Amsterdam 1980 (Original 1933b)

Reich, Wilhelm: Die sexuelle Revolution: Zur charakterlichen Selbststeuerung des Menschen, Frankfurt/M. 1975 (Original 1935)

Rippchen, Ronald: Operation Erleuchtung. 60 Jahre LSD-Experimente, Löhrbach 2011

Rudolph, Christian: Über Wilhelm Reichs Oranur-Experiment (II), Frankfurt/M. 1997

Rycroft, Charles: Reich, London 1971

Sharaf, Myron R.: Der Prozeß gegen Wilhelm Reich, in: Boadella S. 395-419

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Links zu Psychoanalyse, Sigmund Freud und Wilhelm Reich:
Fallend/Nitzschke: Der „Fall“ Wilhelm Reich –Vorwort zur Neuausgabe 2002 (mit Bibliographie)

Wilhelm Reich: Der genitale und der neurotische Charakter. Untersuchungen über die libido-ökonomische Funktion des Charakters, in: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XV 1929 (Heft 4), S.435-455

Wilhelm Reich: Die charakterologische Überwindung des Ödipuskomplexes, in:Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XVII 1931 Heft 1,S.55-72

Umstrittener Reich-Artikel nebst anti-kommunistischer Replik des Reich-Gegners Bernfeld (nach Intervention Freuds ins Heft aufgenommen)  und Reichs Bemerkung dazu:

Wilhelm Reich: Der masochistische Charakter. Eine sexualökonomische Widerlegung des Todestriebes und des Wiederholungszwanges 303-351/Siegfried Bernfeld: Die kommunistische Diskussion um die Psychoanalyse und Reichs „Widerlegung der Todestriebhypothese“ 352-385/
Wilhelm Reich: Abschließende Bemerkungung zur „Gegenkritik“ Bernfelds 386, in: Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse XVIII 1932 Heft 3

Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie I 1934 Heft 1

Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie (1935)

Zeitschrift für politische Psychologie und Sexualökonomie Band III Heft 1/2 (8/9) (1936)

Wilhelm Reich (1935) Masse und Staat. Zur Frage der Rolle der Massenstruktur in der revolutionären Bewegung. [Politisch-psychologische Schriftenreihe der Sex-pol IIIa] (1935)

Alessio Tognetti: A Research in the History of Wilhelm Reich’s Ideas and the Search for Evidence Through his Cloud Buster Machine (2002)

Audio/visuelle Medien

Wilhelm Reich and the Orgonomy of Anarchism (Audio)

Film

Wilhelm Reich – Man’s Right to Know (2002) Documentary on Wilhelm Reichs „The Mass Psychology of Fascism“

Links zu Sigmund Freud:

The Complete Works of Sigmund Freud

Freud: Gesammelte Schriften VI. Zur Technik / Zur Einführung des Narzissmus / Jenseits des Lustprinzips / Massenpsychologie und Ich-Analyse / Das Ich und des Es / Anhang (1925)

Sigmund Freud zur Verleihung des Goethepreises 1930, in: Psychoanalytische Bewegung II 1930 Heft 5 (1930)

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Die Wilhelm Reich SexPol-Bewegung

Die SexPol-Tradition geht auf die Berliner Zeit von Wilhelm Reich zurück (1930-33).
Sexuelle Ökonomie, die neben der Wirtschaft das Leben bestimmt, sollte ein revolutionäres Forum und eine politische Organisation erhalten. Psychoanalyse und KPD vereitelten diesen Versuch und so blieben die sexuellen Gesellschaftsprozesse weitgehend privat. Die 68er Studentenbewegung erkannte erneut das politische-sexuelle Gesellschaftspotential und gründete in Berlin die SexPol Nord. Sie ging leider in andere politische Organisationen auf und konnte sich auch 1969 nicht erneut reformieren.  (Mehr…)   http://www.wilhelm-reich-sexpol.de/

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Repressionsfreie Erziehung: A.S Neill’s Summerhill School

Der Reformpädagoge A.S.Neill war bis zuletzt ein sehr guter Freund von Wilhelm Reich. Neill sah die Psychologie von Reich als Basis seiner Pädagogik, Reich sah seine Ideen einer repressionsfreien Erziehung von Neill verwirklicht. Reich gab seinen Sohn Peter auf die Schule von Neill: Summerhill. Die Schule wurde 1921 von Neill in Dresden (Deutschland) gegründet, zog bald nach Österreich um, wo die Katholische Kirche jedoch unwirsch reagierte -Neill übersiedelte 1923 nach Südengland in die Stadt Lyme, wo Summerhill noch immer floriert.

Summerhill ist eine Demokratische Schule in Leiston (Suffolk, England) und gilt als eine der ältesten demokratischen Schulen der Welt. A. S. Neill gründete sie 1921 zu einer Zeit, als Reformpädagogik populär war. Die Anfänge von Summerhill liegen in der „Neuen deutschen Schule“ in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden. Die „Neue deutsche Schule“ vereinigte viele Strömungen der deutschen Reformpädagogik. Neill war auf Grund des günstigen Wechselkurses zwischen englischem Pfund und Reichsmark in der Lage, einer der wesentlichen Geldgeber dieser Schule zu sein, und gliederte ihr eine „internationale Schule“ an. Die strikte Moral der von der deutschen „Wandervogel“-Jugendbewegung her kommenden Reformpädagogen (sie lehnten z.B. Tabak und Alkohol ab) ließ Neill bald nach Österreich umsiedeln, nach Sonntagberg, wo es jedoch zu Konflikten mit der örtlichen Bevölkerung und Kirche kam. Nach weiteren  Problemen mit den österreichischen Schulbehörden gab Neill die Eröffnung einer Privatschule  im Mai 1924 auf und ging nach Südengland.

Derzeit wachsen rund 90 Kinder und Jugendliche verschiedener Nationen im Alter von 5 bis 17 Jahren in dem Internat auf. Nach dem Tod des Gründers im Jahre 1973 übernahm seine Frau Ena und ab 1985 ihre Tochter Zoë Neill Readhead die Schulleitung. Neills Ideen über die Schule sind u.a. auf seinem Vorbild Homer Lane begründet. Es gab eine „Schulgemeinde“, in der die Kinder und Lehrkräfte wichtige Fragen des Schulalltags gleichberechtigt regelten. Neill legte drei Hauptmerkmale von Summerhill fest:

  1. „Self-government“ (Schüler-)Selbstregierung
  2. freiwilliger Unterrichtsbesuch
  3. Werkstätten für die Schüler

Den Kindern wurde somit viel Freiheit gegeben, jedoch waren sie nicht frei von Regeln. Es galt das Prinzip freie Erziehung und nicht frei von Erziehung, wie es in den 1960er Jahren während der Studentenbewegung in Deutschland missinterpretiert wurde, siehe hierzu auch die Problematik des Begriffs antiautoritäre Erziehung, den A.S. Neill selbst nie verwendete. Neill bezeichnet seine Praxis als selbstregulative Erziehung.

A.S.Neill wollte es den Kindern ermöglichen, ihr eigenes Leben zu leben, nicht das, was ihnen Autoritäten wie Eltern oder Erzieher vorschreiben: The function of the child is to live his own life – not the life that his anxious parents think he should live, nor a life according to the purpose of the educator who thinks he knows best.

Im Jahr 1999 war Summerhill, u. a. wegen des freiwilligen Unterrichts, von der Schließung durch die Schulbehörden bedroht. Der Gerichtsprozess vor dem Independent Schools Tribunal im März 2000 ging überraschend zu Gunsten der Schule aus. Das Gericht stellte fest, dass sich Lernen nicht immer notwendigerweise im Unterricht ereignen müsse, und unterband die außergewöhnlich häufigen Inspektionen der Schule.  (Wikipedia)

A.S Neill’s Summerhill School, a co-educational boarding school in Suffolk, England, is the original alternative ‚free‘ school.
Summerhill was founded in 1921 by A. S Neill, a Scottish writer and rebel.
He created a community in which children could be free from adult authority. The school and his ideas became world-famous through Neill’s writings and lectures, his books are still published worldwide. In the late 60s Neill’s success at Summerhill was finally recognised and he was awarded honorary degrees from the Universities of Newcastle, Exeter and Essex. He was also recognised amongst the top 12 men and women who have influenced British schooling during the last millennium by the Times Educational Supplement (31.12.1999).

Founded in 1921, Summerhill still  continues to be an influential model for progressive, democratic education around the world.
Link: http://www.summerhillschool.co.uk/

History:

Summerhill was founded in 1921 in Hellerau, a suburb of Dresden. It was part of an International school called the Neue Schule. There were wonderful facilities there and a lot of enthusiasm, but over the following months Neill became progressively less happy with the school. He felt it was run by idealists – they disapproved of tobacco, foxtrots and cinemas – while he wanted the children to live their own lives. He said:

I am only just realising the absolute freedom of my scheme of Education. I see that all outside compulsion is wrong, that inner compulsion is the only value. And if Mary or David wants to laze about, lazing about is the one thing necessary for their personalities at the moment. Every moment of a healthy child’s life is a working moment. A child has no time to sit down and laze. Lazing is abnormal, it is a recovery, and therefore it is necessary when it exists.

Together with Frau Neustatter (later his first wife), Neill moved his school to Sonntagsberg in Austria. The setting was idyllic – a castle on top of a mountain – but the local people, a Catholic community, were hostile. By 1923 Neill had moved to the town of Lyme Regis in the south of England, to a house called Summerhill where he began with 5 pupils. The school continued there until 1927, when it moved to the present site at Leiston in the county of Suffolk, taking the name of Summerhill with it.

Neill continued to run the school with Mrs Lins, as she was known, until the war required evacuation of the Leiston house and they moved to Ffestiniog in Wales. Mrs Lins became ill, requiring constant nursing, and eventually died. Neill later married a staff at the school, Ena Wooff – who had helped to nurse Mrs Lins as well as cooking and being a housemother at the school. After the war they returned to Leiston to a dilapidated Summerhill which had been used by the army and left in a poor state. Neill referred to this for many years afterwards, having to put much work into restoring the buildings and cleaning them up.

The school continued to be controversial, being depicted in the press as the „Do As You Please“ school. Neill, however, did have the respect of many educationalists and well-known personalities such as, among others, Bertrand Russell and Henry Miller.

Pupil intake fluctuated over the years before taking a final dive in the late 50s. Things were looking black as the pupil numbers reached around 25. However, at that time Neill was approached by Harold Hart, a publisher from USA, who wanted to publish a compilation of Neill’s books. Together they put the book ‚Summerhill – a radical approach to childhood‘, on the market. It was an instant hit in the USA rising to the number one non-fictional best seller nationally. It was soon published in UK and many other countries and things began to take a turn for the better at Summerhill. Pupil numbers went up, many from the USA; interest in the school bloomed

Mit Michel Foucault im Netz der Macht

Thomas Barth FouTB

Michel Foucault glänzte als Denker und Provokateur, als undogmatischer Linker und Gegenspieler Sartres. Er verstand es, sich erfolgreich einer disziplinierten Wissenschaft zu entziehen: Die Philosophie nannte ihn einen Historiker, Historiker sahen in ihm den Philosophen; Marxisten warfen ihm „infantile leftism“ vor, weil er, wie er selbst mutmaßte, sich weigerte, die obligatorischen Marx-Zitate in seine Schriften einzuflechten. Statt dessen nannte er Marx gern einen „berühmten Nach-Hegelianer“, dessen Reduktion des Menschen auf die Arbeit man vergessen solle.

Auch seine Bekenntnisse zu Nietzsche und Heidegger, den beiden gern als Nazi-Philosophen abgetanen Vordenkern postmoderner Aufklärungskritik, machten ihn verdächtig. Foucaults schwer fassbarer, netzartiger Begriff von Macht ist kaum mit orthodox-marxistischen Vorstellungen kompatibel, weshalb der Denker der Kommunistischen Partei Frankreichs auch schnell den Rücken kehrte.
Die Biographie Foucaults ist reich an Brüchen und Verwerfungen persönlicher und politischer Natur. In zwölf Semestern Studium an der Pariser École normale supérieure brachte der Sohn eines Mediziners es auf drei Abschlüsse (Philosophie/Psychologie) sowie zwei Selbstmordversuche. Er lehrte und forschte dann 1955-59 in Schweden, Polen und Hamburg. 1961 erhielt er den Doktortitel mit „Wahnsinn und Gesellschaft“, eine Geschichte der Ausschließung der Irren im Zusammenhang der Entfaltung abendländischer Vernunft. Die Schrift brachte ihm, wie er sagte, noch 20 Jahre nach der Publikation wütende Briefe von Psychiatern ein. Sein nächstes großes Werk „Die Ordnung der Dinge“ machte ihn 1966 als strukturalistischen Gegenspieler Sartres berühmt. 1970 wird Foucault Professor für die Geschichte der Denksysteme am Collège de France, entwirft ein Programm für die Erforschung diskursiver und sozialer Ausschließungen. 1971 Gründungsmitglied der G.I.P. (Gruppe Gefängnisinformation), deren Arbeit mit Häftlingen zur Kritik an Zuständen im französischen Justizapparat bis hin zu Gefängnisrevolten führt.

1974 deckt Foucault mit „Überwachen und Strafen“ gemeinsame Panopticon1Wurzeln von Liberalismus und Einsperrung, von Freiheitsrechten und Disziplinarinstitutionen auf: Der Panoptismus, die Überwachung vieler durch wenige, erscheint als dunkle Seite der Aufklärung, welche die traditionelle Kritik von Staat und Ökonomie bislang ausgeblendet hatte. Anders als die Frankfurter Schule (Horkheimer/Adorno) sieht Foucault jedoch Widerstandspotentiale jenseits des gescheiterten marxistischen Projekts. 1976 in „Der Wille zum Wissen (Sexualität und Wahrheit 1)“ lokalisiert Foucault den zentralen Mechanismus einer „Bio-Macht“ in der Kontrolle menschlicher Sexualität, die das Subjekt in seinen Lüsten und Begierden wie die Bevölkerung in der Reproduktion erfasst.

Mikrophysik der Macht

Doch Foucault war nicht nur Wissenschaftler. Immer wieder zog es ihn zu Brennpunkten der Krise westlicher Zivilisation. 1978 berichtete er als Journalist aus Teheran über die erste erfolgreiche Revolution islamischer Fundamentalisten, die im Iran das CIA-gestützte Folterregime des Schahs besiegen: der Beginn der heutigen islamischen Bedrohung der USA. Vier Jahre später war er in Polen und unterstützte mit Hilfstransporten die Gewerkschaft Solidarnosch, die das Ende des „realen Sozialismus“ und der Blockkonfrontation einleitete. Ende der 70er-Jahre, bei Aufenthalten in der schwulen SM-Szene Kaliforniens (Foucault machte keinen Hehl aus seinen Neigungen, bezeichnete sie im Interview als zu gewöhnlich und banal, um sie dem Publikum vorzuenthalten), infizierte er sich vermutlich mit dem damals noch unbekannten HI-Virus. Er starb am 25.6.1984 an Aids. Seine beiden letzten, im selben Jahr erschienenen Bücher „Der Gebrauch der Lüste“ und „Die Sorge um sich“ (Sexualität und Wahrheit 2 u.3) werden als Versuch gedeutet, eine postmoderne Ethik der Selbstkonstituierung zu formulieren.

Anstelle der proletarischen Weltrevolution prognostizierte Foucault den „Tod des Menschen“ bzw. „des Subjekts“: Diese Thesen wurden von Sozialwissenschaftlern der Generation 68 Anfang der 90er-Jahre noch unverstanden als Beweis der Verrücktheit Foucaults laut deklamiert, dann aber zunehmend kontrovers diskutiert. Für Foucault sind „Mensch“ und „Subjekt“ Formationen in der diskursiven Ordnung der Humanwissenschaften und damit Teil eines heute auf dem Rückzug befindlichen Macht-Wissens-Komplexes. Das Subjekt kann nicht mehr Ursprung der Erkenntnis einer Wahrheit sein, die „Objektivität“ als „intersubjektive Überprüfbarkeit“ definiert. Selbst dann nicht, wenn das erkennende Subjekt Karl Marx heißt.

Die von Foucault proklamierte „Mikrophysik der Macht“ wirkt durch kleinste Elemente, sie wirkt als Netz, das die Familie, sexuelle Beziehungen, Wohnverhältnisse, Schule, Krankenhäuser, Psychiatrie, Gefängnisse etc. als Feld von Kräfteverhältnissen und Macht-Wissens-Techniken begreift. Die Macht ist mithin keineswegs, wie Marxisten glauben, im Besitz einer bestimmten Klasse angesiedelt, und sie kann auch nicht einfach durch den Sturm auf ihr Zentrum erobert werden. Daher lässt sich Macht auch nicht einfach mit ökonomischer Macht gleichsetzen. Sie ist nicht „monolithisch“ und wird somit nicht von einem einzelnen Punkt aus kontrolliert.

Klassische linke Kritikfiguren von Ideologie, Gewalt und Unterdrückung greifen ebenfalls nicht hinsichtlich der Wirkungsweise von so verstandenen Machtverhältnissen. Foucault kritisiert den Ideologiebegriff, da er immer im potentiellen Gegensatz zu etwas steht, was Wahrheit wäre. „Wahrheit“ ist aber selbst ein diskursives Ausschlussprinzip, ein Machtmechanismus, den es zu reflektieren gilt (was von anderen Ansätzen gern in die Spezialdisziplinen z.B. der Wissenschaftssoziologie abgeschoben wird).

Die Macht und die Wahrheit

Im Gegensatz zur marxistischen Vorstellung von Ideologie gibt es für Foucault kein von der Macht abgetrenntes und mit einem (entweder falschen oder marxistischen) Bewusstsein ausgestattetes Subjekt. Statt dessen produziert die Macht Wissen vom Individuum, formt es und ist in seinen Vorstellungen z.B. von Freiheit und Unterdrückung, immer schon präsent. Machtverhältnisse brauchen daher nicht unbedingt Gewalt, vielmehr die Anerkennung des anderen als Subjekt mit einer normierten bzw. zu normalisierenden Individualität.

Sein Hauptaugenmerk gilt daher den Disziplinen und Instanzen, denen diese Normalisierung (meist mit dem Anspruch zu behandeln, zu helfen, sogar zu befreien) obliegt: Pädagogik, Psychologie, Psychiatrie, Medizin, Kriminologie, Justiz. Deren Umgang mit dem Subjekt, ihre Diskurse über den Menschen, die das Subjekt erst konstituieren, gilt es zu hinterfragen. Die dunkle Seite der Aufklärung sieht Foucault dabei gerade im „Humanismus“:

Ich verstehe unter Humanismus die Gesamtheit der Diskurse, in denen man dem abendländischen Menschen eingeredet hat

Auch wenn du die Macht nicht ausübst, kannst du sehr wohl souverän sein. Ja, …je besser du dich der Macht unterwirfst, die über dich gesetzt ist, umso souveräner wirst du sein. Der Humanismus ist die Gesamtheit der Erfindungen, die um diese unterworfenen Souveränitäten herum aufgebaut worden ist

Foucault heute: Anti-Psychiatrie, kritische Kriminologie, Gouvernementalität

In Theorie und Praxis wirkt Foucault heute vor allem überall dort, wo Mechanismen sozialer Ausschließung wirken und Gruppen von Menschen als krank oder kriminell von der Gesellschaft einer Kontrolle oder Behandlung unterzogen werden. In der Anti-Psychiatrie (Ronald D. Laing, Thomas S. Szasz), mit der Foucault von Beginn an sympathisierte gibt es etwa ein deutsches Foucault-Tribunal zur Lage der Psychiatrischen Behandlung, während andere Mediziner und Psychologen ihrerseits hart mit seinem Ansatz ins Gericht gehen.

Besonders seltsam mutet die lange Abwehrhaltung gegenüber Foucault in einer Wissenschaft an, die sich „kritische Kriminologie“ nennt. Ihr Credo entsprach genau dem Foucaults: Analyse der gesellschaftlichen Mechanismen der Ausschließung, speziell von Kriminalisierten. Basis war meist der sozialkonstruktivistische „Labeling“-Ansatz. Der besagt, dass den sozial Ausgegrenzten Etiketten, soziale Stigmata (Labels), angehängt werden, kann aber leider nur schwer erklären, wie und warum das geschieht. Die „kritische Kriminologie“ sah im Hintergrund meist die marxistische Gesellschaftstheorie, nahezu als Synonym für Kritik, und konnte sich von Vorurteilen gegenüber Foucault nur schwer lösen. Diese vielleicht typische Rezeptionsgeschichte kann selbst als Beispiel von Ausschließung im Bereich der Wissenschaft gelten.

Eine erste auf der Gesellschaftskritik von Michel Foucault basierende kritisch-kriminologische Studie kam 1993 aus der Feder des Autors dieser Zeilen: „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft: Systemtheorie, Foucault und die Computerfreaks als Gegenmacht zum Panoptismus der Computer- und Multimedia-Kultur“, befasste sich mit der kriminalisierten Gruppe der Computer-Hacker und setzt sie in Bezug zu einer Genealogie der Informationsgesellschaft.[1] Von der taz wurde es mit der orthodox-marxistischen Kritik aufgenommen, die Computerhacker seien nicht als ökonomische Klasse zu betrachten, daher nicht als Gegenmacht zum globalen Überwachungsnetz denkbar.[2]

In der weiteren Foucault-Rezeption der kritischen Kriminologie zeigt sich heute eine Verlagerung des Schwerpunkts auf Foucaults Begriff der „Gouvernementalität“, auch „gouvernementalization“. Ein Begriff, der den Bezug von Macht-Wissen-Komplexen, die die Mentalität konstituieren, auf das Regieren, insbesondere auf Anbindung an den Staat zeigen soll: ein keineswegs neuer Zugang[3] zu Foucault, der marxistisch sozialisierten Geistern vermutlich leichter fällt. Und auch der heute dominierende Neoliberalismus ist somit trefflich mit Foucault zu kritisieren, vgl.
Cyberspace, Neoliberalismus und inverser Panoptismus
(T.Barth 1997)

Fußnoten:

[1] Als 1993 bei den im Hamburger Reformstudiengang „Jura 2“ angesiedelten Kriminologen die erste kritisch-kriminologische Studie vorlag, die auf der Gesellschaftskritik von Michel Foucault basierte, waren die Reaktionen höchst ambivalent. Die Arbeit „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft“  (Barth, Centaurus-Verlag 1997) wurde zwar in die Schriftenreihe „Hamburger Studien zur Kriminologie“ aufgenommen, jedoch nicht publiziert, sondern von Herausgebern und Hausverlag gute vier Jahre lang auf Eis gelegt. In diesen Jahren vollzog sich geradezu eine „Foucaultianische Wende“ der Kriminologen, wobei die „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft“ jedoch auf keiner Literaturliste auftauchte. Zweifel an der kritisch-kriminologischen Rezeption der Studie verfliegen jedoch z.B. beim Anblick der Arbeit von Professor Sebastian Scheerer „Zehn Thesen zur Zukunft des Gefängnisses – und acht über die Zukunft der sozialen Kontrolle“ (die frappierende Ähnlichkeiten zum Kapitel „Die Antiquiertheit der Einsperrung“ aus Barth 1993/1997 aufweist).

[2] Eine revidierte und weiterentwickelte Fassung meiner inzwischen vergriffenen Studie war geplant, wurde bislang jedoch nicht realisiert.

[3] Vgl. Smart, Barry, Michel Foucault, London, New York 1985 S.130 ff.

Bertelsmann: Ein Medienimperium macht Politik

Barth, Thomas (Hrsg.)

 Bertelsmann: Ein Medienimperium macht Politik, mit Beiträgen vonBtmBook Eckehart Spoo, Hersch Fischler, Horst Bethge (+), Martin Bennhold, Oliver Schöllerund Jörn Hagenloch.   Bestellen

Buch-Beiträge von:

> Eckart Spoo, der Veteran der legendären Anti-Springer-Kampagnen und Herausgeber der Zeitschrift „Ossietzky„, wirft das Thema Demokratie und Medien auf und warnt vor Gefahren ökonomischer Macht vor allem in diesem von regionalen Monopolen geprägten Bereich. Er kritisiert die mediale Manipulation durch verzerrte, unterdrückte wo nicht gleich gefälschte Nachrichten im Dienste der Kapitalinteressen. Am Fall des Verlegers DuMont und anderer erörtert Spoo das Problem der „inneren Pressefreiheit“, der Freiheit der Redakteure von Gängelung durch den Verleger. Springer, Holtzbrinck, WAZ, Bauer und Bertelsmann werden als Oligopolisten des Pressemarktes einer kenntnisreichen Kritik ihres ideologisch einseitigen Verlautbarungsjournalismus unterzogen, Kriegsberichterstattung und Infotainment inbegriffen. An prominenten Beispielen wie Ronald Schill und Gerhard Schröder belegt Spoo seine Hauptthese: Hochkonzentrierte, weitgehend monopolisierte Medien erdrücken die Demokratie. Sein historischer Abriss zur Pressefreiheit  gipfelt im Diktum von Karl Marx: „Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein“ und dem kämpferischen Fazit: Getarnte Propaganda statt Aufklärung sei die tägliche Pervertierung der Presse.

Hersch Fischler ist als investigativer Journalist wohlbekannt, zuletzt etwa mit Enthüllungen zur Verwicklung des bekannten Historikers Hans Mommsen und des  Berteslmann-Magazins „Spiegel“ in die Propagierung der umstrittenen Einzeltäterthese zum Reichstagsbrand 1933. Fischler  zeichnete sich auch dadurch aus, ein hartnäckiger und trotz aller Widerstände publizistisch erfolgreicher Kritiker des Bertelsmann-Konzerns zu sein. Nicht zuletzt ist er auch Mitautor der schärfsten der bislang erst wenigen kritischen Bertelsmann-Analysen.  Seine Recherchen über die NS-Vergangenheit des nur vermeintlich sauberen Medienimperiums waren es, die überhaupt erst die jetzt anlaufende Welle der kritischen Beachtung für die Gütersloher angestoßen haben. Bezeichnend ist, dass er seine 1998 gewonnenen Ergebnisse in Deutschland zunächst nicht veröffentlichen konnte. Erst über die Neue Zürcher Zeitung und US-Medien gelangten seine Erkenntnisse ans Licht der Öffentlichkeit, freilich ohne bis heute angemessene Resonanz in deutschen Medien gefunden zu haben ?das allein wäre schon ein Medienskandal, der an der hochgepriesenen Pressefreiheit in unserem Land zweifeln lässt.

Hersch Fischler konkretisiert im eigens für diesen Band erstellten Überblicksreferat die von Eckart Spoo aufgezeigten Gefahren am Beispiel der Gütersloher. Sein großer Überblick über die dunklen Seiten der Konzerngeschichte und -politik konzentriert sich auf die Bertelsmann Stiftung, die er unter anderem als Urheberin der rot-grünen „Reform“-Politik ausmacht. Die Stiftung sei ein heimlicher politischer Akteur, durch ihre professionelle PR-Arbeit gut getarnt, aber mit nahezu übermächtigem Einfluss ausgestattet, was gerade die linken Kritiker der Reformagenda 2010 ebenso wie die gesamte publizistische Öffentlichkeit bislang nicht wahrgenommen hätten. Anders als etwa die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, die schnell als propagandistische Söldnertruppe des Arbeitgeberlagers entlarvt wurde, wende sich die Bertelsmann-Stiftung nicht an das breite Publikum, sondern betreibe hinter den Kulissen höchst effiziente Lobbyarbeit von ungeheuerlichem Ausmaß; allein ihre finanziellen Aufwendungen in der letzten Dekade beziffert Fischler mit 400 Millionen Euro. Über seine Stiftung wirke der Konzern in Deutschland und Europa auf schwer zu überblickende Weise an fast allen rotgrün-neoliberalen Sozialabbau-„Reformen“ (Hartz I, III, IV, Agenda 2010) mit und beeinflusse viele weitere Politikfelder von der Gesundheits- bis zur Sicherheitspolitik.  Reinhard Mohns Führungsideologie wird von Hersch Fischler als ideologischer Hintergrund der neoliberalen „Reform“-Walze der letzten zwei Jahrzehnte ausgemacht. Der Beitrag verfolgt in einer Rückblende die NS-Vergangenheit des Konzerns, der sich keineswegs als Widerstandsverlag hervortat, wie später behauptet, sondern erst mit Kriegsbüchern Stimmung machte, um während der Kampfhandlungen dann im Rahmen einer medialen Ablenkungsstrategie mit seichter Unterhaltung über das zuvor glorifizierte Kriegselend hinweg zu täuschen. Hersch Fischler ermittelte geradezu kriminalistisch wie die Familie Mohn nach dem Krieg die Pressekontrolle der Alliierten austrickste, um wieder in den Besitz ihrer Verlagslizenz zu gelangen. Gerade diese investigativen Rechercheleistungen war es, die ab 1998 die bis dato blütenweiße Firmenfassade der Gütersloher bröckeln ließ.  Fischler verfolgt dann die Bertelsmann-Geschichte über die Kooperation mit Gruner und Jahr und Bucerius (Hamburger Kumpanei) bis zur kurzfristigen, nach heftiger Kritik schnell wieder aufgelösten Fusion mit dem Springer-Konzern und dem Einstieg ins Privatfernsehen. Fischler wendet sich schließlich auch der Politik der Bertelsmann Stiftung zu, deren Leitlinien patriarchalisch von Reinhard Mohn bestimmt werden und die mit der neoliberalen Agenda identisch sind: Der Konzernchef will alle wirtschaftspolitischen Probleme mit der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, der Senkung von Lohn- und Lohnnebenkosten und der Senkung der Staatsausgaben mittels weitgehender Privatisierung öffentlicher Leistungen und Güter lösen.

Für den auf dem Kongress zentral thematisierten Hochschulbereich sieht die so umrissene neoliberale Politik vor allem eine Kommerzialisierung der Bildung vor. An die Basis des Bildungssystems führt der Beitrag von Horst Bethge(verstorben 12.5.2011) zu einem konkreten Beispiel: Der Einführung betriebswirtschaftlicher Methoden im Bereich der Hamburger Schulbehörde seit 1997. Auch Bethge, der in seinem Beitrag Bertelsmanns Schulpolitik als Invasion der Kennziffern im Schulalltag bezeichnet, sieht diese „Reformen“ eingebettet in einen größeren Feldzug zur Privatisierung des Bildungswesens. Der Hamburger Personalrat, also der Betriebsrat der Schulbehörde, wurde damals unverhofft mit einem Wechsel administrativer Strategie konfrontiert: vom üblichen kameralistischen Denken in Planstellen sollte es zum Marketing-Denken in „Produktbeschreibungen“ und ihrer Erfassung in Kennziffern gehen. Begonnen hätten die Eingriffe der Bertelsmann Stiftung in die Schulpolitik mit der scheinbar gänzlich uneigennützigen Förderung einzelner Projekte. Die ersten Gelder flossen in eine Best-practise-Studie über nordamerikanische Schulen, um Methoden, organisatorische Abläufe und Finanzierungsmodelle vorzuführen. In der zweiten Stufe setzte Bertelsmann Preise aus, um durch Belobigung und Einsatz seiner Finanzmacht Zielrichtungen für den Schulalltag vorzugeben, zunächst aus einer Rolle des gütigen Förderers heraus.

1995 wurde der Konzernchef Reinhard Mohn selbst Mitglied der großen Reform-Kommission „Zukunft der Bildung ? Schule der Zukunft“, die für eine Neuorganisation der Schulen eintrat. Es kam zu einer informellen Institutionalisierung der schulpolitischen Beratung der NRW-Landesregierung durch die Bertelsmann Stiftung. 1997 wurde das Projekt „Schule & Co“, zunächst im Kreis Herfurth und der Stadt Leverkusen an 52 Schulen umgesetzt, 2005 waren es bereits 90 Schulen. NRW-weit wurde im Modell „selbstständige Schulen“ Betriebswirtschaft in Lehrerzimmer und Klassenräume gebracht: Kosten-Nutzen-Analyse, Personalbewirtschaftung, Out-Sourcing, Kennziffern statt Zensuren. Die Kultusministerkonferenz hat sich, so Horst Bethge weiter, der Linie von Bertelsmann inzwischen angeschlossen und fordert Controlling mit Kennziffern und dem betrieblichen Steuerungsinstrument R3 der Unternehmens-Softwarefirma SAP. Diese Einführung computergestützten Workflowmanagements kranke jedoch an einem grundlegenden Denkfehler: den Menschen als Produkt zu sehen und die Bildung auf eine Stufe mit Dienstleistungen zu stellen. Dennoch sei dies die Strategie der Bertelsmann-Schulpolitik, wie sie jetzt bundesweit das ganze Schulsystem erfassen soll, im neoliberalisierten Konsens aller SPD/Grünen/FDP/Unions-Bildungsadministrationen. Dies sei, so folgert Bethge schließlich, die regionale und nationale Variante der von Bertelsmann forcierten Lissabon-Strategie der EU, die Ranking- und Best-Practise-Verfahren aus der Industrie in die Bildung holen wolle.

>  Die Lissabon-Strategie ist Teil einer neoliberalen Politik, die vor allem eine Kommerzialisierung der Bildung vorsieht. Dass die Propagierung von Studiengebühren in diesem Sinne überall im politischen Spektrum von Bertelsmann betrieben wurde, macht der Beitrag von Oliver Schöller (WZB) deutlich, der die Bündnisstrategien Bertelsmanns bis hin zur gewerkschaftsnahen Böckler- und zur grünen Böll-Stiftung nachzeichnet. Immer mehr ehemals staatlich erbrachte Leistungen, so Schöller, werden heute durch private Unternehmen oder in Zusammenarbeit mit ihnen in Public Private Partnership erbracht, wobei Unternehmensstiftungen tragende Akteure seien. Stiftungen seien zwar bürgerschaftliches Engagement, aber eben auch Instrument der herrschenden Klasse zur gesellschaftspolitischen Einflussnahme. Ausgehend von diesem Doppelcharakter analysiert der Beitrag Aktivitäten der Gütersloher von der Bildungskommission NRW, die in staatlichen Schulen Kostenbewusstsein durch ein quasi-betriebswirtschaftliches Controlling- und Berichtswesen einführen wollte, über das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), das studentisches Lernverhalten mittels Studiengebühren stärker an einer individuellen Kosten-Nutzen-Rechnung ausrichten möchte, bis hin zur Variation dieser Grundideen bei Böckler- und Böll-Stiftung.

Die bildungspolitischen Aktivitäten der Bertelsmann-Stiftung umfassen mittlerweile vielfältige institutionelle Kooperationen und personelle Verflechtungen quer durch alle Bundesländer und sind, so Oliver Schöller,  kaum noch zu überschauen. Die Verschiebungen des bildungspolitischen Diskurses zugunsten betriebswirtschaftlicher Konzepte sei das Ergebnis zivilgesellschaftlicher Aktivitäten stiftungsförmiger think tanks, insbesondere der Gütersloher. Mit der von ihnen immer mehr durchgesetzten Vermarktwirtschaftlichung des Bildungssystems vollziehe sich insgeheim auch seine Entdemokratisierung. So sei die Herstellung autonomer Bildungseinrichtungen, die über ihren Haushalt selbst bestimmen, mit der Einrichtung von exklusiven Gremien verbunden, welche die Bildungseinrichtungen repräsentieren sollen. Das Mitspracherecht der Mitarbeiter und der durch sie gewählten Gremien werde dabei jedoch zunehmend ausgehebelt. Im Rahmen der Auflösungsprozesse staatlicher Strukturen, sehen wir uns, so Schöllers Fazit, mit einem altbekannten Phänomen konfrontiert ?dem Bandenwesen: Immer dann, wenn sich gesellschaftliche Ordnungsstrukturen aufzulösen beginnen, tauchen private Akteure auf, die in dem entstehenden Machtvakuum ihre egoistischen Interessen verfolgen. Dieser kriminalistisch inspirierten Cui-Bono-Perspektive  erschließen sich letztlich viele „Reform“-Projekte als gezielte Auflösung staatlicher Strukturen mit dem möglichen Zweck, besagtes Machtvakuum überhaupt erst zu erzeugen, das später von privatem „Bandenwesen“ der großen Konzerne gefüllt werden soll. Die medial aufgebauschten Mythen der Globalisierungsnotfall-Leere-Kassen-Propaganda nebst vorgeschobener Motive angeblich dringend zu steigernder Wettbewerbsfähigkeit in unserem notorischen Exportweltmeister-Deutschland entlarven sich diesem kritischen Blick als billige Begleitmusik für die jährlichen Kampagnen ökonomischer Interessengruppen.

>  Auch der Beitrag von Martin Bennhold, Rechtssoziologe der Universität Osnabrück, beginnt bei der Bildungspolitik des Medienkonzerns und seiner Stiftung und spannt den Bogen bis auf die Bühne internationaler Organisationen, über die EU hinaus zu OECD und GATS. Zunächst thematisiert er Hochschulreformpolitik als Politik der Unterwerfung. Die Strategie Bertelsmanns ziele auf eine weiträumige Kommerzialisierung von Bildung und Wissenschaft, nicht zuletzt, weil der Konzern sich hier neue Märkte erschließen könne. An den Hochschulen sei die Einführung von Studiengebühren, der Raubzug gegenüber den Studierenden, deshalb so wichtig, weil nur sie diesen Bereich für private Investitionen lukrativ machen könne. Das CHE sei eine typische Initiative gemäß der Public-Private-Partnership-Taktik: Privat finanzierte Institutionen sollen demnach durch Kooperation mit öffentlichen Gremien Renommee und Einfluss gewinnen. Dahinter stecke eine Strategie der Zerstörung von Kontrollmöglichkeiten der Öffentlichkeit und von erkämpften bürgerlichen und sozialen Rechten. Die Mediengewalt Bertelsmanns im Verein mit einer nahezu gleichgeschalteten Medienlandschaft mache es der deutschen Öffentlichkeit schon jetzt unmöglich, Hintergründe und Folgen der „Reform“-Prozesse einzuschätzen. Das sei etwa in Frankreich ganz anders; dort werde die soziale Wirkung von Privatisierungsmaßnahmen genau beobachtet und in breiten Widerstandsaktionen einer praktischen Kritik unterzogen. Das Gütersloher CHE als Hauptmotor der Bildungsenteignung stelle eine Agentur des großen Kapitals zur Durchsetzung seiner Interessen im Bildungssystem dar, es besitze eine private Rechtsform und übe dennoch substanziell öffentliche Funktionen aus. Das CHE werde von der Bertelsmann Stiftung kontrolliert und die Bedeutung dieser Stiftung im Gesamtkomplex Bertelsmann sei kaum abzuschätzen. Sie hielte 57,6% der Anteile am Kapital des Konzerns, das Stimmrecht liege allerdings hauptsächlich bei Mitgliedern der Familie Mohn.  Martin Bennhold holt noch weiter aus und zeichnet Bertelsmanns Einfluss auf europäischer und globaler Ebene nach. Angesichts gemeinsamer innereuropäischer Interessen und gegen Konzern-Rivalen außerhalb Europas sei es kein Wunder, dass auf dieser höheren Ebene mächtige Konzernzusammenschlüsse aktiv würden. Es handle sich dabei erstens um ?sich selbst so bezeichnende? Pressure Groups etwa wie die Dienstleistungs-orientierte „European Services Leaders Group“. Über die Beteiligung am ERT (European Round Table of Industrialists) agiere der Bertelsmann-Konzern bis hinauf in die WTO-Verhandlungen. Hauptziel des ERT sei es, Europapolitik als europäische Industrie- und Wettbewerbspolitik zu formulieren. Dabei sei Ziel einer sogenannten Hochschulreform, Bildung und Wissenschaft als Teil der Industriepolitik zu propagieren. Der ERT betreibe eine tiefgehende Vermischung von hoheitlichen Strukturen mit privaten Einrichtungen mit allen daraus resultierenden demokratieabbauenden Folgen. Auf EU-Ebene werde dieser Prozess noch durch die Tatsache verschärft, dass die Europäische Kommission zwar Teil der organisierten Union ist, also hoheitlichen Charakter hat, dies jedoch ohne jede demokratische Legitimation. Umso leichter fiele daher der ?nicht seltene? Wechsel von Mitgliedern der Kommission zum ERT und umgekehrt. Die Aktivitäten des ERT führten auch auf die globale Ebene: Er war engagiert beteiligt an der Gründung der WTO  (World Trade Organization), jener Welthandels-organisation, die seit 1995 die Weltökonomie bestimmt.  Die WTO sei heute ein Instrument, um schrittweise und global eine Form der Liberalisierung durchzusetzen, die sich zu Gunsten großen Kapitals, großer Konzerne, nicht zuletzt auch reicher Länder auswirke. Zugleich gehe diese Liberalisierung zu Lasten armer Länder sowie generell auf Kosten sozialer, gesundheitspolitischer und ökologischer Standards. Die Verfügung über diese Standards solle den demokratisch legitimierten Länderregierungen entzogen werden. Insbesondere das hoch entwickelte Interesse der USA an Investitionen im europäischen Bildungswesen entfalte ein großes Gewicht in den Verhandlungen. Bei der Abwehr der Studiengebühren gehe es daher keineswegs nur um soziale Standards der Studierenden. Mindestens ebenso wichtig sei die Erkenntnis, dass es sich hier um einen Hebel handele, das ausgeklügelte Gebäude der „Reformen“  zusammenbrechen lassen. Die Studiengebühren könnten sich dafür zum Dreh- und Angelpunkt entwickeln, zumal ihre Einführung bereits heute internationalen Verträgen widerspreche. Der Internationale Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte von 1966 sei längst global gültig, in der Bundesrepublik seit 1976. Art. 13 des Paktes besage: Die Vertragsstaaten erkennen das Recht eines jeden auf Bildung an…      Die Vertragsstaaten erkennen an, dass im Hinblick auf die volle Verwirklichung dieses Rechts…  der Hochschulunterricht auf jede geeignete Weise, insbesondere durch allmähliche Einführung der Unentgeltlichkeit, jedermann gleichermaßen entsprechend seinen Fähigkeiten zugänglich gemacht werden muss.

>  Der Autor des Online-Magazins Telepolis, Jörn Hagenloch rundete mit seinem Beitrag den Blick auf die internationale Seite der Gütersloher Aktivitäten. Mit dem von ihm erörterten „Bertelsmann Transformation Index“ (BTI) konnte sich die Bertelsmann Stiftung als geopolitischer Akteur auf der internationalen Politikbühne positionieren. Sie propagiert dort die neoliberal geprägte „marktwirtschaftliche Demokratie“ als globales Leitbild und sei dabei Teil einer ganzen Armada von Think Tanks, die von Washington über Brüssel bis London, Paris und Berlin operative Politikberatung betreiben. In diesem Szenario spielt der „Bertelsmann Transformation Index“ (BTI) eine wichtige Rolle, der im Herbst 2005 zum zweiten Mal gemeinsam mit dem Centrum für angewandte Politikforschung (CAP) herausgegeben wurde. Das CAP dient der Bertelsmann Stiftung als strategischer Planungsstab für die internationale „Politikberatung“. Es wurde 1995 mit maßgeblicher finanzieller Unterstützung der Bertelsmann Stiftung an der Münchner Universität eingerichtet und gilt mit über 80 Mitarbeitern als Deutschlands „größtes universitäres Forschungsinstitut zur Politikberatung“, wobei ca. 20 Prozent der Einkünfte aus Gütersloh stammen. Jörn Hagenloch geht den Verflechtungen von CAP und Bertelsmann nach und beschreibt ihre Aktivitäten auf europäischer und globaler Ebene, etwa das Stricken eines „Elite-Netzwerkes“.

Eines der großen ehrgeizigen Projekte der Bertelsmann Stiftung nennt sich, so Jörn Hagenloch, „Den Wandel gestalten“ und sucht nach den besten strategischen Verfahren, mit denen weltweit das System der marktwirtschaftlichen Demokratie installiert werden kann. Die Einflussnahme von dritter Seite ist für ärmere Länder keine Neuigkeit. Aufgrund ihrer schwachen Stellung sind sie z. B. in finanziellen, wirtschaftlichen und entwicklungspolitischen Fragen auf „Partner“ angewiesen. Ihnen werden „Strukturanpassungsmaßnahmen“ diktiert, die einer Plünderung gleichkommen: Privatisierung staatlicher Betriebe, Verschlechterung des Gesundheitswesens, Zerstörung der heimischen Industrieproduktion, etc.. Argentinien hat dies im Jahr 2001 sehr schmerzhaft erfahren, als ein Staatsbankrott das Land über Nacht in Elend und Chaos stürzte. Ursache der Tragödie waren die neoliberalen Rezepte des Internationalen Währungsfonds (IWF), doch davon liest man im BTI keine Silbe. Vielmehr wurde schon im Bertelsmann-Bericht 2003 wieder nach „reformbereiten Eliten“ gerufen, obgleich die spektakuläre Reformbereitschaft der 80er und 90er Jahre, in der fast alle Staatsbetriebe und sozialen Sicherungssysteme privatisiert wurden, direkt in die Katastrophe geführt hatte. Zahlreiche amerikanische Initiativen wurden inzwischen auf die Bertelsmann Stiftung aufmerksam und boten eine Zusammenarbeit an, unter anderem das National Endowment for Democracy (NED). Das NED wurde 1983 gegründet und gibt sich nach außen als private Initiative zur Beförderung der Demokratie weltweit. Doch die selbsternannte Nichtregierungsorganisation wird zu 95 Prozent vom amerikanischen Staat finanziert und hat, so zitiert Jörn Hagenloch einen ihrer Vertreter, klare strategische Aufgaben: „Vieles von dem, was wir heute machen, wurde vor 25 Jahren von der CIA insgeheim erledigt.“

>  Abschließend befasst sich der Herausgeber Thomas Barth mit dem technokratischen Neokonservatismus Reinhard Mohns, des umtriebigen Konzernpatriarchen von Bertelsmann: Die Mohnschen Ideen kritisch zu durchleuchten, erscheint ihm als eines der wichtigsten Anliegen der Privatisierungs- und Medienkritik. Das von allen Mohn-Institutionen mit fast religiöser Verehrung gepredigte Maß aller Dinge ist die Effizienz. Gemessen wird sie mit Vorliebe in der finanziellen Dimension: Geld regiert die Welt, man diskutiert beispielsweise weniger über Bildung als über Bildungsfinanzierung.  Wo das nicht geht, werden auch mal die Betroffenen gefragt: Umfragen, Rankings und Ratings sollen den Segen des Wettbewerbs in alle Bereiche der Gesellschaft bringen, insbesondere in Bildung und Wissenschaft. Das klingt auf den ersten Blick nicht schlecht, denn schließlich werden wir alle gerne mal um unsere Meinung gefragt. Doch ist diese Beteiligung nicht unbedingt ein Zeichen für Demokratie, denn den Rahmen der Teilnahme setzen Technokraten in irgendeinem vorzugsweise von Bertelsmann finanzierten Hinterzimmer. Und der Rahmen bestimmt, was wir bewerten dürfen, worüber wir befragt werden und welche Alternativen uns bleiben. Die Publikation der Ergebnisse oder auch, falls nicht genehm, ihre Unterschlagung übernehmen eben diese Technokraten, gern in Massenmedien aus Gütersloh. Die Medien nutzen Umfragen, Rankings und Ratings, um damit Politiker, demokratische Institutionen und im Zweifelsfall auch die eben noch Befragten selbst unter Druck zu setzen, im Sinne der Ideen aus dem Hause Bertelsmann: Effizienz, Wettbewerb, Kommerz.

Bestes Beispiel sind wieder einmal die Studiengebühren, das Lieblingskind der Bertelsmann-Bildungspolitik: Das CHE publizierte eine selbst lancierte Umfrage, wonach sogar die Studenten selber angeblich gerne für ihre Bildung zahlen würden, unter dem Titel: „Studierende mehrheitlich für Studiengebühren“. Nur hatte die Befragung ihnen lediglich verschiedene Gebührenmodelle vorgelegt, ohne die Alternative des freien Studiums zu erwähnen.  Wer geglaubt hatte, seine Beteiligung bei der Entwicklung von Modellen sei hier gefragt, war offensichtlich naiv. Man brauchte die Beteiligung der Studierenden, um Studiengebühren überhaupt erst einmal durchzusetzen. Wenn diese dann kommen, ist sehr fraglich, ob ihre Abwicklung oder gar ihre Höhe mit den Betroffenen diskutiert werden wird. Der Neoliberalismus wird von der Bertelsmann Stiftung mit großem Aufwand an Kulturarbeit, Begleitforschung und Marketing kaschiert und in eine Verantwortungsrhetorik verpackt. Aber am Ende steht notorisch der Appell, eben jene Verantwortung der demokratischen Kontrolle zu entziehen und sie in die Hände angeblicher Experten zu legen. Und das sind auch die Hände der gern im Dunkeln bleibenden Auftraggeber, Stifter, Spender, eben jener Leute, die das Geld haben, um ihnen genehme Experten auszusuchen und zu bezahlen. Ob rabiater Selfmademan oder standesbewusster Konzernerbe, ob Industrieführer oder Finanzaristokrat, sie alle halten sich für Experten in der Auswahl von Experten. Deshalb nehmen sie sich die Freiheit, nicht nur die ökonomische Realität zu gestalten, sondern auch noch die wissenschaftliche Reflexion dieser Realität. Hinter ihren Experten steht die geballte Wirtschafts- und Medienmacht der Auftraggeber, die für eine diskursive Dominanz der so produzierten Realitätsbeschreibungen sorgt. Selten dürften diese Beschreibung von der Interessenlage der Auftraggeber abweichen. In einer Demokratie hat jeder das Recht, sich im Rahmen der Verfassung nach Maßgabe seiner Möglichkeiten für seine Interessen einzusetzen. Wenn hinter diesen Möglichkeiten aber die Machtmittel eines Milliardenkonzerns stecken, insbesondere die politischen Machtmittel eines Medienimperiums, dann droht Gefahr: Die Gefahr, dass Einzelinteressen den Rahmen der Demokratie verbiegen. Kampagnen, Think tanks, Lobby, Einflussnahme bilden einen fließenden Übergang von unfairen über korruptive bis hin zu kriminellen Eingriffen in die Gestaltung unserer Gesellschaft ?gerade die modernen Medien und neuen Technologien machen diese Manipulationsmöglichkeiten von Jahr zu Jahr gefährlicher. Dagegen wendet sich im Sinne des Warners vor Verlusten an Humanität, Günther Anders, dieses Buch und die soziale Bewegung zur Kritik am übermächtigen Bertelsmann-Konzern.

Barth, Thomas (Hrsg.), Bertelsmann: Ein Medienimperium macht Politik, mit Beiträgen von Hersch Fischler, Eckehart Spoo, Martin Bennhold, Oliver Schöller und Jörn Hagenloch.

 

Rezeption:

Das Medienecho blieb gering (nicht nur bei Bertelsmann-Medien)

nur bei Gewerkschaften und RLS war Aufmerksamkeit zu verzeichnen, aber

der Kongress zum Thema Medienimperium Bertelsmann in Hamburg 2006 zog über 200 Besucher an und verankerte das Thema im kritischen Mediendiskurs. 2012 nahm die Piratenpartei NRW Bertelsmann-Kritik in ihr Wahlprogramm auf.

Du bist Bertelsmann – ­Wie ein globaler Drahtzieher Medien, Bildung und Politik steuert

Studiengebühren, Hartz IV oder Lehrerausbildung: die Blaupausen werden bei Bertelsmann entwickelt. Der Kongress kritisiert die weitgehend unbemerkte neoliberale Einflußnahme.

 

Bertelsmann nutzt seine Finanzmacht als größter europäischer Medienkonzern um bis in WTO und GATS hinein globale Interessenpolitik zu betreiben; seine mediale Macht verschafft ihm in Deutschland eine bedeutende Stellung und die Stiftung (eine der finanzstärksten Unternehmensstiftungen weltweit) ist ein neoliberaler Think Tank nebst PR-Agentur mit Zugang zu höchsten Kreisen (Kanzler, Bundespräsidenten).

Im Rahmen der neoliberalen „Reform“-Walze der letzten beiden Dekaden scheint Bertelsmann sich auf die Bearbeitung des linken und grünen politischen Spektrums spezialisiert zu haben und hat dort Privatisierungsvorhaben diskutabel oder gar zum Konsens gemacht, z.B. die Einführung von Studiengebühren, maßgeblich propagiert durch Centrum für Hochschulentwicklung (CHE).

Kongress Hamburg 2006

„Du bist Bertelsmann!“

 

Programm:

Freitag 14.7.2006 Uni Hamburg, Philturm (Von-Melle-Park 6) Hörsaal B

18.30 Uhr: Auftakt-Veranstaltung mit Prof.Dr. Herbert Schui: „Was will der Neoliberalismus politisch?“

Samstag 15.7. (zumeist) Curio Haus (Rothenbaumchaussee 15):

9.30 Uhr: Thomas Ristow (Deutsche Bibliothek): Bibliotheken im Sog von Bertelsmann

11.15 Uhr: Prof.Dr.Rudolph Bauer: Bertelsmann: Kommerz statt Kommunen

parallel: Workshop zu freier Software/Freie Inhalte

13.-14.00 Uhr Mittagspause

14.00 Uhr Podiumsdiskussion Medienpolitik Philturm Hörsaal B: mit Prof.Dr. H.J.Kleinsteuber (verstorben 18.02.2012), Horst Röper, Prof.Dr.H.Schui u.a.

16.00 Uhr: Dr. Oliver Schöller (Wissenschaftszentrum Berlin, WZB): Mediasmart: Medien- oder Konsum-Kompetenz?

18.30 Uhr: Stephan Lindner Attac Deutschland): EU-Verfassung und Euro-Lobbys

20.00 Uhr Jörn Hagenloch (Medienkombinat): Bertelsmanns „Bürgergesellschaft“

Sonntag 16.7. (Curio Haus)

9.30-13.30 Uhr: weitere Workshops zu Zukunft der Medienkritik: alternative Netzmedien, Bertelsmann-Strategien und Widerstand

UnterstützerInnen:

Günther-Anders-Institut Hamburg, Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS); Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler (BdWi); GEW Hamburg; ver.di; Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju), attac, ver.di Betriebsgruppe FH Frankfurt/Main; LabourNet Germany; ver.di – FB 05, Bezirk Frankfurt/Main und Region

Das Inverse Panoptikum

Thomas Barth Panopticon1

„Ausgehend vom Begriff des Panoptikums, gilt es die Frage nach dem Subjekt neu zu stellen und nach einer politischen Utopie für den künftigen Cyberspace zu suchen. Es geht um den Kampf der Subjekte um ihre Autonomie durch Subversion der sich durch IT-Technik rapide ausweitenden panoptischen Machtmechanismen. Jeremy Benthams (1784-1832)  Gefängnisbau, die architektonische Erfindung des Panoptikums, besteht aus einer runden Architektur, welche durch einen Beobachtungsturm im Zentrum die Zellen permanenter Beobachtung preis gibt. Die Gefangenen des Panoptikums sehen also die Wächter nicht, sind aber einer dauernden potentiellen Überwachung ausgesetzt, die ein diszipliniertes Verhalten erzwingen soll.

Michel Foucaults Analyse der Disziplinargesellschaft sieht im Panoptikum den Kern des utilitaristisch-demokratischen Gesellschaftsmodells und betrachtet es gleichzeitig als Metapher der bürgerlichen Gesellschaft.  Wichtiger als die konkrete architektonische Umsetzung erscheint Foucault die Idee eines „Panoptismus“, die in den verschiedensten Bereichen, in Schulen, Hospitälern, Fabriken Fuß fassen konnte: Die disziplinierende Beobachtung vieler durch wenige –Schüler durch Lehrer, Arbeiter durch Vorarbeiter, Bürger durch Verwaltungsbeamte. Bentham ging es einerseits darum, eine vollkommene Disziplinarinstitution zu entwerfen,  aber andererseits auch um eine Methode, die Disziplinen vielseitig und diffus verteilt in der ganzen Gesellschaft wirken zu lassen.

Die laut Michel Foucault (1924-1986) im Panoptismus FouTBdisziplinierten Individuen bilden die Basis für die modernen Massendemokratien. Panoptische Institutionen wurden ausgeweitet, um die Individuen so zu disziplinieren, dass sie einer modernen Demokratie würdig werden konnten –in den Augen der damaligen Machtelite. Foucaults Analyse interpretiert Benthams Erfindung als  allgemeines Prinzip der Konstituierung des bürgerlichen Subjekts als Gleicher unter Gleichen, autonom und frei  in den Grenzen, die die Zentralgewalt des Staates setzt und durch ständige Kontrolle aufrechterhält. Foucaults Motivation war dabei der kritische Hinweis auf den totalitären Aspekt dieser Sozialstruktur, auf die Leiden der Aussortierten, der Eingesperrten in Gefängnissen und Psychiatrien. Er zeigte die unmittelbare Verknüpfung von dadurch fragwürdig werdenden Freiheiten mit disziplinierenden Machtmechanismen auf. Wenn wir als Schulkinder lernen müssen stundenlang stillzusitzen, als Arbeiter zu tun, was der Chef sagt, als Patienten für wirklich zu halten, was ein Psychiater nicht als wahnhaft ansieht, dann konstituieren wir uns damit als Subjekt. Dieses Subjekt passt in den Raum, der durch die Grenzen der Freiheit definiert wird, d.h. durch die körperliche Unversehrtheit, die Unverletzlichkeit der Wohnung, das Fernmelde-Geheimnis, das Recht auf Privateigentum usw. Bisher schien also ein Gleichgewicht zwischen Machtmechanismen und Subjekt-Konstitution zu bestehen.

Was ist wenn technische Möglichkeiten „dem Subjekt” neue Möglichkeitsräume eröffnen, also eigentlich das Subjekt erweitern? Oder wenn andererseits der Zentralgewalt neue Möglichkeiten der Überwachung und Disziplinierung zuwachsen -also eigentlich das Subjekt einer Neukonstituierung „von oben” unterworfen wird? Das Gleichgewicht muss neu austariert werden, und das ist eine politische Fragestellung. Progressive oder Liberale werden die Möglichkeitsräume begeistert begrüßen und Überwachung ablehnen; konservativen Gemütern wird die Furcht vor der Freiheit die Begeisterung erschweren. Sie werden sich eher auf die Mißbrauchsmöglichkeiten konzentrieren, vor Kriminalität und Anarchie warnen und verstärkte Kontrollmechanismen fordern, d.h. verstärkte Technokratie. Die gewährten Freiheiten waren immer per se systemkonform beschränkt Aber selbst diese Freiheiten werden heute von den Machteliten angegriffen, eingespart und herunter gekürzt.

Foucaults Einwand ist also das Subjekt sei nicht Gegenüber, sondern erstes Produkt der Macht. Wer sich im emanzipatorischen Kampf um die Freiheit des Subjekts wähnt, der wird sich dadurch im revolutionären Elan abgebremst fühlen. Dennoch lassen sich postmoderne Ansätze zur Kritik des status quo nutzbar machen, wenn auch ihre Zielrichtung sich nicht so klar ausmachen lässt. Das Denken in ausschließenden Gegensätzen schafft zwar Eindeutigkeit, aber die zahlreichen so abgeleiteten Rezepte, Theorien und Ideologien haben bislang nicht überzeugt. Es ist vielleicht an der Zeit, sich der Ambivalenz zu stellen, auf die Vielfalt nicht länger mit Einfalt zu reagieren. Die Postmoderne richtet sich gegen Technokraten, die vom Gipfel ihrer „technologischen Kompetenz” herab, die Welt mit ihren Dogmen betreffs „inhaltlichen Kriterien von menschenswertem Leben” beglücken wollen. Vieles was noch immer als Antwort präsentiert wird, ist inzwischen in die Position der Frage gerückt. Es knirscht im Gebälk der alten Machtstrukturen, und die, die oben sitzen, können sich des ziemlich plausiblen Gedankens nicht länger erwehren, dass sie diejenigen sind, die am tiefsten fallen könnten. Die Angst der Technokraten, seien sie Ingenieure, Informatiker oder Geisteswissenschaftler, vor ihrer Entmachtung wird ein Haupthindernis bei der Gestaltung des Cyberspace sein. Die Frage danach, was wir mit dem kommenden Cyberspace machen wollen, hat sich als durchaus politische erwiesen, die keinesfalls nur technologischer Lösungen bedarf. Es wird dort auch um die Verteilung von Macht gehen, und zwar auf einer Ebene, die in die Konstituierung der Subjekte hineinreicht. Nun gibt es Subjekte, die sich schon lange mit den Cyberspace-Technologien befassen, ohne sich einer traditionellen Machtinstanz, etwa der akademisch verfassten Wissenschaft, zuordnen zu lassen: Die Hacker.

Mit den panoptischen Machtmechanismen hat diese Gruppierung insofern Bekanntschaft gemacht, als sie Ziel von Kriminalisierungen und Pathologisierungen wurde. Aus den Reihen dieser Gruppe werden seit vielen Jahren Forderungen erhoben, die etwas ungewöhnlich klingen, etwa nach „Freiheit für die Daten”, nach „mindestens weltweit freier Kommunikation für alle” aber auch nach Datenschutz. Als inverses Panoptikum  könnte man nun ein „latentes Utopiemodell” bezeichnen, welches sich in der Praxis der Hacker spiegelt. Das dem teilweise kriminalisierten „Datenreisen”, zugrunde liegende Streben nach Informationsfreiheit widerspricht nur scheinbar dem ebenfalls geforderten Recht auf die eigene Privatsphäre (Datenschutz). Nicht der gläserne Bürger, wie ihn die computerisierte Verwaltung, das Superpanoptikum, schafft, ist gefordert, sondern die gläserne Bürokratie. Wer Macht ausüben kann, soll für den Bürger sichtbar gemacht werden.

Der Sicherheit der persönlichen Daten komplementär ist also der Wunsch nach Beobachtung der Machtausübenden: „Für die staatliche Seite haben wir das so formuliert: Wir fordern die maschinenlesbare Regierung. Mit Hilfe der Computer und der Netzwerke ist so was einfach möglich. Dadurch ist es möglich, Daten transparent zu machen. Diese Technologie existiert dazu. Es ist nur die Frage, wie sie eingesetzt wird”, so Andy Müller-Maguhn, langjähriger Sprecher des CCC, der es einst bis zum europäischen Icann-Direktor brachte.  Der Wunsch wird deutlich, den überwachenden Blick umzukehren: Die Insassen des Panoptikums sind es leid, in ihren Zellen dem Blick des unsichtbaren Wächters preisgegeben zu sein. Sie fordern –zunächst noch– nicht den Ausbruch aus ihren Zellen, aber sie wollen eine Invertierung jener Kontrolle, die sich durch technologische Entwicklungen gerade zu potenzieren droht. Die auf ein Zentrum hin gerichteten Gegenmächte erweisen sich als Teil der Macht oder ihr Spiegelbild. Ein neuer Ansatz muss also indirekter und lokaler, an der Peripherie angesiedelt sein. (gekürzte Fassung von)

Quelle: Barth, Thomas, Das inverse Panoptikum: Ein postmoderner Ansatz für die politische Informationsstruktur des Cyberspace, in: Informatik Forum, Nr.2 1996, S.68-71.  Informatik Forum

http://www.fgi.at/if/hindex1996.html#1996h2
–> vergleiche auch

Barth, Thomas, Informations-Paradies contra Maschineller Charakter? in: Pol. Psych. Aktuell, Nr.1, 1991, S.56-65..

Barth, Thomas, Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft, Pfaffenweiler 1997.

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Inverser Panoptismus ff.

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Facebookpflicht in Schule

Posted on 2012-06-24 by leena

Darf man Kinder von einer Schulveranstaltung ausschließen, weil ihre Bilder nicht auf Facebook veröffentlicht werden dürfen?

Intuitiv ist wohl allen klar: Es kann nicht angehen, dass Kinder von einer Schulveranstaltung ausgeschlossen werden, weil ihre Eltern der Veröffentlichung ihrer Fotos (auf Facebook) widersprochen haben.
Hier die philosophische Untermauerung zu diesem Gefühl. …

Netzphilosophie: Facebook-Pflicht für Schüler?
>>>Günther Anders warnte: Maschinen als vermeintliche Erweiterung der Freiheit werden schnell zur Pflicht zum Konsum (hier: von Online-Dienstleistungen). Wer sich dagegen kritisch auflehnt, hat mit Sanktionen zu rechnen.
„Es gibt nichts Prekäreres heute, nichts, was einen Mann so prompt unmöglich machte, wie der Verdacht, er sei ein Maschinenkritiker. Und es gibt keinen Platz auf unserem Globus, auf dem die Gefahr, in diesen Verdacht zu geraten, geringer wäre als auf einem anderen. In dieser Hinsicht sind sich Detroit und Peking, Wuppertal und Stalingrad heute einfach gleich. Und gleich sind in dieser Hinsicht auch alle Gruppen: Denn in welcher Klasse, in welchem Interessenverband, in welchem sozialen System, im Umkreis welcher politischen Philosophie auch immer man sich die freiheit herausnimmt, ein Argument über „entwürdigende Effekte“ dieses oder jenes Gerätes vorzubringen, automatisch zieht man sich mit ihm den Ruf eines lächerlichen Maschinenstürmers zu, und automatisch verurteilt man sich damit zum intellektuellen, gesellschaftlichen oder publizistischen Tode.“

Günther AndersAntiquiertheit Bd.1, Einleitung

Medienwissenschaft Rezensionen

Barth, Thomas

  • Nr. 1 (2012) – Buch, Presse und andere Druckmedien
    Stephan Weichert, Leif Kramp:
    Die Vorkämpfer. Wie Journalisten über die Welt im Ausnahmezustand berichten  Angaben zum Artikel  PDF
  • Nr. 1 (2011) – Medien / Kultur
    Rainer Kuhlen (Hg.): Information: Droge, Ware oder Commons?
    Wertschöpfungs- und Transformationsprozesse auf den Informationsmärkten  Angaben zum Artikel  PDF
  • Nr. 3 (2009) – Medien / Kultur
    Johannes Raabe, Rudolf Stöber, Anna M. Theis-Berglmair, Kristina Wied (Hg.):
    Medien und Kommunikation in der Wissensgesellschaft  Angaben zum Artikel  PDF
  • Nr. 2 (2011) – Perspektiven
    Wikileaks, Netzmedienrecht und der Chaos Computer Club.
    Ein Bericht zum 27. Chaos Communication Congress (27C3) in Berlin 2010 Angaben zum Artikel  PDF
  • Nr. 2 (2008) – Perspektiven
    Hackersubkultur zwischen Web 2.0 und Bürgertrojaner.
    Der 24. Chaos Communication Congress (24C3) in Berlin 2007  Angaben zum Artikel  PDF

Filmkritiken und -Hintergrundanalysen

Filmkritiken von Thomas Barth

mit Weblink zu Erstveröffentlichern

„Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit“ Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit: Ein tragikomisches Filmjuwel klagt Kälte und Effizienzdenken an
„I Origins“  (Kultfilm für Kreationisten?)
„Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“
„Der Fall Wilhelm Reich“ (Freud, Hitler, Orgon, MK-Ultra) Von MK-Ultra zu Wilhem Reich

auf Telepolis:

Wilhelm Reich

„Ästhetik der Konspiration“

Mark Lombardi
„Count-Down am Xingu II“ Dokumentarfilm über Brasilien von Martin Keßler 
„Das Experiment“ (2001) Das Experiment (2001) Poster Psychothriller von Oliver Hirschbiegel aus dem Jahr 2001, der auf dem Roman Das Experiment Black Box von Mario Giordano basiert, welcher die Zimbardo-Gefängnis-Experimente literarisch aufgriff.

Weitere Filmkritiken von Thomas Barth

https://www.heise.de/tp/features/Democracy-Im-Rausch-der-Daten-Oder-der-Buerokraten-3376693.html

https://www.heise.de/tp/features/Eulenspiegelei-auf-Weizenbaum-3371476.html

https://www.heise.de/tp/features/The-Zero-Theorem-Das-Leben-passiert-jedem-3368684.html

https://www.heise.de/tp/features/Self-Less-Tea-Party-fuer-Transhumanisten-3374816.html

https://www.heise.de/tp/features/Goettliche-Biometrie-3367552.html

https://www.heise.de/tp/features/Hollywood-hilft-Hillary-Der-Obama-Film-My-First-Lady-3324067.html

https://www.heise.de/tp/features/Visionen-Tod-und-Kautschuk-3224651.html

https://www.heise.de/tp/features/Das-Koyaanisqatsi-der-Globalisierung-3375250.html

https://www.heise.de/tp/features/Elser-Kinofilm-revidiert-das-Bild-eines-Widerstandskaempfers-3371206.html

https://www.heise.de/tp/features/Der-Staat-gegen-Fritz-Bauer-3375751.html

https://www.heise.de/tp/features/Orgon-Ufos-und-Paranoia-3400350.html

https://www.heise.de/tp/features/Aesthetik-der-Konspiration-3394812.html

https://inversepanopticon.wordpress.com/2014/11/04/citizenfour-der-snowden-film-von-laura-poitras/

https://inversepanopticon.wordpress.com/2016/08/04/julieta-der-neue-almodovar-ist-ein-ruhiger-schoener-film/

https://inversepanopticon.wordpress.com/2017/02/22/filmkritik-nichts-zu-verschenken-radin/

http://www.filmverliebt.de/mr-may-und-das-fluestern-der-ewigkeit-ein-tragikomisches-filmjuwel-klagt-kaelte-und-effizienzdenken-an/

http://www.filmverliebt.de/5-zimmer-kueche-sarg-kritik-zu-vampir-mockumentary-komoedie/

http://www.filmverliebt.de/das-dunkle-gen-2014-kritik-depression-angst-und-existenz/

http://berlinergazette.de/wikileaks-film-fifth-estate/

http://berlinergazette.de/krieg-am-belo-monte-kraftwerk/

http://www.taz.de/1/archiv/?dig=2001/03/15/a0137 (Das Experiment)