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Was ist dran an Verschwörungstheorien, Fakenews und Propaganda?

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Spektakuläre Enthüllungen im Internet (Wikileaks, Snowden) haben unseren Einblick in Militär und Geheimdienste erweitert. Propaganda und Gegenpropaganda waren etwa im Medienkrieg um den Ukraine-Konflikt kaum noch zu unterscheiden (Abschuss von MH17, Putins Netztrolle, Rechter Sektor). In der Politik schaffen neue PR-Agenturen mit ihren Internet-Bots als „Friend Faker“ gegen Bezahlung den Anschein von Popularität.

Aktuell sind die Leaks von E-Mails aus der Parteizentrale von Hillary Clinton in aller Munde -sie sollen von russischen Hackern im Auftrag Putins erfolgt sein. Clintons Gegner Trump wurde deshalb als „Marionette Putins“ bezeichnet. Fakenews? Putin soll mit seinen Trollen in die US-Wahlen eingegriffen haben -so tobt ein Medienkrieg mit harten Bandagen. Die EU gründet eine Institution zur Gegenpropaganda, die Bundeswehr rüstet sich für den Cyberwar im Internet. Psychologische Kriegsführung trifft sich mit Cyberwarfare und NSA-Überwachung im Internet.

Parallel dazu machen sich meist unbemerkt neue Formen der Kriegsführung breit. Ob der Drohnenkrieg in Pakistan und Jemen, der Rückzug aus dem Irak oder der blutige „Regime Change“ in der Ukraine –überall finden sich neue Formen von militärischer Intervention. Neue Internetmedien wie The Intercept des Snowden-Enthüllers Glenn Greenwald und des US-Journalisten Jeremy Scahill (Doku: Schmutzige Kriege) liefern heute mehr Information darüber als traditionelle Medien. „Gezielte Tötungen“ aus der Ferne mittels Drohnen haben sich unter Obama vervielfacht; Söldnerfirmen wie Blackwater kommen immer öfter zum Einsatz, sind in Korruption verstrickt und operieren oft außerhalb von Recht, Völkerrecht und Menschenrechten.

Aktuelle Bildungsangebote der Volkshochschule Hamburg zu diesen Themen:

„Asymmetrische“ oder „schmutzige“ Kriege? Drohnenkrieg und Söldnerarmeen

Kurzreihe: Die neuen Kriege im 21. Jahrhundert, Teil 2

Ob der Drohnenkrieg in Pakistan und Jemen, der Rückzug aus dem Irak oder der „Regime Change“ in der Ukraine –überall finden sich neue Formen von Kriegsführung. Neue Internetmedien wie TheIntercept des Snowden-Enthüllers Greenwald liefern heute mehr Information darüber als traditionelle Medien. „Gezielte Tötungen“ aus der Ferne mittels Drohnen haben sich unter Obama vervielfacht; Söldnerfirmen wie Blackwater kommen immer öfter zum Einsatz, sind in Korruption verstrickt und operieren oft außerhalb von Recht, Völkerrecht und Menschenrechten. Das Seminarangebot soll Wissenslücken schließen, die in den Medien oft unerwähnt bleiben, und Raum für Diskussionen bieten.

Workshop f. 10 – 20 Teilnehmende
Buchen unter Kursnummer: 3251NNN06
25.Feb.2017, Sa. 12-15.15Uhr, 4 UStd., 12,-Euro  (ermäßigt 6,-)
Thomas Barth, Hamburg, Poppenhusenstr.12, VHS-Zentrum Nord

Medienkriege: Cyberwar und Propaganda

Kurzreihe: Die neuen Kriege im 21. Jahrhundert, Teil 1wlogo-sm

Spektakuläre Enthüllungen im Internet (Wikileaks, Snowden) haben unseren Einblick in Militär und Geheimdienste erweitert. Propaganda und Gegenpropaganda sind etwa im Medienkrieg um den Ukraine-Konflikt kaum noch zu unterscheiden (Abschuss von MH17, Putins Netztrolle, Rechter Sektor). Die EU gründet eine Institution zur Gegenpropaganda, die Bundeswehr rüstet sich für den Cyberwar im Internet. Psychologische Kriegsführung trifft sich mit Cyberwarfare und NSA-Überwachung im Internet. Das Seminarangebot soll Wissenslücken schließen, die in den Medien oft unerwähnt bleiben, und Raum für Diskussionen bieten.

Workshop f. 10 – 20 Teilnehmende
Wegen Teilnehmermangel abgesagt
18.Feb.2017, Sa. 12-15.15Uhr, 4 UStd., 12,-Euro  (ermäßigt 6,-)
Thomas Barth, Hamburg, Poppenhusenstr.12, VHS-Zentrum Nord

Was ist dran an Verschwörungstheorien?

Viele klassische und neue Verschwörungstheorien sind heute im Internet präsent: von Freimaurern und Illuminaten BtmBookbis zu den Bilderbergern und modernen Mythen. Wie können wir ihre Herkunft, Wirkung und Wahrheitsgehalt aus historischer, politischer und psychologischer Sicht bewerten? Das Seminar soll auch wissenschaftliche Ansätze behandeln und Raum für Diskussionen bieten.
10 – 20 Teilnehmende
Do. 19:30 – 21:45 08.09.16 – 29.09.2016 , 4 Termine, 12 UStd.
Thomas Barth VHS-Zentrum Nord
Poppenhusenstraße 12, Hamburg

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Technologie macht medial: Günther Anders, Apokalypseblindheit und Cyberpunk

Thomas Barth AndersVlg_logo

Herrschte im Ukraine-Konflikt Apokalypseblindheit? So nahe wie in den letzten Monaten waren wir einem Krieg der Nato gegen Russland schon lange nicht mehr. In den USA diskutieren Strategen den Atomkrieg. Der Normalmensch blieb erschreckend ruhig -warum? Der pessimistischen Technikdeutung von Günther Anders zufolge sind wir heute nur noch Anhängsel der Technik, Rädchen im Getriebe, das uns antreibt. Er nennt das: Wir sind „medial“; wir sind nur noch Mittel zu einem Zweck, der uns nichts anzugehen hat -und sei es auch der Entsetzlichste. Unser systemkonformer Drang, immer mehr am Konsumieren teilzunehmen, lässt uns planlos im Zirkel von produzieren und konsumieren rotieren. Für viele eine Tretmühle, Luxuskarussell für eine schrumpfende Minderheit. Wir könnten aber auch Sand im Getriebe der Maschine sein, die unsere Welt zu Geld zermahlen will.

Immanuel Kant

Kant verwies mit seiner Ethik des Kategorischen Imperativ noch auf das Recht auf menschliche Würde: Man sollte den anderen immer als Zweck, nie als bloßes Mittel sehen. Heute läuft diese Forderung scheinbar ins Leere. Es ist (angeblich) kein Gegenüber mehr vorhanden, bei dem wir unser Menschenrecht einfordern könnten.  Es gibt (angeblich) nur Sachzwänge, technische Entwicklungen, gesellschaftliche Trends, „die Globalisierung“ die wir unbedingt ganz schnell jetzt sofort ausnutzen müssen, damit wir keine Chance verpassen, unseren Reichtum zu steigern. Niemand hat dies alles geplant, niemand hat es zu verantworten (angeblich). So wird es uns verkauft -mit hohem Aufwand an PR- und Medientechnologie.

Die Technik, unsere technologische Lebensweise, möchten wir nicht missen. Wenn wir so leben wollen, haben wir uns einzufügen und anzupassen, ein Rädchen im Getriebe des „Makro-Geräts“ (G.Anders), der Megamaschine, des „Systems“ (N.Luhmann) zu werden, so wird von uns implizit verlangt. Explizit gelten die Menschenrechte, haben wir die Freiheit, nicht zu kooperieren, zu handeln, statt bloß mitzutun. Aber die Systeme der Technologie existieren nicht nur in der physischen Umwelt, die sie mit Bravour kontrollieren können, unsere Köper inbegriffen. Die Systeme der Technologie existieren auch in einer sozialen Umwelt, deren dominante Seite heute immer mehr die Ökonomie zu werden scheint. Sie gehören jemandem, der sie zu seinem Nutzen arbeiten lässt, und mit ihnen auch die Menschen, die ihre Anhängsel sind.

Ukraine-Konflikt, Apokalypseblindheit und Mit-Tun

Günther Anders Sorge galt bei der Entfaltung dieser Gedanken dem drohenden Untergang der Menschheit durch einen atomaren Schlagabtausch, der Apokalypse. Diese zu verdrängen nannte er „Apokalypse-Blindheit“ und sah in der Medialität der Zeitgenossen deren Wurzel. Diese militärische Apokalypse war mit Auflösung der Ost-West-Blockkonfrontation lange in den Hintergrund getreten, obgleich noch lange nicht abgewendet, wie spätestens der Ukraine-Konflikt 2014 zeigte. Und andere Apokalypsen sind hinzugekommen, Umweltzerstörung, Finanzkrisen, Cyberterror, neue Seuchen (evtl. als Auswuchs des militärischen Apparates) usw.

Außerdem gilt das, was auf die „Apokalypse-Blindheit“ abzielte auch für die Blindheit gegenüber der apokalyptischen Lebenssituation von Milliarden Menschen, denen das Lebensnotwendigste vorenthalten wird –obgleich die Güter und Lebensmittel bei gerechter Verteilung für alle reichen würden. Die Arbeit am eigenen Untergang mag besonders plastisches Beispiel für irrationales Handeln sein. Die Arbeit am Untergang anderer, traditionell Kernkompetenz der Militärs,  ist jedoch nicht vernünftiger.

 „Aber was von unserem Arbeiten gilt, das gilt nun — und diese Tatsache ist weniger trivial, aber nichtweniger wichtig — auch von unserem „Handeln“; oder sagen wir lieber: auch von unserem „Tun“, denn das Wort „Handeln“ und die Behauptung, wir seien „Handelnde“, hat in unseren Ohren (was als Hinweis ernst genommen werden muß) bereits den Klang einer Übertreibung angenommen, Abgesehen von einigen wenigen Sektoren läuft unser heutiges „Tun“, da es sich im Rahmen organisierter, uns nicht übersehbarer, aber für uns verbindlicher Betriebe abspielt, auf konformistisches Mit-Tun heraus. Der Versuch, abzuwägen, in welchem Verhältnis die Anteile von „aktiv“ und „passiv“ in diesem oder jenem „Mit-Tun“ dosiert sind, abzugrenzen, wo das Getan-Werden aufhört und das Selber-Tun anfängt, würde ebenso ergebnislos bleiben wie der, eine mit dem Maschinengange konform gehende Bedienungsarbeit in ihre aktiven und ihre nur reaktiven Komponenten zu zerlegen. Die Unterscheidung ist zweitrangig geworden, das heutige Dasein des Menschen ist zumeist weder nur „Treiben“ noch nur „Getrieben werden“; weder nur Agieren noch nur Agiert werden; vielmehr „aktiv-passiv-neutral“. Nennen wir diesen Stil unseres Daseins „medial“. Diese „Medialität“ herrscht überall. Nicht etwa nur in denjenigen Ländern, die Konformismus gewalttätig, sondern auch in denen, die ihn sanft erzwingen.“  Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 287

Die beobachtete Roboterhaftigkeit wird also nicht durch ein totalitäres Regime erzwungen, sie wird scheinbar freiwillig geübt. Der Handelnde ist in diesem technologischen Regime ein Dissident, ein Fremdkörper, der Normalfall ist der Mittäter. Bloßes Tun, besser gesagt Mittun, ersetzt das bewusste Handeln, was eine teilweise Ausschaltung des Bewusstseins voraussetzt. Wie diese Ausschaltung vor sich geht, bleibt etwas unbestimmt. Steckt Erziehung dahinter, der alte Drill der autoritären Regime? Oder ist es die Verführung, die Verlockung, den bequemeren Weg zu gehen? Beides taucht bei Anders auf, die Verlockung durch die Massenmedien verschmilzt mit der Disziplinierung, die sich mehr auf den Körper zurück zieht.

„Als Arbeitende sind die Zeitgenossen auf Mit-Tun als solches gedrillt. Und jene Gewissenhaftigkeit, die sie sich anstelle ihres Gewissens angeschafft haben (sich anzuschaffen, von der Epoche gezwungen wurden), kommt einem Gelöbnis gleich; dem Gelöbnis, das Ergebnis der Tätigkeit,   an der sie teil nehmen, nicht vor sich, zu sehen; wenn sie nicht umhin können, es vor sich zu sehen, es nicht aufzufassen; wenn sie nicht umhin können, es aufzufassen, es nicht aufzubewahren, es zu vergessen — kurz: dem Gelöbnis, nicht zu wissen, was sie tun. Damit ist die Furchtbarkeit des heutigen moralischen Dilemmas bezeichnet.“ Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 291

 Drill und Gelöbnis klingt an dieser Stelle etwas nach Disziplinarkultur, doch Anders führte im Kapitel „Die Welt als Phantom und Matrize“ bereits eindringlich aus, wie massenmediale Verführung funktioniert. Im Arbeitsprozess ist der Körper immer noch gefragt, soll Befehle befolgen, wie geschmiert funktionieren, sogar eigene Initiative zeigen –nur soll er nicht das Ziel hinterfragen, zu dessen Mittel er gemacht worden ist. Initiative zeigen darf er nur in vollkommener Verschmelzung mit dem technologischen Regime, dessen Funktionsprinzipien ihm als Gipfel der Rationalität gelten sollen, vor allem aber in völliger Unterwerfung unter die Belange der Eigentümer der Technologien. Ihre Existenz wird ausgeblendet wo immer möglich; wo nicht, werden ihre Belange den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten gleichgesetzt.

Panopticon1
Panoptikum

Der äußere Drill bleibt also, wenn auch in gelockerter Form, denn die stramme Erziehung wollte über den Körper ja vor allem auch den Geist disziplinieren. Die Disziplinargesellschaft, wie sie Foucault beschrieb, beruhte auf dem Panoptikum, das Machtstrukturen in einer neuen Geometrie der Blicke organisierte. Teilweise humaner als zuvor in Europa, aber auch totaler und totalitärer und mit durchschlagendem Erfolg in der Industrialisierung.

Heute in der postindustriellen Mediengesellschaft wird der innere Drill mehr und mehr überflüssig. Er ist ersetzt durch die Verlockung zum Mittun oder zum Zustimmen durch Desinteresse und Eskapismus. Dagegen Widerstand zu leisten, scheint sinnlos, denn es gibt scheinbar kein unterdrückendes Gegenüber, nur das „System“ des technologischen Regimes. Ein Regime, das angeblich objektiven ökonomischen Gesetzen folgt, die Entscheidungen der politischen Führungspersonen alternativlos machen. Die nicht mehr wirklich Handelnden Entscheidungsträger behaupten, sie könnten nur noch Mittun, wie alle anderen auch.

„Eigenverantwortung“ heißt dabei nur, noch mehr von seinen Ansprüchen auf menschliche Würde aufgeben zu sollen, die er an das Regime haben könnte; etwa wenn die solidarische Umlage-Rentensysteme durch individuell anzusparende kapitalbasierte Altersvorsorge ersetzt werden soll, die aber nur die Mittel dem System der Finanzmärkte preisgibt -und damit ihrer zerstörerischen Korruption. Auch „Eigeninitiative“ soll sich im Rahmen vorauseilenden Gehorsams abspielen.

Die Wurzeln der Apokalypse-Blindheit

 „Was besagt nun diese Schilderung des medialen Menschen für unser eigentliches Thema? Für die Frage nach den Wurzeln der Apokalypse-Blindheit? Inwiefern ist das „mediale Dasein“ eine dieser Wurzeln? In der Tat ist der Zusammenhang so eng, daß jeder Einzelzug der Medialität gleich gut als Ausgangspunkt verwendet werden kann. Von jedem führt der Weg mit gleicher Direktheit zur Apokalypse – Blindheit.

  1. Da der mediale Mensch „aktiv-passiv-neutral“ ist, bleibt er, trotz der ungeheuren Rolle, die Arbeiten für ihn spielt, ja gerade in actu des Arbeitens, indolent; er „überläßt sich“. Das heißt: er rechnet mit einem „Weitergehen“ á tout prix, mit einem Weitergehen, das er selbst nicht zu verantworten braucht.
  2. Da seine Tätigkeiten niemals in einem echten Telos, auf das er „aus gewesen“, ihren Abschluß finden, sondern immer nur durch Stoppungen, die seinem Tun selbst zufällig bleiben, hat er kein echtes Verhältnis zur Zukunft. Während der wirklich Handelnde und Planende durch sein Handeln einen Zeitraum entwirft, also Zukunft konstituiert, tritt das Tun des „medialen Menschen“ auf der Stelle. (…)“

Günther Anders, Antiquiertheit Bd.1, Kap. Wir sind „medial“ S. 293

Verschwörungstheorie und Cyberpunk

Die Zukunft tritt dem medialen Normalbürger nur als das, was geschieht, gegenüber, als das, wobei er mittun soll und auch will. Aus der Zukunft kommen neue Technologien und Moden auf ihn zu, die er haben will und nicht planen. Seine Existenz rotiert planlos im Zirkel von produzieren und konsumieren, als Tretmühle oder Luxuskarussell, je nach dem, wo er mehr gefragt ist. Seine Planung bezieht sich überwiegend auf den systemkonformen Drang, möglichst immer mehr am Konsumieren teilzunehmen. Das Regime der technologischen Systeme reklamiert Herrschaft ohne Herrschende zu verwirklichen, eine Herrschaft der (angeblichen) Vernunft, die von Experten reklamiert wird, die sich zu Technokraten aufschwingen. Doch sie sind nur etwas größere Rädchen in einem Getriebe, dessen Eigentümer gerne im Dunkeln bleiben und jeden Versuch, nach ihnen auch nur zu fragen als Verschwörungstheorie und Paranoia abtun lassen.

Widerstand gegen das Regime wird als unvernünftig abgetan, denn das technologische System gilt als Inbegriff der so verstandenen Rationalität. Auflehnung dagegen wird als Rückständigkeit gebrandmarkt und mit Ausgrenzung bestraft. Anpassung bedeutet dagegen freien Zugang zu allen Ressourcen, und damit Wohlstand und Freiheit. „Widerstand ist zwecklos, sie werden assimiliert“, droht das Kollektiv der Borgs. Doch ein globales Dorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten in der wuchernden Tele-Megalopolis.

Die Kultur der Cyberpunks steht auf Widerstand, sie widersetzt sich sowohl der Anpassung als auch der Ausgrenzung. Die Anpassung zu verweigern ist nicht schwer, man braucht nur der Verlockung nicht länger zu erliegen –das ist der Vorteil gegenüber totalitären Regimen. Aber alle Gewalt, die der Totalitarismus auf Formung seiner Untertanen verwendet, stehen hier zur Ausgrenzung zur Verfügung, zur Abschneidung vom Zugang zu Ressourcen. Die Erlangung von Zugang wird also zum Hauptproblem, vor allem Zugang zu Information. Dabei gilt es, den umgekehrten Zugang der Instanzen des Regimes zu den privaten Informationen des Individuums zu blockieren. Insbesondere beim widerständigen Subjekt. Der angepasst mittuende mediale Mensch wird dagegen weniger Privatsphäre benötigen und stellt heute seine Daten unbekümmert in sogenannte „soziale Netzwerke“ des Web2.0. Er begreift nicht, dass ihm unüberschaubare staatliche und immer mehr privatwirtschaftliche ökonomische Konglomerate gegenüberstehen. Sie Szene der Cyberpunks, entsprungen aus einem Subgenre der SF, entwickelte sich seit den 80er Jahren und definierte sich über die Kombination von High Tech und Low Life (den Punk des urbanen Underground). In der HAckersubkultur der 80er und 90er fanden sich ihre Fans zusammen. Die Szene (falls man davon überhaupt sprechen kann) wird von Soziologen so beschrieben:

„Ein Cyberpunk steht den neuen Kommunikations- und Informationstechnologien sehr positiv gegenüber, gleichzeitig hat er aber ein kritisch-politisches Bewusstsein in Bezug auf deren gesellschaftliche Verwendung entwickelt. Er sieht sich riesigen Korporationen gegenüber, die immer mehr an Stelle von Nationalstaaten treten.“ Winter, Rainer: Medien und Fans –Zur Konstellation von Fan-Kulturen, in: Kursbuch Jugendkultur. Stile, Szenen, Identitäten vor der Jahrtausendwende, Mannheim 1997, S. 40-53, S.48.

Die von Cyberpunks, die hier mit Hackern im besten Sinne gleichgesetzt werden, entfaltete Kultur erobert die Netzmedien von den Konzernen zurück, wie sie zuerst von Militärs und staatlichen Telekommunikationsbehörden erobert werden mussten. Ihre Verknüpfung von Datenschutz für die Privatsphäre mit der Forderung nach Informationsfreiheit, freiem Zugang zu den Datenbanken (Lyotard) und Transparenz der Mächtigen lässt sich im Utopiemodell des Inversen Panoptikums beschreiben. Panoptismus (Foucault) beschreibt die Disziplinierung unserer westlichen Gesellschaften durch das Prinzip: Wenige unsichtbare Mächtige sehen viele Machtunterworfene und kontrollieren sie so. Invertiert ergibt sich die Forderung nach Umkehrung dieser Blickrichtung und der zumindest teilweisen Unsichtbarkeit für die Vielen.

Diese Forderung könnte ein Gegengewicht schaffen gegen die sonst ausufernde Macht des kontrollierenden Zentrums der Macht, dem aus den Informationstechnologien sonst immer größere und nicht mehr demokratisch kontrollierbare Macht zuwachsen würde.#

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Das SF-Genre des Cyberpunk begann mit William Gibsons Neuromancer-Trilogie,

die in abgewandelter Form in den Kinofilmen der Matrix-Trilogie Filmgeschichte schrieb.

Neuromancer ist der erste Teil einer gleichnamigen Romantrilogie, die auch unter dem Namen Sprawl Series bekannt ist. Verfasst wurde er von dem Autor William Gibson und erschien 1984 in Amerika und 1987 in Deutschland. Der Roman gilt als die geistige Grundlage des Cyberpunk.

William Gibsons Debütwerk erhielt diverse namhafte Auszeichnungen der Science-Fiction-Literatur:

Die Trilogie besteht neben Neuromancer aus den Romanen Biochips (englischer Titel Count Zero) und Mona Lisa Overdrive. In diesen Romanen tauchen einige Personen aus Neuromancer wieder auf.

Heute geistern Cyberspace und Cyberpunks durch diverse neue Subgenres der SF; ein Beispiel:

Buchbesprechung: Cyperpunk für Biologen (Biofiction)

Peter Watts: Mahlstrom, W.Heyne: München 2009, 511 S., 9,95- Euro.

Zeit: Irgendwann im nächsten Jahrhundert. Ort: Pazifik, Nordamerika. Autor: Kanadier aus Toronto, arbeitete angeblich lange als „Unterwasserbiologe“. Ärgerlich: Der Klappentext plaudert ein Geheimnis aus, das der Leser eigentlich auf den ersten 130 Seiten langsam lüften sollte: „Eines Tages wird in den Tiefen der Meere eine prähistorische Lebensform entdeckt, die eine tödliche Bedrohung für das Leben auf der Erde bedeutet. Kurzerhand wird ein Nuklearschlag durchgeführt, der das Virus für immer vernichten soll –ohne die im Tiefseelabor tätigen Wissenschaftler vorzuwarnen. Doch eine der Forscherinnen überlebt die Explosion. Sie trägt das Virus in sich. Und sie will Rache…“ Leser des ersten Bandes der Trilogie hätten das ohnehin gewusst, aber dass wir hier einen Folgeband vor uns haben verschweigt der Verlag ebenfalls. Der Anfang kommt deshalb etwas langweilig rüber, doch erfreulicherweise wartet Peter Watts mit genug neuen Wendungen auf, um dem Roman immer wieder neuen Drive zu geben –die Handlungsstränge spießen aus dem Text wie Tentakel aus einer Seeanemone. Und zum Glück hat der Klappentextschreiber einiges wohl nicht richtig verstanden, z.B. handelt es sich gar nicht um ein Virus…

Freunde der schaurigen Anti-Utopie kommen auf jeden Fall auf ihre Kosten, insbesondere Hypochonder, denn Seuchen aller Art plagen den künftigen Planeten; die Nationalstaaten sind hingegen belanglos geworden, Quarantänegrenzen durchziehen stattdessen Land und Megacities, Umweltflüchtlinge sperrt man in Massen-KZs an der Küste. Die Quebecer wird’s freuen: Nach Wasser- und Energiekriegen hat Französisch das Englische als dominante Weltsprache abgelöst, doch Computer-Simultanübersetzung erübrigt Sprachkenntnisse ohnehin.

Cyberpunk-like rüsten sich die Menschen mit Bioimplantaten auf, besonders die Rifters, Tiefsee-Cyborgs wie die rachsüchtige Lenie Clark. Der Erzähler schlüpft wechselweise in die Haut eines Rifters, einer KZ-Wächterin –künftig ein Heimarbeitsplatz zur Steuerung von „Mechfliegen“–, eines Partygirls, die dem totalitären Regime frech die Stirn bietet, sich am Ende aber doch ins Höschen macht, eines Killers, sogar in eine evolvierende KI-Einheit (Neuromancer als kybernetischer Entwicklungsroman).

Weitere Hauptfigur ist ein mächtiger, aber hirntechnisch manipulierter Bürokrat mit der Befugnis Quarantänegrenzen zu ziehen und Dekontamination einzuleiten, bis hin zu Massenverbrennungen mit Mann und Maus. Als sensibler Zyniker blickt er mit Spott auf Spießer, Ökos und Cyberpunks herab: „Als Achilles Desjardinds die Bühne betreten hatte, war Cyberspace ein von Wehmut erfülltes Fantasiewort gewesen, ähnlich wie Hobbit oder Biodiversität.“

Der Cyberspace heißt nun „Mahlstrom“ und ist bevölkert von digitalen Lebensformen, weshalb privilegierten Firmen nur in einer mühsam mit Firewalls verteidigten „Zuflucht“ zuverlässige Datenverarbeitung möglich ist. Nicht mal in seinen Cybersexfantasien ist Desjardins sicher vor Eindringlingen, die seine SM-Neigung mit Cyberkastration bestrafen wollen. Dank der ihm eingepflanzten Handlungsblockade, genannt „das Schuldgefühl“, ist Achilles zudem unfähig „unmoralisch“ zu handeln, und das heißt dort: gegen die Interessen seiner Arbeitgeber. Private Multis, Industriemafia und Konsorten beherrschen die Welt, wie einst bei weiland Gibsons Neuromancer. Als neuen Raum erobert Peter Watts die Tiefsee für den Leser, der Verlag versichert, sein Autor hätte lange als Tiefsee-Biologe gearbeitet –und tatsächlich glänzt er mit entsprechendem Fachwissen. Der fulminante Roman vermittelt nebenher Einblicke in die perverse Gedankenwelt einer biologistischen Philosophie, speziell des Freiheit-oder-Determinismus-Problems.   T.Barth

Rifters

andere Rezensionen:

Das Sequel im Mahlstrom

Wie die Papst-Anhänger den von Luther genutzten Buchdruck fürchteten, dämonisiert Watts im Jahr 2001 das Netz. Leicht antiquiert kommt seine Cyberpunk-Öko-Biotech-Dystopie „Maelstrom“ (dt. Ausgabe „Mahlstrom“) daher, als Sequel des grandiosen „Starfish“ (dt. Ausgabe „Abgrund“).  Von Franz Birkenhauer – sf magazin 06.10.2008

„Nahe Zukunft oder nahes Weltende?“

Phantastik-Couch: Science-Fiction-Rezension von Michael Drewniok